29. Dezember 1912

Predigt: Johannes 14,27

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Johannes 14,27
Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.
Liebe Freunde!

Jetzt sind die Weihnachtstage wieder einmal hinter uns, und wenn wir so darauf zurückblicken, dann fragen wir wohl: was haben wir nun, was bleibt uns nun davon? Ein paar Tannennadeln, ein Goldfaden, ein Wachströpflein am Boden zur Erinnerung, dass da einmal der Weihnachtsbaum gestanden; aber ist das Alles? Wir Menschen sind doch ein merkwürdiges Geschlecht. Was wir vorgestern sehnlichst erwarteten und gestern klopfenden Herzens erlebten, ist uns heute gleichgiltig und morgen haben wir es vergessen. Da fragt man schließlich auch beim Größten: was bleibt davon? Man möchte doch nicht nur erleben, sondern etwas behalten, und gerade wer recht Weihnacht gefeiert hat, der möchte etwas davon mitnehmen. Dieses Verlieren im Strome der Zeit hat so etwas Wehmütiges, Unbefriedigendes. Und vielleicht denken wir jetzt ganz Ähnliches in Bezug auf das beinahe abgelaufene Jahr. Schon wieder eins: gekommen, gegangen, vorüber. Was bleibt uns davon? Ließ es uns ein schönes Geschenk zurück, das wir gerne wieder hervornehmen und uns ansehen, einen Segen, für den wir dankbar sind, oder eine Wunde, die uns brennt, sobald man sie berührt, oder haben wir nichts als das Gefühl, dass eben wieder einmal ein Jahr um ist, während uns nichts davon zurückbleibt? |

So mögen sich auch die Jünger Jesu gefragt haben, als ihr Meister von ihnen gegangen war und sie allein zurückließ in der gleichgiltigen und feindseligen Welt, aus der er sie zu sich berufen hatte. Was blieb nun, nachdem er gegangen war? Dankbare Freude über das, was er ihnen gewesen, oder nagender Schmerz, dass er ihnen genommen war, oder gar nichts, Schweigen, Nebel, Vergessen, wie es so manchem Toten gegangen ist bei den Menschen? Nein, da erinnerten sie sich an sein Wort, das sie gehört und nicht verstanden hatten zu seinen Leb|598zeiten: den Frieden lasse ich euch. Nun, an dieser Erbschaft hatten sie dann genug für ihr ganzes Leben, nicht nur für sich selbst, sondern, wie bei der Speisung der Fünftausend [vgl. Mk. 6,40–44], auch für unzählige Andre. Der Friede, den Jesus hinterlassen, erwies sich als das höchste, das ewige Gut der Menschheit, und noch heute sind wir damit nicht zu Ende, sondern fangen eigentlich erst an damit, es recht zu verstehen und nutzbar zu machen. So wollen denn auch wir uns am Ende der Weihnachtszeit und am Ende dieses altgewordenen Jahres das von Jesus sagen lassen: den Frieden lasse ich euch!

Was ist das, Friede? Es gehört so ungeheuer viel dazu. Es ist eines von den Worten, wo man immer in Gefahr sein wird, zu wenig zu sagen, wenn man ihren Inhalt beschreiben will. Und doch möchte ich versuchen, ihn nur in einigen Worten zu beschreiben. Was ich zu wenig sage, mögt ihr euch selbst ergänzen. Für heute möchte ich sagen: Friede ist Ruhe, Freude, Wachstum. Ruhe zuerst: Nicht Trägheit oder Dummheit oder so etwas. Aber Ruhe, das heißt, die große Gelassenheit, die einen Menschen ergreift, der im tiefsten Innersten seiner Seele den Grund seines Lebens gefunden und sich daran befestigt hat. Und dazu Bestimmtheit, Sicherheit, weil das Jagen und das Tasten, das Erraten und Probieren vorüber, weil der Weg gefunden und gebahnt, wenn auch noch nicht zu Ende gegangen ist. Und daraus kommt dann eine gewisse große Stille. Man hat nicht mehr so das Bedürfnis, alle Augenblicke aus sich hervorzubrechen und ein großes Getöse zu machen. Man fängt an, einen großen Teil seines Lebens nach innen zu leben, und was man nach außen lebt in Worten und Handlungen, das mag wohl ernst und gewichtig und eifrig sein, aber es bekommt etwas eigentümlich Geräuschloses, Unauffälliges, Selbstverständliches. Solche Ruhe in einer Menschenseele, das ist der Friede, den Jesus uns gelassen hat. |

Aber es gehört noch mehr dazu. Friede ist Freude. Es gib viele Menschen, die haben scheinbar jene gelassene, bestimmte, stille Ruhe, aber sie sind dabei kalt und gleichgiltig gegen das, was um sie vorgeht, oder sie tragen irgend einen Groll in sich herum, den sie in sich erwürgt haben und der doch noch lebt, einen Groll entweder gegen eine Fügung ihres Lebens oder gegen gewisse Menschen. Groll ist das, wenn wir heimlich rumpeln und knurren in unserm Inwendigen, wenn wir Krallen verborgen haben in unsrer Seele wie eine Katze |599 unter ihren weichen Pfötlein, wenn es unausgefüllte Löcher und Gruben hat in uns wie auf einem schlecht unterhaltenen Weg. Da ist die schönste Ruhe nach außen nichts wert; es braucht Freude. Wir müssen dazu kommen, Freundschaft zu schließen mit dem Leben, das Erfreuliche darin zu finden und uns dann auch wirklich daran zu freuen, und ebenso und vor Allem mit unsern Mitmenschen: wir dürfen uns nie innerlich trennen von ihnen, die Vorstellung von Feinden oder von «bösen Leuten» muss ganz verschwinden aus unsern Herzen, wir müssen innerlich die Andern immer an der Hand behalten, sogar wenn wir und sie ganz andre Wege gehen, sogar wenn wir ihnen oder sie uns entgegen treten. Jene Ruhe, die den Grund gefunden und sich nicht mehr irre machen lässt, darf nicht nur außen angeklebt sein, sondern sie muss unser ganzes Verhältnis zu unserm Leben und zu unsern Mitmenschen erfüllen und beherrschen. Ich habe an der Weihnacht gesagt, sie müsse uns alles vergolden.1 Ich denke jetzt an einen Sonnenuntergang, den ich vor etwa 14 Tagen beobachtet habe. Da war unsre ganze Landschaft von einem wundervollen, einheitlichen, flammenden Rot wie übergossen für einige Augenblicke. So müsste es anhaltend sein in unserm Leben. Das ist Freude. |

Aber versteht mich recht: wenn ich sage: Frieden ist Freude am Leben und an den Menschen, wer sie auch seien, so meine ich damit nicht eine faule Zufriedenheit, die Alles gut findet und lässt, wie es ist. Da versteht man das Evangelium des Friedens ganz falsch, wenn man es so versteht. Und darum habe ich als Drittes gesagt: Friede ist Wachstum, Zunehmen, Weiterkommen. Also ja nicht Stillstand, Gemächlichkeit, Schlaf. Wir haben vorhin das prächtige Lied gesungen: Kommt, Brüder, lasst uns gehen2…!a Das Lied ist von Gerhard Tersteegen, der selbst auch ein solcher Friedensmensch gewesen ist. Aber ich kann darin nichts finden von jenem gewissen dumpfen, stumpfen Wesen, das nur die Augen schließen und zufrieden und selig sein will, sondern im Gegenteil: es geht ein Zug von Leben und Streben, von |600 Aufwärtssteigen und Weiterkommen durch das Lied, lest es nur zu Hause nach!

Kommt, stärket euren Mut,
Zur Ewigkeit zu wandern
Von einer Kraft zur andern.
Es ist das Ende gut!3

So sicher der Friede Ruhe ist und Freude, so sicher ist er zugleich Bewegung, Bewegung dem Höhern, Bessern entgegen. Das gute Ende ist ja noch nicht da, sondern es steht erst in weiter Ferne vor uns. Nicht als ob ich es schon ergriffen hätte, ich jage ihm aber nach, ob ich es ergreifen möchte [Phil. 3,12]. Nur wer so denkt und wer danach sein Leben einrichtet, nur wer wirklich «wandern» will zur Ewigkeit, nur der kennt den Frieden. Es heißt nicht: Selig sind die Satten, sondern: Selig sind, die hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit [Mt. 5,6]. Wer von dieser Sehnsucht nichts weiß, wer kein Wachstum kennt, der weiß nicht, was Frieden ist. Aber diese Sehnsucht muss getragen sein von Ruhe und von Freude, sonst ist sie etwas Oberflächliches oder etwas, was die Menschen zur Verzweiflung treiben könnte.

Ruhe und Freude und Wachstum miteinander, und keines ohne die beiden anderen, das ist der Friede, den Jesus uns gelassen hat und der uns bleiben soll, auch wenn die Weihnacht wieder hinter uns liegt, und wenn wir von einem Jahr ins andre hinübergehen. Den Frieden lasse ich euch! Jesus hätte auch sagen können: mich selbst lasse ich euch! Denn dieser Friede war das Wesen seines Lebens, seiner Person. Er selbst besaß ihn nach allen Seiten, er ging von ihm aus auf seine Jünger, und bei ihm haben sie ihn immer wieder gefunden. Seine Erbschaft ist nicht die eines Toten. Man kann sie sich nicht denken getrennt von ihm. Er selber als der Lebendige muss sie immer wieder verteilen.

Aber was haben wir Menschen mit dieser lebendigen Erbschaft des Friedens gemacht und was machen wir damit? O wenn wir uns das fragen, dann müssen wir uns bitter schämen. Wie wenig haben wir doch noch davon ergriffen und uns zu eigen gemacht! So wenig, dass wir ganz mit Recht manchmal auf den Gedanken kommen mögen, ob nicht das Evangelium des Friedens ein schöner Traum nur sei. Ja, |601 durch unsre menschliche Schuld ist es oft so. O wann werden wir einmal dahin kommen, dass man vom Bösen in der Welt nur noch träumen kann, wie man jetzt vom Guten oft nur zu träumen wagt? – Den Frieden lasse ich euch! und dabei stehen wir eben wieder am Ende eines Völkerkampfes, der wie kaum ein früherer alle Schrecken altertümlicher und moderner Kriegsführung in sich vereinigte: die alte barbarische Lust des Mordens im Kampf aufs Messer und die kalte raffinierte Technik des Tötens durch Maschinen.4 Was für Bilder entrollten die Zeitungen Tag für Tag in diesen Monaten, und was für Scheußlichkeiten kommen erst jetzt, nachträglich und nach und nach, ans Licht der Öffentlichkeit, von Christen begangen, unter dem Zeichen des Kreuzes und im Namen des Christentums. Wie blutwenig ist doch noch übergegangen in den Besitz der Menschheit von der Erbschaft Jesu, solange solche Kriege noch möglich sind, solange die menschliche Selbstsucht und Leidenschaft noch so stark ist, dass sie sich in solchen fürchterlichen Zusammenstößen ganzer Völker entladen muss. Das «christliche Europa» – klingt es nicht wie ein Hohn, wenn man davon redet? |

Aber wir brauchen durchaus nicht bis auf die Balkanhalbinsel zu gehen, um zu sehen, wie schlecht wir Menschen den Frieden, den Jesus uns gelassen hat, verwalten. Wir wollen jetzt sofort bei uns selbst, in Safenwil einkehren und Ausschau halten. Einige von euch erinnern sich vielleicht an meine Predigt vom letzten Neujahrstag.5 Dort war auch vom Frieden die Rede, besonders auch vom Frieden in Safenwil. Ich redete vom Zornkraut, das hier herum wachsen müsse und die Leute immer wieder hintereinander bringe.6 Ich sagte, wir wollten uns im neuen Jahr Mühe geben, es anders, besser zu machen, und versprach, nach der nächsten Weihnacht wollten wir uns dann |602 überlegen, wie weit wir es darin gebracht. Der Augenblick ist nun gekommen; aber was soll man jetzt sagen? Ist’s besser geworden? Haben wir uns überhaupt Mühe gegeben, es besser zu machen? Oder sind wir noch immer die alten streitlustigen Safenwiler, die kaum 14 Tage vorüber gehen lassen, ohne dass wieder irgend ein größerer Zank das ganze Dorf in Atem hält, um von den kleinern nicht zu reden. Ja seht, unser Gezänk ist in Gottes Augen genau so schlimm wie die Gräuel des Balkankrieges, und von der Erbschaft Jesu haben wir im Kleinen noch genau so wenig wie die Welt im Großen. Wozu steht denn eine Kirche und ein Pfarrhaus im Dorf, wozu kommt ihr zur Predigt7 und in die Blaukreuzstunde8, wenn dann doch die Empfindlichkeit und das Misstrauen, die Schadenfreude und die Rachsucht bei jedem Anlass wieder hervorbrechen dürfen? Aber wenn ich auf das verflossene Jahre zurückblicke, so muss ich vor Allem auch sagen, dass ich selbst euch oft ein schlechtes Beispiel gegeben habe. Alle diese Mächte des Unfriedens, unter denen ich euch leiden sehe, kenne ich sehr genau aus mir selber; ich leide auch darunter. Und so habe ich, statt euch den Frieden zu bringen, öfter mitgezankt. Am Anfang des Jahres gleich habe ich, als man mich angriff, einen Zeitungsartikel geschrieben, zu dessen Inhalt ich noch heute stehe, aber mit bösen, giftigen Ausdrücken, die von dem Frieden Jesu nichts an sich hatten.9 Hier in der Kirche habe ich ein paarmal Dinge gesagt, die ihr zum Teil nicht verstanden habt und die dann auch nicht ohne meine Schuld als Zornkraut gewirkt haben. Und auch sonst habe ich mehr als einmal ins Feuer geblasen, statt es zu löschen, Leute hintereinander gebracht, statt sie zu versöhnen. So haben wir uns nichts vorzuhalten und wollen uns auch nichts vorhalten gegenseitig. Aber wir Alle wollen uns selbst vorhalten mit aller Macht, dass wir vom Frieden Jesu noch weit weg sind und dass wir im neuen Jahr genug zu tun haben werden, ihm ein klein wenig nahe zu kommen. |

|603 Ja, in unserm eigenen persönlichen Leben, da sehen wir es doch am deutlichsten, viel deutlicher noch als beim Gedanken an das Völkerleben und an das Leben in unserm Dorfe, dass der Friede Jesu uns kaum erst von Weitem gegrüßt hat. Wie weit sind wir doch von jener gelassenen, bestimmten, stillen Ruhe, wie er sie gelebt hat und wie er sie uns schenken möchte. Statt dessen geht’s auf und ab und im Zickzack bei uns und wir verbreiten Alle viel zu viel Geräusch um unsre Person. Und wo ist die Freude, die wir als Christen haben sollten? Wie schnell sind wir doch bereit, die Stirne in Falten zu ziehen und die Mundecken hängen zu lassen, oft wegen der kleinsten Widerwärtigkeit! Wie wenig braucht es, um uns traurig oder auch zornig zu machen. Und das Wachstum? Das innere Fortschreiten? Spüren wir nicht Alle, wie lahm wir eigentlich sind, wie wir nach Entschuldigungen suchen, um zurückbleiben zu können, wie wir probieren, uns davon zu machen, sobald es einmal ein wenig energisch heißt: vorwärts, aufwärts? Und wie hinter alledem der schlechte Wille verborgen ist ganz einfach, das «radikale Böse» im Menschen, das uns hindern und zurückbringen will auf der Wanderung zur Ewigkeit?10 Nichtwahr, wir spüren das Alles und haben auch da nichts zu rühmen, wenn wir ehrlich sind, und müssen bekennen, dass wir bei Jesus noch Alles zu lernen haben.

Und so müssen wir daran glauben wie an eine große Verheißung, dass es doch wahr ist und sich erfüllen muss, das große Versprechen: den Frieden lasse ich euch! Trotz allem muss es wahr sein, trotz allem Schrecklichen und Lieblosen in der Welt, in unsrer Umgebung und in unserm Innern. Wir müssen es uns von Jesus sagen lassen, in dem es schon erfüllt war. Es ist ein Samenkorn, der Friede, der in ihm war, aber aus einem Samenkorn kann ja ein Weizenfeld werden [vgl. Mt. 13,23]. So wird der Friede Christi einmal unser Friede sein!

Der Friede Christi. «Meinen Frieden gebe ich euch; nicht gebe ich, wie die Welt gibt!» Wir müssen uns nun noch einmal vor die Frage |604 stellen: was ist das, der Friede, den Jesus uns lassen will? Es heißt Manches Friede und ist doch kein Friede. Was meinte Jesus, als er sagte: «meinen Frieden gebe ich euch! und als er den so genau von dem Frieden, den die Welt gibt, unterschied? Ich glaube, dreierlei zu erkennen.

Erstens: Der Friede Christi muss von innen kommen. Ich sage nicht: er sei bloß etwas Innerliches. Nein, aber er muss von innen kommen. Die Mächte der Ruhe, der Freude, des Wachstums müssen unser Gewissen, unser Herz, unsern Willen, unsre Gefühle ergreifen, und dann müssen sie unser ganzes Leben und nicht nur unser Leben, sondern das Leben der ganzen Welt ergreifen und verwandeln. Wo es anders geht, da entsteht bloß der Friede, den die Welt gibt und der im Grunde kein Friede ist. Ich will zwei Beispiele nennen. Gegenwärtig tagt in London bekanntlich die Friedenskonferenz.11 Hoffen wir aus ganzer Seele, dass sie mit dem Friedensschluss zwischen den kriegführenden Staaten endigt. Wir, die wir den Krieg nur aus Büchern und Zeitungen kennen, wissen wohl gar nicht, was wir am Frieden für einen Segen haben. In gewissen Liedern von Paul Gerhardt, da kann man etwas davon spüren, mit welcher Inbrunst am Ende des Dreißigjährigen Krieges die Christen Gott gedankt haben für den «edlen Frieden».12 So mag er wohl heute wieder auf dem Balkan ersehnt werden |605 als eine Gottesgabe. Und wir werden mit dankbar sein dafür, dass wir vor einem furchtbaren Schicksal, das nahe genug an uns vorüberging, gnädig bewahrt worden sind. Aber den Frieden Christi bringt die Londoner Konferenz sicher nicht, und der kann überhaupt durch keine Konferenz gebracht worden. Die Waffen können niedergelegt oder doch gesenkt werden. Die Kanonen verstummen, das Morden hört auf. Aber hören darum die Völker auf, sich gegeneinander zum Morden zu rüsten? Werden sie sich nicht fernerhin, wie wilde Tiere zum Sprung gerüstet, gegenüberstehen, wie es jetzt zwischen England, Frankreich und Deutschland schon seit Jahrzehnten bald der Fall ist? Die Raubtierinstinkte der Völker werden durch solche Friedensschlüsse wohl gebändigt, aber nicht beseitigt; dazu braucht es die höhere erzieherische Kraft des Geistes Christi, der diese sogenannten christlichen Völker Europas langsam, langsam zu einer andern Auffassung ihres gegenseitigen Verhältnisses bringen muss. Erst wenn die Selbstsucht und der Hass überwunden sind, ist der wirkliche Friede da. |

Und nun das zweite Beispiel. Letzte Woche ist auch in unserm Dorf ein kleines Flugblatt verteilt worden, betitelt: «Eine Weihnachtsbotschaft … und Frieden auf Erden!»13 Gestern Abend, als ich an der Predigt arbeitete, ist es mir auch noch anonym durch die Post zugeschickt worden mit einem dicken Fragezeichen darunter. Auch da ist vom Frieden die Rede, es heißt, um zum Frieden zu kommen, müsse die Macht des Kapitalismus gebrochen werden, und das müsse geschehen durch die Macht der internationalen Arbeiterorganisation. Nun, das kann schon geschehen und wird sehr wahrscheinlich früher oder später geschehen, dass dem unsinnigen Kriegswesen einfach durch die Völker selbst oder durch die Mehrheit innerhalb der Völker ein Ende gemacht wird. Der Basler Kongress14 ist dafür schon ein bedeutungsvolles Anzeichen, dass das kommt. Aber da setze ich auch ein dickes Fragezeichen, wenn es nun in dem Flugblatt weiter heißt: «Dies ist der Weg, auf dem wir einst zum Erdenfrieden kommen werden, dies ist der Weg, auf dem wir alles Große, Schöne, das wahrhaft |606 Gute und das einzig Menschenwürdige erreichen werden», und wenn auf Grund dieser Betrachtung die christliche Weihnachtsbotschaft gleichsam ersetzt wird durch eine sozialistische. Das ist Einbildung. Nehmen wir an, es wären nun alle Arbeiter der Erde wirklich einig unter sich, und die Macht des Kapitalismus wäre ein für allemal gebrochen, gäbe es dann wirklich keine Selbstsucht, kein Misstrauen, keine Bosheit mehr unter den Menschen, käme damit das Große, Schöne, Gute, Menschenwürdige einfach wie durch’s Kamin herunter zu uns auf die Erde? Das glaube, wer da wolle. Nur, auch wenn die Ziele des Sozialismus alle erreicht sein werden, worauf wir uns freuen wollen, das wird doch erst der Friede sein, den die Welt gibt, das heißt, ein äußerlicher Friede wie jetzt der Friede von London. Es müssen dann neue Aufgaben und Entwicklungen sich einstellen für die Menschheit, um sie dem ganzen, vollen Frieden, der von innen kommt, entgegenzuführen. Der Friede Christi, der wahre Frieden, kommt weder durch Friedens-Konferenzen noch durch Veränderungen unsrer Gesellschaftsordnung, so nötig und hocherfreulich die auch sind, sondern allein dadurch, dass wir bösen Menschen langsam zur Nachfolge Jesu erzogen werden.

Das Zweite, was in dem Ausdruck: meinen Frieden gebe ich euch! liegt, ist, wenn ich es recht verstehe, der Gedanke: der Friede kommt nicht ohne Anstoß und Kampf! Nicht gebe ich Frieden, wie die Welt gibt, das heißt, nicht eine glatte, bequeme, angenehme Zufriedenheit will ich euch einflößen. Wir sollen an das andre, scheinbar diesem widersprechende Wort Jesu denken: Ich bin nicht gekommen, den Frieden zu bringen, sondern das Schwert! [Mt. 10,34] Der Friede Jesu, so schön er ist und so heiß er uns eigentlich willkommen sein müsste, er steht doch in starkem Gegensatz zu unserm gewöhnlichen, natürlichen Denken und Empfinden. Wenn er zu uns kommen soll, so handelt es sich da um eine sehr merkliche Veränderung unsres ordinären Gemütszustandes. Da kann es ohne Anstoß nicht abgehen. Ein Friede ohne allen Anstoß ist sicher nicht der rechte Friede. Wir haben vom Frieden in der Welt geredet; jetzt muss ich noch etwas sagen über den Frieden bei uns in Safenwil. Ich weiß, es sind Manche unter uns, die gern Frieden haben möchten, aber sie meinen nicht den Frieden Jesu, sondern den Frieden, den die Welt gibt, nämlich den Frieden ohne Kampf und Anstoß. So verlangt ihr oder doch Viele von euch |607 speziell von eurem Pfarrer, dass er ein Mann des Friedens sei, der möglichst wenig Anstoß gebe weder links noch rechts. Ja, ein Mann des Friedens soll und möchte ich wirklich sein in dem genannten großen Sinn. Aber in diesem kleinen Sinn: Nein, das geht nicht. Da müsste ich mich auf das Wort eines Größeren zurückziehen, der gesagt hat: «Wenn ich den Menschen gefällig sein wollte, so wäre ich Christi Knecht nicht» [Gal. 1,10]. Ich werde euch auch im neuen Jahr nicht immer so predigen, dass ihr nachher sagen könnt: es war eine «schöne» Predigt, weil ihr gehört habt, was ihr euch gerade auch schon gedacht hattet. Da hätte ja das Predigthören gar keinen Sinn, wenn der Erfolg nur der wäre. Das wäre der Frieden, den die Welt gibt. Manchmal wird es einfach nötig sein, dass ich euch etwas sage, an dem ihr Anstoß nehmt, weil ich euch ohne das nicht auf den rechten Frieden hinweisen kann. Nichtwahr, ihr wollt euch heute auch vornehmen, da nicht jedes Mal einen solchen Jammer anzustimmen auf dem Heimweg und in den Wirtshäusern, wie es im vergangenen Jahr ein paarmal geschehen ist. Und wenn ich einmal etwas sagen sollte, was unrecht ist, dann kommt doch bitte zu mir und sagt es mir selbst, statt hinten herum darüber zu reden, ich will es euch auch nicht übelnehmen, wenn ihr mir die Wahrheit sagt. Aber nur nicht diese Ängstlichkeit, als sei ein wenig Anstoß das Furchtbarste auf der Welt. Und ich möchte euch das auch für euer Verhältnis zueinander anraten. Es sind Manche unter euch, die sind wohl für sich selbst gut gesinnt, aber sie haben eine furchtbare Angst, es zu zeigen und damit da und dort Anstoß zu erregen. Sie sollten sich nur sagen, dass sie damit jedenfalls der Sache des Friedens nicht dienen, denn das ist kein Friede, wenn einer sich vor dem andern fürchtet und sich nicht die Finger verbrennen will. Wenn ihr rechte Friedensmenschen sein möchtet, so müsst ihr ein wenig mutiger werden, euch ein wenig tapferer zu der Sache des wahren Friedens stellen, nicht gleich fragen: was sagen die Leute dazu?

Denn wer nicht kämpft, trägt auch die Kron
Des ewigen Lebens nicht davon!15

608 Und nun noch das Dritte: Meinen Frieden gebe ich euch! bedeutet: es ist der Frieden unter dem Kreuze und durch das Kreuz. Wir wollen das besonders auf unser persönliches Leben anwenden, auf den Frieden der Seele, den uns Jesus schenken kann und nach dem wir uns ja sicher sehnen. Wenn wir nur nicht dabei an jenen Frieden denken, der kein Friede ist, etwa an das, was man sonst «Glück» nennt. Glück und Vergnügen und Wohlsein sind große Dinge, wir wollen uns freuen, wenn Gott sie uns schenkt, aber man kann Glück haben und doch keinen Frieden. Behaglichkeit ist nicht Ruhe, Vergnügen ist nicht Freude, Tätigkeit ist nicht Wachstum. Der ganze äußere Betrieb eines sogenannten friedlichen Lebens kann da sein und ist doch kein Friede da. Der Unfriede zeigt sich da und dort oder er bricht plötzlich in helle Flammen aus. Warum? Der Friede, den Jesus gibt, ist Friede durch das Kreuz. Wer ihn haben will, der muss sich selber überwunden und ganz Gott übergeben haben, wie Jesus es am Kreuz getan. Oft schickt uns Gott auch ein wirkliches Kreuz, ein Leid, einen Schmerz zu Hilfe, damit wir diesen Weg zum Frieden leichter gehen können. Aber mit oder ohne ein solches Leid: das Kreuz darf nicht fehlen zum Frieden. Es muss etwas geopfert worden sein, freiwillig oder unfreiwillig, nämlich unser Ich mit seinem Trotz. Das muss lernen, ruhig zu werden in Gott, dann kommt mit der Ruhe auch die Freude und das Wachstum des rechten Friedens. – |

Es ist also immer etwas Überraschendes, Rätselhaftes an dem Frieden, den Jesus zu geben hat: dass er so von innen nach außen zu uns kommt, dass er Anstoß und Kampf erregt, dass er uns unter das Kreuz führt. Das Alles könnte uns erschrecken, vielleicht auf den Gedanken führen, ob wir nicht besser täten, die Erbschaft Jesu auszuschlagen. Nein, sagt er uns: Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht! Es ist da nichts zu erschrecken bei dem, was Jesus uns hinterlässt. Freilich, es ist Manches anders, als wir es wohl zu finden erwarten, aber wenn wir näher überlegen, werden wir uns sagen müssen, dass es eben viel größer ist, als wir uns gedacht hatten.

Und so wollen wir denn zum Schluss des Jahres beide Hände ausstrecken und bitten: Herr, gib uns Frieden, deinen Frieden und keinen andern.

Amen.

Textkritische Fußnoten

a
Im Mskr. folgt eingeklammert: «Nr. 327, λεσεν N!» Die Nummer entspricht der Nummer des zitierten Liedes im Gesangbuch (GERS), die griechischen Buchstaben sollen wohl besagen, dass N[elly], Barths Braut, den Text des Liedes lesen möge. ↩

Sachfußnoten

1
Vgl. oben, S. 586–596, bes. S. 594. ↩
2
GERS 327; EG 393 (dort: «Kommt, Kinder, …») 🎵. ↩
3
Schluss von Strophe 1 des genannten Liedes «Kommt, Brüder, lasst uns gehen!» ↩
4
Gemeint ist der in diesen Wochen mehrfach von Barth angesprochene Erste Balkankrieg (vgl. oben, S. 544f., Anm. 3). Zur hier thematisierten Art der Kriegsführung vgl. bes. W. Höpken, Archaische Gewalt oder Vorboten des «totalen Krieges»? Die Balkankriege 1912/13 in der europäischen Kriegsgeschichte des 20. Jahrhunderts, in: U. Brunnbauer (Hrsg.), Schnittstellen. Gesellschaft, Nation, Konflikt und Erinnerung in Südosteuropa. Festschrift für H. Sundhaussen zum 65. Geburtstag, München 2007, S. 245–261 📖. ↩
5
Vgl. oben, S. 3–12. ↩
6
«Hintereinander bringen» steht im Schweizerdeutschen für: gegeneinander aufbringen, zu Fall bringen. ↩
7
«Zur Predigt gehen» ist eine ältere aargauische Redeweise für den Kirchgang. ↩
8
Im «Blaukreuzverein» versammelten sich die vom Alkohol Abstinenten; zu Barths enger Verbindung zum Safenwiler Verein – er war seit Januar 1912 dessen Präsident – vgl. oben, S. 84f., Anm. 10. ↩
9
Gemeint ist die am 6. Februar 1912 geschriebene Antwort auf den Offenen Brief des Herrn W. Hüssy in Aarburg 📖 (s. oben, S. 47f., Anm. 10). ↩
10
Vgl. I. Kant, Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft, Akademie-Ausgabe, Bd. VI, Berlin 1914, S. 1–202, dort S. 37 📖: «Dieses Böse ist radical, weil es den Grund aller Maximen verdirbt; zugleich auch als natürlicher Hang durch menschliche Kräfte nicht zu vertilgen, weil dieses nur durch gute Maximen geschehen könnte, welches, wenn der oberste subjective Grund aller Maximen als verderbt vorausgesetzt wird, nicht statt finden kann; gleichwohl aber muß er zu überwiegen möglich sein, weil er in dem Menschen als frei handelndem Wesen angetroffen wird.» ↩
11
Die Bevollmächtigten der am Krieg beteiligten Parteien tagten seit dem 14. Dezember 1912 im St. James’s Palace in London unter dem Vorsitz des britischen Außenministers Edward Grey (1862–1933), um über einen Friedensschluss zu verhandeln. Vorher und parallel dazu traf sich, ebenfalls in London, mehrmals die Botschafter-Konferenz der europäischen Großmächte Großbritannien, Frankreich, Deutsches Reich, Russland, Österreich-Ungarn und Italien, die über eine umfassende Lösung der Balkanfrage beriet. Am 30. Mai 1913 wurde der Erste Balkankrieg mit der Unterzeichnung des Londoner Vertrags beendet. ↩
12
Vgl. etwa das von Paul Gerhardt 1648 geschriebene Lied «Gott Lob! Nun ist erschollen das edle Fried- und Freudenwort», das als «Danklied für die Verkündigung des Friedens 📖» bezeichnet wird (P. Gerhardt, Dichtungen und Schriften, hrsg. von E. von Cranach-Sichart, München 1957, S. 285–287), oder die sechste Strophe seines Liedes «Ich singe Dir mit Herz und Mund» (Erstdruck: 1653; a.a.O., S. 295–298):
Wer gibt uns Leben und Geblüt?
Wer hält mit seiner Hand
Den güldnen, werten, edlen Fried
In unserm Vaterland?
↩
13
Im KBA nicht erhalten. ↩
14
Gemeint ist der außerordentliche Internationale Sozialistenkongress, der sogenannte «Basler Friedenskongress» vom 24./25. November 1912; vgl. oben, S. 545f., Anm. 5. ↩
15
Aus Strophe 7 des Liedes «Mir nach! spricht Christus, unser Held» von J. Scheffler (Angelus Silesius) (GERS 294; RG 812; EG 385 [in RG und EG Strophe 6]) 🎵. ↩