15. September 1912 – kein Datum

Predigt: Jeremia 14,8-9

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Eidgenössischer Bettag
Jeremia 14,8–9
Herr, du Hoffnung Israels, sein Heiland in der Zeit der Not, warum bist du wie ein Fremdling im Land und wie ein Wanderer, der nur, um zu übernachten, sein Zelt aufgespannt hat? Warum bist du wie ein bestürzter Mann, einem Kriegsmann gleich, der nicht zu helfen vermag? Und doch bist du in unsrer Mitte, Herr, und nach deinem Namen sind wir genannt: o lass uns nicht fahren!
Liebe Gemeinde!

Zwei große Fragen legt der Bettag uns Schweizern alle Jahre wieder ans Herz: Erstens: An was fehlt es uns? und Zweitens: Wie soll es bei uns anders werden? Um dieser Fragen willen heißt der Bettag auch Bußtag; denn das heißt Buße tun, wenn man sich diese Fragen stellt und beantwortet. Wie es jeder Einzelne von uns nötig hat, immer wieder in Selbstbesinnung und Selbsterkenntnis Buße zu tun, so haben wir es auch nötig als Gesamtheit, als Volk, als Schweizervolk. Denn auch die Völker, nicht nur die einzelnen Menschen, haben ihre bestimmten geistigen Eigenschaften. Auch ein Volk hat seinen Kopf, seinen Willen, sein Gemüt und darum auch seine Tugenden und seine Sünden. Auch ein Volk kann fortschreiten und besser werden oder aber zurückbleiben und versumpfen. Darüber nachzudenken mit unerbittlicher Aufrichtigkeit, will uns der heutige Tag in besonderer Weise anleiten und antreiben.

Liebe Freunde! An was fehlt es unserm Schweizervolk? Ich will darauf zunächst ganz im Allgemeinen die Antwort geben: es fehlt uns an Gott. Wir sind im Ganzen ein gesundes und wohlhabendes Volk; wir sind geachtet unter den Völkern Europas, das haben ja gerade die letzten Wochen bewiesen;1 wir besitzen Naturschönheiten und staat|399liche Einrichtungen, um die man uns von allen Seiten beneidet und die wir selbst vielleicht erst recht schätzen lernen würden, wenn wir sie einmal entbehren müssten. Aber gerade im Mittelpunkt, in der Hauptsache fehlt uns etwas: es fehlt uns an Gott. Ich meine das in einem ganz bestimmten Sinn: Wir sind kein Heidenvolk und kein geistig unmündiges Volk mehr. Gottes Stimme ist laut und deutlich unter uns und Gottes Wille geschieht in unsrer Mitte. Aber wir sind arm in Gott, wer in unser Volksleben tiefer hineinblickt, der möchte einstimmen in die Klageworte, mit denen einst der Prophet Jeremia Gott angerufen: Warum bist du wie ein Fremdling im Land und wie ein Wanderer, der nur zum Übernachten sein Zelt aufgespannt hat? Warum bist du wie ein bestürzter Mann, einem Kriegsmann gleich, der nicht zu helfen vermag? Jawohl, so steht es mit Gott in unserm Volk, er ist bei uns und unter uns, aber nur wie ein «Fremdling im Land», wie Einer, der da ist und doch nicht bei uns zu Hause ist, wie Einer, der sich jetzt zeigt und jetzt wieder vorübergeht. Oder wie ein starker Held, den wir zu Schutz und Trutz an unsrer Seite wähnen und dessen Kraft dann doch wieder, wenn’s drauf und dran kommt, versagt, statt uns zu helfen. |

Wir können Gott hören. Er redet mit aller Macht und Eindringlichkeit zu uns. Ich denke an die tausend Kanzeln im Land, von denen Sonntag für Sonntag frei und ungehindert die Wahrheit verkündigt werden darf und verkündigt wird allem Volk. Ich denke an unsre wohlgeleiteten und -eingerichteten Schulen, die jedem jungen Menschen Gelegenheit geben, sieben oder acht Jahre lang guten, göttlichen Samen zu empfangen. Ich denke an Alles, was heutzutage getan wird, um möglichst Vielen gute Bildung, gute Lektüre zu verschaffen, an die vielerlei edlen, vorwärtsführenden Bestrebungen auf sittlichem und |400 künstlerischem Gebiet, die immer weitere Kreise erreichen, ich denke daran, dass sogar durch die Zeitungen neben allerlei Unnützem und Schädlichem vielen Tausenden täglich auch allerlei Gutes und Anregendes gebracht wird. Gott redet in unserm Volk, auf alle diese Weisen. |

Aber ist er nicht trotzdem ein «Fremdling im Land»? Müssen wir uns nicht gestehen, dass unendlich viel von dem mannigfachen Schall seiner Worte einfach im Wind verweht? Wie Viele hören denn in Wirklichkeit das Wort der Wahrheit, das ihnen in Kirche und Schule und Literatur angeboten wird? Ist der Stumpfsinn und die Gleichgiltigkeit bei Jungen und Alten nicht viel größer als die Empfänglichkeit? Und müssen schließlich nicht die, die auf diesem oder jenem Gebiet den Beruf haben, zu den Andern zu reden von den guten und göttlichen Dingen, sich selbst den Vorwurf machen, dass sie viel zu undeutlich und viel zu schwach reden, dass es auch ihre Schuld ist, wenn Gott immer bloß kommt, um wieder zu gehen unter den Leuten? Gott redet nicht nur, sondern Gott wirkt und schafft, auch in unserm Land und Volk. Wir haben dankbar zu sein für so Vieles, was sein Geist schon unter uns getan hat, für die vielen Anfänge und Anläufe zu Gutem, zum Bessern, die bei uns vorhanden sind, für den immer wachsenden Sinn für die Pflicht der gegenseitigen Hilfe und Solidarität, vor Allem dafür, dass es uns nicht fehlt an Männern und Frauen, die in der Öffentlichkeit oder in der Stille Brunnstuben sind wahren geistigen Lebens und wahrer Gesinnung. Ja, Gott ist unter uns. Aber möchte man nicht sagen, er ist unter uns wie ein bestürzter Mann, einem Kriegsmann gleich, der nicht zu helfen vermag? Muss man nicht manchmal auf den Gedanken kommen, das wenige göttliche Leben, das in unsrem Volk vorhanden ist, sei wie begraben, verschüttet, machtlos gegenüber dem Schwall der Dummheit und Gemeinheit, die eben auch da ist? Was sollen alle Anfänge des Bessern, wenn sich der Widerstand des Schlechten so hartnäckig und gewaltig erweist? Was sollen die schönsten und bestgemeintesten gemeinnützigen Einrichtungen und Anstalten, wenn doch unsre ganze Lebensordnung nur eine große Selbstsuchtsordnung ist? Was hilft es, dass immer wieder da und dort Menschen sind, zu denen man freudig hinaufsehen, von denen man etwas erwarten darf, weil es Gottesmenschen sind, auf die eine oder andre Weise? Was hilft es, wenn man gerade in unsrer |401 Demokratie doch immer fürchten muss, dass sie von der blinden, unverständigen Mehrzahl der Übrigen nicht begriffen werden und nicht zur Geltung kommen? Gleicht da Gott mit seinem Wirken unter uns nicht wirklich dem Kriegsmann, der nicht zu helfen vermag? Seht, meine Freunde, das meinte ich, wenn ich sagte, es fehle uns an Gott. Wir kennen ihn und haben ihn, aber wir sind arm an Gott. Das göttliche Leben ist nicht ein wallender Strom in unserm Volk, sondern ein schmales, wasserarmes Bächlein: Hier eine Kirche und dort ein eifriger Lehrer, hier eine gute Anstalt und dort ein Einsamer, der des Landes Bestes sucht, hier ein gutes Wort und dort eine erfreuliche Bewegung. Aber es sind immer nur einzelne Posten, es ist nicht das Volk, nicht unser liebes Schweizervolk als Ganzes, das auf Gottes Stimme hört und seinen Willen vollstreckt. Gott ist rar unter uns. Das ist die große Not, an der wir leiden. Das ist die Tatsache, die wir uns heute, am Bettag, vor Augen halten müssen.

Oder ist’s etwa nicht wahr, dass es eine Not ist und dass wir darunter leiden, dass Gott wie ein Fremdling, wie ein Kraftloser ist unter uns? Ja, was bedeutet denn für unser Schweizervolk das geheimnisvolle Wort Gott, das wir da brauchen? Ihr kennt Alle die schönen Verse, in denen der Dichter Schiller im «Wilhelm Tell» ausgesprochen hat, was die Größe des Schweizerlandes war, als es zustande kam:

Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern,
In keiner Not uns trennen noch Gefahr!
Wir wollen frei sein, wie die Väter waren,
Eher den Tod, als in der Knechtschaft leben!
Wir wollen trauen auf den höchsten Gott
Und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen!2

Einigkeit, Freiheit, Treue – das ist die Größe des Schweizervolkes. Diese Größe meinen wir, wenn wir singen:

Die fromme Seele ahnt
Gott im hehren Vaterland!3

402 Wenn wir diese Größe besäßen, wenn Einigkeit, Freiheit und Treue wirklich walten würden unter uns, dann wäre Gott kein Fremdling unter uns, dann könnten wir mitempfinden, was die alten Berner meinten, wenn sie sagten, der Herrgott selbst sei zu Bern Bürger geworden.4 So aber hat’s seinen guten Grund, wenn wir ihn bloß ahnen: Gott im hehren Vaterland. Gerade jene eigentliche Größe unsres Volkes ist viel zu ärmlich, zu spärlich, zu zweifelhaft unter uns. Diese Not ist da, auch wenn wir das Wort Gott dabei ganz auf der Seite lassen wollten.

Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern! O wenn es doch wahr wäre, liebe Freunde! Aber steht’s nicht so, dass dieser große Gedanke wohl hier und dort leuchtend wieder auftaucht und durchschlägt bei einzelnen außerordentlichen Anlässen, aber nur, um sofort wieder zu verschwinden im gewöhnlichen, alltäglichen Lauf unsres Volks- und Staatslebens! Wie Wenige glauben doch im Ernst an diese Einigkeit und Brüderlichkeit, um dann auch danach zu tun. Wie Wenige sind bereit, die kleinen und großen Opfer zu bringen, die das mit sich bringt! Was sollen wir sagen zu den widerlichen Streitigkeiten zwischen den verschiedenen Gegenden und Kantonen, bald um die Linie einer neuen Eisenbahn, bald um die Besetzung eines leergewordenen Bundesratssessels? Was sollen wir sagen zu dem Treiben der Parteien, der Parteien ohne alle Ausnahme, die es jede als ihr höchstes Ziel zu betrachten scheinen, alle andern recht herunterzumachen, als ob damit das Geringste geleistet wäre, – so dass viele anständige Leute sich von aller Politik immer mehr angeekelt fühlen: …«ein garstig Lied, pfui, ein politisch Lied»?!5 Und was sollen wir sagen zu dem Kampf der Klassen, so wie er leider gekämpft wird: Hier die ewige charakterverderbliche Aufforderung, neidisch und unzufrieden zu sein und |403 die Fäuste im Sack zu machen, und dort die bodenlose Verständnislosigkeit für Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit im Erwerbsleben, die nichts Gescheiteres weiß, als nach Bajonetten und Kanonen zu rufen. Wir wollen sein [ein] einig Volk von Brüdern!? O es ist ein wahrer Hohn, dieses Wort, wenn wir daran denken, wie verschwindend selten die Gesinnung ist unter uns, die auch im Gegner vor Allem den Bruder sieht, die auch im Kampfe es sich zum obersten Zweck macht, mit dem Bruder einig zu werden. Wir wollen Eins sein wie die Väter waren! |

Kein Wort ertönt häufiger an unsern patriotischen Festen, nichts schmeichelt uns Schweizern mehr als das Wort «Freiheit»! Und es gibt wirklich nur wenige Worte, die einen höhern, edlern Klang hätten als dieses. Aber ich frage euch, wo ist diese Schweizerfreiheit? Die Gessler, Landenberg und Wolfenschießen6 haben unsre Vorfahren verjagt oder erschlagen, dafür seufzen wir unter andern schlimmern Vögten. |

Der erste Landvogt, der im Schweizerlande fast unumschränkt regiert, heißt Mammon. Wer es nicht glaubt, der gehe einmal herum in unserm Schweizervolk und suche, wie viele er finde, denen die Geldfrage nicht die wichtigste und ernsthafteste aller Lebensfragen ist! Der passe einmal auf, wie immer wieder die Forderungen des Rechts und der Sittlichkeit, der Schönheit und der Menschenliebe als inopportun und undurchführbar bezeichnet werden, weil sie mit den Forderungen des Geldverdienens zusammenstoßen und denen selbstverständlich weichen müssen. Der versuche es, im Schweizerland eine Stadt oder ein Dorf zu finden, in dem nicht die Geldbesitzenden die großen Herren wären um ihres Geldes willen. Der probiere es, diejenigen Schweizer zu zählen, selbst unter denen, die sich gegen die Macht des Kapitals empören, die sich nicht sofort krümmen wie ein Wurm und zu Allem bereit sind, wenn es sich darum handelt, Geld zu gewinnen oder zu verlieren. Wie Wenige sind es doch, die dem Landvogt Mammon keinen Tribut zollen! |

Der zweite Landvogt im Schweizerland ist der Alkohol. Er herrscht für gewöhnlich weniger brutal, aber auch er fast allgemein. Ich denke |404 durchaus nicht nur an das sogenannte Trinkerelend, obwohl es wahrhaftig noch immer landauf, landab seine Opfer fordert. Ich denke daran, dass unser Volk in weitesten Kreisen noch immer seine größten und schönsten Momente, seine Erhebung, seine Freude, seinen Trost und seine Erholung im Alkoholgenuss sucht. Ist’s etwa nicht so, dass bei unsern Sänger-, Turner- und Schützenfesten der Festwein die wichtigste Frage unter allen Vorbereitungen und nachher der ersehnte Glanzpunkt des Festes selbst ist? Ist’s nicht so – und ich rede da aus Erfahrung7 –, dass unsre Studenten, die später die Führer des Volks sein sollen, hier die Quelle ihrer Begeisterung suchen? Ist’s nicht so, dass unsre Dorfpolitik und Vereinspolitik, unsre Kantons- und Bundespolitik beim Glase gemacht wird? Ja, sie ist aber auch danach! Seht, das ist das große Unheil, das dieser Landvogt anrichtet, dass von diesen Höhepunkten aus, wo man das Trinken auch immer für unentbehrlich hält, unser ganzes Volksleben bis in seine feinsten und heiligsten Gebiete hinein durchdrungen und vergiftet wird vom Biergeist und vom Weingeist. Wieviel Unwahrheit und wieviel Geistesträgheit, wieviel Geschwätz und Missverständnisse, wieviel Oberflächlichkeit und bösen Willen hat nicht dieser Landvogt auf dem Gewissen! Wieviel freier und mutiger und moderner würden unsre Behörden urteilen und beschließen, wenn diese lähmenden Dünste weniger mächtig wären in den Köpfen! Wie ganz anders würde, um nur ein Beispiel zu nennen, die Arbeiterbewegung dastehen, wenn sie nicht immer wieder mit diesem schlimmsten ihrer Feinde einen heuchlerischen Frieden schließen würde. Und wieder muss man sagen: wo nur sind die, die es wagen, den Einfluss dieses Gewaltherrschers ganz abzuschneiden. |

Der dritte Landvogt ist eine Landvögtin. Sie heißt die Phrase. Das sind die großen, volltönenden Worte, mit denen man das Nachdenken und die Ernsthaftigkeit ersetzen kann. Wer es versteht, große Worte zu machen, der gewinnt immer ein großes Gefolge, denn mit großen Worten fängt man die Dummen. Die Phrase hat ihre Zwingburgen in den Zeitungen, leider, muss ich sagen, in den Zeitungen ausnahmslos |405 aller Parteien. Von diesen Zwingburgen aus regiert sie das Land, und das Beste ist, dass die Untertanen gar nicht merken, dass sie regiert werden. Die Phrase sagt: Fortschritt! Ach ja, Fortschritt! murmeln ringsumher die Untertanen. Aufklärung! Ach ja, Aufklärung, natürlich! Toleranz! Ja, ja, Toleranz! Und so werden alle die großen Worte hingenommen und geglaubt, unwiderstehlich dringen sie in die Köpfe ein, werden da hart und hölzern, und jeder hält sie für seine eigene Überzeugung, während er doch nur der Macht der Phrase unterworfen ist. Ich denke an einen ganz bestimmten Fall, wenn ich jetzt sage, dass die Zeitungsphrase die Macht hat, vielen Tausenden in unsrem Volk die größten Sinnlosigkeiten selbstverständlich zu machen. Wo bleibt da Wilhelm Tell, der dieser Zwingherrschaft ein Ende machte? Wahrhaftig, man muss an die Worte aus dem 73. Psalm denken: Was sie reden, das muss vom Himmel herab geredet sein; was sie sagen, das muss gelten auf Erden. Darum fällt ihnen der Pöbel zu und laufen ihnen zu mit Haufen wie Wasser! [Ps. 73,9f.] Und schmerzlich bewegt fragt man sich, ob Elias heute noch 7000 finden würde in Israel, die ihre Knie nicht gebeugt haben dem Baal [vgl. 1.Kön. 19,18]. |

Endlich das Letzte: Wir wollen trauen auf den höchsten Gott und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen! O wenn wir das tun würden, meine Freunde! Das würde heißen: Wir wollen die Wahrheit und die Liebe und das Recht für das Beste und Sicherste halten und in ihrem Besitz vor keinen Gefahren zittern. Was wären wir Schweizer für ein starkes und reiches Volk, wenn es so wäre. Aber wenn wir uns nun umsehen und uns fragen: woher erwarten wir eigentlich Kraft und Hilfe, was ist uns das Beste und Wünschenswerteste in den Nöten und Aufgaben des Lebens, dann finden wir, dass wir in der großen Mehrzahl auf ganz andre Dinge vertrauen. |

Einmal auf unsre Waffen, auf unsre Armee, deren Leistungen ja jetzt sogar vom deutschen Kaiser gebilligt worden sind.8 Unzählige Schweizer wissen beim Wort «Vaterland» kaum an etwas Höheres zu denken als an unser Militärwesen. Wir wollen es hoch in Ehren halten und nichts versäumen, um es bereit zu halten für die Stunde der Not. Aber es ist der gefährlichste Irrtum, wenn wir unsern Vaterlandsglauben auf Exerzierreglement und neue Geschütze gründen wollen.9 |406 Denn die Waffen mögen noch so fein geschliffen sein, wenn sie nicht geführt werden von einem gesunden, freudigen, einigen, sittlich reinen Volk, so sind sie machtlos, das hat die Weltgeschichte hundertfach bewiesen. Aber wie Wenige haben es verstanden! |

Und wie viele wiederum denken und sagen es, das Höchste und Beste, was unserm Volk erhalten bleiben müsse, sei seine körperliche Kraft und Gesundheit. Gewiss soll sie das, wenn man nur immer am rechten Ort dran denken würde, nämlich bei den Gefahren, die die Gesundheit unsres Volkes bedrohen, in der Sorge für gesunde und reichliche Nahrung für Alle, in der Regelung der Arbeitsverhältnisse, besonders in den Fabriken und in der Heimarbeit, in der Erziehung der Kinder, in der Gesetzgebung gegen Alkoholismus und Unsittlichkeit. Wir wollen auch das Turnwesen segnen, dass es die körperliche Kraft in weiten Kreisen erhält und fördert als ein hohes Gut unsres Volkes. Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper!10 Das ist eine prachtvolle Losung. Aber gerade die Turner und Turnerfreunde hätten es heute nötig, sich erinnern zu lassen, sie möchten über dem gesunden Körper den gesunden Geist nicht so völlig vergessen, wie es vielfach geschieht. Was helfen uns die prächtigsten Muskeln und die schönsten Übungen an Reck und Barren, wenn die Rohheit und Oberflächlichkeit in den Köpfen und Herzen nur um so ungenierter ihr Wesen treibt. Was dem Menschen Kraft und Halt gibt, das ist schließlich doch einzig und allein der gesunde Geist, und wenn die |407 Körperkultur dazu nicht hilft, so ist sie keinen Streich wert. Ein starker Büffel ist dann gerade so schön. |

Aber um den gesunden Geist zu bekommen, ist’s nun auch mit der sogenannten Schulbildung nicht getan. Das ist das dritte falsche Vertrauen, das in unserm Volk und vielleicht in unserm Aargauer Volk ganz besonders mächtig ist. Wieder sagen wir: Allen Respekt vor unsrer Schule und ihren Leistungen. Noch viel mehr Anerkennung und Unterstützung müsste sie finden bei uns Allen. Aber gewaltig sind wir auf dem Holzweg, wenn wir etwa meinen, durch Eintrichtern von Rechnen, Französisch und Geographie werde Einer zum rechten Menschen und brauchbaren Bürger gemacht. Von den Gefangenen in Lenzburg11 hat der größre Teil eine gute Schulbildung genossen. Das hat sie also offenbar nicht gehindert, moralisch zu verwahrlosen. Ja, es gibt Charaktere, für die diese sogenannte Bildung vielleicht eher eine Gefahr ist als ein Segen, weil sie sie aufgeblasen und eingebildet macht. Man irrt sich gründlich, wenn man den Fortschritt erwartet von der zunehmenden Schulbildung. Die kann dem Fortschritt dienen in vielen Fällen, er selbst aber kommt nur aus der persönlichen Energie, aus dem Solidaritätsbewusstsein, aus der Selbstlosigkeit und Opferwilligkeit, und das sind Qualitäten, die man nicht eintrichtern kann. Aber ich frage wieder: wie Viele sehen das ein, wie Viele glauben an die Notwendigkeit einer innern Kultur des Menschen, wie Viele verstehen das, dass der gesunde Geist im gesunden Körper, auf den ein Volk bauen und vertrauen kann, nur der gute Geist sein kann, der Geist des ernsten Willens und der Geist der Liebe, die nicht das Ihrige sucht [vgl. 1.Kor. 13,5]? Machen wir uns keine Einbildungen, es sind auch hier Wenige!

Seht, meine Freunde, so kommt’s und so sieht das aus, dass Gott nur wie ein Fremdling ist im Land und wie ein bestürzter, kraftloser |408 Mann unter uns. Ich wiederhole noch einmal, dass man das Wort «Gott» bei alledem auch weglassen kann, wenn man dieses Wort aus irgendwelchen Gründen scheut. Es handelt sich hier nicht um irgendwelche Worte, sondern einfach um Tatsachen, die jeder sehen und bestätigen muss, der aufrichtig ist. Diese Tatsachen wollen wir heute erkennen und anerkennen.

Und nun die andre Bußtags- und Bettagsfrage: wie soll es bei uns anders werden? Ich glaube, da kann die Antwort nicht schwierig und verwickelt sein nach Allem Gesagten. Wenn Gott so rar ist unter uns, müssen wir ihn bitten, reichlicher unter uns zu sein. Etwas Anderes hat auch der Prophet Jeremia nicht vorzubringen gewusst auf die bange Frage, die er an Gott gerichtet, als dieses machtvolle Und doch! Seht, das ist etwas Großes, wenn wir dazu kommen, so mit allem Ernst und aller Wahrhaftigkeit unsre Sünden zu erkennen und zu bekennen, um dann so freudig fortzufahren: Und doch! Wenn wir das doch glauben wollten, dass uns das Zweite geschenkt wird, wenn wir das Erste getan haben. Und doch bist du in unsrer Mitte, Herr! betete Jeremia, und nach deinem Namen sind wir genannt: o lass uns nicht fahren! Meine Freunde, dieses Gebet ist ein Aufschwung. Hier breitet die Seele ihre Flügel aus und erhebt sich und will unaufhaltsam der Sonne entgegen. Es ist ein Gebet voll schmerzlicher Sehnsucht und doch zugleich voll freudiger Gewissheit. So schmerzlich und freudig zugleich muss es uns zu Mute sein, wenn wir jenes Und doch! recht und von Herzen mitbeten wollen. Wir müssen diesen Aufschwung mitmachen. Auch die Seele unsres Volkes muss am Bettag die Flügel weit ausbreiten, um der Sonne zuzueilen. |

Aber wie geschieht das? Meine Freunde, dazu gehört zweierlei. Zuerst das, dass wir wirklich daran glauben, dass der Herr in unsrer Mitte ist und dass wir nach seinem Namen genannt sind. Das will sagen, dass wir uns festhalten an Allem, was uns schon geschenkt ist an göttlichem, gutem Leben, an Werken und Wirkungen Gottes, an Einigkeit, Freiheit und Treue. Wir werden dann entdecken, dass es nicht so wenig ist, wie es auf den ersten Blick aussieht. Wir würden entdecken, dass nicht Gott der unstete Wanderer, der Fremdling ist im Land, sondern dass wir unsicher, unbestimmt, mutlos, zweifelhaft waren, dass wir Gottes Worte und Werke zu wenig ernst genommen haben. Sobald wir sie ernst nehmen, dann bleiben sie uns, dann wird |409 Gott auch Bürger bei uns. Dankbarer, freudiger, empfänglicher müssen wir werden allem Guten gegenüber, das unter uns, in unserm Volke vorhanden ist Wir müssen aufhören mit dem Zaudern und Achselzucken und Zweifeln, wir müssen das Gute frisch packen und pflegen, wo und wie es uns auch begegne. Unser Misstrauen gegen Gott muss sich in Vertrauen verwandeln. Wenn wir ihm nahe bleiben, dann bleibt er auch uns nahe, dann kann uns das ganze erschütternde Bild unsrer Sünde nicht mehr erschrecken, dann erfahren wir, wie überwältigend groß Gott ist mitten in der Gottlosigkeit. |

Das Zweite aber gehört dazu; es ist das inbrünstige Gebet: o lass uns nicht fahren! Wir dürfen uns nicht begnügen lassen an dem, was wir schon kennen und haben von ihm, sondern wir müssen mehr verlangen und immer mehr. Dazu ist uns Jesus gegeben. Durch ihn hat Gott uns ja alles Gute gegeben, das wir schon haben; – durch ihn gibt er uns immer mehr. Wenn wir zu ihm kommen, wenn wir uns so recht deutlich vor Augen halten, wer er gewesen ist, wie er gelebt hat und gestorben ist, dann erfüllt sich unsre Bitte: o lass uns nicht fahren! noch bevor wir sie aussprechen. Da spüren wir, dass Gott nicht ein bestürzter Mann ist, nicht ein Kriegsmann, der nicht zu helfen vermag. Wir empfinden da eine Kraft, die über den Unfrieden und die Sklaverei und die Eitelkeit in uns und in unserm Volk siegen muss. Gott lässt uns nicht fahren, solange wir Jesus ansehen. O wollen wir nicht Alle hinzutreten, um an dieser Quelle wieder Zutrauen und Kraft zu schöpfen, damit unser Volk und unser liebes Schweizerland reich werde in Gott. In der Bibel redet er zu uns, im Leben seiner Zeugen, im heiligen Abendmahl. Und immer sagt er uns dasselbe, lockend und verheißend: In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden [Joh. 16,33].

Amen.

Sachfußnoten

1
Zu nennen ist einerseits der Aufsehen erregende Besuch Kaiser Wilhelms II. in der Schweiz vom 3.–7. September 1912 (vgl. dazu oben, S. 374, Anm. 1). Andererseits war die Schweiz gerade im September 1912 auch Schauplatz einiger internationaler Konferenzen: Am 6. begann in Zürich die erste Internationale Soziale Woche, parallel dazu fand dort eine Delegiertenkonferenz der Internationalen Vereinigung zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit statt; vom 14.–16. tagte ebenfalls in Zürich eine Delegiertenversammlung der Internationalen Vereinigung für gesetzlichen Arbeitsschutz; am 24. sollte in Genf der 19. Weltfriedenskongress beginnen. Bereits am 23. August hatten zudem in Caux VD erste Gespräche zu Friedensverhandlungen zwischen Italien und dem Osmanischen Reich begonnen, die am 18. Oktober zum Frieden von Ouchy führten. ↩
2
Barth zitiert den «Rütlischwur». Vgl. Fr. Schiller, Wilhelm Tell, 2. Aufzug, 2. Szene 📖:
Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern,
in keiner Not uns trennen und Gefahr
…
↩
3
Wiederkehrende Zeilen in den Strophen 2–4 des «Schweizerpsalms» von L. Widmer und A. Zwyssig (RG 519) 🎵, seit 1961 provisorische, seit 1. April 1981 offizielle Nationalhymne der Schweiz. ↩
4
Schon Conrad Justinger zitiert in seiner 1420 verfassten Chronik ein Dokument aus dem Jahr 1340, in dem es heißt, den Bernern ginge alles «so wol ze handen, daz ein gemein sprüchwort wart im lande: got ist ze bern burger worden, wer mag wider got kriegen?» (Die Berner Chronik des Conrad Justinger, hrsg. von G. Studer, Bern 1871, S. 101f. 📖[Nr. 146]). ↩
5
J. W. von Goethe, Faust. Der Tragödie erster Teil, V. 2091 📖 (Auerbachs Keller in Leipzig. Zeche lustiger Gesellen). ↩
6
Aufzählung der Fronvögte aus Wilhelm Tell 📖: Gessler als Reichsvogt in Schwyz und Unterwalden, Landenberg als Landvogt in Unterwalden, Wolfenschießen als Burgvogt auf dem Rossberg in Unterwalden. ↩
7
Diese Erfahrung gründete in Barths Studentenzeit; nach seinem Eintritt in die studentische Verbindung Zofingia war er «binnen kurzem ein sehr aktiver Biertrinker» geworden (Busch, S. 47 📖). ↩
8
Vgl. oben, S. 375, Anm. 3. ↩
9
Im Zusammenhang mit dem 1907 angenommenen neuen Wehrgesetz war in der Schweizer Armee zum 1. Januar 1908 auch ein neues Exerzier-Reglement erlassen worden: Schweizerische Armee, Exerzier-Reglement für die Infanterie, vom Bundesrate genehmigt am 31. Dezember 1907 und in Kraft erklärt auf 1. Januar 1908, Bern 1908 📖. – Im Jahr 1912 kaufte die Schweizer Armee 86 Exemplare einer von der Friedrich Krupp AG in Essen gefertigten modernen 12-cm-Haubitze, die im Unterschied zu älteren Geschützen nicht mehr bei jedem Schuss neu ausgerichtet werden musste und daher schneller feuern konnte; ein Zeitungsartikel kommentierte die Ständerats-Entscheidung für den Kauf: «Die Fachmänner sind sich heute einig, daß die Feldhaubitze das vollkommenste Instrument der heutigen Kriegstechnik ist. Wenn wir gegenüber unsern Nachbarn lange zugewartet haben bis zur Einführung der Haubitze, so haben die zehnjährigen eifrigen Studien die besten Früchte getragen» (N. N., Der Ständerat, in: Berner Intelligenzblatt, Jg. 79, Nr. 65 vom 6.3.1912 📖). ↩
10
Auf Juvenal, Saturae IV, 10,356 📖 (dort vollständig: orandum est, ut sit mens sana in corpore sano), zurückgehende, vielfach als Devise von Turnvereinen benutzte Redewendung. ↩
11
In Lenzburg befand sich seit 1859 die kantonale Strafanstalt des Aargaus. Der 1864 eingeweihte Neubau galt als ein für damalige Verhältnisse vorbildliches Gefängnis, dessen erster Direktor Johann Rudolf Müller (1824–1894) dadurch internationale Bedeutung erlangte, dass er hier Grundlagen des modernen Strafvollzugs erarbeitete (zum Beispiel Abschaffung von Prügel- und Kettenstrafen, Möglichkeit vorzeitiger Entlassung). Vgl. B. Küng-Aerni, Art. «Müller, Johann Rudolf», in: Historisches Lexikon der Schweiz ( https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/042094/2008-02-07; zuletzt aufgerufen am 16.11.2021 📖). ↩