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        <title type="volume" n="vol-56">Predigten 1912</title>
        <title type="content">Predigt: Apokalypse 14,6–7 (Mission)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Apokalypse 14,6–7 (Mission), 1. Dezember 1912</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/56051 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1912, hrsg. v. Busch, Eberhard / Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2022, S. .</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1912</title>
          <title type="text">Predigt: Apokalypse 14,6–7 (Mission)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2022</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">51</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Offb 14,6-7 (1. Advent): "Mission", 1. Dezember 1912. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1585">KBA 1121</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1912-12-01">1. Dezember 1912</date>
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          <term>sermon</term>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1912-12-01">1. Dezember 1912</date>
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                        <term ref="kbga-terms-210">Mission</term>
                    </head>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.14.6 Apk.14.7">Apokalypse 14,6–7</ref>
                            <quote>
                                Und ich sah einen Engel fliegen mitten durch den Himmel, der hatte ein ewig Evangelium zu verkündigen denen, die auf Erden wohnen, und allen Heiden und Geschlechtern und Sprachen und Völkern und sprach mit großer Stimme: Fürchtet Gott und gebet ihm die Ehre; denn die Zeit des Gerichts ist gekommen; und betet an den, der gemacht hat Himmel und Erde und Meer und die Wasserbrunnen.
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                    <salute>Liebe Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                    <p>Ein Adventslied haben wir vorhin gesungen<note xml:id="n01">
                            <p> Vermutlich das bei der folgenden Anmerkung zitierte Lied: «Wie soll ich dich empfangen?»</p>
                        </note> und dabei haben wir uns wohl Alle daran erinnert, dass wir mit dem heutigen Sonntag wieder in die <term ref="kbga-terms-1975">Adventszeit</term> eingetreten sind. <term ref="kbga-terms-1974">Advent</term> heißt Ankunft, und die Ankunft, die da gemeint ist, ist die Ankunft Christi auf Erden, unter den Menschen, die <term ref="kbga-terms-1410">Weihnacht</term>. Die Adventszeit ist die Zeit <hi rend="italic">vor</hi> dieser Ankunft, vor Weihnacht. Dass das etwas Besonderes ist, das verstanden wir wohl Alle sehr gut, als wir <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-1560">Kinder</term></hi> waren. Da warteten wir auf das Weihnachtskind und auf die guten Dinge, die es uns brachte. Das war eine <term ref="kbga-terms-2004">Freude</term>! Ja, wenn unsre Eltern es nur ein wenig verstanden, uns die Weihnacht lieb zu machen, dann wurden diese Wochen vorher ganz von selber zur seligsten Erwartungszeit. Vielleicht geht es noch Andern wie mir, dass sie diese Spannung <hi rend="italic">vorher</hi> als das Schönste an der Weihnacht in Erinnerung haben. – |</p>
                    <p>
                        <hi rend="italic">Später</hi> wurden wir dann wohl ein wenig blöde, steif und hölzern in Bezug auf solche Gefühle, wir erlebten die Weihnacht ohne eine solche außerordentliche Erwartungszeit vorher. Aber ging uns nicht dafür ein höheres Verständnis auf gerade für das Erwartungsvolle, Sehnsüchtige, Zukunftsfreudige in der Adventszeit? Doch, nichtwahr! Wer nur auch ein wenig ein reifer Mensch geworden ist, der weiß <pb xml:id="p540" ed="pga"/> doch, dass unser ganzes <term ref="kbga-terms-56">Leben</term> voll Erwartung ist, voll <term ref="kbga-terms-949">Sehnsucht</term>, voll Blick in die <term ref="kbga-terms-890">Zukunft</term>, voll <term ref="kbga-terms-276">Hoffnung</term> mit einem Wort. Wir leben, indem wir hoffen. Der junge Mensch macht sich seine Pläne, phantasiert an seinen schönen Träumen, wiegt sich in unbestimmten großen Ahnungen. Es ist alles Zukunft. Der Mann und die Frau auf der Höhe des Lebens überblicken und berechnen mit klugen Gedanken, was sie noch erreichen können und was sie leisten müssen. Auch bei ihnen ist Alles Zukunft, das Beste ihres Fühlens und Strebens. Und erst recht ist es so bei dem, der dem Grabe entgegen geht, wenn die Jahre ihn reif gemacht haben. Er sieht vor sich, über das Grab hinaus, der <term ref="kbga-terms-1650">Ruhe</term>, dem <term ref="kbga-terms-589">Frieden</term>, der <term ref="kbga-terms-1247">Ewigkeit</term> entgegen und freut sich. Und so ist’s in Allem. Unser Denken, unsre Entschlüsse, sie sind in jedem Augenblick Vorbereitungen auf die <term ref="kbga-terms-890">Zukunft</term>. Unsre <term ref="kbga-terms-1976">Lebensarbeit</term>, was wir schaffen und erreichen im Guten wie im Bösen, es ist, ob wir’s wollen oder nicht, nicht einmal nur für unsre eigene Zukunft getan, sondern auch für die Anderer. Was wir pflanzen und bauen und wirken, es bleibt nicht in unsrer Hand, sondern es eilt uns gleichsam davon. Wie ein Schnellläufer im Sprung seinen Körper vorwärts neigt, so sind wir beständig dem Zukünftigen zugeneigt, so ist jeder Augenblick eines reifen Menschenlebens die Bestätigung dafür, dass wir hier keine bleibende Statt haben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.13.14">Hebr. 13,14</ref>]. |</p>
                    <p>Und können wir nicht dasselbe sagen von der <term ref="kbga-terms-398">Geschichte</term> der <term ref="kbga-terms-402">Menschheit</term>, mit ihrer ruhelosen Veränderung, mit ihren Herrschern und Denkern und Völkern, die immer daran sind, tatendurstig ihre Zukunft zu gestalten, und mit ihren ungeahnten Umwälzungen, die in einer Woche zerstören, was Jahrhunderte gebaut haben. Ist nicht auch da Alles Leben beherrscht von dem Einen: Blick in die <term ref="kbga-terms-890">Zukunft</term>, Erwartung dessen, was kommen soll, <term ref="kbga-terms-276">Hoffnung</term>? Nein, ich meine, wer in dieser Weise ein reifer Mensch ist, der sein Leben <term ref="kbga-terms-1653">ernsthaft</term> anpackt und etwas daraus machen will und der auch an den Gedanken und Bewegungen der Menschheit um ihn herum innerlich tätig Anteil nimmt, dem kann die <term ref="kbga-terms-1977">Adventsfreude</term> der <term ref="kbga-terms-277">Christenheit</term> nicht unverständlich sein – auch wenn er sich vielleicht über die Hauptsache dabei nicht ganz klar ist. Er wird aus den alten Adventsliedern, aus den Lauten der Sehnsucht nach dem kommenden Heil im <term ref="kbga-terms-568">Alten</term> und <term ref="kbga-terms-74">Neuen Testament</term>, aus der Frage: <bibl type="song" corresp="kbga-songs-64">Wie soll ich dich empfangen und wie begegn’ ich dir?</bibl><note xml:id="n02">
                            <p> Anfang des Adventschorals von <persName ref="kbga-actors-131">P. Gerhardt</persName> (<bibl type="song" corresp="kbga-songs-64">GERS 90; RG 367; EG 11</bibl>).</p>
                        </note> etwas heraushören, was ihm aus seinem eigenen <term ref="kbga-terms-1431">in<pb xml:id="p541" ed="pga" break="no"/>nern Leben</term>, wenn auch nicht in gleicher, so doch in ähnlicher Weise sehr wohl bekannt ist. Er wird sich der Ahnung nicht verschließen, dass die <term ref="kbga-terms-949">Sehnsucht</term>, die Hoffnung, wenn sie schon in der gewöhnlichen Betrachtung des Lebens etwa so Großes, Kostbares, Schöpferisches ist, noch viel mehr enthalten muss, wenn sie die Hoffnung des <term ref="kbga-terms-102">christlichen Glaubens</term> ist. Wenn diese Ahnung sich uns in Erkenntnis verwandelt, so kehren wir damit wieder zurück zu der Adventsfreude unsrer Kindheit. – |</p>
                    <p>Aber was ist nun das: die <term ref="kbga-terms-1977">Adventsfreude</term> der <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-277">Christenheit</term>?</hi> Die Erwartung der <term ref="kbga-terms-1410">Weihnacht</term>, sagten wir, der Ankunft Christi. Aber da stellt sich eine Schwierigkeit ein. Können wir denn auf Christus hoffen, wie wir auf Freude oder Erfolg, auf Wahrheit oder Fortschritt, wie wir auf irgend ein vor uns liegendes Ziel hoffen können? Ist denn Christus vor uns und nicht vielmehr hinter uns? Hat er nicht vor 1900 Jahren gelebt, eine große Gestalt zweifellos, aber doch eine Gestalt der Vergangenheit? Wie kann er da Gegenstand unsrer Hoffnung sein? Können wir etwas Anderes tun, als uns dankbar seiner erinnern? Wie können wir <term ref="kbga-terms-1974">Advent</term> feiern anders als etwa, indem wir uns zurückversetzen in die Zeit der Erwartung damals, unter die <term ref="kbga-terms-426">Propheten</term> und <term ref="kbga-terms-457">Frommen</term> <term ref="kbga-terms-427">Israels</term>? Nein, meine Freunde, so ist es nicht. Das wäre mager, das wäre dürftig. Christus steht in der Tat vor uns. Er erwartet uns. Er kommt uns entgegen. Und wir warten auf ihn und gehn ihm entgegen. <term ref="kbga-terms-1978">Christus ist unsre Zukunft</term>. Wie das möglich ist, das ist freilich für unsre Sprache und für unsre Gedanken ein <hi rend="italic">Geheimnis</hi>. Wir können es nicht in unsre gewöhnlichen Worte fassen. Auch die Männer des <term ref="kbga-terms-74">Neuen Testaments</term> wussten ja nur in stammelnden Ausdrücken davon zu reden. Sie verkündigten seine Wiederkunft in den Wolken des Himmels [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.24.30">Mt. 24,30</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.13.26">Mk. 13,26</ref>], unter dem Schall der Posaunen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.52">1.Kor. 15,52</ref>], zum Gericht der Lebendigen und der Toten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.25.31 Mt.25.46">Mt. 25,31–46</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.20.11 Apk.20.15">Apk. 20,11–15</ref>]. Sie warteten auf das Herabkommen des neuen Jerusalem auf die Erde [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.21.2">Apk. 21,2</ref>]. Und auf die Aufrichtung seines Königreichs, in dem es keine Tränen und kein Unrecht, keine Lüge und keine Torheit mehr gibt. Sie dachten, das Alles ganz leibhaftig und wörtlich selbst noch zu erleben. Und doch würden wir sie missverstehen, wenn wir ihre Gedanken menschlich und äußerlich verstehen würden. Die Adventsbotschaft des Neuen Testaments ist wie eine Frucht, die ihre Schale zersprengt. Unsre Be<pb xml:id="p542" ed="pga" break="no"/>griffe können sie nicht umfassen. Und doch können wir daran glauben.</p>
                    <p>Freilich steht Christus auch hinter uns, in unsrer <hi rend="italic">Vergangenheit</hi>. Freilich hat er <term ref="kbga-terms-1434">gelebt</term> und ist vor 1900 Jahren über diese Erde gegangen. Und wenn wir ihn kennenlernen wollen, dann können wir das nicht anders tun, als indem wir uns an den Jesus halten, wie er uns in den <term ref="kbga-terms-1519">Evangelien</term> geschildert ist, an den Mann, der damals gelebt und geredet und gewirkt hat und <term ref="kbga-terms-129">gestorben</term> und <term ref="kbga-terms-393">auferstanden</term> ist. Dieser Jesus und kein Anderer redet zu uns von Gottes Liebe und Erbarmen, von der rechten Kindesliebe zu ihm und der rechten <term ref="kbga-terms-1202">Liebe</term>, die wir untereinander haben dürfen. Über die Jahrtausende hinweg wirkt und schafft er an uns, an jedem Einzelnen und an der <term ref="kbga-terms-402">Menschheit</term>, durch seine Worte, durch seine Gesinnung, durch seine Kraft, vor Allem durch sein <term ref="kbga-terms-129">Kreuz</term>. Jeder einzelne Zug in diesem längst vergangenen Leben ist wichtig für uns. Was wären wir, wenn er nicht hinter uns stünde? Was wäre die heutige europäische Menschheit ohne den stillen, starken Einfluss, der von diesem Mann ausgegangen ist? Wir können uns unser ganzes Leben gar nicht vorstellen, wenn wir Alles das daraus streichen wollten, was von ihm herrührt! Es würde etwa gerade soviel von uns übrigbleiben als von einer Pflanze, der man den Saft und den Farbstoff und außerdem die Wurzel nehmen würde. So ist <term ref="kbga-terms-1979">Christus unsre Vergangenheit</term>, der mütterliche Boden unsres höhern <term ref="kbga-terms-1564">geistigen Lebens</term>, die <term ref="kbga-terms-1980">Quelle des Besten in uns</term>, unsres <term ref="kbga-terms-1768">Vertrauens</term>, unsrer <term ref="kbga-terms-593">Liebe</term>, unsrer <term ref="kbga-terms-1981">Selbstverleugnung</term>. |</p>
                    <p>Aber nun die andre Seite der Wahrheit. Auch <hi rend="italic">
                            <persName ref="kbga-actors-292">Napoleons</persName> und <persName ref="kbga-actors-136">Goethes</persName></hi> Leben hat ungeheure Fortwirkungen gehabt, von Andern, kleineren Geistern nicht zu reden. Es gibt Geister neben Christus, die werden in ihrer Person fortwirken bis vor die Pforten der Ewigkeit. Es gibt keine, die jemals gelebt, deren Spur nicht irgendwie zu verfolgen wäre. Aber die Spuren solcher andrer Menschen in unserm Leben und im Leben der Menschheit brechen früher oder später ab, müssen abbrechen. Wer sich in seinem persönlichen Leben einfach etwa glatt nach Goethe oder <persName ref="kbga-actors-764">Schiller</persName> richten wollte, der wäre übel beraten, so Viele auch derartige Gedanken hegen mögen, und so hoch auch diese Menschen gestanden sind. Denn von ihnen wird man sich ehrlicherweise immer gestehen müssen, dass sie in ihrem Leben und in ihren Worten nirgends das letzte Wort gesprochen haben. Man kann <pb xml:id="p543" ed="pga"/> ihnen sehr weit folgen, aber dann verlangt man nach besserer Führung. Oder wie ist’s mit der Fortwirkung eines Napoleon? Gewiss, sie war mächtig, es gäbe kein 19. Jahrhundert ohne ihn, aber sein Werk ist doch ungeheuer rasch zusammengebrochen, der Einfluss seiner Gedanken ist mehr und mehr am Verschwinden, und schon heute berührt uns seine Gestalt eigentlich mehr wie ein Wesen aus alten Drachen- und Tyrannenmärchen als wie ein Bild aus der wirklichen Geschichte. Seine Spuren sind daran, sich zu verlieren, und nur die Erinnerung wird übrigbleiben. |</p>
                    <p>Gerade <hi rend="italic">das</hi> kann man nun von <hi rend="italic">Jesus nicht</hi> sagen<note place="footnote" n="a" type="textcritical" xml:id="na">
                            <p> <ref corresp="A">Mskr.</ref>: «sagen können»; vom Hrsg. korrigiert.</p>
                        </note>. <hi rend="italic">Seine</hi> Spuren <hi rend="italic">können</hi> sich nicht verlieren. Das <hi rend="italic">kann</hi> nicht geschehen, dass er hinter uns in der <term ref="kbga-terms-1449">Vergangenheit</term> zurückbleibt, dass er uns ein Gewesener, ein Gestorbener wird, einer, der einmal gelebt hat. Das kann nur da geschehen, wo sich die <term ref="kbga-terms-64">Sünde</term> trennend zwischen ihn und uns hineinschiebt. Wo wir wahrhaftig <hi rend="italic">von ihm ergriffen</hi> sind, wo Gott uns etwas von seiner Art geschenkt hat, da ist es ganz unmöglich, dass wir uns von ihm entfernen, da können wir keine andre <term ref="kbga-terms-890">Zukunft</term> haben als ihn und wieder ihn. Wo er uns hinweist und hinleitet, da finden wir am Ende des Weges immer wieder ihn selbst. Er steht unten am Berg und gibt uns die Freudigkeit, tapfer zu steigen, und indem wir aufwärts sehen, steht er schon oben, ganz oben, und heißt uns kommen und reicht uns die Hand zum Empfang. Er ist unser Antrieb und unsre Kraft, aber zugleich unser Ziel. Er lässt uns nirgends stehen oder allein weiter gehen, wie andre Meister tun, sondern er bleibt wirklich der Meister. Er bleibt keine Antwort schuldig, die wir nötig haben, sondern er hat letzte, lösende Worte, für Alle und für Alles. Du kannst als kleines Kind zu ihm kommen oder als erfahrener, gebildeter Mann, du kannst ein Neger an der <placeName ref="kbga-places-1098">Goldküste</placeName> sein oder ein Fraueli, das kaum mehr als seinen Namen richtig schreiben kann, oder ein Professor, der zehn Sprachen beherrscht und das Gras wachsen hört, du wirst nie dahin kommen, dass du in der <term ref="kbga-terms-593">Liebe</term>, im <term ref="kbga-terms-376">Gehorsam</term>, in der <term ref="kbga-terms-1682">Kraft</term> Jesus erreicht hättest und dich enttäuscht von ihm abwenden müsstest, um einen Bessern zu suchen. Sondern du wirst immer mehr bei ihm finden, als du gesucht, er wird immer reich und groß über dir stehen und wird dir immer noch etwas und noch etwas zu geben haben, und je höher du steigst, desto mehr wächst er vor deinen Augen! Und immer <pb xml:id="p544" ed="pga"/> aufrichtiger und inbrünstiger wirst du das Adventsgebet beten: Amen, ja komm, Herr Jesu! [<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.22.20">Apk. 22,20</ref>] Komm in mein Leben hinein, von Tag zu Tag mehr, in die verborgenen Regungen meiner <term ref="kbga-terms-356">Seele</term>, in die Zuckungen und Widersprüche meines <term ref="kbga-terms-596">Gewissens</term>, komm in meine dumpfen, unbewussten <term ref="kbga-terms-1435">Gefühle</term> wie in meine <term ref="kbga-terms-1691">Taten</term> und <term ref="kbga-terms-1692">Worte</term> im Lichte des Tages! Komm, ich habe überall Alles von dir zu erkennen, zu lernen, zu empfangen! Komm, Herr Jesu, du ewig überlegener Geist des Ernstes, der Liebe und der Reinheit! Du bist meine <term ref="kbga-terms-1979">Vergangenheit</term> <hi rend="italic">und</hi> meine <term ref="kbga-terms-1978">Zukunft</term>! Ich gehe von dir aus und ich gehe zu dir hin. Du bist der Anfang und das Ende, das A und das O [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.22.13">Apk. 22,13</ref>], du bist, der da war und der da ist und der da sein wird [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.1.8">Apk. 1,8</ref>]. So jubelt die <term ref="kbga-terms-1977">Adventsfreude</term> der <term ref="kbga-terms-277">Christen</term>. Und ich glaube nicht, ich wiederhole es, dass wir anders von Jesus denken und reden, dass wir anders uns zu ihm stellen können, wenn wir wahrhaftig von ihm ergriffen sind, wenn die Sünde sich nicht störend zwischen ihn und uns hineindrängt. |</p>
                    <p>Wir werden mit den Männern des Neuen Testaments immer dreierlei empfinden ihm gegenüber: das Gestern, das Heute und das In Ewigkeit. Es darf uns Keines abhanden kommen, auch wenn wir in andern Ausdrücken davon reden als sie. Und ebenso deutlich lernen wir ihn als den Zukünftigen, den Kommenden kennen, wenn wir über unser privates Seelenleben hinaussehen auf die <hi rend="italic">Entwicklung der <term ref="kbga-terms-402">Menschheit</term></hi>. Er ist auch hier nicht einer von den Vielen, die einen Einfluss haben, der eine Weile andauert, um dann wieder zu verlöschen. Er ist Keiner von denen, auf die man zurückblicken könnte, wenn man die <term ref="kbga-terms-398">Geschichte</term> übersieht. Gewiss, er hat seinen mächtigen Einfluss ausgeübt auf die Geschichte, der durch Alles hindurchgeht, aber man kann von ihm nicht sagen, dass wir uns von ihm entfernen, sondern die Entwicklung geht ihm entgegen, oder was dasselbe ist: er zieht mit Macht ein in die Geschichte der Menschen. Man hört zwar öfters das Gegenteil sagen. In den <term ref="kbga-terms-471">Gemeinschaftskreisen</term> zum Beispiel herrscht gewöhnlich die Meinung, die <term ref="kbga-terms-402">Menschheit</term> gehe vielmehr dem <term ref="kbga-terms-441">Teufel</term> entgegen. Der <term ref="kbga-terms-184">Unglaube</term>, das <term ref="kbga-terms-1895">Laster</term>, der Abfall nähmen immer mehr überhand. Auch von andrer Seite wird energisch gesagt: die Menschheit entferne sich von Jesus. Man kann auf die unsäglichen Gräuel eines <term ref="kbga-terms-1283">Krieges</term> verweisen wie dessen, der gegenwärtig geführt wird,<note xml:id="n03">
                            <p> Gemeint ist der <term ref="kbga-terms-1982">Erste Balkankrieg</term>, der im Oktober 1912 begonnen hatte. Die verbündeten Armeen <orgName ref="kbga-actors-9126">Bulgariens</orgName>, <orgName ref="kbga-actors-8731">Serbiens</orgName>, <orgName ref="kbga-actors-9124">Montenegros</orgName> und <orgName ref="kbga-actors-9125">Griechenlands</orgName> kämpften gegen das <orgName ref="kbga-actors-9075">Osmanische Reich</orgName>, das infolge seiner Niederlage den größten Teil seiner bis dahin noch gehaltenen europäischen Gebiete (das heutige nördliche <placeName ref="kbga-places-812">Griechenland</placeName>, <placeName ref="kbga-places-1099">Albanien</placeName>, <placeName ref="kbga-places-1101">Nord-Mazedonien</placeName> und Teile <placeName ref="kbga-places-320">Serbiens</placeName> und <placeName ref="kbga-places-1102">Bosnien-Herzegowinas</placeName>) verlor. Während des Oktobers und Novembers 1912 war es beinahe täglich zu großen Schlachten und Einnahmen oder Belagerungen von wichtigen Städten gekommen, die durchweg mit schweren Niederlagen der osmanischen Truppen geendet hatten. Ausführliche Informationen finden sich auf den Seiten von: <bibl corresp="kbga-bibls-1410">«osmikon. Das Forschungsportal zu Ost-, Ostmittel- und Südosteuropa» (https://www.osmikon.de/themendossiers/balkankriege-191213; zuletzt aufgerufen am 9.12.2021)</bibl>. </p>
                        </note> oder auf die Schandtaten der <term ref="kbga-terms-1558">Selbstsucht</term>, der <term ref="kbga-terms-1487">Ausbeutung</term> in <pb xml:id="p545" ed="pga"/> der Nähe und in der Ferne, oder auf die unglaublich rohen und verkommenen <term ref="kbga-terms-1294">sittlichen Zustände</term> in [unsern großen Städten] und in der Nähe unsrer großen <term ref="kbga-terms-1593">Städte</term>. Wir wollen das Alles nicht verschweigen und nicht vertuschen, wir wollen nicht mit Flötenschall über die <term ref="kbga-terms-603">Leiden</term> der <term ref="kbga-terms-378">Welt</term> hinweggehen, es würde uns übel bekommen. Aber das dürfen wir sagen: Jesus ist doch größer und stärker als sie. Ihm gehört die Zukunft und nicht dem Krieg, nicht der Selbstsucht, nicht dem Laster. Es ist so, wie <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> gesungen hat: Der Fürst dieser Welt, wie saur er sich stellt – tut er uns doch nichts – das macht, er ist gericht’t, ein Wörtlein kann ihn fällen!<note xml:id="n04">
                            <p> Aus Strophe 3 des Chorals <bibl type="song" corresp="kbga-songs-59">«Ein feste Burg ist unser Gott» von <persName ref="kbga-actors-261">M. Luther</persName> (GERS 157; RG 32; EG 362)</bibl>.</p>
                        </note> Jawohl, er ist gericht’t! Das Urteil über diese Dinge ist doch gemacht, es wird immer deutlicher, immer schärfer. Sie sind nicht mehr selbstverständlich wie früher, man denke an den <term ref="kbga-terms-1283">Krieg</term>! – sondern man lässt sie durchgehen, weil’s nicht anders sein kann, als eine Unvollkommenheit, die noch verschwinden muss. Sie rufen allgemeinen Protest und Widerwillen [hervor], wenn sie sich zeigen. | </p>
                    <p>Man kann nun wohl sagen, dass dieser Widerwillen gewöhnlich schwach ist und nichts ausrichtet gegen das Böse. Man kann zum Beispiel sagen, eine Veranstaltung wie der <orgName ref="kbga-actors-9132">Basler Friedenskongress</orgName> vom letzten Sonntag<note xml:id="n05">
                            <p> Am <date to="1912-11-25" from="1912-11-24">24. und 25. November 1912</date> tagte in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> der «Internationale Socialisten Congress», der später sogenannte «<orgName ref="kbga-actors-9132">Basler Friedenskongress</orgName>». Anwesend waren über 500 führende Vertreter sozialistischer Parteien aus mehr als 20 Staaten, besonders beeindruckte ein Friedensmarsch von etwa 10 000 Personen, der von Kleinbasel, wo die Tagung begonnen hatte, zum <placeName ref="kbga-places-859">Münster</placeName>, wo die Hauptveranstaltung stattfand, führte. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-907">
                                    <ref target="https://www.baslerstadtbuch.ch/chronik/1912/11/23/in-basel-tagt-wegen-des-balkankrieges-und-der-daher-drohenden-kriegerischen-verwicklungen-frueher.html">https://www.baslerstadtbuch.ch/chronik/1912/11/23/in-basel-tagt-wegen-des-balkankrieges-und-der-daher-drohenden-kriegerischen-verwicklungen-frueher.html</ref> (zuletzt aufgerufen am 9.12.2021)</bibl>.</p>
                        </note> ändere an den Schrecken des <term ref="kbga-terms-1283">Krieges</term> so wenig <pb xml:id="p546" ed="pga"/> wie etwa ein paar christliche Vereine an der Verdorbenheit der <term ref="kbga-terms-881">Großstadtjugend</term>. Das mag für den Augenblick wohl wahr sein, aber wird es so bleiben? Wird nicht der Protest gegen <term ref="kbga-terms-174">das Böse</term> schließlich stärker werden als das Böse selbst, gerade wie er schon jetzt auf allen Gebieten ungeheuer viel stärker geworden ist als früher? | </p>
                    <p>Und nun ist es gerade merkwürdig, wie gerade diese <term ref="kbga-terms-1949">Kämpfe für das Gute gegen das Böse</term>, deren Zahl unzweifelhaft zunimmt, ob sie es wollen oder nicht, ihre Ziele aus dem Evangelium Jesu nehmen. Für Alles, was wahr ist und gut und schön, beruft man sich immer wieder auf ihn, erneuert seine Gedanken, geht seine Wege. Und was zu seinem Bild nicht passt: Leichtsinn, Lieblosigkeit, Eigendünkel, Faulheit und Brutalität, das wagt man immer weniger als gut und schön zu vertreten, wenn es auch noch oft genug vorkommt. Was über Jesus oder gegen ihn wäre, das wagt man nur noch immer verschämter als Menschheitsziel auszugeben. Wogegen die großen, vorwärtsführenden Gedanken von heute von ihm stammen und darum auch ihm entgegenführen. Es war zum Beispiel doch wohl kein Zufall, dass für den erwähnten Kongress am letzten Sonntag das <placeName ref="kbga-places-859">Basler Münster</placeName> erbeten und bewilligt wurde. Man hatte offenbar auf beiden Seiten das Gefühl: er <hi rend="italic">gehört</hi> dahin. Wenn vom <term ref="kbga-terms-589">Frieden</term> geredet werden soll, dann gehört das dahin, wo sonst von Jesus geredet wird. Und mehrere im Übrigen <term ref="kbga-terms-1397">atheistische</term> Reden haben es dann offen ausgesprochen: die Gedanken Jesu sind hier unsre Gedanken.<note xml:id="n06">
                            <p> Vgl. etwa aus der Rede <persName ref="kbga-actors-9127">Viktor Adlers</persName> (1852–1918; Mitbegründer erster Vorsitzender der österreichischen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei): «Es ist ein tiefes Gefühl, in dem ich hier das Wort ergreife, ein tiefes Gefühl von der Bedeutung des Moments, […], daß wir, die wir hier in einer christlichen Kirche versammelt sind, die uns geöffnet wurde von Menschen, die ich nicht kenne, für die aber offenbar das Wort Christi noch Bedeutung hat: Nächstenliebe, Friede auf Erden und <hi rend="italic">ein</hi> Volk. Die weltgeschichtliche Antithese, daß wir hier tagen, wir, die Feinde aller Ordnung, die Feinde aller Religion, wir, die wir, seitdem wir leben und kämpfen, unter der Anklage des gewaltsamen Umsturzes stehen, liegt darin, daß wir als die Männer gewählt sind, die hier für den Frieden, für eine menschliche Ordnung in der Welt, hier in der Kirche eintreten» (<bibl corresp="kbga-bibls-1409">N. N., <hi rend="italic">Im Basler Münster</hi>, in: Grütlianer, Jg. 62, Nr. 277 vom 26.11.1912, S. 1–3, dort S. 2</bibl>).</p>
                        </note> |</p>
                    <p><pb xml:id="p547" ed="pga"/> Ich betrachte dergleichen Vorkommnisse nicht mehr denn als Anzeichen – als Symptome, wie die Ärzte sagen –; aber Anzeichen, Symptome sind es dafür, dass die Entwicklung der Welt sich nicht von Jesus entfernt, sondern dass sie sich ihm nähert, oder besser gesagt, dass Jesus kommt in unsre <term ref="kbga-terms-378">Welt</term>, dass er <term ref="kbga-terms-1978">der Zukünftige</term> ist, auf den wir warten und nicht umsonst warten, dass sich Gassen auftun vor unsern Augen, durch die der König der Ehren bei uns einziehen will [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.24.7 Ps.24.10">Ps. 24,7–10</ref>]. Und so besteht auch, wenn wir vom Einzelnen aufs Ganze sehen, unsre <term ref="kbga-terms-1977">Adventsfreude</term> nicht etwa in der Erinnerung an einen großen Helden und Wohltäter der <term ref="kbga-terms-402">Menschheit</term>, der damals gekommen ist, sondern wir warten wirklich auf seinen <term ref="kbga-terms-1974">Advent</term>, auf seine Ankunft. Wir rufen und flehen auch hier: Amen, ja komm, Herr Jesu! Komm schneller, mächtiger, siegreicher hinein in die verrottete, wurmstichige Menschheit, offenbare dich deutlicher, entschiedener in den Verwirrungen dieser <term ref="kbga-terms-1611">bösen Welt</term>! Herr, hilf uns, wir versinken! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.14.30">Mt. 14,30</ref>] So <term ref="kbga-terms-90">beten</term> wir! Und dabei strecken wir uns nach ihm aus, mühen uns, bereit zu sein, wenn seine Hand nach uns greift, um uns zu Instrumenten seines königlichen Wollens zu machen. Wir möchten uns beugen unter sein <term ref="kbga-terms-129">Kreuz</term> und möchten es Allen denen zeigen, die in der Verworrenheit nach dem Lichte ringen, mit dem Ruf, der einst an Kaiser <persName ref="kbga-actors-2218">Konstantin</persName> ergangen sein soll: in diesem Zeichen werdet ihr siegen!<note xml:id="n07">
                            <p> Nach <bibl corresp="kbga-bibls-1408">
                                    <persName ref="kbga-actors-4662">Euseb</persName>, <hi rend="italic">Vita Constantini</hi> I,28</bibl>, erschien <persName ref="kbga-actors-2218">Konstantin dem Großen</persName> vor der Schlacht an der Milvischen Brücke 312 ein Lichtkreuz mit den Worten «<foreign xml:lang="grc" rend="Ell">Tούτῳ νίκα</foreign>» («Durch dieses siege!»). Die ungenaue lateinische Wiedergabe «<foreign xml:lang="lat">In hoc signo vinces</foreign>» wurde zum – auch von Barth häufiger benutzten – geflügelten Wort. Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828">Büchmann, S. 322</bibl>.</p>
                        </note> Nur in diesem – die Wege, die an Jesus vorbeiführen, enden in der Nacht –, aber in diesem sicher! Das ist die christliche <term ref="kbga-terms-1977">Adventsfreude</term>: diese Hoffnung auf das Kommen Jesu in die Herzen und unter die Menschen, im Verborgenen und in Herrlichkeit. Das ist’s, worauf erwachsene <term ref="kbga-terms-277">Christen</term> sich freuen, wenn sie sich auf die <term ref="kbga-terms-1410">Weihnacht</term> freuen. Und wenn uns dann wieder einmal etwas von dem Erwarteten geschenkt worden ist, dann ist’s jedes Mal Weihnachtszeit. – |</p>
                    <p>Der <hi rend="italic">Text aus der Offenbarung</hi>, über den ich eigentlich predigen wollte, handelt von dem Engel, den der Seher mitten durch den Himmel fliegen sah mit dem Auftrag, ein ewiges Evangelium zu verkündigen denen, die auf Erden wohnen, und allen Heiden und Geschlech<pb xml:id="p548" ed="pga" break="no"/>tern und Sprachen und Völkern, und der mit großer Stimme sprach: Fürchtet Gott und gebet ihm die Ehre; denn die Zeit des Gerichts ist gekommen; und betet an den, der gemacht hat Himmel und Erde und Meer und Wasserbrunnen. Ich wollte über die christliche <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-359">Heidenmission</term></hi> reden bei diesem Text, und nun habe ich über Jesus und sein Kommen geredet. Da muss ich nun kurz nachholen, was ich eigentlich sagen wollte: Die Heidenmission und jenes Kommen Jesu in die Herzen und unter die Menschen, in unser <term ref="kbga-terms-1983">Privatleben</term> und in das <term ref="kbga-terms-1984">Weltleben</term> – Beides hängt sehr eng zusammen. Und wenn auch in jenem Text nicht direkt von der Ankunft Christi die Rede ist, so doch von dem, <hi rend="italic">was sie vorbereitet</hi>. Denn der Engel, der da aller Welt das ewige <term ref="kbga-terms-59">Evangelium</term> verkündigt, der bezeichnet sich selbst als Boten des Christus, der kommen soll. Er fordert mit großer Stimme Gehorsam und Verehrung Gottes im Hinblick auf das Kommen Christi, das bald zu erwarten ist.</p>
                    <p>Und nun möchte ich so sagen: <hi rend="italic">Die Heidenmission ist eine Vorbereitung auf das Kommen Jesu. Nicht die einzige</hi>. Auch das <term ref="kbga-terms-1985">Predigtamt</term> bei uns gehört dazu, gleichviel ob es in der <term ref="kbga-terms-33">Kirche</term> oder in <term ref="kbga-terms-471">Gemeinschaften</term> geübt werde. Vorbereitung auf das Kommen Jesu ist überall da, wo die Menschen um sein <term ref="kbga-terms-129">Kreuz</term> versammelt, mit ihm bekannt gemacht werden. Denn indem man ihn kennenlernt, seine Gebote und seine Einladungen, wird man fähig, ihn zu empfangen. Der <term ref="kbga-terms-73">Glaube</term> kommt durch das Wort [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.10.17">Röm. 10,17</ref>], so ist es ja unsern Vorfahren gegangen, als sie vom <term ref="kbga-terms-109">Heidentum</term> zum <term ref="kbga-terms-807">Christentum</term> übertraten, und der Glaube muss auch durch das Wort immer wieder genährt und gestärkt werden. So bricht die Arbeit der Missionare in den Heidenländern die Bahn, durch die Jesus einziehen kann. Sie rauten das Unkraut des <term ref="kbga-terms-760">Aberglaubens</term> und des <term ref="kbga-terms-563">Irrtums</term> aus, sie gewöhnen die Menschen zu strenger <term ref="kbga-terms-795">Arbeit</term> und zu einem <term ref="kbga-terms-1294">sittlichen Lebenswandel</term>, sie zeigen ihnen das Bild Jesu, so wie sie selber es kennen. Ob es dann Leben bekommt in den Menschen, ob Jesus wirklich kommt zu ihnen, ob er ihre Sehnsucht und ihre Zukunft wird, immer aufs Neue, das Alles ist nicht Sache der Missionare, sondern Sache Gottes. Er lenkt die trotzigen und verzagten Herzen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jer.17.9">Jer. 17,9</ref>] wie Wasserbäche. Gerade, wie wenn Eltern ihren Kindern oder ein Freund dem andern den Dienst erweist, ihn auf den Weg des Königs hinzuweisen. Hinweisen kann man, das Gehen steht in andrer Macht. – |</p>
                    <p><pb xml:id="p549" ed="pga" rend="noPipe"/> Es muss also betont werden, dass die <term ref="kbga-terms-210">Mission</term> eine Vorbereitung ist und <hi rend="italic">nicht das Kommen Jesu</hi> selbst. Der Engel mit dem ewigen Evangelium und Christus selbst ist zweierlei. Ich sage das nicht, um die Mission gering zu machen, aber doch, um vor einer gewissen Überschätzung zu warnen. Man hat in den letzten Jahren in Missionsblättern manchmal den Ton hören können, als ob das Fortschreiten der Mission und des <term ref="kbga-terms-1986">Königreiches Christi</term> einfach eines und dasselbe wäre. Der amerikanische Missionsfeldherr <persName ref="kbga-actors-3705">John Mott</persName> zum Beispiel hat sich ausgesprochen, wenn genügend Geld dafür gegeben werde, könne in wenig Jahren «<placeName ref="kbga-places-798">China</placeName> für Jesus» erobert werden.<note xml:id="n08">
                            <p> <persName ref="kbga-actors-3705">John Raleigh Mott</persName> (1865–1955), seit 1895 Generalsekretär des von ihm mitgegründeten Studenten-Weltbundes, im Juni 1910 Vorsitzender der Weltmissionskonferenz in Edinburgh, später Präsident des Weltbundes der CVJM, 1946 Friedensnobelpreisträger. Die von Barth angeführte Aussage konnte so nicht ermittelt werden, entspricht aber ganz dem Elan und der Begeisterung, mit der sich Mott und die sich ihm zugehörig fühlenden Teile der Jugend- und Studentenbewegung der Missionsaufgabe widmen wollten; vgl. ausführlich: <bibl corresp="kbga-bibls-1403">J. Mott, <hi rend="italic">Die Evangelisation der Welt in dieser Generation</hi>, übers. von E. Groeben, Berlin 1901</bibl> (engl. Originalausgabe: <bibl corresp="kbga-bibls-1405">ders., <hi rend="italic">The Evangelization of the world in this generation</hi>, New York 1900</bibl>). Barth hatte sich mit Motts Auftritten in der Schweiz ausführlicher beschäftigt; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1406">K. Barth, <hi rend="italic">John Mott und die christliche Studentenbewegung</hi>. 1911, in: V.u.kl.A. 1909–1914, S. 266–284</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1407">ders., <hi rend="italic">Vorträge von John Mott</hi>. 1911, in: a.a.O., S. 285–287</bibl>.</p>
                        </note> Das ist ein wenig unbescheiden. Wenn in so einem Heidendorf oder [einer] Stadt die Mission ihren Einzug gehalten hat, dann ist damit noch nicht das <term ref="kbga-terms-434">Reich Gottes</term> da ein für allemal. Das wissen die Missionare selbst sehr wohl. Sondern dann ist es da ungefähr gerade wie in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>: das ewige <term ref="kbga-terms-59">Evangelium</term> ist bekannt, den Ohren, den Köpfen, den Herzen bekannt – aber das Reich Gottes ist da und nicht da, je nachdem. Es gibt auch dort Trinker und Schwätzer und Schuldenmacher und viele alberne Leute, die Alles missverstehen, gerade wie in der <term ref="kbga-terms-1687">alten Christenheit</term> auch. Gewiss, das ist etwas Großes, wenn die Leute einmal nach langer Finsternis wissen können, wie sie dran sind, was Gott von ihnen will, aber damit nun wirklich Jesus König werde über die Herzen und in den Verhältnissen, dazu braucht es dort wie hier eine jahrhunderte- und jahrtausendelange <term ref="kbga-terms-1975">Adventszeit</term>.</p>
                    <p>Solche Vorbereitung zu ermöglichen, sollen und dürfen wir freudig, so gut wir es können, der Missionsarbeit unter die Arme greifen. Ei<pb xml:id="p550" ed="pga" break="no"/>nen besondern Grund dafür gibt es nicht. Ich glaube, das muss aus unsrer eignen <term ref="kbga-terms-1977">Adventsfreude</term> selbstverständlich siegreich hervorgehen, dass wir uns sagen: Die <term ref="kbga-terms-109">Heiden</term>, das heißt, die Unvorbereiteten, die, zu denen Jesus nicht kommen kann, wenn sie nicht besonders dafür gerüstet werden, diese Leute gehen mich etwas an. Der <term ref="kbga-terms-210">Missionsruf</term> des Engels mit dem ewigen Evangelium – er darf nicht einsam verhallen. Sondern, wenn es uns Ernst ist damit, dass wir auf Jesus warten, drinnen im Herzen und draußen in der Welt, dann muss es uns daran gelegen sein, dass auch Andre so warten können, heilige Advents- und <term ref="kbga-terms-1987">Weihnachtszeiten</term> erleben dürfen. Dann bekommen wir ein Herz für die große Vorbereitungsarbeit bei den Heiden so gut wie für die bei uns und freuen uns, wenn wir dabei helfen dürfen.</p>
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                    <salute>Amen.</salute>
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