<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<TEI xmlns="http://www.tei-c.org/ns/1.0" xml:id="kbga-texts-56050">
  <teiHeader>
    <fileDesc>
      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-56">Predigten 1912</title>
        <title type="content">Predigt: 1 Korinther 12,4-6</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: 1 Korinther 12,4-6, 24. November 1912 – kein Datum</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/56050 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1912, hrsg. v. Busch, Eberhard / Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2022, S. .</title>
      </titleStmt>
      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
        </availability>
        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/56050</idno>
      </publicationStmt>
      <sourceDesc>
        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
        <bibl type="pga" xml:id="pga">
          <title type="volume">Predigten 1912</title>
          <title type="text">Predigt: 1 Korinther 12,4-6</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2022</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">50</biblScope>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: 1 Kor 12,4-6, 24. November 1912. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1584">KBA 1120</ref>. </bibl>
        <!-- we should provide more types: <bibl type="not-found-in-kba"></bibl> <bibl type="not-in-kba"></bibl>  -->
      </sourceDesc>
    </fileDesc>
    <profileDesc>
      <creation>
        <date type="creation" from="1912-11-24">24. November 1912 – kein Datum</date>
      </creation>
      <textClass>
        <keywords>
          <term>sermon</term>
        </keywords>
      </textClass>
    </profileDesc>
    <revisionDesc>
      <change when="2026-08-25T09:04:38+02:00">teiHeader was automatically produced from the database 2026-08-25T09:04:38+02:00</change>
    </revisionDesc>
  </teiHeader>
  <text>
        <body>
            <div type="sermon">
            <pb xml:id="p524" ed="pga"/>
                <div type="opener">
                    <head>
                        <idno>142</idno>
                    </head>
                    <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1912-11-24">24. November 1912</date>
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.12.4 1.Kor.12.6">1.Korinther 12,4–6</ref>
                            <quote>
                                Es sind mancherlei Gaben, aber es ist ein Geist – Und es sind mancherlei Ämter, aber es ist ein Herr – Und es sind mancherlei Kräfte, aber es ist ein Gott, der da wirket Alles in Allen.
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                    <salute>Liebe Zuhörer!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                    <p>Von den Gemeinschaften möchte ich heute einmal reden, nämlich von den <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-471">religiösen Gemeinschaften</term></hi> neben der <term ref="kbga-terms-1234">Landeskirche</term>, und was von ihnen zu halten ist. Das ist ja ein Gegenstand, der schon Viele beschäftigt hat und noch beschäftigt. Aber man hat im Allgemeinen wenig klare und haltbare Meinungen darüber. Man versteht einander oft nicht und redet in die blaue Luft hinein, wenn man darüber redet. Und daraus kommt dann wieder allerlei gegenseitiger Hochmut und Groll und Unfriede. Es wird gut sein, wenn wir einmal gemeinsam darüber nachdenken und uns aussprechen.</p>
                    <p>
                        <hi rend="italic">Was sind sie und was wollen sie</hi>, diese besondern christlichen <term ref="kbga-terms-471">Gemeinschaften</term> neben der allgemeinen Kirche, zu der jedermann gehört? Ich will zuerst ganz einfach erzählen, was ich von ihnen weiß. Nicht von Allen, das würde uns viel zu weit führen, aber von denen, die in unserm <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> vorhanden sind. Ich glaube, es wird in dieser Sache schon darin öfters gefehlt, dass man in aller Eile mit irgend einem Urteil daher kommt, bevor man sich ein wenig erkundigt hat, um was es sich denn eigentlich handelt. Wahrscheinlich hat es in unserm Dorf schon seit der <term ref="kbga-terms-1697">Reformationszeit</term> solche <term ref="kbga-terms-1642">Nebenausversammlungen</term> gegeben. Im Jahre 1528 wurde ja auf obrigkeitlichen Befehl die alte Kirche von Safenwil, die auf dem Lindenfeld stand, abgerissen, und unsre Vorfahren wurden für fast 340 Jahre sozusagen kirchlich heimatlos, denn über den Berg nach <placeName ref="kbga-places-360">Zofingen</placeName> und später nach <placeName ref="kbga-places-243">Kölliken</placeName> war der Weg weit,<note xml:id="n01">
                            <p> Das noch von den Grafen von Froburg gegründete Zofinger Chorherrenstift, dem <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> zugeteilt war, hatte 1304 in Safenwil die St. Ulrichskapelle errichten lassen. Die Berner Obrigkeit, zu der Safenwil inzwischen gehörte, ließ diese Kapelle 1528, nach Einführung der Reformation, zerstören. Bis 1616 gehörte Safenwil kirchlich zu <placeName ref="kbga-places-360">Zofingen</placeName>, danach, bis zur Gründung der eigenen Gemeinde 1865 und dem Bau der Kirche ein Jahr später, zum benachbarten <placeName ref="kbga-places-243">Kölliken</placeName>; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1366">Chr. Lüthi, Art. «Safenwil», in: Historisches Lexikon der Schweiz (https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/001822/2011-02-09; zuletzt aufgerufen am 29.11.2021)</bibl>.</p>
                        </note> besonders für Frauen und <pb xml:id="p525" ed="pga"/> alte Leute. Da kann man sich nicht wundern, wenn das Bedürfnis entstand, sich selber Ersatz zu schaffen. |</p>
                    <p>Dazu kam, dass unmittelbar nach der Reformation eine merkwürdige religiöse Bewegung aufkam, die gerade unter dem Landvolk viel Anklang fand, nämlich das sogenannte <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-468">Wiedertäufertum</term></hi> oder, wie sie sich selbst nannten: die Taufgesinnten. Bei ihnen war eigentlich schon Alles das vorhanden, was noch heutzutage das Wesen der religiösen Sondergruppen ist. Sie fanden die allgemeine Kirche zu tot und zu äußerlich und wollten an ihre Stelle eine wirklich vom <term ref="kbga-terms-179">heiligen Geist</term> geleitete Gemeinde setzen. Sie wollten aus dem großen Haufen der <term ref="kbga-terms-1959">sogenannten Christen</term>, aus dem Babylon der Staatskirche, die kleine Herde derer sammeln, denen es ernst war mit ihrer <term ref="kbga-terms-1206">Bekehrung</term> und <term ref="kbga-terms-53">Heiligung</term>. Das war ihr Grundsatz. Und darum sollten nicht schon die unmündigen Kinder, sondern erst die <term ref="kbga-terms-1858">Erwachsenen die Taufe</term> empfangen als Zeichen ihrer wirklichen Bekehrung, als <term ref="kbga-terms-1857">Geistestaufe</term>. Aber das war nicht die Hauptsache bei ihnen, sondern nur das, was am Meisten auffiel an ihrer Lehre. Solche Taufgesinnte hat es wahrscheinlich schon vor bald 400 Jahren auch in unserm Dorf gegeben. Jedenfalls waren sie in der Umgebung von <placeName ref="kbga-places-360">Zofingen</placeName> vorhanden, und der dortige Vogt hatte viel mit ihnen zu tun. Denn das war noch die Zeit, wo die Obrigkeit jede Absonderung von der allgemeinen Kirche als Vergehen behandelte. Die <term ref="kbga-terms-596">Gewissen</term> waren noch nicht frei oder durften noch nicht frei sein, sondern man hatte sich in Glauben und Leben nach den Anordnungen des Staates, in unserm Fall der bernischen Regierung zu richten. Das war die Zeit, wo die sogenannten <term ref="kbga-terms-629">Sekten</term> von oben herab förmlich verfolgt wurden. Mehrere Dutzend Wiedertäufer sind damals in <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName> durch das Schwert hingerichtet worden als Aufrührer gegen die öffentliche Ordnung.<note xml:id="n02">
                            <p> Das <placeName ref="kbga-places-152">Aargau</placeName> war eine Region, in der es bereits recht früh Täufer gegeben hat, die von hier aus auch nach <placeName ref="kbga-places-233">Bern</placeName> hinein wirkten; ein Aarauer Lesekreis etwa wurde bereits 1524 aktenkundig, und 1532 kam es zur «Zofinger Täuferdisputation». Auch nach dem Verbot und als 1529 in Bern die ersten Täufer hingerichtet worden waren, kam es zumal an den weniger kontrollierten Rändern des Berner Einflussgebietes immer wieder zu Täuferversammlungen mit bis zu 200 Teilnehmenden. Bis 1571, als an <persName ref="kbga-actors-9123">Hans Haslibacher</persName> (s. die folgende Anm.) die letzte offizielle Hinrichtung eines Täufers in Bern vollzogen wurde, kam es zu etwa 40 an Berner Täufern vollstreckten Todesstrafen; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1355">A. Strübing, <hi rend="italic">Das Schweizer Täufertum</hi>, in: A. N. Burnett / E. Campi (Hrsg.), <hi rend="italic">Die schweizerische Reformation. Ein Handbuch. Deutsche Ausgabe</hi>, im Auftrag des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes bearbeitet und hrsg. von M. E. Hirzel / Fr. Mathwig, Zürich 2017, S. 395–446, bes. S. 433–437</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-1356">H. Jecker, <hi rend="italic">«Biss das gantze Land von diesem unkraut bereiniget sein wird». Repression und Verfolgung des Täufertums in Bern. Ein kurzer Überblick zu einigen Fakten und Hintergründe</hi>, in: R. Dellsperger / H. R. Lavater (Hrsg.), <hi rend="italic">Die Wahrheit ist untödlich. Berner Täufer in Geschichte und Gegenwart</hi> (Mennonitica Helvetica 30/2007), Bern 2007, S. 97–132</bibl>.</p>
                        </note> Einer davon war der <persName ref="kbga-actors-9123">Has<pb xml:id="p526" ed="pga" break="no"/>libacher</persName>, der dann in einem Volkslied verherrlicht wurde, das vor etwa 70 Jahren auch hier herum noch etwa gesungen worden ist.<note xml:id="n03">
                            <p> <persName ref="kbga-actors-9123">Hans Haslibacher</persName> (1500–1571), einflussreicher Lehrer der Berner Täufer, 1538 Teilnehmer an der Berner Täuferdisputation, nach mehrfachen Verhaftungen und Ausweisungen am <date when="1571-10-20">20. Oktober 1571</date> in Bern hingerichtet. Das von einem anonymen Autor stammende «<bibl corresp="kbga-bibls-1354">Haslibacherlied</bibl>» handelt in 32 Strophen vom standhaften Glaubensmut Haslibachers (Abdruck: <bibl corresp="kbga-bibls-1354">
                                    <hi rend="italic">Quellen zur Geschichte der Täufer in der Schweiz</hi>, Bd. 3: <hi rend="italic">Kantone Aargau – Bern – Solothurn. Quellen bis 1560</hi>, hrsg. von M. Haas, Zürich 2008, S. 500–506</bibl>).</p>
                        </note> In <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName> hat man die <term ref="kbga-terms-468">Täufer</term> kurzerhand in den See geworfen.<note xml:id="n04">
                            <p> Nachdem 1526 in Zürich für die Praxis der Gläubigentaufe, die täuferische Predigt und auch schon die bloße Teilnahme an Täuferversammlungen die Todesstrafe verfügt worden war, wurde am <date when="1527-01-05">5. Januar 1527</date> <persName ref="kbga-actors-9122">Felix Manz</persName> (1498–1527; Mitbegründer und führender Kopf der Zürcher Täuferbewegung) als erster täuferischer Märtyrer in <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName> gefoltert und in der <placeName ref="kbga-places-1096">Limmat</placeName> ertränkt; sein Schicksal teilten zahlreiche Gleichgesinnte; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1355">Strübind (Anm. 2), S. 437</bibl>.</p>
                        </note> Aber auch als das aufhörte, blieben alle religiösen Sonderversammlungen etwas schlechterdings Verbotenes. Ältere Leute wissen noch heute zu erzählen, wie man es noch in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts mit der Polizei zu tun bekam, wenn man dabei erwischt wurde. Und so kann es nicht verwunderlich sein, dass man wenig oder nichts weiß über das, was etwa damals ging. Es wurde mir nur gesagt, es habe «immer» solche Versammlungen gegeben in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, und ich halte das für sehr wahrscheinlich. – |</p>
                    <p><pb xml:id="p527" ed="pga"/> Von den gegenwärtig vorhandenen ist, wenn ich nicht irre, die älteste diejenige, die in einem Privathaus <hi rend="italic">im Dörfli</hi><note xml:id="n05">
                            <p> Das «Dörfli» ist ein Ortsteil von <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>.</p>
                        </note> abgehalten wird. Sie fand früher in <placeName ref="kbga-places-360">Zofingen</placeName> statt, und dorthin war sie gekommen als Ableger einer kleinen Gemeinschaft im Tannental, Gemeinde <placeName ref="kbga-places-1097">Rüderswil</placeName> im Emmental, die besonders durch die Vorträge eines einfachen Landmanns namens <hi rend="italic">
                            <persName ref="kbga-actors-9110">Hans Ulrich Liechti</persName></hi> bekannt wurde, der von 1802–1878 gelebt hat. Nach ihm sind sie «<hi rend="italic">Hansulianer</hi>» genannt worden oder «<orgName ref="kbga-actors-9121">Tannentalbrüder</orgName>», sie selber aber nennen sich «die Stillen im Lande» und haben heute außer in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> nur noch in einigen wenigen Ortschaften des <placeName ref="kbga-places-233">Kantons Bern</placeName> ihre Zusammenkünfte.<note xml:id="n06">
                            <p> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-511">
                                    <persName ref="kbga-actors-2994">C. Stuckert</persName>, <hi rend="italic">Kirchenkunde der reformierten Schweiz</hi> (Studien zur praktischen Theologie 4/2), Gießen 1910, S. 149f.</bibl>: «Die Hansulianer oder <orgName ref="kbga-actors-9121">Tannentalbrüder</orgName> oder Safenwyler sind […] eine stille Gemeinschaft beschaulicher Mystiker, deren Stifter <persName ref="kbga-actors-9110">Hans Uli Liechti</persName> 1802 bis 1878 durch sein schlichtes Reden von der seligen Gemeinschaft mit Christus und durch seine Demut viele Herzen gewann.» </p>
                        </note> Aus dem Namen «die Stillen im Lande» können wir schon entnehmen, was das Wesen dieser kleinen <term ref="kbga-terms-471">Gemeinschaft</term> ist. Hans Ulrich Liechti wollte in seinem «Gmeinschaftli», wie er es nannte, ganz wie die alten Täufer die kleine Herde sammeln aus der großen Zahl, nur dass er nie zum Austritt aus der Kirche aufgefordert hat. Aber «Stille» sollten seine Leute sein, still in Gott, der Welt und ihrem Treiben abgewandt, von ganzer Seele dem Herrn zugekehrt. Am Liebsten redete er von den seligen innern <term ref="kbga-terms-131">Erfahrungen</term>, die als Ausflüsse aus dem Innern Gottes dem <term ref="kbga-terms-278">wahren Christen</term> zu Teil werden, vom <term ref="kbga-terms-129">Kreuz</term> und von der <term ref="kbga-terms-1270">Demut</term>, in denen diese Erfahrungen bewährt und vertieft werden müssen. Es waren die Gedanken des Rheinländers <persName ref="kbga-actors-797">Gerhard Tersteegen</persName><note xml:id="n07">
                            <p>
                        <persName ref="kbga-actors-797">Gerhard Tersteegen</persName> (1697–1769); <term ref="kbga-terms-1307">Mystiker</term> des reformierten Pietismus, Dichter zahlreicher Kirchenlieder. Mit Tersteegen hatte Barth sich zwei Jahre zuvor ausführlich beschäftigt; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1352">K Barth, <hi rend="italic">Gerhard Tersteegen [Vortrag]</hi>. 1910, in: ders., V.u.kl.A. 1909–1914, S. 230–256</bibl>; ders., <bibl corresp="kbga-bibls-1352">
                                    <hi rend="italic">Gerhard Tersteegen [Aufsatz]</hi>. 1910, in: a.a.O., S. 257–261</bibl>.</p>
                        </note> und des Württembergers <persName ref="kbga-actors-5709">Michael Hahn</persName><note xml:id="n08">
                            <p>
                        <persName ref="kbga-actors-5709">Johann Michael Hahn</persName> (1758–1819); schwäbischer Pietist, der ab 1794 als Bauer in <placeName ref="kbga-places-1093">Sindlingen</placeName> bei Herrenberg lebte, wo sich um ihn herum die nach ihm benannte «Hahn’sche Gemeinschaft» bildete.</p>
                        </note>, ins Berndeutsche übersetzt. Hansuli muss auf Alle, die ihn kannten, einen tiefen Eindruck ge<pb xml:id="p528" ed="pga" break="no"/>macht haben durch die gewinnende Liebenswürdigkeit seiner Persönlichkeit, durch die innige Überzeugtheit, mit der er sprach, durch den einfachen, quellenartigen Fluss der Gedanken und Bilder, in denen er seine Lehre vortrug. Seine Nachfolger, ebenfalls einfache Bauersleute, die alle Monate aus dem <placeName ref="kbga-places-1095">Emmental</placeName> hierher kommen, suchen in Allem in seinen Fußspuren zu gehen. Wenn sie ihm auch geistig kaum gleichkommen, so ist es doch tatsächlich noch immer dieselbe Gedankenwelt und dieselbe Stimmung wie zu seiner Zeit, die in diesem Kreise herrscht und, wie von Hansuli selbst Viele reichen Segen empfangen haben, so auch jetzt auch in den durch ihn angeregten Versammlungen. Sie pflegen das <term ref="kbga-terms-59">Evangelium</term> von der <term ref="kbga-terms-37">Liebe Gottes</term> als eine Botschaft der stillen <term ref="kbga-terms-1458">Freude</term> und des stillen <term ref="kbga-terms-589">Friedens</term>. – |</p>
                    <p>Die zweite Sondergruppe in unserm Ort ist die <hi rend="italic">
                            <orgName ref="kbga-actors-9118">Evangelische Gemeinschaft</orgName></hi>, die in der Kapelle im Dörfli und im Saal auf dem Striegel<note xml:id="n09">
                            <p> Der «Striegel» ist ein Ortsteil von <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>.</p>
                        </note> Gottesdienste und Sonntagsschule abhält. Sie stammt nicht aus der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName>, sondern, wie so Vieles in unserm heutigen Leben, aus <placeName ref="kbga-places-2">Amerika</placeName>. Sie war ursprünglich ein Zweig einer größern Sonderkirche, der <term ref="kbga-terms-1808">methodistischen</term>, und wurde von dem Württemberger <hi rend="italic">
                            <persName ref="kbga-actors-9120">Jakob Albrecht</persName></hi> (1759–1808) gegründet zur Pflege des religiösen Lebens unter den deutschen Auswanderern in <placeName ref="kbga-places-1094">Pennsylvanien</placeName> in Nordamerika. Seit 1839 sind sie aber eine eigene Kirche, wurden nach ihrem Stifter auch Albrechtsbrüder genannt und fingen dann bald an, auch in der europäischen Heimat, besonders in <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> und in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName>, «<term ref="kbga-terms-210">Mission</term>» zu treiben oder «das <term ref="kbga-terms-434">Reich Gottes</term> zu bauen», wie sie sagen. Einzig in der Schweiz haben sie heute etwa 110 Gemeinden. An der Spitze des ganzen Werks in Amerika und <placeName ref="kbga-places-204">Europa</placeName> stehen vier Bischöfe. Die Prediger werden in besondern Seminaren für ihren Beruf ausgebildet. Ihre Zeitung ist der bekannte Evangelische Botschafter.<note xml:id="n10">
                            <p> Evangelischer Botschafter, Stuttgart u. a., 1 (1864)–100 (1967); danach aufgegangen in: Wort und Weg. Sonntagsblatt der Evangelisch-Methodistischen Kirche, 1 (1968)ff. – Zur Entstehung und dem frühen Wirken der «<orgName ref="kbga-actors-9118">Evangelischen Gemeinschaft</orgName>» in der Schweiz vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-93">R. Pfister, <hi rend="italic">Kirchengeschichte der Schweiz</hi>, Bd. 3: <hi rend="italic">Von 1720 bis 1950</hi>, Zürich 1985, S. 274f</bibl>.</p>
                        </note> |</p>
                    <p>Und nun die Grundsätze dieser <term ref="kbga-terms-471">Gemeinschaft</term>? Sie sind im Ganzen dieselben wie die der <term ref="kbga-terms-1808">Methodistenkirche</term>. Das Wichtigste daran ist die Auffassung der <term ref="kbga-terms-1206">Bekehrung</term> als eines plötzlichen Ereignisses, das man <pb xml:id="p529" ed="pga"/> auf Tag und Stunde genau soll angeben können. Sie ist ein jäher Durchbruch aus Sündenelend und Zerknirschung zur Freude des Gotteskindes. Durch diese <term ref="kbga-terms-131">Erfahrung</term> werde der Mensch seines <term ref="kbga-terms-844">Heiles gewiss</term>. Ihr müsse dann freilich noch eine zweite Erfahrung folgen, nämlich die der <term ref="kbga-terms-53">Heiligungsgnade</term>, durch die die <term ref="kbga-terms-1294">sittliche</term> <term ref="kbga-terms-1624">Vollkommenheit</term> geschaffen wird. Das Wesentliche an der Lehre ist dieses Gewichtlegen auf die Erfahrungen des Christen. Die Gemeinschaft will sich zusammensetzen aus solchen, die derartige Erfahrungen gemacht haben. Dadurch unterscheidet sie sich von der <term ref="kbga-terms-378">Welt</term> und auch von der <term ref="kbga-terms-1234">Landeskirche</term>, in der Bekehrte und Unbekehrte, Geheiligte und Ungeheiligte durcheinander sind. Es muss aber gesagt werden, dass gerade bei uns Viele von den Mitgliedern der Gemeinschaft zugleich zu den treusten Mitgliedern der Landeskirche gehören. Was die <orgName ref="kbga-actors-9118">Evangelische Gemeinschaft</orgName> betont und in Wort und Schrift predigt, das ist die <term ref="kbga-terms-1540">Entschiedenheit des Christentums</term>. Sie will nicht halbe, sondern ganze Religion. – |</p>
                    <p>Von zwei andern religiösen Sondergruppen will ich nur kurz reden, weil beide nur wenige Anhänger haben in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>. Zuerst die «Irvingianer» oder, wie sie sich selbst nennen: die «<orgName ref="kbga-actors-9114">apostolisch-katholische Gemeinde</orgName>» oder, wie ihr sie kurzweg zu nennen pflegt: «<hi rend="italic">die Apostel</hi>». Sie haben ihre Versammlung in Zofingen. Was wollen sie? Ihr Stifter, <hi rend="italic">
                            <persName ref="kbga-actors-9117">Eduard Irving</persName></hi> (1792–1834), ein Prediger in <placeName ref="kbga-places-40">London</placeName>, stellte die Lehre auf, die <term ref="kbga-terms-277">Christenheit</term> müsse die <term ref="kbga-terms-224">kirchliche Ordnung</term> der <term ref="kbga-terms-273">Apostelzeit</term> nach dem <term ref="kbga-terms-74">Neuen Testament</term> wieder einführen. Und das geschah dann auch in der nach ihm genannten Sonder-Gemeinde. Da gibt es Apostel, Propheten, Evangelisten, Hirten, Lehrer und Engel. Mit der äußren Ordnung hoffte man, auch den Geist und die Geistesgaben der Apostelzeit zurückzurufen. Ursprünglich hieß es, noch zu Lebzeiten der zuerst gewählten zwölf Apostel solle die <term ref="kbga-terms-271">Wiederkunft Christi</term> erfolgen. Aber das geschah nicht; einer nach dem andern ist gestorben, im Jahre 1901 auch der letzte, der zwölfte. Die Gemeinde hat sich doch fortgepflanzt und übt wohl besonders durch ihre Gottesdienste, in denen es gar viel zu sehen und zu hören gibt, eine gewisse Anziehungskraft aus.<note xml:id="n11">
                            <p> Die «<orgName ref="kbga-actors-9114">Katholisch-Apostolische Gemeinde</orgName>» konnte seit Mitte des 19. Jahrhunderts auch in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> Fuß fassen; unter dem «Apostel» <persName ref="kbga-actors-9115">Henry Drummond</persName> (1786–1860; seit 1833 «Apostel», seit 1836 dem «Stamm Benjamin» [= Schottland und die protestantische Schweiz] zugeordnet) gelangen erste Gemeindegründungen in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> und <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName>. – <persName ref="kbga-actors-9116">Francis V. Woodhouse</persName> (1805–1901), der «Apostel» für den «Stamm Ruben» (= Österreich und Süddeutschland) starb am <date when="1901-02-03">3. Februar 1901</date> kurz vor Vollendung seines 96. Lebensjahres.</p>
                        </note> |</p>
                    <p>
                        <anchor type="cross" xml:id="qv56050_1"/><pb xml:id="p530" ed="pga" rend="noPipe"/>Eine andre Versammlung, zu der sich ein paar Familien unsres Ortes halten, sind die <orgName ref="kbga-actors-9111">
                            <hi rend="italic">Darbysten</hi>
                        </orgName>, oder wie sie sich selber nennen, «die Brüder». Sie stammen ebenfalls von einem englischen Geistlichen: <hi rend="italic">
                            <persName ref="kbga-actors-9091">John Nelson Darby</persName></hi> (1800–1882) und haben von allen diesen <term ref="kbga-terms-471">Sondergemeinschaften</term> am meisten Ähnlichkeit mit den alten <term ref="kbga-terms-468">Wiedertäufern</term>, obschon auch bei ihnen die <term ref="kbga-terms-1858">Taufe der Erwachsenen</term> durchaus nicht die Hauptsache ist, wie man oft meint, sondern nur eine Äußerlichkeit. Das Wesentliche ist, dass hier die <term ref="kbga-terms-33">Kirche</term> als eine ganz verfehlte, widergöttliche Einrichtung ausdrücklich verworfen wird, ebenso wie auch der <term ref="kbga-terms-160">Staat</term>, die Bildung, der Handel, die Industrie, kurz alles <term ref="kbga-terms-1874">Weltliche</term> als Werke des <term ref="kbga-terms-441">Teufels</term> erklärt werden. Dafür hören wir, dass der von Natur völlig verdorbene <term ref="kbga-terms-1080">Mensch</term> durch die <term ref="kbga-terms-1024">Wiedergeburt</term> «im Nu», und zwar gänzlich erneuert werde, so dass er von da an nicht mehr um <term ref="kbga-terms-63">Vergebung der Sünden</term> zu beten brauche. Diese Wiedergebornen sind dann die «Brüder», die Gemeinschaft der Heiligen, der wahre Leib Christi. Auch unter den Darbysten wie unter den Irvingianern gibt es tatsächlich Viele persönlich sehr <term ref="kbga-terms-1140">ernste</term> und <term ref="kbga-terms-457">fromme Christen</term>. Ein besonders bekannter Darbyst ist der deutsche General <persName ref="kbga-actors-9112">Viebahn</persName>, der in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> von Zeit zu Zeit Erweckungspredigten hält. Er hat sich aber in jüngster Zeit wieder von der Gemeinschaft getrennt.<note xml:id="n12">
                            <p> Die <orgName ref="kbga-actors-9111">Darbysten</orgName> hatten seit 1937 besonders in der französischsprachigen <placeName ref="kbga-places-150">Westschweiz</placeName> Anhänger finden können. Im deutschsprachigen Raum war neben mehreren Besuchen ihres Gründers vor allem die von <persName ref="kbga-actors-9088">Rudolf Brockhaus</persName> herausgegebene Zeitschrift «<orgName ref="kbga-actors-9089">Botschafter des Heils in Christo</orgName>» von großem Einfluss (s. dazu oben, <ref type="pub" target="../volume/56/p440#fn_n03">S. 440, Anm. 3</ref>); vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1968">O. Eggenberger, Art. «Darbysten», in: RGG<hi rend="sup">3</hi> II, Sp. 40f.</bibl> – <persName ref="kbga-actors-9112">Friedrich Karl Hermann Georg von Viebahn</persName> (1841–1915; preußischer Soldat, zuletzt Generalmajor, 1896 als Generalleutnant in Pension gegangen) begann schon in den letzten Jahren seiner Militärlaufbahn, verstärkt aber nach deren Abschluss als Evangelist zu wirken; für die Brüderbewegung war er durch den Einfluss seiner ersten Frau, <persName ref="kbga-actors-9113">Christine, geb. Ankersmit</persName> (1847–1884), gewonnen worden.</p>
                        </note> Die <hi rend="italic">
                            <orgName ref="kbga-actors-9056">Heilsarmee</orgName></hi> will ich diesmal bloß nennen, da wir anlässlich des Todes des General <persName ref="kbga-actors-9059">Booth</persName> ausführlich von ihr geredet haben.<note xml:id="n13">
                            <p> Vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/56/p360#p360">S. 360–373</ref>, die Predigt vom <date when="1912-08-25">25. August 1912</date>.</p>
                        </note>
                    </p>
                    <p><pb xml:id="p531" ed="pga" rend="noPipe"/> Und ich will aufhören mit Aufzählen und Berichten. Ich habe nur genannt, was hier in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> vorkommt, in Wirklichkeit gibt es noch viel mehr solcher <term ref="kbga-terms-471">Gemeinschaften</term>. Jetzt wollen wir uns besinnen, was wir dazu sagen wollen. Ich glaube, die Meisten von euch, die nicht selber bei einer von diesen Gruppen sind, werden bei meiner Aufzählung im Stillen gedacht haben: Was ist auch das? Warum müssen auch alle diese Leute etwas Besonderes haben? Warum diese Absonderung in Zimmern, Sälen und Kapellen<note xml:id="n14">
                            <p> Schweizer Ausdruck für die Versammlung von Frommen außerhalb der Kreise der Landeskirche und deren Versammlungsraum.</p>
                        </note>? Hätten sie nicht alle in der Kirche Platz? Das sind so die Gedanken, die einem etwa zuerst aufsteigen, wenn von den sogenannten «<term ref="kbga-terms-1960">Stündlern</term>»<note xml:id="n15">
                            <p> «<term ref="kbga-terms-1960">Stündler</term>» ist die negativ konnotierte Bezeichnung für die an den Erbauungsstunden der Gemeinschaften Teilnehmenden.</p>
                        </note> die Rede ist. Vor einer Reihe von Jahren hat sich einmal die <term ref="kbga-terms-1644">Kirchenpflege</term><note xml:id="n16">
                            <p> Mit «Kirchenpflege» wird in den schweizerischen evangelischen Kirchen das Presbyterium bezeichnet.</p>
                        </note> von Safenwil mit der Sache beschäftigt, und damals wurde ins Protokollbuch geschrieben, «man nehme mit Bedauern Kenntnis von der leidigen Tatsache der Vermehrung der <term ref="kbga-terms-629">Sekten</term> in unserm Dorf und stelle sich einstimmig und mit Entschiedenheit auf den Boden der <term ref="kbga-terms-1234">Landeskirche</term>». Vielleicht erwarten es Manche von mir, dass ich nun auch in diesem Sinn rede. Viele <term ref="kbga-terms-137">Pfarrer</term> tun das; sie sehen in den Gemeinschaftsleuten ihre Konkurrenten, ja, ihre Feinde. Ich weiß von Solchen, die es als ihre Hauptaufgabe betrachten, die Sekten zu bekämpfen. Ganz ohne allen Grund wird das ja nicht sein, und darum wollen wir auch den <hi rend="italic">Gegnern</hi> der Stündler abhören, was sie gegen sie einzuwenden haben. |</p>
                    <p>Zuerst wirft man ihnen wohl meistens den <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-1961">Hochmut</term></hi> vor. Das hat seinen guten Grund. Wir haben gesehen, dass schon die alten <term ref="kbga-terms-468">Täufer</term> die <term ref="kbga-terms-1653">Ernsten</term> sein wollten, die Strengen, die Geistbegabten. Die gleichen Gedanken findet man fast bei sämtlichen religiösen Absonderungen. Sie wollen die auserlesene Schar sein, die mit dem <term ref="kbga-terms-280">Heiland</term> auf einem ganz besonders guten Fuß steht. Ja, da müssten die Stündler keine Menschen sein, wenn dieser Gedanke sie nicht manchmal hochmütig, eingebildet, pharisäisch machen würde. Sie sollen sich selber fragen, ob sie noch nie gebetet haben: Gott, ich danke dir, dass ich nicht bin wie dieser und jener … [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.18.11">Lk. 18,11</ref>] Und im Gegensatz <hi rend="italic">dazu</hi> darf man <pb xml:id="p532" ed="pga"/> sich wohl unsrer Landeskirche freuen, die viel bescheidener ist und nichts sein will als die Arche Noah, die allerlei Tiere in sich schließt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.7.14 Gen.7.16">Gen. 7,14–16</ref>], reine und unreine, oder als das Netz im Gleichnis Jesu, in dem die guten und die faulen Fische miteinander gefangen werden [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.13.47 Mt.13.48">Mt. 13,47f.</ref>], oder als eine Schule, in der es gute und schlechte Schüler nebeneinander hat. Wenn die Stündler hochmütig sein und sich als das «Volk des Herrn» betrachten wollen, dann kann man ihnen ruhig antworten, dass es Gottes Sache ist, sich sein Volk auszuwählen, dass er die Seinigen kennt und dass sie ihm nicht zuvorzukommen brauchen mit der Erklärung: Wir sind’s! da hat die Landeskirche in der Tat die größere Wahrheit auf ihrer Seite. |</p>
                    <p>Der zweite Vorwurf, den man den <term ref="kbga-terms-471">Gemeinschaftsleuten</term> machen kann, ist der, dass meistens ein gar <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-1962">enger, kleinlicher Geist</term></hi> bei ihnen herrsche, dass man bei ihnen so wenig <term ref="kbga-terms-658">Freiheit</term> finde im Denken und im Leben. Da wird ja auch etwas daran sein, und es hat seinen Grund. Die meisten Gemeinschaften sind ja entstanden durch die Betonung irgend eines besondern Punktes in der <term ref="kbga-terms-221">christlichen Lehre</term>. Eins wird zur Hauptsache gemacht, Alles andre darüber vernachlässigt. Man möchte ihnen oft zurufen: macht ein wenig die Fenster auf! lasst ein wenig Luft herein! Die Welt Gottes ist nicht so klein, wie ihr denkt. Schließt eure <term ref="kbga-terms-19">Erkenntnis</term> nicht in einem Sarg ein, sondern lasst sie leben, wachsen, sich klären und vertiefen! Und da kann man wiederum an der <term ref="kbga-terms-1234">Landeskirche</term> Freude bekommen, darum dass sie ein Raum ist mit offenen Fenstern nach allen Seiten, darum dass die christliche Erkenntnis und das <term ref="kbga-terms-58">christliche Leben</term> da gedeihen können in der Luft völliger <term ref="kbga-terms-658">Freiheit</term>, darum dass da die <term ref="kbga-terms-340">Wahrheit</term> nicht gebunden ist an irgend ein Gesetz und an keine Überlieferung, an keinen <persName ref="kbga-actors-9110">Hans Ulrich Liechti</persName> und an keinen <persName ref="kbga-actors-9091">Darby</persName>, sondern allein an Christus, der selber die Wahrheit ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.14.6">Joh. 14,6</ref>]. Die <term ref="kbga-terms-460">evangelische Kirche</term> der Neuzeit hat gerade von den alten Täufern den wichtigen Grundsatz übernommen, dass der <term ref="kbga-terms-179">heilige Geist</term> die Kirche und die einzelnen Pfarrer und Mitglieder in alle Wahrheit leiten müsse [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.16.13">Joh. 16,13</ref>], dass man zu ihm das Vertrauen haben müsse, er werde seine Sache schon recht machen, und dass man ihn durch keinen Kirchengeist und Sektengeist ersetzen dürfe. Dieser <term ref="kbga-terms-114">Gewissensfreiheit</term> im <term ref="kbga-terms-59">Evangelium</term> freuen wir uns hier in der Tat gegenüber allen <term ref="kbga-terms-471">Gemeinschaften</term>, die sie tatsächlich beschränken<note place="footnote" n="a" type="textcritical" xml:id="na">
                            <p> Im <ref corresp="A">Mskr.</ref> ist «tatsächlich beschränken» nachträglich mit Bleistift korrigiert aus «beschränken wollen».</p>
                        </note>.</p>
                    <p><pb xml:id="p533" ed="pga"/> Das dritte, was man ihnen vorhalten kann, ist das, dass durch sie die <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-1964">Einheit der evangelischen Christenheit zerstört werde</term></hi>. Man weist darauf hin, wie viel schöner es wäre, wenn Alle auf die gleiche Weise Gott anbeten würden. Man vergleicht mit der <term ref="kbga-terms-34">katholischen Kirche</term>, wo in <placeName ref="kbga-places-736">Spanien</placeName>, <placeName ref="kbga-places-35">Italien</placeName>, <placeName ref="kbga-places-1007">Südamerika</placeName> und <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> so gut wie in <placeName ref="kbga-places-50">Olten</placeName> und auf dem <placeName ref="kbga-places-1073">Rothacker</placeName> dieselbe Farbe, dieselbe Fahne regiert. Und bei uns in einem so kleinen Dorf wie <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> ein solches Durcheinander! Daran ist <hi rend="italic">auch</hi> etwas. Absonderung ist immer das Zeichen einer gewissen Armut. Wenn man sich wirklich stark fühlt, schließt man sich nicht in eine Büchse ein, sondern man wirkt wie der Sauerteig in der großen Masse [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.13.33">Mt. 13,33</ref>], man lässt sein Licht leuchten vor den Leuten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.16">Mt. 5,16</ref>]. Man macht es dann nicht wie die Ratten, die das sinkende Schiff verlassen, sondern man hilft nach Kräften, es über Wasser zu halten. Man darf nicht etwa mit <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> und <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> kommen und sagen, die hätten doch auch die große Kirche verlassen und hätten eine Sektenkirche gegründet. Gerade das wollte die <term ref="kbga-terms-47">Reformatoren</term> <hi rend="italic">nicht</hi>, sie haben sich verzweifelt gewehrt, um in der katholischen Kirche bleiben zu können, und sind erst gewichen, als sie ausgestoßen wurden, dann freilich mit gutem Gewissen. Es ist immer ein gewisses <term ref="kbga-terms-1119">Unrecht</term> in der Absonderung, wenn ich auch wohl weiß, dass sie oft unvermeidlich gewesen ist. Man verzichtet damit doch immer ein wenig auf die <term ref="kbga-terms-593">Liebe</term>, wenn man sich so in ein Sonderhäuslein begibt. Und dieses Unrecht rächt sich: es ist kaum eine von den sogenannten <term ref="kbga-terms-629">Sekten</term>, die nicht in sich selber wieder Spaltungen und Absonderungen erlebt hätte: aus der einen <term ref="kbga-terms-1808">Methodistenkirche</term> zum Beispiel ist ein ganzes Büschel von <term ref="kbga-terms-471">Gemeinschaften</term> hervorgegangen. Wenn der Riss eben einmal da ist, dann reißt er weiter, weiter, als es seinen Urhebern lieb sein mag, aber er reißt. Da kann man sich wieder dessen freuen, dass eine <term ref="kbga-terms-1234">Landeskirche</term> da ist, die sich von Keinem scheidet, der mit ihr und in ihr in Christus die Wahrheit sucht und findet, die Niemanden hinausstößt, sondern wie eine gute Mutter jedes verschiedene Kind seine eigenen Wege gehen lässt und wohl erzieht und leitet, aber nicht zwingen und herrschen und richten will. Man mag das Schwachheit nennen, wenn man von Weitem urteilt. In Wirklichkeit ist es die Liebe, die alles vertragen, alles glauben, alles hoffen, alles dulden möchte [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.7">1.Kor. 13,7</ref>].</p>
                    <p><pb xml:id="p534" ed="pga" rend="noPipe"/> So etwa kann man gegen die Gemeinschaften reden, wenn man will. Man kann es mit gutem Recht tun. Man könnte noch mehr sagen, als ich gesagt habe. Ich habe ja nur von den Gemeinschaften im Allgemeinen geredet, nicht von dem, was ich als Irrtum oder Gefahr ansehe bei den einzelnen genannten Gruppen. Ich verzichte darauf, obwohl ich Vieles zu sagen hätte. Aber selbst wenn es noch viel mehr wäre, ich würde darum doch <hi rend="italic">nicht einstimmen in die übliche Entrüstung</hi> gegen sie. Es ist mir unmöglich, das Sektenwesen einfach als eine «leidige Tatsache» zu erklären, und noch weniger kann ich in den Gemeinschaftsleuten oder ihren Predigern meine Konkurrenten und Feinde erblicken. Dieser Gegensatz kann trotz Allem vor dem <term ref="kbga-terms-59">Evangelium</term> nicht bestehen, und ich möchte nun gerade die Freunde unsrer <term ref="kbga-terms-1234">Landeskirche</term>, die gegen die <term ref="kbga-terms-471">Gemeinschaften</term> viel auf dem Herzen haben, bitten, sich mit mir unter das Apostelwort zu stellen, das ich als Text verlesen habe: <hi rend="italic">Es sind mancherlei Gaben, aber es ist ein Geist; und es sind mancherlei Ämter, aber es ist ein Herr; und es sind mancherlei Kräfte, aber es ist ein Gott, der da wirket Alles in Allen</hi>. Von den Gaben und Ämtern und Kräften der Landeskirche haben wir geredet; ich finde sie in ihrer <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-1965">Demut</term></hi>, dass sie keine Gemeinde der Heiligen sein will, sondern nur eine Schule, in ihrer <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-1966">Freiheit</term></hi>, die die Gewissen an nichts Menschliches bindet, sondern nur an Gott in Christus, in ihrer <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-1967">Einheit</term></hi>, die sich durch keine Unterschiede ihrer Glieder zerbrechen lässt. Aber auch die Gemeinschaften haben ihre Gaben und Ämter und Kräfte. Und von denen wollen wir nun <hi rend="italic">auch</hi> reden. – |</p>
                    <p>Zunächst einmal das: in den Gemeinschaften ist viel besser als in der Kirche gesorgt für die <hi rend="italic">Gemütsbedürfnisse</hi>. Schon darum, weil dort nicht so viele Leute sind. Man kennt einander, man <term ref="kbga-terms-1968">fühlt, dass man zusammengehört</term>, es herrscht ein warmer, heimeliger Ton in so einem Saal oder einem Zimmer. In der Kirche dagegen ist es oft so kalt, man geht so gleichgiltig aneinander vorbei, nachdem man eben gebetet und gesungen hat zusammen. Man hat nicht so das Gefühl, unter Brüdern und Schwestern zu sein, wie dort. Dort kommt der Einzelne so recht zur Geltung. Ich verstehe es darum, wenn besonders etwa alleinstehende Personen gern dorthin gehen, und ich wollte sie um keinen Preis zurückhalten. Ein anderes Gemütsbedürfnis, das die Gemeinschaften besser befriedigen als die Kirche, ist der Wunsch, im Prediger des Evangeliums einen recht nahestehenden Menschen vor sich zu <pb xml:id="p535" ed="pga"/> haben. Wie in katholischen Gegenden Viele sich lieber an die <term ref="kbga-terms-1923">Kapuzinermönche</term> wenden als an die höherstehenden Priester, so hören bei uns Viele lieber einen einfachen Prediger oder sogar einen Bauersmann als einen studierten <term ref="kbga-terms-137">Pfarrer</term>. Der Mangel an <term ref="kbga-terms-1386">Bildung</term>, den solche Redner oft haben, ist dann gerade ihr Vorzug: «man versteht sie besser, weil sie nicht so gelehrt sind», sagt man. Wieder andre Gemütsvorzüge der Gemeinschaften betreffen die Einrichtungen des <term ref="kbga-terms-96">Gottesdienstes</term>. Es geht meistens lebhafter und abwechslungsreicher zu in der Stunde als im kirchlichen Gottesdienst. Man singt mehr innige Lieder mit gefühlvollen Worten, es wird aus dem Herzen gebetet, man hört wohl noch allerlei schöne <term ref="kbga-terms-1680">Musik</term>, wie in der Heilsarmee. Ich glaube, mich nicht zu irren, wenn ich sage, dass sehr viele Leute durch diese Gemütsbedürfnisse in die Gemeinschaften geführt werden und nicht etwa durch die besondern Lehren, die da vertreten werden. Die <term ref="kbga-terms-471">Gemeinschaften</term> <hi rend="italic">haben</hi> wirklich Gabe, Amt und Kraft, diesen Bedürfnissen besser entgegenzukommen als die Landeskirche. – |</p>
                    <p>Ein zweiter Vorteil, den sie haben, ist gerade das, was auf der andern Seite die Gefahr des Hochmuts mit sich bringt. Die Gemeinschaftsleute wollen mit den Forderungen des <term ref="kbga-terms-59">Evangeliums</term> <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-1969">ernst machen</term></hi>, sie wollen nicht bloß <term ref="kbga-terms-1970">Christen heißen</term>, sondern auch sein. Dabei geht es ohne Unvollkommenheit und ohne schwere Selbsttäuschungen nicht ab; das ist ja selbstverständlich. Aber selbst wenn man das Alles abzieht, so wird man doch nicht bestreiten können, dass bei ihnen und bei denen, die ihnen nahe stehen, im Großen und Ganzen mehr ernsthafter Eifer für <term ref="kbga-terms-829">das Gute</term> zu finden ist als bei denen, die da meinen, eine große Tat zu tun, indem sie über die Stündler losziehen. Ja, wir wollen die Sache einmal umkehren: ich glaube, es schimpft mancher über die Stündler, nicht wegen ihrer Ansichten – darum kümmert er sich nicht, und nicht wegen ihrer Stellung zur <term ref="kbga-terms-1234">Landeskirche</term> – denn die Kirche ist ihm so egal wie die Kapelle, aber weil er sich stößt an dem reinern, strengern Leben, das diese Leute führen. Das ist für ihn wie ein Vorwurf, und keine größere Freude kennt er als die, wenn er einen Stündler dabei ertappen kann, dass er auch seinen Fehler hat. Gerade das bekannte Vergnügen der andern Leute in solchen Fällen ist der beste Beweis, dass die Gemeinschaftsleute und ihre Gesinnungsverwandten im Ganzen eifriger sind im Gehorsam gegen das Evangelium. Man stellt höhere Ansprüche an sie als an die andern und an sich <pb xml:id="p536" ed="pga"/> selber. Wenn es aber so ist, dann kann man nur sagen: Gott bewahre uns davor, dass es einmal keine <term ref="kbga-terms-1960">Stündler</term> mehr gebe! Und wenn sie noch zehnmal <term ref="kbga-terms-808">pharisäischer</term> wären, als sie sind, es ist ganz ausgezeichnet, dass sie da sind, als Hechte im Karpfenteich, um die vielfach so gemächlichen und genugsamen Christen der Landeskirche ein wenig aufzuregen und außer Atem zu halten. Es ist wohl kein Zufall, dass gerade die starken Bewegungen auf sittlichem Gebiet, ich will aus der Gegenwart nur die <term ref="kbga-terms-1474">Abstinenzbewegung</term> und den <term ref="kbga-terms-438">christlichen Sozialismus</term> nennen, aus den Kreisen der Versammlungsleute zu Stadt und Land hervorgegangen sind. Es ist wirklich ihr Vorzug und ihr Beruf, ihre Gabe, ihr Amt und ihre Kraft, wie Paulus sagt, Wächter und Vorkämpfer zu sein im <term ref="kbga-terms-1949">Kampf des Guten gegen das Böse</term>. – |</p>
                    <p>Ein dritter Vorzug, den sie unstreitig vor der <term ref="kbga-terms-1234">Landeskirche</term> haben, ist gerade ihre <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-1971">Einseitigkeit</term></hi> in der Lehre und Auffassung des <term ref="kbga-terms-807">Christentums</term>. Wir haben von den Nachteilen geredet, die das hat. Aber Einseitigkeit ist Kraft! wir dürfen das ja nicht vergessen. Die eintönigen Vorträge des <persName ref="kbga-actors-9110">Hans Ulrich Liechti</persName> haben eingeschlagen und tun es immer noch, gerade weil sie eintönig waren und nicht so vielerlei brachten und so viel Wenn und Aber wie etwa die Predigt eines Pfarrers, sondern bloß einen einzigen guten Gedanken in immer neuen Wendungen und Bildern, alles wie Hammerschläge auf den selben Nagelkopf. Und was ist die einseitige <term ref="kbga-terms-2016">Bekehrungspredigt</term> der <term ref="kbga-terms-1808">methodistischen Kirche</term> für eine Macht geworden in der <term ref="kbga-terms-398">Geschichte</term>, wie viel tatsächlicher Segen ist davon ausgegangen – ich brauche ja nur an die <orgName ref="kbga-actors-9056">Heilsarmee</orgName> zu erinnern, die ganz davon ausgegangen ist. So haben die sogenannten Sektierer sehr oft gehämmert in der Geschichte des Christentums, und es war gut so. Und fast immer waren die Wahrheiten, die die Sondergruppen einseitig vertraten, solche, die von der Kirche gerade vernachlässigt wurden. Ich sagte schon, dass zum Beispiel die <term ref="kbga-terms-1972">Glaubens</term>- und <term ref="kbga-terms-114">Gewissensfreiheit</term>, zu der sich die Kirche heutzutage bekennt, ursprünglich eine Lehre der alten <term ref="kbga-terms-468">Taufgesinnten</term> gewesen ist, die sie <hi rend="italic">gegen</hi> die Kirche geltend machen mussten. Später kam eine Zeit, wo die Kirche allzu gemächlich jedermann in den Himmel zu bringen versprach. Da sang man in Deutschland: </p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l>Christi Grab und Leichenstein</l>
                            <l>Soll dem ängstlichen Gewissen</l>
                            <l><pb xml:id="p537" ed="pga" rend="noPipe"/>Ein bequemes Ruhekissen</l>
                            <l>Und der Seelen Ruhstatt sein.</l>
                            <l>Höchst vergnügt, höchst vergnügt</l>
                            <l>Schlummern da die Augen ein!<note xml:id="n17">
                                    <p> Letzte Zeilen des Schlusschors der Matthäuspassion von <persName ref="kbga-actors-455">J. S.  Bach</persName> (BWV 244, uraufgeführt 1727); dort heißt es: «Ruht, ihr ausgesogenen Glieder, / euer Grab und Leichenstein / …»; Barth hatte an einer Aufführung der Matthäuspassion in <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName> im April 1911 selbst mitgewirkt (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-834">Predigten 1911, S. 104, Anm. 4</bibl>).</p>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                    <p>Da war es höchste Zeit, dass die <term ref="kbga-terms-12">Pietisten</term> diesen vergnüglichen Schlummer unterbrachen mit der Bemerkung, ein <term ref="kbga-terms-1766">ruhiges Gewissen</term> dürfe es nicht geben ohne wahrhafte <term ref="kbga-terms-725">Buße</term> und ohne den <term ref="kbga-terms-1653">Ernst</term> eines <term ref="kbga-terms-982">neuen Lebens</term>. Und wieder 100 Jahre später geriet die große Kirche in ein trockenes <term ref="kbga-terms-671">Moral</term>- und <term ref="kbga-terms-819">Vernunftwesen</term> hinein, dem das Leben und das Feuer fehlte. Da musste sie sich durch dieselben Kreise erinnern lassen an das alte Evangelium von Jesus und der <term ref="kbga-terms-63">sündenvergebenden</term> <term ref="kbga-terms-35">Gnade</term>. So ist auch heute fast jede Sekte trotz ihrer Übertreibungen und schweren Irrtümer wegen ihrer entschiedenen <term ref="kbga-terms-1971">Einseitigkeit</term> eine dringende Mahnung an die Kirche, keine Seite der großen christlichen Wahrheit außer Acht zu lassen. Sie haben auch in dieser Beziehung ein <term ref="kbga-terms-1973">Wächteramt</term>. Sie sind «der Schuldschein der Kirche», wie man einmal gesagt hat.<note xml:id="n18">
                            <p> Die Herkunft dieses Satzes wird <persName ref="kbga-actors-2464">Carl Immanuel Nitzsch</persName> (1787–1868) zugeschrieben: «Nun sind, mit einem geistvollen Gottesgelehrten (Nitzsch) zu reden, ‚die Sekten der Schuldschein der Kirche’, sie deuten auf einen Mangel in der Kirche hin, indem sie eine verkümmerte oder vernachlässigte Wahrheit meist ungebührlich hervorheben, wohl gar zur Hauptsache machen» (<bibl corresp="kbga-bibls-1351">
                                    <persName ref="kbga-actors-1842">K. Rohr</persName>, <hi rend="italic">Die letzten Dinge und das Jenseits. Fünf Vorträge</hi>, Basel 1896, S. 4</bibl>).</p>
                        </note> Sie erinnern sie an das, was sie etwa unterlassen hat. Ist das nicht auch eine Gabe, ein Amt, eine Kraft? – |</p>
                    <p>Ich sagte vorhin, ich könnte fortfahren in der Schilderung der Gefahren und Irrtümer des Gemeinschaftschristentums. Nun, ich könnte jetzt auch fortfahren in der Schilderung seiner großen Vorzüge, des Segens, der von ihm ausgegangen ist und noch ausgeht. Aber ich will innehalten. Ich wollte ja nur zeigen, dass beide: die <term ref="kbga-terms-471">Gemeinschaften</term> so gut wie <term ref="kbga-terms-1234">Landeskirche</term>, tatsächlich ihre Gaben, Ämter und Kräfte haben. Es sind freilich nach des Apostels Wort <hi rend="italic">mancherlei</hi> Gaben, Ämter und Kräfte, das heißt, es sind nicht dieselben, sondern verschiedenerlei auf beiden Seiten, und was die Stärke der einen ist, ist <pb xml:id="p538" ed="pga"/> gewöhnlich die Schwäche der andern. Aber in der Verschiedenheit dessen, was jedem anvertraut ist, erkennen wir doch den einen Geber und Herrscher. Das Wertvolle und Ewige in den Gemeinschaften und in der Kirche, es mag wohl unter sich recht verschieden sein – wir können doch nicht verkennen, dass es aus derselben Quelle fließt, dass <hi rend="italic">ein</hi> Geist, <hi rend="italic">ein</hi> Herr, <hi rend="italic">ein</hi> Gott dahinter steht, der Alles in Allen wirkt, dass es Alles in gleicher Weise von Jesus herstammt und von ihm aus gesehen nicht verschieden ist, sondern eins. Denn Jesus ist doch Beides gewesen: frei und streng, demütig und entschieden, weitherzig und einseitig. Wenn wir uns über den Gegensatz von Kirche und Gemeinschaftschristentum noch aufregen, sei’s nun von dieser oder von jener Seite, so ist das ein Beweis dafür, dass wir Jesus noch nicht kennen und seinen wunderbar umfassenden <term ref="kbga-terms-732">Geist der Liebe</term>, in dem das scheinbar Widersprechende mühelos vereint war. In ihm waren die Gaben und Ämter und Kräfte, wegen deren Verschiedenheit wir uns trennen und streiten, eins. Wenn wir das wissen, dann sollen wir uns eben auch danach richten. Ich meine: wir wollen das gegenseitige Kopfschütteln übereinander bleiben lassen; wir wollen fortfahren auf dem Weg, uns gegenseitig zu verstehen als verschiedene Kinder desselben Vaters; wir wollen Gott dafür danken, dass er kein armseliger Gott ist, sondern ein reicher Gott, kein Kirchen- und Sektengott, sondern der große <term ref="kbga-terms-25">Schöpfer</term> und <term ref="kbga-terms-1037">Regierer</term> alles dessen, was lebendig ist und nicht tot. Das ist ja gerade das Wunderbare an ihm, dass er so mannigfaltig zu wirken weiß, <hi rend="italic">Alles in Allen</hi>, wie <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> sagt. Da müssen und dürfen wir ihn wohl auch mannigfaltig auf uns wirken lassen. Die Kirchen- und Sektenmauern aber, die uns jetzt wirklich noch trennen, müssen stehen, solange ihre Zeit da ist. Wenn sie aber ihren Dienst getan haben und ihre Zeit um ist, dann werden sie fallen.</p>
                </div>
                <div type="closer">
                    <salute>Amen.</salute>
                </div>
            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
