18. August 1912

Predigt: Matthäus 6,5–6

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Matthäus 6,5–6
Wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die da gerne stehen und beten in den Synagogen und an den Straßenecken, um von den Leuten gesehen zu werden. Wahrlich, ich sage euch, sie haben ihren Lohn dahin. Du aber, wenn du betest, so gehe in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird dir vergelten.
Liebe Freunde!

Ich möchte heute nicht weiter von der Unsitte der Pharisäer reden, auf die Jesus in unserm Text anspielt, und auch nicht von dem Beten vor den Leuten, das bei uns etwa vorkommt, obwohl es sich da um eine feine und gar nicht leicht zu entscheidende Angelegenheit des Gewissens und des christlichen Taktgefühls handelt. Sondern als ich über diese Worte Jesu nachdachte, da ist mir immer dringender eine große Frage unsres religiösen Lebens vor die Augen getreten, über die ich schon lange gerne mit euch geredet hätte und auf die ich nun in unserm Text ganz ungesucht eine Antwort gefunden habe, obwohl darin direkt nicht die Rede davon zu sein scheint.

Wenn wir es versuchen, von den Pharisäern, die dort, Allen zur Schau, an den Straßenecken beteten, das Beste anzunehmen, so müssten wir sagen: sie taten es, um ihren Glauben zu bekennen, sie wollten öffentlich bezeugen, dass sie es mit Gott nicht leicht nehmen, sondern dass ihnen die Religion eine ernste, dringende, heilige Sache war, mit der sie sich nicht schämten, sondern zu der sie den Heiden und den Gleichgiltigen zum Trotz zu stehen wagten. Als ich darüber nachdachte, stand die Frage vor mir, wie es denn stehe mit dem rechten christlichen Glaubensbekenntnis in unsrer Kirche. Man liest ja in religiösen Blättern, besonders in solchen, die aus Deutschland zu uns kommen, soviel darüber, dass es heutzutage in der christlichen Kirche so Viele gebe, die sich Christen nennten, ohne doch das rechte christliche Glaubensbekenntnis zu haben. Man liest von Theologieprofes|349soren und Pfarrern, deren Ansichten mit wichtigen Wahrheiten unsres Glaubens in Widerspruch stünden und die trotzdem Glieder und sogar Lehrer der Kirche blieben. Im Sommer des vorigen Jahres hat dann endlich einer, der Kölner Pfarrer Jatho, von der Kanzel weichen müssen, indem er von einem besondern geistlichen Gerichtshof abgesetzt wurde.1 Aber es seien noch Viele seinesgleichen da, hört man, die nur nicht so offen redeten, weil sie Angst hätten, ihr Amt zu verlieren, die aber im Grunde ebenso ungläubig seien wie jener. Auf der andern Seite aber hört man von den Anstrengungen, die gemacht werden von den Anhängern der rechten Glaubensweise, teils um dieser rechten Glaubensweise ungeschmälert die Herrschaft in der Kirche zu erhalten, teils, wo man dazu die Hoffnung aufgegeben, um die wahren Gläubigen zu sammeln in besondern Gemeinschaften außerhalb des Babylons der offiziellen Kirche. Diese Kämpfe um den rechten Glauben spielen sich hauptsächlich in Deutschland ab.2 Bei uns ist es im Ganzen davon still geworden, nachdem sich vor 80 und 40 Jahren Ähnliches ereignet hatte.3 Aber fertig sind auch wir noch nicht mit |350 diesen Dingen. Hört man doch auch bei uns ganz geläufig den Unterschied machen zwischen «gläubigen» und «ungläubigen» Pfarrern. Hört man doch auch bei uns gelegentlich den Seufzer, es sei nichts mit unsrer Kirche, weil in ihr fast nirgends mehr der rechte Glaube verkündigt werde. Und gibt es doch auch bei uns Viele, die das Bedürfnis verspüren, sich abzusondern in besondere Gemeinden mit besonders ausgebildeten Predigern, von denen man sicher zu sein hofft, nur das ganze, reine, ungebrochene Evangelium zu hören.4 Ich bin schon ein paarmal, direkt oder indirekt, gefragt worden, wie ich mich zu dieser Bekenntnisfrage stelle, habe aber hier in der Kirche noch nie ausdrücklich davon geredet, weil ich annahm, die, die meinen Predigten aufmerksam folgten, könnten sich die Antwort selbst geben. Ich will nun aber gern einmal ausdrücklich sagen, was ich davon denke. Natürlich kann ich unmöglich alle die wichtigen und schwierigen Dinge besprechen, die da in Betracht kommen, aber was ich unserm Text, der mich dazu veranlasst hat, darüber entnehmen kann, das will ich euch mitteilen.

Wir wollen also die Pharisäer mit ihrem Beten auf der Straße nicht von der schlechten Seite auffassen, sondern von der guten. Auch Jesus hat ja nicht gesagt: wer auf der Straße betet, ist ein Heuchler, sondern nur: es gibt Heuchler, die es so machen. Die Pharisäer waren Leute, die ernst und streng auf ihren jüdischen Glauben hielten. Wenn noch so Viele links und rechts waren, die es sich mit der Religion bequem |351 machten, sie wollten das Gesetz halten, wie es ihnen überliefert war oder eher noch besser. Es lag ihnen daran, Alles zu tun, was Gott von einem gläubigen Menschen fordern könne. Und weil sie so streng sein wollten und wirklich waren, beteten sie sogar auf der Straße, gerade wie etwa heutzutage katholische Geistliche sogar auf der Reise ihr Gebetbuch hervorziehen und im Bahnwagen lesen oder wie Viele darauf halten, auch am öffentlichen Wirtstisch vor dem Essen ein stilles Tischgebet zu halten. Unser Glaube ist uns wert, und darum wollen wir ihn bekennen, wo es ist. So dachten sicher die Besten unter ihnen, und wir wollen uns jetzt nur an diese Besten halten.

Solche Ernst- und Strenggesinnte sind es nun heutzutage in der Mehrzahl, die die Forderung erheben, die Kirche müsse ein bestimmtes Glaubensbekenntnis haben, in dem in klaren Ausdrücken beschrieben werde, was Christentum sei, und an das sich dann Alle zu halten hätten. Sie vergleichen die christliche Kirche gerne etwa mit einem Gesangverein. Da müssten doch auch alle nach denselben Noten dieselbe Melodie singen und sich an Ordnung und Statuten halten. Was würde werden, wenn jeder singen und handeln wollte, wie ihm in den Sinn kommt? Das gelte aber noch viel mehr in der Kirche, wo es sich doch nicht um eine menschliche Ordnung, sondern um die von Gott geoffenbarte Wahrheit handle. Wenn man sie fragt, was denn die geoffenbarte Wahrheit sei, die von Allen geglaubt und bekannt werden sollte, dann werden sie wohl meistens antworten: Nun, die Lehre der Bibel! Andre werden vielleicht das apostolische Glaubensbekenntnis nennen, das in früherer Zeit ja auch bei uns die Grundlage des Konfirmandenunterrichts war. Andre werden bestimmte Glaubenssätze nennen, die sie für besonders unentbehrlich halten, wie etwa die göttliche Eingebung der heiligen Schrift oder die wesentliche, wirkliche Gottheit Christi oder eine Lehre von der Bekehrung. Und dann gibt’s solche, die noch von sich aus dies und das hinzufügen, was ihnen im Christentum besonders deutlich und wichtig geworden ist, vielleicht die Wiederkunft Christi oder die Entrückung der Heiligen. Einige gehen also weiter und einige weniger weit, einige verlangen viel und einige weniger; aber darin sind Alle eins, dass man, um ein Christ zu sein, gewissen Wahrheiten zustimmen müsse. Wer das nicht tut, der gehört streng genommen nicht mehr zur christlichen Kirche, jedenfalls aber nicht auf eine Kanzel. Diese Stellung zu der Bekenntnisfrage |352 ist klar und entschieden. Jedenfalls wissen die, die so denken, sehr deutlich, was sie nicht wollen: nämlich die Unordnung, die Willkür, die Veränderung dessen, was ihnen teuer ist. Und darum kämpfen sie, wie gesagt, dafür, dass die Kirche von solchen unreinen Elementen gesäubert werde, oder aber, wenn dazu keine Aussicht ist, errichten sie eine eigene Kirche, in der man von der Ordnung nicht abweicht.

Man muss das gute Recht dieser Stellung und Auffassung begreifen. Die so reden, reden häufig aus einer tiefen Gewissensnot und Angst heraus, Angst vor dem, was noch werden soll, wenn keine festen Grundlagen unsres Christentums mehr da sind. Und es ist nicht Streitlust, sondern Eifer um das bedrohte Heiligtum, wenn sie an einem bestimmten Punkt meinen, erklären zu müssen: hier hört die Gemeinschaft auf! Ihr habt einen andern Geist als wir!5 Ich hatte diese Woche einen Briefwechsel mit einem sehr ehrwürdigen Vertreter dieser Denkweise,6 und da wurde mir das wieder recht deutlich. Er schrieb mir zum Beispiel von einem jungen Mann aus Gemeinschaftskreisen in Württemberg, der auf die Universität Tübingen ging, um Theologie zu studieren. Als er nach einigen Jahren zurückkehrte, musste er erklären, er könne nun nicht Pfarrer werden, denn er habe von seinen Professoren Dinge gehört, die es ihm unmöglich machten, das zu glauben, was er als Pfarrer lehren sollte. Ja, was soll man sagen zu Lehrern, deren Unterricht solche Folgen hat? Weiter muss gesagt werden, dass die Vertreter neuerer abweichender Ansichten sich wirklich oft erstaunlich unbesonnen und schroff ausdrücken. Jener abgesetzte Pfarrer Jatho zum Beispiel hatte den Satz geschrieben: «Ob es ein ewiges Leben gibt, ist mir gleichgiltig.» Er meinte damit, er kümmere sich nicht darum, ob es für die einzelne Seele nach dem Tode ein Fortleben gebe oder ob wir uns damit begnügen müssten, nach dem Tode zu Gott und in Gott zurückzukehren.7 Aber tausende von ernsten Chris|353ten hörten nur den ersten schroffen Ausdruck und entsetzten sich dann darüber, dass ein Pfarrer so etwas sagen konnte. |

Es gibt aber auch noch tiefere Gründe dieser Auffassungsweise. Die neueren Anschauungen, die mit dem gewohnten Glaubensbekenntnis nicht übereinstimmten, wurden vielfach in die Kirche hineingetragen im Namen der Wissenschaft. Man hörte immer wieder die Redensart: diese und jene Wahrheit passe nicht mehr in unsre Zeit, denn sie sei unvereinbar mit der Wissenschaft. Die Wissenschaft hat bewiesen …, erklärte man bald hier und bald dort und wollte damit den Christen vorschreiben, was sie noch glauben und nicht mehr glauben dürften. Bald war es die Naturwissenschaft und bald die sogenannte Bibelkritik, das heißt, die geschichtliche Erforschung des alten und neuen Testamentes. Manche haben dem zugejubelt und sich an dem Gedanken erfreut, eine wissenschaftlich geläuterte und haltbare Religion zu bekommen auf diese Weise. Gerade die tiefer Denkenden aber haben sich dagegen gesträubt, bald dies, bald jenes preiszugeben auf Grund menschlicher Verstandeserwägungen. Sie erinnerten sich daran, dass der Friede Gottes höher sei als alle Vernunft [vgl. Phil. 4,7], und fürchteten ganz mit Recht, dass das eine erbärmlich wässrige Religion geben würde, wenn nur noch das gelten sollte, was unsre Vernunft mit ihren schwachen Mitteln begreifen kann. Schließlich könnten ja auch die allereinfachsten Grundsätze der Religion wissenschaftlich in Zweifel gezogen werden und wurden tatsächlich in Zweifel gezogen, und was dann? Und darum haben die Freunde der alten Glaubensweise ganz mit Recht dagegen protestiert, dass die Wissenschaft zum Götzen gemacht werde, dem sich der Glaube zu fügen habe. Was kümmern wir uns um die Naturwissenschaft? Was |354 kümmern wir uns um die Bibelkritiker? Ich weiß, an wen ich glaube, ich weiß, was fest besteht, wenn Alles hier im Staube wie Sand und Staub verweht?!8 – |

Und wenn dann gegenüber den neuern Gedanken zahllose Männer und Frauen hinweisen können auf die seligen Erfahrungen, die sie mit den alten Gedanken im Leben und im Sterben gemacht, wenn sich das Evangelium, so wie sie es bekennen, ihnen als eine Kraft Gottes bewährt und erwiesen hat, ist das nicht Beweis genug, dass sie recht haben mit ihrer Forderung, dass es in der Kirche Christi beim Alten bleiben müsse oder dass man eben der von der alten Wahrheit abgefallenen Kirche eine neue bessere entgegenstellen müsse?

Aber nun hat Jesus gewarnt vor dem Beten auf offener Straße und hat Manche – nicht Alle –, die das machten, mit dem harten Wort Heuchler bezeichnet und den Seinigen gesagt: ihr sollt es nicht so machen! Warum wohl? Nun ganz einfach, weil er fürchtete, dass den Menschen dabei mehr Ehre geschehe als Gott. Er sah die Gefahr der Überhebung, die sich einstellen musste, wenn die Einen so das Gefühl haben konnten, die Andern zu überragen. Er sah den aufdringlichen Zwang, der da den Andern auferlegt wurde, die notgedrungen dieses Beten mitansehen und es nur entweder nachahmen oder sich als schlechte Menschen vorkommen mussten. Er sah die Gefahr der Selbsttäuschung, die so nahe lag für die, die sich da durch ihre Frömmigkeitsübung vor den Andern auszeichneten. Waren sie denn wirklich ernster und strenger als die Andern, weil sie es wagten, auf der Straße zu beten? Dieser Gefahren wegen sagte Jesus: nicht so! – |

Ich glaube, derselben Gefahren wegen würde er heute zu vielen eifrigen Freunden der alten Glaubensweise sagen: nicht so! Ich rede nur von Gefahren, aber wenn wir uns ein Urteil bilden wollen, müssen wir diese Gefahren bedenken. Zuerst die der Überhebung. Sie besteht darin, dass man meint, das sei schon ein Stück göttlicher Ordnung in der Kirche, wenn man es wieder dahin bringe, dass von Allen dasselbe geglaubt und gelehrt werde. Solche Einheit des Bekenntnisses besitzt die katholische Kirche und nennt sich darum von ihrem Standpunkt aus mit Recht unfehlbar. Auch in den protestantischen |355 Kirchen wurde es wenigstens zwei Jahrhunderte lang so gehalten. Aber nichtwahr, wir trauen einer solchen Kirchenunfehlbarkeit doch nicht recht. Wir hören nichts davon, dass der Glaube, der rechte Glaube, der in der Liebe wirksam ist [vgl. Gal. 5,6], gefördert worden sei durch die äußere Einheit und Reinheit der Lehre. Das brauche ich wohl gar nicht erst zu sagen, dass man Alles, was in der Bibel steht, bis zum letzten Buchstaben annehmen und für wahr halten und doch zugleich ein armer, unerlöster Mensch sein kann. Das fehlerloseste und vollständigste Bekenntnis unsres Verstandes hat noch nicht die Kraft, unser Gewissen zu reinigen und zu heiligen. Und so würde wohl auch unsre Kirche damit noch nicht zu einer Gemeinde der Heiligen, dass sie die Gedanken ihrer Angehörigen und ihrer Pfarrer in strengster Zucht hielte. Und wo man glaubt, mit der rechten Lehre auch das rechte Christentum einführen oder aufrechterhalten zu können, da gibt man sich einem schweren und schädlichen Irrtum hin. |

Dazu kommt dann die Gefahr einer großen Selbsttäuschung, wenn man meint, es sei so leicht und einfach zu sagen, was die offenbarte Wahrheit Gottes ist, die in der Kirche gelten soll. Bei den Statuten eines Gesangvereins ist es freilich nicht schwer zu unterscheiden, aber hier, wo es sich um lauter geistige Dinge handelt? Wir haben ja schon gesehen, dass die Freunde eines bestimmten, klaren christlichen Bekenntnisses selber nicht ganz einig sind darüber, was denn die göttliche Wahrheit sei, von der die Kirche nicht weichen dürfe. Die biblische Lehre, sagt man etwa. Ja, wenn es das nur gäbe. Aber es gibt eben nirgends in der Bibel eine Lehre, auf die man den Finger legen und sagen könnte: da steht sie, ein für allemal, die biblische Wahrheit. Sondern die Bibel setzt sich zusammen aus altem und neuem Testament und diese wieder aus den Büchern von so und so viel Schriftstellern. Die ältesten und die letzten Teile liegen mindestens tausend Jahre auseinander. Es hat Gott nun einmal gefallen, sich nicht in einer Lehre zu offenbaren, sondern in vielen und sehr verschiedenartigen Persönlichkeiten, deren Worte für uns unmöglich alle das gleiche Gewicht haben können. Es ist ein weiter Weg, der etwa vom Prediger Salomon zum Römerbrief führt oder von jenen Rachegebeten Davids bis zur Bergpredigt. Und dazu kommt dann, dass selbst die wichtigsten Bibelstellen zu verschiedenen Zeiten so verschieden aufgefasst worden sind. Wer ein wenig weiß, mit wie verschiedenen Augen die |356 Bibel schon gelesen, was für Dinge schon mit der Bibel begründet und bewiesen worden sind, der wird sich vor dem Ausdruck «biblische Lehre» ein wenig in Acht nehmen, denn er weiß, dass man in den meisten Fällen ebenso gut «Menschengedanken» sagen könnte. Und gerade so steht es mit den andern Versuchen, die göttliche Wahrheit in bestimmten Sätzen zusammenzufassen. Das sogenannte apostolische Glaubensbekenntnis? Aber wer gibt uns das Recht, gerade dieses zur höchsten Richtschnur für die Christen zu machen? Es hat auch andre schöne Bekenntnisse gegeben in alter Zeit, und die römisch-katholische Kirche war es, die gerade dieses feierlich als das oberste anerkannte.9 Sind wir an ihr Urteil gebunden? Und wenn wir jetzt etwa bestimmte einzelne Wahrheiten hervorheben wollten wie die, die ich vorhin genannt: die göttliche Eingebung der heiligen Schrift, die wesentliche, wirkliche Gottheit Christi, die Lehre von der Bekehrung, ja, da erhebt sich aufs Neue die Schwierigkeit, dass alle diese Lehren wieder sehr verschieden aufgefasst werden. Wollten wir also sagen: das muss geglaubt und anerkannt werden, so müssten wir gleich auch hinzufügen: aber so, wie ich es auffasse. Ich glaube, man käme aus dem Streit und aus den Verschiedenheiten gar nicht heraus, auch wenn man noch so genaue Vorschriften über die rechte, reine Lehre geben wollte! Das hat die katholische Kirche mit ihrer strammen Ordnung reichlich erfahren, denn sie ist bis auf den heutigen Tag damit beschäftigt, Leute mit unerlaubten Auffassungen zu entdecken und auszuschließen. Es ist eben eine Selbsttäuschung, wenn man meint, den Glauben, das Feinste und Innerlichste im Menschen, so in Glaubenssätzen aussprechen zu können, dass sie nicht immer wieder von andern Menschen anders verstanden werden. |

Schließlich aber ist doch wohl bei diesem Unternehmen auch die große Gefahr, Andern einen ungerechtfertigten und vielleicht ver|357hängnisvollen Zwang aufzuerlegen. Was soll denn nur Einer machen, wenn ihm eine ganze Anzahl anderer Christen versichert: wir haben den rechten christlichen Glauben, so sieht er aus, wenn du zu uns gehören willst, dann musst du auch so denken. So macht es freilich die katholische Kirche alle Tage. Aber tun wir wohl daran, sie nachzuahmen? Nichtwahr, entweder wird so Einer dann Ja sagen oder aber er muss fortan das Gefühl haben: ich bin eben kein rechter Christ, weil ich nicht Alles glaube, was die da Einen glauben heißen! Es laufen Viele herum, die dieses Gefühl haben, weil sie von andern Christen den Bescheid bekommen haben, sie glaubten «zu wenig». Tun wir recht daran, einen solchen Druck auf Andre auszuüben? Wäre es wohlgetan, wenn unsre Kirche ihre Mitglieder vor ein solches Entweder-Oder stellen würde? Ich glaube, das wäre direkt ein Unrecht um der Vielen willen, die gewissenshalber in manchen uns vielleicht gewohnten und grundlegenden Dingen anders denken als wir selbst. So gewiss die wissenschaftlichen Bedenken gegen manche Glaubenssätze im Munde Vieler leere Phrasen sind, so gewiss sind sie bei Andern ernste Tatsachen, die man nicht unter den Tisch wischen darf. Wer eine Ahnung davon hat, wie schwer es ist, durch Nachdenken zu einer festen Überzeugung zu kommen, der wird es einfach als eine Rohheit ansehen, Regeln aufzustellen, nach denen man dann Abweichenden mit einem Entweder-Oder die Türe verschließen müsste. Diese Rohheit hat schon oft bösere Folgen gehabt, als es die Abweichung vom Bekenntnis selbst gewesen wäre. Ich glaube zum Beispiel, dass der Grund, weshalb jener junge Mann in Württemberg nicht Pfarrer werden wollte, nicht bei seinen Professoren lag, sondern bei der religiösen Erziehung, die er von zu Hause mitgebracht. Man hatte ihn wohl gelehrt, um ein rechter Christ zu sein, müsse er «Alles» annehmen, was ihm gesagt werde, und weil nun in Tübingen beim Studieren Manches anders aussah als zu Hause, meinte er die Flinte ins Korn werfen10 zu müssen. Schade um ihn. Ich bin auch in Tübingen und bei jenen Professoren gewesen und habe keinen Schaden davongetragen, im Gegenteil. Man würde mit solchem abschließenden Zwang jedenfalls gerade die Besten, nämlich die Aufrichtigen ab|358schrecken. Und das sollte man dann sehr ernst überlegen, ob der Kirche nicht die Aufrichtigkeit ihrer Kirchen-Mitglieder und ihrer Pfarrer notwendiger und christlicher ist als die Rechtgläubigkeit, ob man nicht bei der Aufstellung eines bestimmten Glaubensbekenntnisses gerade das Leben der Kirche töten würde, nämlich die Wahrheit? Ich meine, die Erfahrungen, die der Katholizismus auch in dieser Hinsicht gemacht hat, sollten uns wenig vorbildlich sein.

Wenn es also sicher nicht vom Guten wäre, Pfarrer und Gemeinden in unserer evangelischen Kirche wieder unter die Schnur eines Alle bindenden Glaubensbekenntnisses zu stellen, so wird uns wohl nichts übrig bleiben, als uns an die Mahnung Jesu zu halten: Wenn du betest, so gehe in dein Kämmerlein und schließ’ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist! Diesen Rat gab Jesus seinen Jüngern, obwohl er wusste, dass es wohl Manchem von den frommen Juden Ernst war, wenn er auf der Straße betete. Und ich glaube, ähnlich würde er entscheiden, wenn wir ihm heute unsre Frage über das rechte christliche Glaubensbekenntnis vorlegen würden. Ich glaube, er würde uns sagen: Ja, das ist wohl etwas Gutes, ein rechtes christliches Glaubensbekenntnis, eine feste christliche Überzeugung zu haben, so dass man auch sagen kann, was man denkt und was man innerlich erfahren hat. Aber das gehört nicht auf die Straße, sondern ins Kämmerlein eines jeden, das heißt, das kann man niemand Anderem aufdrängen und aufzwingen wollen. Wie beim Beten schließlich jeder allein sei, allein seinem Vater gegenübertreten muss, so steht es auch beim Nachdenken über die christliche Wahrheit. Es kann unmöglich bei Allen zu denselben Ergebnissen kommen. Die Statuten des Reiches Gottes sind andere als die Statuten eines Gesangvereins. Dort wird der Gehorsam in der Unterordnung geübt und hier gerade in der Freiheit. Dort kommt’s darauf an, dass Alle dasselbe machen, hier, im Reiche Gottes, ist die Pflicht für jeden eine besondre. Menschlich ist es, nach sichtbarer Einheit und Reinheit zu verlangen, göttlich ist es, Mannigfaltigkeit und Reichtum zu entfalten.

Ich weiß nicht, ob Alle zufrieden wären mit einer solchen Antwort, selbst wenn sie wirklich aus dem Munde Jesu selber käme. Es würden vielleicht Manche dann doch wieder Lust haben zu fragen: Ja, soll denn die Kirche Christi völlig der Arche Noah gleichen mit all ihren reinen und unreinen Tieren, soll Alles in ihr Platz haben, soll es gar |359 keine Grenze mehr geben zwischen christlich und unchristlich, zwischen gläubig und ungläubig? Da meine ich nun, eine solche Grenze ist allerdings da, und wir Alle stehen entweder diesseits oder jenseits. Aber ich möchte mich an das halten, was Jesus sagt: Bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Wenn Gott im Verborgenen ist, dann ist auch das rechte christliche Glaubensbekenntnis im Verborgenen, dann kann es nicht unsre Sache sein, mit unsern kleinen Maßstäben zu scheiden zwischen christlich und unchristlich, gläubig und ungläubig. Wir sollten Gott nicht vorgreifen wollen und sollten drum einander wegen des Glaubensbekenntnisses und wegen religiöser Verschiedenheiten weder verachten noch schelten noch uns voreinander abschließen. Es lohnt sich nicht. Der verborgene Gott urteilt doch ganz anders über seine Kirche. Es sind Erste, die die Letzten, und die Letzten, die die Ersten sein werden [vgl. Mt. 20,16].

Das ist sicher: Angst brauchen wir nicht zu haben für die christliche Kirche, was mit ihr noch werden soll. Und wenn 1000 Pfarrer Jathos kämen mit sonderbaren neuen Lehren und Auffassungen, und wenn 100 000 ihnen Gehör schenkten, das braucht wirklich gar nichts Erschütterndes für uns zu sein. Auf zwei Dinge wollen wir unser Vertrauen setzen: Erstens auf die Macht Jesu in der Welt und zweitens auf die Macht des Gewissens, das die Menschen immer wieder zu Jesus führt. Wenn wir an diese zwei Mächte glauben, dann dürfen wir auch glauben, dass an unendlich vielen Orten der rechte christliche Glaube gelehrt und angenommen wird, hier in alter und dort in neuer Weise, aber was tut’s? Wo jene beiden sind, ist sicher auch immer das eine ewige Evangelium. Wenn wir an die Macht Jesu glauben und an die Macht des Gewissens, dann können wir auf die Bekenntnisfrage mit zwei Worten des Paulus klare und zuversichtliche Antwort geben. Das Eine heißt: Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid auf einerlei Hoffnung eures Berufs. Ein Herr, Ein Glaube, Eine Taufe, Ein Gott und Vater unser aller, der da ist über euch allen und durch euch alle und in euch allen [Eph. 4,4–6].

Und das andre: Der Herr ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. [1.Kor. 12,12]

Amen.

Sachfußnoten

1
Der Kölner Pfarrer Carl Wilhelm Jatho (1851–1913) wurde am 23. Juli 1911 aufgrund seiner kritischen Haltung gegenüber dem überkommenen Bekenntnis, insbesondere seiner Weigerung, das Apostolische Glaubensbekenntnis im Konfirmationsgottesdienst zu verwenden, nach dem am 16. März 1910 für die altpreußische Union erlassenen Kirchengesetz betr. das «Verfahren bei Beanstandung der Lehre von Geistlichen» (AKED 59 [1910], S. 265) 📖 dienstentlassen; vgl. M. Wolfes, Art. «Jatho, Karl Wilhelm, in: RGG4 IV, Sp. 392. 📖 – Das Verfahren gegen ihn vor dem eigens einberufenen Spruchkollegium erregte in der kirchlichen Presse und darüber hinaus großes Aufsehen, nicht zuletzt die von Barth bezogene «Christliche Welt», bei der er 1908/09 in Marburg als Redaktionsgehilfe gearbeitet hatte, berichtete durch das ganze Jahr 1911 hindurch ausführlich über den «Fall Jatho» (vgl. das Artikelverzeichnis in: ChW 25 [1911], S. V). Noch im selben Jahr erschien: G. von Rohden, Der Kölner Kirchenstreit. Pfarrer Jathos Amtsentsetzung im Lichte der öffentlichen Meinung, nach den Quellen zusammengestellt, Berlin 1911 📖. ↩
2
In erster Linie ist wohl an die Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit dem seit den 1870er Jahren schwelenden «Apostolikumstreit» um die Geltung der altkirchlichen Bekenntnisse in den deutschen Landeskirchen zu denken (vgl. H.-M. Barth, Art. «Apostolisches Glaubensbekenntnis II. Reformations- und Neuzeit», in: TRE 3, 1978, S. 554–566, dort S. 560–562 📖). ↩
3
Der – nicht so lange wie in Deutschland andauernde – schweizerische «Apostolikumstreit» erreichte ca. 40 Jahre zuvor, in den 1870er Jahren, seinen Höhepunkt; 1874 wurde dabei im Thurgau der Gebrauch des Apostolikums im Gottesdienst explizit verboten (vgl. R. Pfister, Kirchengeschichte der Schweiz, Bd. 3: Von 1720 bis 1950, Zürich 1985, S. 258f. 📖; umfassend R. Gebhard, Umstrittene Bekenntnisfreiheit. Der Apostolikumstreit in den Reformierten Kirchen der Deutschschweiz im 19. Jahrhundert, Zürich 2003 📖). – Etwa 80 Jahre zuvor, in den Jahrzehnten nach 1800, waren in den einzelnen Schweizer Kantonskirchen die Bekenntnisse und Katechismen der Reformationszeit förmlich abgeschafft worden. In seiner Bekenntnisschriften-Vorlesung von 1923 hob Barth aus dieser Entwicklung unter anderem den Amtseid der Pfarrer im Kanton Baselland von 1838 als ein besonderes «Greuel» hervor (Th.ref.Bek., S. 48 📖). ↩
4
Zum Beispiel in Aarau entstand als Reaktion auf die Loslösung der Reformierten Landeskirche vom Apostolikum ab 1865, zunächst unter dem Namen «Evangelischer Verein», die heute noch existierende, vereinsrechtlich organisierte Minoritätsgemeinde (vgl. https://www.mino-aarau.ch/ueber-uns/geschichte; zuletzt aufgerufen am 3.11.2021 📖). ↩
5
Zu diesem Verdikt Luthers vgl. oben, S. 320, Anm. 10. ↩
6
Im KBA nicht ermittelbar. ↩
7
Das Zitat konnte nicht ermittelt werden. Zur ausführlicheren Erläuterung der Gedanken Jathos vgl. dessen Antwort auf den Erlass des preußischen Evangelischen Oberkirchenrats vom 7.1.1911, in dem er dazu aufgefordert worden war, zu den gegen ihn erhobenen Vorwürfen Stellung zu beziehen. Jatho führte zum Thema aus: «Über die persönliche Fortdauer des einzelnen nach dem Tode habe ich mir […] vielfach und ernstlich Gedanken gemacht. Ich bin aber nie zu einer Gewißheit gekommen. Auch die Bibel gibt sie mir nicht. […] Was die Theologie, auch die positivste, samt der Philosophie von dem altchristlichen Auferstehungs- und Unsterblichkeitsglauben noch übriggelassen haben, ist so allgemein und unklar, daß wirklicher Lebenshunger damit nicht gestillt werden kann, […]. Darum halte ich es in Predigt und Grabrede derart, daß ich von einem Jenseits überhaupt nicht spreche, also auch nicht gegen den Jenseitsglauben polemisiere. […] Sollten wir nicht wieder erwachen, so ist es gut; gibt es aber außer der erfahrungsgemäßen noch eine andere Form persönlichen Daseins, so ist es auch gut – dann wird sie irgendwie eine vollkommenere sein» (zit. nach K. Kupisch, Quellen zur Geschichte des deutschen Protestantismus [1871–1945], Göttingen u. a. 1960, S. 115f. 📖). ↩
8
Beginn eines Liedes von E. M. Arndt: «Ich weiß, woran ich glaube» (GERS 235; RG 278; EG 357) 🎵. ↩
9
Das Apostolische Glaubensbekenntnis in seiner heutigen Textgestalt entstand – wohl als erweiterte Form des Romanums, eines stadtrömischen Taufbekenntnisses aus dem dritten Jahrhundert – spätestens im achten Jahrhundert und erlangte schnell überregionale Bedeutung; seit dem 13. Jahrhundert war es «im gesamten Westen eine unbestrittene liturgische und theologische Größe», die auch bei den Reformatoren eine bleibende, «unangetastete Autorität» genoss (D. Sattler, Art. «Apostolisches Glaubensbekenntnis», in: LThK3 I, Sp. 878–880, Zitate dort Sp. 878f. 📖). ↩
10
Redensart: Wer seine Flinte ins Korn wirft, gibt eine Sache verloren, beendet entmutigt sein Engagement; vgl. Röhrich II, S. 461 📖. ↩