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        <title type="volume" n="vol-56">Predigten 1912</title>
        <title type="content">Predigt: 2 Korinther 5,11</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: 2 Korinther 5,11, 8. September 1912</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/56039 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1912, hrsg. v. Busch, Eberhard / Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2022, S. .</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/56039</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1912</title>
          <title type="text">Predigt: 2 Korinther 5,11</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2022</date>
          <!--position within a volume-->
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: 2 Kor 5,11, 8. September 1912. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1573">KBA 1109</ref>. </bibl>
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          <term>sermon</term>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1912-09-08">8. September 1912</date>
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.11">2.Korinther 5,11</ref>
                            <quote>
                                Dieweil wir denn wissen, dass der Herr zu fürchten ist, fahren wir schön mit den Leuten; aber Gott sind wir offenbar. Ich hoffe aber, dass wir auch in eurem Gewissen offenbar sind.
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                    <salute>Liebe Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
            <p>Es ist furchtbar <hi rend="italic">schwer</hi>, «schön zu fahren» <term ref="kbga-terms-800">mit den Leuten</term>, das heißt, wie wir sagen, gut mit ihnen auszukommen. Die allermeisten Menschen lernen diese schwere Kunst zeitlebens nicht, und die Wenigen, die sie lernen, lernen sie wohl erst gegen Ende ihres Lebens hin. Ich bin freilich auch schon Solchen begegnet, die mir frank und sicher erklärten: Ich komme mit allen Leuten aus! 
            Aber damit meinten sie etwa ihren Mann oder ihre Frau oder ihre nächsten Nachbarn. Es sind Solche, die wenig unter die Leute kommen und die es wirklich dahin gebracht haben mögen, mit den Wenigen, die sie kennen, im Frieden zu leben. Das ist aller Ehren wert, wenn es wahr ist. Aber es ist auch schon vorgekommen, dass solche Friedfertigen im kleinen Kreis sich in die ärgsten <term ref="kbga-terms-1430">Zänker</term> verwandelt haben, wenn sie nun unter andre Leute, in einen größern Kreis kamen. Es zeigte sich dann, dass ihre vorherige Friedensliebe mehr eine Sache der Bequemlichkeit und Gewohnheit gewesen war und nicht jene schwer zu erlernende und zu behaltende Lebenskunst. Nur der kann mit Sicherheit und Wahrheit sagen, er komme gut aus mit den Leuten, der seine Fähigkeit erprobt hat an vielen und vielerlei Menschen. |</p>
            <p>Denn <hi rend="italic">woher kommt’s</hi>, dass es so schwer ist, gut auszukommen <term ref="kbga-terms-800">mit den Leuten</term>, oder wie <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> sagt, schön zu fahren mit ihnen? Ich habe eine Person gekannt, die pflegte auf alles Befremdliche oder Schlimme, das man ihr von den Leuten erzählte, nur die eine Antwort zu geben: 
            «Ja, ja: s’git mängerlei Lüt!»<note xml:id="n01">
                            <p> Schweizerdeutsch für: «Ja, ja, es gibt mancherlei Leute.»</p>
                        </note> Halb seufzend, halb beschwichtigend sagte sie das, und es war ihr die Erklärung für Alles. Und es ist auch wirklich die Erklärung für allen Unfrieden, alles gegenseitige Kopf<pb xml:id="p388" ed="pga" break="no"/>schütteln und Schimpfen unter den Menschen, dass es tatsächlich «mängerlei Lüt» gibt und nicht einerlei. Wie «mängerlei Lüt» hat es doch nur schon in unserm kleinen <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, wir wollen gar nicht anfangen mit Aufzählen. 
            Und wie viel neue Sorten entdeckt man, wenn man erst über den Striegel oder über das Feld<note xml:id="n02">
                            <p> Striegel ist ein höher gelegener Ortsteil im Südwesten <placeName ref="kbga-places-54">Safenwils</placeName>; mit «Ober-», «Mittler-» und «Unter-Feld» wurden Gebiete am bzw. hinter dem östlichen Ortsausgang bezeichnet.</p>
                        </note> ein wenig hinausreist in die <term ref="kbga-terms-1899">weite Welt</term>. Wie wird da nach und nach Alles immer mehr fremdartig und kurios: die <term ref="kbga-terms-933">Sprache</term>, die Bräuche, die Anschauungen, 
            die Köpfe und die <term ref="kbga-terms-1466">Herzen</term>. Wie schnell taucht da der Gedanke auf: Bei denen wollte ich nicht leben, die sind zu anders! Und wenn wir dann noch ein wenig weiter reisen, dann kommen wir zu Menschensorten, die uns in ihrem <term ref="kbga-terms-1691">Tun</term> und <term ref="kbga-terms-1690">Denken</term> nicht nur fremdartig, sondern ganz unbegreiflich vorkommen, mit denen wir nichts anzufangen wüssten, als stumm über sie den Kopf zu schütteln. Wer wollte mit einem Türken oder Chinesen auskommen? Sie sind <hi rend="italic">zu</hi> anders, als wir sind. 
            Und doch sind das Alles auch Menschen, nur eben sehr anders geartete Menschen, und es ist tatsächlich schon Mancher in den Fall gekommen, wohl oder übel auch mit einem Türken oder Chinesen auskommen zu müssen. Aber schwer mag’s sein. Und schwer ist’s, weil die lieben Mitmenschen, ob’s nun Nachbarn und Gemeindegenossen seien oder die Leute in <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName> und <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> oder die Türken und Chinesen, immer ein wenig anders sind als wir selber, die Einen mehr, die Andern weniger. Das Wörtlein «anders» erklärt so ziemlich alles Anstoßen und <term ref="kbga-terms-1430">Zanken</term> von uns Menschen untereinander. |</p>
            <p>Wenn wir der Sache auf den Grund gehen, werden wir finden, dass jedes von uns im Geheimen die ganze <term ref="kbga-terms-402">Menschheit</term> in zwei Parteien teilt: auf der einen Seite steht es selber ganz allein, auf der andern alle <term ref="kbga-terms-800">übrigen Menschen</term>. Und nun kommt alle Schwierigkeit und aller Streit in unserm Verhältnis zu den Andern daher, dass wir ihnen gram sind, weil wir uns in dieses «anders», das wir bei ihnen wahrnehmen, 
            nicht zu finden vermögen. Könnten wir es, so wäre aller Zwiespalt aus der Welt. Es steht nämlich so: ein jedes von uns hat eine Ecke in seiner <term ref="kbga-terms-356">Seele</term>, in der ein ganz solider <hi rend="italic">Stolz</hi> zu Hause ist. 
            Der gehört sozusagen zu unsrer Naturanlage. Es ist Niemand unter uns, und wenn es der <pb xml:id="p389" ed="pga"/> Stillste, Nachgiebigste und Bescheidenste wäre, der diesen <term ref="kbga-terms-1658">Stolz</term> nicht auch hätte. Es ist ein merkwürdiger Stolz. Du fühlst dich gleichsam auf einer Insel, rings um dich herum das weite Meer, auf dessen Wellen sich allerlei Schiffe schaukeln, große und kleine, in der Nähe und in der Ferne, und diesen Schiffen siehst du nun von deiner Insel aus gemächlich zu. Das sind nämlich «<hi rend="italic">die Leute</hi>», wie man sagt. Man kann so viel daraus heraushören aus diesem Ausdruck: d’Lüt! wie man ihn manchmal aussprechen hört. 
            Einer nennt immer die Andern: «d’Lüt» und nimmt dabei sich selbst stillschweigend davon aus, <hi rend="italic">er</hi> gehört nicht zu «den Leuten», <hi rend="italic">er</hi> ist etwas Besonderes, <hi rend="italic">er</hi> steht ja auf der festen Insel. Dieses Gefühl ist in uns Allen: hier ich, dort – dort draußen <term ref="kbga-terms-800">die Andern</term>; ganz selbstverständlich gehöre ich nicht zu ihnen. |</p>
            <p>Und dieser <term ref="kbga-terms-1658">Stolz</term> in uns macht nun eine ganze Reihe von <hi rend="italic">Ansprüchen</hi>. Erstens weißt du es besser als die Andern – sowieso, ganz selbstverständlich ist das, du stehst ja auf der Insel, die Andern nur auf schwankenden Schifflein. Du hast von vornherein die richtigere Ansicht als d’Lüt, das steht dir fest, noch bevor du ihnen begegnet bist. Vielleicht weißt du noch nicht, was du meinst und willst, 
                aber dass du es besser wissen wirst als die Andern, das steht fest und gilt. Zweitens willst du dann aber auch recht haben vor den Andern, das heißt, sie sollen es anerkennen, dass du Alles besser weißt. Wenn du mit den Andern redest, so tust du es, um ihnen zu sagen, dass du recht hast. Und wenn es sich nun zeigt, dass du nicht recht hast? Das kommt auch vor, nichtwahr, aber dann gibt es unzählige Mittel, um zu zeigen, dass du doch recht hast. 
                Entweder du sagst: man hat mich missverstanden, die Leute verstehen einen immer falsch! oder: ich habe mich nicht gut ausgedrückt, ich meine es natürlich so und so, wobei vielleicht gerade das Gegenteil herauskommt. Oder du fängst schnell an, von etwas Anderem zu reden, wo du dann sicher recht hast und triumphieren kannst. 
                So kannst du auf die wunderbarste Weise immer der sein, der recht hat. Schließlich möchtest du aber nicht nur recht haben, sondern d’Lüt sollen auch auf dich hören. Du hast einen stillen, manchmal <hi rend="italic">ganz</hi> stillen Groll gegen diese ganze Gesellschaft um dich herum, die immer nicht begreifen will, was du doch schon längst gedacht und gesagt hast. Warum sind auch die Leute so? brummst du von deiner Insel aus. |</p>
            <p><pb xml:id="p390" ed="pga" rend="noPipe"/> Und nun sieh, von allen diesen Ansprüchen an die Leute bist du nun geladen wie eine Kanone oder voll wie ein Fass, das eben überlaufen will, wenn du mit ihnen zusammenkommst. Deine <term ref="kbga-terms-1423">Träume</term>, dein Gemüt, deine Augen, deine <term ref="kbga-terms-1692">Worte</term>, dein ganzes Auftreten ist übervoll von der großen Wahrheit, dass du es besser weißt, dass du recht hast und dass du billig zürnen darfst, dass man nicht mehr auf dich hört. So verkehrst du mit deiner Frau und mit deinem Mann, so mit Bekannten und mit Fremden, so mit Freunden und Feinden. 
                Wohlverstanden, das ist manchmal etwas ganz Verborgenes in unserm Verkehr miteinander, wir wissen es oft sehr gut zu verstecken, aber vorhanden ist es immer, ja, es geht durch Alles hindurch, es begleitet unser Reden und <term ref="kbga-terms-1691">Tun</term> wie das unaufhörliche Ticktack unsrer Uhr, es steht im Hintergrund aller unsrer Worte und Handlungen. Und nun braucht es nur einen ganz kleinen Funken, so geht die Kanone los mit einem großen Donnerschlag, nur eine ganz kleine Erschütterung, so überläuft das Fass und Alles wird überschwemmt; 
                und das tritt ein, wenn unser <term ref="kbga-terms-1658">Stolz</term> mit dem Stolz Anderer zusammentrifft, wenn wir irgend jemandem von den <term ref="kbga-terms-800">Leuten um uns her</term> anspüren, er meine es <hi rend="italic">auch</hi> besser zu wissen, er wolle <hi rend="italic">auch</hi> recht haben, er wolle sich <hi rend="italic">auch</hi> Gehör und Gehorsam verschaffen. Wir brauchen das bloß zu spüren bei einem Andern – und wir haben darin meist ein sehr feines Gefühl –, so ist der <term ref="kbga-terms-1822">Streit</term> da, zuerst vielleicht bloß in unserm Herzen, aber er ist da: wir haben das Gefühl, 
                wir müssten den Andern dämpfen, der maße sich da etwas an, was sich gar nicht gehöre. Was unser Recht ist auf unsrer Insel, das will sich der Mensch im Schifflein da draußen auch erlauben? das ist für uns, wie es für einen Herrn <hi rend="italic">von</hi> Müller sein müsste, der hört, dass sein Nachbar, der bloß Müller heißt, sich nun auch <hi rend="italic">von</hi> Müller nennt. 
                Oder wie für einen Korporal, der einem gemeinen Soldaten begegnet, und der hätte sich mir<note place="footnote" n="a" type="textcritical" xml:id="na">
                            <p> <ref corresp="A">Mskr.</ref>: «mich»; von den Hrsg. geändert.</p>
                        </note> nichts dir nichts auch die Korporalzeichen auf die Ärmel genäht. Oder wie für einen Ortsbürger, der vernehmen müsste, irgend ein Zugewanderter habe auch vom Bürgerholz<note xml:id="n03">
                            <p> Nach kantonalem Gesetz standen im <placeName ref="kbga-places-152">Aargau</placeName> den Ortsbürgern aus dem Gemeindewald bestimmte Mengen an Holz zur eigenen Verwertung zu.</p>
                        </note> 
                bekommen. Gegen Solches muss man sich auflehnen, und das tun wir dann auch nach Kräften, sowie wir merken, <pb xml:id="p391" ed="pga"/> dass ein Anderer auch stolz sein will. Das fordert uns heraus und, wenn das einmal geschehen ist, dann braucht es nur noch einen kleinen Anlass von außen, 
                und der Krieg ist da. Der Anlass, die sogenannten Gründe, weshalb wir Menschen miteinander kiefeln und händeln<note xml:id="n04">
                            <p> Im Schweizerdeutschen steht «kiefeln und händeln» für: «zanken / schimpfen und streiten».</p>
                        </note>, sind also in Wirklichkeit keineswegs die Gründe. Denn wir kiefeln und händeln gewöhnlich wegen ganz läppischer, 
                erbärmlicher Anlässe, das wisst ihr Alle. Sondern der Grund ist verborgen in der Tiefe: Unser <term ref="kbga-terms-1658">Stolz</term> ist verletzt, wenn wir dem Stolz der Andern begegnen, und wenn das einmal geschehen ist, dann sind wir bereit, schon wegen eines Strohhalms miteinander zu maulen und zu zanken. Und nun müssen wir bedenken, 
                wenn wir die Sache verstehen wollen, dass es nicht nur <hi rend="italic">ein</hi> Mensch so macht <term ref="kbga-terms-800">den Andern</term> gegenüber, sondern wir <hi rend="italic">Alle</hi> allen Andern gegenüber. <hi rend="italic">Jedes</hi> von uns meint, es sitze auf der sichern Insel in der Mitte der Welt und alle andern seien bloß Schifflein, die auf den Wellen tanzen, <hi rend="italic">jedes</hi> von uns weiß es besser, <hi rend="italic">jedes</hi> hat recht, <hi rend="italic">jedes</hi> verlangt mit stillem Groll, dass man ihm folge. Und nicht <hi rend="italic">einen</hi> Stolz gibt es, sondern unzählige Stölze, hier in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> und draußen in der Welt: Bauernstolz und Arbeiterstolz und Fabrikantenstolz, 
                Wirtshausstolz und Gemeinschaftsstolz<note xml:id="n05">
                            <p> Mit «Gemeinschaft» ist eine freikirchliche oder pietistisch orientierte Versammlung gemeint.</p>
                        </note> und Temperenzlerstolz<note xml:id="n06">
                            <p> Ein Temperenzler ist ein Angehöriger einer Enthaltsamkeits-, in der Regel der Abstinenzbewegung, die sich in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> im <orgName ref="kbga-actors-8613">Blauen Kreuz</orgName> zusammenfand.</p>
                        </note>, Pfarrerstolz und Lehrerstolz, Berner- und Baslerstolz, Chinesen- und Türkenstolz. 
                Und Alle diese <term ref="kbga-terms-1658">Stölze</term> reiben sich nun aneinander wie die eckigen Kieselsteine in einem Bergbach. Jeder nennt die Andern entrüstet d’Lüt, jeder hat heimlich oder offen das Verlangen, ihnen dann darum aufs Auge zu sehen, ihnen Mores zu lehren,<note xml:id="n07">
                            <p> «Jemandem Mores lehren» steht redensartlich für: jemanden scharf zurechtweisen, ihm Benehmen beibringen. Die Verwendung des lateinischen «mores» (Benehmen, Sitte) in diesem Zusammenhang geht bis 
                ins 15. Jahrhundert zurück; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-826">Röhrich III, S. 1050</bibl>.</p>
                        </note> sei’s durch Kopfschütteln übereinander, sei’s durch lautes Schimpfen, sei’s dadurch, dass man einander geistig oder körperlich am Kragen nimmt. |</p>
                <p><pb xml:id="p392" ed="pga" rend="noPipe"/> Wahrlich, wenn wir das so überlegen, müssen wir uns eigentlich <hi rend="italic">wundern</hi>, dass <hi rend="italic">nicht noch viel mehr</hi> Kiefeln und <term ref="kbga-terms-1430">Zanken</term> auf der <term ref="kbga-terms-378">Welt</term> und in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> ist. Wir müssen uns wundern, dass der Chinesen- oder Türkenstolz, den jedes von uns besitzt, nicht noch ganz andre Verheerungen anrichtet. Wir müssen dankbar anerkennen, dass der <term ref="kbga-terms-1427">Friede Gottes</term> schon eine große Macht sein muss unter uns Menschen, 
                freilich meist gegen unsern Willen, – dass viele von unsern Stölzen nur noch halb und gebrochen und verborgen vorhanden und wirksam sind. Gott weiß eben <term ref="kbga-terms-1783">Ordnung zu halten in der Welt</term> auch gegen unsern Willen. Wenn die Kieselsteine sich aneinander reiben, dann reiben sie sich die Ecken ab. Und wenn unser <term ref="kbga-terms-1658">Stolz</term> in den <term ref="kbga-terms-1822">Streit</term> zieht gegen andere Stölze, 
                dann ist dafür gesorgt, dass wir lernen nachgeben, uns in das Unabänderliche fügen, klein werden sogar – weil wir müssen. Wir üben beständig einen Druck aus aufeinander, und das macht, dass wir Alle merken, dass wir uns vertragen <hi rend="italic">müssen</hi> für gewöhnlich. Das macht, dass die Kanonen nur von Zeit zu Zeit losgehen und nicht alle Augenblicke.</p>
                <p>Aber darum sind wir nicht weniger unglücklich. Die Ordnung in der Welt ist dadurch leidlich gewahrt, dass wir uns gegenseitig dämpfen durch unsern Stolz. Aber wir selbst sind damit noch nicht in Ordnung gebracht. Auch der gebrochene und verborgene Stolz streitet noch gegen die <term ref="kbga-terms-800">Mitmenschen</term>, auch wenn er es seltener zeigt als vorher. Das ist noch kein gutes Auskommen mit den Leuten, wo man einander gewisse Maulkörbe angelegt hat, so dass man sich nicht mehr offen beißen und fressen kann. Da schwelt und qualmt dann unser Stolz wie ein Feuer unter einem Müllhaufen. 
                Aller Zorn und alles Gift und alle Aufregung, die er mit sich bringt, sind noch da, nur dass wir sie in uns selber hinunterwürgen müssen. Der <term ref="kbga-terms-1427">Friede Gottes</term> ist kein <term ref="kbga-terms-1051">Segen</term> für uns, solange er uns bloß aufgezwungen ist. Wir <hi rend="italic">leiden</hi> unter unserm <term ref="kbga-terms-1658">Stolz</term>, nichtwahr, ob wir ihn nun zeigen dürfen oder nicht? 
                Wir <hi rend="italic">leiden</hi> darunter, dass er uns verbietet, mit den Leuten aufrichtig und ehrlich gut auszukommen. Wir <hi rend="italic">leiden</hi> darunter, wir sind tief unglücklich dabei, dass uns unser Besserwissen, unser Rechthaben, unser Uns-geltend-Machen immer wieder in heimlichen oder offenen <term ref="kbga-terms-1822">Streit</term> mit den Leuten führt. Es ist Mancher unglücklich, das Leben ist ihm verleidet, 
                Missmut und <term ref="kbga-terms-1821">Enttäuschung</term> erfüllen ihn, und er weiß nicht warum. Besinne dich einmal darüber, lieber Freund, ob du nicht <pb xml:id="p393" ed="pga"/> unter deinem Stolze leidest und unter dem Unfrieden mit den Leuten, in den dich das hineinführt?</p>
                <p>Aber wie können wir nun von diesem Leiden <hi rend="italic">befreit</hi> werden? Sieh, da erzählt in unserm Textwort Einer, der auch daran gelitten hat, wie er davon befreit worden ist. 
                Wenn irgend Einer, so hat der Apostel <hi rend="italic">
                            <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName></hi> einen mächtigen <term ref="kbga-terms-1658">Stolz</term> gehabt. Besser wissen, Rechthaben, Gelten-Wollen, das war in seinem Leben eine ganz ungeheure Macht. Wie hat er geschnaubt und getost, als er noch Saulus hieß, gegen die <term ref="kbga-terms-277">Christen</term>, die mit solcher Zuversicht sich anmaßten, einen andern Weg zu gehen als er [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Act.9.1">Act. 9,1</ref>]. Wie eine persönliche Beleidigung hat er das empfunden. 
                Aber der <term ref="kbga-terms-1079">alte Mensch</term> begleitete ihn weiter, auch als er nun Christ und sogar <term ref="kbga-terms-273">Apostel</term> wurde. Man braucht nur den Galaterbrief aufmerksam zu lesen, um zu merken, wie sich da im Streit mit den Irrlehrern das Bewusstsein seiner göttlichen und gerechten Sache wunderbar verbunden hat mit seinem menschlichen Stolz. Und wie ist er erst zusammengestoßen mit gewissen Leuten in seiner Gemeinde in <placeName ref="kbga-places-1081">Korinth</placeName>! Aus ganzen Kapiteln können wir da immer wieder den Ton heraushören: 
                <hi rend="italic">Ich</hi> weiß es besser! <hi rend="italic">Ich</hi> habe recht! Auf <hi rend="italic">mich</hi> müsst ihr hören! Das kann uns trösten, dass der große Paulus unsre leidige Streitlust auch gekannt hat. |</p>
                <p>Aber er hat noch etwas Anderes gekannt, was wir oft nicht kennen. Erstens hat er eingesehen, dass jener Stolz nichts wert ist, und hat dagegen gekämpft, und zweitens hat er gewusst, wie jener Stolz überwunden wird. In unserm Text sagt er es klar und deutlich: <hi rend="italic">Dieweil wir denn wissen, dass der Herr zu fürchten ist, 
                fahren wir schön mit den Leuten</hi>. Das will sagen: Weil ich <term ref="kbga-terms-1738">Ehrfurcht habe vor Gott</term>, darum weiß ich mit den Menschen auszukommen. Als <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> Christus kennenlernte und in Christus Gott, da wurde ihm sein Stolz zerschlagen, und damit kam er in eine ganz andre Stellung zu den Menschen. Und je besser er Gott kennenlernte, desto mehr schwand sein <term ref="kbga-terms-1658">Stolz</term> und desto besser wusste er mit den Leuten auszukommen. Mit der <term ref="kbga-terms-877">Furcht Gottes</term> kam eine neue Richtung 
                in sein Leben, die Ansprüche verschwanden, die er früher gestellt, und mit den Ansprüchen verschwanden mehr und mehr auch seine Reibungen mit den Menschen. Er ist keineswegs fertig und vollkommen; was er in unserm Text ausspricht, hat er noch nicht erreicht, er jagt ihm aber nach, ob er es ergreifen möchte, wie er anderswo sagt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Phil.3.12">Phil. 3,12</ref>]. Man sieht es förmlich in seinen <pb xml:id="p394" ed="pga"/> Briefen, wie etwas Höheres, Besseres über seinen menschlichen Stolz triumphiert. Das Höhere, Bessere ist die Furcht Gottes.</p>
                <p>Ob wir wohl ein anderes Mittel ausfindig machen könnten, meine Freunde, um <term ref="kbga-terms-800">mit den Leuten</term> auszukommen? Eins habe ich schon genannt: das <term ref="kbga-terms-56">Leben</term> zwingt uns oft einfach, mit den Leuten <term ref="kbga-terms-589">Frieden</term> zu halten. Aber das hilft uns nicht viel, weil Zorn und Gift sich dann innerlich geltend machen. Und was könnten wir für andre Mittel nennen? 
                Sie werden immer nur darauf hinauslaufen, man solle vorsichtig sein, seinen Stolz nicht zu sehr feiernlassen, sondern möglichst gut zu verstecken. Klug sein muss der Mensch! sagt man, er muss sich anpassen, sich unterziehen unter Umständen, dann findet man schließlich die beste Befriedigung für seinen Stolz. Ja, darin hat es allerdings Mancher erstaunlich weit gebracht! Aber oh! das sind faule Lehren. Erstens darum, weil sie die Unaufrichtigkeit predigen. 
                Also man darf sich ärgern über die Menschen, aber nur innerlich, man darf über sie schelten, aber nur so, dass sie es nicht hören, man darf ihnen z’Leid werken,<note xml:id="n08">
                            <p> Jemandem «z’Leid werken» meint im Schweizerdeutschen: ihn plagen oder bedrängen, gegen ihn vorgehen.</p>
                        </note> aber möglichst so, dass Niemand es merkt. Das ist doch einfach <term ref="kbga-terms-1573">Lüge</term>. Dann <term ref="kbga-terms-1820">lieber noch offenen Krach</term>, als <term ref="kbga-terms-1155">solchen Frieden</term>. Denn selbst, wenn es dir gelingt, so klug zu sein, hast du <term ref="kbga-terms-1458">Freude</term> daran? Kannst du ehrlich sagen, du kommst gut aus mit deinen <term ref="kbga-terms-800">Mitmenschen</term>? 
                Wird dein Tun <term ref="kbga-terms-1051">Segen</term> haben? Das glaubst du selbst nicht. O wie viel von unsrer sogenannten <term ref="kbga-terms-1730">Höflichkeit</term>, von unsrer Rücksichtnahme und Scheu einander gegenüber ist bloß eine solche verlogene Verkleidung unsres Stolzes. Wirf sie weg, diese Verkleidung, sei wieder grob und ungeschminkt, wenn [du] nichts Anderes sein kannst, du bist dann wenigstens ehrlich.</p>
                <p>Nein, ein wahrhaftiges und wirksames Mittel gegen <term ref="kbga-terms-1658">Stolz</term> und <term ref="kbga-terms-1822">Streit</term> ist einzig die <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-877">Furcht Gottes</term></hi>. Und wo ein Mensch die rechte Furcht Gottes hat, da wirkt sie auch sicher und sofort als Mittel gegen Stolz und Streit. Ich glaube, wir können das geradezu als Barometer betrachten, 
                wie es steht mit unsrer <term ref="kbga-terms-211">Religion</term>, ob wir dazu fähig sind, aufrichtig und tatsächlich mit unsern <term ref="kbga-terms-800">Mitmenschen</term> auszukommen. Wenn wir es nicht können, dann können wir sicher sein, dass auch unsre Religion noch ganz in den Anfängen steckt, dass wir erst damit <pb xml:id="p395" ed="pga"/> beginnen müssen, Gott zu erkennen. Wir stehen wohl Alle noch in diesen Anfängen. Und jetzt wollen wir uns darüber besinnen, wie das zusammenhängt und wie das zugeht, dass wir gut auskommen, «schön fahren» können mit den Leuten. 
                Wer Gott fürchtet, der hat beständig <hi rend="italic">Gottes Größe</hi> vor Augen. Es zittert etwas in ihm bei dem Gedanken, dass es eine <term ref="kbga-terms-1247">Ewigkeit</term> gibt, eine ewige <term ref="kbga-terms-1067">Macht</term>, eine ewige <term ref="kbga-terms-481">Weisheit</term>, eine ewige <term ref="kbga-terms-186">Güte</term>. Er weiß, dass er selbst mit dem Besten, was in ihm sein mag, ein verschwindender Tropfen ist in dem unendlichen Meer Gottes, dass er gar nichts wäre ohne den großen Gott. Er verehrt diesen Gott als den <term ref="kbga-terms-112">Vater</term> <hi rend="italic">alles</hi> Lebendigen, der über uns <hi rend="italic">Allen</hi> und in uns <hi rend="italic">Allen</hi> ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Eph.4.6">Eph. 4,6</ref>]. Da muss jenes Gefühl: 
                <hi rend="italic">Ich</hi> bin auf einer Insel und ringsumher sind d’Lüt, von selbst verschwinden und vergehen. Dieses Gefühl verträgt sich absolut nicht mit der <term ref="kbga-terms-1823">Demut vor der Ewigkeit</term>. Wir erkennen im Angesichte Gottes, wie kleinlich und nichtig unser <term ref="kbga-terms-1658">Stolz</term> ist. Wir wollen es nicht mehr besser wissen, sondern wir freuen uns darüber, dass Gott es besser weiß als wir und als die Andern. Und so stellen wir uns nicht mehr ihnen entgegen, sondern bescheiden mit ihnen in Reih und Glied. Wir wollen <hi rend="italic">mit</hi> ihnen Gottes Knechte und Mägde sein. Versuche es einmal, deinen <term ref="kbga-terms-800">Mitmenschen</term>, 
                mit dem du nicht auskommst, im Stillen anzureden: Wir wollen zusammen Gott dienen, du auf deine, ich auf meine Weise! Versuch es, ihn danach zu behandeln! Du wirst dann sehen, wie Gottes Größe <term ref="kbga-terms-589">Frieden</term>, wahren Frieden stiftet zwischen euch. |</p>
                <p>Die <term ref="kbga-terms-1738">Ehrfurcht vor Gott</term> wird dich aber noch höher führen. Lass dich durchdringen von <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-1824">Gottes Selbstlosigkeit</term></hi>. Die erkennen wir auf <placeName ref="kbga-places-405">Golgatha</placeName>, im <term ref="kbga-terms-129">Kreuze Christi</term>. Da hat der <term ref="kbga-terms-1598">Vollkommene</term>, der <term ref="kbga-terms-235">Sohn Gottes</term> nicht recht haben wollen, sondern er hat unschuldig <term ref="kbga-terms-1266">gelitten</term> 
                und ist <term ref="kbga-terms-129">gestorben</term> und keine zwölf Legionen Engel haben sich eingestellt, um ihn davor zu bewahren [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.53">Mt. 26,53</ref>]. Gott hat es so gewollt. Es ist, wie wenn Gott dort sich selbst hätte Unrecht geben wollen. Schlechte und einfältige Menschen dürfen das Blut des Besten ihres Geschlechtes vergießen. 
                Gott wehrt sich nicht. Und doch ist er der große, ewige, unerschütterliche Gott. Spürst du, was das heißen will für dich? Wie stehen wir da mit unserm <term ref="kbga-terms-1658">Stolz</term> vor diesem Gott! Wie lächerlich sind wir mit unserm Eifer, recht zu haben, im Angesicht des Kreuzes. Sagt es uns nicht mit aller Deutlichkeit: es ist gar nicht nötig, dass du recht <hi rend="italic">hast</hi>, wenn du nur recht <hi rend="italic">bist</hi>. 
                Auf dich <pb xml:id="p396" ed="pga"/> kommt es gar nicht an, sondern darauf, dass <term ref="kbga-terms-76">Gottes Wille</term> geschehe. Nicht wie du willst, sondern wie Gott will! Sieh, wenn du das überdenkst, dann muss eine große <term ref="kbga-terms-1650">Ruhe</term> über dich kommen, du begehrst dann nicht mehr, anerkannt zu werden mit deinen guten Gedanken und Absichten. Du legst das Alles in Gottes Hand, wie Jesus es getan hat. Du wirst auch selbstlos, das heißt, du verlangst nur noch nach dem Einen, Gottes Gedanken und Absichten zu anerkennen und auszuführen und dich selbst darüber zu vergessen. |</p>
                <p>Und da führt dich dann die <term ref="kbga-terms-1738">Ehrfurcht vor Gott</term> zum Höchsten, zu <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-37">Gottes Liebe</term></hi>. Wieder durch das <term ref="kbga-terms-129">Kreuz</term> auf <placeName ref="kbga-places-405">Golgatha</placeName>. 
                Gott hat dem <term ref="kbga-terms-1119">Unrecht</term> nicht gewehrt, nicht aus <term ref="kbga-terms-1471">Gleichgiltigkeit</term>, sondern weil durch den vollkommenen <term ref="kbga-terms-727">Gehorsam Jesu</term> den Menschen das Beste geschenkt werden sollte. Durch sein Sterben ist uns das <term ref="kbga-terms-56">Leben</term> offenbar geworden. Gott hat Jesus dort scheinbar allein gelassen, weil<note place="footnote" n="b" type="textcritical" xml:id="nb">
                            <p> 
                Im <ref corresp="A">Mskr.</ref> folgt ein zweites, überzähliges «weil».</p>
                        </note> Jesus uns durch sein kräftiges Vorbild mitteilen sollte, dass es einen Weg gibt, der aus dem Dunkel herausführt. Jesus ist der Sünde und dem Tod erlegen und hat eben damit für uns <term ref="kbga-terms-64">Sünde</term> und <term ref="kbga-terms-177">Tod</term> überwunden. Das ist Gottes Liebe, die gerade damit wirkte, dass sie in den Tod ging. |</p>
                <p>Was hat uns das zu sagen? Da können wir unser Höchstes nicht mehr daran setzen, dass <hi rend="italic">wir</hi> etwas gelten, dass man auf <hi rend="italic">uns</hi> höre, <hi rend="italic">uns</hi> gehorche. Sonst hätte ja Jesus dort verzweifeln müssen. Nicht auf <hi rend="italic">uns</hi> kommt es an, sondern darauf, dass durch uns den Leuten geholfen werde. 
                Dass ihnen in der Not der <term ref="kbga-terms-64">Sünde</term> und des <term ref="kbga-terms-177">Todes</term> etwas aufgehe, was sie befreien und erlösen könne, dass sie eine Kraft an sich erfahren, die sie ergreife und herausreiße. Wir selbst brauchen gar nichts zu gelten in ihren Augen, aber dass Gott ihnen anfange, etwas zu gelten, diese große Wohltat müssen wir ihnen verschaffen, <hi rend="italic">dazu</hi> muss unser <term ref="kbga-terms-1692">Reden</term> und <term ref="kbga-terms-1691">Handeln</term> sie hinleiten.</p>
                <p>Seht, meine Freunde, so <hi rend="italic">verlöscht</hi> unser <term ref="kbga-terms-1658">Stolz</term>, eines seiner Lichter nach dem andern, wenn die <term ref="kbga-terms-877">Furcht Gottes</term> uns regiert. An ihre Stelle tritt dir damit der <term ref="kbga-terms-376">Gehorsam</term>, die Hilfsbereitschaft, und, was gilt’s, wenn das der Fall ist, dann kommen wir aus mit den Leuten. Dann hört das <term ref="kbga-terms-1822">Streiten</term> auf, 
                weil wir gar nicht mehr wüssten, warum wir mit ihnen streiten sollten, ja, noch mehr, dann stehen wir plötzlich ihnen allen gegenüber als Brüder und als Schwestern. O wenn wir doch die <pb xml:id="p397" ed="pga"/> Lichter unsres Stolzes auslöschen lassen wollten, damit die Lichter Gottes in uns angezündet werden könnten. Das <term ref="kbga-terms-129">Kreuz</term> unsres Herrn ladet uns dazu ein, denn es verkündet uns Gutes, Großes, Selbstlosigkeit und Liebe. Das heilige <term ref="kbga-terms-69">Abendmahl</term>, das wir an diesen beiden Sonntagen begehen wollen,<note xml:id="n09">
                            <p> 
                In der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> wurde das <term ref="kbga-terms-69">Abendmahl</term> überwiegend nur an den hohen Festtagen – Weihnachten, Karfreitag / Ostern, Pfingsten und Bettag – gefeiert. Zusätzliche, der Vorbereitung dienende Abendmahlsfeiern an den jeweils vorausgehenden Sonntagen waren aber nicht unüblich und wurden in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> am 4. Advent und am Sonntag 
                vor dem Bettag gehalten (vgl. <ref type="pub" target="../volume/51/p283#fn_n08">Predigten 1911, S. 283, Anm. 8</ref>; <ref type="pub" target="../volume/27/p00X#p00X">Predigten 1915, S. X</ref>).</p>
                        </note> ladet uns dazu ein, denn es vereinigt uns aufs Neue mit Jesus, dem Helden Gottes, und darum mit allen unsern <term ref="kbga-terms-800">Mitmenschen</term>. Kommet her zu mir Alle, die ihr mühselig und beladen seid – mühselig und beladen durch euren Stolz –, ich will euch erquicken [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.11.28">Mt. 11,28</ref>].</p>
                </div>
                <div type="closer">
                    <salute>Amen.</salute>
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            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
