8. September 1912

Predigt: 2 Korinther 5,11

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2.Korinther 5,11
Dieweil wir denn wissen, dass der Herr zu fürchten ist, fahren wir schön mit den Leuten; aber Gott sind wir offenbar. Ich hoffe aber, dass wir auch in eurem Gewissen offenbar sind.
Liebe Freunde!

Es ist furchtbar schwer, «schön zu fahren» mit den Leuten, das heißt, wie wir sagen, gut mit ihnen auszukommen. Die allermeisten Menschen lernen diese schwere Kunst zeitlebens nicht, und die Wenigen, die sie lernen, lernen sie wohl erst gegen Ende ihres Lebens hin. Ich bin freilich auch schon Solchen begegnet, die mir frank und sicher erklärten: Ich komme mit allen Leuten aus! Aber damit meinten sie etwa ihren Mann oder ihre Frau oder ihre nächsten Nachbarn. Es sind Solche, die wenig unter die Leute kommen und die es wirklich dahin gebracht haben mögen, mit den Wenigen, die sie kennen, im Frieden zu leben. Das ist aller Ehren wert, wenn es wahr ist. Aber es ist auch schon vorgekommen, dass solche Friedfertigen im kleinen Kreis sich in die ärgsten Zänker verwandelt haben, wenn sie nun unter andre Leute, in einen größern Kreis kamen. Es zeigte sich dann, dass ihre vorherige Friedensliebe mehr eine Sache der Bequemlichkeit und Gewohnheit gewesen war und nicht jene schwer zu erlernende und zu behaltende Lebenskunst. Nur der kann mit Sicherheit und Wahrheit sagen, er komme gut aus mit den Leuten, der seine Fähigkeit erprobt hat an vielen und vielerlei Menschen. |

Denn woher kommt’s, dass es so schwer ist, gut auszukommen mit den Leuten, oder wie Paulus sagt, schön zu fahren mit ihnen? Ich habe eine Person gekannt, die pflegte auf alles Befremdliche oder Schlimme, das man ihr von den Leuten erzählte, nur die eine Antwort zu geben: «Ja, ja: s’git mängerlei Lüt!»1 Halb seufzend, halb beschwichtigend sagte sie das, und es war ihr die Erklärung für Alles. Und es ist auch wirklich die Erklärung für allen Unfrieden, alles gegenseitige Kopf|388schütteln und Schimpfen unter den Menschen, dass es tatsächlich «mängerlei Lüt» gibt und nicht einerlei. Wie «mängerlei Lüt» hat es doch nur schon in unserm kleinen Safenwil, wir wollen gar nicht anfangen mit Aufzählen. Und wie viel neue Sorten entdeckt man, wenn man erst über den Striegel oder über das Feld2 ein wenig hinausreist in die weite Welt. Wie wird da nach und nach Alles immer mehr fremdartig und kurios: die Sprache, die Bräuche, die Anschauungen, die Köpfe und die Herzen. Wie schnell taucht da der Gedanke auf: Bei denen wollte ich nicht leben, die sind zu anders! Und wenn wir dann noch ein wenig weiter reisen, dann kommen wir zu Menschensorten, die uns in ihrem Tun und Denken nicht nur fremdartig, sondern ganz unbegreiflich vorkommen, mit denen wir nichts anzufangen wüssten, als stumm über sie den Kopf zu schütteln. Wer wollte mit einem Türken oder Chinesen auskommen? Sie sind zu anders, als wir sind. Und doch sind das Alles auch Menschen, nur eben sehr anders geartete Menschen, und es ist tatsächlich schon Mancher in den Fall gekommen, wohl oder übel auch mit einem Türken oder Chinesen auskommen zu müssen. Aber schwer mag’s sein. Und schwer ist’s, weil die lieben Mitmenschen, ob’s nun Nachbarn und Gemeindegenossen seien oder die Leute in Bern und Basel oder die Türken und Chinesen, immer ein wenig anders sind als wir selber, die Einen mehr, die Andern weniger. Das Wörtlein «anders» erklärt so ziemlich alles Anstoßen und Zanken von uns Menschen untereinander. |

Wenn wir der Sache auf den Grund gehen, werden wir finden, dass jedes von uns im Geheimen die ganze Menschheit in zwei Parteien teilt: auf der einen Seite steht es selber ganz allein, auf der andern alle übrigen Menschen. Und nun kommt alle Schwierigkeit und aller Streit in unserm Verhältnis zu den Andern daher, dass wir ihnen gram sind, weil wir uns in dieses «anders», das wir bei ihnen wahrnehmen, nicht zu finden vermögen. Könnten wir es, so wäre aller Zwiespalt aus der Welt. Es steht nämlich so: ein jedes von uns hat eine Ecke in seiner Seele, in der ein ganz solider Stolz zu Hause ist. Der gehört sozusagen zu unsrer Naturanlage. Es ist Niemand unter uns, und wenn es der |389 Stillste, Nachgiebigste und Bescheidenste wäre, der diesen Stolz nicht auch hätte. Es ist ein merkwürdiger Stolz. Du fühlst dich gleichsam auf einer Insel, rings um dich herum das weite Meer, auf dessen Wellen sich allerlei Schiffe schaukeln, große und kleine, in der Nähe und in der Ferne, und diesen Schiffen siehst du nun von deiner Insel aus gemächlich zu. Das sind nämlich «die Leute», wie man sagt. Man kann so viel daraus heraushören aus diesem Ausdruck: d’Lüt! wie man ihn manchmal aussprechen hört. Einer nennt immer die Andern: «d’Lüt» und nimmt dabei sich selbst stillschweigend davon aus, er gehört nicht zu «den Leuten», er ist etwas Besonderes, er steht ja auf der festen Insel. Dieses Gefühl ist in uns Allen: hier ich, dort – dort draußen die Andern; ganz selbstverständlich gehöre ich nicht zu ihnen. |

Und dieser Stolz in uns macht nun eine ganze Reihe von Ansprüchen. Erstens weißt du es besser als die Andern – sowieso, ganz selbstverständlich ist das, du stehst ja auf der Insel, die Andern nur auf schwankenden Schifflein. Du hast von vornherein die richtigere Ansicht als d’Lüt, das steht dir fest, noch bevor du ihnen begegnet bist. Vielleicht weißt du noch nicht, was du meinst und willst, aber dass du es besser wissen wirst als die Andern, das steht fest und gilt. Zweitens willst du dann aber auch recht haben vor den Andern, das heißt, sie sollen es anerkennen, dass du Alles besser weißt. Wenn du mit den Andern redest, so tust du es, um ihnen zu sagen, dass du recht hast. Und wenn es sich nun zeigt, dass du nicht recht hast? Das kommt auch vor, nichtwahr, aber dann gibt es unzählige Mittel, um zu zeigen, dass du doch recht hast. Entweder du sagst: man hat mich missverstanden, die Leute verstehen einen immer falsch! oder: ich habe mich nicht gut ausgedrückt, ich meine es natürlich so und so, wobei vielleicht gerade das Gegenteil herauskommt. Oder du fängst schnell an, von etwas Anderem zu reden, wo du dann sicher recht hast und triumphieren kannst. So kannst du auf die wunderbarste Weise immer der sein, der recht hat. Schließlich möchtest du aber nicht nur recht haben, sondern d’Lüt sollen auch auf dich hören. Du hast einen stillen, manchmal ganz stillen Groll gegen diese ganze Gesellschaft um dich herum, die immer nicht begreifen will, was du doch schon längst gedacht und gesagt hast. Warum sind auch die Leute so? brummst du von deiner Insel aus. |

390 Und nun sieh, von allen diesen Ansprüchen an die Leute bist du nun geladen wie eine Kanone oder voll wie ein Fass, das eben überlaufen will, wenn du mit ihnen zusammenkommst. Deine Träume, dein Gemüt, deine Augen, deine Worte, dein ganzes Auftreten ist übervoll von der großen Wahrheit, dass du es besser weißt, dass du recht hast und dass du billig zürnen darfst, dass man nicht mehr auf dich hört. So verkehrst du mit deiner Frau und mit deinem Mann, so mit Bekannten und mit Fremden, so mit Freunden und Feinden. Wohlverstanden, das ist manchmal etwas ganz Verborgenes in unserm Verkehr miteinander, wir wissen es oft sehr gut zu verstecken, aber vorhanden ist es immer, ja, es geht durch Alles hindurch, es begleitet unser Reden und Tun wie das unaufhörliche Ticktack unsrer Uhr, es steht im Hintergrund aller unsrer Worte und Handlungen. Und nun braucht es nur einen ganz kleinen Funken, so geht die Kanone los mit einem großen Donnerschlag, nur eine ganz kleine Erschütterung, so überläuft das Fass und Alles wird überschwemmt; und das tritt ein, wenn unser Stolz mit dem Stolz Anderer zusammentrifft, wenn wir irgend jemandem von den Leuten um uns her anspüren, er meine es auch besser zu wissen, er wolle auch recht haben, er wolle sich auch Gehör und Gehorsam verschaffen. Wir brauchen das bloß zu spüren bei einem Andern – und wir haben darin meist ein sehr feines Gefühl –, so ist der Streit da, zuerst vielleicht bloß in unserm Herzen, aber er ist da: wir haben das Gefühl, wir müssten den Andern dämpfen, der maße sich da etwas an, was sich gar nicht gehöre. Was unser Recht ist auf unsrer Insel, das will sich der Mensch im Schifflein da draußen auch erlauben? das ist für uns, wie es für einen Herrn von Müller sein müsste, der hört, dass sein Nachbar, der bloß Müller heißt, sich nun auch von Müller nennt. Oder wie für einen Korporal, der einem gemeinen Soldaten begegnet, und der hätte sich mira nichts dir nichts auch die Korporalzeichen auf die Ärmel genäht. Oder wie für einen Ortsbürger, der vernehmen müsste, irgend ein Zugewanderter habe auch vom Bürgerholz3 bekommen. Gegen Solches muss man sich auflehnen, und das tun wir dann auch nach Kräften, sowie wir merken, |391 dass ein Anderer auch stolz sein will. Das fordert uns heraus und, wenn das einmal geschehen ist, dann braucht es nur noch einen kleinen Anlass von außen, und der Krieg ist da. Der Anlass, die sogenannten Gründe, weshalb wir Menschen miteinander kiefeln und händeln4, sind also in Wirklichkeit keineswegs die Gründe. Denn wir kiefeln und händeln gewöhnlich wegen ganz läppischer, erbärmlicher Anlässe, das wisst ihr Alle. Sondern der Grund ist verborgen in der Tiefe: Unser Stolz ist verletzt, wenn wir dem Stolz der Andern begegnen, und wenn das einmal geschehen ist, dann sind wir bereit, schon wegen eines Strohhalms miteinander zu maulen und zu zanken. Und nun müssen wir bedenken, wenn wir die Sache verstehen wollen, dass es nicht nur ein Mensch so macht den Andern gegenüber, sondern wir Alle allen Andern gegenüber. Jedes von uns meint, es sitze auf der sichern Insel in der Mitte der Welt und alle andern seien bloß Schifflein, die auf den Wellen tanzen, jedes von uns weiß es besser, jedes hat recht, jedes verlangt mit stillem Groll, dass man ihm folge. Und nicht einen Stolz gibt es, sondern unzählige Stölze, hier in Safenwil und draußen in der Welt: Bauernstolz und Arbeiterstolz und Fabrikantenstolz, Wirtshausstolz und Gemeinschaftsstolz5 und Temperenzlerstolz6, Pfarrerstolz und Lehrerstolz, Berner- und Baslerstolz, Chinesen- und Türkenstolz. Und Alle diese Stölze reiben sich nun aneinander wie die eckigen Kieselsteine in einem Bergbach. Jeder nennt die Andern entrüstet d’Lüt, jeder hat heimlich oder offen das Verlangen, ihnen dann darum aufs Auge zu sehen, ihnen Mores zu lehren,7 sei’s durch Kopfschütteln übereinander, sei’s durch lautes Schimpfen, sei’s dadurch, dass man einander geistig oder körperlich am Kragen nimmt. |

392 Wahrlich, wenn wir das so überlegen, müssen wir uns eigentlich wundern, dass nicht noch viel mehr Kiefeln und Zanken auf der Welt und in Safenwil ist. Wir müssen uns wundern, dass der Chinesen- oder Türkenstolz, den jedes von uns besitzt, nicht noch ganz andre Verheerungen anrichtet. Wir müssen dankbar anerkennen, dass der Friede Gottes schon eine große Macht sein muss unter uns Menschen, freilich meist gegen unsern Willen, – dass viele von unsern Stölzen nur noch halb und gebrochen und verborgen vorhanden und wirksam sind. Gott weiß eben Ordnung zu halten in der Welt auch gegen unsern Willen. Wenn die Kieselsteine sich aneinander reiben, dann reiben sie sich die Ecken ab. Und wenn unser Stolz in den Streit zieht gegen andere Stölze, dann ist dafür gesorgt, dass wir lernen nachgeben, uns in das Unabänderliche fügen, klein werden sogar – weil wir müssen. Wir üben beständig einen Druck aus aufeinander, und das macht, dass wir Alle merken, dass wir uns vertragen müssen für gewöhnlich. Das macht, dass die Kanonen nur von Zeit zu Zeit losgehen und nicht alle Augenblicke.

Aber darum sind wir nicht weniger unglücklich. Die Ordnung in der Welt ist dadurch leidlich gewahrt, dass wir uns gegenseitig dämpfen durch unsern Stolz. Aber wir selbst sind damit noch nicht in Ordnung gebracht. Auch der gebrochene und verborgene Stolz streitet noch gegen die Mitmenschen, auch wenn er es seltener zeigt als vorher. Das ist noch kein gutes Auskommen mit den Leuten, wo man einander gewisse Maulkörbe angelegt hat, so dass man sich nicht mehr offen beißen und fressen kann. Da schwelt und qualmt dann unser Stolz wie ein Feuer unter einem Müllhaufen. Aller Zorn und alles Gift und alle Aufregung, die er mit sich bringt, sind noch da, nur dass wir sie in uns selber hinunterwürgen müssen. Der Friede Gottes ist kein Segen für uns, solange er uns bloß aufgezwungen ist. Wir leiden unter unserm Stolz, nichtwahr, ob wir ihn nun zeigen dürfen oder nicht? Wir leiden darunter, dass er uns verbietet, mit den Leuten aufrichtig und ehrlich gut auszukommen. Wir leiden darunter, wir sind tief unglücklich dabei, dass uns unser Besserwissen, unser Rechthaben, unser Uns-geltend-Machen immer wieder in heimlichen oder offenen Streit mit den Leuten führt. Es ist Mancher unglücklich, das Leben ist ihm verleidet, Missmut und Enttäuschung erfüllen ihn, und er weiß nicht warum. Besinne dich einmal darüber, lieber Freund, ob du nicht |393 unter deinem Stolze leidest und unter dem Unfrieden mit den Leuten, in den dich das hineinführt?

Aber wie können wir nun von diesem Leiden befreit werden? Sieh, da erzählt in unserm Textwort Einer, der auch daran gelitten hat, wie er davon befreit worden ist. Wenn irgend Einer, so hat der Apostel Paulus einen mächtigen Stolz gehabt. Besser wissen, Rechthaben, Gelten-Wollen, das war in seinem Leben eine ganz ungeheure Macht. Wie hat er geschnaubt und getost, als er noch Saulus hieß, gegen die Christen, die mit solcher Zuversicht sich anmaßten, einen andern Weg zu gehen als er [vgl. Act. 9,1]. Wie eine persönliche Beleidigung hat er das empfunden. Aber der alte Mensch begleitete ihn weiter, auch als er nun Christ und sogar Apostel wurde. Man braucht nur den Galaterbrief aufmerksam zu lesen, um zu merken, wie sich da im Streit mit den Irrlehrern das Bewusstsein seiner göttlichen und gerechten Sache wunderbar verbunden hat mit seinem menschlichen Stolz. Und wie ist er erst zusammengestoßen mit gewissen Leuten in seiner Gemeinde in Korinth! Aus ganzen Kapiteln können wir da immer wieder den Ton heraushören: Ich weiß es besser! Ich habe recht! Auf mich müsst ihr hören! Das kann uns trösten, dass der große Paulus unsre leidige Streitlust auch gekannt hat. |

Aber er hat noch etwas Anderes gekannt, was wir oft nicht kennen. Erstens hat er eingesehen, dass jener Stolz nichts wert ist, und hat dagegen gekämpft, und zweitens hat er gewusst, wie jener Stolz überwunden wird. In unserm Text sagt er es klar und deutlich: Dieweil wir denn wissen, dass der Herr zu fürchten ist, fahren wir schön mit den Leuten. Das will sagen: Weil ich Ehrfurcht habe vor Gott, darum weiß ich mit den Menschen auszukommen. Als Paulus Christus kennenlernte und in Christus Gott, da wurde ihm sein Stolz zerschlagen, und damit kam er in eine ganz andre Stellung zu den Menschen. Und je besser er Gott kennenlernte, desto mehr schwand sein Stolz und desto besser wusste er mit den Leuten auszukommen. Mit der Furcht Gottes kam eine neue Richtung in sein Leben, die Ansprüche verschwanden, die er früher gestellt, und mit den Ansprüchen verschwanden mehr und mehr auch seine Reibungen mit den Menschen. Er ist keineswegs fertig und vollkommen; was er in unserm Text ausspricht, hat er noch nicht erreicht, er jagt ihm aber nach, ob er es ergreifen möchte, wie er anderswo sagt [vgl. Phil. 3,12]. Man sieht es förmlich in seinen |394 Briefen, wie etwas Höheres, Besseres über seinen menschlichen Stolz triumphiert. Das Höhere, Bessere ist die Furcht Gottes.

Ob wir wohl ein anderes Mittel ausfindig machen könnten, meine Freunde, um mit den Leuten auszukommen? Eins habe ich schon genannt: das Leben zwingt uns oft einfach, mit den Leuten Frieden zu halten. Aber das hilft uns nicht viel, weil Zorn und Gift sich dann innerlich geltend machen. Und was könnten wir für andre Mittel nennen? Sie werden immer nur darauf hinauslaufen, man solle vorsichtig sein, seinen Stolz nicht zu sehr feiernlassen, sondern möglichst gut zu verstecken. Klug sein muss der Mensch! sagt man, er muss sich anpassen, sich unterziehen unter Umständen, dann findet man schließlich die beste Befriedigung für seinen Stolz. Ja, darin hat es allerdings Mancher erstaunlich weit gebracht! Aber oh! das sind faule Lehren. Erstens darum, weil sie die Unaufrichtigkeit predigen. Also man darf sich ärgern über die Menschen, aber nur innerlich, man darf über sie schelten, aber nur so, dass sie es nicht hören, man darf ihnen z’Leid werken,8 aber möglichst so, dass Niemand es merkt. Das ist doch einfach Lüge. Dann lieber noch offenen Krach, als solchen Frieden. Denn selbst, wenn es dir gelingt, so klug zu sein, hast du Freude daran? Kannst du ehrlich sagen, du kommst gut aus mit deinen Mitmenschen? Wird dein Tun Segen haben? Das glaubst du selbst nicht. O wie viel von unsrer sogenannten Höflichkeit, von unsrer Rücksichtnahme und Scheu einander gegenüber ist bloß eine solche verlogene Verkleidung unsres Stolzes. Wirf sie weg, diese Verkleidung, sei wieder grob und ungeschminkt, wenn [du] nichts Anderes sein kannst, du bist dann wenigstens ehrlich.

Nein, ein wahrhaftiges und wirksames Mittel gegen Stolz und Streit ist einzig die Furcht Gottes. Und wo ein Mensch die rechte Furcht Gottes hat, da wirkt sie auch sicher und sofort als Mittel gegen Stolz und Streit. Ich glaube, wir können das geradezu als Barometer betrachten, wie es steht mit unsrer Religion, ob wir dazu fähig sind, aufrichtig und tatsächlich mit unsern Mitmenschen auszukommen. Wenn wir es nicht können, dann können wir sicher sein, dass auch unsre Religion noch ganz in den Anfängen steckt, dass wir erst damit |395 beginnen müssen, Gott zu erkennen. Wir stehen wohl Alle noch in diesen Anfängen. Und jetzt wollen wir uns darüber besinnen, wie das zusammenhängt und wie das zugeht, dass wir gut auskommen, «schön fahren» können mit den Leuten. Wer Gott fürchtet, der hat beständig Gottes Größe vor Augen. Es zittert etwas in ihm bei dem Gedanken, dass es eine Ewigkeit gibt, eine ewige Macht, eine ewige Weisheit, eine ewige Güte. Er weiß, dass er selbst mit dem Besten, was in ihm sein mag, ein verschwindender Tropfen ist in dem unendlichen Meer Gottes, dass er gar nichts wäre ohne den großen Gott. Er verehrt diesen Gott als den Vater alles Lebendigen, der über uns Allen und in uns Allen ist [vgl. Eph. 4,6]. Da muss jenes Gefühl: Ich bin auf einer Insel und ringsumher sind d’Lüt, von selbst verschwinden und vergehen. Dieses Gefühl verträgt sich absolut nicht mit der Demut vor der Ewigkeit. Wir erkennen im Angesichte Gottes, wie kleinlich und nichtig unser Stolz ist. Wir wollen es nicht mehr besser wissen, sondern wir freuen uns darüber, dass Gott es besser weiß als wir und als die Andern. Und so stellen wir uns nicht mehr ihnen entgegen, sondern bescheiden mit ihnen in Reih und Glied. Wir wollen mit ihnen Gottes Knechte und Mägde sein. Versuche es einmal, deinen Mitmenschen, mit dem du nicht auskommst, im Stillen anzureden: Wir wollen zusammen Gott dienen, du auf deine, ich auf meine Weise! Versuch es, ihn danach zu behandeln! Du wirst dann sehen, wie Gottes Größe Frieden, wahren Frieden stiftet zwischen euch. |

Die Ehrfurcht vor Gott wird dich aber noch höher führen. Lass dich durchdringen von Gottes Selbstlosigkeit. Die erkennen wir auf Golgatha, im Kreuze Christi. Da hat der Vollkommene, der Sohn Gottes nicht recht haben wollen, sondern er hat unschuldig gelitten und ist gestorben und keine zwölf Legionen Engel haben sich eingestellt, um ihn davor zu bewahren [vgl. Mt. 26,53]. Gott hat es so gewollt. Es ist, wie wenn Gott dort sich selbst hätte Unrecht geben wollen. Schlechte und einfältige Menschen dürfen das Blut des Besten ihres Geschlechtes vergießen. Gott wehrt sich nicht. Und doch ist er der große, ewige, unerschütterliche Gott. Spürst du, was das heißen will für dich? Wie stehen wir da mit unserm Stolz vor diesem Gott! Wie lächerlich sind wir mit unserm Eifer, recht zu haben, im Angesicht des Kreuzes. Sagt es uns nicht mit aller Deutlichkeit: es ist gar nicht nötig, dass du recht hast, wenn du nur recht bist. Auf dich |396 kommt es gar nicht an, sondern darauf, dass Gottes Wille geschehe. Nicht wie du willst, sondern wie Gott will! Sieh, wenn du das überdenkst, dann muss eine große Ruhe über dich kommen, du begehrst dann nicht mehr, anerkannt zu werden mit deinen guten Gedanken und Absichten. Du legst das Alles in Gottes Hand, wie Jesus es getan hat. Du wirst auch selbstlos, das heißt, du verlangst nur noch nach dem Einen, Gottes Gedanken und Absichten zu anerkennen und auszuführen und dich selbst darüber zu vergessen. |

Und da führt dich dann die Ehrfurcht vor Gott zum Höchsten, zu Gottes Liebe. Wieder durch das Kreuz auf Golgatha. Gott hat dem Unrecht nicht gewehrt, nicht aus Gleichgiltigkeit, sondern weil durch den vollkommenen Gehorsam Jesu den Menschen das Beste geschenkt werden sollte. Durch sein Sterben ist uns das Leben offenbar geworden. Gott hat Jesus dort scheinbar allein gelassen, weilb Jesus uns durch sein kräftiges Vorbild mitteilen sollte, dass es einen Weg gibt, der aus dem Dunkel herausführt. Jesus ist der Sünde und dem Tod erlegen und hat eben damit für uns Sünde und Tod überwunden. Das ist Gottes Liebe, die gerade damit wirkte, dass sie in den Tod ging. |

Was hat uns das zu sagen? Da können wir unser Höchstes nicht mehr daran setzen, dass wir etwas gelten, dass man auf uns höre, uns gehorche. Sonst hätte ja Jesus dort verzweifeln müssen. Nicht auf uns kommt es an, sondern darauf, dass durch uns den Leuten geholfen werde. Dass ihnen in der Not der Sünde und des Todes etwas aufgehe, was sie befreien und erlösen könne, dass sie eine Kraft an sich erfahren, die sie ergreife und herausreiße. Wir selbst brauchen gar nichts zu gelten in ihren Augen, aber dass Gott ihnen anfange, etwas zu gelten, diese große Wohltat müssen wir ihnen verschaffen, dazu muss unser Reden und Handeln sie hinleiten.

Seht, meine Freunde, so verlöscht unser Stolz, eines seiner Lichter nach dem andern, wenn die Furcht Gottes uns regiert. An ihre Stelle tritt dir damit der Gehorsam, die Hilfsbereitschaft, und, was gilt’s, wenn das der Fall ist, dann kommen wir aus mit den Leuten. Dann hört das Streiten auf, weil wir gar nicht mehr wüssten, warum wir mit ihnen streiten sollten, ja, noch mehr, dann stehen wir plötzlich ihnen allen gegenüber als Brüder und als Schwestern. O wenn wir doch die |397 Lichter unsres Stolzes auslöschen lassen wollten, damit die Lichter Gottes in uns angezündet werden könnten. Das Kreuz unsres Herrn ladet uns dazu ein, denn es verkündet uns Gutes, Großes, Selbstlosigkeit und Liebe. Das heilige Abendmahl, das wir an diesen beiden Sonntagen begehen wollen,9 ladet uns dazu ein, denn es vereinigt uns aufs Neue mit Jesus, dem Helden Gottes, und darum mit allen unsern Mitmenschen. Kommet her zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid – mühselig und beladen durch euren Stolz –, ich will euch erquicken [Mt. 11,28].

Amen.

Textkritische Fußnoten

a
Mskr.: «mich»; von den Hrsg. geändert. ↩
b
Im Mskr. folgt ein zweites, überzähliges «weil». ↩

Sachfußnoten

1
Schweizerdeutsch für: «Ja, ja, es gibt mancherlei Leute.» ↩
2
Striegel ist ein höher gelegener Ortsteil im Südwesten Safenwils; mit «Ober-», «Mittler-» und «Unter-Feld» wurden Gebiete am bzw. hinter dem östlichen Ortsausgang bezeichnet. ↩
3
Nach kantonalem Gesetz standen im Aargau den Ortsbürgern aus dem Gemeindewald bestimmte Mengen an Holz zur eigenen Verwertung zu. ↩
4
Im Schweizerdeutschen steht «kiefeln und händeln» für: «zanken / schimpfen und streiten». ↩
5
Mit «Gemeinschaft» ist eine freikirchliche oder pietistisch orientierte Versammlung gemeint. ↩
6
Ein Temperenzler ist ein Angehöriger einer Enthaltsamkeits-, in der Regel der Abstinenzbewegung, die sich in Safenwil im Blauen Kreuz zusammenfand. ↩
7
«Jemandem Mores lehren» steht redensartlich für: jemanden scharf zurechtweisen, ihm Benehmen beibringen. Die Verwendung des lateinischen «mores» (Benehmen, Sitte) in diesem Zusammenhang geht bis ins 15. Jahrhundert zurück; vgl. Röhrich III, S. 1050 📖. ↩
8
Jemandem «z’Leid werken» meint im Schweizerdeutschen: ihn plagen oder bedrängen, gegen ihn vorgehen. ↩
9
In der Schweiz wurde das Abendmahl überwiegend nur an den hohen Festtagen – Weihnachten, Karfreitag / Ostern, Pfingsten und Bettag – gefeiert. Zusätzliche, der Vorbereitung dienende Abendmahlsfeiern an den jeweils vorausgehenden Sonntagen waren aber nicht unüblich und wurden in Safenwil am 4. Advent und am Sonntag vor dem Bettag gehalten (vgl. Predigten 1911, S. 283, Anm. 8; Predigten 1915, S. X). ↩