Predigt: Matthäus 6,5–6
Ich möchte heute nicht weiter von der Unsitte der Pharisäer reden, auf die Jesus in unserm Text anspielt, und auch nicht von dem Beten vor den Leuten, das bei uns etwa vorkommt, obwohl es sich da um eine feine und gar nicht leicht zu entscheidende Angelegenheit des Gewissens und des christlichen Taktgefühls handelt. Sondern als ich über diese Worte Jesu nachdachte, da ist mir immer dringender eine große Frage unsres religiösen Lebens vor die Augen getreten, über die ich schon lange gerne mit euch geredet hätte und auf die ich nun in unserm Text ganz ungesucht eine Antwort gefunden habe, obwohl darin direkt nicht die Rede davon zu sein scheint.
Wenn wir es versuchen, von den Pharisäern, die dort, Allen zur Schau, an den Straßenecken beteten, das Beste anzunehmen, so müssten wir sagen: sie taten es, um ihren Glauben zu bekennen, sie wollten öffentlich bezeugen, dass sie es mit Gott nicht leicht nehmen, sondern dass ihnen die Religion eine ernste, dringende, heilige Sache war, mit der sie sich nicht schämten, sondern zu der sie den Heiden und den Gleichgiltigen zum Trotz zu stehen wagten. Als ich darüber nachdachte, stand die Frage vor mir, wie es denn stehe mit dem rechten christlichen Glaubensbekenntnis in unsrer Kirche.
Man liest ja in religiösen Blättern, besonders in solchen, die aus
Wir wollen also die Pharisäer mit ihrem Beten auf der Straße nicht von der schlechten Seite auffassen, sondern von der guten. Auch Jesus hat ja nicht gesagt: wer auf der Straße betet, ist ein Heuchler, sondern nur: es gibt Heuchler, die es so machen. Die Pharisäer waren Leute, die ernst und streng auf ihren jüdischen Glauben hielten. Wenn noch so Viele links und rechts waren, die es sich mit der Religion bequem |351 machten, sie wollten das Gesetz halten, wie es ihnen überliefert war oder eher noch besser. Es lag ihnen daran, Alles zu tun, was Gott von einem gläubigen Menschen fordern könne. Und weil sie so streng sein wollten und wirklich waren, beteten sie sogar auf der Straße, gerade wie etwa heutzutage katholische Geistliche sogar auf der Reise ihr Gebetbuch hervorziehen und im Bahnwagen lesen oder wie Viele darauf halten, auch am öffentlichen Wirtstisch vor dem Essen ein stilles Tischgebet zu halten. Unser Glaube ist uns wert, und darum wollen wir ihn bekennen, wo es ist. So dachten sicher die Besten unter ihnen, und wir wollen uns jetzt nur an diese Besten halten.
Solche Ernst- und Strenggesinnte sind es nun heutzutage in der Mehrzahl, die die Forderung erheben, die Kirche müsse ein bestimmtes Glaubensbekenntnis haben, in dem in klaren Ausdrücken beschrieben werde, was Christentum sei, und an das sich dann Alle zu halten hätten. Sie vergleichen die christliche Kirche gerne etwa mit einem Gesangverein. Da müssten doch auch alle nach denselben Noten dieselbe Melodie singen und sich an Ordnung und Statuten halten. Was würde werden, wenn jeder singen und handeln wollte, wie ihm in den Sinn kommt? Das gelte aber noch viel mehr in der Kirche, wo es sich doch nicht um eine menschliche Ordnung, sondern um die von Gott geoffenbarte Wahrheit handle. Wenn man sie fragt, was denn die geoffenbarte Wahrheit sei, die von Allen geglaubt und bekannt werden sollte, dann werden sie wohl meistens antworten: Nun, die Lehre der Bibel! Andre werden vielleicht das apostolische Glaubensbekenntnis nennen, das in früherer Zeit ja auch bei uns die Grundlage des Konfirmandenunterrichts war. Andre werden bestimmte Glaubenssätze nennen, die sie für besonders unentbehrlich halten, wie etwa die göttliche Eingebung der heiligen Schrift oder die wesentliche, wirkliche Gottheit Christi oder eine Lehre von der Bekehrung. Und dann gibt’s solche, die noch von sich aus dies und das hinzufügen, was ihnen im Christentum besonders deutlich und wichtig geworden ist, vielleicht die Wiederkunft Christi oder die Entrückung der Heiligen. Einige gehen also weiter und einige weniger weit, einige verlangen viel und einige weniger; aber darin sind Alle eins, dass man, um ein Christ zu sein, gewissen Wahrheiten zustimmen müsse. Wer das nicht tut, der gehört streng genommen nicht mehr zur christlichen Kirche, jedenfalls aber nicht auf eine Kanzel. Diese Stellung zu der Bekenntnisfrage |352 ist klar und entschieden. Jedenfalls wissen die, die so denken, sehr deutlich, was sie nicht wollen: nämlich die Unordnung, die Willkür, die Veränderung dessen, was ihnen teuer ist. Und darum kämpfen sie, wie gesagt, dafür, dass die Kirche von solchen unreinen Elementen gesäubert werde, oder aber, wenn dazu keine Aussicht ist, errichten sie eine eigene Kirche, in der man von der Ordnung nicht abweicht.
Man muss das gute Recht dieser Stellung und Auffassung begreifen.
Die so reden, reden häufig aus einer tiefen Gewissensnot und Angst heraus, Angst vor dem, was noch werden soll, wenn keine festen Grundlagen unsres Christentums mehr da sind. Und es ist nicht Streitlust, sondern Eifer um das bedrohte Heiligtum, wenn sie an einem bestimmten Punkt meinen, erklären zu müssen:
hier hört die Gemeinschaft auf! Ihr habt einen andern Geist als wir!5 Ich hatte diese Woche einen Briefwechsel mit einem sehr ehrwürdigen Vertreter dieser Denkweise,6
und da wurde mir das wieder recht deutlich. Er schrieb mir zum Beispiel von einem jungen Mann aus Gemeinschaftskreisen in
Es gibt aber auch noch tiefere Gründe dieser Auffassungsweise. Die neueren Anschauungen, die mit dem gewohnten Glaubensbekenntnis nicht übereinstimmten, wurden vielfach in die Kirche hineingetragen im Namen der Wissenschaft.
Man hörte immer wieder die Redensart: diese und jene Wahrheit passe nicht mehr in unsre Zeit, denn sie sei unvereinbar mit der Wissenschaft. Die Wissenschaft hat bewiesen …, erklärte man bald hier und bald dort und wollte damit den Christen vorschreiben, was sie noch glauben und nicht mehr glauben dürften. Bald war es die Naturwissenschaft
und bald die sogenannte Bibelkritik, das heißt, die geschichtliche Erforschung des alten und neuen Testamentes. Manche haben dem zugejubelt und sich an dem Gedanken erfreut, eine wissenschaftlich geläuterte und haltbare Religion zu bekommen auf diese Weise. Gerade die tiefer Denkenden aber haben sich dagegen gesträubt,
bald dies, bald jenes preiszugeben auf Grund menschlicher Verstandeserwägungen. Sie erinnerten sich daran, dass der Friede Gottes höher sei als alle Vernunft [vgl.
Und wenn dann gegenüber den neuern Gedanken zahllose Männer und Frauen hinweisen können auf die seligen Erfahrungen, die sie mit den alten Gedanken im Leben und im Sterben gemacht, wenn sich das Evangelium, so wie sie es bekennen, ihnen als eine Kraft Gottes bewährt und erwiesen hat, ist das nicht Beweis genug, dass sie recht haben mit ihrer Forderung, dass es in der Kirche Christi beim Alten bleiben müsse oder dass man eben der von der alten Wahrheit abgefallenen Kirche eine neue bessere entgegenstellen müsse?
Aber nun hat Jesus gewarnt vor dem Beten auf offener Straße und hat Manche – nicht Alle –, die das machten, mit dem harten Wort Heuchler bezeichnet und den Seinigen gesagt: ihr sollt es nicht so machen! Warum wohl? Nun ganz einfach, weil er fürchtete, dass den Menschen dabei mehr Ehre geschehe als Gott. Er sah die Gefahr der Überhebung, die sich einstellen musste, wenn die Einen so das Gefühl haben konnten, die Andern zu überragen. Er sah den aufdringlichen Zwang, der da den Andern auferlegt wurde, die notgedrungen dieses Beten mitansehen und es nur entweder nachahmen oder sich als schlechte Menschen vorkommen mussten. Er sah die Gefahr der Selbsttäuschung, die so nahe lag für die, die sich da durch ihre Frömmigkeitsübung vor den Andern auszeichneten. Waren sie denn wirklich ernster und strenger als die Andern, weil sie es wagten, auf der Straße zu beten? Dieser Gefahren wegen sagte Jesus: nicht so! – |
Ich glaube, derselben Gefahren wegen würde er heute zu vielen eifrigen Freunden der alten Glaubensweise sagen: nicht so! Ich rede nur von Gefahren, aber wenn wir uns ein Urteil bilden wollen, müssen wir diese Gefahren bedenken. Zuerst die der Überhebung.
Sie besteht darin, dass man meint, das sei schon ein Stück göttlicher Ordnung in der Kirche, wenn man es wieder dahin bringe, dass von Allen dasselbe geglaubt und gelehrt werde. Solche Einheit des Bekenntnisses besitzt die katholische Kirche und nennt sich darum von ihrem Standpunkt aus mit Recht unfehlbar.
Auch in den protestantischen |355 Kirchen wurde es wenigstens zwei Jahrhunderte lang so gehalten. Aber nichtwahr, wir trauen einer solchen Kirchenunfehlbarkeit doch nicht recht. Wir hören nichts davon, dass der Glaube, der rechte Glaube, der in der Liebe wirksam ist [vgl.
Dazu kommt dann die Gefahr einer großen Selbsttäuschung, wenn man meint, es sei so leicht und einfach zu sagen, was die offenbarte Wahrheit Gottes ist, die in der Kirche gelten soll.
Bei den Statuten eines Gesangvereins ist es freilich nicht schwer zu unterscheiden, aber hier, wo es sich um lauter geistige Dinge handelt? Wir haben ja schon gesehen, dass die Freunde eines bestimmten, klaren christlichen Bekenntnisses selber nicht ganz einig sind darüber, was denn die göttliche Wahrheit sei, von der die Kirche nicht weichen dürfe.
Die biblische Lehre, sagt man etwa. Ja, wenn es das nur gäbe. Aber es gibt eben nirgends in der Bibel eine Lehre, auf die man den Finger legen und sagen könnte: da steht sie, ein für allemal, die biblische Wahrheit.
Sondern die Bibel setzt sich zusammen aus altem und neuem Testament und diese wieder aus den Büchern von so und so viel Schriftstellern. Die ältesten und die letzten Teile liegen mindestens tausend Jahre auseinander. Es hat Gott nun einmal gefallen, sich nicht in einer Lehre zu offenbaren, sondern in vielen und sehr verschiedenartigen Persönlichkeiten, deren Worte für uns unmöglich alle das gleiche Gewicht haben können.
Es ist ein weiter Weg, der etwa vom Prediger
Schließlich aber ist doch wohl bei diesem Unternehmen auch die große Gefahr, Andern einen ungerechtfertigten und vielleicht ver|357hängnisvollen Zwang aufzuerlegen. Was soll denn nur Einer machen, wenn ihm eine ganze Anzahl anderer Christen versichert: wir haben den rechten christlichen Glauben, so sieht er aus, wenn du zu uns gehören willst, dann musst du auch so denken.
So macht es freilich die katholische Kirche alle Tage. Aber tun wir wohl daran, sie nachzuahmen? Nichtwahr, entweder wird so Einer dann Ja sagen oder aber er muss fortan das Gefühl haben: ich bin eben kein rechter Christ, weil ich nicht Alles glaube, was die da Einen glauben heißen! Es laufen Viele herum, die dieses Gefühl haben, weil sie von andern Christen den Bescheid bekommen haben, sie glaubten «zu wenig». Tun wir recht daran, einen solchen Druck auf Andre auszuüben?
Wäre es wohlgetan, wenn unsre Kirche ihre Mitglieder vor ein solches Entweder-Oder stellen würde? Ich glaube, das wäre direkt ein Unrecht um der Vielen willen, die gewissenshalber in manchen uns vielleicht gewohnten und grundlegenden Dingen anders denken als wir selbst. So gewiss die wissenschaftlichen Bedenken gegen manche Glaubenssätze im Munde Vieler leere Phrasen sind, so gewiss sind sie bei Andern ernste Tatsachen,
die man nicht unter den Tisch wischen darf. Wer eine Ahnung davon hat, wie schwer es ist, durch Nachdenken zu einer festen Überzeugung zu kommen, der wird es einfach als eine Rohheit ansehen, Regeln aufzustellen, nach denen man dann Abweichenden mit einem Entweder-Oder die Türe verschließen müsste.
Diese Rohheit hat schon oft bösere Folgen gehabt, als es die Abweichung vom Bekenntnis selbst gewesen wäre. Ich glaube zum Beispiel, dass der Grund, weshalb jener junge Mann in
Wenn es also sicher nicht vom Guten wäre, Pfarrer und Gemeinden in unserer evangelischen Kirche wieder unter die Schnur eines Alle bindenden Glaubensbekenntnisses zu stellen, so wird uns wohl nichts übrig bleiben, als uns an die Mahnung Jesu zu halten: Wenn du betest, so gehe in dein Kämmerlein und schließ’ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist! Diesen Rat gab Jesus seinen Jüngern, obwohl er wusste, dass es wohl Manchem von den frommen Juden Ernst war, wenn er auf der Straße betete. Und ich glaube, ähnlich würde er entscheiden, wenn wir ihm heute unsre Frage über das rechte christliche Glaubensbekenntnis vorlegen würden. Ich glaube, er würde uns sagen: Ja, das ist wohl etwas Gutes, ein rechtes christliches Glaubensbekenntnis, eine feste christliche Überzeugung zu haben, so dass man auch sagen kann, was man denkt und was man innerlich erfahren hat. Aber das gehört nicht auf die Straße, sondern ins Kämmerlein eines jeden, das heißt, das kann man niemand Anderem aufdrängen und aufzwingen wollen. Wie beim Beten schließlich jeder allein sei, allein seinem Vater gegenübertreten muss, so steht es auch beim Nachdenken über die christliche Wahrheit. Es kann unmöglich bei Allen zu denselben Ergebnissen kommen. Die Statuten des Reiches Gottes sind andere als die Statuten eines Gesangvereins. Dort wird der Gehorsam in der Unterordnung geübt und hier gerade in der Freiheit. Dort kommt’s darauf an, dass Alle dasselbe machen, hier, im Reiche Gottes, ist die Pflicht für jeden eine besondre. Menschlich ist es, nach sichtbarer Einheit und Reinheit zu verlangen, göttlich ist es, Mannigfaltigkeit und Reichtum zu entfalten.
Ich weiß nicht, ob Alle zufrieden wären mit einer solchen Antwort,
selbst wenn sie wirklich aus dem Munde Jesu selber käme. Es würden vielleicht Manche dann doch wieder Lust haben zu fragen: Ja, soll denn die Kirche Christi völlig der Arche Noah gleichen mit all ihren reinen und unreinen Tieren, soll Alles in ihr Platz haben, soll es gar |359 keine Grenze mehr geben zwischen christlich und unchristlich,
zwischen gläubig und ungläubig? Da meine ich nun, eine solche Grenze ist allerdings da, und wir Alle stehen entweder diesseits oder jenseits. Aber ich möchte mich an das halten, was Jesus sagt:
Bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist. Wenn Gott im Verborgenen ist, dann ist auch das rechte christliche Glaubensbekenntnis im Verborgenen, dann kann es nicht unsre Sache sein, mit unsern kleinen Maßstäben zu scheiden zwischen christlich und unchristlich, gläubig und ungläubig.
Wir sollten Gott nicht vorgreifen wollen und sollten drum einander wegen des Glaubensbekenntnisses und wegen religiöser Verschiedenheiten weder verachten noch schelten noch uns voreinander abschließen. Es lohnt sich nicht. Der verborgene Gott urteilt doch ganz anders über seine Kirche. Es sind Erste, die die Letzten, und die Letzten, die die Ersten sein werden
[vgl.
Das ist sicher: Angst brauchen wir nicht zu haben für die christliche Kirche, was mit ihr noch werden soll. Und wenn 1000 Pfarrer
Und das andre: Der Herr ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit. [