Predigt: 1 Korinther 12,4-6
Von den Gemeinschaften möchte ich heute einmal reden, nämlich von den religiösen Gemeinschaften neben der Landeskirche, und was von ihnen zu halten ist. Das ist ja ein Gegenstand, der schon Viele beschäftigt hat und noch beschäftigt. Aber man hat im Allgemeinen wenig klare und haltbare Meinungen darüber. Man versteht einander oft nicht und redet in die blaue Luft hinein, wenn man darüber redet. Und daraus kommt dann wieder allerlei gegenseitiger Hochmut und Groll und Unfriede. Es wird gut sein, wenn wir einmal gemeinsam darüber nachdenken und uns aussprechen.
Was sind sie und was wollen sie, diese besondern christlichen Gemeinschaften neben der allgemeinen Kirche, zu der jedermann gehört? Ich will zuerst ganz einfach erzählen, was ich von ihnen weiß. Nicht von Allen, das würde uns viel zu weit führen, aber von denen, die in unserm
Dazu kam, dass unmittelbar nach der Reformation eine merkwürdige religiöse Bewegung aufkam, die gerade unter dem Landvolk viel Anklang fand, nämlich das sogenannte Wiedertäufertum oder, wie sie sich selbst nannten: die Taufgesinnten. Bei ihnen war eigentlich schon Alles das vorhanden, was noch heutzutage das Wesen der religiösen Sondergruppen ist. Sie fanden die allgemeine Kirche zu tot und zu äußerlich und wollten an ihre Stelle eine wirklich vom heiligen Geist geleitete Gemeinde setzen. Sie wollten aus dem großen Haufen der sogenannten Christen, aus dem Babylon der Staatskirche, die kleine Herde derer sammeln, denen es ernst war mit ihrer Bekehrung und Heiligung. Das war ihr Grundsatz. Und darum sollten nicht schon die unmündigen Kinder, sondern erst die Erwachsenen die Taufe empfangen als Zeichen ihrer wirklichen Bekehrung, als Geistestaufe. Aber das war nicht die Hauptsache bei ihnen, sondern nur das, was am Meisten auffiel an ihrer Lehre. Solche Taufgesinnte hat es wahrscheinlich schon vor bald 400 Jahren auch in unserm Dorf gegeben. Jedenfalls waren sie in der Umgebung von
|527 Von den gegenwärtig vorhandenen ist, wenn ich nicht irre, die älteste diejenige, die in einem Privathaus im Dörfli5 abgehalten wird. Sie fand früher in
Die zweite Sondergruppe in unserm Ort ist die
Und nun die Grundsätze dieser Gemeinschaft? Sie sind im Ganzen dieselben wie die der Methodistenkirche. Das Wichtigste daran ist die Auffassung der Bekehrung als eines plötzlichen Ereignisses, das man |529 auf Tag und Stunde genau soll angeben können. Sie ist ein jäher Durchbruch aus Sündenelend und Zerknirschung zur Freude des Gotteskindes. Durch diese Erfahrung werde der Mensch seines Heiles gewiss. Ihr müsse dann freilich noch eine zweite Erfahrung folgen, nämlich die der Heiligungsgnade, durch die die sittliche Vollkommenheit geschaffen wird. Das Wesentliche an der Lehre ist dieses Gewichtlegen auf die Erfahrungen des Christen. Die Gemeinschaft will sich zusammensetzen aus solchen, die derartige Erfahrungen gemacht haben. Dadurch unterscheidet sie sich von der Welt und auch von der Landeskirche, in der Bekehrte und Unbekehrte, Geheiligte und Ungeheiligte durcheinander sind. Es muss aber gesagt werden, dass gerade bei uns Viele von den Mitgliedern der Gemeinschaft zugleich zu den treusten Mitgliedern der Landeskirche gehören. Was die
Von zwei andern religiösen Sondergruppen will ich nur kurz reden, weil beide nur wenige Anhänger haben in
530Eine andre Versammlung, zu der sich ein paar Familien unsres Ortes halten, sind die
531 Und ich will aufhören mit Aufzählen und Berichten. Ich habe nur genannt, was hier in
Zuerst wirft man ihnen wohl meistens den Hochmut vor. Das hat seinen guten Grund. Wir haben gesehen, dass schon die alten Täufer die Ernsten sein wollten, die Strengen, die Geistbegabten. Die gleichen Gedanken findet man fast bei sämtlichen religiösen Absonderungen. Sie wollen die auserlesene Schar sein, die mit dem Heiland auf einem ganz besonders guten Fuß steht. Ja, da müssten die Stündler keine Menschen sein, wenn dieser Gedanke sie nicht manchmal hochmütig, eingebildet, pharisäisch machen würde. Sie sollen sich selber fragen, ob sie noch nie gebetet haben: Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie dieser und jener … [vgl.
Der zweite Vorwurf, den man den Gemeinschaftsleuten machen kann, ist der, dass meistens ein gar enger, kleinlicher Geist bei ihnen herrsche, dass man bei ihnen so wenig Freiheit finde im Denken und im Leben. Da wird ja auch etwas daran sein, und es hat seinen Grund. Die meisten Gemeinschaften sind ja entstanden durch die Betonung irgend eines besondern Punktes in der christlichen Lehre. Eins wird zur Hauptsache gemacht, Alles andre darüber vernachlässigt. Man möchte ihnen oft zurufen: macht ein wenig die Fenster auf! lasst ein wenig Luft herein! Die Welt Gottes ist nicht so klein, wie ihr denkt. Schließt eure Erkenntnis nicht in einem Sarg ein, sondern lasst sie leben, wachsen, sich klären und vertiefen! Und da kann man wiederum an der Landeskirche Freude bekommen, darum dass sie ein Raum ist mit offenen Fenstern nach allen Seiten, darum dass die christliche Erkenntnis und das christliche Leben da gedeihen können in der Luft völliger Freiheit, darum dass da die Wahrheit nicht gebunden ist an irgend ein Gesetz und an keine Überlieferung, an keinen
|533 Das dritte, was man ihnen vorhalten kann, ist das, dass durch sie die Einheit der evangelischen Christenheit zerstört werde. Man weist darauf hin, wie viel schöner es wäre, wenn Alle auf die gleiche Weise Gott anbeten würden. Man vergleicht mit der katholischen Kirche, wo in
534 So etwa kann man gegen die Gemeinschaften reden, wenn man will. Man kann es mit gutem Recht tun. Man könnte noch mehr sagen, als ich gesagt habe. Ich habe ja nur von den Gemeinschaften im Allgemeinen geredet, nicht von dem, was ich als Irrtum oder Gefahr ansehe bei den einzelnen genannten Gruppen. Ich verzichte darauf, obwohl ich Vieles zu sagen hätte. Aber selbst wenn es noch viel mehr wäre, ich würde darum doch nicht einstimmen in die übliche Entrüstung gegen sie. Es ist mir unmöglich, das Sektenwesen einfach als eine «leidige Tatsache» zu erklären, und noch weniger kann ich in den Gemeinschaftsleuten oder ihren Predigern meine Konkurrenten und Feinde erblicken. Dieser Gegensatz kann trotz Allem vor dem Evangelium nicht bestehen, und ich möchte nun gerade die Freunde unsrer Landeskirche, die gegen die Gemeinschaften viel auf dem Herzen haben, bitten, sich mit mir unter das Apostelwort zu stellen, das ich als Text verlesen habe: Es sind mancherlei Gaben, aber es ist ein Geist; und es sind mancherlei Ämter, aber es ist ein Herr; und es sind mancherlei Kräfte, aber es ist ein Gott, der da wirket Alles in Allen. Von den Gaben und Ämtern und Kräften der Landeskirche haben wir geredet; ich finde sie in ihrer Demut, dass sie keine Gemeinde der Heiligen sein will, sondern nur eine Schule, in ihrer Freiheit, die die Gewissen an nichts Menschliches bindet, sondern nur an Gott in Christus, in ihrer Einheit, die sich durch keine Unterschiede ihrer Glieder zerbrechen lässt. Aber auch die Gemeinschaften haben ihre Gaben und Ämter und Kräfte. Und von denen wollen wir nun auch reden. – |
Zunächst einmal das: in den Gemeinschaften ist viel besser als in der Kirche gesorgt für die Gemütsbedürfnisse. Schon darum, weil dort nicht so viele Leute sind. Man kennt einander, man fühlt, dass man zusammengehört, es herrscht ein warmer, heimeliger Ton in so einem Saal oder einem Zimmer. In der Kirche dagegen ist es oft so kalt, man geht so gleichgiltig aneinander vorbei, nachdem man eben gebetet und gesungen hat zusammen. Man hat nicht so das Gefühl, unter Brüdern und Schwestern zu sein, wie dort. Dort kommt der Einzelne so recht zur Geltung. Ich verstehe es darum, wenn besonders etwa alleinstehende Personen gern dorthin gehen, und ich wollte sie um keinen Preis zurückhalten. Ein anderes Gemütsbedürfnis, das die Gemeinschaften besser befriedigen als die Kirche, ist der Wunsch, im Prediger des Evangeliums einen recht nahestehenden Menschen vor sich zu |535 haben. Wie in katholischen Gegenden Viele sich lieber an die Kapuzinermönche wenden als an die höherstehenden Priester, so hören bei uns Viele lieber einen einfachen Prediger oder sogar einen Bauersmann als einen studierten Pfarrer. Der Mangel an Bildung, den solche Redner oft haben, ist dann gerade ihr Vorzug: «man versteht sie besser, weil sie nicht so gelehrt sind», sagt man. Wieder andre Gemütsvorzüge der Gemeinschaften betreffen die Einrichtungen des Gottesdienstes. Es geht meistens lebhafter und abwechslungsreicher zu in der Stunde als im kirchlichen Gottesdienst. Man singt mehr innige Lieder mit gefühlvollen Worten, es wird aus dem Herzen gebetet, man hört wohl noch allerlei schöne Musik, wie in der Heilsarmee. Ich glaube, mich nicht zu irren, wenn ich sage, dass sehr viele Leute durch diese Gemütsbedürfnisse in die Gemeinschaften geführt werden und nicht etwa durch die besondern Lehren, die da vertreten werden. Die Gemeinschaften haben wirklich Gabe, Amt und Kraft, diesen Bedürfnissen besser entgegenzukommen als die Landeskirche. – |
Ein zweiter Vorteil, den sie haben, ist gerade das, was auf der andern Seite die Gefahr des Hochmuts mit sich bringt. Die Gemeinschaftsleute wollen mit den Forderungen des Evangeliums ernst machen, sie wollen nicht bloß Christen heißen, sondern auch sein. Dabei geht es ohne Unvollkommenheit und ohne schwere Selbsttäuschungen nicht ab; das ist ja selbstverständlich. Aber selbst wenn man das Alles abzieht, so wird man doch nicht bestreiten können, dass bei ihnen und bei denen, die ihnen nahe stehen, im Großen und Ganzen mehr ernsthafter Eifer für das Gute zu finden ist als bei denen, die da meinen, eine große Tat zu tun, indem sie über die Stündler losziehen. Ja, wir wollen die Sache einmal umkehren: ich glaube, es schimpft mancher über die Stündler, nicht wegen ihrer Ansichten – darum kümmert er sich nicht, und nicht wegen ihrer Stellung zur Landeskirche – denn die Kirche ist ihm so egal wie die Kapelle, aber weil er sich stößt an dem reinern, strengern Leben, das diese Leute führen. Das ist für ihn wie ein Vorwurf, und keine größere Freude kennt er als die, wenn er einen Stündler dabei ertappen kann, dass er auch seinen Fehler hat. Gerade das bekannte Vergnügen der andern Leute in solchen Fällen ist der beste Beweis, dass die Gemeinschaftsleute und ihre Gesinnungsverwandten im Ganzen eifriger sind im Gehorsam gegen das Evangelium. Man stellt höhere Ansprüche an sie als an die andern und an sich |536 selber. Wenn es aber so ist, dann kann man nur sagen: Gott bewahre uns davor, dass es einmal keine Stündler mehr gebe! Und wenn sie noch zehnmal pharisäischer wären, als sie sind, es ist ganz ausgezeichnet, dass sie da sind, als Hechte im Karpfenteich, um die vielfach so gemächlichen und genugsamen Christen der Landeskirche ein wenig aufzuregen und außer Atem zu halten. Es ist wohl kein Zufall, dass gerade die starken Bewegungen auf sittlichem Gebiet, ich will aus der Gegenwart nur die Abstinenzbewegung und den christlichen Sozialismus nennen, aus den Kreisen der Versammlungsleute zu Stadt und Land hervorgegangen sind. Es ist wirklich ihr Vorzug und ihr Beruf, ihre Gabe, ihr Amt und ihre Kraft, wie Paulus sagt, Wächter und Vorkämpfer zu sein im Kampf des Guten gegen das Böse. – |
Ein dritter Vorzug, den sie unstreitig vor der Landeskirche haben, ist gerade ihre Einseitigkeit in der Lehre und Auffassung des Christentums. Wir haben von den Nachteilen geredet, die das hat. Aber Einseitigkeit ist Kraft! wir dürfen das ja nicht vergessen. Die eintönigen Vorträge des
Da war es höchste Zeit, dass die Pietisten diesen vergnüglichen Schlummer unterbrachen mit der Bemerkung, ein ruhiges Gewissen dürfe es nicht geben ohne wahrhafte Buße und ohne den Ernst eines neuen Lebens. Und wieder 100 Jahre später geriet die große Kirche in ein trockenes Moral- und Vernunftwesen hinein, dem das Leben und das Feuer fehlte. Da musste sie sich durch dieselben Kreise erinnern lassen an das alte Evangelium von Jesus und der sündenvergebenden Gnade. So ist auch heute fast jede Sekte trotz ihrer Übertreibungen und schweren Irrtümer wegen ihrer entschiedenen Einseitigkeit eine dringende Mahnung an die Kirche, keine Seite der großen christlichen Wahrheit außer Acht zu lassen. Sie haben auch in dieser Beziehung ein Wächteramt. Sie sind «der Schuldschein der Kirche», wie man einmal gesagt hat.18 Sie erinnern sie an das, was sie etwa unterlassen hat. Ist das nicht auch eine Gabe, ein Amt, eine Kraft? – |
Ich sagte vorhin, ich könnte fortfahren in der Schilderung der Gefahren und Irrtümer des Gemeinschaftschristentums. Nun, ich könnte jetzt auch fortfahren in der Schilderung seiner großen Vorzüge, des Segens, der von ihm ausgegangen ist und noch ausgeht. Aber ich will innehalten. Ich wollte ja nur zeigen, dass beide: die Gemeinschaften so gut wie Landeskirche, tatsächlich ihre Gaben, Ämter und Kräfte haben. Es sind freilich nach des Apostels Wort mancherlei Gaben, Ämter und Kräfte, das heißt, es sind nicht dieselben, sondern verschiedenerlei auf beiden Seiten, und was die Stärke der einen ist, ist |538 gewöhnlich die Schwäche der andern. Aber in der Verschiedenheit dessen, was jedem anvertraut ist, erkennen wir doch den einen Geber und Herrscher. Das Wertvolle und Ewige in den Gemeinschaften und in der Kirche, es mag wohl unter sich recht verschieden sein – wir können doch nicht verkennen, dass es aus derselben Quelle fließt, dass ein Geist, ein Herr, ein Gott dahinter steht, der Alles in Allen wirkt, dass es Alles in gleicher Weise von Jesus herstammt und von ihm aus gesehen nicht verschieden ist, sondern eins. Denn Jesus ist doch Beides gewesen: frei und streng, demütig und entschieden, weitherzig und einseitig. Wenn wir uns über den Gegensatz von Kirche und Gemeinschaftschristentum noch aufregen, sei’s nun von dieser oder von jener Seite, so ist das ein Beweis dafür, dass wir Jesus noch nicht kennen und seinen wunderbar umfassenden Geist der Liebe, in dem das scheinbar Widersprechende mühelos vereint war. In ihm waren die Gaben und Ämter und Kräfte, wegen deren Verschiedenheit wir uns trennen und streiten, eins. Wenn wir das wissen, dann sollen wir uns eben auch danach richten. Ich meine: wir wollen das gegenseitige Kopfschütteln übereinander bleiben lassen; wir wollen fortfahren auf dem Weg, uns gegenseitig zu verstehen als verschiedene Kinder desselben Vaters; wir wollen Gott dafür danken, dass er kein armseliger Gott ist, sondern ein reicher Gott, kein Kirchen- und Sektengott, sondern der große Schöpfer und Regierer alles dessen, was lebendig ist und nicht tot. Das ist ja gerade das Wunderbare an ihm, dass er so mannigfaltig zu wirken weiß, Alles in Allen, wie