4. August 1912

Predigt: Matthäus 6,1

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Matthäus 6,1
Habt Acht auf eure Gerechtigkeit, dass ihr die nicht ausübt vor den Leuten, um von ihnen gesehen zu werden. Wo anders, habt ihr keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel.
Liebe Zuhörer!

Wenn wir dieses Wort Jesu recht verstehen wollen, dann müssen wir uns daran erinnern, dass er ein andermal gesagt hat: Lasset euer Licht leuchten vor den Leuten, dass sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen! [Mt. 5,16] Was er dort gebietet – und wir haben ja auch in einer Predigt davon gesprochen1 –, das scheint er in unsrem heutigen Textwort zu verbieten. Wie verhält es sich damit?

Ich möchte euch die Meinung Jesu in diesen beiden Worten in einem Gleichnis klar zu machen suchen: In unsrer Bundesstadt Bern stand bis vor wenigen Jahren in der Nähe des Münsters ein altes Gebäude, das war weit und breit berühmt wegen seiner schönen Vorderseite. Die war vor 150 und mehr Jahren von einem feinsinnigen Baumeister errichtet in der Bauweise der damaligen Zeit, aus Sandstein, aber in überaus zierlichen Formen mit allerlei kunstreichem Schmuck. In der Mitte war ein schmucker Balkon, und darüber prangte gar stolz der Berner Bär in leuchtendem Rot und Gold. Es war eine rechte Freude, dieses Haus anzusehen, denn es stand vortrefflich an seiner Stelle und zierte die ganze Straße. Man wusste auch, dass in diesem Hause einst eine wichtige Behörde des alten Bern ihren Sitz gehabt hatte; später aber bildete es einen Teil der Universität, da gingen die Professoren und Studenten dort aus und ein, und man hatte immer auch das Gefühl: das alte Haus darf sich mit Ehren sehen lassen neben den neuen.2 Es ist schön, und man würde es ungern vermissen und |325 ungern etwas Anderes an seiner Stelle sehen. Solange es so war, konnte man auf das Haus den Spruch anwenden: Lasset Euer Licht leuchten vor den Leuten! Man konnte bei seinem Anblick nichts Anderes denken als das, dass der alte Baumeister seine Sache gut gemacht. Die schöne Vorderseite mit dem Balkon und dem Bären war etwas ganz Natürliches und Notwendiges. Es gehörte nun einmal an seinem Fleck zur Straße, und es war ein Zeichen von dem alten Glanz der Republik Bern.3 – |

Aber nun kam, wie es in den Städten oft geht, vor einigen Jahren die Notwendigkeit, das alte Haus abzureißen, denn an seine Stelle sollte ein großer, freier Platz kommen. Das geschah dann auch. Aber die schöne Vorderseite des alten Baumeisters? Sollte der schöne Anblick wirklich ein für allemal dahin sein? Da kam ein kluger Kopf auf den Gedanken: Nein, wir wollen diese Vorderseite – nur die Vorderseite! – mit all ihrem Schmuck sorgfältig abbrechen und auf Wagen laden und draußen vor der Stadt in einem der neuen Quartiere wieder zusammensetzen und aufrichten. Und so hat man’s gemacht. Weit draußen auf dem Kirchenfeld, jenseits der Aare, in der Nähe des Waldes, da findet der Beschauer jetzt die Vorderseite des Hauses, das einst mitten in der Stadt stund4.5 |

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Bern-Kirchenfeld, Brunnenanlage «Wasserschloss» (alte Sprüngli-Fassade); Foto: Matthias Zeindler

327 Jeder Stein hat wieder sein Plätzchen gefunden, es ist nichts vergessen von all den Kleinigkeiten, an denen man sich früher erfreuen konnte, und die Berner sind sehr stolz darauf, wie klug sie das gemacht hätten. Nur ist das Haus leider kein Haus mehr, sondern nur noch eine Mauer, denn durch die Fenster sieht man den blauen Himmel; es ist nichts mehr dahinter, und ein Unkundiger könnte meinen, es habe da einmal eine Feuersbrunst stattgefunden. Und statt der Straße, zu der das Haus gehörte, steht die Mauer nun ganz sinnlos mitten in einem Garten. Und während früher der Anblick dieses Bauwerks belebt wurde durch den Gedanken an seine Geschichte, an Alles, was darin vorgegangen war und vorging, kann man jetzt mit dem besten Willen keinen Gedanken mehr haben dabei als den der Verwunderung darüber, was dieses Gemäuer wohl da zu suchen habe. Gewiss, es ist immer noch schön – es ist ja ganz dasselbe wie früher –, aber seine Schönheit ist jetzt nicht mehr das Licht, das natürlich und notwendig an seiner Stelle leuchten muss vor den Leuten, es steht jetzt absichtlich, künstlich, ohne Grund und Zusammenhang da, einzig darum, um von den Leuten gesehen zu werden. Das alte Haus fehlt, der alte Ort fehlt, der alte Zweck fehlt – nur die alte, schöne Vorderseite ist da. Man wird nicht mehr unmittelbar gezwungen, sich ihrer Schönheit zu freuen, weil sie eben da war; sondern man merkt, die alte Mauer in ihrem Garten sagt es aufdringlich: Heda, aufpassen! Du musst das schön finden! – dazu steht es ja da. Solch künstliches Vorderseitenwesen, das nichts begehrt, als sich zu zeigen, meinte Jesus, als er seine Jünger warnte: Gebt Acht auf eure Gerechtigkeit, dass ihr die nicht tut vor den Leuten! |

Jawohl, wir haben nicht nur das Recht, sondern die Pflicht, unsren Mitmenschen nicht eine hässliche, sondern eine schöne Vorderseite zu zeigen. Ja, es kann gar nicht anders sein: Wie es sich für die Republik Bern von selbst verstand, dass sie ihre Macht und ihren Reichtum kundtat durch ein stattliches und zierliches Aussehen ihrer Amtsgebäude, so muss die Gerechtigkeit eines Christen ganz selbstverständlich und natürlich vor den Leuten zum Vorschein kommen. Wir können nicht im Geheimen, in der Stille Gottes Wohltaten erfahren, ohne dass man uns das sofort anspüre. Wir können nicht in Erkenntnis und Erfahrung reife, wirkliche Gotteskinder sein, ohne dass das segensreich für unsre Umgebung zur Geltung käme. Wir können nicht im |328 Verborgenen gute Überzeugungen und Einsichten haben, um sie für uns zu behalten, sondern wenn sie gut sind, dann müssen sie auch heraus. Und wenn die Bruderliebe nicht brennt in uns, wenn’s die Andern nicht tatsächlich und sofort spüren, dass wir sie ihnen entgegenbringen, dann haben wir sie eben noch nicht. Es ist die größte Heuchelei, wenn jemand sagen wollte: ich, ich bin viel besser, als man meint, ich bin eben ein guter Kern in einer stachligen Schale, ich bin ein guter Kerl im Grunde, man merkt es nur nicht so! Was etwas wert ist, dass muss sich auch zeigen dürfen. Religion ist nie und nimmer eine Privatsache. Wer in seinem Benehmen und Reden kindisch, verdreht und selbstsüchtig ist, der hat sicher auch inwendig die Gerechtigkeit nicht, die vor Gott gilt. Sondern wo Gottes Wahrheit und Liebe in einem Menschen ist, da zwingen sie die Andern zur Ehrfurcht, zur Dankbarkeit, zur Nachahmung. Ein lebendiger Christ muss in seinen Werken und Taten eine schöne Vorderseite zeigen, an der Alle Freude und vor der Alle Respekt empfinden können. – |

Ja, ich gehe noch weiter. Bei jenem Haus in Bern war, auch als es noch an der alten Stelle stund, die Vorderseite tatsächlich schöner als das, was dahinter war. Auf die Vorderseite hatte der Architekt allen Fleiß verwendet – eben weil sie von den Leuten gesehen wurde –, während er bei dem Bau des Hauses selbst, das man nicht von allen Seiten sah, mehr den praktischen Bedürfnissen folgte. Das würde also bedeuten, dass wir uns vor den Leuten nach außen auch besser zeigen sollten, als wir innerlich sind. Wir sind geneigt, das als Heuchelei zu verurteilen. Man sagt: ein Lump gibt mehr, als er hat;6 ein Lügner stellt sich frömmer, als er ist. Aber ganz so einfach ist nun die Sache nicht. Wir kommen tatsächlich sehr oft in Fälle, wo wir, wenn wir überhaupt das Gute tun wollen, besser sein müssen vor den Leuten, als wir es inwendig für uns sind. Wir haben zum Beispiel etwas sehr Schweres erlebt und möchten uns am Liebsten mit unserm Jammer von Allem abwenden und zurückziehen. Aber nun begegnet uns ein Andrer, der vielleicht auch traurig ist und des Trostes bedürftig. Ja, ist es dann nicht unsre Pflicht, unsern eigenen Kummer zu lassen, nicht zu zeigen, |329 wie es uns inwendig drum ist, mit aller Kraft und Energie unser Bestes hervorzuheben und an die Vorderseite zu stellen, und wenn wir hundertmal wüssten: ach, ich bin selber des Trostes bedürftig, den ich dem andern spende. |

Oder es handelt sich darum, irgendwo die Wahrheit zu sagen. Ja, die Wahrheit ist in den meisten Fällen größer und besser als wir. In uns drinnen ist oft ein wahres Gewebe von Lüge und Angst, und wenn sich nun das Wort der Wahrheit losringt aus unserm Herzen und über unsre Lippen tritt, dann ist die Vorderseite wirklich schöner als das Haus, das dahinter steht. Aber das ist doch keine Heuchelei, sondern das muss so sein. Man kann das zum Beispiel an den Propheten Israels studieren, wie diese Männer oft ungeheure Dinge aussprechen mussten vor den Leuten, Dinge, die ihnen selbst keineswegs selbstverständlich waren, sondern mit denen sie ihrem eigenen Gewissen, ihrem eigenen Verstand gleichsam weit vorauseilten. Ohne ein solches Vorauseilen kann Niemand die Wahrheit reden. |

Und wie ist’s doch mit der Nächstenliebe?! Hand aufs Herz: es ist uns oft durchaus nicht liebevoll ums Herz, wenn wir einem Andern in äußerer oder innerer Not beistehen, wenn wir ihm Liebe erweisen. Die Notwendigkeit, Liebe zu üben, kommt oft gerade in solchen Momenten und Zeiten an uns, wo wir gar heftig mit uns selbst beschäftigt sind. Wer weiß, ob der barmherzige Samariter nicht einen starken Verdruss herunterzuschlucken hatte über die Störung seiner Geschäftsreise, als er dort von seinem Maultier steigen musste, um dem unter die Mörder Gefallenen beizustehen [vgl. Lk. 10,31–35]. Aber er musste heruntersteigen. Die Notwendigkeit war nun einmal da, Liebe zu zeigen; also musste sie gezeigt werden, gern oder ungern. Und so haben wir sicher auch schon freundliche Worte geredet, Gefälligkeiten erwiesen, Opfer gebracht für Andre, und wir wussten ganz genau: eigentlich ist es mir gar nicht so drum, gut, dass man mein Haus nicht von allen Seiten sehen kann, aber ich muss jetzt eine schöne Vorderseite zeigen, ich muss liebevoller hervortreten, als es mir eigentlich ums Herz ist; ich bin dies nun einmal einfach meinem Gewissen und dem Andern schuldig. – |

Nein, das Alles ist keine Heuchelei, sondern das gehört zu der natürlichen Notwendigkeit, mit der die Gerechtigkeit Gottes in einem lebendigen Christen zum Vorschein kommen muss. Gott stellt |330 uns unter die Leute, unter die Menschen, die es nötig haben, Kraft zu empfangen in ihrer Schwachheit, Wahrheit in ihrer Verworrenheit, Liebe in ihrer Not, und damit zwingt er uns, das Beste in uns zusammenzuraffen und an die Vorderseite zu stellen. Er zwingt uns, uns selbst zu überbieten, besser zu sein, als wir sind – für die Andern, weil wir es ihnen schuldig sind. Er zwingt uns, unsre besten Truppen ins Vordertreffen zu stellen, damit die Schlacht gewonnen werde. – |

Jesus hat nun verheißen, dass diese Gerechtigkeit, die so wirklich zum Vorschein komme vor den Leuten, ihren Lohn finde bei unserm Vater im Himmel. Und das ist tatsächlich wahr. Und daran, dass wir diesen Lohn empfangen, können wir am Besten sehen, dass es keine Heuchelei ist, sondern das Richtige, uns nach außen immer besser zu zeigen, als wir innerlich sind. Was ist das für ein Lohn? Nun, der besteht erstens ganz einfach in einem guten Gewissen. Ich denke, es hat uns noch nie gereut, wenn wir uns, wie ich es eben geschildert, selbst überboten und überflügelt haben, wenn wir tapferer, aufrichtiger, freundlicher waren mit den Andern, als es uns eigentlich ums Herz war. Wir haben uns dann nicht gehen lassen, sondern wir haben uns zusammengenommen. Das bessere Ich hat einen Sieg errungen, und nun mögen wir lange wissen, dass auch noch ein böseres da ist, wir haben ihm doch nicht die Vorderseite gelassen, es hat doch für einmal im Hintergrund verschwinden müssen. Dieses Bewusstsein gibt uns Frieden und Freudigkeit ins Herz, wahrhaftig ein großer Gotteslohn. |

Aber mehr noch: jedesmal, wenn wir uns besser zeigen, als wir sind, machen wir auch einen wirklichen Fortschritt nach dem Bessern hin. Es braucht Überwindung dazu, sich selber vorauszueilen, sich besser zu zeigen, als man ist. Aber diese Überwindung lohnt sich. Wer sich äußerlich zusammennehmen und anstrengen kann, der kommt damit auch innerlich vorwärts. Oder ist’s nicht der beste Trost im Leid, einen andern zu trösten, wenn auch vielleicht mit blutendem Herzen? Werden wir nicht bestimmter und fester in der Wahrheit dadurch, dass wir es wagen, sie nicht nur zu kennen, sondern auch zu sagen? Und haben wir noch nie gemerkt, dass uns die Liebe gekommen ist, indem wir sie geübt haben? Seht, auch dieses Fortschreiten im Guten ist ein Stück des Lohnes, den der Vater im Himmel denen verheißen hat, die ihre Gerechtigkeit leuchten lassen vor den Leuten. |

331 Und dazu kommt dann noch etwas, nämlich die Wirkung, der Erfolg, den wir haben, wenn wir das Gute an uns zum Vorschein kommen lassen. «Das Wort Gottes kann nicht leer zurückkommen!» heißt es im Alten Testament einmal [vgl. Jes. 55,11], und das gilt überall, wo ein Mensch, und wäre es auch mit Selbstüberwindung und Selbstverleugnung, seine bessere Seite nach außen kehrt, seinen Mitmenschen eine schöne Vorderseite bietet. Wir dürfen nur nicht meinen, wir könnten die Wirkungen davon immer wahrnehmen. Ja, auf diesen Lohn könnten wir freilich in den meisten Fällen lange hoffen. Aber das ist auch gar nicht der verheißene Gotteslohn. Sondern der besteht darin, dass Gott uns für seine Zwecke tatsächlich brauchen kann, ob wir es nun wissen und merken oder nicht. Ich glaube, er kann uns gerade dann besonders gut brauchen, wenn wir uns irgendwie zusammennehmen müssen, um besser zu sein, als wir es gewöhnlich sind. Wir vermögen vielleicht nie so sehr, Andern Mut, Vertrauen und Kraft einzuflößen, wie gerade dann, wenn wir diese Dinge nur mit größter Mühe bei uns selbst zum Vorschein bringen können. Die Wahrheit, die wir andern sagen, schlägt nie so sehr ein, wie wenn sie es uns anmerken: wir haben kämpfen müssen, es hat uns Mühe gekostet, bis wir zu der Überzeugung gelangt sind. Und nie ist unsre Liebe wärmer, durchdringender, wohltuender, als wenn unsren Worten und Taten wirklich ein Sieg über die Selbstsucht vorangegangen ist.

So, meine Freunde, gewinnen wir Lohn bei unsrem Vater im Himmel, wenn wir unser Licht leuchten lassen, wenn wir den Menschen eine schöne Vorderseite unsres Hauses zeigen, wenn wir unsre Religion, die Gerechtigkeit, die wir als lebendige Christen haben sollen, im Leben, vor den Leuten zum Vorschein kommen lassen. – |

Aber nun kennt Jesus einen andern Fall, und da muss er sagen: Wenn ihr es so macht, dann habt ihr keinen Lohn bei eurem Vater im Himmel. Das ist der Fall, wo nur eine schöne Vorderseite dasteht, wie dort in Bern, einsam, künstlich aufgerichtet, an einem Ort, wo sie gar nicht hingehört, mit dem einzigen Zweck, schön zu sein und sich zu zeigen. Wer mit seiner Gerechtigkeit zum Vorschein kommen will, nicht weil ihm das natürlich und notwendig ist, sondern um damit von den Leuten gesehen zu werden, der übt damit eine Verlogenheit. Und wie man vor jener leeren, formlosen Vorderseite in Bern nur den Kopf schütteln kann, obwohl sie ja immer noch schön ist, so kann auch |332 Gott nur mitleidig über uns den Kopf schütteln, wenn er sehen muss, wie wir Gutes tun, nicht aus jener innern, natürlichen Notwendigkeit, nicht aus Freude, den Leuten zu helfen, sondern aus Freude an dem Aufsehen, das wir dadurch bei den Leuten erringen. Jesus zielte auf die Pharisäer seiner Zeit, als er dies Wort sprach. Denn die waren Meister darin, den Leuten künstliche Vorderseiten von Gerechtigkeit vorzuführen und ihnen ein: Ach, wie schön! auf die Lippen zu locken. Aber ihre Kunst ist zu allen Zeiten geübt worden. Es ist eine weitverbreitete Kunst. Denn zahllos sind die Menschen, die damit beschäftigt sind, Gutes zum Vorschein zu bringen in ihrem Leben. Aber es ist nicht jener gesunde, schöne Vorgang, dass Gottes Gerechtigkeit, die in den Herzen der Menschen wohnt, gleichsam die Schalen sprengt und hervortritt vor allen Augen, weil es nicht anders sein kann, sondern da wird etwas gemacht und gekünstelt, da wird Theater gespielt. Da wollen die Menschen nicht leuchten, sondern glänzen. Da wollen sie nicht schaffen und Andre vorwärts führen, sondern da wollen sie stille stehen und sich von den Andern begucken lassen. Das ist das Verlogene an dieser Kunst, dass sie der Entfaltung und Betätigung wirklicher Gerechtigkeit so täuschend ähnlich sieht – nur dass keine Wahrheit dahinter ist und dass sie kein Ziel hat. |

Da ist zum Beispiel eine Person, der ist es gegeben gewesen, im Unglück stark und zufrieden zu bleiben. Sie ist durch gute und schlimme Tage unversehrt hindurchgegangen und steht mit schwerem Leid hinter sich ungebrochen da. Es gibt solche Menschen. Ist das nicht etwas Gutes? O ja, das ist etwas Gutes. Wenn sie nun nur nicht hingehen wollte und es Allen Leuten aufdrängen: Seht, wie schön das ist, wenn man die Leiden des Lebens ertragen kann wie ich! Hier sagt sie es mit Worten und langen Beschreibungen von all dem, was sie durchzumachen hatte, und dort bloß mit einem feierlichen, herablassenden Gesicht. Aber es ist immer derselbe Sinn, der aus ihr spricht: Seht, meine Gerechtigkeit! ich habe nicht geklagt, ich bin nicht mutlos geworden, ich habe das Gottvertrauen behalten. Ihr wisst, wie furchtbar es ist, mit solchen gerechten Leuten zu verkehren, die ihr Licht auf den Leuchter stellen, nicht um uns Halt zu geben, sondern um uns zu zeigen, was sie für Christen seien. |

Da ist ein Anderer, der ist eifrigst daran, die Leute von irgend einer Ansicht zu überzeugen, sie für irgend eine gute Sache zu gewinnen. Er |333 redet mächtig auf sie ein und zeigt ihnen klipp und klar, wie sehr sie bisher im Unrecht gewesen. Ist es nicht schön, wenn man so seine Überzeugung vertritt, wenn man für die Wahrheit streitet? O ja, das ist schön. Aber wenn er nur dabei nicht sich selber so furchtbar wichtig machen wollte! Es gibt eine Art, die Wahrheit zu reden und zu vertreten, wo man sich nicht von der Wahrheit leiten lässt, sondern wo man sie reitet, wie eben ein Knabe sein Steckenpferd reitet. Man hat sich auf irgend eine Idee verlegt, heiße sie nun so oder so, und nun wirft man sich in die Brust als ihr Apostel und kommt sich gar gewaltig vor dabei wie ein Kind, das seines Vaters Hut aufgesetzt hat. So übt man Gerechtigkeit, um von den Leuten gesehen zu werden.

Und so gibt es auch eine ganz entsetzliche Art, einander Liebeund Freundlichkeit zu erweisen. Die Vorderseite ist wirklich ganz gut: man stellt sich in den Dienst Anderer, man besinnt sich, was man für sie tun könnte, man weiß im Notfall auch größere oder kleinere Opfer zu bringen, um ihnen etwas sein zu können. O ja, sehr schön! Aber wie furchtbar, wenn man es dann nicht lassen kann, ein anteilhaftes Gesicht zu machen, auf dem geschrieben steht: siehst du, lieber Freund, so großartig bin ich, so viel tue ich für dich! Nimm nur, es ist nicht der Rede wert. Oder aber eine Duldermiene, die bedeuten soll: Ja, ja, es ist nicht leicht, christliche Nächstenliebe zu üben. Undank ist der Welt Lohn.7 So muss man dran glauben wie ich, soviel Opfer bringen, aber man tut’s ja gern! Nichtwahr, wir kennen die Gesichter, in denen solche Gedanken geschrieben stehen, und wir behüten uns vor solcher Liebe und denken: wenn ich sie nur nie in Anspruch nehmen muss. – |

Es ist überall die eigene Gerechtigkeit und nicht die Gerechtigkeit Gottes, die bei solchem Tun hervortreten will. O wie viel von dieser eigenen Gerechtigkeit ist doch verborgen auch in dem besten Leben. Hier verlangen wir danach, dem Andern einen rechten, tiefen Gemütseindruck von unsrer Vortrefflichkeit zu machen – es ist ein so |334 süßes Gefühl, wenn jemand an uns heraufsieht und uns bewundert. Hier ist der Trieb zum Herrschen in uns mächtig, wir möchten uns ein Gefolge gewinnen, gläubige Nachbeter und Nachtreter. Hier möchten wir uns vor uns selbst entfalten und spiegeln und unsre guten Taten und Worte sind ein beständiger Weihrauch, den wir unserm Selbstbewusstsein darbringen. Wunderbar verschlungen gehen die Pfade unsrer Gedanken und Wünsche durcheinander; aber in einem Punkt laufen sie zusammen: Ich, Ich und noch einmal Ich – bin der Fromme, der Brave, der Gescheite, der Aufopfernde. Und um dieses Gefühl zu haben und zu pflegen, stellen wir unser Licht auf den Leuchter. – |

Jesus hat gesagt: wenn wir es so machen, so haben wir keinen Lohn bei unserm himmlischen Vater. Wir sprachen davon, was das für ein Lohn ist, der dem verheißen ist, der eine schöne Vorderseite zeigt, weil ihn die Gerechtigkeit Gottes mit Notwendigkeit dazu zwingt. Es ist das gute Gewissen, das innere Wachsen und Fortschreiten unsrer Seele, die Wirkung, die unser Reden und Tun hat bei den Andern. Wenn uns die eigene Gerechtigkeit treibt, eine schöne Vorderseite zu zeigen, dann ist dieser Lohn dahin. Wer mit dem Guten glänzen möchte, der kann sich dabei ganz sicher eines guten Gewissens nicht erfreuen. Denn es ist merkwürdig: unser Gewissen verleidet uns auch das Beste, was wir etwa zu Stande bringen, sobald wir darauf stolz werden wollen. Auf den Gedanken: das habe ich getan, antwortet das Gewissen: noch viel mehr hast du nicht getan, und dann ist es mit der Freude an der schönen Vorderseite fertig. Aber auch des Gotteslohnes des inneren Fortschreitens gehen wir verlustig, wenn wir darauf gaffen, uns mit dem Guten vor den Leuten zu zeigen. Wer das tut, der ist vielmehr innerlich faul. Es wird ihm genug sein, etwas zu tun, solange man ihn sieht, er arbeitet auf dem Theater und nicht in der Wirklichkeit. Und das deutlichste Zeichen, dass der Lohn des Vaters im Himmel dahin ist, erkennen wir daran, dass die eigene Gerechtigkeit, die wir pflegen und zur Schau stellen, auf unsre Mitmenschen gar keine wirkliche Wirkung hat. Ja, ein bewunderndes: Ah! mögen wir ernten und einen kurzen Beifall, aber dann ist auch der Zauber durchschaut. Wir wissen es ja von Andern, wie lächerlich sie uns werden, sobald wir das einmal herausgespürt haben: er will sich zeigen und produzieren. Ganz unwillkürlich werden sie uns gleichgiltig, diese Gerechten, die |335 gesehen sein wollen. Wir lassen sie stehen mit ihrer Tugend und haben keine Spur von Lust, sie nachzuahmen. Wir lassen sie reden ihre großen Worte und denken: Red’ du! du bist ja doch nur der Hans oder Heiri8 und nur um den ist es dir im Grunde zu tun. Und ihre Freundlichkeit lässt uns kalt, denn wir wollen lieber keine Liebe als eine, bei der wir bei jedem Löffela zu hören bekommen: Gelt, aber ich bin ein Guter! – Seht, so streng empfinden wir Andern gegenüber. Nur gerade so streng empfinden sie uns gegenüber. Sie durchschauen uns. Wir haben keine Wirkung mit unsrer Gerechtigkeit. Der Lohn Gottes ist weg.

Meine Freunde! Etwas von den beiden Arten, unsre Vorderseiten zu zeigen, haben wir Alle. Da mag sich nun Jedes besinnen, was bei ihm das stärkere ist.

Amen.

Textkritische Fußnoten

a
Im Mskr. ist «bei jedem Löffel» nachträglich mit Bleistift korrigiert aus: «auf jede Löffelspitze».↩

Sachfußnoten

1
Siehe oben, S. 242-254, die Predigt vom 9. Juni 1912. ↩
2
Es handelt sich um die Bibliotheksgalerie, die 1773–1775, nördlich an den Westflügel der Universität anschließend, nach Plänen von Niklaus Sprüngli (1725–1802) erbaut worden war; in ihr befanden sich zeitweise das Historische und das Naturhistorische Museum; vgl. B. Weber, Historisch-topographisches Lexikon der Stadt Bern in ihren Grenzen vor der Eingemeindung von Bümpliz am 1. Januar 1919, Bern 1976, S. 35 📖. ↩
3
Zur Stadt und Republik Bern (so der Name bis 1798 und 1815–1831) gehörten neben dem Gebiet des heutigen Kantons seit 1415 auch Teile des heutigen Kantons Aargau und seit 1536 der heutige Kanton Waadt; Bern beherrschte damit das Gebiet zwischen Genfer See, Jura-Gebirge, Rhein und den Berner Alpen. Napoleons Einfall im Frühjahr 1798 führte zum Zusammenbruch dieser Republik; die aargauischen Gebiete und die Waadt gingen verloren. Der Bär war und ist das Wappentier und Symbol Berns. Vgl. B. Junker u. a., Art. «Bern (Kanton)», in: Historisches Lexikon der Schweiz (https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/007383/2018-01-18; zuletzt aufgerufen am 31.10.2021) 📖. ↩
4
Veraltet für: «stand». ↩
5
Das bis dahin brachliegende Kirchenfeld im Süden Berns ging 1856 an die Berner Burgergemeinde über, 1881 wurde es an die «Berne Land Company» verkauft. Mit seiner Überbauung und Anbindung an die Stadt wurde bald begonnen; vgl. Weber (Anm. 2), S. 131 📖. – Die Nordfassade der 1909 abgebrochenen Bibliotheksgalerie (s. oben, Anm. 2), die auf Betreiben des Architekten Henry B. von Fischer (1861–1949) sorgsam abgetragen und aufbewahrt worden war, wurde 1911 unter den Schutz des Staates gestellt und hinter dem 1912 in Betrieb genommenen Brunnen am heutigen Thunplatz wiederaufgebaut (s. Abb.); vgl. a.a.O., S. 35f.251. ↩
6
Altes Sprichwort: «Ein Hundsfott [= Lump] gibt mehr, als er hat» (vgl. Deutsches Sprichwörter-Lexikon. Ein Hausschatz für das deutsche Volk, hrsg. von K. Fr. W. Wander, Bd. 2, Leipzig 1870 [Darmstadt 1964], Sp. 905 📖). ↩
7
Altes, in vielen Sprachen bekanntes Sprichwort (zu Belegen vgl. Deutsches Sprichwörter-Lexikon [Anm. 6], Sp. 1422f. 📖), zu dem es mehrere veranschaulichende Erzählungen und Märchen gibt; ein Märchen-Beispiel findet sich in: L. Bechstein, Neues deutsches Märchenbuch. Nach der Ausgabe von 1856, textkritisch revidiert und durch Register erschlossen, hrsg. von H.-J. Uther, München 1997, S. 210–218 📖. ↩
8
«Hans wie Heiri» ist eine im Schweizerischen gebräuchliche Redewendung für: «es ist egal»; die hier vorliegende Abwandlung «Hans oder Heiri» ist also zu verstehen als: «irgendjemand». ↩