11. August 1912

Predigt: Matthäus 6,2-4

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Matthäus 6,2–4
Wenn du Almosen gibst, so lass nicht vor dir her posaunen, wie die Heuchler tun in den Synagogen und auf den Gassen, damit sie von den Leuten gepriesen werden. Wahrlich, ich sage euch, sie haben ihren Lohn dahin. Wenn du aber Almosen gibst, so soll deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut, auf dass dein Almosen im Verborgenen sei. So wird dein Vater, der im Verborgenen sieht, dir vergelten.
Liebe Zuhörer!

Das Wort «Almosen» hat für unsre Ohren einen fremden Klang bekommen. Wir denken dabei etwa an das Bettlersprüchlein, das wir wohl auch schon vor unsern Türen gehört haben: «ein armer Handwerksbursch bittet um ein gütiges Almosen» – aber auch dieses Sprüchlein wird heutzutage selten, die modernen Bettler verstehen es, ihre Sache schöner vorzubringen. Und im Übrigen kommt das Wort «Almosen» wohl überhaupt kaum mehr vor. Man kennt es nur noch aus Geschichten, nicht mehr aus dem Leben. – |

Und darum müssen wir uns heute zuerst in alte Zeiten versetzen, um recht zu verstehen, was Jesus sagen wollte und was er auch uns zu sagen hat mit seiner Anweisung über das Almosengeben.

In den Städten von Palästina gab es zur Zeit Jesu einen ganz beträchtlichen Teil der Bevölkerung, der ohne Weiteres bettelarm war, das heißt, von der Hand in den Mund lebte oder direkt hungern und das Nötigste entbehren musste, weil er nichts sein eigen nannte. Es war eine Armut, von der wir heutzutage kaum eine Vorstellung haben. Denkt an Lazarus, der vor des Reichen Türe lag, mit Geschwüren bedeckt, sich nährend vom Abfall von des Reichen Tisch, mitten unter den Hunden der Straße [vgl. Lk. 16,19–31], wie sie im Morgenland überall herrenlos herumlaufen. Diese Gestalt hat Jesus nicht erfunden, als er jenes Gleichnis erzählte, sondern die hat er gesehen und zwar nicht einmal, sondern öfters. Es waren mancherlei Gründe, die solche schreienden Zustände möglich machten. Vor allem sicher das südliche Klima, das, wie noch heute etwa in Süditalien, die Leute leicht arbeits|337scheu machen mochte, so dass Viele es einfach aus Trägheit vorzogen, vom Bettel zu leben. Dazu kamen aber die damaligen Umstände: die politische Unsicherheit. Dass es in einer Zeit, wo beständig ein Aufstand drohte oder wirklich losbrach, in einer Zeit, wo Willkürmenschen wie ein Herodes oder ein Pilatus das Regiment führten, bös leben1 war für Alle, die nicht ein ganz fettes Schäflein im Trockenen hatten,2 das ist begreiflich. Auch die römische Obrigkeit, der die Juden unterstanden, wusste vielleicht noch kräftiger als die unsrige die Steuerschraube anzuziehen. Dazu kam die Verdorbenheit vieler Beamter; es ist ja bezeichnend, dass Zöllner und Sünder sozusagen gleichbedeutend war, und was von manchem Richter zu denken war, können wir aus jenem Gleichnis entnehmen von dem Richter, der Gott nicht fürchtete und nach keinem Menschen fragte und jener Witwe schließlich nur Recht schaffte, weil sie ihm lästig wurde [vgl. Lk. 18,2–5]. Solche alleinstehenden Personen waren sozusagen preisgegeben, und wir hören, dass sogar fromme Leute sich nicht scheuten, sich auf ihre Kosten zu bereichern. Witwen und Waisen gehörten sozusagen selbstverständlich zu den Armen, gerade so gut wie die meisten Kranken. Denn Alles, was wir heute mit dem Begriff Fürsorge bezeichnen, Armen- und Krankenpflege, öffentliche Veranstaltungen für Krüppel, Blinde und Irrsinnige, um von Versicherung und Pensionen nicht zu reden, das Alles war damals völlig unbekannt. Tod und Krankheit brachte fast notwendig auch Armut in eine Familie. Dafür gab es, wie wir wissen, schon damals ein üppiges Spekulantentum, das es verstand, Häuser und Grundstücke und vor Allem die zum Leben so unentbehrlichen Getreidevorräte in wenigen Händen zu vereinigen zum großen Profit der Klugen und zum ebenso großen Schaden der Übrigen. So gab es im jüdischen Volk, wie übrigens in allen Völkern jener Zeit, eine große und breite untere Schicht, von der man nur sagen konnte: da drunten aber ist’s fürchterlich!3 die Faulen|338zer, die in den Stürmen der Zeitlage Verunglückten, die Belogenen und Betrogenen und Entrechteten, die Vereinsamten und Ratlosen, die meisten Kranken und Invaliden, die wirtschaftlich Schwachen und Ausgebeuteten – das waren «die Armen».

In dieser Umgebung ist «das Almosen» entstanden. Die Reichen, oder die wenigstens nicht zu jener untern Schicht gehörten, fanden es ganz selbstverständlich, dass die Armen da waren. Man dankte Gott dafür, dass man selber nicht dazu gehörte, aber man fand sich mit der Tatsache ab wie mit einer Naturtatsache. Es war eben so. So machten es auch die frommen Leute. Jener reiche Mann im Gleichnis machte sich keine Skrupeln darüber, alle Tage flott zu leben, während der arme Lazarus vor der Türe bei den Hunden lag. Und das war Einer, der an Moses und die Propheten glaubte [vgl. Lk. 16,29]. Der reiche Jüngling hat alle Gebote gehalten von seiner Jugend an, aber es kommt ihm nicht einmal der Gedanke, sein Reichtum neben der Armut so Vieler könnte ein Unrecht sein, das er gutmachen sollte [vgl. Mt. 19,16–22]. Und es waren fromme, extra fromme Leute sogar, denen Jesus vorhalten musste: Ihr fresset der Witwen Häuser! [vgl. Mt. 23,144] Das Bedürfnis, jener untern Schicht Hilfe zu bringen, war im Großen und Ganzen nicht da. Man nahm die Not der Andern hin, wenn man sie nicht kalten Herzens noch vergrößerte. Man sah im eigenen Reichtum ohne Weiteres den sichtbaren Segen Gottes und in der Armut der Andern Gottes Strafe, die wohl ihren Grund haben werde. Man spürte kein Verlangen, den Folgen, geschweige denn den Ursachen des offen vorliegenden sozialen Übels zu wehren. Aber ein anderes Bedürfnis war da, ein Bedürfnis, das in keiner lebendigen Menschenseele ganz zum Schweigen zu bringen ist, nämlich das Bedürfnis, mit Gott Frieden zu haben. Gott redet im Gewissen zu allen Menschen, zu den glücklichen wie zu den unglücklichen, zu den reichen wie zu den armen. Das Gewissen sagt zu einem Jeden: es ist nicht genug, dass es dir wohl sei; es ist nicht genug, dass es dir gut gehe: du musst auch gut sein! Gott will etwas von dir! O ja, diese Stimme hörten auch die frommen, bessern Leute im Judentum. Sehr deutlich sogar. Moses und die Propheten hatten ihnen nicht umsonst das Gewissen geschärft. Sie wussten, dass man gut sein muss. Sie wussten, dass Gott etwas von uns will. |

339Aber was dann? Als sie sich so fragten, da kamen sie auf den Gedanken, gute Werke zu tun, um Gott zu zeigen, dass sie auf ihn hörten, und um ihn zufrieden zu machen und um es zu verhindern, dass die Stimme des Gewissens in ihrem Innern ihnen zu einer lästigen Plage werde. Zu diesen guten Werken, die man tat, um den lieben Gott zufrieden zu stellen, gehörte das Halten des ganzen Gesetzes, Beten, Opfern, Sabbathalten, Fasten und die Reinheitsgebote beobachten, das alles waren vorzügliche Mittel, um mit Gott Frieden zu machen. Zu diesen guten Werken gehörte aber auch das Almosen. Während der eine vielleicht ein Gelübde tat, sich des Weines zu enthalten, während der zweite ein schönes Stück aus seinem Stall nach Jerusalem zu den Priestern führte, dachte der dritte: ich will etwas für die Armen tun; ich will ein Almosen geben. Nachher kann ich mich dann wieder ungestört des Segens freuen, den Gott sichtbar auf mich gelegt hat. Wir hören aus dem Worte Jesu sehr anschaulich, wie es zuging, wenn so ein reicher frommen Mann Almosen spendete. Da musste ein Diener mit einer Posaune voranschreiten und an jeder Straßenecke kräftig ins Horn stoßen. Das wurde ursprünglich wohl gemacht, um den armen Leuten ein Zeichen zu geben, dass etwas für sie zu haben sei. Wir können uns denken, wie sie hervorgestürzt sein werden aus allen Häusern, die Hungrigen und die Zerlumpten und die Krüppel, die Unverschämtesten und die berufsmäßigen Faulenzer sicher zuvorderst. Dann spendete der reiche fromme Mann mit vollen Händen nach allen Seiten; natürlich hatte er sich vorher genau vorgenommen, wieviel er ausgeben wollte, um dem lieben Gott eine Freude zu machen. Und dann ging’s weiter an die nächste Straßenecke und wieder ertönte die Posaune und wieder gingen alle Türen auf und wieder drückte der edle Geber jedem seine Münze in die Hand mit einem gütigen Ausdruck auf den zufriedenen Zügen. |

Aber das Posaunen war auch sonst eine gute Sache. Es waren doch nicht bloß arme Leute auf der Straße, sondern auch andre, wenn’s gut ging, sogar Bekannte oder Verwandte des Almosenschenkers. Gewiss hat er dann getan, als sehe er sie nicht, und hat sich ganz seinem wohltätigen Geschäft gewidmet, aber dafür sahen sie ihn. Und wenn ein angesehener Mann in der Nähe vorbeiging, dann hatte es der Geber kaum ungern, wenn der Diener extra kräftig in die Posaune stieß, damit der doch ja nicht übersehen möchte, was sich da Schönes ereig|340nete. Aber man konnte nicht nur auf der Straße Almosen geben, sondern auch in der Synagoge, nach dem Gottesdienst am Sabbat, wo alles Volk versammelt war. Dort wäre ja nun eigentlich die Trompete weniger nötig gewesen, weil die Armen ja sowieso zur Stelle waren. Aber wenn’s denn nun einmal Brauch war, beim Almosengeben zu trompeten, warum sollte man es dann nicht auch in der Synagoge tun? Und so scheint man denn wirklich auch in der Synagoge unter Posaunenschall Almosen verteilt zu haben. Es war wirklich eine ganz vorzügliche Einrichtung, dieses Almosengeben. Ob man damit den Armen auch wirklich etwas Gutes tat, darauf kam es ja nicht so an. Natürlich bekamen auch die offenkundigen Lumpen ihren Teil, und sicher ihren guten Teil, weil sie die Frechsten waren. Natürlich [be]kam bei dem großen Haufen der Empfänger der Einzelne so wenig, dass die Wohltat für ihn sozusagen Nichts bedeutete. Aber auf die Armen selbst kam es ja bei dem Almosengeben gar nicht so an. Das «gute Werk» war getan, und das war die Hauptsache. Man konnte getrost nach Hause gehen und brauchte sich eine Zeitlang wegen des Gewissens nicht mehr zu beunruhigen. Und dass wegen des Trompetens noch andre Leute die Wohltat mit angesehen, das war auch nicht zu verachten. Wenn man so während des Austeilens mit halbem Auge sehen konnte, wie die andern, braven, wohlsituierten Leute einander anstießen, wenn Einer oder der Andre vielleicht nachher kam, um Einem die Hand zu schütteln, wenn man heimgehen konnte mit dem Gedanken, dass jetzt überall am Mittagessen von Einem geredet wurde – dann war das doch fast wie eine Art Garantie oder Bestätigung des göttlichen Wohlgefallens. Wenn die Leute zueinander sagen: er hat ein gutes, ein sehr gutes Werk getan, dann wird es doch wohl [so] sein. Wenn die Leute das Lied vom braven Mann5 anstimmen, dann kann’s nicht fehlen: ich bin’s! Der liebe Gott ist sicher auch der Meinung. Die Armen? Pah, die Armen sind natürlich nach wie vor arm. Gott sei Dank, dass ich’s nicht bin. Aber Gott sei Dank vor Allem, dass ich jetzt wieder mit ihm in Ordnung bin. Es geht mir nicht nur gut, sondern ich bin auch gut. Ich habe meine Pflicht und Schuldigkeit getan vor Gott und zum Glück auch ein wenig vor den Menschen.

341Was mag das für eine Entrüstung gegeben haben unter all den rechtschaffenen, zufriedenen Leuten dieser Art, als sie hören mussten, Jesus habe zu seinen Jüngern gesagt: Ihr sollt es nicht machen wie die Heuchler! Heuchler! Waren damit sie gemeint? Ja, damit waren sie gemeint! Gerade was ihnen so gut gefiel, das gefiel ihm durchaus nicht. Er lässt sich zuerst auf ihre Sprache und Denkweise ein, er versetzt sich auf ihren Standpunkt. «Gute Werke» wollen sie üben, sagt er, um Gottes Wohlgefallen und Zufriedenheit zu erwerben, um ein ruhiges Gewissen zu bekommen. Nehmen wir an, man könnte das. Aber dann ist euer Almosengeben sicher kein gutes Werk, fährt er fort. Gott hat keine Freude daran, ihr könnt kein ruhiges Gewissen darüber haben. Eine öffentliche Mildtätigkeit unter Trompetenbegleitung mag euch selbst zur Ehre gereichen im Urteil vieler Menschen, zu Gottes Ehre dient dergleichen nicht, und ihr habt keinen Lohn, keinen Erfolg damit bei ihm. Denn Gott ist ein verborgener Gott. Er macht sich nirgends mit Lärm und Aufdringlichkeit geltend, sondern in der Stille, nicht auf der Oberfläche, sondern in der Tiefe. Wie er zu Elias kam, nicht im Erdbeben und nicht im Gewitter, sondern in einem stillen, sanften Säuseln [vgl. 1.Kön. 19,11–13], so kommt er auch jetzt zu seinen Kindern. Und weil Gott selber so ist und so wirkt, kann man ihm auch nicht anders dienen. Er sieht ins Verborgene [vgl. Mt. 6,4.18]. Er sieht bei den Menschen das Verborgene. Er beurteilt sie nach ihrem Inwendigen und nach dem, was niemand oder wenig andre sehen können. Und darum ist das gute Werk der Wohltätigkeit, das ihm gefällt und das das Gewissen beruhigt, ein verborgenes, stilles. Das Aufsehen und der Beifall der Menschen sind nicht die geringste Gewähr und Bestätigung dafür, dass das Werk wirklich gut ist. Ja, im Gegenteil: wo man Geschrei und Gepolter macht, um Aufsehen und Beifall zu erregen, da ist das Werk sicher nicht gut. Denn da hat man ja nicht Gott, sondern sich selber zu Ehren Almosen gespendet. – |

Man kann leider nicht sagen, dass dieses Wort Jesu, das an die Adresse der Pharisäer gerichtet war, für die Christenheit überflüssig geworden wäre. Ja, die Posaune ist abgekommen bei der Wohltätigkeit und auch das Münzenverteilen auf offener Straße ist nicht mehr so Brauch. Aber es ist die Frage, ob man es nicht heutzutage noch viel raffinierter macht, um mit seinen guten Werken gesehen zu werden. So schreiende Armutszustände in großen Bevölkerungskreisen wie |342 zur Zeit Jesu gibt es heutzutage im Ganzen nicht mehr. Armut und Elend sind wohl auch noch da, aber sie fallen nicht mehr so in die Augen. Die Armen gehen mit ihrer Armut nicht mehr auf die Straße, weil sie, abgesehen von Einzelfällen, tatsächlich nicht mehr so groß ist, wie es im Altertum und auch im Mittelalter vorkam. Gleichzeitig ist auch die Art der Wohltätigkeit eine andre geworden. An die Stelle des Einzelnen, der seine Gaben unter die ersten besten Armen austeilte, sind die Vereine und der Staat mit ihren Organisationen getreten. Das Geld, das früher direkt in die Hand der Bedürftigen floss, fließt jetzt dem Kassier zu, der es nach den Beschlüssen seines Comites verwaltet und verteilt. Für was gibt es heutzutage nicht Hilfsvereine, an 10, 20 Orten zugleich könnte man mit Leichtigkeit zahlendes Mitglied sein, für Alles und Jedes wird gesammelt und eingezogen. Der Begriff der Wohltätigkeit hat sich gewaltig erweitert. Nicht nur für die Armen und Kranken kann man ja geben, wie es in alter Zeit war, sondern für die Mission, die äußere und die innere, für die zerstreuten Protestanten,6 für die Heilsarmee, für Kirchenbauten, aber auch wenn dieser Verein eine neue Fahne will oder jener ein Fest feiert. In Genf haben die Wächter auf dem Münsterturm7 das Recht, alle Jahr einmal bei allen Bewohnern der Stadt ein Trinkgeld einzuziehen für ihre wertvollen Dienste, und in allen Ländern wird gegenwärtig gesammelt für den Bau von Kriegsluftschiffen, wie wenn das das Nötigste wäre. So gibt man heutzutage Almosen. Die Form ist wirklich eine recht andre geworden. Aber ich glaube: der Gedanke bei den allermeisten Gebenden ist nach wie vor derselbe: Man muss doch auch wieder einmal etwas Gutes tun, wenn man’s kann und vermag. Es mag sein, dass der Gedanke, dadurch wieder Frieden mit Gott zu bekommen, bei Vielen zurücktreten mag. Es schreibt sich mancher auf eine Liste und wirft etwas in eine Büchse, dem Gott wenigstens seinen Worten nach ganz gleichgiltig ist. Und doch ist’s im Grunde nichts Anderes, was ihn dazu treibt. Er hat das Gefühl, mit seinem Geld etwas in Ordnung zu bringen, er möchte ein rechtdenkender Mann sein, und darum tut er etwas, um sich selber das zu bestätigen. Und um dessen ganz sicher zu sein, ist es ihm ganz recht, wenn auch seine Mitmenschen darum wis|343sen. Zu diesem Zweck sind vielleicht die Sammellisten, wie sie bei uns üblich sind, noch viel nützlicher als früher das Posaunenblasen. Wenn man sich da so selber einzeichnen kann und weiß, das liest man nun in allen folgenden Häusern, wo das Papier hinkommt, dann gibt man gern etwas. «Die sollen’s nur sehen, dass ich’s auch vermag!» Und die Nächsten lesen es dann wieder: «Wenn die soviel geben wollten, dann kann ich’s auch!» O was für ein edler Wettstreit, etwa zwischen zwei Geschäftsleuten, wenn so einer wohltätiger sein will als der andre! Und noch schöner als die Sammellisten ist’s, wenn’s in der Zeitung kommt oder im Jahresbericht. O wie schnell sieht man dann nach, ob’s auch stimmt, und was dieser und jener gegeben! O wie wohl tut das, unter den «hochherzigen Stiftern» und «edlen Gebern» zu stehen! Und hier im Aargau habe ich an einigen Orten sogar einen noch schönern Ersatz für das Posaunenblasen gefunden, nämlich die sogenannten Ehrentafeln, auf denen die Namen der besonders Freigebigen in goldenen Lettern sogar für die kommenden Jahrhunderte aufbewahrt werden: Mayer 100, Müller 200, X 500, Y 1000. Hoch klingt das Lied vom braven Mann, wie Orgelton und Glockenklang!8 Und was kann man in den Städten nicht Alles erleben in dieser Beziehung. Da vergeht doch kein Winter, ohne dass die gute Gesellschaft für diesen oder jenen Zweck einen Bazar, einen öffentlichen Verkauf veranstaltet; da ist es dann für alle Kaufleute, die etwas auf sich halten, Ehrensache, etwas aus ihrem Geschäft zu stiften zum allgemeinen Besten, und wieder kommen die Namen der Geber in die Zeitung mit genauer Beschreibung und Wertangabe ihres Geschenkes. Nachher aber müssen alle rechtdenkenden Leute hingehen und etwas kaufen und nachher Schokolade oder auch Champagner trinken zu Gunsten der Neger oder der armen Kinder oder der Abgebrannten oder Überschwemmten. Oder man macht einen «Blumentag», wie es neuerdings Mode geworden ist, man überschwemmt eine ganze Stadt mit jungen Fräuleins, die für 20 Rappen jedem ein Blümlein oder auch mehrere ins Knopfloch stecken, und so sieht man dann scharenweise blumengeschmückte kleine Wohltäter herumlaufen und müsste sich |344 schämen, nicht dazu zu gehören.9 In London sollte ein großes Haus gebaut werden für den christlichen Jünglingsverein. Da hat man am Stadthaus eine große Uhr aufgestellt, die bei Nacht erleuchtet wurde, und auf dieser Uhr zeigte ein Zeiger ganz genau, wie groß die bis jetzt gesammelte Summe war, und jedesmal, wenn wieder ein tüchtiges Stück Geld einging, machte der Zeiger einen Schritt vorwärts. Daran ist ja kein Zweifel, dass man auf solche Weise viel Geld zusammenbekommt, und wenn es sich bloß darum handelte, könnte man gegen das Alles gar nichts einwenden. Aber das ist das Schlimme, dass man auf alle diese Arten unzähligen Leuten auf die leichteste Weise von der Welt zu dem Bewusstsein verhilft, sie hätten etwas Gutes getan. Man tut den Leuten wirklich einen schlechten Gefallen, wenn man es ihnen so leicht und angenehm macht, Gutes zu tun. Almosen um der Posaune willen, um der Sammelliste, um des Geschäftsinteresses, um des Vergnügens, um der Öffentlichkeit willen, ja, ein solches Almosen mag seinem Zweck dienen, denn Geld ist Geld, ob’s in diesem oder jenem Sinn gegeben wird. Aber das ist eine ungeheure Verwirrung, zu denken, dass ein solches Almosen eine gute Tat sei. Die sind wirklich zu loben, die bei solchen Angelegenheiten offen sagen: Ich tue es um meines Interesses willen. Wo man das nicht tut, wo man sich einbildet, zugleich ein gutes Werk zu tun, da wirkt das Geben auf den Geber direkt gefährlich. Er hat nun ein ruhiges Gewissen; er hat jetzt das Gefühl, es sei etwas in Ordnung gebracht, und dieses Gefühl sollte er eben nicht haben. Denn ein ruhiges Gewissen kann nur der haben, der im Verborgenen Ordnung gemacht, der in der Stille und nicht auf der Straße das Gute getan hat. Auch das Almosen, auch das Geben gehört in die Stille. Nur dann geschieht es zur Ehre Gottes und nur dann ist es eine gute Tat.

345Jesus beschreibt uns, wie er sich das denkt. Er sagt: Wenn du Almosen gibst, so soll deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut. Das ist deutlich. Man kann nicht Almosen geben mit dem Nebengedanken, um seines Gebens will anerkannt zu werden. Man kann nicht ein braver Mann sein mit der Nebenabsicht, als braver Mann angesehen zu werden. Man kann nicht etwas Edles tun, um sich damit von Andern in dem Bewusstsein stärken zu lassen: Wie edel bin ich doch! Dieser Nebengedanke stört und vergiftet die gute Tat. – |

Aber die Meinung Jesus geht doch noch viel weiter. Wenn wirklich die linke Hand nicht wissen soll, was die rechte tut, dann ist nicht nur das Posaunen und das öffentliche Wesen beim Schenken ein Unfug, durch den das Schenken aufhört, etwas Gutes, Löbliches zu sein. Sondern die ganze Erwägung ist falsch, die dahinter steht, in unsrer Zeit so gut wie bei den Pharisäern von dazumal, als könne und solle man so von Zeit zu Zeit etwas Besonderes tun, um mit Gott und seinem Gewissen Frieden zu haben oder um das Bewusstsein zu haben, ein rechtlich denkender Mann zu sein. Wenn die linke Hand nicht wissen soll, was die rechte tut, dann kann man nicht hingehen und sich sagen: So, ich will jetzt ein gutes Werk tun; ich will mir jetzt wieder einmal etwas Besonderes leisten, ich will jetzt so gütig sein und von dem, was ich habe, Andern etwas zu Gute kommen lassen. Sondern unbewusst, von einer Handbewegung, über die man gar nicht besonders nachgedacht, automatisch sozusagen, selbstverständlich, weil es gar nicht anders sein kann, müsste die Wohltat kommen; nicht mehr als eine Wohltat, bei der man denkt: jetzt! jetzt tu’ ich was Rechtes! sondern als etwas, was so klar und notwendig ist wie das Atmen. Der Gedanke, unser Geben sei etwas Ausgezeichnetes, Verdienstliches müsste sogar aus unserm Herzen verschwinden, geschweige denn aus unserm Benehmen beim Geben. Dann und nur dann ist unser Geben gut und göttlich, wenn wir dabei das Gefühl haben, das Natürliche, Nächstliegendste zu tun. Das ist das verborgene Almosen, das Jesus gemeint hat. Es ist das Geben dessen, der weiß: es versteht sich von selbst, was ich tue, und ich verdiene durchaus keine besondere Anerkennung. Es ist das Geben dessen, der keinen Handel machen will mit seiner Gabe, weder mit Gott noch mit den Menschen, sondern nur das Gute tun, eben weil es gut ist.

346Seht, meine Freunde, es ist eine neue Weltordnung verborgen in dem schlichten Wort von der linken Hand, die nicht wissen soll, was die rechte tut. Sie ist für uns Alle ebenso neu, wie sie für die Pharisäer neu und unbegreiflich war. Es ist eine Weltordnung, in der die Liebe regiert. Aber nicht die Liebe, die man so gelegentlich hervornimmt, um dem Andern etwas Gutes zu tun, damit das Gewissen beruhigt sei und weil man doch von Zeit zu Zeit so etwas machen muss, sondern die Liebe ist selbst das Gewissen geworden und entscheidet ohne weitere Nebengedanken, was geschehen soll. Die Liebe sieht den mannigfaltigen Jammer, in dem sich die Menschheit befindet, sie sieht die Abgründe, die die Menschen voneinander trennen, die Unterschiede des Lebens, die es mit sich bringen, dass Unzählige ein dunkles, verkümmertes, ungenügendes Dasein führen müssen, sie versetzt sich in der Lage derer, die da drunten sind in der Armut, in der Krankheit, in der körperlichen und geistigen Verlotterung, und nun sagt sie nicht: Ja, das muss so sein, diese Unterschiede müssen bleiben, es muss immer Glückliche und Unglückliche geben, Reiche und Arme, solche, denen es gut geht, und solche, denen es schlecht geht, solche, die sich ungehindert zu freien, aufrechten, fröhlichen Menschen entwickeln können, und solche, die durch harte Lebensbedingungen ewig unten gehalten werden. Sie sagt nicht: der Abgrund muss bestehen bleiben, aber ich will etwas Gutes [tun], ich will ein paar Franken, vielleicht auch ein paar Hundert, in den Abgrund werfen. Sondern Liebe will die Ausfüllung der Abgründe. Liebe will die Aufhebung der Unterschiede. Es gibt im Grunde kein Almosen, keine Wohltätigkeit, keine besondere Gabe für die Liebe. Sie greift zu, weil sie nicht anders kann, weil sie die Not Anderer nicht sehen kann. Die linke Hand weiß nicht, was die rechte tut. Sang- und klanglos, ohne Posaunen und ohne Verdienst kommt die Hilfe, das solidarische Einstehen des Einen für den Andern daher, wo das Bedürfnis ist. Aller Ruhm und Glanz der guten Tat ist weg, sie ist etwas ganz Schlichtes geworden. Und nicht mehr eine Gnade erweist man dem, dem man hilft, sondern sein gutes Recht, sein Menschenrecht, sein Bruderrecht lässt man ihm widerfahren.

Das ist die neue Weltordnung, die mit Jesus Christus in die Geschichte getreten ist. O sie hat schon Gewaltiges geschaffen unter den Menschen, seit sie da ist. Sie hat in den kurzen 2000 Jahren, in denen sie wirksam ist, mächtige Siege errungen über die Selbstsucht und |347 über die Eitelkeit er Menschen. Es ist ein gutes Zeichen, dass das Wort Almosen beginnt, ein seltenes zu werden in unserm Wörterbuch. Darin zeigt es sich, dass die Hilfe anfängt, nicht mehr ein frommes Extrawerk zu sein, sondern etwas, was sich ohne weiteres Verdienst so gehört. Aber es ist doch erst ein Anfang. Denn auch die Selbstsucht und die Eitelkeit haben neue, raffiniertere Formen angenommen. Die menschliche Natur mit ihrer Trägheit und Eigenliebe ist wohl zurückgedrängt, aber sie verteidigt sich nur umso hartnäckiger in ihrer Stellung. Der Kampf, den die Liebe Christi in der Welt kämpfen muss, ist nicht leichter, sondern schwerer geworden. Da heißt es für die, die Kinder des neuen Gottes, des Gottes der Liebe sein möchten, mehr als je alle Kräfte zusammen nehmen. Nicht um damit gegen die Pharisäer unsrer Zeit zu streiten, so sehr es einen oft dazu gelüsten möchte, sondern um den Pharisäer, den Heuchler, den wir Alle in unsrer eignen Brust tragen, unterzukriegen. Denn wo Einer, und wäre es auch nur Einer, in seinem Leben dazu gekommen ist, seine Linke nicht mehr wissen zu lassen, was die Rechte tut, der braucht dann auf die kommende neue Weltordnung der Liebe nicht mehr zu warten. Sie ist für ihn schon da mit ihrem ganzen Gottessegen.

Amen.

Sachfußnoten

1
Gemeint ist: «unter harten Umständen leben»/ «nicht leicht leben». ↩
2
Redensart bäuerlicher Herkunft: Wer sein «Schäfchen im Trockenen hat» oder «ins Trockene bringt», hat sich einen Vorteil oder Gewinn verschafft bzw. bringt diesen in Sicherheit; vgl. Röhrich IV, S. 1295 📖. ↩
3
Zitat aus Fr. Schillers Ballade «Der Taucher» (Erstdruck 1797; Sämtliche Werke, Bd. 1, München 19623, S. 368–373, dort S. 371) 📖:
Da unten aber ists fürchterlich,
Und der Mensch versuche die Götter nicht […].
↩
4
In moderneren Bibelausgaben nicht mehr im Haupttext gedruckter Vers. ↩
5
Siehe unten, Anm. 8. ↩
6
Gemeint sind die in der Diaspora verstreut lebenden Protestanten. ↩
7
Gemeint ist der Turm der Kathedrale St. Pierre. ↩
8
Beginn des Gedichts «Das Lied vom braven Manne» von G. A. Bürger (Erstdruck: 1777; Bürgers Gedichte in zwei Teilen, Erster Teil: Gedichte 1789, hrsg. von E. Cosentius, Berlin u. a. 19142, S. 164–167, dort S. 164 📖). ↩
9
Wenige Tage zuvor, am 25. Juli 1912, war in Basel beschlossen worden, dass «die Pestalozzigesellschaft, wie schon vor 1 und 2 Jahren», zeitgleich mit dem St. Jakobsfest «einen Blumentag veranstalten» wird (https://www.baslerstadtbuch.ch/chronik/1912/07/25 📖; zuletzt aufgerufen am 1.11.2021); dessen Ertrag in Höhe von 26 000 Franken sollte «verschiedenen Unternehmungen der Pestalozzigesellschaft, Ferienheim Preles, Waldschulen, Kleinbasler Krippen zu gute» kommen (https://www.baslerstadtbuch.ch/chronik/1912/08/28; zuletzt aufgerufen am 1.11.2021). ↩