1. September 1912 – kein Datum

Predigt: Psalm 118,8

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Psalm 118,8
Es ist gut, auf den Herrn vertrauen und nicht sich verlassen auf Menschen.
Liebe Freunde!

Auf diesen Vers folgt im 118. Psalm ein anderer, der ganz ähnlich lautet; er heißt: es ist gut, auf den Herrn vertrauen und nicht sich verlassen auf Fürsten[Ps. 118,9]. Vielleicht wäre es ganz nützlich, wenn gerade am heutigen Sonntag an manchen Orten der Schweiz über diesen Text gepredigt würde. Denn weil uns in diesen Tagen der deutsche Kaiser mit seinem Besuch beehren wird,1 könnten manche Leute auch bei uns in unserm republikanischen Land auf den Gedanken kommen, sich auf Fürsten zu verlassen. Ich meine nicht nur die Herren Hoteliers und andern Gewerbetreibenden, die jetzt alle zehn |375 Finger ausstrecken, um bei diesem einzigartigen Anlass ein schönes Geschäft zu machen. Die haben es ja jetzt zum Teil bereits zu ihrem Kummer erfahren müssen, dass es nicht gut ist, sich auf Fürsten zu verlassen, weil sie auch Menschen sind und krank werden können wie Andre.2 Aber viel schlimmer wäre etwas Anderes: wenn wir übrigen Schweizer uns nämlich zu stark beehrt fühlen würden durch die Aufmerksamkeit, die uns dieser hohe Herr erweist, und durch die Lobsprüche, die er ja wahrscheinlich unsern Staatseinrichtungen und unserm Militärwesen höflicherweise spenden wird. Das wäre fatal, wenn wir das Alles als bare Münze nehmen und denken würden, was für ein vortreffliches Volk wir doch seien, wenn wir uns einbilden wollten, Alles sei gut und in der Ordnung bei uns, wenn unsre Soldaten in den Manövern ihre Sache gut gemacht haben,3 woran wir ja gar nicht zweifeln, und wenn der Zürchersee und die Alpenaussicht den Beifall des |376 Kaisers findet. Wenn wir darüber irgendwie behaglich und zufrieden werden wollten, dann würden wir sicher das weit ärgere Defizit und die traurigere Enttäuschung erleben, als es jetzt den armen Oberländern und Luzernern widerfahren ist, die sich auf den Besuch so gefreut und in Staat geworfen hatten.4 – |

Aber nicht von dieser Enttäuschung und von diesem Defizit will ich euch heute reden. Wir wollen hoffen, dass wir in und nach diesen Kaisertagen ein vernünftiges Volk sein werden und dass besonders unsre großen Leute uns nicht durch zu große Unterwürfigkeit bloßstellen werden.

Jetzt wollen wir von der andern, viel allgemeineren und wichtigeren Warnung des Psalmsängers reden: Es ist gut, auf den Herrn vertrauen, sagt er, und nicht sich verlassen auf Menschen. Was von den Fürsten zu sagen ist, das gilt eben von allen Menschen. Es liegt eine große und reife Lebenserfahrung in diesem Wort und zugleich eine große und reife Gotteszuversicht. Aber wenn wir die verstehen und uns aneignen wollen, dann müssen wir vor Allem auch auf das Gefühl der Enttäuschung achten, das darin zum Ausdruck kommt und das der Mann, der dieses Wort ausgesprochen, sicher selbst durchgemacht hat. Es ist gut, sich nicht auf die Menschen zu verlassen, sagt er. Das ist ein hartes, ein trauriges Wort. Aber es ist oft so, dass gerade das Traurige wahr ist und dass wir ihm ganz auf den Grund gehen müssen, um das Gute und Freudige zu entdecken das darunter verborgen ist. Wenn man sich auf jemand verlässt, so heißt das, dass man seiner sicher ist, dass man bestimmt denkt: so, wie ich ihn oder sie ansehe, so ist er, so ist sie. Es wäre so schön, wenn wir uns auf die Menschen verlassen könnten, wenn wir ihrer sicher wären. Es ist einer der tiefsten Triebe in unsrer Brust, der uns gerade danach verlangen lässt. Aber gerade darin hat sicher schon jedes unter uns mehr oder weniger schmerzliche Erfahrungen gemacht. – |

Wir können uns auf die Menschen verlassen, indem wir ihnen irgend etwas Gutes zutrauen, irgendwelche schöne Eigenschaften und Fähigkeiten vielleicht. Wir haben uns gleichsam ein Bild gemacht von einem Andern. Er ist edel und hochsinnig, denken wir, er ist treu und aufrichtig, er hat ein selbständiges Urteil, er ist ein nachdenklicher |377 Mensch und strebt nach dem Höhern. Und nun verlassen wir uns darauf, dass das Bild Wahrheit ist. Wie manche junge Frau ist mit solchen Gedanken über ihren Mann in die Ehe hineingegangen und hat ihm ihr Lebensglück in die Hände gelegt. Wie Mancher ist mit solchen Gedanken eines Andern Freund geworden und hat ihm sein innerstes Herz eröffnet. Wie Mancher hat mit solchen Gedanken irgend einem Nothelfer in äußern oder innern Schwierigkeiten sein Vertrauen geschenkt. Wie mancher Pfarrer ist schon mit solchen Gedanken von seiner neuen Gemeinde aufgenommen worden. Und wie viele junge und alte Leute sind schon mit solchen Erwartungen in eine Familie oder in einen Verein eingetreten. Wir trauten den Menschen Gutes zu, das Beste sogar, und dann kam Alles so ganz anders. Hinter der Biederkeit und Rechtschaffenheit des Andern, deren wir sicher zu sein meinten, verbarg sich die schlaue, behäbige Selbstsucht. Aus dem Bilde der Treue und Aufrichtigkeit, das wir uns gemacht, glotzte uns doch wieder eine ganz selbstverständliche Verlogenheit und Hinterhältigkeit entgegen. Wo wir lautere Liebe und Güte erwarteten, begegnete uns, als wir in die Nähe traten, innere Kraftlosigkeit und Liederlichkeit, der jedes Opfer zu viel ist. Wo wir einen aufrechten Mann mit selbständiger Meinung suchten, da fanden wir einen Herdenmenschen wie alle Andern, der aus seinen engen Partei- und Standes- und Kirchturmsanschauungen nicht herauszugehen vermochte. Und wo wir auf tieferes Nachdenken, auf großzügiges Handeln, auf Schwung und Begeisterung rechneten, da fanden wir, in der Nähe besehen, die alte geistige Faulheit, die alten kleinlichen Privatinteressen, die alten erbärmlichen persönlichen Zänkereien. Da muss eine Frau schon nach wenigen Monaten ihrer Ehe entdecken, dass sie sich für ihr Leben auf einen Rohrstab gestützt hat, der jeden Augenblick einknicken und ihr in die Hand fahren kann. Da findet einer in seinem besten Freund statt einer Perle einen Kieselstein. Und da kommt einer in eine Gesellschaft und muss merken: Null! Es ist doch nur Geschwätz und Zank und persönliche Wichtigtuerei, was die miteinander treiben. |

Aber man kann sich noch auf andre Weise auf die Menschen verlassen, nämlich damit, dass man ihnen nicht nur Vertrauen schenkt, sondern für sich selber Vertrauen von ihnen erwartet. Das gehört auch zu jenem tiefen Verlangen unsrer Seele. Wir möchten so gerne, dass unsre Mitmenschen zuversichtlich mit uns verkehren, dass sie die |378 Reinheit unsrer Gedanken anerkennen, dass sie unsre Absichten so verstehen, wie wir es meinen, dass sie ihre Hand in der unsrigen lassen, auch wenn ihnen nicht gleich Alles leicht begreiflich ist, was wir tun. Wir möchten, dass die Andern an uns glauben, jawohl, ich brauche absichtlich dieses Wort. Wie traurig macht es uns, wenn wir merken, dass wir diesen Glauben, dieses Vertrauen der Andern nicht besitzen. Aber gerade dieses Traurige müssen wir immer wieder erleben. Gerade darin können wir uns auf die Menschen so gar nicht verlassen, dass sie uns wirklich ihr Zutrauen schenken. Denn die Menschen sind in ihrer großen Mehrzahl nicht zutraulich, sondern misstrauisch. Vielleicht ist das auch eine Folge der vielen Enttäuschungen, die wir aneinander erleben müssen. Es ist oft, wie wenn sie darauf lauerten, überall ein Haar in der Suppe zu finden, wie wenn sie sich förmlich darüber freuten, über Einen, über den bis jetzt noch nichts zu sagen war, nun auch den Kopf schütteln oder brummeln oder laut schimpfen zu können, wie über so viele Andre. |

Seht, ich will euch offen sagen, an was ich in diesem Augenblick denke: ich bin jetzt der vierte Pfarrer von Safenwil, aber über alle meine drei Vorgänger5 habe ich schon klagen hören, und zwar gewöhnlich so, dass wegen irgend eines dummen Missverständnisses gänzlich und für immer der Stab über sie gebrochen wurde. Ja, wenn diese Männer sich auf Menschen hätten verlassen wollen, auf das Vertrauen der Safenwiler, unter denen sie Jahre und Jahre zugebracht, dann wären sie übel dran. Denn jetzt denkt man in vielen Häusern nicht mehr im Geringsten an alle Mühe, die sie sich gegeben haben, sondern nur noch an irgend eine erbärmliche Geschichte oder an ein falsch aufgefasstes Wort, dann ging man ihnen nicht mehr in die Kirche oder nur noch an der Ostern, und dann war das Urteil fest für alle Zeiten: kein rechter Pfarrer! Und so geht es nicht nur den Pfarrern, wenn man auch da dem Misstrauen besonders stark ausgesetzt ist, sondern das kann jedermann an sich erfahren. Da hast du von den Leuten erwartet, sie würden dich verstehen, dass du es gut meinst. Aber nein! Plötzlich vernimmst du, dass man ein Wort, das du gele|379gentlich hingeworfen, gepackt und von allen Seiten beguckt und schließlich gräulich verdreht hat, so dass man dir jetzt Gedanken und Absichten zuschreibt, bei denen du die Hände über dem Kopf zusammenschlagen möchtest vor Verwunderung darüber, was über Nacht aus dir geworden sei. Da hast du dir gedacht, wenn einer gegen dich sei, so seien doch immer noch viele, die für dich seien; du hast gemeint, man werde zu dir halten, aber nein, das Misstrauen steckt an, jetzt legt man dir dies krumm aus und jetzt jenes; und wenn du einmal die Mehrheit gegen dich hast, dann wirst du deine Freunde bald zählen können. Du hast erwartet, man werde auch deine Fehler verstehen und verzeihen, man werde das Gute an dir höher schätzen als das Böse. Verlass dich ja nicht darauf! Wenn du mit dem kleinen Finger einen Fehler machst, so kannst du sicher sein, dass zehn Menschen da sind, die sich darüber freuen, weil sie jetzt einen Grund haben, misstrauisch zu sein gegen dich. Wenn du auf das Vertrauen der Leute zu dir dein Haus bauen willst, dann fällt es sicher zusammen, denn unter hundert Menschen wirst du kaum einen finden, der so rein ist, dass er dir ganz ohne Freude an Misstrauen, ohne Hintergedanken entgegentritt, und bei den übrigen gleicht dieses Misstrauen der schwarzen Spinne in Jeremias Gotthelfs Geschichte:6 sie können es lange unterdrücken und verlochen und das Loch zuhämmern, es lebt weiter und wird eines Tages, wenn seine Stunde gekommen ist, ausbrechen und neue Verheerungen anrichten. |

Ich will noch eine dritte Art nennen, wie man sich auf Menschen verlassen kann. Die besteht darin, dass wir den Trieb haben, uns in unsern Gedanken und unserm Tun nach den Andern zu richten, dass wir denken, so sei’s recht, wenn wir es machen wie die Andern auch. Ich glaube, auch diesem Trieb liegt etwas Edles zu Grunde, gerade wie dem Trieb, Andern Vertrauen zu schenken und Vertrauen von ihnen zu erwarten. Wir haben im Stillen den ganz richtigen Gedanken, dass |380 die Andern unsre Vorbilder und im Notfall unsre Richter sein müssten. Ja, [so] sollte es sein, diesen Dienst sollten wir Menschen einander in der Tat leisten. Aber wehe, wenn wir uns darauf verlassen in unserm Denken und Tun, es geht uns nicht gut dabei! Nichtwahr, wir haben auch schon Ahnungen gehabt über dies und das, was gut wäre, aber wir zögerten, wir ließen unsre Gedanken darüber auf halbem Wege stehen, es kam zu keinen Entschlüssen. Warum nicht? Weil wir uns darauf verließen: wenn es wirklich etwas Gutes ist, dann wird uns schon irgend ein Andrer darin vorangehen. Es wird ja schon ein Andrer den guten Ton angeben und dann will ich mit meiner Stimme auch einfallen. Es wird ja schon einer den Weg bahnen und dann will ich mit meinem Wägelein auch darauf fahren. Und darauf verlassen wir uns und warten. Und die Andern verlassen sich auch darauf und warten auch. Und da stehen wir dann Alle, und der Dirigent kann uns noch so lang das Zeichen geben, keiner will zuerst mit dem guten Ton herausfahren. Und man kann uns noch so lang deuten und winken: hier ist der rechte Weg! wir stehen Alle da mit unsern Wägelein und warten auf den, der kommen und den Weg bahnen soll. Wir verlassen uns auf Menschen, einer auf den Andern. Wir richten uns nach einander, und zwar im Guten und im Bösen. Denn wenn uns nun das Gewissen umgekehrt sagt: das durftest du nicht tun, das sollte nicht sein! dann beruhigen wir uns damit, dass uns ja weit und breit niemand den Fehler vorhält. Wir denken: solange mir’s niemand ins Gesicht sagt, dass er nicht zufrieden ist, solange kann ich weitermachen wie bisher, solange wird es wohl gut sein. O was für ein Irrtum! Da können wir lange warten! Unter deinen Nachbarn sind so und so viel, die es selber nicht besser machen und wissen. Die können dir’s natürlich nicht sagen, so wenig wie ein Blinder dir die Rigiaussicht7 beschreiben könnte. Aber damit hast du noch lang kein ruhiges Gewissen, dass die Andern auch nicht besser sind als du. Und unter denen, die es besser machen und wissen, ist wieder unter 100 kaum Einer, der es dir offen sagen wird. Die zucken im Stillen die Achsel über dich und lassen dich |381 machen; da muss das Übel schon ziemlich groß geworden sein, bis sie es dich merken lassen, und in vielen Fällen tun sie es erst dann, wenn es zu spät ist. Verlass dich nicht darauf, dass die Menschen dich warnen werden, wenn es nötig ist. Sie können es nicht oder sie wollen es nicht. Du darfst nicht bei ihnen Halt suchen!

Ja, aber wo dann? Ja, wo dann? Wie nach einer großen Hagelkatastrophe könnte es Einem zu Mute sein, wenn man so nach allen Seiten gesehen hat, wie wahr das ist, dass man sich nicht auf Menschen verlassen darf. Wo finden wir die Vollkommenheit, die sich nicht, bei Licht besehen, als Unvollkommenheit erweist, wie es uns bei den Menschen geht, wo den Freund, der uns versteht unda vertraut immer aufs Neue, wo den Ratgeber, der uns klar und wahr sagt, was gut und was böse ist? Seht, da antwortet uns nun unser Bibelwort in großartiger Schlichtheit und Eindringlichkeit: Es ist gut, auf den Herrn vertrauen. Esb weist uns auf Gott hin als auf den, der uns das Alles sein kann und sein will, was uns die Menschen nicht sein können und sein wollen. – |

Dir fehlt es an aufrichtigen, großdenkenden, liebevollen Menschen, vielleicht in deiner nächsten Umgebung. Du hast ihnen Gutes zugetraut und du hast dich geirrt, du stehst mit leeren Händen da, ein armer Betrogener. Siehe, es gibt eine unerschütterliche, ewige Wahrheit, es gibt ein nie erlöschendes heiliges Feuer des Geistes, es gibt eine nie versiegende, Alles durchströmende Liebe, – das Alles ist Gott, der lebendige Gott. Hast du das auch schon getan: auf ihn vertraut, wenn die Unvollkommenheit deiner Brüder und Schwestern dir Not machte? Verlass dich darauf, in ihm wirst du dich nicht irren, und wenn du dich in allen Menschen geirrt hättest. Denn er ist getreu. Seine Güte ist alle Morgen neu über dir [vgl. Klagel. 3,23] und seine Gerechtigkeit steht, wie die Berge stehen [vgl. Ps. 36,7]. – |

Und dir fehlt es an Menschen, die unbeweglich zu dir halten, die dich verstehen in deinen Worten und in deiner innersten Seele, die dir nicht abspenstig werden, wenn die Mehrheit gegen dich ist und die sich auch durch deine Fehler nicht abschrecken lassen, deine Freunde zu sein. Sieh, es gibt in der Welt eine Macht, die will sich mit dir verbünden, die will dir volles, rückhaltloses Vertrauen schenken, die |382 will es mit dir halten durch dick und dünn, der kannst du dich in die Arme werfen, wenn alle Stricke reißen, wenn du links und rechts bloß Gleichgiltige und Missmutige und Gegner siehst, die gibt dir Vollmacht, trotzig dazustehen, ganz allein, wenn’s sein muss, und sie Alle herauszufordern: Wer mag wider uns sein? Wer will beschuldigen? Wer will verdammen? [vgl. Röm. 8,31–34] Diese Macht weicht und wankt nicht von dir, auch wenn du Fehler begehst, sie sind dir im Voraus verziehen und sie werden dir immer wieder verziehen, denn diese verbündete Macht will dich nun einmal um keinen Preis loslassen, wenn du nur breit und fest dastehst und sie nicht loslässest. Und diese Macht ist wieder Gott, der lebendige Gott. Er hält das Bündnis mit seinen Auserwählten, und keine Kreatur vermag sie zu scheiden von seiner Liebe [vgl. Röm. 8,39]. –|

Und du wartest auf Menschen, die dich vorwärtsreißen sollen zu guten Gedanken und guten Taten und die dich zurückreißen sollen, wenn du am Rande des Abgrunds stehst. Warte nicht zu lange, es könnte dich reuen. Sieh, es gibt einen unvergleichlichen Bahnbrecher und einen unvergleichlichen Widerstand in dieser Welt, in der Alles zaudert, uns für das Gute zu gewinnen und vor dem Bösen zu bewahren. Es gibt ein Licht, wenn uns das aufgeht, dann wissen wir sofort: hier heißt’s unaufhaltsam vorwärts gehen, koste es, was es wolle, und hier heißt’s halt machen und umkehren und etwas Neues anfangen. Und dieses Licht, das nicht flackert und das sich unter keinen Scheffel stellen lässt [vgl. Mt. 5,15], ist wieder Gott. O wenn wir das tun könnten: hindurchgehen durch die Enttäuschungen, die uns die Menschen bereiten, und dann mit aller Kraft auf den Herrn vertrauen, das heißt: auf seine Vollkommenheit sehen, an seine Freundschaft uns halten, sein Licht in uns leuchten lassen. Ich glaube, wir würden uns dann über jene Enttäuschungen nicht mehr beklagen, wir würden uns freuen darüber, dass sie uns mit Gewalt genötigt haben, das, was wir bei den Menschen vermissten, bei Gott zu suchen. Denn bei Gott finden wir nicht bloß das, was wir bei den Menschen suchen und nicht finden, sondern mehr, als wir je von Menschen erwarteten. Denn er lehrt uns erst so recht, erwartungsvoll, hungrig und durstig zu sein, unersättlich nach dem Guten und Schönen, unersättlich nach Liebe, unersättlich nach Fortschritt im Guten und nach Kampf mit dem Bösen. Er lässt jenen Trieb in unsrer Seele nach etwas, worauf wir uns |383 verlassen können, erst zu einer wahren Inbrunst werden. Er stillt unser Verlangen, indem er es immer aufs Neue weckt. Nein, das hätten wir bei den Menschen nie gesucht, was er uns suchen und finden lässt. Gottes Brünnlein hat Wasser die Fülle [Ps. 65,10], das ist sein Unterschied von allen andern Quellen. Gott sei Dank, werden wir dann bekennen müssen, dass ich gemerkt habe, dass es nicht gut ist, sich auf Menschen zu verlassen, denn dadurch habe ich gemerkt, dass es gut ist, auf den Herrn zu vertrauen. – |

Aber wie soll ich das machen? fragst du, dem Herrn vertrauen? Wie soll ich ihn finden, wohin meine Hand ausstrecken, um der seinigen zu begegnen, die ihn halten will? Darauf will ich dir antworten: Wenn du dieses Vertrauen gewinnen möchtest, das keine Enttäuschungen kennt, dann musst du es zuerst ganz still werden lassen in deiner Seele. Lass dich nur durch die Enttäuschungen, die du mit den Andern erlebst, zurücktreiben in dein eigenes Innerstes, Allerheiligstes, das du vielleicht nie aufsuchtest, solang du noch meintest, dich auf die Menschen verlassen zu können. Und dann musst du deinen Blick starr auf den einen Punkt richten, wo Jesus deinem Gewissen begegnet. Das ist ein Punkt, der sich in jeder Menschenseele findet: wo Jesus deinem Gewissen begegnet: da ist Gott, der lebendige Gott, und redet zu dir und bietet dir seine treue, gewisse Hand und lässt sein Licht hell und rein leuchten in dir. Nicht auf dein Gewissen allein musst du sehen, dein Gewissen ist vielleicht schwach, irrt vielleicht, ist vielleicht verkrüppelt. Und auch nicht auf Jesus allein musst du sehen, sein Wesen könnte dir sonst fremd und verborgen bleiben: nur mit den Augen kann man sehen und nur mit den Ohren kann man hören und nur mit dem Gewissen kann man erkennen, was Jesus von uns will und was er uns bringt. Sondern wo Jesus dein Gewissen berührt und trifft, da ist der Herr zugegen, und nun besteht das Vertrauen einfach darin, dass du ihn machen lässest. Lass dir von ihm das Bild der Vollkommenheit zeichnen, das du bei den Menschen gesucht und nicht gefunden hast, – dann wird der Glaube an das Gute in der Welt wieder unerschütterlich werden. Lass dir von ihm sagen, dass du Recht hast, und wenn Alle von dir weichen würden, – dann kommt der Trotz über dich, der die Welt überwindet. Lass ihn dein Vorbild sein und deinen Richter, – dann wirst du auf keinen Menschen mehr warten müssen, sondern von selber tun, was gut, und lassen, was böse ist. O du musst starr und |384 unbeweglich auf den einen Punkt sehen, wo er und dein Gewissen sich treffen, wo die Stimme des Guten, die in dir ist, mit der Stimme der vollendeten Güte, die in ihm ist, Zwiesprache hält, wo der lebendige Gott, der in dir schlummert, geweckt wird durch den lebendigen Gott, der in ihm ist. Dorthin sehen, das heißt beten. Und mit diesem Gebet fängt das große Vertrauen an. Aber wenn du so beten willst, dann musst du die heilige Stille, die innere Einsamkeit bewahren. Denn ohne die kann Niemand Gott schauen.

Jetzt muss ich zum Schluss noch etwas hinzufügen. Wenn wir wirklich dahin gekommen sind, dem Herrn zu vertrauen und uns nicht auf die Menschen zu verlassen, dann kann die Enttäuschung unmöglich das letzte Wort sein gegenüber den Menschen. Wenn Jesus zu unserm Gewissen geredet hat, wenn er uns den Glauben, den Trotz, das Licht geschenkt hat, die uns die Menschen weder geben noch nehmen können, wenn wir in ihm eins geworden sind mit Gott, dann können wir nicht dabei stehen bleiben, uns von den Menschen zurückzuziehen und von ihnen abzusondern. Wenn wirklich Gott in Jesus unsre Zuversicht, unsre Burg und unser Wächter geworden ist [vgl. Ps. 91,2–4], dann können wir uns unmöglich mit jenem Wahlspruch eines tapfern Ritters aus dem Mittelalter begnügen: Gottes Freund und aller Welt Feind,8 dann muss es uns einfallen, dass Gott seine Sonne scheinen lässt über Gute und Böse und regnen lässt über Gerechte und Ungerechte [vgl. Mt. 5,45] und dass wir vollkommen sein sollen, wie unser Vater im Himmel vollkommen ist [vgl. Mt. 5,48]. Wo wirklich das Vertrauen ist zum Herrn, da ist auch eine schmale, aber feste Brücke geschlagen, die uns mit allen andern Menschen, den guten und weniger guten und bösen verbindet. Wir verlassen uns nicht auf sie, aber wir können sie auch nicht verlassen, denn wenn wir Gottes Kinder sind, sind sie unsre Brüder. |

385 Auf dieser Brücke werden wir fortan hinüber und herüber gehen. Zuerst hinüber: wir werden uns sagen: wenn wir uns auf sie nicht verlassen können, so sollen sie sich auf uns verlassen können. Trachten wir danach, dass Keiner sich irre, wenn er uns Gutes zutraut! Trachten wir danach, ihnen Zutrauen zu erweisen und das Gute aus ihnen hervorzulocken, auch wenn sie uns hundertmal misstrauen! Trachten wir danach, ihnen voranzugehen und sie zurückzuhalten, statt sie warten zu lassen, und wenn sie uns hundertmal warten ließen! In der Welt ist’s dunkel, leuchten müssen wir.9 Das ist der Weg, der hinüber führt auf der Brücke, die uns mit den Menschen verbindet, auf die wir uns nicht mehr verlassen wollen. |

Es führt aber auch ein Weg herüber, von ihnen zu uns: Wenn wir auf den Herrn vertrauen, werden wir uns sagen müssen, dass kein Mensch ganz von ihm verlassen sein kann. Wenn wir wirklich den unerschütterlichen Glauben haben, dass Gott Wahrheit ist über allem Irrtum und aller Bosheit der Menschen, dann werden wir lernen, die Menschen mit ganz andern Augen anzusehen als vorher, wo wir uns noch auf sie verlassen wollten. Wir werden ihnen nicht mehr zweifelnd, tastend gegenüber treten, sondern mit der felsenfesten Gewissheit, dass etwas Göttliches in einem Jeden sein muss. Und ich glaube, dann wird sich unsre Enttäuschung immer mehr in Dankbarkeit verwandeln. Wir sehen dann Gutes und Schönes, wo wir vorher Nacht und Unrat zu erkennen meinten. Wir spüren leise Regungen des Zutrauens, wo wir früher nur hölzerne Gleichgiltigkeit und Ablehnung empfanden. Ja, wir empfangen Mahnungen und Warnungen und nehmen sie uns zu Herzen von Menschen, von denen wir nie geahnt hätten, dass sie uns Vorbild und Richter werden könnten. Gott redet auch durch die andern Menschen wieder zu uns, wenn wir uns zu ihm geflüchtet haben, statt auf die Menschen zu hören. Das sieht aus wie ein Widerspruch, aber es ist eine Erfahrung, die alle ernsten Christen gemacht haben. Und wenn wir dem nachdenken, dann eröffnet sich |386 uns die Aussicht auf ein Reich Gottes unter den Menschen, in dem wir keine Enttäuschungen mehr erleben werden aneinander, wo wir nicht mehr sagen müssen: wie schön wäre es, wenn…, sondern wo die Menschen einander wirklich das sein werden, was sie sich sein sollten. Das ist das Reich Gottes, in dem das Vertrauen Alles in Allem sein wird unter uns. Wir wandeln jetzt im Glauben und nicht im Schauen [2.Kor. 5,7]. O wenn einmal die Unvollkommenheit, das Misstrauen, die Trägheit von uns Allen abfallen wird wie ein altes Kleid! [vgl. Jes. 64,5] Dann werden wir sein wie die Träumenden! [Ps. 126,1] dann werden wir gehorsam und dankbar zu Gott sagen: in deinem Licht sehen wir das Licht! [Ps. 36,10] Im Lichte Gottes das Licht der Menschen!

Amen.

Textkritische Fußnoten

a
Ein überzähliges «und» im Mskr. wurde von den Hrsg. gestrichen. ↩
b
Mskr.: «Er»; von den Hrsg. korrigiert. ↩

Sachfußnoten

1
Nach langen Vorbereitungen besuchte Kaiser Wilhelm II. vom 3. bis 7. September 1912 die Schweiz; er traf am 3. September in Zürich ein und besuchte am 6. September Bern. Schon zuvor hatte er angekündigt, während seines Besuchs in der republikanischen Schweiz auf Teile des Hofzeremoniells zu verzichten. Die Volkstümlichkeit des Besuchers «überrascht und begeistert» Bevölkerung und Presse, die Straßen Zürichs sind bei seiner Ankunft überfüllt, «Balkonplätze werden für tausend Franken vermietet» (R. App, Wilhelm II. – der umjubelte Gast, in: St. Galler Tagblatt, 31.8.2012 [https://www.tagblatt.ch/panorama/wilhelm-ii-der-umjubelte-gast-ld.940181; zuletzt aufgerufen am 10.11.2021] 📖). Unter der Menge befand sich auch Barth, der tags zuvor nach Zürich gereist war; in seinem Kalender notierte er: «Kaiserempfang!» (Taschenkalender, Eintrag vom 3.9.1912). Noch 1968 erinnerte er sich: «Es seien damals freiwillige Helfer für den Empfang des Kaisers gesucht worden […]. Er habe sich mit seinem Schlapphut bedeckt, weil er vernommen habe, dass er aufgrund einer Vermittlung der Safranzunft als Spaliersteher beim Einzug der Majestät in Frage komme. Tatsächlich wurde er da gebraucht. Allerdings […] sei er mit einer Melone ausgestattet worden» (E. Busch, Meine Zeit mit Karl Barth. Tagebuch 1965–1968, Göttingen 2011, S. 585 📖). – Zum Besuch insgesamt vgl. G. Kreis, Kaisermanöver bei Kaiserwetter. Wilhelm II. zu Besuch in der republikanischen Schweiz, in: ders., Vorgeschichten zur Gegenwart. Ausgewählte Aufsätze, Bd. 6, Basel 2013, S. 73–78 📖. ↩
2
Die am 26. August bekannt gewordene Erkrankung des Kaisers an einer «Erkältung […], welche mit leichtem, aber sehr schmerzhaftem Muskelrheumatismus verbunden» war (N. N., Erkrankung des Kaisers, in: Basler Nachrichten, Jg. 68, Nr. 232 vom 27.8.1912 📖), und ihre möglichen Auswirkungen auf den für die folgende Woche geplanten Besuch in der Schweiz beschäftigten die «Basler Nachrichten» von nun an täglich. Am 28. August hieß es, die eingehenden Nachrichten ließen die «Ausführung des beabsichtigten Besuches zweifelhaft erscheinen» (N. N., Zum Kaiserbesuch, in: a.a.O., Nr. 233 vom 28.8.1912 [2. Beilage] 📖), am 30. dann konnte endlich Entwarnung gegeben werden: «Der Kaiser kommt also in die Schweiz». Allerdings sah er sich «auf ärztlichen Rat […] zu seinem lebhaften Bedauern genötigt […], den Ausflug ins Berner Oberland und den Besuch von Interlaken und Luzern aufzugeben» (N. N., Der Kaiser kommt in die Schweiz, in: a.a.O., Nr. 235 vom 30.8.1912 📖; zum ursprünglichen Programm vgl. N. N., Das Programm für den Besuch des deutschen Kaisers, in: Berner Intelligenzblatt, Jg. 79, Nr. 219 vom 10.8.1912, Abend-Ausgabe, [S. 1] 📖). ↩
3
Tatsächlich war das extra als «Kaisermanöver» abgehaltene große Herbstmanöver des 3. Armeekorps im Toggenburg wohl der für den Besucher wichtigste Teil seines Aufenthaltes in der Schweiz; Wilhelm II. wollte sich explizit einen Eindruck von der Stärke der Schweizer Armee verschaffen und fand am Ende lobende Worte über die «trefflichen militärischen Eigenschaften der schweizerischen Truppen» (App [Anm. 1] 📖). Das Manöver, an dem etwa 24 000 Soldaten teilnahmen, wurde – sicher auch aufgrund des hohen Besuchers, der sich am 4. und 5. September 1912 im Manövergebiet aufhielt – zu einem Massenspektakel: über 100 000 Schaulustige fanden sich ein, die teils mit Extrazügen anreisten (vgl. ebd.; Kreis [Anm. 1], S. 73f. 📖). ↩
4
Vgl. oben, Anm. 2. ↩
5
Die Vorgänger Barths seit der 1866 erlangten Selbständigkeit der Kirchgemeinde Safenwil waren: Friedrich Siebenmann (1818–1895), Pfarrer in Safenwil von 1866 bis 1891, Paul Reinhardt (1865–1939), 1891–1907, und Karl Fueter (1884–1963), 1907–1911. ↩
6
Gemeint ist Jeremias Gotthelfs erstmals 1842 gedruckte Novelle «Die schwarze Spinne» (in: J. Gotthelf, Ausgewählte Werke, Bd. 10: Ausgewählte Erzählungen. Teil 2, Zürich 1978, S. 1–102 📖), in der die Spinne, als Resultat eines Paktes einer frevelhaften Bevölkerung mit dem Teufel freigesetzt, Tod und Verderben brachte und daraufhin in ein Balkenloch gelockt und darin eingesperrt wurde. Jahrzehnte später, als jemand sie aus Übermut freiließ, wiederholte sich alles, kehrten Tod und Verderben zurück. ↩
7
Vom Gipfel der in der Zentralschweiz gelegenen, knapp 1800 m hohen Rigi aus bietet sich ein großartiges Panorama, das bei klarer Sicht die schneebedeckte Alpenkette, das Schweizer Mittelland mit 13 Seen, Ausblicke bis nach Deutschland und Frankreich sowie die Vogelperspektive auf die Städte Luzern und Zug umfasst. ↩
8
Dieser Satz wird prominent dem Seeräuber Klaus Störtebeker (1360–1401) als Wahlspruch zugeschrieben. Gemeint sein könnte aber eher Graf Eberhard I. von Württemberg (1265–1325), der während seiner Regentschaft in zahlreiche kriegerische Auseinandersetzungen mit dem Reich verstrickt war und sich nach A. Wiesinger, Die vierzehn Nothhelfer mit ihren Bildern und Gegenbildern aus der Leidenszeit, Wien 1871, S. 168 📖, ebenfalls diesen «sonderbaren Wahlspruch» gewählt hatte. Auf ihn passt Barths Zuschreibung «tapferer Ritter» biographisch und nach den erhaltenen Darstellungen in Rüstung (vgl. etwa Figur 3 der Grafenstandbilder im Chor der Stiftskirche Stuttgart) deutlich besser als auf Störtebeker. ↩
9
Anfang der 1. Strophe eines Kinderliedes von G. Frei (u. a. in: P. Zauleck, Deutsches Kindergesangbuch, Gütersloh o. J., Nr, 227 📖):
In der Welt ist’s dunkel,
leuchten müssen wir;
du in deiner Ecke,
ich in meiner hier.
↩