Predigt: Matthäus 6,2-4
Das Wort «Almosen» hat für unsre Ohren einen fremden Klang bekommen. Wir denken dabei etwa an das Bettlersprüchlein, das wir wohl auch schon vor unsern Türen gehört haben: «ein armer Handwerksbursch bittet um ein gütiges Almosen» – aber auch dieses Sprüchlein wird heutzutage selten, die modernen Bettler verstehen es, ihre Sache schöner vorzubringen. Und im Übrigen kommt das Wort «Almosen» wohl überhaupt kaum mehr vor. Man kennt es nur noch aus Geschichten, nicht mehr aus dem Leben. – |
Und darum müssen wir uns heute zuerst in alte Zeiten versetzen, um recht zu verstehen, was Jesus sagen wollte und was er auch uns zu sagen hat mit seiner Anweisung über das Almosengeben.
In den Städten von
In dieser Umgebung ist «das Almosen» entstanden. Die Reichen, oder die wenigstens nicht zu jener untern Schicht gehörten, fanden es ganz selbstverständlich, dass die Armen da waren.
Man dankte Gott dafür, dass man selber nicht dazu gehörte, aber man fand sich mit der Tatsache ab wie mit einer Naturtatsache. Es war eben so. So machten es auch die frommen Leute. Jener reiche Mann im Gleichnis machte sich keine Skrupeln darüber, alle Tage flott zu leben, während der arme
339Aber was dann? Als sie sich so fragten, da kamen sie auf den Gedanken, gute Werke zu tun, um Gott zu zeigen, dass sie auf ihn hörten, und um ihn zufrieden zu machen und um es zu verhindern, dass die Stimme des Gewissens in ihrem Innern ihnen zu einer lästigen Plage werde. Zu diesen guten Werken, die man tat, um den lieben Gott zufrieden zu stellen,
gehörte das Halten des ganzen Gesetzes, Beten, Opfern, Sabbathalten, Fasten und die Reinheitsgebote beobachten, das alles waren vorzügliche Mittel, um mit Gott Frieden zu machen.
Zu diesen guten Werken gehörte aber auch das Almosen. Während der eine vielleicht ein Gelübde tat, sich des Weines zu enthalten, während der zweite ein schönes Stück aus seinem Stall nach
Aber das Posaunen war auch sonst eine gute Sache. Es waren doch nicht bloß arme Leute auf der Straße, sondern auch andre, wenn’s gut ging, sogar Bekannte oder Verwandte des Almosenschenkers. Gewiss hat er dann getan, als sehe er sie nicht, und hat sich ganz seinem wohltätigen Geschäft gewidmet, aber dafür sahen sie ihn. Und wenn ein angesehener Mann in der Nähe vorbeiging, dann hatte es der Geber kaum ungern, wenn der Diener extra kräftig in die Posaune stieß, damit der doch ja nicht übersehen möchte, was sich da Schönes ereig|340nete. Aber man konnte nicht nur auf der Straße Almosen geben, sondern auch in der Synagoge, nach dem Gottesdienst am Sabbat, wo alles Volk versammelt war. Dort wäre ja nun eigentlich die Trompete weniger nötig gewesen, weil die Armen ja sowieso zur Stelle waren. Aber wenn’s denn nun einmal Brauch war, beim Almosengeben zu trompeten, warum sollte man es dann nicht auch in der Synagoge tun? Und so scheint man denn wirklich auch in der Synagoge unter Posaunenschall Almosen verteilt zu haben. Es war wirklich eine ganz vorzügliche Einrichtung, dieses Almosengeben. Ob man damit den Armen auch wirklich etwas Gutes tat, darauf kam es ja nicht so an. Natürlich bekamen auch die offenkundigen Lumpen ihren Teil, und sicher ihren guten Teil, weil sie die Frechsten waren. Natürlich [be]kam bei dem großen Haufen der Empfänger der Einzelne so wenig, dass die Wohltat für ihn sozusagen Nichts bedeutete. Aber auf die Armen selbst kam es ja bei dem Almosengeben gar nicht so an. Das «gute Werk» war getan, und das war die Hauptsache. Man konnte getrost nach Hause gehen und brauchte sich eine Zeitlang wegen des Gewissens nicht mehr zu beunruhigen. Und dass wegen des Trompetens noch andre Leute die Wohltat mit angesehen, das war auch nicht zu verachten. Wenn man so während des Austeilens mit halbem Auge sehen konnte, wie die andern, braven, wohlsituierten Leute einander anstießen, wenn Einer oder der Andre vielleicht nachher kam, um Einem die Hand zu schütteln, wenn man heimgehen konnte mit dem Gedanken, dass jetzt überall am Mittagessen von Einem geredet wurde – dann war das doch fast wie eine Art Garantie oder Bestätigung des göttlichen Wohlgefallens. Wenn die Leute zueinander sagen: er hat ein gutes, ein sehr gutes Werk getan, dann wird es doch wohl [so] sein. Wenn die Leute das Lied vom braven Mann5 anstimmen, dann kann’s nicht fehlen: ich bin’s! Der liebe Gott ist sicher auch der Meinung. Die Armen? Pah, die Armen sind natürlich nach wie vor arm. Gott sei Dank, dass ich’s nicht bin. Aber Gott sei Dank vor Allem, dass ich jetzt wieder mit ihm in Ordnung bin. Es geht mir nicht nur gut, sondern ich bin auch gut. Ich habe meine Pflicht und Schuldigkeit getan vor Gott und zum Glück auch ein wenig vor den Menschen.
341Was mag das für eine Entrüstung gegeben haben unter all den rechtschaffenen, zufriedenen Leuten dieser Art, als sie hören mussten, Jesus habe zu seinen Jüngern gesagt: Ihr sollt es nicht machen wie die Heuchler! Heuchler!
Waren damit sie gemeint? Ja, damit waren sie gemeint! Gerade was ihnen so gut gefiel, das gefiel ihm durchaus nicht. Er lässt sich zuerst auf ihre Sprache und Denkweise ein, er versetzt sich auf ihren Standpunkt. «Gute Werke» wollen sie üben, sagt er,
um Gottes Wohlgefallen und Zufriedenheit zu erwerben, um ein ruhiges Gewissen zu bekommen. Nehmen wir an, man könnte das. Aber dann ist euer Almosengeben sicher kein gutes Werk, fährt er fort. Gott hat keine Freude daran, ihr könnt kein ruhiges Gewissen darüber haben. Eine öffentliche Mildtätigkeit unter Trompetenbegleitung mag euch selbst zur Ehre gereichen im Urteil vieler Menschen, zu Gottes Ehre dient dergleichen nicht, und ihr habt keinen Lohn, keinen Erfolg damit bei ihm.
Denn Gott ist ein verborgener Gott. Er macht sich nirgends mit Lärm und Aufdringlichkeit geltend, sondern in der Stille, nicht auf der Oberfläche, sondern in der Tiefe. Wie er zu
Man kann leider nicht sagen, dass dieses Wort Jesu, das an die Adresse der Pharisäer gerichtet war, für die Christenheit überflüssig geworden wäre. Ja, die Posaune ist abgekommen bei der Wohltätigkeit und auch das Münzenverteilen auf offener Straße ist nicht mehr so Brauch. Aber es ist die Frage, ob man es nicht heutzutage noch viel raffinierter macht, um mit seinen guten Werken gesehen zu werden.
So schreiende Armutszustände in großen Bevölkerungskreisen wie |342 zur Zeit Jesu gibt es heutzutage im Ganzen nicht mehr. Armut und Elend sind wohl auch noch da, aber sie fallen nicht mehr so in die Augen. Die Armen gehen mit ihrer Armut nicht mehr auf die Straße, weil sie, abgesehen von Einzelfällen, tatsächlich nicht mehr so groß ist, wie es im Altertum und auch im Mittelalter vorkam.
Gleichzeitig ist auch die Art der Wohltätigkeit eine andre geworden. An die Stelle des Einzelnen, der seine Gaben unter die ersten besten Armen austeilte, sind die Vereine und der Staat mit ihren Organisationen getreten. Das Geld, das früher direkt in die Hand der Bedürftigen floss, fließt jetzt dem Kassier zu, der es nach den Beschlüssen seines Comites verwaltet und verteilt.
Für was gibt es heutzutage nicht Hilfsvereine, an 10, 20 Orten zugleich könnte man mit Leichtigkeit zahlendes Mitglied sein, für Alles und Jedes wird gesammelt und eingezogen. Der Begriff der Wohltätigkeit hat sich gewaltig erweitert. Nicht nur für die Armen und Kranken kann man ja geben, wie es in alter Zeit war, sondern für die Mission, die äußere und die innere, für die zerstreuten Protestanten,6 für die
345Jesus beschreibt uns, wie er sich das denkt. Er sagt: Wenn du Almosen gibst, so soll deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut. Das ist deutlich. Man kann nicht Almosen geben mit dem Nebengedanken, um seines Gebens will anerkannt zu werden. Man kann nicht ein braver Mann sein mit der Nebenabsicht, als braver Mann angesehen zu werden. Man kann nicht etwas Edles tun, um sich damit von Andern in dem Bewusstsein stärken zu lassen: Wie edel bin ich doch! Dieser Nebengedanke stört und vergiftet die gute Tat. – |
Aber die Meinung Jesus geht doch noch viel weiter. Wenn wirklich die linke Hand nicht wissen soll, was die rechte tut, dann ist nicht nur das Posaunen und das öffentliche Wesen beim Schenken ein Unfug, durch den das Schenken aufhört, etwas Gutes, Löbliches zu sein. Sondern die ganze Erwägung ist falsch, die dahinter steht, in unsrer Zeit so gut wie bei den Pharisäern von dazumal, als könne und solle man so von Zeit zu Zeit etwas Besonderes tun, um mit Gott und seinem Gewissen Frieden zu haben oder um das Bewusstsein zu haben, ein rechtlich denkender Mann zu sein. Wenn die linke Hand nicht wissen soll, was die rechte tut, dann kann man nicht hingehen und sich sagen: So, ich will jetzt ein gutes Werk tun; ich will mir jetzt wieder einmal etwas Besonderes leisten, ich will jetzt so gütig sein und von dem, was ich habe, Andern etwas zu Gute kommen lassen. Sondern unbewusst, von einer Handbewegung, über die man gar nicht besonders nachgedacht, automatisch sozusagen, selbstverständlich, weil es gar nicht anders sein kann, müsste die Wohltat kommen; nicht mehr als eine Wohltat, bei der man denkt: jetzt! jetzt tu’ ich was Rechtes! sondern als etwas, was so klar und notwendig ist wie das Atmen. Der Gedanke, unser Geben sei etwas Ausgezeichnetes, Verdienstliches müsste sogar aus unserm Herzen verschwinden, geschweige denn aus unserm Benehmen beim Geben. Dann und nur dann ist unser Geben gut und göttlich, wenn wir dabei das Gefühl haben, das Natürliche, Nächstliegendste zu tun. Das ist das verborgene Almosen, das Jesus gemeint hat. Es ist das Geben dessen, der weiß: es versteht sich von selbst, was ich tue, und ich verdiene durchaus keine besondere Anerkennung. Es ist das Geben dessen, der keinen Handel machen will mit seiner Gabe, weder mit Gott noch mit den Menschen, sondern nur das Gute tun, eben weil es gut ist.
346Seht, meine Freunde, es ist eine neue Weltordnung verborgen in dem schlichten Wort von der linken Hand, die nicht wissen soll, was die rechte tut. Sie ist für uns Alle ebenso neu, wie sie für die Pharisäer neu und unbegreiflich war. Es ist eine Weltordnung, in der die Liebe regiert. Aber nicht die Liebe, die man so gelegentlich hervornimmt, um dem Andern etwas Gutes zu tun, damit das Gewissen beruhigt sei und weil man doch von Zeit zu Zeit so etwas machen muss, sondern die Liebe ist selbst das Gewissen geworden und entscheidet ohne weitere Nebengedanken, was geschehen soll. Die Liebe sieht den mannigfaltigen Jammer, in dem sich die Menschheit befindet, sie sieht die Abgründe, die die Menschen voneinander trennen, die Unterschiede des Lebens, die es mit sich bringen, dass Unzählige ein dunkles, verkümmertes, ungenügendes Dasein führen müssen, sie versetzt sich in der Lage derer, die da drunten sind in der Armut, in der Krankheit, in der körperlichen und geistigen Verlotterung, und nun sagt sie nicht: Ja, das muss so sein, diese Unterschiede müssen bleiben, es muss immer Glückliche und Unglückliche geben, Reiche und Arme, solche, denen es gut geht, und solche, denen es schlecht geht, solche, die sich ungehindert zu freien, aufrechten, fröhlichen Menschen entwickeln können, und solche, die durch harte Lebensbedingungen ewig unten gehalten werden. Sie sagt nicht: der Abgrund muss bestehen bleiben, aber ich will etwas Gutes [tun], ich will ein paar Franken, vielleicht auch ein paar Hundert, in den Abgrund werfen. Sondern Liebe will die Ausfüllung der Abgründe. Liebe will die Aufhebung der Unterschiede. Es gibt im Grunde kein Almosen, keine Wohltätigkeit, keine besondere Gabe für die Liebe. Sie greift zu, weil sie nicht anders kann, weil sie die Not Anderer nicht sehen kann. Die linke Hand weiß nicht, was die rechte tut. Sang- und klanglos, ohne Posaunen und ohne Verdienst kommt die Hilfe, das solidarische Einstehen des Einen für den Andern daher, wo das Bedürfnis ist. Aller Ruhm und Glanz der guten Tat ist weg, sie ist etwas ganz Schlichtes geworden. Und nicht mehr eine Gnade erweist man dem, dem man hilft, sondern sein gutes Recht, sein Menschenrecht, sein Bruderrecht lässt man ihm widerfahren.
Das ist die neue Weltordnung, die mit Jesus Christus in die Geschichte getreten ist. O sie hat schon Gewaltiges geschaffen unter den Menschen, seit sie da ist. Sie hat in den kurzen 2000 Jahren, in denen sie wirksam ist, mächtige Siege errungen über die Selbstsucht und |347 über die Eitelkeit er Menschen. Es ist ein gutes Zeichen, dass das Wort Almosen beginnt, ein seltenes zu werden in unserm Wörterbuch. Darin zeigt es sich, dass die Hilfe anfängt, nicht mehr ein frommes Extrawerk zu sein, sondern etwas, was sich ohne weiteres Verdienst so gehört. Aber es ist doch erst ein Anfang. Denn auch die Selbstsucht und die Eitelkeit haben neue, raffiniertere Formen angenommen. Die menschliche Natur mit ihrer Trägheit und Eigenliebe ist wohl zurückgedrängt, aber sie verteidigt sich nur umso hartnäckiger in ihrer Stellung. Der Kampf, den die Liebe Christi in der Welt kämpfen muss, ist nicht leichter, sondern schwerer geworden. Da heißt es für die, die Kinder des neuen Gottes, des Gottes der Liebe sein möchten, mehr als je alle Kräfte zusammen nehmen. Nicht um damit gegen die Pharisäer unsrer Zeit zu streiten, so sehr es einen oft dazu gelüsten möchte, sondern um den Pharisäer, den Heuchler, den wir Alle in unsrer eignen Brust tragen, unterzukriegen. Denn wo Einer, und wäre es auch nur Einer, in seinem Leben dazu gekommen ist, seine Linke nicht mehr wissen zu lassen, was die Rechte tut, der braucht dann auf die kommende neue Weltordnung der Liebe nicht mehr zu warten. Sie ist für ihn schon da mit ihrem ganzen Gottessegen.