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        <title type="volume" n="vol-56">Predigten 1912</title>
        <title type="content">Predigt: Psalm 118,8</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Psalm 118,8, 1. September 1912 – kein Datum</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/56038 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1912, hrsg. v. Busch, Eberhard / Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2022, S. .</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/56038</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1912</title>
          <title type="text">Predigt: Psalm 118,8</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2022</date>
          <!--position within a volume-->
          <biblScope unit="part">38</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Ps 118,8, 1. September 1912. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1572">KBA 1108</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" from="1912-09-01">1. September 1912 – kein Datum</date>
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          <term>sermon</term>
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                        <idno>130</idno>
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                <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, den <date when="1912-09-01">1. September 1912</date>
                    </dateline>
                  <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.118.8">Psalm 118,8</ref>
                <quote>Es ist gut, auf den Herrn vertrauen und nicht sich verlassen auf Menschen.</quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                <salute>Liebe Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                    <p>Auf diesen Vers folgt im 118. Psalm ein anderer, der ganz ähnlich lautet; er heißt: <hi rend="italic">es ist gut, auf den Herrn vertrauen und nicht sich verlassen auf Fürsten</hi>[<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.118.9">Ps. 118,9</ref>]. Vielleicht wäre es ganz nützlich, wenn gerade am heutigen Sonntag an manchen Orten der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName> über <hi rend="italic">diesen</hi> Text gepredigt würde. 
                        Denn weil uns in diesen Tagen der <persName ref="kbga-actors-839">deutsche Kaiser</persName> mit seinem Besuch beehren wird,<note xml:id="n01">
                            <p> Nach langen Vorbereitungen besuchte Kaiser <persName ref="kbga-actors-839">Wilhelm II.</persName> vom <date to="1912-09-07" from="1912-09-03">3. bis 7. September 1912</date> die <orgName ref="kbga-actors-8387">Schweiz</orgName>; er traf am 3. September in <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName> ein und besuchte am 6. September <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName>. 
                            Schon zuvor hatte er angekündigt, während seines Besuchs in der republikanischen Schweiz auf Teile des Hofzeremoniells zu verzichten. Die Volkstümlichkeit des Besuchers «überrascht und begeistert» Bevölkerung und Presse, die Straßen Zürichs sind bei seiner Ankunft überfüllt, «Balkonplätze werden für tausend Franken vermietet» (<bibl corresp="kbga-bibls-1232">R. App, <hi rend="italic">Wilhelm II. – der umjubelte Gast</hi>, in: St. Galler Tagblatt, 31.8.2012 [https://www.tagblatt.ch/panorama/wilhelm-ii-der-umjubelte-gast-ld.940181; 
                            zuletzt aufgerufen am 10.11.2021]</bibl>). Unter der Menge befand sich auch Barth, der tags zuvor nach Zürich gereist war; in seinem <ref type="kba-objects-id" target="91490">Kalender</ref> notierte er: «Kaiserempfang!» (<ref type="kba-objects-id" target="91490">Taschenkalender</ref>, Eintrag vom 3.9.1912). Noch 1968 erinnerte er sich: «Es seien damals freiwillige Helfer für den Empfang des Kaisers gesucht worden […]. Er habe sich mit seinem Schlapphut bedeckt, weil er vernommen habe, 
                            dass er aufgrund einer Vermittlung der Safranzunft als Spaliersteher beim Einzug der Majestät in Frage komme. Tatsächlich wurde er da gebraucht. Allerdings […] sei er mit einer Melone ausgestattet worden» (<bibl corresp="kbga-bibls-1234">E. Busch, <hi rend="italic">Meine Zeit mit Karl Barth. 
                            Tagebuch 1965–1968</hi>, Göttingen 2011, S. 585</bibl>). – Zum Besuch insgesamt vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1235">G. Kreis, <hi rend="italic">Kaisermanöver bei Kaiserwetter. Wilhelm II. zu Besuch in der republikanischen Schweiz</hi>, in: ders., <hi rend="italic">Vorgeschichten zur Gegenwart. Ausgewählte Aufsätze</hi>, Bd. 6, Basel 2013, S. 73–78</bibl>.</p>
                        </note> 
                            könnten manche Leute auch bei uns in unserm republikanischen Land auf den Gedanken kommen, sich auf Fürsten zu verlassen. Ich meine nicht nur die Herren Hoteliers und andern Gewerbetreibenden, die jetzt alle zehn <pb xml:id="p375" ed="pga"/> Finger ausstrecken, um bei diesem einzigartigen Anlass ein schönes <term ref="kbga-terms-1418">Geschäft</term> zu machen. Die haben es ja jetzt zum Teil bereits zu ihrem Kummer erfahren müssen, 
                            dass es nicht gut ist, sich auf Fürsten zu verlassen, weil sie auch Menschen sind und krank werden können wie Andre.<note xml:id="n02">
                            <p> Die am 26. August bekannt gewordene Erkrankung des <persName ref="kbga-actors-839">Kaisers</persName> an einer «Erkältung […], welche mit leichtem, 
                            aber sehr schmerzhaftem Muskelrheumatismus verbunden» war (<bibl corresp="kbga-bibls-1236">N. N., <hi rend="italic">Erkrankung des Kaisers</hi>, in: Basler Nachrichten, Jg. 68, Nr. 232 vom 27.8.1912</bibl>), und ihre möglichen Auswirkungen auf den für die folgende Woche geplanten Besuch in der Schweiz beschäftigten die «<orgName ref="kbga-actors-5804">Basler Nachrichten</orgName>» von nun an täglich. 
                            Am 28. August hieß es, die eingehenden Nachrichten ließen die «<hi rend="italic">Ausführung des beabsichtigten Besuches zweifelhaft erscheinen</hi>» (<bibl corresp="kbga-bibls-1237">N. N., <hi rend="italic">Zum Kaiserbesuch</hi>, in: a.a.O., Nr. 233 vom 28.8.1912 [2. Beilage]</bibl>), 
                            am 30. dann konnte endlich Entwarnung gegeben werden: «Der Kaiser <hi rend="italic">kommt</hi> also in die Schweiz». Allerdings sah er sich «auf ärztlichen Rat […] zu seinem lebhaften Bedauern genötigt […], den Ausflug ins <placeName ref="kbga-places-172">Berner Oberland</placeName> und den Besuch von <placeName ref="kbga-places-389">Interlaken</placeName> und <placeName ref="kbga-places-435">Luzern</placeName> aufzugeben» (<bibl corresp="kbga-bibls-1238">N. N., <hi rend="italic">Der Kaiser kommt in die Schweiz</hi>, 
                            in: a.a.O., Nr. 235 vom 30.8.1912</bibl>; zum ursprünglichen Programm vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1239">N. N., <hi rend="italic">Das Programm für den Besuch des deutschen Kaisers</hi>, in: Berner Intelligenzblatt, Jg. 79, Nr. 219 vom 10.8.1912, Abend-Ausgabe, [S. 1]</bibl>).</p>
                        </note> Aber viel schlimmer wäre etwas Anderes: wenn wir übrigen <term ref="kbga-terms-1358">Schweizer</term> uns nämlich zu stark beehrt fühlen würden durch die Aufmerksamkeit, 
                            die uns dieser hohe Herr erweist, und durch die Lobsprüche, die er ja wahrscheinlich unsern Staatseinrichtungen und unserm <term ref="kbga-terms-1814">Militärwesen</term> höflicherweise spenden wird. Das wäre fatal, wenn wir das Alles als bare Münze nehmen und denken würden, was für ein vortreffliches Volk wir doch seien, wenn wir uns einbilden wollten, Alles sei gut und in der Ordnung bei uns, wenn unsre Soldaten in den Manövern ihre Sache gut gemacht haben,<note xml:id="n03">
                            <p> 
                            Tatsächlich war das extra als «Kaisermanöver» abgehaltene große Herbstmanöver des 3. Armeekorps im <placeName ref="kbga-places-848">Toggenburg</placeName> wohl der für den Besucher wichtigste Teil seines Aufenthaltes in der <placeName ref="kbga-places-58">Schweiz</placeName>; <persName ref="kbga-actors-839">Wilhelm II.</persName> wollte sich explizit einen Eindruck von der Stärke der Schweizer Armee verschaffen und fand am Ende lobende Worte über die «trefflichen militärischen Eigenschaften der schweizerischen Truppen» (<bibl corresp="kbga-bibls-1232">App [Anm. 1]</bibl>). Das Manöver, an dem etwa 24 000 Soldaten teilnahmen, wurde – sicher auch aufgrund des hohen Besuchers, der sich am <date to="1912-09-05" from="1912-09-04">4. und 5. September 1912</date> 
                            im Manövergebiet aufhielt – zu einem Massenspektakel: über 100 000 Schaulustige fanden sich ein, die teils mit Extrazügen anreisten (vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-1235">ebd.; Kreis [Anm. 1], S. 73f.</bibl>). </p>
                        </note> woran wir ja gar nicht zweifeln, und wenn der <placeName ref="kbga-places-362">Zürchersee</placeName> und die Alpenaussicht den Beifall des <pb xml:id="p376" ed="pga"/> Kaisers findet. Wenn wir darüber irgendwie behaglich und zufrieden werden wollten, dann würden wir sicher das weit ärgere Defizit und die traurigere <term ref="kbga-terms-1821">Enttäuschung</term> erleben, als es jetzt den armen Oberländern und Luzernern widerfahren ist, 
                            die sich auf den Besuch so gefreut und in Staat geworfen hatten.<note xml:id="n04">
                            <p> Vgl. oben, <ref type="pub" target="#fn_n02">Anm. 2.</ref>
                            </p>
                        </note> – |</p>
                    <p>Aber nicht von dieser Enttäuschung und von diesem Defizit will ich euch heute reden. Wir wollen hoffen, dass wir in und nach diesen Kaisertagen ein vernünftiges Volk sein werden und dass besonders unsre großen Leute uns nicht durch zu große Unterwürfigkeit bloßstellen werden.</p>
                    <p>Jetzt wollen wir von der andern, viel allgemeineren und wichtigeren Warnung des Psalmsängers reden: <hi rend="italic">Es ist gut, auf den Herrn vertrauen</hi>, sagt er, <hi rend="italic">und nicht sich verlassen auf Menschen</hi>. Was von den Fürsten zu sagen ist, das gilt eben von allen Menschen. 
                            Es liegt eine große und reife <term ref="kbga-terms-131">Lebenserfahrung</term> in diesem Wort und zugleich eine große und reife <term ref="kbga-terms-41">Gotteszuversicht</term>. Aber wenn wir die verstehen und uns aneignen wollen, dann müssen wir vor Allem auch auf das Gefühl der <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-1821">Enttäuschung</term></hi> achten, das darin zum Ausdruck kommt und das der Mann, der dieses Wort ausgesprochen, sicher selbst durchgemacht hat. Es ist gut, sich <hi rend="italic">nicht auf die Menschen zu verlassen</hi>, sagt er. Das ist ein hartes, ein trauriges Wort. Aber es ist oft so, dass gerade das Traurige wahr ist und dass wir ihm ganz auf den Grund gehen müssen, um das Gute und Freudige zu entdecken das darunter verborgen ist. 
                            Wenn man sich auf jemand verlässt, so heißt das, dass man seiner sicher ist, dass man bestimmt denkt: so, wie ich ihn oder sie ansehe, so ist er, so ist sie. Es wäre so schön, wenn wir uns auf die Menschen verlassen könnten, wenn wir ihrer sicher wären. Es ist einer der tiefsten <term ref="kbga-terms-1412">Triebe</term> in unsrer Brust, der uns gerade danach verlangen lässt. Aber gerade darin hat sicher schon jedes unter uns mehr oder weniger schmerzliche Erfahrungen gemacht. – |</p>
                            <p>Wir können uns auf die Menschen verlassen, indem wir ihnen irgend etwas <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-829">Gutes</term> zutrauen</hi>, irgendwelche schöne Eigenschaften und Fähigkeiten vielleicht. Wir haben uns gleichsam ein Bild gemacht von einem Andern. Er ist edel und hochsinnig, denken wir, er ist treu und aufrichtig, er hat ein selbständiges Urteil, er ist ein nachdenklicher <pb xml:id="p377" ed="pga"/> Mensch und strebt nach dem Höhern. Und nun verlassen wir uns darauf, dass das Bild Wahrheit ist. 
                            Wie manche junge Frau ist mit solchen Gedanken über ihren Mann in die <term ref="kbga-terms-1710">Ehe</term> hineingegangen und hat ihm ihr Lebensglück in die Hände gelegt. Wie Mancher ist mit solchen Gedanken eines Andern Freund geworden und hat ihm sein innerstes Herz eröffnet. 
                            Wie Mancher hat mit solchen Gedanken irgend einem Nothelfer in äußern oder innern Schwierigkeiten sein Vertrauen geschenkt. Wie mancher <term ref="kbga-terms-137">Pfarrer</term> ist schon mit solchen Gedanken von seiner neuen Gemeinde aufgenommen worden. Und wie viele junge und alte Leute sind schon mit solchen Erwartungen in eine <term ref="kbga-terms-796">Familie</term> oder in einen Verein eingetreten. Wir trauten den Menschen Gutes zu, das Beste sogar, und dann kam Alles so ganz anders. 
                            Hinter der Biederkeit und Rechtschaffenheit des Andern, deren wir sicher zu sein meinten, verbarg sich die schlaue, behäbige <term ref="kbga-terms-1558">Selbstsucht</term>. Aus dem Bilde der Treue und Aufrichtigkeit, das wir uns gemacht, glotzte uns doch wieder eine ganz selbstverständliche Verlogenheit und Hinterhältigkeit entgegen. Wo wir lautere Liebe und Güte erwarteten, begegnete uns, als wir in die Nähe traten, innere Kraftlosigkeit und Liederlichkeit, der jedes Opfer zu viel ist. 
                            Wo wir einen aufrechten Mann mit selbständiger Meinung suchten, da fanden wir einen <term ref="kbga-terms-1815">Herdenmenschen</term> wie alle Andern, der aus seinen engen Partei- und Standes- und Kirchturmsanschauungen nicht herauszugehen vermochte. Und wo wir auf tieferes Nachdenken, auf großzügiges Handeln, auf Schwung und Begeisterung rechneten, da fanden wir, 
                            in der Nähe besehen, die alte <term ref="kbga-terms-1817">geistige Faulheit</term>, die alten kleinlichen <term ref="kbga-terms-1558">Privatinteressen</term>, die alten erbärmlichen persönlichen Zänkereien. Da muss eine Frau schon nach wenigen Monaten ihrer <term ref="kbga-terms-1710">Ehe</term> entdecken, dass sie sich für ihr Leben auf einen Rohrstab gestützt hat, der jeden Augenblick einknicken und ihr in die Hand fahren kann. Da findet einer in seinem besten Freund statt einer Perle einen Kieselstein. 
                            Und da kommt einer in eine Gesellschaft und muss merken: Null! Es ist doch nur <term ref="kbga-terms-1665">Geschwätz</term> und <term ref="kbga-terms-1430">Zank</term> und persönliche Wichtigtuerei, was die miteinander treiben. |</p>
                    <p>Aber man kann sich noch auf andre Weise auf die Menschen verlassen, nämlich damit, dass man ihnen nicht nur <term ref="kbga-terms-1768">Vertrauen</term> schenkt, 
                            sondern für sich selber <hi rend="italic">Vertrauen von ihnen erwartet</hi>. Das gehört auch zu jenem tiefen Verlangen unsrer <term ref="kbga-terms-356">Seele</term>. Wir möchten so gerne, dass unsre <term ref="kbga-terms-800">Mitmenschen</term> zuversichtlich mit uns verkehren, dass sie die <pb xml:id="p378" ed="pga"/> Reinheit unsrer Gedanken anerkennen, dass sie unsre Absichten so verstehen, wie wir es meinen, dass sie ihre Hand in der unsrigen lassen, auch wenn ihnen nicht gleich Alles leicht begreiflich ist, was wir tun. 
                            Wir möchten, dass die Andern an uns glauben, jawohl, ich brauche absichtlich dieses Wort. Wie traurig macht es uns, wenn wir merken, dass wir diesen Glauben, dieses Vertrauen der Andern nicht besitzen. Aber gerade dieses Traurige müssen wir immer wieder erleben. Gerade darin können wir uns auf die Menschen so gar nicht verlassen, dass sie uns wirklich ihr Zutrauen schenken. Denn die Menschen sind in ihrer großen Mehrzahl nicht zutraulich, sondern <term ref="kbga-terms-1818">misstrauisch</term>. 
                            Vielleicht ist das auch eine Folge der vielen <term ref="kbga-terms-1821">Enttäuschungen</term>, die wir aneinander erleben müssen. Es ist oft, wie wenn sie darauf lauerten, überall ein Haar in der Suppe zu finden, wie wenn sie sich förmlich darüber freuten, über Einen, über den bis jetzt noch nichts zu sagen war, nun auch den Kopf schütteln oder brummeln oder laut schimpfen zu können, 
                            wie über so viele Andre. |</p>
                    <p>Seht, ich will euch offen sagen, an was ich in diesem Augenblick denke: ich bin jetzt der vierte <term ref="kbga-terms-1897">Pfarrer</term> von <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, aber über alle meine drei Vorgänger<note xml:id="n05">
                            <p> Die Vorgänger Barths seit der 1866 erlangten Selbständigkeit der <orgName ref="kbga-actors-9071">Kirchgemeinde Safenwil</orgName> waren: <persName ref="kbga-actors-5859">Friedrich Siebenmann</persName> (1818–1895), Pfarrer in <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName> von 1866 bis 1891, <persName ref="kbga-actors-3915">Paul Reinhardt</persName> (1865–1939), 1891–1907, 
                            und <persName ref="kbga-actors-561">Karl Fueter</persName> (1884–1963), 1907–1911. </p>
                        </note> habe ich schon klagen hören, und zwar gewöhnlich so, dass wegen irgend eines dummen Missverständnisses gänzlich und für immer der Stab über sie gebrochen wurde. Ja, wenn diese Männer sich auf Menschen hätten verlassen wollen, auf das <term ref="kbga-terms-1768">Vertrauen</term> der <term ref="kbga-terms-1819">Safenwiler</term>, unter denen sie Jahre und Jahre zugebracht, dann wären sie übel dran. 
                            Denn jetzt denkt man in vielen Häusern nicht mehr im Geringsten an alle Mühe, die sie sich gegeben haben, sondern nur noch an irgend eine erbärmliche Geschichte oder an ein falsch aufgefasstes Wort, dann ging man ihnen nicht mehr in die Kirche oder nur noch an der Ostern, und dann war das Urteil fest für alle Zeiten: kein rechter Pfarrer! Und so geht es nicht nur den <term ref="kbga-terms-137">Pfarrern</term>, wenn man auch da dem <term ref="kbga-terms-1818">Misstrauen</term> besonders stark ausgesetzt ist, sondern das kann jedermann an sich erfahren. Da hast du von den Leuten erwartet, sie würden dich verstehen, dass du es gut meinst. 
                            Aber nein! Plötzlich vernimmst du, dass man ein Wort, das du gele<pb xml:id="p379" ed="pga" break="no"/>gentlich hingeworfen, gepackt und von allen Seiten beguckt und schließlich gräulich verdreht hat, so dass man dir jetzt Gedanken und Absichten zuschreibt, bei denen du die Hände über dem Kopf zusammenschlagen möchtest vor Verwunderung darüber, was über Nacht aus dir geworden sei. 
                            Da hast du dir gedacht, wenn einer gegen dich sei, so seien doch immer noch viele, die für dich seien; du hast gemeint, man werde zu dir halten, aber nein, das Misstrauen steckt an, jetzt legt man dir dies krumm aus und jetzt jenes; und wenn du einmal die Mehrheit gegen dich hast, 
                            dann wirst du deine Freunde bald zählen können. Du hast erwartet, man werde auch deine Fehler verstehen und verzeihen, man werde <term ref="kbga-terms-829">das Gute</term> an dir höher schätzen als <term ref="kbga-terms-174">das Böse</term>. Verlass dich ja nicht darauf! Wenn du mit dem kleinen Finger einen Fehler machst, so kannst du sicher sein, dass zehn Menschen da sind, die sich darüber freuen, 
                            weil sie jetzt einen Grund haben, misstrauisch zu sein gegen dich. Wenn du auf das <term ref="kbga-terms-1768">Vertrauen</term> der Leute zu dir dein Haus bauen willst, dann fällt es sicher zusammen, denn unter hundert Menschen wirst du kaum einen finden, 
                            der so rein ist, dass er dir ganz ohne Freude an Misstrauen, ohne Hintergedanken entgegentritt, und bei den übrigen gleicht dieses <term ref="kbga-terms-1818">Misstrauen</term> der schwarzen Spinne in <persName ref="kbga-actors-1621">Jeremias Gotthelfs</persName> Geschichte:<note xml:id="n06">
                            <p> Gemeint ist <persName ref="kbga-actors-1621">Jeremias Gotthelfs</persName> erstmals 1842 gedruckte Novelle <bibl corresp="kbga-bibls-1240">«Die schwarze Spinne» (in: J. Gotthelf, <hi rend="italic">Ausgewählte Werke</hi>, Bd. 10: <hi rend="italic">Ausgewählte Erzählungen. 
                                Teil 2</hi>, Zürich 1978, S. 1–102</bibl>), in der die Spinne, als Resultat eines Paktes einer frevelhaften Bevölkerung mit dem Teufel freigesetzt, Tod und Verderben brachte und daraufhin in ein Balkenloch gelockt und darin eingesperrt wurde. Jahrzehnte später, als jemand sie aus Übermut freiließ, wiederholte sich alles, kehrten Tod und Verderben zurück.</p>
                        </note> sie können es lange unterdrücken und verlochen und das Loch zuhämmern, es lebt weiter und wird eines Tages, wenn seine Stunde gekommen ist, ausbrechen und neue Verheerungen anrichten. |</p>
                    <p>Ich will noch eine dritte Art nennen, 
                                    wie man sich auf Menschen verlassen kann. Die besteht darin, dass wir den <term ref="kbga-terms-1514">Trieb</term> haben, uns in unsern <term ref="kbga-terms-1690">Gedanken</term> und unserm <term ref="kbga-terms-1691">Tun</term> <hi rend="italic">nach den Andern zu richten</hi>, dass wir denken, so sei’s recht, wenn wir es machen wie die Andern auch. 
                                    Ich glaube, auch diesem Trieb liegt etwas Edles zu Grunde, gerade wie dem Trieb, Andern <term ref="kbga-terms-1768">Vertrauen</term> zu schenken und Vertrauen von ihnen zu erwarten. Wir haben im Stillen den ganz richtigen Gedanken, dass <pb xml:id="p380" ed="pga"/> die Andern unsre <term ref="kbga-terms-1442">Vorbilder</term> und im Notfall unsre Richter sein müssten. 
                                    Ja, [so] sollte es sein, diesen Dienst sollten wir Menschen einander in der Tat leisten. Aber wehe, wenn wir uns darauf verlassen in unserm Denken und Tun, es geht uns nicht gut dabei! Nichtwahr, wir haben auch schon Ahnungen gehabt über dies und das, was gut wäre, aber wir zögerten, wir ließen unsre Gedanken darüber auf halbem Wege stehen, es kam zu keinen Entschlüssen. Warum nicht? Weil wir uns darauf verließen: wenn es wirklich etwas <term ref="kbga-terms-829">Gutes</term> ist, 
                                    dann wird uns schon irgend ein Andrer darin vorangehen. Es wird ja schon ein Andrer den guten Ton angeben und dann will ich mit meiner Stimme auch einfallen. Es wird ja schon einer den Weg bahnen und dann will ich mit meinem Wägelein auch darauf fahren. Und darauf verlassen wir uns und warten. Und die Andern verlassen sich auch darauf und warten auch. 
                                    Und da stehen wir dann Alle, und der Dirigent kann uns noch so lang das Zeichen geben, keiner will zuerst mit dem guten Ton herausfahren. Und man kann uns noch so lang deuten und winken: hier ist der rechte Weg! wir stehen Alle da mit unsern Wägelein und warten auf den, der kommen und den Weg bahnen soll. Wir verlassen uns auf Menschen, einer auf den Andern. 
                                    Wir <term ref="kbga-terms-1514">richten uns nach einander</term>, und zwar im Guten <hi rend="italic">und</hi> im Bösen. Denn wenn uns nun das <term ref="kbga-terms-596">Gewissen</term> umgekehrt sagt: das durftest du nicht tun, das sollte nicht sein! dann beruhigen wir uns damit, dass uns ja weit und breit niemand den Fehler vorhält. Wir denken: solange mir’s niemand ins Gesicht sagt, dass er nicht zufrieden ist, solange kann ich weitermachen wie bisher, solange wird es wohl gut sein. O was für ein Irrtum! Da können wir lange warten! Unter deinen Nachbarn sind so und so viel, die es selber nicht besser machen und wissen. 
                                    Die können dir’s natürlich nicht sagen, so wenig wie ein Blinder dir die Rigiaussicht<note xml:id="n07">
                            <p> Vom Gipfel der in der Zentralschweiz gelegenen, knapp 1800 m hohen <placeName ref="kbga-places-772">Rigi</placeName> aus bietet sich ein großartiges Panorama, das bei klarer Sicht die schneebedeckte Alpenkette, das Schweizer <placeName ref="kbga-places-1085">Mittelland</placeName> mit 13 Seen, 
                                    Ausblicke bis nach <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> und <placeName ref="kbga-places-21">Frankreich</placeName> sowie die Vogelperspektive auf die Städte <placeName ref="kbga-places-435">Luzern</placeName> und <placeName ref="kbga-places-1084">Zug</placeName> umfasst.</p>
                        </note> beschreiben könnte. Aber damit hast du noch lang kein ruhiges Gewissen, dass die Andern auch nicht besser sind als du. Und unter denen, die es besser machen und wissen, 
                                    ist wieder unter 100 kaum Einer, der es dir offen sagen wird. Die zucken im Stillen die Achsel über dich und lassen dich <pb xml:id="p381" ed="pga"/> machen; da muss das Übel schon ziemlich groß geworden sein, bis sie es dich merken lassen, und in vielen Fällen tun sie es erst dann, wenn es zu spät ist. Verlass dich nicht darauf, dass die Menschen dich warnen werden, wenn es nötig ist. 
                                    Sie können es nicht oder sie wollen es nicht. Du darfst nicht bei ihnen Halt suchen!</p>
                    <p>Ja, aber <hi rend="italic">wo</hi> dann? Ja, wo dann? Wie nach einer großen Hagelkatastrophe könnte es Einem zu Mute sein, wenn man so nach allen Seiten gesehen hat, wie wahr das ist, dass man sich nicht auf Menschen verlassen darf. Wo finden wir die <term ref="kbga-terms-1624">Vollkommenheit</term>, die sich nicht, bei Licht besehen, als Unvollkommenheit erweist, wie es uns bei den Menschen geht, 
                                    wo den Freund, der uns versteht und<note place="footnote" n="a" type="textcritical" xml:id="na">
                            <p> Ein überzähliges «und» im <ref corresp="A">Mskr.</ref> wurde von den Hrsg. gestrichen.</p>
                        </note> vertraut immer aufs Neue, wo den Ratgeber, der uns klar und wahr sagt, was gut und was böse ist? Seht, da antwortet uns nun unser Bibelwort in großartiger Schlichtheit und Eindringlichkeit: <hi rend="italic">Es ist gut, auf den Herrn vertrauen</hi>. Es<note place="footnote" n="b" type="textcritical" xml:id="nb">
                            <p> <ref corresp="A">Mskr.</ref>: «Er»; von den Hrsg. korrigiert.</p>
                        </note> 
                                    weist uns auf Gott hin als auf den, der uns das Alles sein kann und sein will, was uns die Menschen nicht sein können und sein wollen. – |</p>
                    <p>Dir fehlt es an aufrichtigen, großdenkenden, liebevollen Menschen, vielleicht in deiner nächsten Umgebung. Du hast ihnen Gutes zugetraut und du <hi rend="italic">hast dich geirrt</hi>, du stehst mit leeren Händen da, ein armer Betrogener. 
                                    Siehe, es gibt eine unerschütterliche, <term ref="kbga-terms-1696">ewige Wahrheit</term>, es gibt ein nie erlöschendes heiliges Feuer des <term ref="kbga-terms-179">Geistes</term>, es gibt eine nie versiegende, Alles durchströmende <term ref="kbga-terms-593">Liebe</term>, – das Alles ist Gott, 
                                    der <term ref="kbga-terms-1711">lebendige Gott</term>. Hast du das auch schon getan: auf ihn vertraut, wenn die <term ref="kbga-terms-1841">Unvollkommenheit</term> deiner Brüder und Schwestern dir Not machte? Verlass dich darauf, in ihm wirst du dich nicht irren, und wenn du dich in allen Menschen geirrt hättest. Denn er ist getreu. Seine <term ref="kbga-terms-186">Güte</term> ist alle Morgen neu über dir [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Klagel.3.23">Klagel. 3,23</ref>] 
                                    und seine <term ref="kbga-terms-485">Gerechtigkeit</term> steht, wie die Berge stehen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.36.7">Ps. 36,7</ref>]. – |</p>
                    <p>Und dir fehlt es an Menschen, die unbeweglich <hi rend="italic">zu dir halten</hi>, die dich verstehen in deinen Worten und in deiner innersten Seele, die dir nicht abspenstig werden, wenn die Mehrheit gegen dich ist und die sich auch durch deine Fehler nicht abschrecken lassen, deine Freunde zu sein. 
                          Sieh, es gibt in der <term ref="kbga-terms-378">Welt</term> eine Macht, die will sich mit dir verbünden, die will dir volles, rückhaltloses Vertrauen schenken, die <pb xml:id="p382" ed="pga"/> will es mit dir halten durch dick und dünn, der kannst du dich in die Arme werfen, wenn alle Stricke reißen, wenn du links und rechts bloß Gleichgiltige und Missmutige und Gegner siehst, die gibt dir Vollmacht, trotzig dazustehen, ganz allein, wenn’s sein muss, und sie Alle herauszufordern: Wer mag wider uns sein? 
                                    Wer will beschuldigen? Wer will verdammen? [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.31 Röm.8.34">Röm. 8,31–34</ref>] Diese Macht weicht und wankt nicht von dir, auch wenn du Fehler begehst, sie sind dir im Voraus verziehen und sie werden dir immer wieder verziehen, denn diese verbündete Macht will dich nun einmal um keinen Preis loslassen, wenn du nur breit und fest dastehst und sie nicht loslässest. Und diese <term ref="kbga-terms-1067">Macht</term> ist wieder Gott, 
                                    der <term ref="kbga-terms-1711">lebendige Gott</term>. Er hält das Bündnis mit seinen Auserwählten, und keine Kreatur vermag sie zu scheiden von seiner Liebe [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.39">Röm. 8,39</ref>]. –|</p>
                    <p>Und du wartest auf Menschen, die dich <hi rend="italic">vorwärtsreißen</hi> sollen zu guten <term ref="kbga-terms-1690">Gedanken</term> und guten <term ref="kbga-terms-1691">Taten</term> und die dich <hi rend="italic">zurückreißen</hi> sollen, 
                                    wenn du am Rande des Abgrunds stehst. Warte nicht zu lange, es könnte dich reuen. Sieh, es gibt einen unvergleichlichen Bahnbrecher und einen unvergleichlichen Widerstand in dieser Welt, in der Alles zaudert, uns für <term ref="kbga-terms-829">das Gute</term> zu gewinnen und vor <term ref="kbga-terms-174">dem Bösen</term> zu bewahren. Es gibt ein Licht, wenn uns das aufgeht, dann wissen wir sofort: 
                                    hier heißt’s unaufhaltsam vorwärts gehen, koste es, was es wolle, und hier heißt’s halt machen und umkehren und etwas Neues anfangen. Und dieses Licht, das nicht flackert und das sich unter keinen Scheffel stellen lässt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.15">Mt. 5,15</ref>], ist wieder Gott. O wenn wir das tun könnten: hindurchgehen durch die <term ref="kbga-terms-1821">Enttäuschungen</term>, 
                                    die uns die Menschen bereiten, und dann mit aller Kraft <term ref="kbga-terms-41">auf den Herrn vertrauen</term>, das heißt: auf <hi rend="italic">seine</hi> <term ref="kbga-terms-1763">Vollkommenheit</term> sehen, an <hi rend="italic">seine</hi> <term ref="kbga-terms-1444">Freundschaft</term> uns halten, <hi rend="italic">sein</hi> <term ref="kbga-terms-1088">Licht</term> in uns leuchten lassen. Ich glaube, wir würden uns dann über jene Enttäuschungen nicht mehr beklagen, 
                                    wir würden uns freuen darüber, dass sie uns mit Gewalt genötigt haben, das, was wir bei den Menschen vermissten, bei Gott zu suchen. Denn bei Gott finden wir nicht bloß das, was wir bei den Menschen suchen und nicht finden, sondern <hi rend="italic">mehr, als wir je von Menschen erwarteten</hi>. Denn er lehrt uns erst so recht, erwartungsvoll, hungrig und durstig zu sein, 
                                    unersättlich nach dem <term ref="kbga-terms-829">Guten</term> und <term ref="kbga-terms-1626">Schönen</term>, unersättlich nach <term ref="kbga-terms-593">Liebe</term>, unersättlich nach <term ref="kbga-terms-1368">Fortschritt</term> im Guten und nach <term ref="kbga-terms-1898">Kampf mit dem Bösen</term>. Er lässt jenen Trieb in unsrer <term ref="kbga-terms-356">Seele</term> nach etwas, worauf wir uns <pb xml:id="p383" ed="pga"/> verlassen können, erst zu einer wahren Inbrunst werden. 
                                    Er stillt unser Verlangen, indem er es immer aufs Neue weckt. Nein, das hätten wir bei den Menschen nie gesucht, was er uns suchen und finden lässt. Gottes Brünnlein hat Wasser die Fülle [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.65.10">Ps. 65,10</ref>], das ist sein Unterschied von allen andern Quellen. Gott sei Dank, werden wir dann bekennen müssen, dass ich gemerkt habe, 
                                    dass es nicht gut ist, sich auf Menschen zu verlassen, denn dadurch habe ich gemerkt, dass es gut ist, auf den Herrn zu vertrauen. – |</p>
                    <p>Aber <hi rend="italic">wie soll ich das machen?</hi> fragst du, dem Herrn vertrauen? Wie soll ich ihn finden, wohin meine Hand ausstrecken, um der seinigen zu begegnen, die ihn halten will? Darauf will ich dir antworten: Wenn du dieses <term ref="kbga-terms-41">Vertrauen</term> gewinnen möchtest, das keine Enttäuschungen kennt, dann musst du es zuerst ganz still werden lassen in deiner <term ref="kbga-terms-356">Seele</term>. 
                                    Lass dich nur durch die <term ref="kbga-terms-1821">Enttäuschungen</term>, die du mit den Andern erlebst, zurücktreiben in dein eigenes Innerstes, Allerheiligstes, das du vielleicht nie aufsuchtest, solang du noch meintest, dich auf die Menschen verlassen zu können. 
                                    Und dann musst du deinen Blick starr auf den einen Punkt richten, wo <hi rend="italic">Jesus deinem Gewissen begegnet</hi>. Das ist ein Punkt, der sich in jeder Menschenseele findet: wo Jesus deinem <term ref="kbga-terms-596">Gewissen</term> begegnet: da ist Gott, der <term ref="kbga-terms-1711">lebendige Gott</term>, und redet zu dir und bietet dir seine treue, 
                                    gewisse Hand und lässt sein Licht hell und rein leuchten in dir. Nicht auf dein Gewissen allein musst du sehen, dein Gewissen ist vielleicht schwach, irrt vielleicht, ist vielleicht verkrüppelt. Und auch nicht auf Jesus allein musst du sehen, sein Wesen könnte dir sonst fremd und verborgen bleiben: 
                                    nur mit den Augen kann man sehen und nur mit den Ohren kann man hören und nur mit dem Gewissen kann man erkennen, was Jesus von uns will und was er uns bringt. Sondern wo Jesus dein Gewissen berührt und trifft, da ist der Herr zugegen, und nun besteht das <hi rend="italic">Vertrauen</hi> einfach darin, dass du ihn machen lässest. Lass dir von <hi rend="italic">ihm</hi> das Bild der Vollkommenheit zeichnen, 
                                    das du bei den Menschen gesucht und nicht gefunden hast, – dann wird der <term ref="kbga-terms-73">Glaube</term> an <term ref="kbga-terms-829">das Gute</term> in der <term ref="kbga-terms-378">Welt</term> wieder unerschütterlich werden. Lass dir von <hi rend="italic">ihm</hi> sagen, dass du Recht hast, und wenn Alle von dir weichen würden, – dann kommt der Trotz über dich, 
                                    der die Welt überwindet. Lass <hi rend="italic">ihn</hi> dein <term ref="kbga-terms-1442">Vorbild</term> sein und deinen <term ref="kbga-terms-888">Richter</term>, – dann wirst du auf keinen Menschen mehr warten müssen, sondern von selber tun, was <term ref="kbga-terms-829">gut</term>, und lassen, was <term ref="kbga-terms-174">böse</term> ist. 
                                    O du musst starr und <pb xml:id="p384" ed="pga"/> unbeweglich auf den einen Punkt sehen, wo <hi rend="italic">er</hi> und dein Gewissen sich treffen, wo die Stimme des Guten, die in dir ist, mit der Stimme der vollendeten <term ref="kbga-terms-186">Güte</term>, die in ihm ist, Zwiesprache hält, wo der <term ref="kbga-terms-1711">lebendige Gott</term>, der in dir schlummert, geweckt wird durch den lebendigen Gott, 
                                    der in ihm ist. Dorthin sehen, das heißt <term ref="kbga-terms-90">beten</term>. Und mit diesem Gebet fängt das große Vertrauen an. Aber wenn du so beten willst, dann musst du die heilige Stille, die innere Einsamkeit bewahren. Denn ohne die kann Niemand Gott schauen.</p>
                    <p>Jetzt muss ich zum Schluss noch etwas hinzufügen. Wenn wir wirklich dahin gekommen sind, dem Herrn zu vertrauen und uns nicht auf die Menschen zu verlassen, dann kann die <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-1821">Enttäuschung</term></hi> 
                                    unmöglich das letzte Wort sein <term ref="kbga-terms-800">gegenüber den Menschen</term>. Wenn Jesus zu unserm <term ref="kbga-terms-596">Gewissen</term> geredet hat, wenn er uns den <term ref="kbga-terms-73">Glauben</term>, den Trotz, das Licht geschenkt hat, die uns die Menschen weder geben noch nehmen können, wenn wir in ihm <term ref="kbga-terms-38">eins geworden sind mit Gott</term>, 
                                    dann können wir nicht dabei stehen bleiben, uns von den Menschen zurückzuziehen und von ihnen abzusondern. Wenn wirklich Gott in Jesus unsre Zuversicht, unsre Burg und unser Wächter geworden ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.91.2 Ps.91.4">Ps. 91,2–4</ref>], dann können wir uns unmöglich mit jenem Wahlspruch eines tapfern Ritters aus dem Mittelalter begnügen: 
                                    Gottes Freund und aller Welt Feind,<note xml:id="n08">
                            <p> Dieser Satz wird prominent dem Seeräuber <persName ref="kbga-actors-9073">Klaus Störtebeker</persName> (1360–1401) als Wahlspruch zugeschrieben. Gemeint sein könnte aber eher <persName ref="kbga-actors-9074">Graf Eberhard I. von Württemberg</persName> (1265–1325), der während seiner Regentschaft in zahlreiche kriegerische Auseinandersetzungen mit dem Reich verstrickt war und sich nach <bibl corresp="kbga-bibls-1241">A. Wiesinger, 
                                    <hi rend="italic">Die vierzehn Nothhelfer mit ihren Bildern und Gegenbildern aus der Leidenszeit</hi>, Wien 1871, S. 168</bibl>, ebenfalls diesen «sonderbaren Wahlspruch» gewählt hatte. Auf ihn passt Barths Zuschreibung «tapferer Ritter» biographisch und nach den erhaltenen Darstellungen in Rüstung (vgl. etwa Figur 3 der Grafenstandbilder im Chor der <placeName ref="kbga-places-1086">Stiftskirche Stuttgart</placeName>) deutlich besser als auf Störtebeker.</p>
                        </note> 
                                    dann muss es uns einfallen, dass Gott seine Sonne scheinen lässt über Gute und Böse und regnen lässt über Gerechte und Ungerechte [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.45">Mt. 5,45</ref>] und dass wir vollkommen sein sollen, wie unser Vater im Himmel vollkommen ist [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.48">Mt. 5,48</ref>]. Wo wirklich das <term ref="kbga-terms-41">Vertrauen</term> ist zum Herrn, da ist auch eine schmale, aber feste <hi rend="italic">Brücke</hi> geschlagen, 
                                    die uns mit allen andern Menschen, den guten und weniger guten und bösen verbindet. Wir verlassen uns nicht auf sie, aber wir können sie auch nicht verlassen, denn wenn wir <term ref="kbga-terms-1055">Gottes Kinder</term> sind, sind sie unsre Brüder. |</p>
                    <p> <pb xml:id="p385" ed="pga" rend="noPipe"/> Auf dieser Brücke werden wir fortan hinüber und herüber gehen. 
                                    Zuerst <hi rend="italic">hinüber:</hi> wir werden uns sagen: wenn wir uns auf sie nicht verlassen können, so sollen sie sich auf uns verlassen können. Trachten wir danach, dass Keiner sich irre, wenn er <hi rend="italic">uns</hi> Gutes zutraut! Trachten wir danach, ihnen Zutrauen zu erweisen und <term ref="kbga-terms-829">das Gute</term> aus ihnen hervorzulocken, auch wenn sie uns hundertmal misstrauen! 
                                    Trachten wir danach, ihnen voranzugehen und sie zurückzuhalten, statt sie warten zu lassen, und wenn sie uns hundertmal warten ließen! In der <term ref="kbga-terms-378">Welt</term> ist’s dunkel, leuchten müssen <hi rend="italic">wir</hi>.<note xml:id="n09">
                            <p> Anfang der 1. Strophe eines Kinderliedes von <persName ref="kbga-actors-984">G. Frei</persName> (u. a. in: <bibl corresp="kbga-bibls-1242">P. Zauleck, <hi rend="italic">Deutsches Kindergesangbuch</hi>, Gütersloh o. J., Nr, 227</bibl>):</p> 
          <q rend="block">
                                <lg>
                                    <l>In der Welt ist’s dunkel,</l> 
                                 <l>leuchten müssen wir;</l>  
                                 <l>du in deiner Ecke,</l> 
                                 <l>ich in meiner hier.</l>
                                </lg>
                            </q>
                        </note> 
                                 Das ist der Weg, der hinüber führt auf der Brücke, die uns <term ref="kbga-terms-800">mit den Menschen</term> verbindet, auf die wir uns nicht mehr verlassen wollen. |</p>
                    <p>Es führt aber auch ein Weg <hi rend="italic">herüber</hi>, von ihnen zu uns: Wenn wir auf den Herrn vertrauen, werden wir uns sagen müssen, dass kein Mensch ganz von ihm verlassen sein kann. 
                                Wenn wir wirklich den unerschütterlichen Glauben haben, dass Gott <term ref="kbga-terms-62">Wahrheit</term> ist über allem <term ref="kbga-terms-563">Irrtum</term> und aller <term ref="kbga-terms-1753">Bosheit der Menschen</term>, dann werden wir lernen, die Menschen mit ganz andern Augen anzusehen als vorher, wo wir uns noch auf sie verlassen wollten. Wir werden ihnen nicht mehr zweifelnd, tastend gegenüber treten, sondern mit der felsenfesten <term ref="kbga-terms-71">Gewissheit</term>, dass etwas Göttliches in einem Jeden sein muss. 
                                Und ich glaube, dann wird sich unsre <term ref="kbga-terms-1821">Enttäuschung</term> immer mehr in <term ref="kbga-terms-1684">Dankbarkeit</term> verwandeln. Wir sehen dann <term ref="kbga-terms-829">Gutes</term> und <term ref="kbga-terms-1626">Schönes</term>, wo wir vorher Nacht und Unrat zu erkennen meinten. Wir spüren leise Regungen des Zutrauens, wo wir früher nur hölzerne <term ref="kbga-terms-1471">Gleichgiltigkeit</term> und Ablehnung empfanden. 
                                Ja, wir empfangen Mahnungen und Warnungen und nehmen sie uns zu Herzen von Menschen, von denen wir nie geahnt hätten, dass sie uns <term ref="kbga-terms-1442">Vorbild</term> und Richter werden könnten. Gott redet auch durch die andern Menschen wieder zu uns, wenn wir uns zu ihm geflüchtet haben, statt auf die Menschen zu hören. Das sieht aus wie ein Widerspruch, aber es ist eine Erfahrung, die alle <term ref="kbga-terms-1140">ernsten Christen</term> gemacht haben. Und wenn wir dem nachdenken, 
                                dann eröffnet sich <pb xml:id="p386" ed="pga"/> uns die Aussicht auf ein <term ref="kbga-terms-434">Reich Gottes</term> unter den Menschen, in dem wir keine Enttäuschungen mehr erleben werden aneinander, wo wir nicht mehr sagen müssen: wie schön wäre es, <hi rend="italic">wenn</hi>…, sondern wo die Menschen einander wirklich das sein werden, was sie sich sein sollten. Das ist das Reich Gottes, in dem das <hi rend="italic">Vertrauen</hi> 
                                Alles in Allem sein wird unter uns. Wir wandeln jetzt im Glauben und nicht im Schauen [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.7">2.Kor. 5,7</ref>]. O wenn einmal die Unvollkommenheit, das Misstrauen, die Trägheit von uns Allen abfallen wird wie ein altes Kleid! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.64.5">Jes. 64,5</ref>] Dann werden wir sein wie die Träumenden! [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.126.1">Ps. 126,1</ref>] dann werden wir gehorsam und dankbar zu Gott sagen: in deinem Licht sehen wir das Licht! [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.36.10">Ps. 36,10</ref>] Im Lichte Gottes das Licht der Menschen!</p>
                </div>
                <div type="closer">
                <salute>Amen.</salute>
            </div>
            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
