Predigt: Apokalypse 14,6–7 (Mission)
Ein Adventslied haben wir vorhin gesungen1 und dabei haben wir uns wohl Alle daran erinnert, dass wir mit dem heutigen Sonntag wieder in die Adventszeit eingetreten sind. Advent heißt Ankunft, und die Ankunft, die da gemeint ist, ist die Ankunft Christi auf Erden, unter den Menschen, die Weihnacht. Die Adventszeit ist die Zeit vor dieser Ankunft, vor Weihnacht. Dass das etwas Besonderes ist, das verstanden wir wohl Alle sehr gut, als wir Kinder waren. Da warteten wir auf das Weihnachtskind und auf die guten Dinge, die es uns brachte. Das war eine Freude! Ja, wenn unsre Eltern es nur ein wenig verstanden, uns die Weihnacht lieb zu machen, dann wurden diese Wochen vorher ganz von selber zur seligsten Erwartungszeit. Vielleicht geht es noch Andern wie mir, dass sie diese Spannung vorher als das Schönste an der Weihnacht in Erinnerung haben. – |
Später wurden wir dann wohl ein wenig blöde, steif und hölzern in Bezug auf solche Gefühle, wir erlebten die Weihnacht ohne eine solche außerordentliche Erwartungszeit vorher. Aber ging uns nicht dafür ein höheres Verständnis auf gerade für das Erwartungsvolle, Sehnsüchtige, Zukunftsfreudige in der Adventszeit? Doch, nichtwahr! Wer nur auch ein wenig ein reifer Mensch geworden ist, der weiß |540 doch, dass unser ganzes Leben voll Erwartung ist, voll Sehnsucht, voll Blick in die Zukunft, voll Hoffnung mit einem Wort. Wir leben, indem wir hoffen. Der junge Mensch macht sich seine Pläne, phantasiert an seinen schönen Träumen, wiegt sich in unbestimmten großen Ahnungen. Es ist alles Zukunft. Der Mann und die Frau auf der Höhe des Lebens überblicken und berechnen mit klugen Gedanken, was sie noch erreichen können und was sie leisten müssen. Auch bei ihnen ist Alles Zukunft, das Beste ihres Fühlens und Strebens. Und erst recht ist es so bei dem, der dem Grabe entgegen geht, wenn die Jahre ihn reif gemacht haben. Er sieht vor sich, über das Grab hinaus, der Ruhe, dem Frieden, der Ewigkeit entgegen und freut sich. Und so ist’s in Allem. Unser Denken, unsre Entschlüsse, sie sind in jedem Augenblick Vorbereitungen auf die Zukunft. Unsre Lebensarbeit, was wir schaffen und erreichen im Guten wie im Bösen, es ist, ob wir’s wollen oder nicht, nicht einmal nur für unsre eigene Zukunft getan, sondern auch für die Anderer. Was wir pflanzen und bauen und wirken, es bleibt nicht in unsrer Hand, sondern es eilt uns gleichsam davon. Wie ein Schnellläufer im Sprung seinen Körper vorwärts neigt, so sind wir beständig dem Zukünftigen zugeneigt, so ist jeder Augenblick eines reifen Menschenlebens die Bestätigung dafür, dass wir hier keine bleibende Statt haben [vgl.
Und können wir nicht dasselbe sagen von der Geschichte der Menschheit, mit ihrer ruhelosen Veränderung, mit ihren Herrschern und Denkern und Völkern, die immer daran sind, tatendurstig ihre Zukunft zu gestalten, und mit ihren ungeahnten Umwälzungen, die in einer Woche zerstören, was Jahrhunderte gebaut haben. Ist nicht auch da Alles Leben beherrscht von dem Einen: Blick in die Zukunft, Erwartung dessen, was kommen soll, Hoffnung? Nein, ich meine, wer in dieser Weise ein reifer Mensch ist, der sein Leben ernsthaft anpackt und etwas daraus machen will und der auch an den Gedanken und Bewegungen der Menschheit um ihn herum innerlich tätig Anteil nimmt, dem kann die Adventsfreude der Christenheit nicht unverständlich sein – auch wenn er sich vielleicht über die Hauptsache dabei nicht ganz klar ist. Er wird aus den alten Adventsliedern, aus den Lauten der Sehnsucht nach dem kommenden Heil im Alten und Neuen Testament, aus der Frage: Wie soll ich dich empfangen und wie begegn’ ich dir?
Aber was ist nun das: die Adventsfreude der Christenheit? Die Erwartung der Weihnacht, sagten wir, der Ankunft Christi. Aber da stellt sich eine Schwierigkeit ein. Können wir denn auf Christus hoffen, wie wir auf Freude oder Erfolg, auf Wahrheit oder Fortschritt, wie wir auf irgend ein vor uns liegendes Ziel hoffen können? Ist denn Christus vor uns und nicht vielmehr hinter uns? Hat er nicht vor 1900 Jahren gelebt, eine große Gestalt zweifellos, aber doch eine Gestalt der Vergangenheit? Wie kann er da Gegenstand unsrer Hoffnung sein? Können wir etwas Anderes tun, als uns dankbar seiner erinnern? Wie können wir Advent feiern anders als etwa, indem wir uns zurückversetzen in die Zeit der Erwartung damals, unter die Propheten und Frommen Israels? Nein, meine Freunde, so ist es nicht. Das wäre mager, das wäre dürftig. Christus steht in der Tat vor uns. Er erwartet uns. Er kommt uns entgegen. Und wir warten auf ihn und gehn ihm entgegen. Christus ist unsre Zukunft. Wie das möglich ist, das ist freilich für unsre Sprache und für unsre Gedanken ein Geheimnis. Wir können es nicht in unsre gewöhnlichen Worte fassen. Auch die Männer des Neuen Testaments wussten ja nur in stammelnden Ausdrücken davon zu reden. Sie verkündigten seine Wiederkunft in den Wolken des Himmels [vgl.
Freilich steht Christus auch hinter uns, in unsrer Vergangenheit. Freilich hat er gelebt und ist vor 1900 Jahren über diese Erde gegangen. Und wenn wir ihn kennenlernen wollen, dann können wir das nicht anders tun, als indem wir uns an den Jesus halten, wie er uns in den Evangelien geschildert ist, an den Mann, der damals gelebt und geredet und gewirkt hat und gestorben und auferstanden ist. Dieser Jesus und kein Anderer redet zu uns von Gottes Liebe und Erbarmen, von der rechten Kindesliebe zu ihm und der rechten Liebe, die wir untereinander haben dürfen. Über die Jahrtausende hinweg wirkt und schafft er an uns, an jedem Einzelnen und an der Menschheit, durch seine Worte, durch seine Gesinnung, durch seine Kraft, vor Allem durch sein Kreuz. Jeder einzelne Zug in diesem längst vergangenen Leben ist wichtig für uns. Was wären wir, wenn er nicht hinter uns stünde? Was wäre die heutige europäische Menschheit ohne den stillen, starken Einfluss, der von diesem Mann ausgegangen ist? Wir können uns unser ganzes Leben gar nicht vorstellen, wenn wir Alles das daraus streichen wollten, was von ihm herrührt! Es würde etwa gerade soviel von uns übrigbleiben als von einer Pflanze, der man den Saft und den Farbstoff und außerdem die Wurzel nehmen würde. So ist Christus unsre Vergangenheit, der mütterliche Boden unsres höhern geistigen Lebens, die Quelle des Besten in uns, unsres Vertrauens, unsrer Liebe, unsrer Selbstverleugnung. |
Aber nun die andre Seite der Wahrheit. Auch
Gerade das kann man nun von Jesus nicht sagena. Seine Spuren können sich nicht verlieren. Das kann nicht geschehen, dass er hinter uns in der Vergangenheit zurückbleibt, dass er uns ein Gewesener, ein Gestorbener wird, einer, der einmal gelebt hat. Das kann nur da geschehen, wo sich die Sünde trennend zwischen ihn und uns hineinschiebt. Wo wir wahrhaftig von ihm ergriffen sind, wo Gott uns etwas von seiner Art geschenkt hat, da ist es ganz unmöglich, dass wir uns von ihm entfernen, da können wir keine andre Zukunft haben als ihn und wieder ihn. Wo er uns hinweist und hinleitet, da finden wir am Ende des Weges immer wieder ihn selbst. Er steht unten am Berg und gibt uns die Freudigkeit, tapfer zu steigen, und indem wir aufwärts sehen, steht er schon oben, ganz oben, und heißt uns kommen und reicht uns die Hand zum Empfang. Er ist unser Antrieb und unsre Kraft, aber zugleich unser Ziel. Er lässt uns nirgends stehen oder allein weiter gehen, wie andre Meister tun, sondern er bleibt wirklich der Meister. Er bleibt keine Antwort schuldig, die wir nötig haben, sondern er hat letzte, lösende Worte, für Alle und für Alles. Du kannst als kleines Kind zu ihm kommen oder als erfahrener, gebildeter Mann, du kannst ein Neger an der
Wir werden mit den Männern des Neuen Testaments immer dreierlei empfinden ihm gegenüber: das Gestern, das Heute und das In Ewigkeit. Es darf uns Keines abhanden kommen, auch wenn wir in andern Ausdrücken davon reden als sie. Und ebenso deutlich lernen wir ihn als den Zukünftigen, den Kommenden kennen, wenn wir über unser privates Seelenleben hinaussehen auf die Entwicklung der Menschheit. Er ist auch hier nicht einer von den Vielen, die einen Einfluss haben, der eine Weile andauert, um dann wieder zu verlöschen. Er ist Keiner von denen, auf die man zurückblicken könnte, wenn man die Geschichte übersieht. Gewiss, er hat seinen mächtigen Einfluss ausgeübt auf die Geschichte, der durch Alles hindurchgeht, aber man kann von ihm nicht sagen, dass wir uns von ihm entfernen, sondern die Entwicklung geht ihm entgegen, oder was dasselbe ist: er zieht mit Macht ein in die Geschichte der Menschen. Man hört zwar öfters das Gegenteil sagen. In den Gemeinschaftskreisen zum Beispiel herrscht gewöhnlich die Meinung, die Menschheit gehe vielmehr dem Teufel entgegen. Der Unglaube, das Laster, der Abfall nähmen immer mehr überhand. Auch von andrer Seite wird energisch gesagt: die Menschheit entferne sich von Jesus. Man kann auf die unsäglichen Gräuel eines Krieges verweisen wie dessen, der gegenwärtig geführt wird,3 oder auf die Schandtaten der Selbstsucht, der Ausbeutung in |545 der Nähe und in der Ferne, oder auf die unglaublich rohen und verkommenen sittlichen Zustände in [unsern großen Städten] und in der Nähe unsrer großen Städte. Wir wollen das Alles nicht verschweigen und nicht vertuschen, wir wollen nicht mit Flötenschall über die Leiden der Welt hinweggehen, es würde uns übel bekommen. Aber das dürfen wir sagen: Jesus ist doch größer und stärker als sie. Ihm gehört die Zukunft und nicht dem Krieg, nicht der Selbstsucht, nicht dem Laster. Es ist so, wie
Man kann nun wohl sagen, dass dieser Widerwillen gewöhnlich schwach ist und nichts ausrichtet gegen das Böse. Man kann zum Beispiel sagen, eine Veranstaltung wie der
Und nun ist es gerade merkwürdig, wie gerade diese Kämpfe für das Gute gegen das Böse, deren Zahl unzweifelhaft zunimmt, ob sie es wollen oder nicht, ihre Ziele aus dem Evangelium Jesu nehmen. Für Alles, was wahr ist und gut und schön, beruft man sich immer wieder auf ihn, erneuert seine Gedanken, geht seine Wege. Und was zu seinem Bild nicht passt: Leichtsinn, Lieblosigkeit, Eigendünkel, Faulheit und Brutalität, das wagt man immer weniger als gut und schön zu vertreten, wenn es auch noch oft genug vorkommt. Was über Jesus oder gegen ihn wäre, das wagt man nur noch immer verschämter als Menschheitsziel auszugeben. Wogegen die großen, vorwärtsführenden Gedanken von heute von ihm stammen und darum auch ihm entgegenführen. Es war zum Beispiel doch wohl kein Zufall, dass für den erwähnten Kongress am letzten Sonntag das
|547 Ich betrachte dergleichen Vorkommnisse nicht mehr denn als Anzeichen – als Symptome, wie die Ärzte sagen –; aber Anzeichen, Symptome sind es dafür, dass die Entwicklung der Welt sich nicht von Jesus entfernt, sondern dass sie sich ihm nähert, oder besser gesagt, dass Jesus kommt in unsre Welt, dass er der Zukünftige ist, auf den wir warten und nicht umsonst warten, dass sich Gassen auftun vor unsern Augen, durch die der König der Ehren bei uns einziehen will [vgl.
Der Text aus der Offenbarung, über den ich eigentlich predigen wollte, handelt von dem Engel, den der Seher mitten durch den Himmel fliegen sah mit dem Auftrag, ein ewiges Evangelium zu verkündigen denen, die auf Erden wohnen, und allen Heiden und Geschlech|548tern und Sprachen und Völkern, und der mit großer Stimme sprach: Fürchtet Gott und gebet ihm die Ehre; denn die Zeit des Gerichts ist gekommen; und betet an den, der gemacht hat Himmel und Erde und Meer und Wasserbrunnen. Ich wollte über die christliche Heidenmission reden bei diesem Text, und nun habe ich über Jesus und sein Kommen geredet. Da muss ich nun kurz nachholen, was ich eigentlich sagen wollte: Die Heidenmission und jenes Kommen Jesu in die Herzen und unter die Menschen, in unser Privatleben und in das Weltleben – Beides hängt sehr eng zusammen. Und wenn auch in jenem Text nicht direkt von der Ankunft Christi die Rede ist, so doch von dem, was sie vorbereitet. Denn der Engel, der da aller Welt das ewige Evangelium verkündigt, der bezeichnet sich selbst als Boten des Christus, der kommen soll. Er fordert mit großer Stimme Gehorsam und Verehrung Gottes im Hinblick auf das Kommen Christi, das bald zu erwarten ist.
Und nun möchte ich so sagen: Die Heidenmission ist eine Vorbereitung auf das Kommen Jesu. Nicht die einzige. Auch das Predigtamt bei uns gehört dazu, gleichviel ob es in der Kirche oder in Gemeinschaften geübt werde. Vorbereitung auf das Kommen Jesu ist überall da, wo die Menschen um sein Kreuz versammelt, mit ihm bekannt gemacht werden. Denn indem man ihn kennenlernt, seine Gebote und seine Einladungen, wird man fähig, ihn zu empfangen. Der Glaube kommt durch das Wort [vgl.
549 Es muss also betont werden, dass die Mission eine Vorbereitung ist und nicht das Kommen Jesu selbst. Der Engel mit dem ewigen Evangelium und Christus selbst ist zweierlei. Ich sage das nicht, um die Mission gering zu machen, aber doch, um vor einer gewissen Überschätzung zu warnen. Man hat in den letzten Jahren in Missionsblättern manchmal den Ton hören können, als ob das Fortschreiten der Mission und des Königreiches Christi einfach eines und dasselbe wäre. Der amerikanische Missionsfeldherr
Solche Vorbereitung zu ermöglichen, sollen und dürfen wir freudig, so gut wir es können, der Missionsarbeit unter die Arme greifen. Ei|550nen besondern Grund dafür gibt es nicht. Ich glaube, das muss aus unsrer eignen Adventsfreude selbstverständlich siegreich hervorgehen, dass wir uns sagen: Die Heiden, das heißt, die Unvorbereiteten, die, zu denen Jesus nicht kommen kann, wenn sie nicht besonders dafür gerüstet werden, diese Leute gehen mich etwas an. Der Missionsruf des Engels mit dem ewigen Evangelium – er darf nicht einsam verhallen. Sondern, wenn es uns Ernst ist damit, dass wir auf Jesus warten, drinnen im Herzen und draußen in der Welt, dann muss es uns daran gelegen sein, dass auch Andre so warten können, heilige Advents- und Weihnachtszeiten erleben dürfen. Dann bekommen wir ein Herz für die große Vorbereitungsarbeit bei den Heiden so gut wie für die bei uns und freuen uns, wenn wir dabei helfen dürfen.