Predigt: 2 Korinther 5,11
Es ist furchtbar schwer, «schön zu fahren» mit den Leuten, das heißt, wie wir sagen, gut mit ihnen auszukommen. Die allermeisten Menschen lernen diese schwere Kunst zeitlebens nicht, und die Wenigen, die sie lernen, lernen sie wohl erst gegen Ende ihres Lebens hin. Ich bin freilich auch schon Solchen begegnet, die mir frank und sicher erklärten: Ich komme mit allen Leuten aus! Aber damit meinten sie etwa ihren Mann oder ihre Frau oder ihre nächsten Nachbarn. Es sind Solche, die wenig unter die Leute kommen und die es wirklich dahin gebracht haben mögen, mit den Wenigen, die sie kennen, im Frieden zu leben. Das ist aller Ehren wert, wenn es wahr ist. Aber es ist auch schon vorgekommen, dass solche Friedfertigen im kleinen Kreis sich in die ärgsten Zänker verwandelt haben, wenn sie nun unter andre Leute, in einen größern Kreis kamen. Es zeigte sich dann, dass ihre vorherige Friedensliebe mehr eine Sache der Bequemlichkeit und Gewohnheit gewesen war und nicht jene schwer zu erlernende und zu behaltende Lebenskunst. Nur der kann mit Sicherheit und Wahrheit sagen, er komme gut aus mit den Leuten, der seine Fähigkeit erprobt hat an vielen und vielerlei Menschen. |
Denn woher kommt’s, dass es so schwer ist, gut auszukommen mit den Leuten, oder wie
Wenn wir der Sache auf den Grund gehen, werden wir finden, dass jedes von uns im Geheimen die ganze Menschheit in zwei Parteien teilt: auf der einen Seite steht es selber ganz allein, auf der andern alle übrigen Menschen. Und nun kommt alle Schwierigkeit und aller Streit in unserm Verhältnis zu den Andern daher, dass wir ihnen gram sind, weil wir uns in dieses «anders», das wir bei ihnen wahrnehmen, nicht zu finden vermögen. Könnten wir es, so wäre aller Zwiespalt aus der Welt. Es steht nämlich so: ein jedes von uns hat eine Ecke in seiner Seele, in der ein ganz solider Stolz zu Hause ist. Der gehört sozusagen zu unsrer Naturanlage. Es ist Niemand unter uns, und wenn es der |389 Stillste, Nachgiebigste und Bescheidenste wäre, der diesen Stolz nicht auch hätte. Es ist ein merkwürdiger Stolz. Du fühlst dich gleichsam auf einer Insel, rings um dich herum das weite Meer, auf dessen Wellen sich allerlei Schiffe schaukeln, große und kleine, in der Nähe und in der Ferne, und diesen Schiffen siehst du nun von deiner Insel aus gemächlich zu. Das sind nämlich «die Leute», wie man sagt. Man kann so viel daraus heraushören aus diesem Ausdruck: d’Lüt! wie man ihn manchmal aussprechen hört. Einer nennt immer die Andern: «d’Lüt» und nimmt dabei sich selbst stillschweigend davon aus, er gehört nicht zu «den Leuten», er ist etwas Besonderes, er steht ja auf der festen Insel. Dieses Gefühl ist in uns Allen: hier ich, dort – dort draußen die Andern; ganz selbstverständlich gehöre ich nicht zu ihnen. |
Und dieser Stolz in uns macht nun eine ganze Reihe von Ansprüchen. Erstens weißt du es besser als die Andern – sowieso, ganz selbstverständlich ist das, du stehst ja auf der Insel, die Andern nur auf schwankenden Schifflein. Du hast von vornherein die richtigere Ansicht als d’Lüt, das steht dir fest, noch bevor du ihnen begegnet bist. Vielleicht weißt du noch nicht, was du meinst und willst, aber dass du es besser wissen wirst als die Andern, das steht fest und gilt. Zweitens willst du dann aber auch recht haben vor den Andern, das heißt, sie sollen es anerkennen, dass du Alles besser weißt. Wenn du mit den Andern redest, so tust du es, um ihnen zu sagen, dass du recht hast. Und wenn es sich nun zeigt, dass du nicht recht hast? Das kommt auch vor, nichtwahr, aber dann gibt es unzählige Mittel, um zu zeigen, dass du doch recht hast. Entweder du sagst: man hat mich missverstanden, die Leute verstehen einen immer falsch! oder: ich habe mich nicht gut ausgedrückt, ich meine es natürlich so und so, wobei vielleicht gerade das Gegenteil herauskommt. Oder du fängst schnell an, von etwas Anderem zu reden, wo du dann sicher recht hast und triumphieren kannst. So kannst du auf die wunderbarste Weise immer der sein, der recht hat. Schließlich möchtest du aber nicht nur recht haben, sondern d’Lüt sollen auch auf dich hören. Du hast einen stillen, manchmal ganz stillen Groll gegen diese ganze Gesellschaft um dich herum, die immer nicht begreifen will, was du doch schon längst gedacht und gesagt hast. Warum sind auch die Leute so? brummst du von deiner Insel aus. |
390 Und nun sieh, von allen diesen Ansprüchen an die Leute bist du nun geladen wie eine Kanone oder voll wie ein Fass, das eben überlaufen will, wenn du mit ihnen zusammenkommst. Deine Träume, dein Gemüt, deine Augen, deine Worte, dein ganzes Auftreten ist übervoll von der großen Wahrheit, dass du es besser weißt, dass du recht hast und dass du billig zürnen darfst, dass man nicht mehr auf dich hört. So verkehrst du mit deiner Frau und mit deinem Mann, so mit Bekannten und mit Fremden, so mit Freunden und Feinden.
Wohlverstanden, das ist manchmal etwas ganz Verborgenes in unserm Verkehr miteinander, wir wissen es oft sehr gut zu verstecken, aber vorhanden ist es immer, ja, es geht durch Alles hindurch, es begleitet unser Reden und Tun wie das unaufhörliche Ticktack unsrer Uhr, es steht im Hintergrund aller unsrer Worte und Handlungen. Und nun braucht es nur einen ganz kleinen Funken, so geht die Kanone los mit einem großen Donnerschlag, nur eine ganz kleine Erschütterung, so überläuft das Fass und Alles wird überschwemmt;
und das tritt ein, wenn unser Stolz mit dem Stolz Anderer zusammentrifft, wenn wir irgend jemandem von den Leuten um uns her anspüren, er meine es auch besser zu wissen, er wolle auch recht haben, er wolle sich auch Gehör und Gehorsam verschaffen. Wir brauchen das bloß zu spüren bei einem Andern – und wir haben darin meist ein sehr feines Gefühl –, so ist der Streit da, zuerst vielleicht bloß in unserm Herzen, aber er ist da: wir haben das Gefühl,
wir müssten den Andern dämpfen, der maße sich da etwas an, was sich gar nicht gehöre. Was unser Recht ist auf unsrer Insel, das will sich der Mensch im Schifflein da draußen auch erlauben? das ist für uns, wie es für einen Herrn von Müller sein müsste, der hört, dass sein Nachbar, der bloß Müller heißt, sich nun auch von Müller nennt.
Oder wie für einen Korporal, der einem gemeinen Soldaten begegnet, und der hätte sich mira nichts dir nichts auch die Korporalzeichen auf die Ärmel genäht. Oder wie für einen Ortsbürger, der vernehmen müsste, irgend ein Zugewanderter habe auch vom Bürgerholz3
bekommen. Gegen Solches muss man sich auflehnen, und das tun wir dann auch nach Kräften, sowie wir merken, |391 dass ein Anderer auch stolz sein will. Das fordert uns heraus und, wenn das einmal geschehen ist, dann braucht es nur noch einen kleinen Anlass von außen,
und der Krieg ist da. Der Anlass, die sogenannten Gründe, weshalb wir Menschen miteinander kiefeln und händeln4, sind also in Wirklichkeit keineswegs die Gründe. Denn wir kiefeln und händeln gewöhnlich wegen ganz läppischer,
erbärmlicher Anlässe, das wisst ihr Alle. Sondern der Grund ist verborgen in der Tiefe: Unser Stolz ist verletzt, wenn wir dem Stolz der Andern begegnen, und wenn das einmal geschehen ist, dann sind wir bereit, schon wegen eines Strohhalms miteinander zu maulen und zu zanken. Und nun müssen wir bedenken,
wenn wir die Sache verstehen wollen, dass es nicht nur ein Mensch so macht den Andern gegenüber, sondern wir Alle allen Andern gegenüber. Jedes von uns meint, es sitze auf der sichern Insel in der Mitte der Welt und alle andern seien bloß Schifflein, die auf den Wellen tanzen, jedes von uns weiß es besser, jedes hat recht, jedes verlangt mit stillem Groll, dass man ihm folge. Und nicht einen Stolz gibt es, sondern unzählige Stölze, hier in
392 Wahrlich, wenn wir das so überlegen, müssen wir uns eigentlich wundern, dass nicht noch viel mehr Kiefeln und Zanken auf der Welt und in
Aber darum sind wir nicht weniger unglücklich. Die Ordnung in der Welt ist dadurch leidlich gewahrt, dass wir uns gegenseitig dämpfen durch unsern Stolz. Aber wir selbst sind damit noch nicht in Ordnung gebracht. Auch der gebrochene und verborgene Stolz streitet noch gegen die Mitmenschen, auch wenn er es seltener zeigt als vorher. Das ist noch kein gutes Auskommen mit den Leuten, wo man einander gewisse Maulkörbe angelegt hat, so dass man sich nicht mehr offen beißen und fressen kann. Da schwelt und qualmt dann unser Stolz wie ein Feuer unter einem Müllhaufen. Aller Zorn und alles Gift und alle Aufregung, die er mit sich bringt, sind noch da, nur dass wir sie in uns selber hinunterwürgen müssen. Der Friede Gottes ist kein Segen für uns, solange er uns bloß aufgezwungen ist. Wir leiden unter unserm Stolz, nichtwahr, ob wir ihn nun zeigen dürfen oder nicht? Wir leiden darunter, dass er uns verbietet, mit den Leuten aufrichtig und ehrlich gut auszukommen. Wir leiden darunter, wir sind tief unglücklich dabei, dass uns unser Besserwissen, unser Rechthaben, unser Uns-geltend-Machen immer wieder in heimlichen oder offenen Streit mit den Leuten führt. Es ist Mancher unglücklich, das Leben ist ihm verleidet, Missmut und Enttäuschung erfüllen ihn, und er weiß nicht warum. Besinne dich einmal darüber, lieber Freund, ob du nicht |393 unter deinem Stolze leidest und unter dem Unfrieden mit den Leuten, in den dich das hineinführt?
Aber wie können wir nun von diesem Leiden befreit werden? Sieh, da erzählt in unserm Textwort Einer, der auch daran gelitten hat, wie er davon befreit worden ist.
Wenn irgend Einer, so hat der Apostel
Aber er hat noch etwas Anderes gekannt, was wir oft nicht kennen. Erstens hat er eingesehen, dass jener Stolz nichts wert ist, und hat dagegen gekämpft, und zweitens hat er gewusst, wie jener Stolz überwunden wird. In unserm Text sagt er es klar und deutlich: Dieweil wir denn wissen, dass der Herr zu fürchten ist,
fahren wir schön mit den Leuten. Das will sagen: Weil ich Ehrfurcht habe vor Gott, darum weiß ich mit den Menschen auszukommen. Als Paulus Christus kennenlernte und in Christus Gott, da wurde ihm sein Stolz zerschlagen, und damit kam er in eine ganz andre Stellung zu den Menschen. Und je besser er Gott kennenlernte, desto mehr schwand sein Stolz und desto besser wusste er mit den Leuten auszukommen. Mit der Furcht Gottes kam eine neue Richtung
in sein Leben, die Ansprüche verschwanden, die er früher gestellt, und mit den Ansprüchen verschwanden mehr und mehr auch seine Reibungen mit den Menschen. Er ist keineswegs fertig und vollkommen; was er in unserm Text ausspricht, hat er noch nicht erreicht, er jagt ihm aber nach, ob er es ergreifen möchte, wie er anderswo sagt [vgl.
Ob wir wohl ein anderes Mittel ausfindig machen könnten, meine Freunde, um mit den Leuten auszukommen? Eins habe ich schon genannt: das Leben zwingt uns oft einfach, mit den Leuten Frieden zu halten. Aber das hilft uns nicht viel, weil Zorn und Gift sich dann innerlich geltend machen. Und was könnten wir für andre Mittel nennen? Sie werden immer nur darauf hinauslaufen, man solle vorsichtig sein, seinen Stolz nicht zu sehr feiernlassen, sondern möglichst gut zu verstecken. Klug sein muss der Mensch! sagt man, er muss sich anpassen, sich unterziehen unter Umständen, dann findet man schließlich die beste Befriedigung für seinen Stolz. Ja, darin hat es allerdings Mancher erstaunlich weit gebracht! Aber oh! das sind faule Lehren. Erstens darum, weil sie die Unaufrichtigkeit predigen. Also man darf sich ärgern über die Menschen, aber nur innerlich, man darf über sie schelten, aber nur so, dass sie es nicht hören, man darf ihnen z’Leid werken,8 aber möglichst so, dass Niemand es merkt. Das ist doch einfach Lüge. Dann lieber noch offenen Krach, als solchen Frieden. Denn selbst, wenn es dir gelingt, so klug zu sein, hast du Freude daran? Kannst du ehrlich sagen, du kommst gut aus mit deinen Mitmenschen? Wird dein Tun Segen haben? Das glaubst du selbst nicht. O wie viel von unsrer sogenannten Höflichkeit, von unsrer Rücksichtnahme und Scheu einander gegenüber ist bloß eine solche verlogene Verkleidung unsres Stolzes. Wirf sie weg, diese Verkleidung, sei wieder grob und ungeschminkt, wenn [du] nichts Anderes sein kannst, du bist dann wenigstens ehrlich.
Nein, ein wahrhaftiges und wirksames Mittel gegen Stolz und Streit ist einzig die Furcht Gottes. Und wo ein Mensch die rechte Furcht Gottes hat, da wirkt sie auch sicher und sofort als Mittel gegen Stolz und Streit. Ich glaube, wir können das geradezu als Barometer betrachten,
wie es steht mit unsrer Religion, ob wir dazu fähig sind, aufrichtig und tatsächlich mit unsern Mitmenschen auszukommen. Wenn wir es nicht können, dann können wir sicher sein, dass auch unsre Religion noch ganz in den Anfängen steckt, dass wir erst damit |395 beginnen müssen, Gott zu erkennen. Wir stehen wohl Alle noch in diesen Anfängen. Und jetzt wollen wir uns darüber besinnen, wie das zusammenhängt und wie das zugeht, dass wir gut auskommen, «schön fahren» können mit den Leuten.
Wer Gott fürchtet, der hat beständig Gottes Größe vor Augen. Es zittert etwas in ihm bei dem Gedanken, dass es eine Ewigkeit gibt, eine ewige Macht, eine ewige Weisheit, eine ewige Güte. Er weiß, dass er selbst mit dem Besten, was in ihm sein mag, ein verschwindender Tropfen ist in dem unendlichen Meer Gottes, dass er gar nichts wäre ohne den großen Gott. Er verehrt diesen Gott als den Vater alles Lebendigen, der über uns Allen und in uns Allen ist [vgl.
Die Ehrfurcht vor Gott wird dich aber noch höher führen. Lass dich durchdringen von Gottes Selbstlosigkeit. Die erkennen wir auf
Und da führt dich dann die Ehrfurcht vor Gott zum Höchsten, zu Gottes Liebe. Wieder durch das Kreuz auf
Was hat uns das zu sagen? Da können wir unser Höchstes nicht mehr daran setzen, dass wir etwas gelten, dass man auf uns höre, uns gehorche. Sonst hätte ja Jesus dort verzweifeln müssen. Nicht auf uns kommt es an, sondern darauf, dass durch uns den Leuten geholfen werde. Dass ihnen in der Not der Sünde und des Todes etwas aufgehe, was sie befreien und erlösen könne, dass sie eine Kraft an sich erfahren, die sie ergreife und herausreiße. Wir selbst brauchen gar nichts zu gelten in ihren Augen, aber dass Gott ihnen anfange, etwas zu gelten, diese große Wohltat müssen wir ihnen verschaffen, dazu muss unser Reden und Handeln sie hinleiten.
Seht, meine Freunde, so verlöscht unser Stolz, eines seiner Lichter nach dem andern, wenn die Furcht Gottes uns regiert. An ihre Stelle tritt dir damit der Gehorsam, die Hilfsbereitschaft, und, was gilt’s, wenn das der Fall ist, dann kommen wir aus mit den Leuten. Dann hört das Streiten auf,
weil wir gar nicht mehr wüssten, warum wir mit ihnen streiten sollten, ja, noch mehr, dann stehen wir plötzlich ihnen allen gegenüber als Brüder und als Schwestern. O wenn wir doch die |397 Lichter unsres Stolzes auslöschen lassen wollten, damit die Lichter Gottes in uns angezündet werden könnten. Das Kreuz unsres Herrn ladet uns dazu ein, denn es verkündet uns Gutes, Großes, Selbstlosigkeit und Liebe. Das heilige Abendmahl, das wir an diesen beiden Sonntagen begehen wollen,9 ladet uns dazu ein, denn es vereinigt uns aufs Neue mit Jesus, dem Helden Gottes, und darum mit allen unsern Mitmenschen. Kommet her zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid – mühselig und beladen durch euren Stolz –, ich will euch erquicken [