22. September 1912

Predigt: 1 Korinther 1,22-24

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1. Korinther 1,22–24
Die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit. Wir aber predigen den gekreuzigten Christus: den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit; denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, ein Christus, der Gotteskraft und Gottesweisheit ist.
Liebe Zuhörer!

Heute möchte ich einmal eine Predigt halten über die Predigt selber, nämlich darüber, was zu suchen und zu finden ist, wenn wir am Sonntag hier zusammenkommen. Ich habe bei dem, was mir über diese und jene Predigt nachher zu Ohren gekommen ist, manchmal das Gefühl gehabt, wir verstehen da einander nicht ganz. Da wollen wir heute versuchen, ein wenig Ordnung zu machen. Ich möchte euch bitten, gut zuzuhören und die Hauptsache dann auch denen mitzuteilen, die jetzt nicht hier sind.

Zuerst müssten wir vielleicht darüber reden, ob denn Predigt und Kirche und Pfarramt überhaupt gute und notwendige Dinge seien. Aber ich halte dafür, dass es ziemlich überflüssig wäre, uns zu lange dabei aufzuhalten. Ich will auch nur ganz kurz meine Meinung darüber sagen. Es ist dieselbe, die schon der Prophet Jeremia gehabt hat, als er schrieb von der Zeit, die da kommen soll, wo Gott sein Gesetz in das Herz der Menschen geschrieben haben wird. Da «wird keiner den andern, noch ein Bruder den andern lehren und sagen: Erkenne den Herrn! sondern sie sollen mich alle erkennen, beide, klein und groß» [Jer. 31,34]. Diese wunderbare Hoffnung dürfen wir wirklich haben, und wir wollen keinen Augenblick daran zweifeln, dass die Menschheit einem Zustand der Vollendung entgegengeht, in dem man keine Kirchen mehr bauen und keine Versammlungen mehr halten und keine Predigten mehr halten und hören wird. Denn dann wird Gott in den Menschen wohnen und die Menschen werden in Gott leben und sie werden es nicht nötig haben, durch einen Pfarrer an ihn erinnert zu werden. Wir wollen uns freuen auf den Tag, wo die Kirchenglocken zum letzten Mal läuten werden, wo Kirche und Predigt und Pfarramt |411 aufhören, weil das Reich Gottes da ist. Es ist auch ganz sicher, dass es zu allen Zeiten einzelne, wenige Menschen gegeben hat, die jenem Vollendungszustand so nahe waren, dass sie für ihren Teil die Kirche und Alles, was damit zusammenhängt, nicht mehr oder fast nicht mehr nötig hatten. – |

Aber ich glaube, wenn wir ganz nüchtern und ehrlich urteilen, werden wir sagen müssen, dass für die übergroße Mehrzahl der Menschen diese herrliche Zeit noch nicht gekommen ist. Wenn ich so euch, meine liebe Gemeinde, ansehe, wenn ich mich selbst ansehe, dann ist es mir ganz klar, dass in Safenwil jene wunderbare Hoffnungszeit des Jeremia noch nicht angebrochen ist, und in Zofingen und Aarau und Zürich, in Berlin und Paris ist es wohl ganz dieselbe Sache. Wir sind Alle noch in der Zeit der Sehnsucht, nicht der Erfüllung. Wir warten des Reiches Gottes, aber wir sind noch nicht mitten drin. Wir wandeln im Glauben und nicht im Schauen [2.Kor. 5,7]. Und wenn man darum heute oft sagen hört, Kirche und Pfarrer seien etwas Unnötiges, dann ist das ein törichtes Geschwätz von Leuten, die nicht wissen, was sie sagen. Jawohl, Kirche und Pfarrer sollten unnötig sein, ganz einverstanden, und es muss eine Zeit kommen, wo sie wirklich unnötig sind. Gerade wie der Doktor mit seinen Arzneien und seinem Operationsmesser auch etwas Unnötiges sein sollte. Aber, wenn man den Doktor nicht nötig haben will, dann muss man nicht den Doktor abschaffen, sondern dann muss man gesund werden und, um gesund zu werden oder zu bleiben, muss man den Doktor gerade brauchen. So steht es auch mit der Kirche und mit allem religiösen Gemeinschaftswesen. Sie sind ein Zeichen unsrer Unvollkommenheit. Sie sind selbst etwas sehr Unvollkommenes. Aber es wäre die verkehrte Welt, darum sagen zu wollen: also brauchen wir sie nicht mehr. Sondern brauchen wollen wir sie, damit wir sie nicht mehr brauchen. Die Kirche ist nichts Ewiges, sondern nur etwas Vorläufiges, aber etwas, was vorläufig einfach notwendig ist. Weil Gott noch schwach ist in uns, darum haben wir die Predigt nötig. Ihre Aufgabe ist es, uns dazu zu helfen, dass Gott stark werde in uns. Wenn dann Gott einmal übermächtig sein wird in den Menschen, dann hört die Predigt auf; die Kirche ist aus, wie man ein Werkzeug weglegt, wenn es seinen Dienst getan hat.

Darüber wollen wir also nicht weiter reden, sondern uns nun gleich darüber besinnen, was uns denn nun in diesem vorläufigen Zustand |412 die Predigt in Kirche oder Kapelle1 sein kann und sein soll. Auf zweierlei müssen wir dabei achten, wenn wir uns gut verstehen wollen: auf das, was vom Pfarrer oder Prediger gebracht und gesagt wird, und auf die Art, wie wir es als Zuhörer aufnehmen sollen. Und darum wollen wir von zwei Dingen reden: erstens von dem, was man von der Predigt erwarten kann, zweitens von dem, was die Predigt von den Zuhörern erwartet.

Also zuerst, was die Predigt den Leuten bringen soll, was von ihr zu erwarten ist. Da antworte ich nun einfach: die Predigt soll uns Christus bringen, nichts Anderes, nicht mehr und auch nicht weniger. So hat schon der erste große christliche Pfarrer, der Apostel Paulus, seine Aufgabe angefasst. Er wusste freilich auch von Solchen, die etwas Anderes erwarteten. «Die Juden fordern Zeichen und die Griechen fragen nach Weisheit.» Die einen waren abergläubisch und wollten zur Bestätigung der Verkündigung des Paulus Wunderzeichen sehen. Die Andern waren stolz auf ihre Bildung und wollten künstliche Beweise und geistreiche Worte und Redensarten hören. Denen Allen musste er sagen: Was ihr erwartet, findet ihr hier nicht: wir predigen den gekreuzigten Christus. Ja, wenn ihr mit solchen Erwartungen kommt, dann werdet ihr sogar Verdrießlichkeiten erleben: ihr werdet Anstoß nehmen und euch entrüsten über das, was ihr hört, oder ihr werdet es töricht, lächerlich, unglaublich finden, was euch geboten wird. Das ist nun einmal so: ihr werdet von unsrer Predigt nie etwas Anderes zu erwarten haben, als dass wir euch Christus, den gekreuzigten Christus zeigen, darstellen, vor Augen malen. So dachte Paulus über die Predigt. So haben alle großen und tiefen Verkündiger der christlichen Wahrheit über ihre Aufgabe gedacht. Ich möchte sie auch nicht anders auffassen. Ich möchte versuchen, euch Christus zu zeigen, wenn ich am Sonntag hieher komme, um zu predigen. Und so fasst es jeder christliche Prediger auf, dem es Ernst ist mit seinem Beruf, man kann es gar nicht anders auffassen. |

Und warum Christus? Nun ganz einfach, weil Christus das Wort Gottes ist, mit dem er unsrer Unvollkommenheit aufhelfen will. Wenn wir völlig in Gott wären in unsrer Erkenntnis und in unserm |413 Leben, dann brauchten wir Christus nicht, dann brauchten wir auch die Predigt von ihm nicht. Aber das sind wir nicht, und darum hat Gott sich unser angenommen, indem er Jesus in unserm Leben erscheinen lässt, als Führer, als Vorkämpfer, als älteren Bruder, als unsern Meister, als den rechten Hohepriester, wie es im Hebräerbrief heißt [vgl. Hebr. 4,14]. Wir tappen im Dunkel, wir wissen nicht, was unser Leben und Streben soll in dieser Welt. Darauf gibt Gott uns in Jesus die Antwort. Denn Jesus sagt uns, dass wir Kinder Gottes sind und lehrt uns beten: dein Reich komme! [Mt. 6,10] Wir sind gefangen in einem undurchdringlichen Netz von Dummheit und Bosheit. Da schärft Jesus uns in unvergleichlicher Weise das Gewissen, so dass wir uns selber verurteilen müssen, und gibt uns zu gleicher Zeit den Mut und die Kraft, das Netz zu durchbrechen. Wir haben so wenig Freudigkeit und Vertrauen in den Nöten und Schwierigkeiten des Lebens. Da lernen wir in der Schule Jesu, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen müssen [vgl. Röm. 8,28]. Wir seufzen und trauern an den Gräbern unsrer Lieben und zittern heimlich beim Gedanken an unser eigenes, da erfüllt uns Jesus mit der Liebe Gottes, die den Tod überwindet. Wie sollte ich sie jetzt alle aufzählen können, die Nöte unsres Lebens, in denen er uns Nothelfer, Erlöser wird. Wo er wirklich regiert, wo die Menschen von ihm erfasst, von seinem Geist geleitet sind, da vergeht diese Welt, diese Welt der Lüge und Ungerechtigkeit und Schwachheit, und das Gottesreich bricht an,2 in dem Alles neu ist und dem einst Alles unterworfen sein muss. Seht, das ist Christus, und darum predigen wir Christus. |

Wir glauben, dass Alles Andre, was wir vorbringen könnten und was wohl Manche von uns erwarten, die Leute nur einschläfern und womöglich noch bestärken würde in der menschlichen Unvollkommenheit. Jesus erlöst und befreit uns davon und führt uns zur Vollkommenheit. Wir können nicht über die schöne Natur predigen, denn die Natur mit aller ihrer Pracht wird uns erst dann eine Offenbarung Gottes, wenn uns Jesus den Schlüssel dazu gegeben hat, wenn wir in ihm und durch ihn den Vater kennengelernt haben, der über Allem |414 waltet [vgl. Joh. 14,6–9]. Wir können nicht kluge Lebensregeln vortragen, wie man es in der Welt zu etwas bringe, denn was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele [Mt. 16,26]. Wir können nicht Gelehrsamkeit predigen, denn die Trägheit und der böse Wille und die Angst, unter denen wir leiden, werden nicht durch Gelehrsamkeit überwunden, sondern nur durch den Beweis des Geistes und der Kraft [vgl. 1.Kor. 2,4].3 Wer Solches erwartet, der kann es bei Christus und in der Predigt von Christus finden. Wer etwas Anderes erwartet, der wird notwendig enttäuscht sein müssen. Aber der befindet sich eben mit seinen Erwartungen in einem schweren, gefährlichen Irrtum und täte gut, sich darüber zu besinnen, ob er nicht etwas Besseres erwarten sollte. |

Aber was heißt nun das: Christus predigen, Jesus den Leuten zeigen, darstellen, vor Augen malen? Das heißt, dass wir euch immer wieder an ihn erinnern müssen, wie er gewesen ist, wie er gelebt hat und gestorben ist nach dem Wenigen und doch so unendlich Vielen, was wir aus dem Neuen Testament über ihn wissen. Davon müssen wir immer wieder ausgehen. Und darum ist es nicht nur ein schöner alter Brauch, sondern eine Notwendigkeit, dass unsre Predigt jedes Mal an einen sogenannten Text anknüpft, das heißt, an ein Wort Jesu oder seiner alttestamentlichen Vorgänger oder seiner Nachfolger, der Apostel. Nicht unsre eigene Weisheit, sondern Jesus selbst soll zu Worte kommen. Und wer darum in die Kirche kommt, um etwas merkwürdiges Neues zu hören, der wird auch enttäuscht sein. Was wir zu verkündigen haben, ist nichts Neues, sondern die alte, ewige Wahrheit. Einen andern Grund kann Niemand legen, als der gelegt ist, Jesus Christus [1.Kor. 3,11]. |

Aber nun wohlverstanden: Jesus Christus ist lebendig, und er muss auch in uns lebendig werden. Er ist nicht ein schönes Erbstück, das man alle Sonntage einmal hervorzieht und von dieser oder jener Seite betrachtet, sondern er will in unser Leben, in die Gegenwart hinein. Sonst könnte er nicht unser Führer zur zukünftigen Vollkommenheit sein. Darum würde es uns gar nichts helfen, von Jesus bloß zu reden |415 als von dem einzigartigen Menschen, der vor 2000 Jahren gelebt hat, sondern wir müssen vorwärtsgehen und ihn kennenlernen als den Lebensfürsten, der heute und gestern und in Ewigkeit derselbe ist [vgl. Hebr. 13,8]. Wir müssen ihn in unser Leben und in unsre Zeit hineintreten und hineinreden lassen. Wir müssen nicht nur fragen: was sagte Jesus damals? sondern: was würde er heute sagen? Wir müssen mit unsern Nöten und unsern Verhältnissen seine Forderungen hören und seine Kraft uns schenken lassen wollen. Jesus muss von Nazareth nach Safenwil kommen. Wenn ihr davon in einer Predigt nichts spüren könntet, dann ist sie eitel Strohdreschen gewesen. |

Auch da gibt’s Viele, die etwas Anderes von der Predigt erwarten. Wenn ich nicht irre, ist gerade hier ein Punkt, wo wir uns manchmal nicht ganz verstehen. Sie haben es gerade umgekehrt als jene Andern: sie wollen immer nur das Alte hören, die gewohnten biblischen Geschichten und Worte, mit deren Klang man seit vielen Jahren vertraut ist. Das nennen sie dann Erbauung. Ja, von den inwendigen Erfahrungen der Seele soll dann etwa noch die Rede sein dürfen, aber beileibe nicht vom Sozialismus und vom Alkohol, von der Profitgier und vom Zankgeist. Das gehöre nicht in die Kirche. Ja, da bin ich mit Verlaub anderer Meinung. Wenn das nicht in die Kirche gehört, dann wollen wir die Kirche lieber zutun. Wenn Christus der Lebendige ist, dann dürfen wir uns nicht genügen lassen zu hören, was er einst seinen Jüngern gesagt, sondern dann müssen wir hören wollen, was er jetzt uns zu sagen hat. Wenn er uns wirklich erbauen soll, dann müssen wir ihn dreinreden lassen in Alles, nicht nur in die Erfahrungen der Seele, sondern in die Erfahrungen des Lebens, in unser Erwerbsleben so gut wie in unser Vergnügen, in unser Verhältnis zu den Nachbarn wie in das, was im Dorf und im Lande vorgeht. Wir können doch nicht sagen, dass das Dinge seien, die mit der Seele nichts zu tun hätten. Die Erfahrungen der Seele hängen doch mit den Erfahrungen des Lebens aufs Allerinnigste zusammen. Es wäre einfach eine feige Verleugnung Jesu, wenn sich ein Pfarrer diesen Dingen gegenüber den Mund verbinden lassen wollte. Und wer das von ihm erwartet, der hat eben eine falsche Erwartung und muss sie ändern. |

Und damit sind wir nun schon an der Hauptsache. Paulus hat gesagt: wir predigen den gekreuzigten Christus. Ihm war das das Größte und Wichtigste an Jesus, dass er für uns gestorben ist, dass er das |416 Kreuz getragen und erlitten hat uns zu Gute. Das ist auch in der Tat das Größte und Wichtigste im Evangelium, und die rechte christliche Predigt wird immer eine Verkündigung des gekreuzigten Christus sein müssen. Aber was heißt nun das wieder: den gekreuzigten Christus predigen? Ich weiß, dass solche unter euch sind, die es an meinen Predigten vermissen, dass so wenig vom «Blute Christi» die Rede sei. Ich will auch bei diesem Anlass gerne sagen, dass ich diesen Ausdruck nicht gern anwende, weil ich fürchte, die Meisten von denen, die ihn hören und wohl auch selbst über ihre Lippen gehen lassen, wissen nicht genau, was sie eigentlich dabei denken sollen. Und im neuen Testament finde ich ihn verhältnismäßig recht selten gebraucht, besonders auch in den Briefen des Paulus und im Johannesevangelium. Das Wort «Kreuz» dagegen ist ein klarer Ausdruck, da kann jeder sofort wissen, um was es sich handelt und was das für ihn bedeutet. Wenn wir den gekreuzigten Christus predigen, so heißt das, dass wir den völligen Gehorsam, die völlige Liebe, die völlige Selbstverleugnung Jesu als die Macht der Erlösung hineinstellen in unser Leben. Der gekreuzigte Christus ist der Mann, der gebetet hat: Vater, nicht mein, sondern dein Wille geschehe! [Lk. 22,42] und: Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist! [Lk. 23,46] |

Im Blick auf diesen Mann empfangen wir den Frieden und die Freudigkeit, die uns sonst niemand geben kann, und in seiner Nachfolge die Kraft, die wir aus uns selbst nicht machen könnten. Und darum darf in keiner christlichen Predigt der Ton fehlen, dass es nur einen Weg zu Gott, nur einen Weg zum Leben gibt, nämlich die völlige, sich selbst aufgebende Hingabe an Gott. So Christus. So auch wir. Wir in ihm und er in uns. Wir können nicht bleiben, wie wir sind, sondern wir müssen uns in Gottes Hand geben, wir müssen verwandelt werden, wir müssen andre Menschen werden. Der Wille Gottes macht einen Strich durch unsern Willen, das heißt Kreuz. Und das ist die Wirkung des gekreuzigten Christus auf uns. Und wo davon geredet wird, da ist das Wort vom Kreuz, vom Tod des alten und von der Geburt des neuen Menschen. Hier ist das Gesetz und das Evangelium, Gottes Forderung und Gottes Geschenk an uns, unzertrennlich beieinander. |

Dieses Wort vom Kreuz müssen wir Pfarrer verkündigen, wir können gar nicht anders; denn daran hängt einfach Alles. Obwohl wir |417 wissen, dass gerade da wieder Manche etwas Anderes von uns erwarten. Dass Vielen, im Grunde uns Allen, nichts unangenehmer ist als die Botschaft: Neue Menschen! Neue Verhältnisse! Das Alte ist vergangen, siehe, es ist Alles neu geworden! [2.Kor. 5,17] Es würden so Viele einfach gerne bleiben, wie sie gerade sind, mit all ihren Gewohnheiten und Neigungen und verharzten Gedanken. Wie schön wäre es, dann von Zeit zu Zeit in der Kirche eine Stunde «wahrer Andacht» zu erleben, wie man das in den Zeitungen nennt;4 zu hören: Liebe Seele, es ist Alles schön und gut, reg dich nicht auf, der liebe Gott ist ein guter Mann, der fünfe gerad sein lässt, und wenn du von Zeit zu Zeit ein schönes, erhabenes Gefühl hast und etwa im Ganzen brav bist, dann hat’s keine Not. Ja seht, wenn wir Pfarrer auch Naturpredigten und Vaterlandspredigten halten wollten, dann könntet ihr solche Andachtsstunden in der Kirche erleben, wo man nachher zur Nachbarin sagen kann: er het e schöni Predig gha!5 Aber nun heißt’s: Kreuz! Und das bedeutet: Gottes Wille geschehe! Nicht der der Menschen. Die Menschen müssen anders werden, müssen sich nach Gott richten, und nicht umgekehrt. Ja, daran stößt man sich, da ärgert man sich, da fühlt man sich betroffen und beunruhigt. Das hört man nicht gern, wenn dieser Ton kommt. Da schimpft man auf dem Heimweg und schreibt wohl gar einen Zeitungsartikel.6 |

Aber sollen wir es darum anders machen? Jenen Ton unterdrücken? Nicht mehr Kreuz! predigen, sondern «Friede Friede! Ihr seid Alles liebe Leute und Safenwil ist ein kleines Jerusalem»? Seht, wenn wir das täten, dann verdienten wir, abgesetzt zu werden. Es gibt zum wahren Frieden keinen andern Weg als das Kreuz. Wie Christus die Bitterkeit des unschuldigen Todes auf sich nehmen musste, um zur |418 Herrlichkeit einzugehen, so gibt es auch für uns keine Vollendung ohne die Bitterkeit der Selbstverleugnung. Das dürfen wir in der Predigt nie hintanstellen und, wenn ihr recht berichtet7 seid, dann müsst ihr gerade das von unsrer Predigt erwarten, und wenn es fehlte, so müsst ihr euch beklagen und müsst es empfinden: «Die Hauptsache hat gefehlt, denn Christus ist ein leeres Wort, solange er uns nicht offenbar wird als der gekreuzigte Christus, solange wir nichts spüren können oder spüren wollen von seiner Macht, neue Menschen, eine neue Welt zu schaffen.» Wenn wir es aber spüren, dann wird er uns das, was Paulus Gotteskraft und Gottesweisheit genannt hat, dazu wird er uns von Tag zu Tag mehr der Heiland und Hort im Leben und im Sterben.8 – |

Das haben wir zu erwarten in der Predigt – nicht Alles auf einmal natürlich –, sondern jedes Mal einen kleinen Anstoß in dieser Richtung, einen kleinen Tropfen, der hilft, das Nein auszuhalten, einen kleinen Baustein zu dem Gebäude, das langsam durch’s ganze Leben hindurch errichtet wird.

Aber nun müssen wir auch vom Andern reden, von dem, was die Predigt von uns erwartet. Paulus sagt es, was das für Menschen seien, denen Christus zur Gotteskraft und Gottesweisheit werde. Das sind die, die berufen sind. Meine Freunde, wir sind in Christus und durch ihn Alle berufen. Wenn wir uns sperren, wenn wir den Segen des Hörens nicht haben wollen, so sind wir selber schuld. Es zwingt uns kein Gott und kein Mensch, Juden oder Griechen zu sein, die sich dem Wort der Wahrheit widersetzen. Die Bedingung, an die jener Segen geknüpft ist, dass man berufen sein muss, ist erfüllt, sobald wir Ja sagen von ganzem Herzen. Denn berufen sind wir, Gott will uns in Christus helfen. Aber ich möchte noch Einiges bemerken darüber, wie man zu diesem Ja-Sagen kommt.

Zuerst dadurch, dass man, wenn man in die Kirche geht, dort wirklich Gottes Segen sucht in der Predigt von Christus. Wer nur hieher |419 kommt, weil wieder einmal drei Wochen um sind, oder um nachher mit den Andern plaudern zu können, oder um einen neuen Hut zu zeigen, oder um dem Pfarrer zu bedeuten, dass man auch noch da ist, der soll sich nicht wundern, wenn er von Gotteskraft und Gottesweisheit wenig oder nichts empfängt. Besonders wichtig ist, dass man sich merkt: es handelt sich hier in der Kirche nur auch gar nicht um den Pfarrer. Wenn man den Pfarrer und seine Person nicht ganz vergessen kann über dem Wort Gottes, das er auszurichten hat, so ist etwas nicht in der Ordnung. Der Pfarrer hat manchmal bessere und manchmal schlechtere Sonntage, aber darauf kommt nicht so viel an. Wer den Segen Gottes sucht in der Kirche, der wird ihn auch in einer schlechten Predigt finden. Irgendetwas zum Mitnehmen wird wohl für jeden darin sein. Wer es fertig bringt, kaum dass er die Kirchentüre hinter sich hat, laut aufzubegehren, der soll nur allererst über sich selbst aufbegehren, denn der ist sicher nicht im rechten Sinn und Geist hineingegangen. Man soll aber auch nicht in die Kirche kommen, um einen «Genuss» zu haben, wie ich schon oft sagen hörte. Der Segen Gottes, den wir da bekommen sollen, hat mit Genuss gar nichts zu tun. Ihn bekommen nur die Ernsthaften und nicht die, die in die Kirche gehen, wie man in ein Theater geht. Sondern das ist der rechte Sinn, mit dem wir hieher kommen wollen, wenn wir vorher im Stillen gebetet haben: Herr, ich bin in Not, gib mir Kraft! Ich bin im Dunkel, gib mir Licht! Ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Unglauben [Mk. 9,24].

Und das Zweite, was die Predigt von den Zuhörern erwartet, ist die Demut. Nicht die Demut vor dem Pfarrer, sondern die Demut vor Gott. Die Demut ist die Bereitschaft, die Härte des Kreuzes auf sich zu nehmen, um seine Herrlichkeit zu erfahren. Wo man vorher gebetet hat: Gott, sei mir Sünder gnädig! [Lk. 18,13] da wird es von selbst aufhören, dass man denkt und sagt: Ja, der Pfarrer soll wohl die Wahrheit sagen, aber er soll nichts gegen die Wirte sagen und nichts gegen die Fabrikanten, nichts gegen die Lehrer, nichts gegen die Gemeinschaftsleute und nichts gegen den Turnverein und vor Allem nichts gegen mich! Ja, liebe Freunde, die Wahrheit ist überhaupt gegen Niemand, sondern für Alle. Und mir könnt ihr’s glauben, dass ich euch Alle gleich lieb habe, gerade wie Gott uns Alle gleich lieb hat. Aber eben darum solltet ihr euch nicht immer gleich beleidigt fühlen, |420 wenn ich euch irgendwo zu verstehen gebe, dass ich etwas für unrecht halte. Das ist keine Beleidigung. Dazu habe ich doch mein Amt, um zu reden, und zwar um deutlich zu reden. Mein Interesse habe ich wahrhaftig nicht dabei, wenn ich beliebt sein wollte, dann würde ich schweigen. Aber das darf ich doch nicht. Es würde auch von solchem Schweigen gelten, was Luther einmal gesagt hat, dass «wider das Gewissen zu handeln unsicher und gefährlich ist».9 Wollt ihr denn nicht lieber euch freuen über diese Gelegenheit, eure Fehler einzusehen, eure Fehler, die ihr habt, wie ich die meinigen? Seht, das wäre die Demut, die man in die Kirche mitbringen muss. Wenn ihr die hättet, dann würdet ihr euch auch nicht so furchtbar aufregen, wenn nun einmal ein Urteil fällt, das vielleicht ungerecht ist oder erscheint, wie das dem Pfarrer ganz selbstverständlich passieren kann. Ihr werdet dann das, was richtig ist, davon annehmen und das Übrige ruhig beiseitelegen, aber auch dann nicht die Beleidigten spielen. Und noch etwas würde durch die Demut anders, man würde dann das Gehörte auf sich selbst beziehen und nicht auf die Andern. Das scheint eigentlich selbstverständlich, aber es ist es durchaus nicht. Es kam mir schon oft vor, dass mir Leute sagten, ich habe eine schöne Predigt gehalten. Ich forsche nach: warum schön? Nun, weil Sie diesen und jenen, weil Sie den Leuten so gehörig die Wahrheit gesagt haben. Ich fürchte, die Meisten, die eine Predigt «schön» finden, freuen sich darüber, weil es Andere getroffen hat. O wenn doch einmal Einer oder Eine mir dan|421ken würde dafür, dass ich Ihm die Wahrheit gesagt! Solange wir das nicht können, solange können wir die «schönsten» Predigten hören und empfangen doch keine Gotteskraft und Gottesweisheit daraus. Aber wenn wir das können, dann fängt es ganz von selbst an: das Ja-Sagen und das dankbare Aufnehmen des gekreuzigten Christus in aller seiner Herrlichkeit.

Und schließlich noch ein Drittes, das dazu nötig ist. Das ist die Willigkeit. Ich verstehe darunter vor Allem, dass man bei der Sache ist. Wenn man den Kopf so voll wichtiger andrer Dinge hat, dass man sich nicht soweit sammeln kann, um der Predigt zu folgen, dann tut man besser, den Sonntagmorgen zu Hause zu verbringen. Ich weiß zwar wohl, dass man auch aus einem einzelnen Satz, den man gehört, manchmal etwas Gutes nehmen kann oder aus dem Gebet oder aus dem Gesangbuchlied. Aber es ist eine große Gefahr bei diesem unaufmerksamen Zuhören, nämlich die, dass man dann gerade etwas hört, was man ohne das Übrige, das man verschlafen oder verträumt hat, unmöglich recht verstehen kann. Da hört man dann irgend einen einzelnen Satz oder einzelnes Wort, etwa das Wort «Sozialismus», gerät in Entsetzen, läuft den Berg hinunter10 und sagt allen Leuten: er hat wieder eine rechte Sozi-Predigt gehalten! Die merkwürdigsten Sachen soll da der Pfarrer gesagt haben, zum Beispiel, «alle Gemeinschaftsleute11 seien Pharisäer» und solche unglaublichen Behauptungen, und immer kam der Schaden nur von ein paar unaufmerksamen Köpfen, die nur einen Augenblick dabei waren und die übrige halbe Stunde nicht. Wollen wir uns nicht Mühe geben, außerhalb der Kirche zu träumen? Zur Willigkeit gehört weiter, dass man verstehen will, was man hört. Man kann eine Predigt nicht einfach an sich vorüberrauschen lassen wie einen Bach, sondern es gilt festzuhalten, was man gehört hat, es gilt nachher noch einmal zu überdenken, was man behalten und ergriffen hat. Wenn wir einem Menschen zuhören, dann geben wir doch auch Achtung, was er sagt, und studieren nachher darüber, wie es gewesen ist. Nun, so sollen wir es auch halten, wenn Gott mit uns redet, nicht dem Pfarrer zulieb, sondern Gott und uns |422 selbst zulieb. Ohne solches Verstehenwollen wird man von der schönsten Predigt tatsächlich wenig haben: es war ein Kling-Klang, zum einen Ohr hinein, zum andern hinaus. Solches Verstehenwollen ist freilich etwas, was geübt und gelernt sein will. |

Und darum lasse ich die Konfirmanden die Predigt manchmal zu Hause aufschreiben, damit sie das lernen. Ich wollte, ich könnte den Erwachsenen manchmal auch solche Übung auferlegen! Aber warum sollte nicht jeder sich zu Hause ein Heft oder Büchlein anlegen, in dem er sich aufschreibt, ganz für sich, was ihm in der Kirche oder Kapelle in der Predigt besonders wichtig geworden ist? So könnte man sich das Empfangene, Gute bleibend erhalten und würde zugleich eben zu jenem Nachdenken darüber genötigt. Und warum sollte man nicht, wenn man etwas nicht verstanden oder wenn man an etwas Anstoß genommen hat, statt den Weg zur Nachbarin den Weg ins Pfarrhaus einschlagen und da Nachfrage halten, wie es gemeint sei? Und warum nicht zu Hause den Text wieder aufsuchen und sich dann selbständig besinnen über die Wahrheit, die darin enthalten ist? Seht, das heißt Verstehenwollen. Es ist eine Bemühung, eine Predigt recht zu hören, das geht nicht so einfach wie bei der katholischen Messe, aber warum sollten wir uns denn nicht ein wenig bemühen, wenn es sich darum handelt, Gottes hilfreiche Hand zu ergreifen? |

Die Willigkeit ist aber zuletzt und zuhöchst Aufrichtigkeit. Aufrichtigkeit gegen Gott. Die besteht darin, dass man nicht nur zum Schein da ist, dass man Gott nicht etwas vormachen will, indem man so dasitzt und zuhört und vielleicht sogar aufmerksam zuhört. Wir wissen ganz gut, dass Gott nicht nur unsre Ohren will und nicht nur unsern Verstand, sondern unser Herz. Wer zur Predigt kommt, der muss von vornherein willig sein, mitzugehen, wenn Gott ihn ziehen will. Wo wir nur dasitzen und Gott zu uns reden lassen und sind im Stillen entschlossen, ihm nicht zu gehorchen, da begehen wir eine Heuchelei, und wenn wir noch so aufmerksam wären. Gott bewahre uns Alle davor! «Seid aber Täter des Worts und nicht Hörer allein, womit ihr euch selbst betrüget» [Jak. 1,22]. Seht, da erwartet die Predigt zuletzt wieder nichts Anderes von uns, als dass wir beten, dass wir uns von Gott nicht nur sein Wort, sondern auch das Wollen und Vollbringen schenken lassen. – |

423 So, nun habe ich für heute genug [ge]sagt.

Und jetzt wollen wir neue Entschlüsse fassen und wollen sie der Gnade Gottes anbefehlen, dass unsre Predigten immer mehr das bringen, was eine rechte christliche Predigt bringen soll, und dass wir sie dann auch aufnehmen, wie eine christliche Predigt aufgenommen werden muss.

Amen.

Sachfußnoten

1
Mit «Kapelle» wird der Versammlungsort der pietistischen Gemeinschaft bezeichnet. ↩
2
Von Barth zeitlebens – meist in der Form: «Es vergehe diese Welt und es komme dein Reich!» – angeführte Wendung in Kombination von Mt. 6,10 und Didache 10,6 (vgl. etwa V.u.kl.A. 1914–1921, S. 114 📖; Römerbrief 2, S. 388 📖; O.Br. 1945–1968, S. 101 📖). ↩
3
Möglicherweise ist in der den Bibeltext leicht variierenden Formulierung eine Anspielung auf Gotthold Ephraim Lessings Schrift Über den Beweis des Geistes und der Kraft (1777) 📖 enthalten. ↩
4
Anspielung auf N. N., Pfarrherrliche Hetzereien, in: Zofinger Tagblatt, 15.7.1912 📖 (Barths Exemplar: KBA 12228). In dem Artikel hieß es, nachdem Barth aufgrund einer vermeintlich aufstachelnden Passage in einer Predigt heftig angegriffen worden war: «Die große Mehrzahl unserer Kirchgänger […] wünscht am Sonntag im Gotteshaus […] eine Stunde der Erbauung und der Andacht. Das ist wahrer Gottesdienst, Herr Pfarrer, und nicht, wie sie ihn wagen uns zu bieten!» Vgl. oben, S. 282, Anm. 7. ↩
5
Schweizerdeutsch für: «Er hat eine schöne Predigt gehalten.» ↩
6
Wohl eine Anspielung auf den anonymen Zeitungsartikel Zur roten Gefahr in Safenwil 📖, der am Tag nach Barths Predigt vom 11. Februar 1912 erschienen war; vgl. oben, S. 41, Anm. 1. ↩
7
«Berichtet» steht im Schweizerdeutschen auch für: «unterrichtet». ↩
8
Anspielung auf Frage 1 des Heidelberger Katechismus 📖: «Was ist dein einiger Trost im Leben und im Sterben? Dass ich mit Leib und Seele, beides, im Leben und im Sterben, nicht mein, sondern meines getreuen Heilands Jesu Christi eigen bin» (moderne Fassung; vgl. BSRK, S. 682,20–23 📖; RefBS 2/2, S. 175,32–35 📖). ↩
9
Zitat aus Luthers Widerrufsverweigerung auf dem Reichstag zu Worms im April 1521: «Nisi convictus fuero testimoniis scripturarum aut ratione evidente (nam neque Papae neque conciliis solis credo, cum constet eos et errasse sepius et sibiipsis contradixisse), victus sum scripturis a me adductis et capta conscientia in verbis dei, revocare neque possum nec volo quicquam, cum contra conscientiam agere neque tutum neque integrum sit» (WA 7, 838,4–8 📖) / «Wenn ich nicht durch Zeugnisse der Schrift und klare Vernunftgründe überzeugt werde (denn weder dem Papst noch den Konzilien allein glaube ich, da es feststeht, dass sie öfter geirrt und sich selbst widersprochen haben), so bin ich durch die Stellen der heiligen Schrift, die ich angeführt habe, überwunden in meinem Gewissen und gefangen in dem Worte Gottes. Daher kann und will ich nichts widerrufen, weil wider das Gewissen etwas zu tun weder sicher noch heilsam ist.» – Vgl. zu Luther in Worms: Th. Kaufmann, Erlöste und Verdammte. Eine Geschichte der Reformation, München 2016, S. 129–132 📖. ↩
10
Die Reformierte Kirche in Safenwil liegt auf einer Anhöhe über dem Dorf. ↩
11
Gemeint sind die Angehörigen der pietistischen Gemeinschaft. ↩