Predigt: 1 Korinther 1,22-24
Heute möchte ich einmal eine Predigt halten über die Predigt selber, nämlich darüber, was zu suchen und zu finden ist, wenn wir am Sonntag hier zusammenkommen. Ich habe bei dem, was mir über diese und jene Predigt nachher zu Ohren gekommen ist, manchmal das Gefühl gehabt, wir verstehen da einander nicht ganz. Da wollen wir heute versuchen, ein wenig Ordnung zu machen. Ich möchte euch bitten, gut zuzuhören und die Hauptsache dann auch denen mitzuteilen, die jetzt nicht hier sind.
Zuerst müssten wir vielleicht darüber reden, ob denn Predigt und Kirche und Pfarramt überhaupt gute und notwendige Dinge seien. Aber ich halte dafür, dass es ziemlich überflüssig wäre, uns zu lange dabei aufzuhalten. Ich will auch nur ganz kurz meine Meinung darüber sagen. Es ist dieselbe, die schon der Prophet
Aber ich glaube, wenn wir ganz nüchtern und ehrlich urteilen, werden wir sagen müssen, dass für die übergroße Mehrzahl der Menschen diese herrliche Zeit noch nicht gekommen ist. Wenn ich so euch, meine liebe Gemeinde, ansehe, wenn ich mich selbst ansehe, dann ist es mir ganz klar, dass in
Darüber wollen wir also nicht weiter reden, sondern uns nun gleich darüber besinnen, was uns denn nun in diesem vorläufigen Zustand |412 die Predigt in Kirche oder Kapelle1 sein kann und sein soll. Auf zweierlei müssen wir dabei achten, wenn wir uns gut verstehen wollen: auf das, was vom Pfarrer oder Prediger gebracht und gesagt wird, und auf die Art, wie wir es als Zuhörer aufnehmen sollen. Und darum wollen wir von zwei Dingen reden: erstens von dem, was man von der Predigt erwarten kann, zweitens von dem, was die Predigt von den Zuhörern erwartet.
Also zuerst, was die Predigt den Leuten bringen soll, was von ihr zu erwarten ist. Da antworte ich nun einfach: die Predigt soll uns Christus bringen, nichts Anderes, nicht mehr und auch nicht weniger. So hat schon der erste große christliche Pfarrer, der Apostel
Und warum Christus? Nun ganz einfach, weil Christus das Wort Gottes ist, mit dem er unsrer Unvollkommenheit aufhelfen will. Wenn wir völlig in Gott wären in unsrer Erkenntnis und in unserm |413 Leben, dann brauchten wir Christus nicht, dann brauchten wir auch die Predigt von ihm nicht. Aber das sind wir nicht, und darum hat Gott sich unser angenommen, indem er Jesus in unserm Leben erscheinen lässt, als Führer, als Vorkämpfer, als älteren Bruder, als unsern Meister, als den rechten Hohepriester, wie es im Hebräerbrief heißt [vgl.
Wir glauben, dass Alles Andre, was wir vorbringen könnten und was wohl Manche von uns erwarten, die Leute nur einschläfern und womöglich noch bestärken würde in der menschlichen Unvollkommenheit. Jesus erlöst und befreit uns davon und führt uns zur Vollkommenheit. Wir können nicht über die schöne Natur predigen, denn die Natur mit aller ihrer Pracht wird uns erst dann eine Offenbarung Gottes, wenn uns Jesus den Schlüssel dazu gegeben hat, wenn wir in ihm und durch ihn den Vater kennengelernt haben, der über Allem |414 waltet [vgl.
Aber was heißt nun das: Christus predigen, Jesus den Leuten zeigen, darstellen, vor Augen malen? Das heißt, dass wir euch immer wieder an ihn erinnern müssen, wie er gewesen ist, wie er gelebt hat und gestorben ist nach dem Wenigen und doch so unendlich Vielen, was wir aus dem Neuen Testament über ihn wissen. Davon müssen wir immer wieder ausgehen. Und darum ist es nicht nur ein schöner alter Brauch, sondern eine Notwendigkeit, dass unsre Predigt jedes Mal an einen sogenannten Text anknüpft, das heißt, an ein Wort Jesu oder seiner alttestamentlichen Vorgänger oder seiner Nachfolger, der Apostel. Nicht unsre eigene Weisheit, sondern Jesus selbst soll zu Worte kommen. Und wer darum in die Kirche kommt, um etwas merkwürdiges Neues zu hören, der wird auch enttäuscht sein. Was wir zu verkündigen haben, ist nichts Neues, sondern die alte, ewige Wahrheit. Einen andern Grund kann Niemand legen, als der gelegt ist, Jesus Christus [
Aber nun wohlverstanden: Jesus Christus ist lebendig, und er muss auch in uns lebendig werden. Er ist nicht ein schönes Erbstück, das man alle Sonntage einmal hervorzieht und von dieser oder jener Seite betrachtet, sondern er will in unser Leben, in die Gegenwart hinein. Sonst könnte er nicht unser Führer zur zukünftigen Vollkommenheit sein. Darum würde es uns gar nichts helfen, von Jesus bloß zu reden |415 als von dem einzigartigen Menschen, der vor 2000 Jahren gelebt hat, sondern wir müssen vorwärtsgehen und ihn kennenlernen als den Lebensfürsten, der heute und gestern und in Ewigkeit derselbe ist [vgl.
Auch da gibt’s Viele, die etwas Anderes von der Predigt erwarten. Wenn ich nicht irre, ist gerade hier ein Punkt, wo wir uns manchmal nicht ganz verstehen. Sie haben es gerade umgekehrt als jene Andern: sie wollen immer nur das Alte hören, die gewohnten biblischen Geschichten und Worte, mit deren Klang man seit vielen Jahren vertraut ist. Das nennen sie dann Erbauung. Ja, von den inwendigen Erfahrungen der Seele soll dann etwa noch die Rede sein dürfen, aber beileibe nicht vom Sozialismus und vom Alkohol, von der Profitgier und vom Zankgeist. Das gehöre nicht in die Kirche. Ja, da bin ich mit Verlaub anderer Meinung. Wenn das nicht in die Kirche gehört, dann wollen wir die Kirche lieber zutun. Wenn Christus der Lebendige ist, dann dürfen wir uns nicht genügen lassen zu hören, was er einst seinen Jüngern gesagt, sondern dann müssen wir hören wollen, was er jetzt uns zu sagen hat. Wenn er uns wirklich erbauen soll, dann müssen wir ihn dreinreden lassen in Alles, nicht nur in die Erfahrungen der Seele, sondern in die Erfahrungen des Lebens, in unser Erwerbsleben so gut wie in unser Vergnügen, in unser Verhältnis zu den Nachbarn wie in das, was im Dorf und im Lande vorgeht. Wir können doch nicht sagen, dass das Dinge seien, die mit der Seele nichts zu tun hätten. Die Erfahrungen der Seele hängen doch mit den Erfahrungen des Lebens aufs Allerinnigste zusammen. Es wäre einfach eine feige Verleugnung Jesu, wenn sich ein Pfarrer diesen Dingen gegenüber den Mund verbinden lassen wollte. Und wer das von ihm erwartet, der hat eben eine falsche Erwartung und muss sie ändern. |
Und damit sind wir nun schon an der Hauptsache.
Im Blick auf diesen Mann empfangen wir den Frieden und die Freudigkeit, die uns sonst niemand geben kann, und in seiner Nachfolge die Kraft, die wir aus uns selbst nicht machen könnten. Und darum darf in keiner christlichen Predigt der Ton fehlen, dass es nur einen Weg zu Gott, nur einen Weg zum Leben gibt, nämlich die völlige, sich selbst aufgebende Hingabe an Gott. So Christus. So auch wir. Wir in ihm und er in uns. Wir können nicht bleiben, wie wir sind, sondern wir müssen uns in Gottes Hand geben, wir müssen verwandelt werden, wir müssen andre Menschen werden. Der Wille Gottes macht einen Strich durch unsern Willen, das heißt Kreuz. Und das ist die Wirkung des gekreuzigten Christus auf uns. Und wo davon geredet wird, da ist das Wort vom Kreuz, vom Tod des alten und von der Geburt des neuen Menschen. Hier ist das Gesetz und das Evangelium, Gottes Forderung und Gottes Geschenk an uns, unzertrennlich beieinander. |
Dieses Wort vom Kreuz müssen wir Pfarrer verkündigen, wir können gar nicht anders; denn daran hängt einfach Alles. Obwohl wir |417 wissen, dass gerade da wieder Manche etwas Anderes von uns erwarten. Dass Vielen, im Grunde uns Allen, nichts unangenehmer ist als die Botschaft: Neue Menschen! Neue Verhältnisse! Das Alte ist vergangen, siehe, es ist Alles neu geworden! [
Aber sollen wir es darum anders machen? Jenen Ton unterdrücken? Nicht mehr Kreuz! predigen, sondern «Friede Friede! Ihr seid Alles liebe Leute und
Das haben wir zu erwarten in der Predigt – nicht Alles auf einmal natürlich –, sondern jedes Mal einen kleinen Anstoß in dieser Richtung, einen kleinen Tropfen, der hilft, das Nein auszuhalten, einen kleinen Baustein zu dem Gebäude, das langsam durch’s ganze Leben hindurch errichtet wird.
Aber nun müssen wir auch vom Andern reden, von dem, was die Predigt von uns erwartet. Paulus sagt es, was das für Menschen seien, denen Christus zur Gotteskraft und Gottesweisheit werde. Das sind die, die berufen sind. Meine Freunde, wir sind in Christus und durch ihn Alle berufen. Wenn wir uns sperren, wenn wir den Segen des Hörens nicht haben wollen, so sind wir selber schuld. Es zwingt uns kein Gott und kein Mensch, Juden oder Griechen zu sein, die sich dem Wort der Wahrheit widersetzen. Die Bedingung, an die jener Segen geknüpft ist, dass man berufen sein muss, ist erfüllt, sobald wir Ja sagen von ganzem Herzen. Denn berufen sind wir, Gott will uns in Christus helfen. Aber ich möchte noch Einiges bemerken darüber, wie man zu diesem Ja-Sagen kommt.
Zuerst dadurch, dass man, wenn man in die Kirche geht, dort wirklich Gottes Segen sucht in der Predigt von Christus. Wer nur hieher |419 kommt, weil wieder einmal drei Wochen um sind, oder um nachher mit den Andern plaudern zu können, oder um einen neuen Hut zu zeigen, oder um dem Pfarrer zu bedeuten, dass man auch noch da ist, der soll sich nicht wundern, wenn er von Gotteskraft und Gottesweisheit wenig oder nichts empfängt. Besonders wichtig ist, dass man sich merkt: es handelt sich hier in der Kirche nur auch gar nicht um den Pfarrer. Wenn man den Pfarrer und seine Person nicht ganz vergessen kann über dem Wort Gottes, das er auszurichten hat, so ist etwas nicht in der Ordnung. Der Pfarrer hat manchmal bessere und manchmal schlechtere Sonntage, aber darauf kommt nicht so viel an. Wer den Segen Gottes sucht in der Kirche, der wird ihn auch in einer schlechten Predigt finden. Irgendetwas zum Mitnehmen wird wohl für jeden darin sein. Wer es fertig bringt, kaum dass er die Kirchentüre hinter sich hat, laut aufzubegehren, der soll nur allererst über sich selbst aufbegehren, denn der ist sicher nicht im rechten Sinn und Geist hineingegangen. Man soll aber auch nicht in die Kirche kommen, um einen «Genuss» zu haben, wie ich schon oft sagen hörte. Der Segen Gottes, den wir da bekommen sollen, hat mit Genuss gar nichts zu tun. Ihn bekommen nur die Ernsthaften und nicht die, die in die Kirche gehen, wie man in ein Theater geht. Sondern das ist der rechte Sinn, mit dem wir hieher kommen wollen, wenn wir vorher im Stillen gebetet haben: Herr, ich bin in Not, gib mir Kraft! Ich bin im Dunkel, gib mir Licht! Ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Unglauben [
Und das Zweite, was die Predigt von den Zuhörern erwartet, ist die Demut. Nicht die Demut vor dem Pfarrer, sondern die Demut vor Gott. Die Demut ist die Bereitschaft, die Härte des Kreuzes auf sich zu nehmen, um seine Herrlichkeit zu erfahren. Wo man vorher gebetet hat: Gott, sei mir Sünder gnädig! [
Und schließlich noch ein Drittes, das dazu nötig ist. Das ist die Willigkeit. Ich verstehe darunter vor Allem, dass man bei der Sache ist. Wenn man den Kopf so voll wichtiger andrer Dinge hat, dass man sich nicht soweit sammeln kann, um der Predigt zu folgen, dann tut man besser, den Sonntagmorgen zu Hause zu verbringen. Ich weiß zwar wohl, dass man auch aus einem einzelnen Satz, den man gehört, manchmal etwas Gutes nehmen kann oder aus dem Gebet oder aus dem Gesangbuchlied. Aber es ist eine große Gefahr bei diesem unaufmerksamen Zuhören, nämlich die, dass man dann gerade etwas hört, was man ohne das Übrige, das man verschlafen oder verträumt hat, unmöglich recht verstehen kann. Da hört man dann irgend einen einzelnen Satz oder einzelnes Wort, etwa das Wort «Sozialismus», gerät in Entsetzen, läuft den Berg hinunter10 und sagt allen Leuten: er hat wieder eine rechte Sozi-Predigt gehalten! Die merkwürdigsten Sachen soll da der Pfarrer gesagt haben, zum Beispiel, «alle Gemeinschaftsleute11 seien Pharisäer» und solche unglaublichen Behauptungen, und immer kam der Schaden nur von ein paar unaufmerksamen Köpfen, die nur einen Augenblick dabei waren und die übrige halbe Stunde nicht. Wollen wir uns nicht Mühe geben, außerhalb der Kirche zu träumen? Zur Willigkeit gehört weiter, dass man verstehen will, was man hört. Man kann eine Predigt nicht einfach an sich vorüberrauschen lassen wie einen Bach, sondern es gilt festzuhalten, was man gehört hat, es gilt nachher noch einmal zu überdenken, was man behalten und ergriffen hat. Wenn wir einem Menschen zuhören, dann geben wir doch auch Achtung, was er sagt, und studieren nachher darüber, wie es gewesen ist. Nun, so sollen wir es auch halten, wenn Gott mit uns redet, nicht dem Pfarrer zulieb, sondern Gott und uns |422 selbst zulieb. Ohne solches Verstehenwollen wird man von der schönsten Predigt tatsächlich wenig haben: es war ein Kling-Klang, zum einen Ohr hinein, zum andern hinaus. Solches Verstehenwollen ist freilich etwas, was geübt und gelernt sein will. |
Und darum lasse ich die Konfirmanden die Predigt manchmal zu Hause aufschreiben, damit sie das lernen. Ich wollte, ich könnte den Erwachsenen manchmal auch solche Übung auferlegen! Aber warum sollte nicht jeder sich zu Hause ein Heft oder Büchlein anlegen, in dem er sich aufschreibt, ganz für sich, was ihm in der Kirche oder Kapelle in der Predigt besonders wichtig geworden ist? So könnte man sich das Empfangene, Gute bleibend erhalten und würde zugleich eben zu jenem Nachdenken darüber genötigt. Und warum sollte man nicht, wenn man etwas nicht verstanden oder wenn man an etwas Anstoß genommen hat, statt den Weg zur Nachbarin den Weg ins Pfarrhaus einschlagen und da Nachfrage halten, wie es gemeint sei? Und warum nicht zu Hause den Text wieder aufsuchen und sich dann selbständig besinnen über die Wahrheit, die darin enthalten ist? Seht, das heißt Verstehenwollen. Es ist eine Bemühung, eine Predigt recht zu hören, das geht nicht so einfach wie bei der katholischen Messe, aber warum sollten wir uns denn nicht ein wenig bemühen, wenn es sich darum handelt, Gottes hilfreiche Hand zu ergreifen? |
Die Willigkeit ist aber zuletzt und zuhöchst Aufrichtigkeit. Aufrichtigkeit gegen Gott. Die besteht darin, dass man nicht nur zum Schein da ist, dass man Gott nicht etwas vormachen will, indem man so dasitzt und zuhört und vielleicht sogar aufmerksam zuhört. Wir wissen ganz gut, dass Gott nicht nur unsre Ohren will und nicht nur unsern Verstand, sondern unser Herz. Wer zur Predigt kommt, der muss von vornherein willig sein, mitzugehen, wenn Gott ihn ziehen will. Wo wir nur dasitzen und Gott zu uns reden lassen und sind im Stillen entschlossen, ihm nicht zu gehorchen, da begehen wir eine Heuchelei, und wenn wir noch so aufmerksam wären. Gott bewahre uns Alle davor! «Seid aber Täter des Worts und nicht Hörer allein, womit ihr euch selbst betrüget» [
423 So, nun habe ich für heute genug [ge]sagt.
Und jetzt wollen wir neue Entschlüsse fassen und wollen sie der Gnade Gottes anbefehlen, dass unsre Predigten immer mehr das bringen, was eine rechte christliche Predigt bringen soll, und dass wir sie dann auch aufnehmen, wie eine christliche Predigt aufgenommen werden muss.