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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-56">Predigten 1912</title>
        <title type="content">Predigt: Jeremia 14,8-9</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Jeremia 14,8-9, 15. September 1912 – kein Datum</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/56040 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1912, hrsg. v. Busch, Eberhard / Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2022, S. .</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/56040</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1912</title>
          <title type="text">Predigt: Jeremia 14,8-9</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2022</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">40</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Jer 14,8-9 (Bettag), 15. September 1912. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1574">KBA 1110</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" from="1912-09-15">15. September 1912 – kein Datum</date>
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          <term>sermon</term>
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                    <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> und <placeName ref="kbga-places-382">Uerkheim</placeName>, Sonntag, den <date when="1912-09-15">15. September 1912</date>
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            <head type="event">
                        <term ref="kbga-terms-653">Eidgenössischer Bettag</term>
                    </head>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Jer.14.8 Jer.14.9">Jeremia 14,8–9</ref>
                <quote>Herr, du Hoffnung Israels, sein Heiland in der Zeit der Not, warum bist du wie ein Fremdling im Land und wie ein Wanderer, der nur, um zu übernachten, sein Zelt aufgespannt hat? Warum bist du wie ein bestürzter Mann, einem Kriegsmann gleich, der nicht zu helfen vermag? Und doch bist du in unsrer Mitte, Herr, und nach deinem Namen sind wir genannt: o lass uns nicht fahren!</quote>
                    </cit>
                    </epigraph>
                <salute>Liebe Gemeinde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                    <p>Zwei große Fragen legt der <term ref="kbga-terms-653">Bettag</term> uns <term ref="kbga-terms-1358">Schweizern</term> alle Jahre wieder ans Herz: Erstens: An was fehlt es uns? und Zweitens: Wie soll es bei uns anders werden? Um dieser Fragen willen heißt der Bettag auch Bußtag; denn das heißt <term ref="kbga-terms-725">Buße</term> tun, wenn man sich diese Fragen stellt und beantwortet. Wie es jeder Einzelne von uns nötig hat, immer wieder in Selbstbesinnung und Selbsterkenntnis Buße zu tun, so haben wir es auch nötig als Gesamtheit, als Volk, als <term ref="kbga-terms-1358">Schweizervolk</term>. Denn auch die <term ref="kbga-terms-1709">Völker</term>, nicht nur die einzelnen Menschen, haben ihre bestimmten geistigen Eigenschaften. Auch ein Volk hat seinen Kopf, seinen Willen, sein Gemüt und darum auch seine Tugenden und seine Sünden. 
                    Auch ein Volk kann fortschreiten und besser werden oder aber zurückbleiben und versumpfen. Darüber nachzudenken mit unerbittlicher Aufrichtigkeit, will uns der heutige Tag in besonderer Weise anleiten und antreiben.</p>
                    <p>Liebe Freunde! <hi rend="italic">An was fehlt es unserm Schweizervolk?</hi> 
                        Ich will darauf zunächst ganz im Allgemeinen die Antwort geben: es fehlt uns an Gott. Wir sind im Ganzen ein gesundes und wohlhabendes Volk; wir sind geachtet unter den Völkern <placeName ref="kbga-places-204">Europas</placeName>, das haben ja gerade die letzten Wochen bewiesen;<note xml:id="n01">
                            <p> Zu nennen ist einerseits der Aufsehen erregende Besuch Kaiser <persName ref="kbga-actors-839">Wilhelms II.</persName> in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> vom <date to="1912-09-07" from="1912-09-03">3.–7. September 1912</date> (vgl. dazu oben, <ref type="pub" target="../volume/56/p374#fn_n01">S. 374, Anm. 1</ref>). Andererseits war die Schweiz gerade im September 1912 auch Schauplatz einiger internationaler Konferenzen: Am 6. begann in <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName> 
                        die erste Internationale Soziale Woche, parallel dazu fand dort eine Delegiertenkonferenz der Internationalen Vereinigung zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit statt; vom 14.–16. tagte ebenfalls in Zürich eine Delegiertenversammlung der Internationalen Vereinigung für gesetzlichen Arbeitsschutz; am 24. sollte in <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName> der 19. Weltfriedenskongress beginnen. Bereits am 23. August hatten zudem in <placeName ref="kbga-places-723">Caux VD</placeName> 
                        erste Gespräche zu Friedensverhandlungen zwischen <orgName ref="kbga-actors-8521">Italien</orgName> und dem <orgName ref="kbga-actors-9075">Osmanischen Reich</orgName> begonnen, die am 18. Oktober zum Frieden von <placeName ref="kbga-places-1087">Ouchy</placeName> führten.</p>
                        </note> wir besitzen Naturschönheiten und staat<pb xml:id="p399" ed="pga" break="no"/>liche Einrichtungen, um die man uns von allen Seiten beneidet und die wir selbst vielleicht erst recht schätzen lernen würden, wenn wir sie einmal entbehren müssten. Aber gerade im Mittelpunkt, 
                        in der Hauptsache fehlt uns etwas: es fehlt uns an Gott. Ich meine das in einem ganz bestimmten Sinn: Wir sind kein <term ref="kbga-terms-109">Heidenvolk</term> und kein geistig unmündiges Volk mehr. Gottes Stimme ist laut und deutlich unter uns und <term ref="kbga-terms-76">Gottes Wille</term> geschieht in unsrer Mitte. Aber wir sind <hi rend="italic">arm in Gott</hi>, wer in unser Volksleben tiefer hineinblickt, der möchte einstimmen in die Klageworte, mit denen einst der Prophet <persName ref="kbga-actors-208">Jeremia</persName> Gott angerufen: 
                        <hi rend="italic">Warum bist du wie ein Fremdling im Land und wie ein Wanderer, der nur zum Übernachten sein Zelt aufgespannt hat? Warum bist du wie ein bestürzter Mann, einem Kriegsmann gleich, der nicht zu helfen vermag?</hi> Jawohl, so steht es mit Gott in unserm Volk, er ist bei uns und unter uns, aber nur wie ein «Fremdling im Land», wie Einer, der da ist und doch nicht bei uns zu Hause ist, wie Einer, der sich jetzt zeigt und jetzt wieder vorübergeht. Oder wie ein starker Held, den wir zu Schutz und Trutz an unsrer Seite wähnen und dessen Kraft dann doch wieder, 
                        wenn’s drauf und dran kommt, versagt, statt uns zu helfen. |</p>
                    <p>Wir können Gott <hi rend="italic">hören</hi>. Er redet mit aller Macht und Eindringlichkeit zu uns. Ich denke an die tausend Kanzeln im Land, von denen Sonntag für Sonntag frei und ungehindert die <term ref="kbga-terms-340">Wahrheit</term> <term ref="kbga-terms-252">verkündigt</term> werden darf und verkündigt wird allem Volk. Ich denke an unsre wohlgeleiteten und -eingerichteten <term ref="kbga-terms-1172">Schulen</term>, die jedem jungen Menschen Gelegenheit geben, sieben oder acht Jahre lang guten, göttlichen Samen zu empfangen. Ich denke an Alles, was heutzutage getan wird, 
                        um möglichst Vielen gute <term ref="kbga-terms-1386">Bildung</term>, gute <term ref="kbga-terms-1459">Lektüre</term> zu verschaffen, an die vielerlei edlen, vorwärtsführenden Bestrebungen auf sittlichem und <pb xml:id="p400" ed="pga"/> künstlerischem Gebiet, die immer weitere Kreise erreichen, ich denke daran, dass sogar durch die <term ref="kbga-terms-1509">Zeitungen</term> neben allerlei Unnützem und Schädlichem vielen Tausenden täglich auch allerlei Gutes und Anregendes gebracht wird. Gott redet in unserm Volk, auf alle diese Weisen. |</p>
                        <p>Aber ist er nicht trotzdem ein «Fremdling im Land»? Müssen wir uns nicht gestehen, dass unendlich viel von dem mannigfachen Schall seiner Worte einfach im Wind verweht? Wie Viele hören denn in Wirklichkeit das <term ref="kbga-terms-706">Wort der Wahrheit</term>, das ihnen in <term ref="kbga-terms-33">Kirche</term> und <term ref="kbga-terms-1172">Schule</term> und <term ref="kbga-terms-1385">Literatur</term> angeboten wird? Ist der Stumpfsinn und die <term ref="kbga-terms-1471">Gleichgiltigkeit</term> bei Jungen und Alten nicht viel größer als die Empfänglichkeit? Und müssen schließlich nicht die, die auf diesem oder jenem Gebiet den Beruf haben, zu den Andern zu reden von den guten und göttlichen Dingen, sich selbst den Vorwurf machen, 
                        dass sie viel zu undeutlich und viel zu schwach reden, dass es auch ihre Schuld ist, wenn Gott immer bloß kommt, um wieder zu gehen unter den Leuten? Gott redet nicht nur, sondern Gott <hi rend="italic">wirkt</hi> und schafft, auch in unserm Land und Volk. Wir haben dankbar zu sein für so Vieles, was sein Geist schon unter uns getan hat, für die vielen Anfänge und Anläufe zu Gutem, zum Bessern, die bei uns vorhanden sind, für den immer wachsenden Sinn für die Pflicht der gegenseitigen Hilfe und <term ref="kbga-terms-892">Solidarität</term>, vor Allem dafür, 
                        dass es uns nicht fehlt an Männern und Frauen, die in der <term ref="kbga-terms-1537">Öffentlichkeit</term> oder in der Stille Brunnstuben sind wahren <term ref="kbga-terms-1564">geistigen Lebens</term> und wahrer Gesinnung. Ja, Gott ist unter uns. Aber möchte man nicht sagen, er ist unter uns wie ein bestürzter Mann, einem Kriegsmann gleich, der nicht zu helfen vermag? Muss man nicht manchmal auf den Gedanken kommen, das wenige göttliche Leben, das in unsrem Volk vorhanden ist, sei wie begraben, verschüttet, machtlos gegenüber dem Schwall der <term ref="kbga-terms-1630">Dummheit</term> und Gemeinheit, die eben auch da ist? Was sollen alle Anfänge des Bessern, 
                        wenn sich der Widerstand des Schlechten so hartnäckig und gewaltig erweist? Was sollen die schönsten und bestgemeintesten gemeinnützigen Einrichtungen und Anstalten, wenn doch unsre ganze <term ref="kbga-terms-1825">Lebensordnung</term> nur eine große <term ref="kbga-terms-1558">Selbstsuchtsordnung</term> ist? Was hilft es, dass immer wieder da und dort Menschen sind, zu denen man freudig hinaufsehen, von denen man etwas erwarten darf, weil es <term ref="kbga-terms-1826">Gottesmenschen</term> sind, auf die eine oder andre Weise? 
                        Was hilft es, wenn man gerade in unsrer <pb xml:id="p401" ed="pga"/> <term ref="kbga-terms-320">Demokratie</term> doch immer fürchten muss, dass sie von der blinden, unverständigen Mehrzahl der Übrigen nicht begriffen werden und nicht zur Geltung kommen? Gleicht da Gott mit seinem Wirken unter uns nicht wirklich dem Kriegsmann, der nicht zu helfen vermag? Seht, meine Freunde, das meinte ich, 
                        wenn ich sagte, es fehle uns an Gott. Wir kennen ihn und haben ihn, aber wir sind <term ref="kbga-terms-1827">arm an Gott</term>. Das göttliche Leben ist nicht ein wallender Strom in unserm Volk, sondern ein schmales, wasserarmes Bächlein: Hier eine <term ref="kbga-terms-33">Kirche</term> und dort ein eifriger <term ref="kbga-terms-1618">Lehrer</term>, hier eine gute Anstalt und dort ein Einsamer, der des Landes Bestes sucht, 
                        hier ein gutes Wort und dort eine erfreuliche Bewegung. Aber es sind immer nur einzelne Posten, es ist nicht das Volk, nicht unser liebes <term ref="kbga-terms-1358">Schweizervolk</term> als Ganzes, das auf Gottes Stimme hört und <term ref="kbga-terms-76">seinen Willen</term> vollstreckt. Gott ist rar unter uns. Das ist die große Not, an der wir leiden. Das ist die Tatsache, die wir uns heute, am <term ref="kbga-terms-652">Bettag</term>, vor Augen halten müssen.</p>
                    <p>Oder ist’s etwa nicht wahr, dass es eine Not ist und dass wir darunter leiden, 
                            dass Gott wie ein Fremdling, wie ein Kraftloser ist unter uns? Ja, was bedeutet denn für unser Schweizervolk das geheimnisvolle Wort <hi rend="italic">Gott</hi>, das wir da brauchen? Ihr kennt Alle die schönen Verse, in denen der Dichter <persName ref="kbga-actors-764">Schiller</persName> im «Wilhelm Tell» ausgesprochen hat, was die Größe des <orgName ref="kbga-actors-8387">Schweizerlandes</orgName> war, als es zustande kam:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                    <l>Wir wollen sein ein <hi rend="italic">einig</hi> Volk von Brüdern,</l>
                    <l>In keiner Not uns trennen noch Gefahr!</l>
                    <l>Wir wollen <hi rend="italic">frei</hi> sein, wie die Väter waren,</l> 
                    <l>Eher den Tod, als in der Knechtschaft leben!</l>
                    <l>Wir wollen <hi rend="italic">trauen</hi> auf den höchsten Gott</l>
                            <l>Und uns nicht fürchten vor der Macht der Menschen!<note xml:id="n02">
                                    <p>Barth zitiert den «Rütlischwur». Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-846">
                                            <persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schiller</persName>, <hi rend="italic">Wilhelm Tell</hi>, 2. Aufzug, 2. Szene</bibl>
                                    </p>: 
                                <q rend="block">
                                    <lg>
                                        <l>Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern,</l> 
                                        <l>in keiner Not uns trennen und Gefahr</l> 
                                        <l>…</l>
                                    </lg>
                                </q>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                    <p>
                        <term ref="kbga-terms-1828">Einigkeit</term>, <term ref="kbga-terms-658">Freiheit</term>, <term ref="kbga-terms-1453">Treue</term> – das ist die Größe des <term ref="kbga-terms-1358">Schweizervolkes</term>. Diese Größe meinen wir, wenn wir singen: </p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                    <l>Die fromme Seele ahnt</l> 
                                <l>Gott im hehren Vaterland!<note xml:id="n03">
                                    <p> Wiederkehrende Zeilen in den <bibl type="song" corresp="kbga-songs-239">Strophen 2–4 des «Schweizerpsalms» von <persName ref="kbga-actors-2685">L. Widmer</persName> und <persName ref="kbga-actors-9076">A. Zwyssig</persName> (RG 519)</bibl>, seit 1961 provisorische, seit 1. April 1981 offizielle Nationalhymne der <orgName ref="kbga-actors-8387">Schweiz</orgName>.</p>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                    <p><pb xml:id="p402" ed="pga" rend="noPipe"/> Wenn wir diese Größe besäßen, wenn Einigkeit, Freiheit und Treue wirklich walten würden unter uns, dann wäre Gott kein Fremdling unter uns, dann könnten wir mitempfinden, was die alten Berner meinten, wenn sie sagten, der Herrgott selbst sei zu <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName> Bürger geworden.<note xml:id="n04">
                            <p> 
                        Schon <persName ref="kbga-actors-9077">Conrad Justinger</persName> zitiert in seiner 1420 verfassten Chronik ein Dokument aus dem Jahr 1340, in dem es heißt, den Bernern ginge alles «so wol ze handen, daz ein gemein sprüchwort wart im lande: got ist ze bern burger worden, wer mag wider got kriegen?» (<bibl corresp="kbga-bibls-1284">
                                    <hi rend="italic">Die Berner Chronik des Conrad Justinger</hi>, hrsg. von G. Studer, Bern 1871, S. 101f.</bibl>[Nr. 146]).</p>
                        </note> So aber hat’s seinen guten Grund, wenn wir ihn bloß <hi rend="italic">ahnen:</hi> Gott im hehren Vaterland. 
                        Gerade jene eigentliche Größe unsres Volkes ist viel zu ärmlich, zu spärlich, zu zweifelhaft unter uns. Diese Not ist da, auch wenn wir das Wort Gott dabei ganz auf der Seite lassen wollten.</p>
                    <p>Wir wollen sein <hi rend="italic">ein einig Volk von Brüdern!</hi> O wenn es doch wahr wäre, liebe Freunde! Aber steht’s nicht so, dass dieser große Gedanke wohl hier und dort leuchtend wieder auftaucht und durchschlägt bei einzelnen außerordentlichen Anlässen, aber nur, um sofort wieder zu verschwinden im gewöhnlichen, <term ref="kbga-terms-1616">alltäglichen Lauf</term> unsres Volks- und Staatslebens! Wie Wenige glauben doch im Ernst an diese Einigkeit und Brüderlichkeit, 
                        um dann auch danach zu tun. Wie Wenige sind bereit, die kleinen und großen Opfer zu bringen, die das mit sich bringt! Was sollen wir sagen zu den widerlichen <term ref="kbga-terms-1822">Streitigkeiten</term> zwischen den verschiedenen Gegenden und Kantonen, bald um die Linie einer neuen Eisenbahn, bald um die Besetzung eines leergewordenen Bundesratssessels? Was sollen wir sagen zu dem Treiben der <term ref="kbga-terms-1374">Parteien</term>, 
                        der Parteien ohne alle Ausnahme, die es jede als ihr höchstes Ziel zu betrachten scheinen, alle andern recht herunterzumachen, als ob damit das Geringste geleistet wäre, – so dass viele anständige Leute sich von aller <term ref="kbga-terms-382">Politik</term> immer mehr angeekelt fühlen: …«ein garstig Lied, pfui, ein politisch Lied»?!<note xml:id="n05">
                            <p> <bibl corresp="kbga-bibls-647">
                                    <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust. Der Tragödie erster Teil</hi>, V. 2091</bibl> (Auerbachs Keller in Leipzig. Zeche lustiger Gesellen). </p>
                        </note> 
                        Und was sollen wir sagen zu dem <term ref="kbga-terms-1829">Kampf der Klassen</term>, so wie er leider gekämpft wird: Hier die ewige charakterverderbliche Aufforderung, neidisch und unzufrieden zu sein und <pb xml:id="p403" ed="pga"/> die Fäuste im Sack zu machen, und dort die bodenlose Verständnislosigkeit für <term ref="kbga-terms-283">Gerechtigkeit</term> und <term ref="kbga-terms-765">Ungerechtigkeit</term> im <term ref="kbga-terms-1830">Erwerbsleben</term>, die nichts Gescheiteres weiß, als nach Bajonetten und Kanonen zu rufen. 
                        Wir wollen sein [ein] einig Volk von Brüdern!? O es ist ein wahrer Hohn, dieses Wort, wenn wir daran denken, wie verschwindend selten die Gesinnung ist unter uns, die auch im Gegner vor Allem den Bruder sieht, die auch im <term ref="kbga-terms-430">Kampfe</term> es sich zum obersten Zweck macht, mit dem Bruder einig zu werden. Wir wollen <hi rend="italic">Eins sein wie die Väter waren!</hi> |</p>
                        <p>Kein Wort ertönt häufiger an unsern <term ref="kbga-terms-1731">patriotischen Festen</term>, nichts schmeichelt uns <term ref="kbga-terms-1358">Schweizern</term> mehr als das Wort «<term ref="kbga-terms-658">Freiheit</term>»! Und es gibt wirklich nur wenige Worte, die einen höhern, edlern Klang hätten als dieses. Aber ich frage euch, wo ist diese Schweizerfreiheit? Die <persName ref="kbga-actors-9078">Gessler</persName>, 
                        <persName ref="kbga-actors-9080">Landenberg</persName> und <persName ref="kbga-actors-9079">Wolfenschießen</persName><note xml:id="n06">
                            <p> Aufzählung der Fronvögte aus <hi rend="italic">
                                    <bibl corresp="kbga-bibls-846">Wilhelm Tell</bibl>:</hi> <persName ref="kbga-actors-9078">Gessler</persName> als Reichsvogt in <placeName ref="kbga-places-495">Schwyz</placeName> und <placeName ref="kbga-places-399">Unterwalden</placeName>, 
                        <persName ref="kbga-actors-9080">Landenberg</persName> als Landvogt in Unterwalden, <persName ref="kbga-actors-9079">Wolfenschießen</persName> als Burgvogt auf dem Rossberg in Unterwalden.</p>
                        </note> haben unsre Vorfahren verjagt oder erschlagen, dafür seufzen wir unter andern schlimmern Vögten. |</p>
                    <p>Der erste Landvogt, der im <placeName ref="kbga-places-58">Schweizerlande</placeName> fast unumschränkt regiert, heißt <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-1831">Mammon</term></hi>. 
                        Wer es nicht glaubt, der gehe einmal herum in unserm Schweizervolk und suche, wie viele er finde, denen die Geldfrage nicht die wichtigste und ernsthafteste aller Lebensfragen ist! Der passe einmal auf, wie immer wieder die Forderungen des <term ref="kbga-terms-337">Rechts</term> und der <term ref="kbga-terms-1294">Sittlichkeit</term>, der <term ref="kbga-terms-1626">Schönheit</term> und der <term ref="kbga-terms-851">Menschenliebe</term> als inopportun und undurchführbar bezeichnet werden, weil sie mit den Forderungen des <term ref="kbga-terms-1463">Geldverdienens</term> zusammenstoßen und denen selbstverständlich weichen müssen. 
                        Der versuche es, im Schweizerland eine Stadt oder ein Dorf zu finden, in dem nicht die Geldbesitzenden die großen Herren wären um ihres Geldes willen. Der probiere es, diejenigen <term ref="kbga-terms-1358">Schweizer</term> zu zählen, selbst unter denen, die sich gegen die Macht des <term ref="kbga-terms-1367">Kapitals</term> empören, die sich nicht sofort krümmen wie ein Wurm und zu Allem bereit sind, wenn es sich darum handelt, 
                        Geld zu gewinnen oder zu verlieren. Wie Wenige sind es doch, die dem Landvogt Mammon keinen Tribut zollen! |</p>
                    <p>Der zweite Landvogt im <placeName ref="kbga-places-58">Schweizerland</placeName> ist der <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-1520">Alkohol</term></hi>. Er herrscht für gewöhnlich weniger brutal, aber auch er fast allgemein. Ich denke <pb xml:id="p404" ed="pga"/> durchaus nicht nur an das sogenannte Trinkerelend, obwohl es wahrhaftig noch immer landauf, landab seine Opfer fordert. Ich denke daran, dass unser Volk in weitesten Kreisen noch immer seine größten und schönsten Momente, seine Erhebung, seine Freude, seinen Trost und seine Erholung im Alkoholgenuss sucht. 
                        Ist’s etwa nicht so, dass bei unsern Sänger-, Turner- und Schützenfesten der Festwein die wichtigste Frage unter allen Vorbereitungen und nachher der ersehnte Glanzpunkt des Festes selbst ist? Ist’s nicht so – und ich rede da aus Erfahrung<note xml:id="n07">
                            <p> Diese Erfahrung gründete in Barths Studentenzeit; nach seinem Eintritt in die studentische Verbindung <orgName ref="kbga-actors-2687">Zofingia</orgName> war er «binnen kurzem ein sehr aktiver Biertrinker» geworden (<bibl corresp="kbga-bibls-134">Busch, S. 47</bibl>).</p>
                        </note> –, 
                        dass unsre Studenten, die später die Führer des Volks sein sollen, hier die Quelle ihrer Begeisterung suchen? Ist’s nicht so, dass unsre Dorfpolitik und Vereinspolitik, unsre Kantons- und Bundespolitik beim Glase gemacht wird? Ja, sie <hi rend="italic">ist</hi> aber auch danach! Seht, das ist das große Unheil, das dieser Landvogt anrichtet, dass von diesen Höhepunkten aus, wo man das Trinken auch immer für unentbehrlich hält, 
                        unser ganzes Volksleben bis in seine feinsten und heiligsten Gebiete hinein durchdrungen und vergiftet wird vom Biergeist und vom Weingeist. Wieviel <term ref="kbga-terms-1573">Unwahrheit</term> und wieviel <term ref="kbga-terms-1279">Geistesträgheit</term>, wieviel <term ref="kbga-terms-1665">Geschwätz</term> und Missverständnisse, wieviel Oberflächlichkeit und <term ref="kbga-terms-1753">bösen Willen</term> hat nicht dieser Landvogt auf dem Gewissen! Wieviel freier und mutiger und moderner würden unsre Behörden urteilen 
                        und beschließen, wenn diese lähmenden Dünste weniger mächtig wären in den Köpfen! Wie ganz anders würde, um nur ein Beispiel zu nennen, die <term ref="kbga-terms-1832">Arbeiterbewegung</term> dastehen, wenn sie nicht immer wieder mit diesem schlimmsten ihrer Feinde einen heuchlerischen Frieden schließen würde. Und wieder muss man sagen: wo nur sind die, die es wagen, den Einfluss dieses Gewaltherrschers ganz abzuschneiden. |</p>
                        <p>Der dritte Landvogt ist eine Landvögtin. Sie heißt die <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-1833">Phrase</term></hi>. Das sind die großen, volltönenden Worte, mit denen man das <term ref="kbga-terms-1501">Nachdenken</term> und die <term ref="kbga-terms-1653">Ernsthaftigkeit</term> ersetzen kann. Wer es versteht, große Worte zu machen, der gewinnt immer ein großes Gefolge, denn mit großen Worten fängt man die Dummen. Die Phrase hat ihre Zwingburgen in den <term ref="kbga-terms-1509">Zeitungen</term>, leider, muss ich sagen, in den Zeitungen ausnahmslos <pb xml:id="p405" ed="pga"/> aller <term ref="kbga-terms-1374">Parteien</term>. Von diesen Zwingburgen aus regiert sie das Land, und das Beste ist, dass die Untertanen gar nicht merken, dass sie regiert werden. 
                        Die Phrase sagt: <term ref="kbga-terms-1368">Fortschritt</term>! Ach ja, Fortschritt! murmeln ringsumher die Untertanen. <term ref="kbga-terms-140">Aufklärung</term>! Ach ja, Aufklärung, natürlich! <term ref="kbga-terms-285">Toleranz</term>! Ja, ja, Toleranz! Und so werden alle die großen Worte hingenommen und geglaubt, unwiderstehlich dringen sie in die Köpfe ein, werden da hart und hölzern, und jeder hält sie für seine eigene Überzeugung, während er doch nur der Macht der <term ref="kbga-terms-1833">Phrase</term> unterworfen ist. 
                        Ich denke an einen ganz bestimmten Fall, wenn ich jetzt sage, dass die <term ref="kbga-terms-1509">Zeitungsphrase</term> die Macht hat, vielen Tausenden in unsrem Volk die größten Sinnlosigkeiten selbstverständlich zu machen. Wo bleibt da <persName ref="kbga-actors-2125">Wilhelm Tell</persName>, der dieser Zwingherrschaft ein Ende machte? Wahrhaftig, man muss an die Worte aus dem 73. Psalm denken: Was sie reden, das muss vom Himmel herab geredet sein; 
                        was sie sagen, das muss gelten auf Erden. Darum fällt ihnen der Pöbel zu und laufen ihnen zu mit Haufen wie Wasser! 
                        [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.73.9 Ps.73.10">Ps. 73,9f.</ref>] Und schmerzlich bewegt fragt man sich, ob <persName ref="kbga-actors-2281">Elias</persName> heute noch 7000 finden würde in <placeName ref="kbga-places-34">Israel</placeName>, die ihre Knie nicht gebeugt haben dem <persName ref="kbga-actors-2149">Baal</persName> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kön.19.18">1.Kön. 19,18</ref>]. |</p>
                        <p>Endlich das Letzte: Wir wollen <hi rend="italic">trauen</hi> auf den höchsten Gott und <hi rend="italic">uns nicht fürchten</hi> vor der Macht der Menschen! O wenn wir das tun würden, meine Freunde! Das würde heißen: Wir wollen die <term ref="kbga-terms-340">Wahrheit</term> und die <term ref="kbga-terms-593">Liebe</term> und das <term ref="kbga-terms-337">Recht</term> für das Beste und Sicherste halten und in ihrem Besitz vor keinen Gefahren zittern. Was wären wir <term ref="kbga-terms-1358">Schweizer</term> 
                            für ein starkes und reiches Volk, wenn es so wäre. Aber wenn wir uns nun umsehen und uns fragen: woher erwarten wir eigentlich Kraft und Hilfe, was ist uns das Beste und Wünschenswerteste in den Nöten und Aufgaben des Lebens, dann finden wir, dass wir in der großen Mehrzahl auf ganz andre Dinge vertrauen. |</p>
                    <p>Einmal auf unsre <hi rend="italic">Waffen</hi>, auf unsre <term ref="kbga-terms-1814">Armee</term>, deren Leistungen ja jetzt sogar vom <persName ref="kbga-actors-839">deutschen Kaiser</persName> gebilligt worden sind.<note xml:id="n08">
                            <p> Vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/56/p375#fn_n03">S. 375, Anm. 3.</ref>
                            </p>
                        </note> 
                        Unzählige Schweizer wissen beim Wort «<term ref="kbga-terms-1732">Vaterland</term>» kaum an etwas Höheres zu denken als an unser Militärwesen. Wir wollen es hoch in Ehren halten und nichts versäumen, um es bereit zu halten für die Stunde der Not. Aber es ist der gefährlichste Irrtum, wenn wir unsern Vaterlandsglauben auf Exerzierreglement und neue Geschütze gründen wollen.<note xml:id="n09">
                            <p> 
                        Im Zusammenhang mit dem 1907 angenommenen neuen Wehrgesetz war in der <orgName ref="kbga-actors-8712">Schweizer Armee</orgName> zum <date when="1908-01-01">1. Januar 1908</date> auch ein neues Exerzier-Reglement erlassen worden: <bibl corresp="kbga-bibls-1296">Schweizerische Armee, <hi rend="italic">Exerzier-Reglement für die Infanterie</hi>, vom Bundesrate genehmigt am 31. Dezember 1907 und in Kraft erklärt auf 1. Januar 1908, Bern 1908</bibl>. – Im Jahr 1912 kaufte die Schweizer Armee 86 Exemplare einer von der 
                        <orgName ref="kbga-actors-4802">Friedrich Krupp AG</orgName> in Essen gefertigten modernen 12-cm-Haubitze, die im Unterschied zu älteren Geschützen nicht mehr bei jedem Schuss neu ausgerichtet werden musste und daher schneller feuern konnte; ein Zeitungsartikel kommentierte die Ständerats-Entscheidung für den Kauf: «Die Fachmänner sind sich heute einig, daß die Feldhaubitze das vollkommenste Instrument der heutigen Kriegstechnik ist. 
                        Wenn wir gegenüber unsern Nachbarn lange zugewartet haben bis zur Einführung der Haubitze, so haben die zehnjährigen eifrigen Studien die besten Früchte getragen» (<bibl corresp="kbga-bibls-1297">N. N., <hi rend="italic">Der Ständerat</hi>, in: Berner Intelligenzblatt, Jg. 79, Nr. 65 vom 6.3.1912</bibl>).</p>
                        </note> <pb xml:id="p406" ed="pga"/> Denn die Waffen mögen <hi rend="italic">noch</hi> so fein geschliffen sein, wenn sie nicht geführt werden von einem gesunden, freudigen, einigen, sittlich reinen Volk, so sind sie machtlos, das hat die <term ref="kbga-terms-398">Weltgeschichte</term> hundertfach bewiesen. Aber wie Wenige haben es verstanden! |</p>
                    <p>Und wie viele wiederum denken und sagen es, 
                        das Höchste und Beste, was unserm Volk erhalten bleiben müsse, sei seine <hi rend="italic">körperliche Kraft</hi> und <term ref="kbga-terms-1591">Gesundheit</term>. Gewiss soll sie das, wenn man nur immer am rechten Ort dran denken würde, nämlich bei den Gefahren, die die Gesundheit unsres Volkes bedrohen, in der Sorge für gesunde und reichliche <term ref="kbga-terms-1834">Nahrung</term> für Alle, in der Regelung der <term ref="kbga-terms-795">Arbeitsverhältnisse</term>, besonders in den <term ref="kbga-terms-1672">Fabriken</term> 
                        und in der <term ref="kbga-terms-1835">Heimarbeit</term>, in der <term ref="kbga-terms-1619">Erziehung</term> der <term ref="kbga-terms-1560">Kinder</term>, in der Gesetzgebung gegen <term ref="kbga-terms-1520">Alkoholismus</term> und <term ref="kbga-terms-1836">Unsittlichkeit</term>. 
                        Wir wollen auch das <term ref="kbga-terms-1741">Turnwesen</term> segnen, dass es die körperliche Kraft in weiten Kreisen erhält und fördert als ein hohes Gut unsres Volkes. Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper!<note xml:id="n10">
                            <p> Auf <bibl corresp="kbga-bibls-1298">
                                    <persName ref="kbga-actors-2429">Juvenal</persName>, <hi rend="italic">Saturae</hi> IV, 10,356</bibl> (dort vollständig: <foreign xml:lang="lat">orandum est, ut sit mens sana in corpore sano</foreign>), zurückgehende, vielfach als Devise von Turnvereinen benutzte Redewendung.</p>
                        </note> 
                        Das ist eine prachtvolle Losung. Aber gerade die Turner und Turnerfreunde hätten es heute nötig, sich erinnern zu lassen, sie möchten über dem gesunden Körper den gesunden Geist nicht so völlig vergessen, wie es vielfach geschieht. Was helfen uns die prächtigsten Muskeln und die schönsten Übungen an Reck und Barren, wenn die Rohheit und Oberflächlichkeit in den Köpfen und Herzen nur um so ungenierter ihr Wesen treibt. Was dem Menschen Kraft und Halt gibt, das ist schließlich doch einzig und allein der gesunde Geist, und wenn die <pb xml:id="p407" ed="pga"/> Körperkultur dazu nicht hilft, so ist sie keinen Streich wert. Ein starker Büffel ist dann gerade so schön. |</p>
                        <p>Aber um den gesunden Geist zu bekommen, ist’s nun auch mit der sogenannten <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-1837">Schulbildung</term></hi> nicht getan. Das ist das dritte falsche Vertrauen, das in unserm Volk und vielleicht in unserm <placeName ref="kbga-places-152">Aargauer</placeName> Volk ganz besonders mächtig ist. Wieder sagen wir: Allen Respekt vor unsrer <term ref="kbga-terms-1172">Schule</term> und ihren Leistungen. Noch viel mehr Anerkennung und Unterstützung müsste sie finden bei uns Allen. Aber gewaltig sind wir auf dem Holzweg, wenn wir etwa meinen, durch Eintrichtern von Rechnen, Französisch und Geographie werde Einer zum rechten Menschen und brauchbaren Bürger gemacht. Von den Gefangenen in <placeName ref="kbga-places-116">Lenzburg</placeName><note xml:id="n11">
                            <p> 
                        In <placeName ref="kbga-places-116">Lenzburg</placeName> befand sich seit 1859 die kantonale Strafanstalt des Aargaus. Der 1864 eingeweihte Neubau galt als ein für damalige Verhältnisse vorbildliches Gefängnis, dessen erster Direktor <persName ref="kbga-actors-9081">Johann Rudolf Müller</persName> (1824–1894) dadurch internationale Bedeutung erlangte, 
                        dass er hier Grundlagen des modernen Strafvollzugs erarbeitete (zum Beispiel Abschaffung von Prügel- und Kettenstrafen, Möglichkeit vorzeitiger Entlassung). 
                        Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1299">B. Küng-Aerni, Art. «Müller, Johann Rudolf», in: Historisches Lexikon der Schweiz (<ref target="https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/042094/2008-02-07">https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/042094/2008-02-07</ref>; zuletzt aufgerufen am 16.11.2021</bibl>).</p>
                        </note> hat der größre Teil eine gute Schulbildung genossen. Das hat sie also offenbar nicht gehindert, moralisch zu verwahrlosen. 
                        Ja, es gibt Charaktere, für die diese sogenannte Bildung vielleicht eher eine Gefahr ist als ein Segen, weil sie sie aufgeblasen und eingebildet macht. Man irrt sich gründlich, wenn man den <term ref="kbga-terms-1368">Fortschritt</term> erwartet von der zunehmenden Schulbildung. Die kann dem Fortschritt dienen in vielen Fällen, er selbst aber kommt nur aus der persönlichen Energie, aus dem <term ref="kbga-terms-892">Solidaritätsbewusstsein</term>, aus der <term ref="kbga-terms-1563">Selbstlosigkeit</term> und Opferwilligkeit, 
                        und das sind Qualitäten, die man nicht eintrichtern kann. Aber ich frage wieder: wie Viele sehen das ein, wie Viele glauben an die Notwendigkeit einer <term ref="kbga-terms-1838">innern Kultur</term> des Menschen, wie Viele verstehen das, dass der gesunde Geist im gesunden Körper, auf den ein Volk bauen und vertrauen kann, nur der gute Geist sein kann, der Geist des ernsten Willens und der Geist der Liebe, die nicht das Ihrige sucht [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.13.5">1.Kor. 13,5</ref>]? Machen wir uns keine Einbildungen, 
                        es sind auch hier <hi rend="italic">Wenige!</hi>
                    </p>
                    <p>Seht, meine Freunde, <hi rend="italic">so</hi> kommt’s und so sieht das aus, dass Gott nur wie ein Fremdling ist im Land und wie ein bestürzter, kraftloser <pb xml:id="p408" ed="pga"/> Mann unter uns. Ich wiederhole noch einmal, dass man das Wort «Gott» bei alledem auch weglassen kann, wenn man dieses Wort aus irgendwelchen Gründen scheut. Es handelt sich hier nicht um irgendwelche Worte, sondern einfach um Tatsachen, die jeder sehen und bestätigen muss, der aufrichtig ist. Diese Tatsachen wollen wir heute erkennen und anerkennen.</p>
                        <p>Und nun die andre <term ref="kbga-terms-652">Bußtags- und Bettagsfrage</term>: <hi rend="italic">wie soll es bei uns anders werden?</hi> Ich glaube, da kann die Antwort nicht schwierig und verwickelt sein nach Allem Gesagten. Wenn <term ref="kbga-terms-1827">Gott so rar ist unter uns</term>, müssen wir ihn bitten, reichlicher unter uns zu sein. Etwas Anderes hat auch der Prophet <persName ref="kbga-actors-208">Jeremia</persName> nicht vorzubringen gewusst auf die bange Frage, die er an Gott gerichtet, 
                        als dieses machtvolle <hi rend="italic">Und doch!</hi> Seht, das ist etwas Großes, wenn wir dazu kommen, so mit allem Ernst und aller Wahrhaftigkeit unsre <term ref="kbga-terms-128">Sünden zu erkennen</term> und zu bekennen, um dann so freudig fortzufahren: <hi rend="italic">Und doch!</hi> Wenn wir das doch glauben wollten, dass uns das Zweite geschenkt wird, wenn wir das Erste getan haben. 
                        <hi rend="italic">Und doch bist du in unsrer Mitte, Herr!</hi> betete Jeremia, <hi rend="italic">und nach deinem Namen sind wir genannt: o lass uns nicht fahren!</hi> Meine Freunde, dieses <term ref="kbga-terms-90">Gebet</term> ist ein Aufschwung. Hier breitet die Seele ihre Flügel aus und erhebt sich und will unaufhaltsam der Sonne entgegen. Es ist ein Gebet voll schmerzlicher Sehnsucht und doch zugleich voll freudiger Gewissheit. 
                        So schmerzlich und freudig zugleich muss es uns zu Mute sein, wenn wir jenes <hi rend="italic">Und doch!</hi> recht und von Herzen mitbeten wollen. Wir müssen diesen Aufschwung mitmachen. Auch die Seele unsres Volkes muss am <term ref="kbga-terms-653">Bettag</term> die Flügel weit ausbreiten, um der Sonne zuzueilen. |</p>
                    <p>Aber wie geschieht das? Meine Freunde, dazu gehört zweierlei. Zuerst das, 
                        dass wir wirklich daran glauben, dass der Herr in unsrer Mitte ist und dass wir nach seinem Namen genannt sind. Das will sagen, dass wir uns <hi rend="italic">festhalten</hi> an Allem, was uns schon geschenkt ist an göttlichem, gutem Leben, an Werken und Wirkungen Gottes, an <term ref="kbga-terms-1828">Einigkeit</term>, <term ref="kbga-terms-658">Freiheit</term> und <term ref="kbga-terms-1453">Treue</term>. 
                        Wir werden dann entdecken, dass es nicht so wenig ist, wie es auf den ersten Blick aussieht. Wir würden entdecken, dass nicht Gott der unstete Wanderer, der Fremdling ist im Land, sondern dass <hi rend="italic">wir</hi> unsicher, unbestimmt, mutlos, zweifelhaft waren, dass <hi rend="italic">wir</hi> Gottes Worte und Werke zu wenig ernst genommen haben. Sobald wir sie ernst nehmen, dann bleiben sie uns, dann wird <pb xml:id="p409" ed="pga"/> Gott auch Bürger bei uns. 
                        Dankbarer, freudiger, empfänglicher müssen wir werden allem <term ref="kbga-terms-829">Guten</term> gegenüber, das unter uns, in unserm Volke vorhanden ist Wir müssen aufhören mit dem Zaudern und Achselzucken und Zweifeln, wir müssen das Gute frisch packen und pflegen, wo und wie es uns auch begegne. Unser <term ref="kbga-terms-1900">Misstrauen gegen Gott</term> muss sich in <term ref="kbga-terms-41">Vertrauen</term> verwandeln. 
                        Wenn wir ihm nahe bleiben, dann bleibt er auch uns nahe, dann kann uns das ganze erschütternde Bild unsrer <term ref="kbga-terms-64">Sünde</term> nicht mehr erschrecken, dann erfahren wir, wie überwältigend groß Gott ist mitten in der <term ref="kbga-terms-1839">Gottlosigkeit</term>. |</p>
                    <p>Das Zweite aber gehört dazu; es ist das inbrünstige <term ref="kbga-terms-90">Gebet</term>: o lass uns nicht fahren! Wir dürfen uns nicht begnügen lassen an dem, was wir schon kennen und haben von ihm, sondern wir müssen mehr verlangen und immer mehr. 
                        Dazu ist uns <hi rend="italic">Jesus</hi> gegeben. Durch ihn hat Gott uns ja alles Gute gegeben, das wir schon haben; – durch ihn gibt er uns immer mehr. Wenn wir zu ihm kommen, wenn wir uns so recht deutlich vor Augen halten, wer er gewesen ist, wie er gelebt hat und gestorben ist, dann erfüllt sich unsre Bitte: o lass uns nicht fahren! noch bevor wir sie aussprechen. Da spüren wir, dass Gott nicht ein bestürzter Mann ist, nicht ein Kriegsmann, der nicht zu helfen vermag. 
                        Wir empfinden da eine Kraft, die über den Unfrieden und die Sklaverei und die Eitelkeit in uns und in unserm Volk siegen muss. Gott lässt uns nicht fahren, solange wir Jesus ansehen. O wollen wir nicht Alle hinzutreten, um an dieser Quelle wieder Zutrauen und Kraft zu schöpfen, damit <term ref="kbga-terms-1358">unser Volk</term> und unser liebes <placeName ref="kbga-places-58">Schweizerland</placeName> reich werde in Gott. 
                        In der <term ref="kbga-terms-110">Bibel</term> redet er zu uns, im Leben seiner Zeugen, im heiligen <term ref="kbga-terms-69">Abendmahl</term>. Und immer sagt er uns dasselbe, lockend und verheißend: In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.16.33">Joh. 16,33</ref>].</p>
                </div>
                <div type="closer">
                    <salute>Amen.</salute>
                </div>
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        </body>
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</TEI>
