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        <title type="volume" n="vol-56">Predigten 1912</title>
        <title type="content">Predigt: Philipper 4,4-5 (Weihnacht)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Philipper 4,4-5 (Weihnacht), 25. Dezember 1912</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/56055 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1912, hrsg. v. Busch, Eberhard / Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2022, S. .</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1912</title>
          <title type="text">Predigt: Philipper 4,4-5 (Weihnacht)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2022</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">55</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Phil 4,4-5 (Weihnacht), 25. Dezember 1912. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1589">KBA 1125</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1912-12-25">25. Dezember 1912</date>
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          <term>sermon</term>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Mittwoch, den <date when="1912-12-25">25. Dezember 1912</date>
                    </dateline>
                    <head type="event">Weihnacht</head>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.4.4 Phil.4.5">Philipper 4,4–5</ref>
                                <quote>
                                Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermal sage ich: Freuet euch! Eure Lindigkeit lasset kund sein allen Menschen.
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                    <salute>Liebe Gemeinde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                    <p>Da seid ihr nun Alle zusammengekommen und möchtet von mir ein gutes Wort hören über die <term ref="kbga-terms-1413">Weihnachtsbotschaft</term> und über die rechte <term ref="kbga-terms-2008">Weihnachtsfeier</term>. Werde ich dieses gute Wort haben für ein Jedes, so, wie es es braucht? Wie gerne möchte ich, dass kein Einziges nachher gleichgiltig und leer und enttäuscht weggehen müsste! Wenn doch der Engel des Herrn hier an meiner Stelle stehen und es uns sagen würde, deutlich und mächtig:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                        <l>Vom Himmel hoch da komm ich her</l> 
                        <l>Ich bring euch eine gute Mär,</l> 
                        <l>Der guten Mär bring ich so viel,</l>
                        <l>davon ich singen und sagen will!<note xml:id="n01">
                                    <p> Anfang des Chorals <bibl type="song" corresp="kbga-songs-32">«Vom Himmel hoch, da komm ich her» von <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName> (GERS 394; EG 24)</bibl>.</p>
                                </note> – </l>
                        </lg>
                    </q>
                    <p>so dass wir Alle es glauben und in uns aufnehmen <hi rend="italic">müssten</hi>, was die <term ref="kbga-terms-1410">Weihnacht</term> uns zu bringen hat! Ich kann euch den Engel des Herrn nicht ersetzen, der zu den Hirten gekommen ist. Menschenwort ist immer unvollständig; es kann nie Alles erfassen und darlegen, was Gottes ewiges Evangelium [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.14.6">Apk. 14,6</ref>] enthält. Es ist fehlerhaft; die Gefahr ist immer da, dass wir verderben und verkleinern, was er uns zu sagen hat. Es ist schwach, es erreicht wohl diesen und jenen, aber an Vielen gleitet es ab, so dass es ist, wie wenn sie nichts gehört hätten. Aber bei Gott ist kein Ding unmöglich [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.1.37">Lk. 1,37</ref>]; er kann auch in unvollständige, fehlerhafte, schwache Menschenworte seinen <term ref="kbga-terms-1760">Reichtum</term>, seine <term ref="kbga-terms-62">Wahrheit</term>, seine <term ref="kbga-terms-1114">Kraft</term> hineinlegen, wenn es <term ref="kbga-terms-76">sein Wille</term> ist.</p>
                    <p><pb xml:id="p587" ed="pga" rend="noPipe"/> Ich möchte das, was ich von der Weihnacht sagen kann, ausdrücken in des Apostels Wort: Freuet euch! Das hat ja auch der Engel zu Hirten gesagt: Siehe, ich verkündige euch große Freude! [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.2.10">Luk. 2,10</ref>] Wir fragen uns: was wollte Gott, als er die <term ref="kbga-terms-1413">Weihnachtsbotschaft</term> an die Menschen ergehen ließ? Und wir müssen antworten: er wollte uns Freude machen, er wollte uns <term ref="kbga-terms-1458">Freude</term> in die Herzen senken. Die <term ref="kbga-terms-402">Menschheit</term> vor Jesus war im tiefsten Grunde <hi rend="italic">unfreudig</hi>, <term ref="kbga-terms-783">Juden</term> und <term ref="kbga-terms-109">Heiden</term> in gleicher Weise. Die Heiden seufzten unter ihrer <hi rend="italic">Verworrenheit</hi>; denn sie wussten nicht: was sollen wir denken vom <term ref="kbga-terms-56">Leben</term>? und: was sollen wir tun im Leben? Sie tasteten und tappten nach Antworten, aber wenn auch einzelne Wenige das Licht von Weitem sahen, so geriet doch die große Menge nur in immer neue <term ref="kbga-terms-563">Irrtümer</term> und <term ref="kbga-terms-64">Sünden</term> hinein. Die Freude kam nicht auf, oder sie nahm immer wieder ein rasches Ende. Und die Juden seufzten unter ihrer <hi rend="italic">Ohnmacht</hi>; denn sie wussten wohl, was des Lebens Sinn und der Menschen Aufgabe sei im Leben; sie kannten ja einen <term ref="kbga-terms-1711">lebendigen Gott</term>, aber sie kannten ihn nur von seiner schrecklichen Seite, als den strengen <term ref="kbga-terms-1037">Gebieter</term> und <term ref="kbga-terms-1314">Richter</term>, dem es ein schwacher Mensch doch nicht recht machen kann, weil er zu viel verlangt von uns. Und so gab es auch bei den Juden vor Furcht und Zittern keine rechte Freude, keine Lebensfreude und keine Gottesfreude. Auch heute noch ist eine tiefe Unfreudigkeit im Wesen aller Menschen, die Jesus nicht kennen. Ich denke da durchaus nicht nur an die sogenannten Heiden, obwohl das von ihnen Allen natürlich auch gilt, sondern ebenso gut an alle die <term ref="kbga-terms-1959">sogenannten Christen</term>, die ihn zwar irgendwie kennen, aber die von seinem Geist und von seiner Art tatsächlich nicht oder doch nur unvollkommen berührt und ergriffen worden sind. Da werden wir also Alle auch dazu gehören, denn niemand von uns könnte sich da vollkommen nennen. Wo Jesus noch nicht herrscht, müssen wir sagen, in der <term ref="kbga-terms-378">Welt</term> und in den <term ref="kbga-terms-1466">Herzen</term>, da ist Unfreudigkeit. |</p>
                    <p>Es gibt so viel Verdrossenheit und <term ref="kbga-terms-846">Angst</term> unter uns. Man sieht so wenig fröhliche Gesichter und so viel vergrämte, verbitterte, verscheuchte, misstrauische. Oder wenn man ein <term ref="kbga-terms-1509">Zeitungsblatt</term> in die Hand nimmt: wie wenig leuchtende, siegreiche Freude und wie viel Furcht und Kritisieren und Schimpfen. Oder man sieht in seine eigene <term ref="kbga-terms-356">Seele</term> hinein: was für dicke Wolken von Unzufriedenheit, von <term ref="kbga-terms-1471">Gleichgiltigkeit</term> und <term ref="kbga-terms-1637">Hass</term> ziehen da hin und her! das ist die Unfreu<pb xml:id="p588" ed="pga" break="no"/>digkeit der Welt ohne Jesus. Vielleicht sind ihre Ursachen noch heute dieselben wie bei den <term ref="kbga-terms-109">Heiden</term> und <term ref="kbga-terms-783">Juden</term> des Altertums. Bei den Einen ist es mehr das Gefühl der Verworrenheit, das sie unfreudig macht. Sie wissen nicht recht, wozu sie da sind im Grunde, ihr Leben ist ein dumpfes, mechanisches, fast tierisches Wesen, selten unterbrochen von einem sogenannten <term ref="kbga-terms-1511">Vergnügen</term>, dem dann sofort wieder der alte Jammer folgt. Solche dumpfe, ziel- und planlose Menschen können nicht freudig sein. Wem das Leben wirklich zu einer bloßen Mechanik ohne Seele geworden ist, der <hi rend="italic">muss</hi> traurig, ja verzweifelt werden. Und die Andern gleichen den alten Juden: sie sind traurig im Gefühl ihrer Ohnmacht. Sie wissen wohl, was <term ref="kbga-terms-1250">des Menschen Bestimmung</term> eigentlich wäre auf der Erde, aber der Gedanke daran ist ihnen eher unangenehm; sie sind klug geworden, wie sie meinen, und haben sich darauf eingerichtet, dass es doch nicht gehe. Sie haben auch gewisse Ziele oder <term ref="kbga-terms-1361">Ideale</term>, wie man heutzutage sagt, aber sie haben sich beruhigt dabei: Ideale erreicht man doch nicht! Menschen, die so verzichtet haben, im Gefühl ihrer Ohnmacht und der menschlichen Ohnmacht überhaupt, solche Menschen haben immer eine große Wehmut auf dem Grund ihrer Seele. Sie mögen nach außen heiter und lustig erscheinen, ihre Heiterkeit ist doch nur der Deckmantel einer tiefen innerlichen Verbitterung. Es gibt viel unfreudige Menschen auch von dieser Art. Aber ob so oder so oder noch anders – diese Unfreudigkeit, diese Lebensunfreudigkeit ist da, und wir tragen Alle etwas davon in uns herum.</p>
                    <p>Und nun wollte Gott uns <term ref="kbga-terms-1458">Freude</term> machen. Gottes eigenes Wesen ist ja Freude. <persName ref="kbga-actors-764">Schiller</persName> hatte Recht, als er dichtete:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                        <l>Freude heißt die starke Feder</l> 
                        <l>In der ewigen Natur</l> 
                        <l>Freude, Freude treibt die Räder</l> 
                        <l>In der großen Weltenuhr!<note xml:id="n02">
                                    <p> Aus Strophe 4 des Gedichts <bibl corresp="kbga-bibls-1505">«An die Freude» von <persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName> (Erstdruck: 1786; Sämtliche Werke, Bd. 1, München 1962<hi rend="sup">3</hi>, S. 133–136, dort S. 134)</bibl>.</p>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                    <p>
                        <term ref="kbga-terms-846">Angst</term> und Groll passt nicht zu Gott. Und darum will Gott auch freudige Menschen. Nach seinem Bild sind wir ja geschaffen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1.27">Gen. 1,27</ref>]. Und darum sendet er uns die <term ref="kbga-terms-1413">Weihnachtsbotschaft</term>: <hi rend="italic">Freuet Euch!</hi> Er sendet sie uns in Jesus, dessen Geburt wir an <term ref="kbga-terms-1410">Weihnacht</term> <pb xml:id="p589" ed="pga"/> feiern. Jesus hat selber das Leben freudig aufgefasst, weil er es als einen Dienst Gottes in der <term ref="kbga-terms-1114">Kraft Gottes</term> auffasste. Und er hat unzähligen Andern die Lebensfreudigkeit, die verlorene, wieder eingeflößt und sie dadurch zu rechten <term ref="kbga-terms-1055">Kindern Gottes</term> gemacht. Er hat das dumpfe, unklare Wesen, in dem wir uns befinden, zerstört und hat uns helle, leuchtende, höchste Ziele gezeigt. Und er hat den Wahn gebrochen, als sei <term ref="kbga-terms-829">das Gute</term> etwas, das man nicht erreichen könne, und hat uns in Bewegung gesetzt, Gutes zu tun und nicht müde zu werden. Licht hat er uns gebracht und Macht dazu, dem Lichte zuzustreben. Und damit hat er uns Freude gebracht. Und das Weihnachtsevangelium von Jesus lautet mit Grund: <hi rend="italic">Freuet Euch!</hi>
                    </p>
                    <p>Darüber wollen wir nun nachdenken. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> schreibt gar dringlich davon: Freuet euch <hi rend="italic">und abermals</hi> sage ich: freuet euch! Er sieht die <term ref="kbga-terms-1458">Freude</term> als etwas Notwendiges an, nicht nur als etwas, was man haben kann oder auch nicht. Er meint nicht: Freude ist eine gute Sache, aber wenn ihr lieber finster und grämlich sein wollt, so könnt ihr es. Nein: Freude ist unerlässlich für den, der Jesus kennt. – Und nun wollen wir überlegen, wie das ist mit dieser Freude.</p>
                    <p>Zuerst heißt es Achtung geben, dass uns keine <hi rend="italic">Verwechslung</hi> passiert. Es wird allerlei <term ref="kbga-terms-1458">Freude</term> genannt und ist doch keine Freude. Was selten ist und wertvoll, das wird viel nachgemacht, bekanntlich. Nun <hi rend="italic">ist</hi> die echte, tiefe Freudigkeit etwas Seltenes, und wer verlangte nicht danach? Darum wird sie nachgemacht. Es gibt heutzutage Weihnachtsbäume, die haben nie im Wald gestanden, sondern sie wurden in der Fabrik gemacht aus Karton; und wenn die Weihnacht vorüber ist, legt man sie zusammen in eine Schachtel bis zum nächsten Jahr. Abscheulich, nichtwahr!? Ja, aber solche Kartonweihnachtsbäume stehen in manchem Menschenleben. Wir haben <term ref="kbga-terms-949">Sehnsucht</term> nach Freude, und nun greifen wir nach irgend etwas, was so aussieht wie Freude. Es scheint uns auch eine gewisse Erhebung zu bereiten und eine gewisse Beruhigung zu geben, und weil es so scheint, nennen wir es Freude. Aber in Wirklichkeit ist [es] etwas Armseliges, entweder weil es uns gar nicht wirklich erhebt und wirklich beruhigt oder aber sofort verpufft und vorüber ist, wie ein Feuerwerk. Und vielleicht ist uns die sogenannte Freude so gefährlich wie dem Kinde eine geladene Pistole, die es zum Spielen erwischt hat. Wenn uns <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> sagt: Freuet Euch! so wollen wir uns wohl hüten vor den <hi rend="italic">sogenannten</hi> Freuden, die ent<pb xml:id="p590" ed="pga" break="no"/>weder dem Kartonweihnachtbaum gleichen oder dem Feuerwerk oder der geladenen Pistole in Kinderhand. Ich will nicht weiter darauf eingehen. Mag sich jeder selber überlegen, was in seinem Leben zu dieser Art Freude gehört. Ich möchte nur die Warnungstafel aufstellen, gerade auch für diese Weihnachts- und Neujahrstage, wo man’s mit Geld und Zeit nicht so genau nimmt: Freut euch! Aber: vor Nachahmungen wird gewarnt! – |</p>
                    <p>
                        <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> sagt: <hi rend="italic">Freuet euch in dem Herrn!</hi> Da haben wir den Wegweiser zur echten <term ref="kbga-terms-1458">Freude</term>. Selbstverständlich heißt das nicht etwa: Ihr dürft euch nur in der Kirche freuen oder nur am Bibellesen, Beten und Singen. Das wäre ganz kleinlich und äußerlich und falsch verstanden. Freuet euch in dem Herrn! das heißt: lasset euch <hi rend="italic">die</hi> Freude schenken, die Jesus zu schenken hat. Freuet euch in seinem <term ref="kbga-terms-179">Geist</term>! Freuet euch in seiner <term ref="kbga-terms-1114">Kraft</term>! Die Freude, die sein Leben innerlich und äußerlich erfüllte und beherrschte, soll auf euch übergehen! Freuet euch in dem Herrn: Menschen, ihr habt <hi rend="italic">Ziele und Aufgaben</hi>, freuet euch darüber, dass sie so hoch sind wie die Sterne am Himmel: ihr habt eine unsterbliche <term ref="kbga-terms-356">Seele</term>, und die soll geformt und gestaltet werden, wie Gott aus dem Chaos die Welt gestaltet hat. Lernend, wachsend, auch vertiefend sollt ihr <term ref="kbga-terms-1536">Charaktere</term>, sollt ihr <term ref="kbga-terms-1443">Persönlichkeiten</term> werden, etwas Ganzes, Abgerundetes, Edles. Ihr habt <term ref="kbga-terms-800">Mitmenschen</term>, unsterbliche Seelen wie ihr selbst, und ihr habt den hohen <term ref="kbga-terms-1221">Beruf</term>, einander zu geleiten, eure Kraft für einander einzusetzen, ja, euch selbst ganz und gar hinzugeben, auf dass Alle werden können, was ihr werden möchtet. Und in alledem seid ihr <term ref="kbga-terms-1055">Kinder Gottes</term>, und euer Höchstes soll es sein, <term ref="kbga-terms-28">seine Ehre</term>, nämlich die Wahrheit, die Reinheit, die Liebe ein klein wenig zu fördern in der Welt. Ist das nicht der Freude wert, wenn man solche hohen Ziele hat? |</p>
                    <p>Freuet euch in dem Herrn! Menschen, seid <hi rend="italic">zuversichtlich</hi>. Es wird freilich nicht immer so einfach sein, euch selber in <term ref="kbga-terms-463">Zucht</term> zu halten und zu bilden, den Andern zu dienen und Gottes Ehre zu fördern. Da gibt’s Müdigkeit, da kommen Hindernisse, da kommt Feindschaft. Aber geht darum nicht zurück! Jenseits von Allem Widrigen winkt doch der Sieg. Es kann einfach nicht anders sein, als dass <term ref="kbga-terms-829">das Gute</term> es gewinnt: in meinem <term ref="kbga-terms-56">Leben</term>, im Leben <term ref="kbga-terms-800">der Andern</term>, im Leben der <term ref="kbga-terms-378">Welt</term>. Ja, nicht wahr, das Widrige darf uns nicht nur nicht irre machen, sondern es muss dazu helfen, den Sieg herbeizuführen. Jesus hat ja <pb xml:id="p591" ed="pga"/> auch gesiegt, nicht trotz des <term ref="kbga-terms-129">Kreuzes</term> von <placeName ref="kbga-places-405">Golgatha</placeName>, sondern durch dieses Kreuz. Seht, das ist die Freude in dem Herrn, wenn man so zuversichtlich und unerschütterlich glauben darf an seine Ziele und Aufgaben. |</p>
                    <p>Aber noch viel mehr gehört dazu. Freuet euch in dem Herrn! das heißt: Menschen, seid <hi rend="italic">tapfer!</hi> Aus der Zuversicht, es müsse gut kommen, muss die Tat hervorgehen, die es gut <hi rend="italic">macht</hi>. Der Reformator <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> hat über diesen Punkt immer besonders wahr und tief gesprochen: Wenn wir erkannt haben, dass <term ref="kbga-terms-111">Gott uns lieb hat</term> trotz Allem und Allem, dann wirkt diese Erkenntnis auf unser Leben, dann geschieht etwas. Wer einmal ausgerüstet ist mit dem rechten festen <term ref="kbga-terms-1791">Glauben</term>, der kann dann gar nicht anders, als die Welt tatsächlich zu überwinden.<note xml:id="n03">
                            <p> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1504">
                                    <persName ref="kbga-actors-77">J. Calvin</persName>, <hi rend="italic">Commentarius in Iohannis Apostoli Epistola</hi> (CR 83 [= Calvini Opera 55], Sp. 293–376), Sp. 363 (zu 1.Joh. 5,4)</bibl>: «<foreign xml:lang="lat">Vicisse enim dicit, ut perinde certi simus, ac si iam profligatus esset hostie. Verum quidem est tota vita durare nostram militiam, quotidianos esse conflictus: imo singulis momentis nova et diversa proelia hinc inde ab hosta nobis moveri: sed quia non armat nos Deus tantum in unum diem, et fides, etiam unius diei non est, sed perpetuum spiritus sancti opus: non aliter iam victoriae sumus compotes, quam si esset debellatum. Neque tamen fiducia haec torporem inducit, quin sollicite semper ad pugnam simus intenti.</foreign>» / «Wenn uns Glaube der Sieg ist, der die Welt überwunden hat, so dürfen wir gewiss sein, dass der Feind bereits in die Flucht geschlagen ward. Gewiss währt unser Kriegsdienst das ganze Leben, täglich gibt es Kämpfe, ja in jedem Augenblick verwickelt uns der Feind bald hier, bald da in neue Gefechte. Aber Gott bewaffnet uns nicht bloß für einen Tag, auch der Glaube ist nicht das Ding eines einzigen Tages, sondern das beständige Werk des heiligen Geistes. Deshalb sind wir des Sieges so teilhaftig, als ob der Krieg zu Ende wäre. Aber dieses Vertrauen macht uns nicht schlaff, vielmehr sind wir immer zum Kampf bereit» (Übersetzung nach: <bibl corresp="kbga-bibls-1506">
                                    <hi rend="italic">Johannes Calvins Auslegung der Heiligen Schrift in deutscher Übersetzung</hi>, Bd. 14: <hi rend="italic">Ebräerbrief und katholische Briefe</hi>, übers. von J. Winkelmann, Neukirchen-Vluyn 1914, S. 391</bibl>).</p>
                        </note> Das mag freilich bei uns oft genug nicht zutreffen, obwohl wir scheinbar fest genug glauben, es müsse gut kommen. Aber wir brauchen bloß auf Jesus zu sehen, um zu erkennen, dass Calvin recht hatte: Was aus Gott geboren ist, das überwindet die Welt [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Joh.5.4">1.Joh. 5,4</ref>]. An uns fehlt es, an der Tiefe und Kraft unsres Glaubens, wenn wir tatsächlich nicht immer tapfer durchdringen durch die Hindernisse, die unsre eigene und fremde <term ref="kbga-terms-64">Sünde</term> uns bereiten. Und die Aufforde<pb xml:id="p592" ed="pga" break="no"/>rung und <term ref="kbga-terms-72">Verheißung</term> bleibt uns trotz unsrer Schwachheit: Kämpfe den guten Kampf des Glaubens und ergreife das ewige Leben, zu dem du berufen bist! [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Tim.6.12">1.Tim. 6,12</ref>] Das ist die Freude am Herrn, dass wir so kämpfen dürfen. – |</p>
                    <p>Und jetzt habe ich erst von einem Gebiet geredet, auf dem sich die <term ref="kbga-terms-1458">Freude</term> im Herrn, im <term ref="kbga-terms-179">Geist</term> und in der <term ref="kbga-terms-999">Kraft Jesu</term> zeigen und bewähren soll. Vom eignen innern Leben haben wir geredet. Jesus macht uns Freude daran, indem er uns Richtung und Zuversicht und Tapferkeit gibt. Es gibt ein anderes großes Gebiet des Lebens, wo diese Freude ebenso hell und siegreich hineinleuchtet: unser Verhältnis zu den <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-800">Mitmenschen</term></hi>. Freuet euch in dem Herrn! das heißt hier: habt <hi rend="italic">Zutrauen</hi> zu einander. Lasset den furchtbaren Gedanken fahren, als müsse man von jedem Andern bis auf Weiteres das Schlimmste erwarten! Lasset das <term ref="kbga-terms-2019">boshafte Vergnügen</term> fahren, das euch erfüllt, wenn ihr wieder auf einen zeigen könnt: jetzt hat der auch seine Fehler begangen! Lasset das Nörgeln und Kritteln fahren, das ihr aneinander übt, sondern denkt jetzt einmal das Beste voneinander! Nehmt die Andern so, wie ihr möchtet, dass man euch selbst nehme, nämlich nicht von ihrer schlechten, sondern von ihrer guten Seite aus, jeder Mensch hat ja eine solche. Da ist uns Jesus wieder wundervoll vorangegangen in dieser freudigen Erwartung: Dieser mein Mitmensch, heiße er, wie er wolle, er <hi rend="italic">kann</hi> so schlimm nicht sein; wie jeder Bach seine Quelle haben muss, so muss jeder Mensch einen Punkt haben, wo er auch mit Gott verbunden ist, und wäre er im Übrigen noch so übel. An diesen Verbindungspunkt eines Jeden denken, das heißt, Zutrauen haben zu den Menschen, und ist das nicht eine rechte Freude, wenn man solches Zutrauen haben darf? Mit dem Zutrauen, das <term ref="kbga-terms-829">das Gute</term> bei Jedem sieht, bekommen wir aber sofort auch etwas Anderes, nämlich die <hi rend="italic">scharfen Augen</hi>, die das Gute bei den Mitmenschen auch tatsächlich finden. Das heißt nicht, dass man blind würde für ihre Fehler. Davor sind wir wohl Alle bewahrt aus guten Gründen. Aber das Gute nicht nur vermuten, sondern sehen bei den Andern, das müssen wir lernen, das müssen wir uns schenken lassen. Es ist wieder etwas wie ein Wunder, das sich vollzieht, eine geheimnisvolle Verwandlung, wenn uns auch nur ein klein wenig davon geschenkt wird. Vorher waren uns die Menschen um uns herum tot und farblos und gleichgiltig, jetzt ist’s uns plötzlich bei jedem, wie wenn wir einem entfernten Verwandten be<pb xml:id="p593" ed="pga" break="no"/>gegneten; wir können nicht einfach an ihm vorbei, wir müssen ihn ins Auge fassen und ihm sagen: wir gehören zusammen. Vorher teilten wir die Menschen schroff und barsch ein in Gute und Böse, Angenehme und Unangenehme, Freunde und Gegner, jetzt lösen sich die beiden Schlachtreihen, die wir im Geiste aufgestellt, auf und wir sehen nur noch einerlei Menschen, die auf ungeheuer mannigfaltige Weise Alle etwas Gutes, Angenehmes, Freundliches an sich haben, keiner wie der Andre, aber Alle. Vorher hatten wir bestimmte Leute, und die nannten wir im Stillen oder offen unsre Feinde. Wenn wir jene scharfen Augen bekommen haben, merken wir, dass es so etwas wie Feinde gar nicht geben kann im Grunde. Gerade wie man auf dem Gebiet der <term ref="kbga-terms-1171">Kunst</term> gesagt hat, was man hässlich nenne, sei nur «herbe Schönheit», so könnte man hier sagen: die wir unsre Feinde nennen, das sind nur unsre etwas merkwürdigen Freunde. Aber gerade weil sie so merkwürdig sind, müssen wir sie besonders schätzen. Ihr wisst, wie Jesus darüber gedacht hat: <hi rend="italic">Liebet</hi> eure Feinde … [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.44">Mt. 5,44</ref>]. Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun [<ref type="can" subtype="bible" target="Lk.23.34">Lk. 23,34</ref>]. Brauche ich noch zu sagen, dass das wieder eine <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-1458">Freude</term></hi> ist, wenn man in der <term ref="kbga-terms-757">Nachfolge</term> Jesu so scharfe Augen bekommt für das Gute, Göttliche bei allen Menschen? |</p>
                    <p>Aber das soll nicht ein müßiges Spiel sein, wenn wir es lernen, das bei den Menschen zu suchen und zu finden. <hi rend="italic">Willigkeit zu helfen</hi> muss daraus hervorwachsen. Jesus ist himmelweit entfernt von der noblen Art: von einem schlechten Menschen einfach zu sagen: er ist eben ein merkwürdiger Kauz, und dann womöglich gemächlich zu lachen über ihn. Nicht weil ihm <term ref="kbga-terms-174">das Böse</term> gleichgiltig war, hat Jesus oft bei schlechten Menschen getan, als sehe er ihre Schlechtigkeit nicht, sondern um ihnen aus dem Bösen herauszuhelfen, packt er sie mit aller Macht von ihrer guten Seite. Und da müssen wir ihm nach. Wenn wir in einem unbekannten Bettler auf der Landstraße plötzlich unsern Verwandten entdecken würden, dann dürften wir ihm doch auch nicht bloß sagen: das ist jetzt kurios, dass wir den gleichen Namen tragen, adieu, lieber Vetter! sondern da würde uns die neue Bekanntschaft sofort zur <term ref="kbga-terms-2010">Hilfsbereitschaft</term> verpflichten; und so ist’s auch, wenn wir in einem <term ref="kbga-terms-800">Mitmenschen</term> <term ref="kbga-terms-829">das Gute</term> gesucht und gefunden haben, dann gehören wir fortan zusammen. Und wenn noch so viel Trennendes zwischen uns wäre, wir müssen uns etwas sein und geben in Zukunft, ja, wenn <pb xml:id="p594" ed="pga"/> viel Trennendes zwischen uns ist, zum Beispiel allerlei <term ref="kbga-terms-64">Sünde</term>, unter [der] das Gute wie zugeschüttet ist, dann ist das nur ein Grund mehr, einander zu helfen. Umso nötiger ist es! So hat Jesus gedacht, als er sich gerade den schlechten Menschen in so auffallender Weise widmete. Er sah das Gute an ihnen <hi rend="italic">trotz</hi> ihrer Schlechtigkeit, und nun widmete er sich ihnen <hi rend="italic">wegen</hi> ihrer Schlechtigkeit. Es wird für uns auch keine andre Regel geben können. Und so wird uns die Freude im Herrn zur Freude, zur tätigen Freude an unsern Mitmenschen. – |</p>
                    <p>Jetzt soll dieser <term ref="kbga-terms-1458">Freudenschein</term>, der Alles vergoldet, noch in ein drittes Gebiet hineinleuchten, nämlich auf unser Verhältnis zu dem, was in der <term ref="kbga-terms-110">Bibel</term> <hi rend="italic">die <term ref="kbga-terms-1874">Welt</term></hi> heißt. Das sind unsre <term ref="kbga-terms-1412">Triebe</term> und Neigungen, das sind unsre Sorgen und <term ref="kbga-terms-1909">Wünsche</term>, das ist unsre <term ref="kbga-terms-795">Arbeit</term> und unser <term ref="kbga-terms-1511">Vergnügen</term>, das ist alles <term ref="kbga-terms-1100">Äußere unsers Lebens</term>! Wie sollen wir uns dazu stellen? Müssen wir das Alles vernichten und verstoßen, um ganz unserm <term ref="kbga-terms-1431">innern persönlichen Leben</term> uns zu widmen? Oder sollen wir eine <term ref="kbga-terms-1681">doppelte Buchführung</term><note xml:id="n04">
                            <p> Zu Barths negativ konnotierter Verwendung dieses Begriffs vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/56/p517#fn_n07">S. 517, Anm. 7.</ref> <!--[56049]-->
                            </p>
                        </note> einrichten und neben dem innern Leben die Welt lieb haben, gleichsam in einem andern Zimmer, so dass Beide nichts miteinander zu tun haben? Beide Wege werden viel empfohlen, aber beide Wege sind nicht gut. Sondern die Antwort heißt: Freuet Euch in dem Herrn! Auch auf die äußern, weltlichen Dinge soll jener Freudenschein fallen. Und was bedeutet nun das? Wir sollen ein <hi rend="italic">reifes Urteil</hi> bekommen, dass wir unsern Weg durch die Welt hindurch ins <term ref="kbga-terms-1621">Himmelreich</term> erkennen lernen, dass wir unterscheiden lernen zwischen den Fällen, wo es heißt: es ist meine <term ref="kbga-terms-1482">Pflicht</term>! und den andern, wo es heißt: ich darf! und den noch andern, wo es heißt: ich will nicht. Wir müssen lernen, die Welt wie ein Baumaterial behandeln, das ein perfekter Baumeister disponiert und ineinander fügt, so dass kein unbehauner oder unnützer Stein darin zu sehen ist. Dazu braucht es freilich noch mehr als klare Gedanken. Es ist Mancher reif in seinem Urteil, aber was ihm fehlt, das sind <hi rend="italic">reine Hände</hi>. Wenn wir das doch könnten, die äußern, <term ref="kbga-terms-1874">weltlichen Dinge</term> so behandeln, dass wir uns nicht beschmutzen dabei, dass wir darin nicht gefangen werden, sondern frei darüber schweben. Wer zum Beispiel, der viel mit <term ref="kbga-terms-1462">Geld</term> zu tun hat, bleibt ganz rein dabei, frei von dem gierigen, regen <term ref="kbga-terms-1831">Mam<pb xml:id="p595" ed="pga" break="no"/>monsgeist</term>? Wer, der in einer bestimmten Umgebung lebt, bleibt rein, färbt nicht ab von ihren Gedanken und <term ref="kbga-terms-1683">Gewohnheiten</term>? Sind wir nicht Alle in Gefahr, sobald es sich darum handelt, dass unsre Seele mit den äußern Dingen in Berührung komme? |</p>
                    <p>Aber wie wunderbar andrerseits, wenn wir das dann allmählich lernen, reine Hände zu behalten trotz Allem, wenn wir dazu kommen, Jesus ein klein wenig ähnlich zu werden, wie er so formlos und unanfechtbar inmitten der <term ref="kbga-terms-378">Welt</term> leben und die Welt genießen konnte. Freuet euch in dem Herrn! was ist das für eine Verheißung, wenn wir <hi rend="italic">daran</hi> denken! Und wie <hi rend="italic">reich</hi> muss unser <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-1466">Herz</term></hi> dann sein, das unser Urteil und unsre Hand leitet! Wie müssen wir da lernen, das <term ref="kbga-terms-1874">Weltliche</term> mit göttlichen Augen sehen, gleichsam mit den Augen dessen, der Alles erschaffen hat, so dass wir ihn auch in Allem wiederfinden und ihm für Alles lernen dankbar sein. Wir sind so arm, so menschlich! Wir sehen und hören so wenig von Gott in den äußern Dingen, die im Großen und Kleinen um uns vorgehen. Und doch reden sie beständig von Gott, nur ist unser Herz noch zu arm, ihre Sprache zu verstehen. Jesu Herz war reich genug, Gott überall und immer zu vernehmen. Freuet euch in dem Herrn! Was für eine Aussicht auf ein Leben in seinem Dienste!</p>
                    <p>So etwa, meine Freunde, denke ich mir das, was <persName ref="kbga-actors-313">der Apostel</persName> die <term ref="kbga-terms-1458">Freude</term> im Herrn nennt. Ich habe ja lange nicht Alles nennen können. Aber darin muss sie jedenfalls bestehen, dass der Mensch, der Jesus kennt, von etwas Leuchtendem erfüllt wird. Darin, dass dieses Leuchtende den Sieg gewinnen muss über alle Schwierigkeiten und Unschönheiten und Erbärmlichkeiten des Daseins. Darin, dass unser eigenes <term ref="kbga-terms-1431">inneres Leben</term> und unsre Beziehungen zu den <term ref="kbga-terms-800">andern Leuten</term> und unsre Stellung zu den <term ref="kbga-terms-1874">weltlichen Dingen</term> davon überstrahlt und verwandelt werden.</p>
                    <p>Das Alles brauchen wir, nichtwahr? Wir werden wohl vom Wenigsten von dem Genannten sagen können: das habe ich schon! Wir haben sie eben noch nicht, darin zeigt sich die Unfreudigkeit, in der wir noch drin stecken. <anchor type="cross" xml:id="qv56055_1"/>Aber die <term ref="kbga-terms-1413">Weihnachtsbotschaft</term> lautet: das sollst du bekommen! Jesus ist da in der Welt, in unsrer Welt, und er fängt sofort an, uns zu geben, sowie wir nur nehmen wollen. Freuet Euch! verheißt er. Und wenn darin auch ein Gebot liegt, so ist es das: Sträubt euch nicht dagegen, stellt euch nicht trotzig und träge der Freude im <pb xml:id="p596" ed="pga"/> Herrn entgegen, die von euch Besitz ergreifen möchte. Offen werden für diese <term ref="kbga-terms-1458">Freude</term>, das ist die rechte <term ref="kbga-terms-2008">Weihnachtsfeier</term>.</p>
                    <p>Zweierlei möchte ich zum Schluss noch erklären in unserm Weihnachtstext. Zuerst das Wörtlein: Freuet euch in dem Herrn <hi rend="italic">allewege!</hi> Das will sagen: immer, unter allen Umständen. Auch da ist eine <term ref="kbga-terms-72">Verheißung</term> darin und eine Mahnung. Die Freude im Herrn ist etwas, was hält und bleibt unter allen Umständen, was sich nicht verlieren kann wie andre sogenannte Freuden. Aber das heißt auch, dass es da nichts ist mit raschen Begeisterungen und <term ref="kbga-terms-1539">Überzeugungen</term>. Wer die Freude im Herrn wieder verliert, wie er sie gefunden, der hat sie noch <hi rend="italic">gar</hi> nicht gefunden. Es soll niemand zu sicher sein, dem sie sich nicht schon im Leben bewährt hat. Allewege muss die <term ref="kbga-terms-1413">Weihnachtsbotschaft</term> leuchten, das sagt uns dieses Wörtlein.</p>
                    <p>Das Zweite ist der kleine Satz: <hi rend="italic">eure Lindigkeit lasset kund sein allen Menschen</hi>. Lindigkeit bedeutet hier Frieden. Wer die <term ref="kbga-terms-1458">Freude</term> im Herrn gefunden, der hat <term ref="kbga-terms-589">Frieden</term>. Eine feste, gleichmäßige <term ref="kbga-terms-1650">Ruhe</term>, eine warme Sicherheit gibt sie uns. Und nun heißt es einfach: diesen Frieden sollen wir weitergeben, wenn wir ihn haben. Das ist ein rechter Weihnachtsgedanke: Gott beschenkt uns. Wir aber dürfen auch wieder schenken. Wer wollte nur empfangen und nicht auch geben in diesen Tagen? Beides miteinander ist die rechte <term ref="kbga-terms-2004">Weihnachtsfreude</term>. Aber wie sollen wir das machen, Frieden zu verschenken an Andre? Ja, das ist allerdings oft sehr schwer. Aber es gelingt am Sichersten, wenn wir keine besondern Veranstaltungen dazu machen, sondern uns einfach von der großen Freude so erfüllen lassen, dass wir gleichsam überfließen. Je mehr wir von ihr beherrscht sind, desto mehr Frieden geht von uns aus. Die Klarheit und die Kraft, die <hi rend="italic">wir</hi> besitzen, überträgt sich auf <hi rend="italic">sie</hi>. Und so wollen wir denn den <term ref="kbga-terms-1051">Weihnachtssegen</term> Gottes empfangen und ihn bitten, ihn durch uns auch <term ref="kbga-terms-800">Andern</term> wieder zukommen zu lassen. Ihm verdanken wir Alles. Ihm allein die Ehre.<note xml:id="n05">
                            <p> In der lateinischen Form «<foreign xml:lang="lat">Soli Deo gloria</foreign>» ein besonders mit <persName ref="kbga-actors-77">Johannes Calvin</persName> und seiner Theologie in Verbindung gebrachtes Motto der Reformation.</p>
                        </note>
                    </p>
                </div>
                <div type="closer">
                    <salute>Amen.</salute>
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