24. November 1912 – kein Datum

Predigt: 1 Korinther 12,4-6

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1.Korinther 12,4–6
Es sind mancherlei Gaben, aber es ist ein Geist – Und es sind mancherlei Ämter, aber es ist ein Herr – Und es sind mancherlei Kräfte, aber es ist ein Gott, der da wirket Alles in Allen.
Liebe Zuhörer!

Von den Gemeinschaften möchte ich heute einmal reden, nämlich von den religiösen Gemeinschaften neben der Landeskirche, und was von ihnen zu halten ist. Das ist ja ein Gegenstand, der schon Viele beschäftigt hat und noch beschäftigt. Aber man hat im Allgemeinen wenig klare und haltbare Meinungen darüber. Man versteht einander oft nicht und redet in die blaue Luft hinein, wenn man darüber redet. Und daraus kommt dann wieder allerlei gegenseitiger Hochmut und Groll und Unfriede. Es wird gut sein, wenn wir einmal gemeinsam darüber nachdenken und uns aussprechen.

Was sind sie und was wollen sie, diese besondern christlichen Gemeinschaften neben der allgemeinen Kirche, zu der jedermann gehört? Ich will zuerst ganz einfach erzählen, was ich von ihnen weiß. Nicht von Allen, das würde uns viel zu weit führen, aber von denen, die in unserm Safenwil vorhanden sind. Ich glaube, es wird in dieser Sache schon darin öfters gefehlt, dass man in aller Eile mit irgend einem Urteil daher kommt, bevor man sich ein wenig erkundigt hat, um was es sich denn eigentlich handelt. Wahrscheinlich hat es in unserm Dorf schon seit der Reformationszeit solche Nebenausversammlungen gegeben. Im Jahre 1528 wurde ja auf obrigkeitlichen Befehl die alte Kirche von Safenwil, die auf dem Lindenfeld stand, abgerissen, und unsre Vorfahren wurden für fast 340 Jahre sozusagen kirchlich heimatlos, denn über den Berg nach Zofingen und später nach Kölliken war der Weg weit,1 besonders für Frauen und |525 alte Leute. Da kann man sich nicht wundern, wenn das Bedürfnis entstand, sich selber Ersatz zu schaffen. |

Dazu kam, dass unmittelbar nach der Reformation eine merkwürdige religiöse Bewegung aufkam, die gerade unter dem Landvolk viel Anklang fand, nämlich das sogenannte Wiedertäufertum oder, wie sie sich selbst nannten: die Taufgesinnten. Bei ihnen war eigentlich schon Alles das vorhanden, was noch heutzutage das Wesen der religiösen Sondergruppen ist. Sie fanden die allgemeine Kirche zu tot und zu äußerlich und wollten an ihre Stelle eine wirklich vom heiligen Geist geleitete Gemeinde setzen. Sie wollten aus dem großen Haufen der sogenannten Christen, aus dem Babylon der Staatskirche, die kleine Herde derer sammeln, denen es ernst war mit ihrer Bekehrung und Heiligung. Das war ihr Grundsatz. Und darum sollten nicht schon die unmündigen Kinder, sondern erst die Erwachsenen die Taufe empfangen als Zeichen ihrer wirklichen Bekehrung, als Geistestaufe. Aber das war nicht die Hauptsache bei ihnen, sondern nur das, was am Meisten auffiel an ihrer Lehre. Solche Taufgesinnte hat es wahrscheinlich schon vor bald 400 Jahren auch in unserm Dorf gegeben. Jedenfalls waren sie in der Umgebung von Zofingen vorhanden, und der dortige Vogt hatte viel mit ihnen zu tun. Denn das war noch die Zeit, wo die Obrigkeit jede Absonderung von der allgemeinen Kirche als Vergehen behandelte. Die Gewissen waren noch nicht frei oder durften noch nicht frei sein, sondern man hatte sich in Glauben und Leben nach den Anordnungen des Staates, in unserm Fall der bernischen Regierung zu richten. Das war die Zeit, wo die sogenannten Sekten von oben herab förmlich verfolgt wurden. Mehrere Dutzend Wiedertäufer sind damals in Bern durch das Schwert hingerichtet worden als Aufrührer gegen die öffentliche Ordnung.2 Einer davon war der Has|526libacher, der dann in einem Volkslied verherrlicht wurde, das vor etwa 70 Jahren auch hier herum noch etwa gesungen worden ist.3 In Zürich hat man die Täufer kurzerhand in den See geworfen.4 Aber auch als das aufhörte, blieben alle religiösen Sonderversammlungen etwas schlechterdings Verbotenes. Ältere Leute wissen noch heute zu erzählen, wie man es noch in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts mit der Polizei zu tun bekam, wenn man dabei erwischt wurde. Und so kann es nicht verwunderlich sein, dass man wenig oder nichts weiß über das, was etwa damals ging. Es wurde mir nur gesagt, es habe «immer» solche Versammlungen gegeben in Safenwil, und ich halte das für sehr wahrscheinlich. – |

|527 Von den gegenwärtig vorhandenen ist, wenn ich nicht irre, die älteste diejenige, die in einem Privathaus im Dörfli5 abgehalten wird. Sie fand früher in Zofingen statt, und dorthin war sie gekommen als Ableger einer kleinen Gemeinschaft im Tannental, Gemeinde Rüderswil im Emmental, die besonders durch die Vorträge eines einfachen Landmanns namens Hans Ulrich Liechti bekannt wurde, der von 1802–1878 gelebt hat. Nach ihm sind sie «Hansulianer» genannt worden oder «Tannentalbrüder», sie selber aber nennen sich «die Stillen im Lande» und haben heute außer in Safenwil nur noch in einigen wenigen Ortschaften des Kantons Bern ihre Zusammenkünfte.6 Aus dem Namen «die Stillen im Lande» können wir schon entnehmen, was das Wesen dieser kleinen Gemeinschaft ist. Hans Ulrich Liechti wollte in seinem «Gmeinschaftli», wie er es nannte, ganz wie die alten Täufer die kleine Herde sammeln aus der großen Zahl, nur dass er nie zum Austritt aus der Kirche aufgefordert hat. Aber «Stille» sollten seine Leute sein, still in Gott, der Welt und ihrem Treiben abgewandt, von ganzer Seele dem Herrn zugekehrt. Am Liebsten redete er von den seligen innern Erfahrungen, die als Ausflüsse aus dem Innern Gottes dem wahren Christen zu Teil werden, vom Kreuz und von der Demut, in denen diese Erfahrungen bewährt und vertieft werden müssen. Es waren die Gedanken des Rheinländers Gerhard Tersteegen7 und des Württembergers Michael Hahn8, ins Berndeutsche übersetzt. Hansuli muss auf Alle, die ihn kannten, einen tiefen Eindruck ge|528macht haben durch die gewinnende Liebenswürdigkeit seiner Persönlichkeit, durch die innige Überzeugtheit, mit der er sprach, durch den einfachen, quellenartigen Fluss der Gedanken und Bilder, in denen er seine Lehre vortrug. Seine Nachfolger, ebenfalls einfache Bauersleute, die alle Monate aus dem Emmental hierher kommen, suchen in Allem in seinen Fußspuren zu gehen. Wenn sie ihm auch geistig kaum gleichkommen, so ist es doch tatsächlich noch immer dieselbe Gedankenwelt und dieselbe Stimmung wie zu seiner Zeit, die in diesem Kreise herrscht und, wie von Hansuli selbst Viele reichen Segen empfangen haben, so auch jetzt auch in den durch ihn angeregten Versammlungen. Sie pflegen das Evangelium von der Liebe Gottes als eine Botschaft der stillen Freude und des stillen Friedens. – |

Die zweite Sondergruppe in unserm Ort ist die Evangelische Gemeinschaft, die in der Kapelle im Dörfli und im Saal auf dem Striegel9 Gottesdienste und Sonntagsschule abhält. Sie stammt nicht aus der Schweiz, sondern, wie so Vieles in unserm heutigen Leben, aus Amerika. Sie war ursprünglich ein Zweig einer größern Sonderkirche, der methodistischen, und wurde von dem Württemberger Jakob Albrecht (1759–1808) gegründet zur Pflege des religiösen Lebens unter den deutschen Auswanderern in Pennsylvanien in Nordamerika. Seit 1839 sind sie aber eine eigene Kirche, wurden nach ihrem Stifter auch Albrechtsbrüder genannt und fingen dann bald an, auch in der europäischen Heimat, besonders in Deutschland und in der Schweiz, «Mission» zu treiben oder «das Reich Gottes zu bauen», wie sie sagen. Einzig in der Schweiz haben sie heute etwa 110 Gemeinden. An der Spitze des ganzen Werks in Amerika und Europa stehen vier Bischöfe. Die Prediger werden in besondern Seminaren für ihren Beruf ausgebildet. Ihre Zeitung ist der bekannte Evangelische Botschafter.10 |

Und nun die Grundsätze dieser Gemeinschaft? Sie sind im Ganzen dieselben wie die der Methodistenkirche. Das Wichtigste daran ist die Auffassung der Bekehrung als eines plötzlichen Ereignisses, das man |529 auf Tag und Stunde genau soll angeben können. Sie ist ein jäher Durchbruch aus Sündenelend und Zerknirschung zur Freude des Gotteskindes. Durch diese Erfahrung werde der Mensch seines Heiles gewiss. Ihr müsse dann freilich noch eine zweite Erfahrung folgen, nämlich die der Heiligungsgnade, durch die die sittliche Vollkommenheit geschaffen wird. Das Wesentliche an der Lehre ist dieses Gewichtlegen auf die Erfahrungen des Christen. Die Gemeinschaft will sich zusammensetzen aus solchen, die derartige Erfahrungen gemacht haben. Dadurch unterscheidet sie sich von der Welt und auch von der Landeskirche, in der Bekehrte und Unbekehrte, Geheiligte und Ungeheiligte durcheinander sind. Es muss aber gesagt werden, dass gerade bei uns Viele von den Mitgliedern der Gemeinschaft zugleich zu den treusten Mitgliedern der Landeskirche gehören. Was die Evangelische Gemeinschaft betont und in Wort und Schrift predigt, das ist die Entschiedenheit des Christentums. Sie will nicht halbe, sondern ganze Religion. – |

Von zwei andern religiösen Sondergruppen will ich nur kurz reden, weil beide nur wenige Anhänger haben in Safenwil. Zuerst die «Irvingianer» oder, wie sie sich selbst nennen: die «apostolisch-katholische Gemeinde» oder, wie ihr sie kurzweg zu nennen pflegt: «die Apostel». Sie haben ihre Versammlung in Zofingen. Was wollen sie? Ihr Stifter, Eduard Irving (1792–1834), ein Prediger in London, stellte die Lehre auf, die Christenheit müsse die kirchliche Ordnung der Apostelzeit nach dem Neuen Testament wieder einführen. Und das geschah dann auch in der nach ihm genannten Sonder-Gemeinde. Da gibt es Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten, Lehrer und Engel. Mit der äußren Ordnung hoffte man, auch den Geist und die Geistesgaben der Apostelzeit zurückzurufen. Ursprünglich hieß es, noch zu Lebzeiten der zuerst gewählten zwölf Apostel solle die Wiederkunft Christi erfolgen. Aber das geschah nicht; einer nach dem andern ist gestorben, im Jahre 1901 auch der letzte, der zwölfte. Die Gemeinde hat sich doch fortgepflanzt und übt wohl besonders durch ihre Gottesdienste, in denen es gar viel zu sehen und zu hören gibt, eine gewisse Anziehungskraft aus.11 |

530Eine andre Versammlung, zu der sich ein paar Familien unsres Ortes halten, sind die Darbysten, oder wie sie sich selber nennen, «die Brüder». Sie stammen ebenfalls von einem englischen Geistlichen: John Nelson Darby (1800–1882) und haben von allen diesen Sondergemeinschaften am meisten Ähnlichkeit mit den alten Wiedertäufern, obschon auch bei ihnen die Taufe der Erwachsenen durchaus nicht die Hauptsache ist, wie man oft meint, sondern nur eine Äußerlichkeit. Das Wesentliche ist, dass hier die Kirche als eine ganz verfehlte, widergöttliche Einrichtung ausdrücklich verworfen wird, ebenso wie auch der Staat, die Bildung, der Handel, die Industrie, kurz alles Weltliche als Werke des Teufels erklärt werden. Dafür hören wir, dass der von Natur völlig verdorbene Mensch durch die Wiedergeburt «im Nu», und zwar gänzlich erneuert werde, so dass er von da an nicht mehr um Vergebung der Sünden zu beten brauche. Diese Wiedergebornen sind dann die «Brüder», die Gemeinschaft der Heiligen, der wahre Leib Christi. Auch unter den Darbysten wie unter den Irvingianern gibt es tatsächlich Viele persönlich sehr ernste und fromme Christen. Ein besonders bekannter Darbyst ist der deutsche General Viebahn, der in Basel von Zeit zu Zeit Erweckungspredigten hält. Er hat sich aber in jüngster Zeit wieder von der Gemeinschaft getrennt.12 Die Heilsarmee will ich diesmal bloß nennen, da wir anlässlich des Todes des General Booth ausführlich von ihr geredet haben.13

531 Und ich will aufhören mit Aufzählen und Berichten. Ich habe nur genannt, was hier in Safenwil vorkommt, in Wirklichkeit gibt es noch viel mehr solcher Gemeinschaften. Jetzt wollen wir uns besinnen, was wir dazu sagen wollen. Ich glaube, die Meisten von euch, die nicht selber bei einer von diesen Gruppen sind, werden bei meiner Aufzählung im Stillen gedacht haben: Was ist auch das? Warum müssen auch alle diese Leute etwas Besonderes haben? Warum diese Absonderung in Zimmern, Sälen und Kapellen14? Hätten sie nicht alle in der Kirche Platz? Das sind so die Gedanken, die einem etwa zuerst aufsteigen, wenn von den sogenannten «Stündlern»15 die Rede ist. Vor einer Reihe von Jahren hat sich einmal die Kirchenpflege16 von Safenwil mit der Sache beschäftigt, und damals wurde ins Protokollbuch geschrieben, «man nehme mit Bedauern Kenntnis von der leidigen Tatsache der Vermehrung der Sekten in unserm Dorf und stelle sich einstimmig und mit Entschiedenheit auf den Boden der Landeskirche». Vielleicht erwarten es Manche von mir, dass ich nun auch in diesem Sinn rede. Viele Pfarrer tun das; sie sehen in den Gemeinschaftsleuten ihre Konkurrenten, ja, ihre Feinde. Ich weiß von Solchen, die es als ihre Hauptaufgabe betrachten, die Sekten zu bekämpfen. Ganz ohne allen Grund wird das ja nicht sein, und darum wollen wir auch den Gegnern der Stündler abhören, was sie gegen sie einzuwenden haben. |

Zuerst wirft man ihnen wohl meistens den Hochmut vor. Das hat seinen guten Grund. Wir haben gesehen, dass schon die alten Täufer die Ernsten sein wollten, die Strengen, die Geistbegabten. Die gleichen Gedanken findet man fast bei sämtlichen religiösen Absonderungen. Sie wollen die auserlesene Schar sein, die mit dem Heiland auf einem ganz besonders guten Fuß steht. Ja, da müssten die Stündler keine Menschen sein, wenn dieser Gedanke sie nicht manchmal hochmütig, eingebildet, pharisäisch machen würde. Sie sollen sich selber fragen, ob sie noch nie gebetet haben: Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie dieser und jener … [vgl. Lk. 18,11] Und im Gegensatz dazu darf man |532 sich wohl unsrer Landeskirche freuen, die viel bescheidener ist und nichts sein will als die Arche Noah, die allerlei Tiere in sich schließt [vgl. Gen. 7,14–16], reine und unreine, oder als das Netz im Gleichnis Jesu, in dem die guten und die faulen Fische miteinander gefangen werden [vgl. Mt. 13,47f.], oder als eine Schule, in der es gute und schlechte Schüler nebeneinander hat. Wenn die Stündler hochmütig sein und sich als das «Volk des Herrn» betrachten wollen, dann kann man ihnen ruhig antworten, dass es Gottes Sache ist, sich sein Volk auszuwählen, dass er die Seinigen kennt und dass sie ihm nicht zuvorzukommen brauchen mit der Erklärung: Wir sind’s! da hat die Landeskirche in der Tat die größere Wahrheit auf ihrer Seite. |

Der zweite Vorwurf, den man den Gemeinschaftsleuten machen kann, ist der, dass meistens ein gar enger, kleinlicher Geist bei ihnen herrsche, dass man bei ihnen so wenig Freiheit finde im Denken und im Leben. Da wird ja auch etwas daran sein, und es hat seinen Grund. Die meisten Gemeinschaften sind ja entstanden durch die Betonung irgend eines besondern Punktes in der christlichen Lehre. Eins wird zur Hauptsache gemacht, Alles andre darüber vernachlässigt. Man möchte ihnen oft zurufen: macht ein wenig die Fenster auf! lasst ein wenig Luft herein! Die Welt Gottes ist nicht so klein, wie ihr denkt. Schließt eure Erkenntnis nicht in einem Sarg ein, sondern lasst sie leben, wachsen, sich klären und vertiefen! Und da kann man wiederum an der Landeskirche Freude bekommen, darum dass sie ein Raum ist mit offenen Fenstern nach allen Seiten, darum dass die christliche Erkenntnis und das christliche Leben da gedeihen können in der Luft völliger Freiheit, darum dass da die Wahrheit nicht gebunden ist an irgend ein Gesetz und an keine Überlieferung, an keinen Hans Ulrich Liechti und an keinen Darby, sondern allein an Christus, der selber die Wahrheit ist [vgl. Joh. 14,6]. Die evangelische Kirche der Neuzeit hat gerade von den alten Täufern den wichtigen Grundsatz übernommen, dass der heilige Geist die Kirche und die einzelnen Pfarrer und Mitglieder in alle Wahrheit leiten müsse [vgl. Joh. 16,13], dass man zu ihm das Vertrauen haben müsse, er werde seine Sache schon recht machen, und dass man ihn durch keinen Kirchengeist und Sektengeist ersetzen dürfe. Dieser Gewissensfreiheit im Evangelium freuen wir uns hier in der Tat gegenüber allen Gemeinschaften, die sie tatsächlich beschränkena.

|533 Das dritte, was man ihnen vorhalten kann, ist das, dass durch sie die Einheit der evangelischen Christenheit zerstört werde. Man weist darauf hin, wie viel schöner es wäre, wenn Alle auf die gleiche Weise Gott anbeten würden. Man vergleicht mit der katholischen Kirche, wo in Spanien, Italien, Südamerika und Deutschland so gut wie in Olten und auf dem Rothacker dieselbe Farbe, dieselbe Fahne regiert. Und bei uns in einem so kleinen Dorf wie Safenwil ein solches Durcheinander! Daran ist auch etwas. Absonderung ist immer das Zeichen einer gewissen Armut. Wenn man sich wirklich stark fühlt, schließt man sich nicht in eine Büchse ein, sondern man wirkt wie der Sauerteig in der großen Masse [vgl. Mt. 13,33], man lässt sein Licht leuchten vor den Leuten [vgl. Mt. 5,16]. Man macht es dann nicht wie die Ratten, die das sinkende Schiff verlassen, sondern man hilft nach Kräften, es über Wasser zu halten. Man darf nicht etwa mit Luther und Zwingli und Calvin kommen und sagen, die hätten doch auch die große Kirche verlassen und hätten eine Sektenkirche gegründet. Gerade das wollte die Reformatoren nicht, sie haben sich verzweifelt gewehrt, um in der katholischen Kirche bleiben zu können, und sind erst gewichen, als sie ausgestoßen wurden, dann freilich mit gutem Gewissen. Es ist immer ein gewisses Unrecht in der Absonderung, wenn ich auch wohl weiß, dass sie oft unvermeidlich gewesen ist. Man verzichtet damit doch immer ein wenig auf die Liebe, wenn man sich so in ein Sonderhäuslein begibt. Und dieses Unrecht rächt sich: es ist kaum eine von den sogenannten Sekten, die nicht in sich selber wieder Spaltungen und Absonderungen erlebt hätte: aus der einen Methodistenkirche zum Beispiel ist ein ganzes Büschel von Gemeinschaften hervorgegangen. Wenn der Riss eben einmal da ist, dann reißt er weiter, weiter, als es seinen Urhebern lieb sein mag, aber er reißt. Da kann man sich wieder dessen freuen, dass eine Landeskirche da ist, die sich von Keinem scheidet, der mit ihr und in ihr in Christus die Wahrheit sucht und findet, die Niemanden hinausstößt, sondern wie eine gute Mutter jedes verschiedene Kind seine eigenen Wege gehen lässt und wohl erzieht und leitet, aber nicht zwingen und herrschen und richten will. Man mag das Schwachheit nennen, wenn man von Weitem urteilt. In Wirklichkeit ist es die Liebe, die alles vertragen, alles glauben, alles hoffen, alles dulden möchte [vgl. 1.Kor. 13,7].

534 So etwa kann man gegen die Gemeinschaften reden, wenn man will. Man kann es mit gutem Recht tun. Man könnte noch mehr sagen, als ich gesagt habe. Ich habe ja nur von den Gemeinschaften im Allgemeinen geredet, nicht von dem, was ich als Irrtum oder Gefahr ansehe bei den einzelnen genannten Gruppen. Ich verzichte darauf, obwohl ich Vieles zu sagen hätte. Aber selbst wenn es noch viel mehr wäre, ich würde darum doch nicht einstimmen in die übliche Entrüstung gegen sie. Es ist mir unmöglich, das Sektenwesen einfach als eine «leidige Tatsache» zu erklären, und noch weniger kann ich in den Gemeinschaftsleuten oder ihren Predigern meine Konkurrenten und Feinde erblicken. Dieser Gegensatz kann trotz Allem vor dem Evangelium nicht bestehen, und ich möchte nun gerade die Freunde unsrer Landeskirche, die gegen die Gemeinschaften viel auf dem Herzen haben, bitten, sich mit mir unter das Apostelwort zu stellen, das ich als Text verlesen habe: Es sind mancherlei Gaben, aber es ist ein Geist; und es sind mancherlei Ämter, aber es ist ein Herr; und es sind mancherlei Kräfte, aber es ist ein Gott, der da wirket Alles in Allen. Von den Gaben und Ämtern und Kräften der Landeskirche haben wir geredet; ich finde sie in ihrer Demut, dass sie keine Gemeinde der Heiligen sein will, sondern nur eine Schule, in ihrer Freiheit, die die Gewissen an nichts Menschliches bindet, sondern nur an Gott in Christus, in ihrer Einheit, die sich durch keine Unterschiede ihrer Glieder zerbrechen lässt. Aber auch die Gemeinschaften haben ihre Gaben und Ämter und Kräfte. Und von denen wollen wir nun auch reden. – |

Zunächst einmal das: in den Gemeinschaften ist viel besser als in der Kirche gesorgt für die Gemütsbedürfnisse. Schon darum, weil dort nicht so viele Leute sind. Man kennt einander, man fühlt, dass man zusammengehört, es herrscht ein warmer, heimeliger Ton in so einem Saal oder einem Zimmer. In der Kirche dagegen ist es oft so kalt, man geht so gleichgiltig aneinander vorbei, nachdem man eben gebetet und gesungen hat zusammen. Man hat nicht so das Gefühl, unter Brüdern und Schwestern zu sein, wie dort. Dort kommt der Einzelne so recht zur Geltung. Ich verstehe es darum, wenn besonders etwa alleinstehende Personen gern dorthin gehen, und ich wollte sie um keinen Preis zurückhalten. Ein anderes Gemütsbedürfnis, das die Gemeinschaften besser befriedigen als die Kirche, ist der Wunsch, im Prediger des Evangeliums einen recht nahestehenden Menschen vor sich zu |535 haben. Wie in katholischen Gegenden Viele sich lieber an die Kapuzinermönche wenden als an die höherstehenden Priester, so hören bei uns Viele lieber einen einfachen Prediger oder sogar einen Bauersmann als einen studierten Pfarrer. Der Mangel an Bildung, den solche Redner oft haben, ist dann gerade ihr Vorzug: «man versteht sie besser, weil sie nicht so gelehrt sind», sagt man. Wieder andre Gemütsvorzüge der Gemeinschaften betreffen die Einrichtungen des Gottesdienstes. Es geht meistens lebhafter und abwechslungsreicher zu in der Stunde als im kirchlichen Gottesdienst. Man singt mehr innige Lieder mit gefühlvollen Worten, es wird aus dem Herzen gebetet, man hört wohl noch allerlei schöne Musik, wie in der Heilsarmee. Ich glaube, mich nicht zu irren, wenn ich sage, dass sehr viele Leute durch diese Gemütsbedürfnisse in die Gemeinschaften geführt werden und nicht etwa durch die besondern Lehren, die da vertreten werden. Die Gemeinschaften haben wirklich Gabe, Amt und Kraft, diesen Bedürfnissen besser entgegenzukommen als die Landeskirche. – |

Ein zweiter Vorteil, den sie haben, ist gerade das, was auf der andern Seite die Gefahr des Hochmuts mit sich bringt. Die Gemeinschaftsleute wollen mit den Forderungen des Evangeliums ernst machen, sie wollen nicht bloß Christen heißen, sondern auch sein. Dabei geht es ohne Unvollkommenheit und ohne schwere Selbsttäuschungen nicht ab; das ist ja selbstverständlich. Aber selbst wenn man das Alles abzieht, so wird man doch nicht bestreiten können, dass bei ihnen und bei denen, die ihnen nahe stehen, im Großen und Ganzen mehr ernsthafter Eifer für das Gute zu finden ist als bei denen, die da meinen, eine große Tat zu tun, indem sie über die Stündler losziehen. Ja, wir wollen die Sache einmal umkehren: ich glaube, es schimpft mancher über die Stündler, nicht wegen ihrer Ansichten – darum kümmert er sich nicht, und nicht wegen ihrer Stellung zur Landeskirche – denn die Kirche ist ihm so egal wie die Kapelle, aber weil er sich stößt an dem reinern, strengern Leben, das diese Leute führen. Das ist für ihn wie ein Vorwurf, und keine größere Freude kennt er als die, wenn er einen Stündler dabei ertappen kann, dass er auch seinen Fehler hat. Gerade das bekannte Vergnügen der andern Leute in solchen Fällen ist der beste Beweis, dass die Gemeinschaftsleute und ihre Gesinnungsverwandten im Ganzen eifriger sind im Gehorsam gegen das Evangelium. Man stellt höhere Ansprüche an sie als an die andern und an sich |536 selber. Wenn es aber so ist, dann kann man nur sagen: Gott bewahre uns davor, dass es einmal keine Stündler mehr gebe! Und wenn sie noch zehnmal pharisäischer wären, als sie sind, es ist ganz ausgezeichnet, dass sie da sind, als Hechte im Karpfenteich, um die vielfach so gemächlichen und genugsamen Christen der Landeskirche ein wenig aufzuregen und außer Atem zu halten. Es ist wohl kein Zufall, dass gerade die starken Bewegungen auf sittlichem Gebiet, ich will aus der Gegenwart nur die Abstinenzbewegung und den christlichen Sozialismus nennen, aus den Kreisen der Versammlungsleute zu Stadt und Land hervorgegangen sind. Es ist wirklich ihr Vorzug und ihr Beruf, ihre Gabe, ihr Amt und ihre Kraft, wie Paulus sagt, Wächter und Vorkämpfer zu sein im Kampf des Guten gegen das Böse. – |

Ein dritter Vorzug, den sie unstreitig vor der Landeskirche haben, ist gerade ihre Einseitigkeit in der Lehre und Auffassung des Christentums. Wir haben von den Nachteilen geredet, die das hat. Aber Einseitigkeit ist Kraft! wir dürfen das ja nicht vergessen. Die eintönigen Vorträge des Hans Ulrich Liechti haben eingeschlagen und tun es immer noch, gerade weil sie eintönig waren und nicht so vielerlei brachten und so viel Wenn und Aber wie etwa die Predigt eines Pfarrers, sondern bloß einen einzigen guten Gedanken in immer neuen Wendungen und Bildern, alles wie Hammerschläge auf den selben Nagelkopf. Und was ist die einseitige Bekehrungspredigt der methodistischen Kirche für eine Macht geworden in der Geschichte, wie viel tatsächlicher Segen ist davon ausgegangen – ich brauche ja nur an die Heilsarmee zu erinnern, die ganz davon ausgegangen ist. So haben die sogenannten Sektierer sehr oft gehämmert in der Geschichte des Christentums, und es war gut so. Und fast immer waren die Wahrheiten, die die Sondergruppen einseitig vertraten, solche, die von der Kirche gerade vernachlässigt wurden. Ich sagte schon, dass zum Beispiel die Glaubens- und Gewissensfreiheit, zu der sich die Kirche heutzutage bekennt, ursprünglich eine Lehre der alten Taufgesinnten gewesen ist, die sie gegen die Kirche geltend machen mussten. Später kam eine Zeit, wo die Kirche allzu gemächlich jedermann in den Himmel zu bringen versprach. Da sang man in Deutschland:

Christi Grab und Leichenstein
Soll dem ängstlichen Gewissen
537Ein bequemes Ruhekissen
Und der Seelen Ruhstatt sein.
Höchst vergnügt, höchst vergnügt
Schlummern da die Augen ein!17

Da war es höchste Zeit, dass die Pietisten diesen vergnüglichen Schlummer unterbrachen mit der Bemerkung, ein ruhiges Gewissen dürfe es nicht geben ohne wahrhafte Buße und ohne den Ernst eines neuen Lebens. Und wieder 100 Jahre später geriet die große Kirche in ein trockenes Moral- und Vernunftwesen hinein, dem das Leben und das Feuer fehlte. Da musste sie sich durch dieselben Kreise erinnern lassen an das alte Evangelium von Jesus und der sündenvergebenden Gnade. So ist auch heute fast jede Sekte trotz ihrer Übertreibungen und schweren Irrtümer wegen ihrer entschiedenen Einseitigkeit eine dringende Mahnung an die Kirche, keine Seite der großen christlichen Wahrheit außer Acht zu lassen. Sie haben auch in dieser Beziehung ein Wächteramt. Sie sind «der Schuldschein der Kirche», wie man einmal gesagt hat.18 Sie erinnern sie an das, was sie etwa unterlassen hat. Ist das nicht auch eine Gabe, ein Amt, eine Kraft? – |

Ich sagte vorhin, ich könnte fortfahren in der Schilderung der Gefahren und Irrtümer des Gemeinschaftschristentums. Nun, ich könnte jetzt auch fortfahren in der Schilderung seiner großen Vorzüge, des Segens, der von ihm ausgegangen ist und noch ausgeht. Aber ich will innehalten. Ich wollte ja nur zeigen, dass beide: die Gemeinschaften so gut wie Landeskirche, tatsächlich ihre Gaben, Ämter und Kräfte haben. Es sind freilich nach des Apostels Wort mancherlei Gaben, Ämter und Kräfte, das heißt, es sind nicht dieselben, sondern verschiedenerlei auf beiden Seiten, und was die Stärke der einen ist, ist |538 gewöhnlich die Schwäche der andern. Aber in der Verschiedenheit dessen, was jedem anvertraut ist, erkennen wir doch den einen Geber und Herrscher. Das Wertvolle und Ewige in den Gemeinschaften und in der Kirche, es mag wohl unter sich recht verschieden sein – wir können doch nicht verkennen, dass es aus derselben Quelle fließt, dass ein Geist, ein Herr, ein Gott dahinter steht, der Alles in Allen wirkt, dass es Alles in gleicher Weise von Jesus herstammt und von ihm aus gesehen nicht verschieden ist, sondern eins. Denn Jesus ist doch Beides gewesen: frei und streng, demütig und entschieden, weitherzig und einseitig. Wenn wir uns über den Gegensatz von Kirche und Gemeinschaftschristentum noch aufregen, sei’s nun von dieser oder von jener Seite, so ist das ein Beweis dafür, dass wir Jesus noch nicht kennen und seinen wunderbar umfassenden Geist der Liebe, in dem das scheinbar Widersprechende mühelos vereint war. In ihm waren die Gaben und Ämter und Kräfte, wegen deren Verschiedenheit wir uns trennen und streiten, eins. Wenn wir das wissen, dann sollen wir uns eben auch danach richten. Ich meine: wir wollen das gegenseitige Kopfschütteln übereinander bleiben lassen; wir wollen fortfahren auf dem Weg, uns gegenseitig zu verstehen als verschiedene Kinder desselben Vaters; wir wollen Gott dafür danken, dass er kein armseliger Gott ist, sondern ein reicher Gott, kein Kirchen- und Sektengott, sondern der große Schöpfer und Regierer alles dessen, was lebendig ist und nicht tot. Das ist ja gerade das Wunderbare an ihm, dass er so mannigfaltig zu wirken weiß, Alles in Allen, wie Paulus sagt. Da müssen und dürfen wir ihn wohl auch mannigfaltig auf uns wirken lassen. Die Kirchen- und Sektenmauern aber, die uns jetzt wirklich noch trennen, müssen stehen, solange ihre Zeit da ist. Wenn sie aber ihren Dienst getan haben und ihre Zeit um ist, dann werden sie fallen.

Amen.

Textkritische Fußnoten

a
Im Mskr. ist «tatsächlich beschränken» nachträglich mit Bleistift korrigiert aus «beschränken wollen». ↩

Sachfußnoten

1
Das noch von den Grafen von Froburg gegründete Zofinger Chorherrenstift, dem Safenwil zugeteilt war, hatte 1304 in Safenwil die St. Ulrichskapelle errichten lassen. Die Berner Obrigkeit, zu der Safenwil inzwischen gehörte, ließ diese Kapelle 1528, nach Einführung der Reformation, zerstören. Bis 1616 gehörte Safenwil kirchlich zu Zofingen, danach, bis zur Gründung der eigenen Gemeinde 1865 und dem Bau der Kirche ein Jahr später, zum benachbarten Kölliken; vgl. Chr. Lüthi, Art. «Safenwil», in: Historisches Lexikon der Schweiz (https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/001822/2011-02-09; zuletzt aufgerufen am 29.11.2021) 📖. ↩
2
Das Aargau war eine Region, in der es bereits recht früh Täufer gegeben hat, die von hier aus auch nach Bern hinein wirkten; ein Aarauer Lesekreis etwa wurde bereits 1524 aktenkundig, und 1532 kam es zur «Zofinger Täuferdisputation». Auch nach dem Verbot und als 1529 in Bern die ersten Täufer hingerichtet worden waren, kam es zumal an den weniger kontrollierten Rändern des Berner Einflussgebietes immer wieder zu Täuferversammlungen mit bis zu 200 Teilnehmenden. Bis 1571, als an Hans Haslibacher (s. die folgende Anm.) die letzte offizielle Hinrichtung eines Täufers in Bern vollzogen wurde, kam es zu etwa 40 an Berner Täufern vollstreckten Todesstrafen; vgl. A. Strübing, Das Schweizer Täufertum, in: A. N. Burnett / E. Campi (Hrsg.), Die schweizerische Reformation. Ein Handbuch. Deutsche Ausgabe, im Auftrag des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes bearbeitet und hrsg. von M. E. Hirzel / Fr. Mathwig, Zürich 2017, S. 395–446, bes. S. 433–437 📖; H. Jecker, «Biss das gantze Land von diesem unkraut bereiniget sein wird». Repression und Verfolgung des Täufertums in Bern. Ein kurzer Überblick zu einigen Fakten und Hintergründe, in: R. Dellsperger / H. R. Lavater (Hrsg.), Die Wahrheit ist untödlich. Berner Täufer in Geschichte und Gegenwart (Mennonitica Helvetica 30/2007), Bern 2007, S. 97–132 📖. ↩
3
Hans Haslibacher (1500–1571), einflussreicher Lehrer der Berner Täufer, 1538 Teilnehmer an der Berner Täuferdisputation, nach mehrfachen Verhaftungen und Ausweisungen am 20. Oktober 1571 in Bern hingerichtet. Das von einem anonymen Autor stammende «Haslibacherlied 📖» handelt in 32 Strophen vom standhaften Glaubensmut Haslibachers (Abdruck: Quellen zur Geschichte der Täufer in der Schweiz, Bd. 3: Kantone Aargau – Bern – Solothurn. Quellen bis 1560, hrsg. von M. Haas, Zürich 2008, S. 500–506). ↩
4
Nachdem 1526 in Zürich für die Praxis der Gläubigentaufe, die täuferische Predigt und auch schon die bloße Teilnahme an Täuferversammlungen die Todesstrafe verfügt worden war, wurde am 5. Januar 1527 Felix Manz (1498–1527; Mitbegründer und führender Kopf der Zürcher Täuferbewegung) als erster täuferischer Märtyrer in Zürich gefoltert und in der Limmat ertränkt; sein Schicksal teilten zahlreiche Gleichgesinnte; vgl. Strübind (Anm. 2), S. 437 📖. ↩
5
Das «Dörfli» ist ein Ortsteil von Safenwil. ↩
6
Vgl. C. Stuckert, Kirchenkunde der reformierten Schweiz (Studien zur praktischen Theologie 4/2), Gießen 1910, S. 149f. 📖: «Die Hansulianer oder Tannentalbrüder oder Safenwyler sind […] eine stille Gemeinschaft beschaulicher Mystiker, deren Stifter Hans Uli Liechti 1802 bis 1878 durch sein schlichtes Reden von der seligen Gemeinschaft mit Christus und durch seine Demut viele Herzen gewann.» ↩
7
Gerhard Tersteegen (1697–1769); Mystiker des reformierten Pietismus, Dichter zahlreicher Kirchenlieder. Mit Tersteegen hatte Barth sich zwei Jahre zuvor ausführlich beschäftigt; vgl. K Barth, Gerhard Tersteegen [Vortrag]. 1910, in: ders., V.u.kl.A. 1909–1914, S. 230–256 📖; ders., Gerhard Tersteegen [Aufsatz]. 1910, in: a.a.O., S. 257–261. ↩
8
Johann Michael Hahn (1758–1819); schwäbischer Pietist, der ab 1794 als Bauer in Sindlingen bei Herrenberg lebte, wo sich um ihn herum die nach ihm benannte «Hahn’sche Gemeinschaft» bildete. ↩
9
Der «Striegel» ist ein Ortsteil von Safenwil. ↩
10
Evangelischer Botschafter, Stuttgart u. a., 1 (1864)–100 (1967); danach aufgegangen in: Wort und Weg. Sonntagsblatt der Evangelisch-Methodistischen Kirche, 1 (1968)ff. – Zur Entstehung und dem frühen Wirken der «Evangelischen Gemeinschaft» in der Schweiz vgl. R. Pfister, Kirchengeschichte der Schweiz, Bd. 3: Von 1720 bis 1950, Zürich 1985, S. 274f 📖. ↩
11
Die «Katholisch-Apostolische Gemeinde» konnte seit Mitte des 19. Jahrhunderts auch in der Schweiz Fuß fassen; unter dem «Apostel» Henry Drummond (1786–1860; seit 1833 «Apostel», seit 1836 dem «Stamm Benjamin» [= Schottland und die protestantische Schweiz] zugeordnet) gelangen erste Gemeindegründungen in Basel und Bern. – Francis V. Woodhouse (1805–1901), der «Apostel» für den «Stamm Ruben» (= Österreich und Süddeutschland) starb am 3. Februar 1901 kurz vor Vollendung seines 96. Lebensjahres. ↩
12
Die Darbysten hatten seit 1937 besonders in der französischsprachigen Westschweiz Anhänger finden können. Im deutschsprachigen Raum war neben mehreren Besuchen ihres Gründers vor allem die von Rudolf Brockhaus herausgegebene Zeitschrift «Botschafter des Heils in Christo» von großem Einfluss (s. dazu oben, S. 440, Anm. 3); vgl. O. Eggenberger, Art. «Darbysten», in: RGG3 II, Sp. 40f. 📖 – Friedrich Karl Hermann Georg von Viebahn (1841–1915; preußischer Soldat, zuletzt Generalmajor, 1896 als Generalleutnant in Pension gegangen) begann schon in den letzten Jahren seiner Militärlaufbahn, verstärkt aber nach deren Abschluss als Evangelist zu wirken; für die Brüderbewegung war er durch den Einfluss seiner ersten Frau, Christine, geb. Ankersmit (1847–1884), gewonnen worden. ↩
13
Vgl. oben, S. 360–373, die Predigt vom 25. August 1912. ↩
14
Schweizer Ausdruck für die Versammlung von Frommen außerhalb der Kreise der Landeskirche und deren Versammlungsraum. ↩
15
«Stündler» ist die negativ konnotierte Bezeichnung für die an den Erbauungsstunden der Gemeinschaften Teilnehmenden. ↩
16
Mit «Kirchenpflege» wird in den schweizerischen evangelischen Kirchen das Presbyterium bezeichnet. ↩
17
Letzte Zeilen des Schlusschors der Matthäuspassion von J. S.  Bach (BWV 244, uraufgeführt 1727); dort heißt es: «Ruht, ihr ausgesogenen Glieder, / euer Grab und Leichenstein / …»; Barth hatte an einer Aufführung der Matthäuspassion in Genf im April 1911 selbst mitgewirkt (vgl. Predigten 1911, S. 104, Anm. 4 📖). ↩
18
Die Herkunft dieses Satzes wird Carl Immanuel Nitzsch (1787–1868) zugeschrieben: «Nun sind, mit einem geistvollen Gottesgelehrten (Nitzsch) zu reden, ‚die Sekten der Schuldschein der Kirche’, sie deuten auf einen Mangel in der Kirche hin, indem sie eine verkümmerte oder vernachlässigte Wahrheit meist ungebührlich hervorheben, wohl gar zur Hauptsache machen» (K. Rohr, Die letzten Dinge und das Jenseits. Fünf Vorträge, Basel 1896, S. 4 📖). ↩