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        <title type="volume" n="vol-56">Predigten 1912</title>
        <title type="content">Predigt: Matthäus 6,2-4</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Matthäus 6,2-4, 11. August 1912</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/56035 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1912, hrsg. v. Busch, Eberhard / Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2022, S. .</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1912</title>
          <title type="text">Predigt: Matthäus 6,2-4</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2022</date>
          <!--position within a volume-->
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 6,2-4, 11. August 1912. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1569">KBA 1105</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1912-08-11">11. August 1912</date>
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          <term>sermon</term>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1912-08-11">11. August 1912</date>
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.2 Mt.6.4">Matthäus 6,2–4</ref>
                            <quote>
                                Wenn du Almosen gibst, so lass nicht vor dir her posaunen, wie die Heuchler tun in den Synagogen und auf den Gassen, damit sie von den Leuten gepriesen werden. 
                            Wahrlich, ich sage euch, sie haben ihren Lohn dahin. Wenn du aber Almosen gibst, so soll deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut, auf dass dein Almosen im Verborgenen sei. So wird dein Vater, der im Verborgenen sieht, dir vergelten.
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>   
                    <salute>Liebe Zuhörer!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                    <p>Das Wort «<term ref="kbga-terms-1771">Almosen</term>» hat für unsre Ohren einen fremden Klang bekommen. Wir denken dabei etwa an das Bettlersprüchlein, das wir wohl auch schon vor unsern Türen gehört haben: «ein armer Handwerksbursch bittet um ein gütiges Almosen» – aber auch dieses Sprüchlein wird heutzutage selten, die modernen <term ref="kbga-terms-1772">Bettler</term> verstehen es, ihre Sache schöner vorzubringen. Und im Übrigen kommt das Wort «Almosen» wohl überhaupt kaum mehr vor. Man kennt es nur noch aus Geschichten, nicht mehr aus dem <term ref="kbga-terms-56">Leben</term>. – |</p>
                    <p>Und darum müssen wir uns heute zuerst in <term ref="kbga-terms-1747">alte Zeiten</term> versetzen, um recht zu verstehen, was Jesus sagen wollte und was er auch uns zu sagen hat mit seiner Anweisung über das Almosengeben.</p>
                    <p>In den Städten von <placeName ref="kbga-places-871">Palästina</placeName> gab es zur Zeit Jesu einen ganz beträchtlichen Teil der Bevölkerung, der ohne Weiteres bettelarm war, das heißt, von der Hand in den Mund lebte oder direkt hungern und das Nötigste entbehren musste, weil er nichts sein eigen nannte. Es war eine <term ref="kbga-terms-1406">Armut</term>, von der wir heutzutage kaum eine Vorstellung haben. Denkt an <persName ref="kbga-actors-2307">Lazarus</persName>, der vor des <term ref="kbga-terms-1777">Reichen</term> Türe lag, mit Geschwüren bedeckt, sich nährend vom Abfall von des Reichen Tisch, mitten unter den Hunden der Straße [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.16.19 Lk.16.31">Lk. 16,19–31</ref>], 
                    wie sie im Morgenland überall herrenlos herumlaufen. Diese Gestalt hat Jesus nicht erfunden, als er jenes Gleichnis erzählte, sondern die hat er gesehen und zwar nicht einmal, sondern öfters. Es waren mancherlei Gründe, die solche schreienden Zustände möglich machten. Vor allem sicher das südliche Klima, das, wie noch heute etwa in <placeName ref="kbga-places-1005">Süditalien</placeName>, die Leute leicht arbeits<pb xml:id="p337" ed="pga" break="no"/>scheu machen mochte, so dass Viele es einfach aus <term ref="kbga-terms-1279">Trägheit</term> vorzogen, vom <term ref="kbga-terms-1772">Bettel</term> zu leben. 
                    Dazu kamen aber die damaligen Umstände: die politische Unsicherheit. Dass es in einer Zeit, wo beständig ein Aufstand drohte oder wirklich losbrach, in einer Zeit, wo Willkürmenschen wie ein <persName ref="kbga-actors-4393">Herodes</persName> oder ein <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> das Regiment führten, bös leben<note xml:id="n01">
                            <p> Gemeint ist: «unter harten Umständen leben»/ «nicht leicht leben».</p>
                        </note> 
                    war für Alle, die nicht ein ganz fettes Schäflein im Trockenen hatten,<note xml:id="n02">
                            <p> Redensart bäuerlicher Herkunft: Wer sein «Schäfchen im Trockenen hat» oder «ins Trockene bringt», hat sich einen Vorteil oder Gewinn verschafft bzw. bringt diesen in Sicherheit; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-826">Röhrich IV, S. 1295</bibl>.</p>
                        </note> 
                    das ist begreiflich. Auch die römische Obrigkeit, der die <term ref="kbga-terms-783">Juden</term> unterstanden, wusste vielleicht noch kräftiger als die unsrige die <term ref="kbga-terms-1775">Steuerschraube</term> anzuziehen. Dazu kam die Verdorbenheit vieler Beamter; es ist ja bezeichnend, dass Zöllner und <term ref="kbga-terms-750">Sünder</term> sozusagen gleichbedeutend war, und was von manchem Richter zu denken war, 
                    können wir aus jenem Gleichnis entnehmen von dem Richter, der Gott nicht fürchtete und nach keinem Menschen fragte und jener Witwe schließlich nur Recht schaffte, weil sie ihm lästig wurde [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.18.2 Lk.18.5">Lk. 18,2–5</ref>]. 
                    Solche alleinstehenden Personen waren sozusagen preisgegeben, und wir hören, dass sogar <term ref="kbga-terms-457">fromme</term> Leute sich nicht scheuten, sich auf ihre Kosten zu bereichern. Witwen und Waisen gehörten sozusagen selbstverständlich zu den Armen, gerade so gut wie die meisten Kranken. 
                    Denn Alles, was wir heute mit dem Begriff <term ref="kbga-terms-1784">Fürsorge</term> bezeichnen, Armen- und Krankenpflege, öffentliche Veranstaltungen für Krüppel, Blinde und Irrsinnige, um von Versicherung und Pensionen nicht zu reden, das Alles war damals völlig unbekannt. <term ref="kbga-terms-177">Tod</term> und <term ref="kbga-terms-1774">Krankheit</term> brachte fast notwendig auch <term ref="kbga-terms-1406">Armut</term> in eine Familie. 
                    Dafür gab es, wie wir wissen, schon damals ein üppiges Spekulantentum, das es verstand, Häuser und Grundstücke und vor Allem die zum Leben so unentbehrlichen Getreidevorräte in wenigen Händen zu vereinigen zum großen <term ref="kbga-terms-1463">Profit</term> der Klugen und zum ebenso großen Schaden der Übrigen. 
                    So gab es im jüdischen Volk, wie übrigens in allen Völkern jener Zeit, eine große und breite untere Schicht, von der man nur sagen konnte: da drunten aber ist’s fürchterlich!<note xml:id="n03">
                            <p> Zitat aus <persName ref="kbga-actors-764">Fr. Schillers</persName> Ballade <bibl corresp="kbga-bibls-910">«Der Taucher» (Erstdruck 1797; Sämtliche Werke, Bd. 1, München 19623, S. 368–373, dort S. 371)</bibl>:  
                    <q rend="block">
                                    <lg>  
                        <l>Da unten aber ists fürchterlich,</l> 
                        <l>Und der Mensch versuche die Götter nicht […].</l>
                                    </lg>
                                </q>
                            </p>
                        </note> die Faulen<pb xml:id="p338" ed="pga" break="no"/>zer, die in den Stürmen der Zeitlage Verunglückten, die Belogenen und Betrogenen und Entrechteten, die Vereinsamten und Ratlosen, die meisten Kranken und Invaliden, die wirtschaftlich Schwachen und Ausgebeuteten – das waren «<term ref="kbga-terms-1776">die Armen</term>».</p>
                    <p>In dieser Umgebung ist «<hi rend="italic">das Almosen</hi>» entstanden. Die <term ref="kbga-terms-1777">Reichen</term>, oder die wenigstens nicht zu jener untern Schicht gehörten, fanden es ganz <hi rend="italic">selbstverständlich</hi>, dass die Armen da waren. 
                    Man dankte Gott dafür, dass man selber nicht dazu gehörte, aber man fand sich mit der Tatsache ab wie mit einer Naturtatsache. Es war eben so. So machten es auch die <term ref="kbga-terms-457">frommen</term> Leute. Jener reiche Mann im Gleichnis machte sich keine Skrupeln darüber, alle Tage flott zu leben, während der arme <persName ref="kbga-actors-2307">Lazarus</persName> vor der Türe bei den Hunden lag. 
                    Und das war Einer, der an <persName ref="kbga-actors-2228">Moses</persName> und die <term ref="kbga-terms-426">Propheten</term> glaubte [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.16.29">Lk. 16,29</ref>]. Der reiche Jüngling hat alle Gebote gehalten von seiner Jugend an, aber es kommt ihm nicht einmal der Gedanke, sein <term ref="kbga-terms-1773">Reichtum</term> neben der <term ref="kbga-terms-1406">Armut</term> so Vieler könnte ein Unrecht sein, das er gutmachen sollte [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.19.16 Mt.19.22">Mt. 19,16–22</ref>]. 
                    Und es waren fromme, <term ref="kbga-terms-1778">extra fromme Leute</term> sogar, denen Jesus vorhalten musste: Ihr fresset der Witwen Häuser! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.23.14">Mt. 23,14</ref><note xml:id="n04">
                            <p> 
                    In moderneren Bibelausgaben nicht mehr im Haupttext gedruckter Vers.</p>
                        </note>] Das <hi rend="italic">Bedürfnis</hi>, jener untern Schicht <hi rend="italic">Hilfe</hi> zu bringen, war im Großen und Ganzen nicht da. Man nahm die Not der Andern hin, wenn man sie nicht kalten Herzens noch vergrößerte. Man sah im eigenen Reichtum ohne Weiteres den sichtbaren <term ref="kbga-terms-1101">Segen</term> Gottes und in der Armut der Andern <term ref="kbga-terms-1786">Gottes Strafe</term>, die wohl ihren Grund haben werde. 
                    Man spürte kein Verlangen, den Folgen, geschweige denn den Ursachen des offen vorliegenden sozialen Übels zu wehren. Aber ein anderes Bedürfnis war da, ein Bedürfnis, das in keiner lebendigen Menschenseele ganz zum Schweigen zu bringen ist, nämlich das <hi rend="italic">Bedürfnis, mit Gott Frieden</hi> zu haben. Gott redet im <term ref="kbga-terms-596">Gewissen</term> zu allen Menschen, zu den glücklichen wie zu den unglücklichen, 
                    zu den reichen wie zu den armen. Das Gewissen sagt zu einem Jeden: es ist nicht genug, dass es dir wohl sei; es ist nicht genug, dass es dir gut gehe: du musst auch gut sein! Gott will etwas von dir! O ja, diese Stimme hörten auch die frommen, bessern Leute im <term ref="kbga-terms-783">Judentum</term>. Sehr deutlich sogar. <persName ref="kbga-actors-2228">Moses</persName> und die Propheten hatten ihnen nicht umsonst das Gewissen geschärft. Sie wussten, dass man gut sein muss. Sie wussten, dass Gott etwas von uns will. | </p>
                    <p><pb xml:id="p339" ed="pga" rend="noPipe"/>Aber was dann? Als sie sich so fragten, da kamen sie auf den Gedanken, <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-831">gute Werke</term></hi> zu tun, um Gott zu zeigen, dass sie auf ihn hörten, und um ihn zufrieden zu machen und um es zu verhindern, dass die <term ref="kbga-terms-1759">Stimme des Gewissens</term> in ihrem Innern ihnen zu einer lästigen Plage werde. Zu diesen guten Werken, die man tat, um den lieben Gott zufrieden zu stellen, 
                    gehörte das Halten des ganzen <term ref="kbga-terms-66">Gesetzes</term>, <term ref="kbga-terms-90">Beten</term>, Opfern, <term ref="kbga-terms-1577">Sabbathalten</term>, Fasten und die <term ref="kbga-terms-1779">Reinheitsgebote</term> beobachten, das alles waren vorzügliche Mittel, um <term ref="kbga-terms-1781">mit Gott Frieden</term> zu machen. 
                    Zu diesen guten Werken gehörte aber auch <hi rend="italic">das <term ref="kbga-terms-1771">Almosen</term></hi>. Während der eine vielleicht ein Gelübde tat, sich des Weines zu enthalten, während der zweite ein schönes Stück aus seinem Stall nach <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> zu den Priestern führte, 
                    dachte der dritte: ich will etwas für die <term ref="kbga-terms-1776">Armen</term> tun; ich will ein Almosen geben. Nachher kann ich mich dann wieder ungestört des <term ref="kbga-terms-1051">Segens</term> freuen, den Gott sichtbar auf mich gelegt hat. Wir hören aus dem Worte Jesu sehr anschaulich, wie es zuging, wenn so ein reicher frommen Mann Almosen spendete. Da musste ein Diener mit einer Posaune voranschreiten und an jeder Straßenecke kräftig ins Horn stoßen. 
                    Das wurde ursprünglich wohl gemacht, um den armen Leuten ein Zeichen zu geben, dass etwas für sie zu haben sei. Wir können uns denken, wie sie hervorgestürzt sein werden aus allen Häusern, die Hungrigen und die Zerlumpten und die Krüppel, die Unverschämtesten und die berufsmäßigen Faulenzer sicher zuvorderst. Dann spendete der reiche <term ref="kbga-terms-457">fromme</term> Mann mit vollen Händen nach allen Seiten; 
                    natürlich hatte er sich vorher genau vorgenommen, wieviel er ausgeben wollte, um dem lieben Gott eine Freude zu machen. Und dann ging’s weiter an die nächste Straßenecke und wieder ertönte die Posaune und wieder gingen alle Türen auf und wieder drückte der edle Geber jedem seine Münze in die Hand mit einem gütigen Ausdruck auf den zufriedenen Zügen. |</p>
                    <p>Aber das Posaunen war auch sonst eine gute Sache. Es waren doch nicht bloß arme Leute auf der Straße, sondern auch andre, wenn’s gut ging, sogar Bekannte oder Verwandte des Almosenschenkers. Gewiss hat er dann getan, als sehe er sie nicht, und hat sich ganz seinem wohltätigen Geschäft gewidmet, aber dafür sahen sie ihn. Und wenn ein angesehener Mann in der Nähe vorbeiging, dann hatte es der Geber kaum ungern, 
                    wenn der Diener extra kräftig in die Posaune stieß, damit der doch ja nicht übersehen möchte, was sich da Schönes ereig<pb xml:id="p340" ed="pga" break="no"/>nete. Aber man konnte nicht nur auf der Straße <term ref="kbga-terms-1771">Almosen</term> geben, sondern auch in der <term ref="kbga-terms-1780">Synagoge</term>, nach dem <term ref="kbga-terms-96">Gottesdienst</term> am <term ref="kbga-terms-1577">Sabbat</term>, wo alles Volk versammelt war. 
                    Dort wäre ja nun eigentlich die Trompete weniger nötig gewesen, weil die Armen ja sowieso zur Stelle waren. Aber wenn’s denn nun einmal Brauch war, beim Almosengeben zu trompeten, warum sollte man es dann nicht auch in der Synagoge tun? Und so scheint man denn wirklich auch in der Synagoge unter Posaunenschall Almosen verteilt zu haben. 
                    Es war wirklich eine ganz vorzügliche Einrichtung, dieses Almosengeben. Ob man damit <hi rend="italic">den <term ref="kbga-terms-1776">Armen</term></hi> auch wirklich etwas Gutes tat, darauf kam es ja nicht so an. Natürlich bekamen auch die offenkundigen Lumpen ihren Teil, und sicher ihren guten Teil, 
                    weil sie die Frechsten waren. Natürlich [be]kam bei dem großen Haufen der Empfänger der Einzelne so wenig, dass die Wohltat für ihn sozusagen Nichts bedeutete. Aber auf die Armen selbst kam es ja bei dem Almosengeben gar nicht so an. <hi rend="italic">Das «<term ref="kbga-terms-831">gute Werk</term>» war getan</hi>, 
                    und das war die Hauptsache. Man konnte getrost nach Hause gehen und brauchte sich eine Zeitlang wegen des Gewissens nicht mehr zu beunruhigen. Und dass wegen des Trompetens noch andre Leute die Wohltat mit angesehen, das war auch nicht zu verachten. Wenn man so während des Austeilens mit halbem Auge sehen konnte, 
                    wie die andern, braven, wohlsituierten Leute einander anstießen, wenn Einer oder der Andre vielleicht nachher kam, um Einem die Hand zu schütteln, wenn man heimgehen konnte mit dem Gedanken, dass jetzt überall am Mittagessen von Einem geredet wurde – dann war das doch fast wie eine Art Garantie oder Bestätigung des göttlichen Wohlgefallens. Wenn die Leute zueinander sagen: er hat ein gutes, ein sehr gutes Werk getan, dann wird es doch wohl [so] sein. 
                    Wenn die Leute das Lied vom braven Mann<note xml:id="n05">
                            <p>Siehe unten, <ref type="pub" target="#fn_n08">Anm. 8</ref>.</p>
                        </note> anstimmen, dann kann’s nicht fehlen: ich bin’s! Der liebe Gott ist sicher auch der Meinung. Die Armen? Pah, die <term ref="kbga-terms-1776">Armen</term> sind natürlich nach wie vor arm. 
                    Gott sei Dank, dass ich’s nicht bin. Aber Gott sei Dank vor Allem, dass ich jetzt wieder mit ihm in Ordnung bin. Es <hi rend="italic">geht</hi> mir nicht nur gut, sondern ich <hi rend="italic">bin</hi> auch gut. Ich habe meine <term ref="kbga-terms-1482">Pflicht</term> und Schuldigkeit getan vor Gott und zum Glück auch ein wenig vor den Menschen.</p>
                    <p><pb xml:id="p341" ed="pga" rend="noPipe"/>Was mag das für eine Entrüstung gegeben haben unter all den rechtschaffenen, zufriedenen Leuten dieser Art, als sie hören mussten, Jesus habe zu seinen <term ref="kbga-terms-272">Jüngern</term> gesagt: <hi rend="italic">Ihr sollt es nicht machen wie die Heuchler!</hi> <term ref="kbga-terms-1750">Heuchler</term>! 
                    Waren damit <hi rend="italic">sie</hi> gemeint? Ja, damit waren sie gemeint! Gerade was ihnen so gut gefiel, das gefiel ihm durchaus nicht. Er lässt sich zuerst auf ihre Sprache und Denkweise ein, er versetzt sich auf ihren Standpunkt. «<term ref="kbga-terms-831">Gute Werke</term>» wollen sie üben, sagt er, 
                    um Gottes Wohlgefallen und Zufriedenheit zu erwerben, um ein <term ref="kbga-terms-1766">ruhiges Gewissen</term> zu bekommen. Nehmen wir an, man könnte das. Aber dann ist euer Almosengeben sicher kein gutes Werk, fährt er fort. Gott hat keine Freude daran, ihr könnt kein ruhiges Gewissen darüber haben. Eine öffentliche Mildtätigkeit unter Trompetenbegleitung mag euch selbst zur Ehre gereichen im Urteil vieler Menschen, zu <term ref="kbga-terms-28">Gottes Ehre</term> dient dergleichen nicht, und ihr habt keinen Lohn, keinen Erfolg damit bei ihm. 
                    Denn Gott ist ein <term ref="kbga-terms-1623">verborgener Gott</term>. Er macht sich nirgends mit Lärm und Aufdringlichkeit geltend, sondern in der Stille, nicht auf der Oberfläche, sondern in der Tiefe. Wie er zu <persName ref="kbga-actors-2281">Elias</persName> kam, nicht im Erdbeben und nicht im Gewitter, sondern in einem stillen, sanften Säuseln [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kön.19.11 1.Kön.19.13">1.Kön. 19,11–13</ref>], 
                    so kommt er auch jetzt zu seinen Kindern. Und weil Gott selber so ist und so wirkt, kann man ihm auch nicht anders dienen. Er sieht ins Verborgene [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.4 Mt.6.18">Mt. 6,4.18</ref>]. Er sieht bei den Menschen das Verborgene. Er beurteilt sie nach ihrem Inwendigen und nach dem, was niemand oder wenig andre sehen können. Und darum ist das gute Werk der <term ref="kbga-terms-1787">Wohltätigkeit</term>, 
                    das ihm gefällt und das das Gewissen beruhigt, ein verborgenes, stilles. Das Aufsehen und der Beifall der Menschen sind nicht die geringste Gewähr und Bestätigung dafür, dass das Werk wirklich gut ist. Ja, im Gegenteil: wo man Geschrei und Gepolter macht, um Aufsehen und Beifall zu erregen, da ist das Werk sicher nicht gut. 
                    Denn da hat man ja nicht Gott, sondern sich selber zu Ehren <term ref="kbga-terms-1771">Almosen</term> gespendet. – |</p>
                    <p>Man kann leider nicht sagen, dass dieses Wort Jesu, das an die Adresse der <term ref="kbga-terms-808">Pharisäer</term> gerichtet war, für die <term ref="kbga-terms-277">Christenheit</term> überflüssig geworden wäre. Ja, die Posaune ist abgekommen bei der <term ref="kbga-terms-1787">Wohltätigkeit</term> und auch das Münzenverteilen auf offener Straße ist nicht mehr so Brauch. Aber es ist die Frage, ob man es nicht heutzutage noch viel raffinierter macht, um mit seinen <term ref="kbga-terms-831">guten Werken</term> gesehen zu werden. 
                    So schreiende <hi rend="italic">Armutszustände</hi> in großen Bevölkerungskreisen wie <pb xml:id="p342" ed="pga"/> zur Zeit Jesu gibt es heutzutage im Ganzen nicht mehr. <term ref="kbga-terms-1406">Armut</term> und <term ref="kbga-terms-107">Elend</term> sind wohl auch noch da, aber sie fallen nicht mehr so in die Augen. Die Armen gehen mit ihrer Armut nicht mehr auf die Straße, weil sie, abgesehen von Einzelfällen, tatsächlich nicht mehr so groß ist, wie es im <term ref="kbga-terms-1703">Altertum</term> und auch im <term ref="kbga-terms-18">Mittelalter</term> vorkam. 
                    Gleichzeitig ist auch die <hi rend="italic">Art der Wohltätigkeit</hi> eine andre geworden. An die Stelle des Einzelnen, der seine Gaben unter die ersten besten Armen austeilte, sind die Vereine und der <term ref="kbga-terms-160">Staat</term> mit ihren Organisationen getreten. Das Geld, das früher direkt in die Hand der Bedürftigen floss, fließt jetzt dem Kassier zu, der es nach den Beschlüssen seines Comites verwaltet und verteilt. 
                    Für was gibt es heutzutage nicht Hilfsvereine, an 10, 20 Orten zugleich könnte man mit Leichtigkeit zahlendes Mitglied sein, für Alles und Jedes wird gesammelt und eingezogen. Der Begriff der <term ref="kbga-terms-1787">Wohltätigkeit</term> hat sich gewaltig erweitert. Nicht nur für die Armen und Kranken kann man ja geben, wie es in alter Zeit war, sondern für die Mission, die <term ref="kbga-terms-1788">äußere</term> und die <term ref="kbga-terms-1789">innere</term>, für die zerstreuten <term ref="kbga-terms-196">Protestanten</term>,<note xml:id="n06">
                            <p> Gemeint sind die in der Diaspora verstreut lebenden Protestanten.</p>
                        </note> für die <orgName ref="kbga-actors-9056">Heilsarmee</orgName>, 
                    für Kirchenbauten, aber auch wenn dieser Verein eine neue Fahne will oder jener ein Fest feiert. In <placeName ref="kbga-places-67">Genf</placeName> haben die Wächter auf dem Münsterturm<note xml:id="n07">
                            <p> Gemeint ist der Turm der <placeName ref="kbga-places-819">Kathedrale St. Pierre</placeName>.</p>
                        </note> das Recht, alle Jahr einmal bei allen Bewohnern der Stadt ein Trinkgeld einzuziehen für ihre wertvollen Dienste, und in allen Ländern wird gegenwärtig gesammelt für den Bau von Kriegsluftschiffen, wie wenn das das Nötigste wäre. 
                    So gibt man heutzutage <term ref="kbga-terms-1771">Almosen</term>. Die Form ist wirklich eine recht andre geworden. Aber ich glaube: der <hi rend="italic">Gedanke</hi> bei den allermeisten Gebenden ist nach wie vor derselbe: Man muss doch auch wieder einmal etwas <term ref="kbga-terms-829">Gutes</term> tun, wenn man’s kann und vermag. Es mag sein, dass der Gedanke, dadurch wieder <term ref="kbga-terms-1781">Frieden mit Gott</term> zu bekommen, bei Vielen zurücktreten mag. 
                    Es schreibt sich mancher auf eine Liste und wirft etwas in eine Büchse, dem Gott wenigstens seinen Worten nach ganz gleichgiltig ist. Und doch ist’s im Grunde nichts Anderes, was ihn dazu treibt. Er hat das Gefühl, mit seinem Geld etwas in Ordnung zu bringen, er möchte ein rechtdenkender Mann sein, und darum tut er etwas, 
                    um sich selber das zu bestätigen. Und um dessen ganz sicher zu sein, ist es ihm ganz recht, wenn auch seine <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-800">Mitmenschen</term></hi> darum wis<pb xml:id="p343" ed="pga" break="no"/>sen. Zu diesem Zweck sind vielleicht die Sammellisten, wie sie bei uns üblich sind, noch viel nützlicher als früher das Posaunenblasen. Wenn man sich da so selber einzeichnen kann und weiß, das liest man nun in allen folgenden Häusern, wo das Papier hinkommt, dann gibt man gern etwas. «Die sollen’s nur sehen, dass ich’s auch vermag!» Und die Nächsten lesen es dann wieder: «Wenn die soviel geben wollten, 
                    dann kann ich’s auch!» O was für ein edler Wettstreit, etwa zwischen zwei Geschäftsleuten, wenn so einer wohltätiger sein will als der andre! Und noch schöner als die Sammellisten ist’s, wenn’s in der Zeitung kommt oder im Jahresbericht. O wie schnell sieht man dann nach, ob’s auch stimmt, und was dieser und jener gegeben! O wie wohl tut das, unter den «hochherzigen Stiftern» und «edlen Gebern» zu stehen! Und hier im <placeName ref="kbga-places-152">Aargau</placeName> habe ich an einigen Orten sogar einen noch schönern Ersatz für das Posaunenblasen gefunden, 
                    nämlich die sogenannten Ehrentafeln, auf denen die Namen der besonders Freigebigen in goldenen Lettern sogar für die kommenden Jahrhunderte aufbewahrt werden: Mayer 100, Müller 200, X 500, Y 1000. Hoch klingt das Lied vom braven Mann, wie Orgelton und Glockenklang!<note xml:id="n08">
                            <p> Beginn des Gedichts <bibl corresp="kbga-bibls-909">«Das Lied vom braven Manne» von <persName ref="kbga-actors-6404">G. A. Bürger</persName> (Erstdruck: 1777; <hi rend="italic">Bürgers Gedichte in zwei Teilen</hi>, Erster Teil: <hi rend="italic">Gedichte 1789</hi>, hrsg. von E. Cosentius, Berlin u. a. 1914<hi rend="sup">2</hi>, S. 164–167, dort S. 164</bibl>).</p>
                        </note> Und was kann man in den Städten nicht Alles erleben in dieser Beziehung. 
                    Da vergeht doch kein Winter, ohne dass die gute Gesellschaft für diesen oder jenen Zweck einen Bazar, einen öffentlichen Verkauf veranstaltet; da ist es dann für alle Kaufleute, die etwas auf sich halten, Ehrensache, etwas aus ihrem Geschäft zu stiften zum allgemeinen Besten, und wieder kommen die Namen der Geber in die Zeitung mit genauer Beschreibung und Wertangabe ihres Geschenkes. 
                    Nachher aber müssen alle rechtdenkenden Leute hingehen und etwas kaufen und nachher Schokolade oder auch Champagner trinken zu Gunsten der Neger oder der armen Kinder oder der Abgebrannten oder Überschwemmten. Oder man macht einen «Blumentag», wie es neuerdings Mode geworden ist, man überschwemmt eine ganze Stadt mit jungen Fräuleins, die für 20 Rappen jedem ein Blümlein oder auch mehrere ins Knopfloch stecken, und so sieht man dann scharenweise blumengeschmückte kleine Wohltäter herumlaufen und müsste sich <pb xml:id="p344" ed="pga"/> schämen, 
                    nicht dazu zu gehören.<note xml:id="n09">
                            <p> Wenige Tage zuvor, am <date when="1912-07-25">25. Juli 1912</date>, war in <placeName ref="kbga-places-5">Basel</placeName> beschlossen worden, dass «die Pestalozzigesellschaft, wie schon vor 1 und 2 Jahren», zeitgleich mit dem St. Jakobsfest «einen Blumentag veranstalten» wird (<bibl corresp="kbga-bibls-907">https://www.baslerstadtbuch.ch/chronik/1912/07/25</bibl>; zuletzt aufgerufen am 1.11.2021); 
                    dessen Ertrag in Höhe von 26 000 Franken sollte «verschiedenen Unternehmungen der Pestalozzigesellschaft, Ferienheim Preles, Waldschulen, Kleinbasler Krippen zu gute» kommen (<bibl corresp="kbga-bibls-907">https://www.baslerstadtbuch.ch/chronik/1912/08/28</bibl>; zuletzt aufgerufen am 1.11.2021).</p>
                        </note> In <placeName ref="kbga-places-40">London</placeName> sollte ein großes Haus gebaut werden für den christlichen Jünglingsverein. 
                    Da hat man am Stadthaus eine große Uhr aufgestellt, die bei Nacht erleuchtet wurde, und auf dieser Uhr zeigte ein Zeiger ganz genau, wie groß die bis jetzt gesammelte Summe war, und jedesmal, wenn wieder ein tüchtiges Stück Geld einging, machte der Zeiger einen Schritt vorwärts. Daran ist ja kein Zweifel, 
                    dass man auf solche Weise viel Geld zusammenbekommt, und wenn es sich bloß darum handelte, könnte man gegen das Alles gar nichts einwenden. Aber das ist <hi rend="italic">das Schlimme</hi>, dass man auf alle diese Arten unzähligen Leuten auf die leichteste Weise von der Welt zu dem Bewusstsein verhilft, sie hätten etwas Gutes getan. Man tut den Leuten wirklich einen schlechten Gefallen, wenn man es ihnen so leicht und angenehm macht, <term ref="kbga-terms-829">Gutes</term> zu tun. 
                    <term ref="kbga-terms-1771">Almosen</term> um der Posaune willen, um der Sammelliste, um des <term ref="kbga-terms-1418">Geschäftsinteresses</term>, um des <term ref="kbga-terms-1511">Vergnügens</term>, um der <term ref="kbga-terms-1537">Öffentlichkeit</term> willen, ja, ein solches Almosen mag seinem Zweck dienen, denn <term ref="kbga-terms-1462">Geld</term> ist Geld, ob’s in diesem oder jenem Sinn gegeben wird. Aber das ist eine ungeheure Verwirrung, zu denken, dass ein solches Almosen eine gute Tat sei. Die sind wirklich zu loben, 
                    die bei solchen Angelegenheiten offen sagen: Ich tue es um meines Interesses willen. Wo man das nicht tut, wo man sich einbildet, zugleich ein <term ref="kbga-terms-831">gutes Werk</term> zu tun, da wirkt das Geben auf den Geber direkt gefährlich. Er hat nun ein ruhiges Gewissen; er hat jetzt das Gefühl, es sei etwas in Ordnung gebracht, und dieses Gefühl sollte er eben nicht haben. Denn ein <term ref="kbga-terms-1766">ruhiges Gewissen</term> kann nur der haben, der im Verborgenen Ordnung gemacht, der in der Stille und nicht auf der Straße das Gute getan hat. Auch das Almosen, auch das Geben gehört in die Stille. Nur dann geschieht es zur <term ref="kbga-terms-28">Ehre Gottes</term> und nur dann ist es eine gute Tat.</p>
                    <p><pb xml:id="p345" ed="pga" rend="noPipe"/>Jesus beschreibt uns, wie er sich das denkt. Er sagt: <hi rend="italic">Wenn du Almosen gibst, so soll deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut</hi>. Das ist deutlich. Man kann nicht Almosen geben mit dem Nebengedanken, um seines Gebens will anerkannt zu werden. Man kann nicht ein <term ref="kbga-terms-1719">braver Mann</term> sein mit der Nebenabsicht, als braver Mann angesehen zu werden. Man kann nicht etwas Edles tun, um sich damit von Andern in dem Bewusstsein stärken zu lassen: Wie edel bin ich doch! Dieser Nebengedanke stört und vergiftet die gute Tat. – |</p>
                    <p>Aber die Meinung Jesus geht doch noch viel weiter. Wenn wirklich die linke Hand nicht wissen soll, was die rechte tut, dann ist nicht nur das Posaunen und das öffentliche Wesen beim Schenken ein Unfug, durch den das Schenken aufhört, etwas Gutes, Löbliches zu sein. Sondern die ganze Erwägung ist falsch, die dahinter steht, in unsrer Zeit so gut wie bei den <term ref="kbga-terms-808">Pharisäern</term> von dazumal, als könne und solle man so von Zeit zu Zeit etwas Besonderes tun, 
                    um <term ref="kbga-terms-1781">mit Gott</term> und seinem <term ref="kbga-terms-596">Gewissen</term> Frieden zu haben oder um das Bewusstsein zu haben, ein rechtlich denkender Mann zu sein. Wenn die linke Hand nicht wissen soll, was die rechte tut, dann kann man nicht hingehen und sich sagen: So, ich will jetzt ein <term ref="kbga-terms-831">gutes Werk</term> tun; ich will mir jetzt wieder einmal etwas Besonderes leisten, ich will jetzt so gütig sein und von dem, was ich habe, Andern etwas zu Gute kommen lassen. Sondern unbewusst, von einer Handbewegung, 
                    über die man gar nicht besonders nachgedacht, automatisch sozusagen, selbstverständlich, weil es gar nicht anders sein kann, müsste die <term ref="kbga-terms-1787">Wohltat</term> kommen; nicht mehr als eine Wohltat, bei der man denkt: <hi rend="italic">jetzt!</hi> jetzt tu’ ich was Rechtes! sondern als etwas, was so klar und notwendig ist wie das Atmen. Der Gedanke, unser Geben sei etwas Ausgezeichnetes, Verdienstliches müsste sogar aus unserm Herzen verschwinden, geschweige denn aus unserm Benehmen beim Geben. Dann und nur dann ist unser Geben gut und göttlich, 
                    wenn wir dabei das Gefühl haben, das Natürliche, Nächstliegendste zu tun. Das ist das verborgene <term ref="kbga-terms-1771">Almosen</term>, das Jesus gemeint hat. Es ist das Geben dessen, der weiß: es versteht sich von selbst, was ich tue, und ich verdiene durchaus keine besondere Anerkennung. Es ist das Geben dessen, der keinen Handel machen will mit seiner Gabe, weder mit Gott noch mit den Menschen, sondern nur <term ref="kbga-terms-829">das Gute</term> tun, eben weil es gut ist.</p>
                    <p><pb xml:id="p346" ed="pga" rend="noPipe"/>Seht, meine Freunde, es ist eine neue <term ref="kbga-terms-1783">Weltordnung</term> verborgen in dem schlichten Wort von der linken Hand, die nicht wissen soll, was die rechte tut. Sie ist für uns Alle ebenso neu, wie sie für die <term ref="kbga-terms-808">Pharisäer</term> neu und unbegreiflich war. 
                    Es ist eine Weltordnung, in der die <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-593">Liebe</term></hi> regiert. Aber nicht die Liebe, die man so gelegentlich hervornimmt, um dem Andern etwas Gutes zu tun, damit das <term ref="kbga-terms-596">Gewissen</term> beruhigt sei und weil man doch von Zeit zu Zeit so etwas machen muss, sondern die Liebe ist selbst das Gewissen geworden und entscheidet ohne weitere Nebengedanken, was geschehen soll. 
                    Die Liebe sieht den mannigfaltigen Jammer, in dem sich die <term ref="kbga-terms-402">Menschheit</term> befindet, sie sieht die Abgründe, die die Menschen voneinander trennen, die <term ref="kbga-terms-1782">Unterschiede des Lebens</term>, die es mit sich bringen, dass Unzählige ein dunkles, verkümmertes, ungenügendes Dasein führen müssen, sie versetzt sich in der Lage derer, die da drunten sind in der <term ref="kbga-terms-1406">Armut</term>, 
                    in der <term ref="kbga-terms-1774">Krankheit</term>, in der körperlichen und geistigen Verlotterung, und nun sagt sie nicht: Ja, das muss so sein, diese Unterschiede müssen bleiben, es muss immer <term ref="kbga-terms-920">Glückliche</term> und <term ref="kbga-terms-1769">Unglückliche</term> geben, <term ref="kbga-terms-1777">Reiche</term> und <term ref="kbga-terms-1776">Arme</term>, solche, denen es gut geht, und solche, denen es schlecht geht, solche, die sich ungehindert zu freien, aufrechten, fröhlichen Menschen entwickeln können, und solche, 
                    die durch harte Lebensbedingungen ewig unten gehalten werden. Sie sagt nicht: der Abgrund muss bestehen bleiben, aber ich will etwas Gutes [tun], ich will ein paar Franken, vielleicht auch ein paar Hundert, in den Abgrund werfen. Sondern Liebe will die Ausfüllung der Abgründe. Liebe will die Aufhebung der Unterschiede. 
                    Es gibt im Grunde kein <term ref="kbga-terms-1771">Almosen</term>, keine <term ref="kbga-terms-1787">Wohltätigkeit</term>, keine besondere Gabe für die Liebe. Sie greift zu, weil sie nicht anders kann, weil sie die Not Anderer nicht sehen kann. Die linke Hand weiß nicht, was die rechte tut. Sang- und klanglos, ohne Posaunen und ohne Verdienst kommt die Hilfe, das <term ref="kbga-terms-892">solidarische Einstehen</term> des Einen 
                    für den Andern daher, wo das Bedürfnis ist. Aller Ruhm und Glanz der guten Tat ist weg, sie ist etwas ganz Schlichtes geworden. Und nicht mehr eine <term ref="kbga-terms-35">Gnade</term> erweist man dem, dem man hilft, sondern sein gutes <term ref="kbga-terms-337">Recht</term>, sein Menschenrecht, sein Bruderrecht lässt man ihm widerfahren.</p>
                    <p>Das ist die neue <term ref="kbga-terms-1783">Weltordnung</term>, die mit Jesus Christus in die <term ref="kbga-terms-398">Geschichte</term> getreten ist. O sie hat schon Gewaltiges geschaffen unter den Menschen, seit sie da ist. Sie hat in den kurzen 2000 Jahren, in denen sie wirksam ist, mächtige Siege errungen über die <term ref="kbga-terms-1558">Selbstsucht</term> und <pb xml:id="p347" ed="pga"/> über die 
                    <term ref="kbga-terms-1633">Eitelkeit</term> er Menschen. Es ist ein gutes Zeichen, dass das Wort <term ref="kbga-terms-1771">Almosen</term> beginnt, ein seltenes zu werden in unserm Wörterbuch. Darin zeigt es sich, dass die Hilfe anfängt, nicht mehr ein <term ref="kbga-terms-1778">frommes Extrawerk</term> zu sein, sondern etwas, was sich ohne weiteres Verdienst so gehört. Aber es ist doch erst ein Anfang. 
                    Denn auch die Selbstsucht und die Eitelkeit haben neue, raffiniertere Formen angenommen. Die <term ref="kbga-terms-1553">menschliche Natur</term> mit ihrer <term ref="kbga-terms-1279">Trägheit</term> und <term ref="kbga-terms-1558">Eigenliebe</term> ist wohl zurückgedrängt, aber sie verteidigt sich nur umso hartnäckiger in ihrer Stellung. Der Kampf, den die <term ref="kbga-terms-732">Liebe Christi</term> in der <term ref="kbga-terms-378">Welt</term> kämpfen muss, ist nicht leichter, sondern schwerer geworden. 
                    Da heißt es für die, die <term ref="kbga-terms-1055">Kinder</term> des neuen Gottes, des <term ref="kbga-terms-37">Gottes der Liebe</term> sein möchten, mehr als je alle Kräfte zusammen nehmen. Nicht um damit gegen die <term ref="kbga-terms-808">Pharisäer</term> unsrer Zeit zu streiten, so sehr es einen oft dazu gelüsten möchte, sondern um den Pharisäer, den Heuchler, den wir Alle in unsrer eignen Brust tragen, unterzukriegen. 
                    Denn wo Einer, und wäre es auch nur Einer, in seinem Leben dazu gekommen ist, seine Linke nicht mehr wissen zu lassen, was die Rechte tut, der braucht dann auf die kommende neue <term ref="kbga-terms-1783">Weltordnung</term> der <term ref="kbga-terms-593">Liebe</term> nicht mehr zu warten. Sie ist für ihn schon da mit ihrem ganzen <term ref="kbga-terms-1101">Gottessegen</term>.</p>
                </div>
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                    <salute>Amen.</salute>
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