25. August 1912

Predigt: 2 Korinther 5,14-15

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2.Korinther 5,14–15
Die Liebe Christi dringet uns also; sintemal wir halten, dass, so Einer für Alle gestorben, so sind sie Alle gestorben, und er ist darum für Alle gestorben, auf dass die, so da leben, hinfort nicht ihnen selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist.
Liebe Zuhörer!

Am Dienstag der hinter uns liegenden Woche ist in London ein Mann gestorben, dessen Name aus der Geschichte des Christentums nicht mehr verschwinden wird, nämlich William Booth, der Begründer und Leiter der Heilsarmee.1 Es dürfte Wenige unter uns geben, die noch nie von ihm gehört haben, von diesem General, der sich selbst zum General ernannt hat, von diesem Schöpfer eines vieltausendköpfigen Kriegsheeres, das auf der ganzen bewohnten Erde seine friedlichen Schlachten schlägt, von diesem bezaubernden Redner, der es verstand, in allen großen Städten Europas und Amerikas die riesigsten Versammlungen in atemloser Spannung zu erhalten, von diesem unermüdlichen Geschäftsreisenden des Reiches Gottes auf Erden, der in den Dachkammern der dunkelsten Stadtteile von London seine Sendung antrat, um schließlich auch vor dem Audienzzimmer des Kaisers von Japan nicht Halt zu machen.2 Wer ihn einmal gesehen hat, wird ihn zeitlebens nicht mehr vergessen, und Viele von uns erinnern sich vielleicht, wenigstens einmal sein Bild vor Augen gehabt zu haben: |361 diese hohe, von der Last des Alters und der Arbeit etwas gebeugte Gestalt im Schmuck der wallenden weißen Haare, die kühn geschwungene mächtige Stirne mit der Adlernase darunter, die Augen voll Güte und mit jenem Ausdruck von Zuversichtlichkeit und Unentwegtheit, wie er vielen Engländern eigen ist, die großen Hände, die so eindrücklich und verständlich redeten, wenn er auf der Rednertribüne stand, auch wenn man seinen Worten nur mit Hilfe eines Dolmetschers folgen konnte. Und wer vom verstorbenen General wenig oder nichts weiß, der kennt doch sein Werk, das nun seinen Tod überdauert, seine Heilsarmee mit ihrer alle Länder fest umspannenden, wohldurchdachten Organisation, mit ihren merkwürdigen Einrichtungen und Bräuchen, über die man lächeln oder sich ärgern und an denen man doch nicht ohne Bewunderung vorübergehen kann, mit ihren sozialen Hilfswerken, die immer mehr Anerkennung und Unterstützung finden beim Publikum und auch bei den meisten Regierungen.3 Die Heilsarmee, diese sonderbarste unter unsren religiösen Gemeinschaften und die trotzdem, in den Städten vor Allem, aber nach und nach auch auf dem Lande, beinahe zu einem unentbehrlichen Bestandteil unsres öffentlichen Lebens geworden ist! Wer hätte noch nie davon gehört und darüber geredet, – darüber geschimpft vielleicht – wer hätte noch nie den eigentümlichen Klängen ihrer aus England herübergebrachten «Heilslieder» gelauscht, wer noch nie eine Nummer des «Kriegsruf»4 in Händen gehabt und durchstöbert? |362 Und sicher sind auch nicht Wenige unter uns, die schon einmal nachdenklich und etwas verlegen geworden sind, wenn sie am Rockknopf gefasst wurden mit der bedenklichen Frage: Sind Sie gerettet? Ich glaube, eine so auffallende und bedeutende Erscheinung ist es wohl wert, dass wir uns einmal gründlich besinnen über ihr Wesen und darüber, wie wir uns zu ihr stellen wollen. Und darum habe ich mir vorgenommen, euch heute eine Predigt zu halten vom General Booth und von der Heilsarmee.

Wenn ich mir die Sache leicht machen wollte, dann würde ich jetzt sagen, was man meistens sagen hört, wenn von der Heilsarmee die Rede ist, und was wohl auch die Meinung von Vielen von euch ist. Ich würde sagen: die Sozialwerke der Heilsarmee, ihre Nachtasyle und Rettungshäuser, ihre Anstalten für Arbeitslose, für Trinker und gefallene Mädchen und entlassene Sträflinge, die lasse ich mir gerne gefallen. Das ist aller Ehren wert, dass sich die Heilsarmee mit diesen Leuten abgibt. Aber was daneben ist: das Singen und Beten auf der Straße, die Uniformen, Fahnen und Hallelujahüte5, das Auftreten in den Wirtschaften, das öffentliche Reden von Frauen, das ganze zudringliche Bekehrungswesen, das gefällt mir nicht. So werden sehr Viele mit der Heilsarmee fertig. Aber, meine Freunde, wer so mit der Heilsarmee fertig wird, der hat sie gar nicht verstanden. Wer so trennt zwischen dem, was ihm gefällt und nicht gefällt, der hat bei Beidem nur das Äußerliche gesehen. Wenn wir auf das Innere sehen, dann bemerken wir, dass Beides: die Liebeswerke und die Bekehrungsarbeit zusammengehören. Die Heilsarmee ist aus einem Stück. Darauf möchte ich euch heute vor Allem aufmerksam machen. Wer das einmal verstanden hat, der wird mit seinen Einwänden unwillkürlich zurückhaltender werden, auch wenn es ihn vielleicht oft dazu reizte. Er braucht darum noch nicht selber ein Salutist zu werden, das ist wieder eine ganz andre Frage, aber er wird sich sagen: Das ist der Weg, den nun diese Leute gehen müssen, und zwar zu Ende gehen müssen, |363 und es ist ein guter Weg. Und er wird vielleicht hinzufügen, dass wir Andern auf unsern Wegen von der Heilsarmee allerlei zu lernen haben.

William Booth ist 1829 geboren und in Glauben und Sitte der offiziellen englischen Landeskirche erzogen worden. Schon in jungen Jahren trat er dann zu der methodistischen Gemeinde über, die in England nicht eine Sekte ist wie bei uns, sondern eine der großen, anerkannten Kirchen, in die das religiöse Leben dort gespalten ist.6 Was ihn dort angezogen hat, das war jedenfalls die persönliche, dringende, ja zwingende Art des methodistischen Christentums. Sie entsprach seiner eigenen Art. Seit ihm das Evangelium zur lebendigen Überzeugung geworden, spürte er die Notwendigkeit, es auch andern zu verkündigen, koste es, was es wolle. Seit ihm die Herrlichkeit Jesu aufgegangen war in seinem Kreuzestod, musste sein ganzes Leben sich in den Dienst stellen der Botschaft vom Kreuz. Nicht mehr uns selbst leben, sondern dem, der für uns gestorben und auferstanden ist – «die Liebe Christi dringet uns also!» Diese Worte kennzeichnen den Charakter und das Streben von William Booth. Und so wurde er methodistischer Pfarrer. Er war es jahrzehntelang, in London und in andern Städten. Er wäre es vielleicht seiner Lebtage geblieben, wenn er weniger konsequent und lebhaft gewesen wäre. Aber er blieb es nicht. Er war mit den Methodisten nicht zufrieden und sie mit ihm auch nicht. Was fehlte ihm dort? Man kann es vielleicht kurz so sagen: diese Gemeinschaft war ihm immer noch viel zu landeskirchlich. Die Methodisten waren ihm zu feierlich, zu theologisch, zu ruhig, zu gelassen der geistigen Not so vieler Menschen gegenüber. Er fand bei ihnen zu wenig Gelegenheit zur Entfaltung seiner feurigen Angriffslust, seines unwiderstehlichen Missionsdrangs. Sie haben ihn jahrelang «gebremst», um es so zu sagen, ihn auf unwichtigem Posten festgehalten und ihm das, wonach sein Herz verlangte, die Evangelisationsarbeit unter den großen Volksmassen, versagt. Hier haben wir bereits etwas, was das Entstehen und das Bestehen der Heilsarmee erklärlich macht und rechtfertigt. Auch bei uns ist doch die Kirche und [sind] die meisten andern Gemeinschaften zu theologisch, zu fern vom Leben der Leute, zu sehr auf die berechnet, die sowieso fromm |364 sind oder sein wollen. Und der Fehler vieler Pfarrer ist der, dass sie viel zu sehr Pfarrer sind und zu wenig Menschen, dass sie zu sehr an gewohnten alten Formen hängen und zu wenig das Einfachste, Nächstliegende ergreifen, um den Leuten zu Hilfe zu kommen. |

Und noch etwas hat William Booth die methodistische Kirche verleidet. Er sah die Armut und er sah die moralische Verkommenheit und das Verbrechertum in den großen Städten Englands und er fand, dass seine Kirche da viel zu wenig ernsthaft Hand anlege, um Wandel zu schaffen.7 Sie war eine Kirche der wohlbehäbigen, zufriedenen, braven Bürger – aber die Vielen da draußen, die Zehntausende in jenen düsteren Stadtvierteln, die anständige Christen gar nicht betraten, um sich nicht zu beflecken, was hatten die vom Evangelium? Seht, gerade aus diesem Grund, weil die Christen der Landeskirche und der Gemeinschaften meist viel zu hoch stehen oder zu stehen meinen über den Ärmsten und vor Allem über den geistig und moralisch Ärmsten unsres Volkes, darum ist die Heilsarmee auch bei uns etwas Gutes und Notwendiges; denn sie hält es da ganz anders. William Booth hängt den Pfarrerrock an den Nagel – die Liebe Christi drang ihn also – und wurde wieder ein ganz gewöhnlicher Mensch, der nichts wollte, als seine Mitmenschen anleiten zu einem freien und heiligen Leben in der Nachfolge des gekreuzigten Christus. Und nun ging er, allein mit seiner Frau und einigen verständnisvollen Freunden, ins Ostende von London, in die dunkelsten Quartiere dieser Millionenstadt, mitten hinein in das unsägliche Elend und in die grauenvolle Verdorbenheit, die sich da am hellen Tage breit machte, und begann da, in täglichen Versammlungen die Bekehrung und Heiligung zu verkündigen als den königlichen Weg zu einem menschenwürdigen, göttlichen Leben. Es war im Jahr 1865, als er damit anfing, und das Werk, das er begann, trug zuerst den ganz schlichten Namen «Christliche Mission», aber es hatte doch schon den Charakter, der das Wesen der Heilsarmee geblieben ist bis auf diesen Tag: Booth und seine Freunde wollten «den Armen das Evangelium verkündigen» [Lk. 4,18]. Das wollten und wollen ja freilich den Worten nach auch andre Pfarrer und Prediger, aber es ist doch |365 dieser Tage sehr mit Recht in einer großen Zeitung gesagt worden, dass Booth und seine Leute in diesem wichtigen Stück Jesus besser verstanden und seinen Willen besser vollstreckt haben als alle andern Kirchen und Gemeinschaften.8 Und das einfach darum, weil die Heilsarmee die Sünder nicht bekehren will, indem sie von oben auf sie herunter predigt, sondern indem sie sich mit ihnen gemein macht, wie sich Jesus selbst mit den Zöllnern und Dirnen gemein gemacht hat [vgl. Lk. 7,34; Lk. 15,1f.]. Die Heilsarmee steigt herunter zu den Niedrigen, sie weiß auch mit dem Einfachsten der Einfachen in seiner Sprache zu reden, sie versetzt sich in seine Lage und kommt seinen Gedanken und Wünschen und Gefühlen soweit entgegen, als nur immer geht. Sie kennt und übt den Grundsatz, den Booth einmal ausgesprochen, dass es den meisten Menschen, gerade den sogenannten «ganz Bösen», eigentlich nur an Selbstvertrauen fehle, um sich aufzuraffen und anders zu werden, und dass man ihnen dieses Selbstvertrauen nur geben könne, indem man in vollem Ernst alles Vertrauen zu ihnen habe. Das ist oft nicht leicht. Wer so denken will, der muss es auf sich nehmen, Enttäuschung über Enttäuschung zu erleben. Aber William Booth hat es getan und hat auch seinen Freunden diesen Geist für immer eingeflößt, und ich glaube, eben dieses Heruntersteigen, dieses sich Gemeinmachen mit den Verlorenen, dieses Vertrauen-Haben auch zu den Unwürdigsten ist das Geheimnis des gewaltigen Erfolges der Heilsarmee. Die Liebe Christi drang sie also, und die Liebe Christi wird auf die Länge keine Enttäuschungen erleben. |

Aber zunächst trug also das Unternehmen von William Booth noch nicht den uns bekannten Namen, und es fehlte auch das ganze militärische Wesen, das heute damit verbunden ist. Damit war es so: Booth beriet einmal mit einem seiner Gehilfen über die Abfassung eines Aufrufs, der zu Gunsten seines Werkes verbreitet werden sollte. «Was ist unsre Evangelisation?» fragte er, in Gedanken versunken, den Andern. «Eine freiwillige Armee!» antwortete dieser. «Jawohl», sagte Booth in seiner raschen Weise: eine «Heilsarmee», und sofort schrieb |366 er das Wort in den Aufruf.9 Es ist von da an in Geltung geblieben, und jedes Kind kann verstehen, was damit gemeint ist: eine Armee, die für die Sache des Heils kämpft und gegen das Böse unter den Menschen. Und mit dem Wort kam dann auch Alles, was dazu gehörte: die militärische Einteilung und Anordnung des Werkes, das sich bald anfing, über London hinaus auf das übrige England und auf das europäische Festland zu erstrecken, die Offiziere und Unteroffiziere, die Fahnen und Abzeichen, der Kriegsruf und die Heilsfeldzüge, die nach allen Seiten unternommen wurden. Wir dürfen das Alles ja nicht für eine unnötige Spielerei halten. Dazu wäre William Booth sicher seine Zeit zu kostbar und seine Sache zu heilig gewesen. Sondern auch von diesen den Spott reizenden Dingen hieß es für Booth: Die Liebe Christi dringet uns also! wie ja schon Paulus im I. Korintherbrief schreibt, er wolle gern ein Narr sein um Christi willen [vgl. 1.Kor. 4,10]. Sie waren für ihn eine Notwendigkeit. Einfach darum, weil diese Form für sein Unternehmen praktisch, zweckdienlich war wie kaum eine andere. Die militärische Leitung und Einrichtung der Heilsarmee gibt ihrer religiösen Arbeit eine Straffheit und damit eine Stoßkraft, wie sie im Gebiete des Protestantismus keine andre Kirche oder Gemeinschaftje erreicht hat und erreichen wird. Booth hat da mit großem Glück eine Idee erneuert, die schon Paulus gehabt hat, als er im Epheserbrief den Christen als einen wohlausgerüsteten Kriegsmann beschrieb [vgl. Eph. 6,11–17]. Und ganz denselben Gedanken verfolgte nach der Reformation Ignatius von Loyola, der in seinem Jesuitenorden eine militärisch disziplinierte Schar von Kämpfern für die römische Kirche schaffen wollte. Die militärische Tugend des Gehorsams kann wirklich auch auf geistigem Gebiet ungemein segensreich wirken, wenn sie im richtigen Sinn verlangt und geübt wird, und William Booth hat seine Heilsoffiziere und Heilssoldaten nie zu willenlosen Jesuiten, sondern zu selbständig denkenden und handelnden Mitarbeitern erziehen wollen. Aber nicht nur ihre stramme Ordnung und Einheitlichkeit verdankt die Heilsarmee ihrer militärischen Idee, sondern noch etwas Größeres, nämlich eine beständige Anregung der Begeisterung ihrer Mitglieder. Man könnte ja sagen: Das dürfte nicht so sein, echte Begeisterung für die gute Sache müsse sich halten auch ohne |367 diese Redensarten von Krieg und Feldzug und Vorposten usw. Natürlich! wenn die Menschen wären, wie sie sollten! Aber nun sind eben auch die Offiziere und Soldaten der Heilsarmee schwache Menschen und haben an diesem konsequent durchgeführten Gleichnis vom Krieg einen mächtigen Ansporn und einen starken Halt. Warum sollten sie ihn nicht haben? Wenn ja nur die Begeisterung und die gute Arbeit schließlich da ist, mag sie denn unterstützt sein, mit welchen Mitteln sie wolle. Wir sollten da etwas weniger kleinlich sein mit unserm Urteil. |

Und nun gilt dasselbe von all den mehr äußerlichen oder mehr innerlichen militärischen Besonderheiten der Heilsarmee, an denen man gewöhnlich Anstoß nimmt. Wenn man sich vorhält: Die Liebe Christi dringet sie also, dann wird man schließlich so ziemlich Alles daran verstehen und schätzen lernen, auch wenn man es für seine Person nicht nachzuahmen gedenkt. Wozu diese Fahnen, sagt man, mit der Inschrift «Blut und Feuer»?10 Nun, das Blut ist das «Blut Christi» und das Feuer ist das «Feuer des heiligen Geistes». Warum sollte die Erinnerung daran nicht auf der Fahne stehen? Warum sollte das eine Entweihung sein, wie man schon gesagt hat? Eine Entweihung könnte ich nur darin sehen, dass mit dem, was auf der Fahne steht, nicht Ernst gemacht wird. Da könnte aber mancher weltliche Verein, der das Schweizerkreuz und allerlei große Worte auf der Fahne führt, eher an seine Brust schlagen als die Heilsarmee, der es jedenfalls mit ihrer Fahneninschrift Ernst ist. Wozu aber die Uniformen? fragt man weiter. Ich glaube, auch hier handelte General Booth aus tiefer Menschenkenntnis. Denken wir uns hinein in irgend einen verrufenen Winkel der Großstadt. Da taucht die blaue Uniform auf, der Hallelujahut. Ja, da braucht der Evangelist oder die Evangelistin, die in dieser Kleidung stecken, noch gar nicht den Mund zu öffnen, es wissen es sofort alle Leute, um was es sich handelt, sie werden durch den bloßen Anblick an gewisse ernste Gedanken erinnert, die ihnen sonst ganz ferngeblieben und die durch den Anblick des schönsten Modehutes jedenfalls nicht |368 in ihnen erwacht wären. Die Uniform ist eine stumme Predigerin, ein unbewusstes Propagandamittel. Und auch für die, die in der Uniform stecken, ist sie sicher von Wert. Sie zwingt sie ja förmlich, zu ihrer Sache zu stehen, zu bekennen. Wer einen solchen Hut trägt, der hat damit schon Farbe gezeigt, ob er will oder nicht, jetzt gibt es kein Rückwärts mehr, jedermann weiß, wer man ist. Ich glaube, es wäre manchem allzu vorsichtigen und unentschiedenen Christen auch außerhalb der Heilsarmee zu wünschen, er müsste auch so eine Uniform oder so einen Hut tragen, damit er sein Christentum nicht alle Augenblicke in die Tasche stecken und sagen könnte: Ich kenne den Menschen nicht [Mt. 26,72.74], wie einst Petrus! Das Reich Gottes auf der Erde würde dabei sicher ungeahnte Fortschritte machen! |

Was soll man weiter denken von sogenannten Wirtschaftsbrigaden der Heilsarmee, von diesen Gruppen von Männern und Frauen, die regelmäßig die öffentlichen Lokale besuchen und da zur Guitarre ihre Lieder singen und den «Kriegsruf» an den Mann zu bringen suchen? Ich habe schon sagen hören, auch das sei unwürdig. Ich weiß nicht, ob ich denn so anders veranlagt bin als Andre, aber ich bin einmal dabei gewesen als Student, und ich konnte gar nichts Unwürdiges dabei finden. Die meisten Leute hören ganz ruhig zu, und wenn der Eine oder Andre seine Verlegenheit hinter schlechten Witzen zu verstecken sucht, so ist das nur ein gutes Zeichen für die Heilsarmee. General Booth ging bei dieser Einrichtung von dem sehr einfachen Gedanken aus: Wenn die Leute nicht zu uns kommen, müssen wir zu ihnen gehen. Und weil viele Leute am Sichersten im Wirtshaus zu treffen sind, geht man eben zu ihnen ins Wirtshaus. Warum denn nicht? Seht, vor 20 Jahren, da hat es noch Entrüstung und Halloh abgesetzt, wenn die Heilsarmee sich auf der Straße zeigte, und wir müssen zu unsrer Schande gestehen, dass es unsre schweizerische Bevölkerung damals an grober Unduldsamkeit allen andern Ländern zuvortat, ist doch eine Führerin der Heilsarmee zwölf Monate lang im Schloss Chillon am Genfersee in Haft gehalten worden.11 Diese Zeiten sind vorbei, |369 und heute beginnt auch jenes Auftauchen der blauen Uniformen in den Wirtschaften etwas Selbstverständliches zu werden. Ernsthaften Widerspruch kann man dagegen nur erheben, wenn man der Ansicht ist, die Religion gehöre nur in die Kirche und Betsäle hinein. Und diese Ansicht ist eben eine falsche Ansicht in jedem Sinn. Es ist ganz gut, dass die Heilsarmee da ist und die ruhigen Bürger immer wieder daran erinnert, dass die Religion eine öffentliche Sache ist, die sich allezeit und überall geltend machen soll. |

Und nun komme ich zu dem Einwand, der, wenigstens bei uns, gewöhnlich als der schwerste geltend gemacht wird gegen die Heilsarmee, nämlich zu den predigenden Frauen. Darüber müsste ich eigentlich eine besondere Predigt halten, denn in diesem Punkt erhebt sich gewöhnlich ein wahrer Sturm von Entrüstung von allen Seiten her, so dass ich heute lange nicht Alles sagen kann, was zu sagen ist. Da kommen die mehr weltlich Gesinnten und wissen nicht genug zu sagen, wie unweiblich und unfein es sei, wenn ein junges Mädchen öffentlich und gar noch auf der Straße auftrete und von seinen religiösen Erfahrungen rede. Da kommen die Herren Pfarrer und sagen, diese Majorinnen und Kapitäninnen verstünden nichts von Theologie und sollten doch lieber Diakonissinnen werden. Das kommen die Frommen und wiederholen bis zum Überdruss das Wort des Paulus: Das Weib schweige in der Gemeinde [vgl. 1.Kor. 14,34]. Was soll man dazu sagen? Ich kann auch hier nicht begreifen, warum man die Heilsarmee nicht ruhig machen lässt und sich an dem freut, was es dabei zu freuen gibt. Der Grund, weshalb die Heilsarmee die Frauen so reichlich zu Worte kommen lässt, ist wahrscheinlich sehr einfach. General Booth hat selbst eine ganz ausgezeichnete Frau gehabt, die ihm schon zur Zeit, als er noch Pfarrer war, mit Bewusstsein mehr sein wollte als eine nützliche Haushälterin.12 Sie wollte seine Gehilfin sein in seiner Le|370bensarbeit, und er wollte, dass sie das sei, und sie war es. Man hat sogar gelegentlich gehört, sie sei eigentlich geistig der bedeutendere Teil von Beiden gewesen, und der gewaltige Aufschwung der Heilsarmee sei zum größten Teil ihr Werk.13 Ich will nicht untersuchen, wie es damit steht, aber ich habe Predigten von ihr gelesen, die sind so klar und warmherzig, wie sie die manches Pfarrers nicht sind. Ich meine, damit ist Alles erklärt: Booth hat eine denkende, regsame, geistig lebendige Frau gehabt, und darum hat er den Frauen überhaupt die Fähigkeit zugetraut, die Schranken der Gewohnheit zu durchbrechen und zu tun, was bis jetzt im Ganzen bloß Männer taten. Wer auch solche Frauen kennt, der wird mit ihm einverstanden sein, wer keine solche Frauen kennt, der ist sehr zu bedauern, aber der soll dann in dieser Frage auch nicht mitreden. Die Sache ist wirklich viel einfacher, als man gewöhnlich tut. Es gibt nun einmal Frauen, die Andern etwas zu sagen und zu bieten haben, gerade wie es solche Männer [gibt], und da darf es denn von Beiden fröhlich heißen: Die Liebe Christi dringet uns also! Warum in aller Welt sollten gerade die Frauen ihr Licht unter den Scheffel stellen müssen, wenn sie ein Licht haben? [vgl. Mt. 5,15] Und es gibt andre Frauen, die haben nichts zu sagen oder sie können es nicht, gerade wie es viel solcher Männer gibt, nun, die sollen dann eben schweigen in der Gemeinde, wie es Paulus den vorwitzigen Weibern in Korinth geboten hat, die es offenbar nötig hatten. Aber wohlverstanden: der Spruch gilt dann auch von den Männern, die leeres Stroh dreschen!14 Wir wollen doch einfach das Gute, Göttliche neh|371men, wo wir es finden, und uns an das andre Pauluswort halten: Hier ist weder Mann noch Weib; ihr seid allzumal Einer in Christus Jesus [Gal. 3,28].

Die Heilsarmee ist in all ihrem Tun und Lassen bestimmt durch das Ziel, die Menschen, und zwar gerade die Hoffnungslosen, die Verlorenen zu bekehren, sie zu Gott zu führen. Diesem Ziel haben alle andren Rücksichten zu weichen. Nur wenn man den heißen Strom der Gottesliebe versteht, der durch Alles hindurchgeht, hat man die Heilsarmee verstanden. Ohne dieses Ziel müssen alle ihre Einrichtungen unbegreiflich bleiben. Aber nun erstrebt sie freilich dieses Ziel auf eine ganz andre Art als die meisten andern Kirchen und Gemeinschaften. Booth wollte nicht zu den vielen religiösen Rede-Anstalten, die es schon gibt, eine neue in militärischer Form hinzufügen. Sondern er ist Einer der Ersten gewesen, die es klar ausgesprochen haben: Man kann die Menschen nicht bessern, ohne sie besser zu stellen, Einer der Ersten, denen deutlich der Zusammenhang aufgegangen ist zwischen der Religion und den sozialen Fragen, zwischen der Erneuerung des inwendigen Lebens und der Hebung der äußren ökonomischen Lage der Menschen. Wenn ich recht berichtet bin, so war es gerade in diesem Punkt seine Frau, die noch heller und umsichtiger war als er selbst.15 Aber wie dem auch sei, die Heilsarmee ist von Anfang an auf dem Grundsatz gestanden, dass man den Menschen nicht bloß sagen dürfe: hier ist der gute Weg, geh ihn! sondern dass man ihn auch in die Lage setzen müsse, das auszuführen. Und so ist es zu ihren Sozialwerken gekommen, die ich schon erwähnt habe und die sich, wie gesagt, allgemeiner Anerkennung erfreuen. Ihr Unterschied von andern christlichen Liebeswerken besteht auch hier darin, dass es die Heilsarmee auf die «schlechtesten» Menschen, gerade auf diese, abgesehen hat. |

Und dann das Weitere: dass es auch hier kein «von oben herunter» gibt. Die Flüchtlinge des Lebens, die bei den verschiedenen Häusern der Armee Zuflucht suchen, sollen nicht hineinkommen als in eine |372 Anstalt, sondern in ein Heim, wo sie sich zu Hause fühlen können. Sie sollen auch nicht Almosenempfänger sein. Die Heilsarmee will nicht mildtätig sein, sondern sie will die Leute heben, sie will ihnen eben jenes Bewusstsein ihres eigenen Wertes zurückgeben, das sie meist verloren haben. Das erreicht sie zum Beispiel in ihren Nachtasylen oder in ihrem Arbeitslosenheim in Basel16 sehr praktisch dadurch, dass die ganz Mittellosen sich ihren Unterhalt durch Arbeit, die man ihnen anweist, verdienen müssen. Und die Beamten der Armee stehen bei dieser Arbeit nicht als Aufseher daneben, sondern sie greifen tätig selbst zu beim Holzhacken, und was es sei. In England sind sogar ganze große Landkolonien angelegt worden, auf denen die «Geretteten» der Großstadt geistig und ökonomisch ein neues Leben anfangen können.17 Geeignete Leute werden auch zur Auswanderung nach Kanada angeleitet. Wer zählt die Hunderte und Tausende, denen durch diese Einrichtungen schon geholfen worden ist? Wirklich, wenn William Booth nichts zu Stande gebracht hätte als dieses Netz von Hilfswerken aller Art, er wäre es wert, «einer der edelsten Wohltäter der Menschheit» genannt zu werden, wie es diese Woche geschehen ist.18 Er war es, gerade weil er kein Wohltäter im gewöhnlichen Sinn sein wollte. Er hat der Christenheit das Gewissen geschärft, dass man die Menschen nicht bekehren kann, ohne sie besser zu stellen. Er hat vielleicht übersehen, dass es mit solchen einzelnen Hilfsanstalten wie den seinigen nicht getan sein kann, sondern dass einmal |373 ein Sozialwerk im großen Ganzen kommen muss, wenn nicht nur einzelne Menschen, sondern die ganze Menschheit gehoben werden soll. Da ist wieder seine Frau, wie es scheint, in ihren Ansichten weiter gegangen als er. Aber das, was er getan hat, soll ihm unvergessen sein. Es sind hoffnungsvolle Vorboten einer kommenden Zeit, in der die Kraft Gottes die Trägheit der Menschen überwinden und eine bessere Welt schaffen wird. Und gerade von ihm wollen wir uns sagen lassen: die bessere Welt kommt nur durch bessere Menschen, durch Menschen, die die Kraft Gottes in sich aufgenommen haben. Auch die Sozialwerke der Heilsarmee sind nur zu erklären durch ihre Wurzel: Die Liebe Christi dringet uns also! Ohne diese Wurzel kann man wohl Gefängnisse bauen und Sparkassen einrichten, um die Menschen zu bessern, aber die Gesinnung, die nicht das Ihrige sucht, sondern was des Andern ist [vgl. 1.Kor. 10,24], die wird dann nicht wachsen. Und ohne diese Gesinnung kommt auch die neue Welt nicht.

Ich bin am Ende. Was ich möchte, das ist, dass wir Alle uns heute besinnen, ob wir Anlass haben, uns über die Heilsarmee zu ärgern oder über sie zu lachen. Ob wir nicht besser täten, uns ein wenig vor ihr zu schämen und zu denken: wäre ich nur auf meine Weise ein so entschiedener, ganzer Christ, wie diese Leute es auf ihre Weise sind!19 Ich meine, wenn wir ernstlich darüber nachdenken, was der verewigte General Booth gewollt hat, dann muss uns dieser Wunsch auf die Lippen treten. Und ich meine, es ist gut, dass die Heilsarmee gerade so ist, wie sie ist, denn sie erinnert uns daran, dass wir Christus noch gar nicht kennen, solange seine Liebe nicht auch in uns dringende Liebe geworden ist.

Amen.

Sachfußnoten

1
William Booth (geb. 1829) war am 20. August 1912 gestorben. Zu seinem Leben und Werk vgl. R. J. Green, The Life and Ministry of William Booth, Founder of The Salvation Armee, Nashville/TN, 2006 📖. ↩
2
Während einer Weltreise im Jahr 1907 besuchte Booth auch Japan und kam dort am 20. April zu dieser seltenen Ehre: «General Booth wird in Japan mit unerhörten Ehren überhäuft. Am Samstag empfing der Kaiser den Gründer der Heilsarmee, der die Galauniform angelegt hatte» (N. N., General Booth in Japan, in: Der Bund. Eidgenössisches Zentralblatt, Jg. 58, Nr. 191 vom 24./25. April 1907 [Abendblatt], S. 1 📖). Diese «Audienz» beim «Kaiser von Japan» erwähnt auch N. N., General Booths Leben und Wirken, in: Basler Nachrichten, Jg. 68, Nr. 229 vom 23.8.1912 (1. Beilage) 📖. ↩
3
In der ersten Meldung der «Basler Nachrichten» zum Tod William Booths hieß es nach einer Schilderung der vielfältigen Bedenken und Anfeindungen, denen die Arbeit der Heilsarmee zumal in der Schweiz ausgesetzt war: «Und wie hat sich das alles geändert! Volk und Regierungen stehen ihr heute wohlwollend gegenüber, sie erhält sogar staatliche Subventionen und findet für ihr soziales Wirken allenthalben Anerkennung» (N. N., Tagesbericht, in: Basler Nachrichten, Jg. 68, Nr. 228 vom 22.8.1912 📖). Ähnlich: Th. Kolde, Art. «Heilsarmee (Salvation Army)», in: RE3 7, S. 578–593, dort S. 585, Z. 52–58 📖: «Auf der andern Seite leisten die Heilssoldaten aber wirklich auf socialem Gebiete in der Bekämpfung der Trunksucht, der Unzucht und des Pauperismus […] soviel, daß ihnen als kaum noch entbehrlichen Helfern in der Heimat neuerdings mehr als je Geld und Sympathie, […] sich zuwenden. Und ähnliche Beobachtungen kann man in andern Ländern machen.» ↩
4
Der «Kriegsruf» / «War Cry» erschien seit 1880 wöchentlich und wurde «bald in Hunderttausenden von Exemplaren auf der Straße verkauft» (a.a.O., S. 580, Z. 48f. 📖); 2007 wurde die Zeitschrift umbenannt und erscheint seitdem länderspezifisch unter verschiedenen Titeln. ↩
5
«Hallelujahut» ist die selbst verwendete Bezeichnung für den runden Hut, der bis 1971 zur Uniform der weiblichen Mitglieder der Heilsarmee gehörte; vgl. N. N., Halleluja! 150 Jahre Internationale Heilsarmee, in: Magazin der Heilsarmee Schweiz, Nr. 6, Juni 2015, S. 12 📖. ↩
6
William Booth gehörte zur «Methodist New Connexion», die sich 1797 von der größeren «Wesleyan Methodist Church» abgespalten hatte. ↩
7
Vgl. dazu besonders die vielbeachtete und weit verbreitete Schrift: W. Booth, In darkest England and the way out, London (18901) 1975 📖; dt.: ders., Im Dunkelsten England und der Weg heraus, übers. von D. C. Leisering, Lüdenscheid 2020 📖. ↩
8
Vgl. N. N., Tagesbericht 📖 (Anm. 3): «Dabei darf aber auch das nicht außer acht gelassen werden, daß die Heilsarmee ein Stück Christentum besser zum Ausdruck gebracht hat, als vielleicht irgend eine andere Kirche oder Denomination. Sie hat die von Christus verkündigte Barmherzigkeit in die Tat umgesetzt, ganz, rückhaltlos, ohne Einschränkung.» ↩
9
Ähnlich schildert Kolde (Anm. 3), S. 579, Z. 41–49 📖, diesen Vorgang. ↩
10
Die 1879 eingeführte «blutrote» Fahne der Heilsarmee «mit goldgesticktem Wappen» zeigte eine «Schlange am Kreuze, worüber sich zwei Schwerter kreuzen mit der Umschrift ‚Blut und Feuer’, darüber eine fünfzinkige Krone, darunter auf einem Spruchband ‚die Heilsarmee’» (Kolde [Anm. 3],S. 579, Z. 58–580, Z. 1 📖). ↩
11
Das Eindringen der Heilsarmee in die Schweiz erregte, verglichen mit anderen Ländern, das «größte Aufsehen» (Kolde [Anm. 3], S. 582, Z. 22 📖), und es kam «zu rohen Exzessen gegen sie und ihre Angehörigen, in denen alle Bessergesinnten eine Schande für die Schweiz sahen» (a.a.O., S. 583, Z. 51f.). Verschiedene Kantone erließen – bald wieder aufgehobene – Sondergesetze gegen ihr Wirken, und noch im Jahr 1888 «wurde Kapitänin Charlotte Stirling, eine schottische Offizierin, 100 Tage im Schloss Chillon gefangen gehalten, weil sie Kindern Religionsunterricht erteilt hatte» (https://heilsarmeemuseum-basel.ch/de/dev/part-data/schweiz-inhalt/anfaenge; zuletzt aufgerufen am 14.11.2021 📖). – Zur Geschichte der Heilsarmee in der Schweiz insgesamt vgl. R. Chevalley / R. Fullerton, Glauben und handeln. Die Geschichte der Heilsarmee in der Schweiz / Croire et agir. L’histoire de l’Armée du salut en Suisse, Bern 2009 📖. ↩
12
Catherine Booth, geb. Mumford (1829–1890), predigte ein erstes Mal schon im Jahre 1860, als ihr Mann noch methodistischer Pfarrer war, und wurde schon zeitgenössisch als «Mutter» und später als «Mitgründerin» der Heilsarmee bezeichnet; vgl. Fr. Booth Tucker, The life of Catherine Booth, the mother of the Salvation army, 2 vol., London 1892 📖; R. J. Green, Catherine Booth: A Biography of the Cofounder of the Salvation Army, Grand Rapids MI 1996 📖. ↩
13
Nicht zuletzt bei den ersten Auftritten der Heilsarmee in der Schweiz, in Genf 1882 und in Neuchâtel 1883, spielte Catherine Booth eine mitentscheidende Rolle; vgl. Kolde (Anm. 3), S. 582, Z. 22–60 📖; R. Pfister, Kirchengeschichte der Schweiz, Bd. 3: Von 1720 bis 1950, Zürich 1985, S. 277f 📖. Insgesamt stellt Kolde, S. 578, Z. 43–45, fest, «nach dem Urteile derer, die die Verhältnisse kennen», seien «die meisten die Bewegung charakterisierenden Ideen auf Frau Booth zurückzuführen». ↩
14
«Leeres Stroh» drischt, wer unnütz oder umsonst arbeitet; im übertragenen Sinn wird diese Redensart schon seit dem 16. Jahrhundert auf unnützes oder unsinniges Reden angewendet; vgl. Röhrich V, S. 1575f 📖. ↩
15
Laut Kolde (Anm. 3), S. 585, Z. 9–20 📖, schrieb Booth 1890 auch sein hierfür programmatisches Buch In darkest England and the way out 📖 (s. Anm. 7) «mit Hilfe seiner im Sterben liegenden Frau» (Zitat: Z. 10f.). ↩
16
«Das erste Nachtasyl für Männer wurde in Genf am 2. Juni 1899 […] eröffnet, […]. Ähnliche Asyle wurden dann in Basel, Lausanne und Vevey eröffnet und ihnen eine Arbeitshütte angeschlossen, wo Arbeitslose vorübergehende Beschäftigung finden» (A. Zihlmann, Die soziale Arbeit der Heilsarmee, in: Der Armenpfleger. Monatsschrift für Armenpflege und Jugendfürsorge, Jg. 56 [1959], Nr. 8, S. 57–59, dort S. 58 📖). ↩
17
Von einer solchen Kolonie berichtet G. Bosshard, Ein Besuch auf einer englischen Farmkolonie der Heilsarmee, in: Der Armenpfleger. Monatsschrift für Armenpflege und Jugendfürsorge, Jg. 8 (1910/11), Nr. 12, S. 105–107 📖. ↩
18
Vgl. A. L., General Booth, in: Neue Zürcher Zeitung, Jg. 133, Nr. 232 vom 21.8.1912 (Drittes Abendblatt), S. 1 📖: «Die Menschheit hat den Verlust eines Wohltäters zu beklagen; ein edler Menschenfreund […] ist gestorben, General Booth. […] So alt er war, […], dachten wir doch nie daran, daß dieser Mann auch sterben müsse. Nun ist das Unerwartete Ereignis geworden, und die Menschheit hat den Verlust eines ihrer tatkräftigsten Wohltäter zu beklagen.» ↩
19
Eine eindrückliche Gestalt der Heilsarmee war für Barth ein einstiger Klassenkamerad aus Bern, Ernst von May (1885–1944), der sich nach einem Studium der Kunstgeschichte 1910 in Berlin zum Offizier der Heilsarmee ausbilden ließ. Barth lud ihn 1915 zu Vorträgen in der Safenwiler Kirche ein und schrieb darüber: «ich habe mich eigentlich geschämt vor diesem Menschen mit meinem bisschen innern Tun und mit all meinen Orientierungsfragen und Zänkereien, vor diesem selbstverständlichen schlichten Leben in der Liebe Gottes, in dem Alles so organisch und gar nichts Gemachtes ist» (Brief an E. Thurneysen vom 23.11.1915 [KBA 9270.62; Bw.Th. I, S. 106f. 📖]). ↩