28. Juli 1912

Predigt: Matthäus 5,43-48

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Matthäus 5,43–48
Ihr habt gehört, dass gesagt ist: du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen, auf dass ihr Kinder seid eures Vaters im Himmel. Denn er lässt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Denn so ihr liebet, die euch lieben, was werdet ihr für Lohn haben? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? Und so ihr euch nur zu euren Brüdern freundlich stellt, was tut ihr Sonderliches? Tun nicht die Zöllner auch also? Darum sollt ihr vollkommen sein, gleichwie euer Vater im Himmel vollkommen ist.
Liebe Freunde!

Was ist das, die Vollkommenheit Gottes, der wir als seine Kinder gleich werden sollen und dürfen? Jesus beschreibt es in kurzen Worten: Der Vater im Himmel lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Das will sagen: Gott ist ein großer Hausherr mit gar verschiedenen Mietern und Hausleuten. Sein Haus ist für Alle da. Er will Allen wohl und er tut Allen gut. Gott hat keine Vettern und Freunde und Lieblinge unter uns Menschen, denen er vor den Übrigen den Vorzug gäbe, aber auch keine, die er nicht mag, denen er etwas nachträgt, gegen die er etwas im Schilde führt, keine Feinde, gegen die er erbost wäre. Sondern er hat für Alle nur das Eine, nämlich Liebe. Er segnet Alle, er tut Allen wohl, er arbeitet daran, Alle zu fördern und zu heben. Dieser Reichtum Gottes, der sich verschwenderisch über die ganze Menschheit ergießt und keinen zu kurz kommen lässt, das ist seine Vollkommenheit. Und in dieser Vollkommenheit sollen auch wir als seine Kinder leben. Wir können als Gottes Kinder es nicht anders halten als Gott selbst. Wenn er so vielerlei und so wunderliche Hausleute bei sich wohnen lässt, sollen wir einander auch wohnen lassen neben uns. Wenn seine Liebe nicht haltmacht vor den Bösen und Ungerechten, soll unsre Liebe |313 auch nicht vor ihnen haltmachen. Weil denn weder Ziel noch Ende sich in Gottes Liebe find’t,1 weil er segnet, wohltut und hebt und trägt überall und in Ewigkeit, soll es bei uns auch nicht anders sein. Daran erkennen wir, dass wir Gottes Kinder sind, dass seine Liebe in uns ist [vgl. 1.Joh. 5,2], ebenso groß, ebenso tief, ebenso umfassend und unermüdlich, wie sie in Gott selbst ist.

Liebe Freunde, wie ist es nur möglich, dass in Gott eine solche Vollkommenheit ist und dass diese selbe Vollkommenheit von uns gefordert wird? Müssten wir nicht Alle, wenn wir tiefer nachdenken, protestieren gegen eine solche Beschreibung Gottes und gegen eine solche Forderung an uns? Müssten wir nicht wie aus einem Munde sagen: so kann Gott nicht sein und so können wir nicht leben? Seht, wenn wir uns das so überlegen, dass Gott auch seine Feinde liebt und dass wir das auch tun sollen, dann ist’s uns doch sofort, wie wenn ein großer, schwerer Wolkenschatten über das Land zöge, der alle diese Gedanken mit einem Mal verfinstert und unmöglich macht. Ist denn der Vater im Himmel auch ein gerechter Gott, fragen wir, wenn er es wirklich so macht, wie Jesus es beschrieben hat, dass er, wie wir’s täglich erleben, seine Sonne aufgehen lässt über die Bösen und über die Guten und regnen lässt über die Gerechten und Ungerechten? Und wenn wir ihnen die Sonne und den Regen vielleicht noch gönnen möchten, weil uns das auch nichts Besonderes scheint, ist’s denn wirklich wahr, dass Gott auch die Bösen lieb hat? Dass auch sie Platz haben in seinem großen Hause? Dass er auch ihnen seinen ganzen Segen gibt, nicht nur einen teilweisen, zurückhaltenden, sondern den Segen seiner ganzen, vollkommenen Liebe? |

Der Schatten, der über das Land zieht, ist die Gerechtigkeit, die Reinheit, die Heiligkeit Gottes. Wie kann sie sich vertragen mit dem Unrecht, der Unreinheit, der Sünde der Menschen? Kann und darf es sein, dass zwischen ihm und ihnen der Strom der Liebe weiterströmt, als wäre nichts geschehen? Ist Gott noch die ewige Güte, das heißt, der Vater alles Guten, wenn er wirklich keinen Unterschied macht zwischen solchen, die seine Güte annehmen, und solchen, die sie zurückstoßen, wenn es auch solchen gegenüber immer wieder heißt: Ich |314 habe dich je und je geliebt? [Jer. 31,3] Kann ein Gott, der das Gute will und das Böse hasst, die Bösen und die Guten mit gleicher Vatergesinnung umfangen und an sich ziehen? Ist’s denn wirklich möglich, dass sie Alle Gottes gleich liebe Hausleute sind? |

Und dieser Schatten der Gerechtigkeit, der die Liebe Gottes verdunkeln will, erscheint uns noch viel schwerer und dunkler, wenn wir uns über das besinnen, was wir als Kinder Gottes nach Jesu Meinung tun sollten. Liebet Eure Feinde! Ja, aber wer sind denn unsre Feinde? Das sind doch gewiss gerade die, die wir Unrecht tun sehen und mit denen wir deshalb zusammengestoßen sind. Wir wissen doch Alle, wie es geht, und Jesus selbst bestätigt es uns genugsam: Wer ein Kind Gottes sein will, gerade er wird sich je länger, je mehr Feinde machen. Gottes Gerechtigkeit, Reinheit und Heiligkeit, wenn die in den Taten und Worten eines Menschen auch nur ein klein wenig hervortreten, so müssen sie Unzählige zum Widerspruch aufstacheln. Da gibt’s Fronten und harte Worte und Kampf. Da spalten sich die Menschen um ihn herum in Freund und Feind. Je mehr er Ernst macht mit Gottes Willen, je mehr er in sein Wesen eindringt und je mehr davon in seinem Leben zu spüren ist, desto mächtiger werden die Gegensätze, die ihn von unzähligen Andern trennen. Er kann nicht mehr jedermanns Freund sein, wie vorher. Er entdeckt im Gewimmel der Menschen um sich her immer mehr Arten menschlichen Wesens, die er nicht schätzen kann, sondern die er als ungöttlich zurückweisen muss. Die Einigkeit mit Gott führt ihn in wachsendem Maß zur Uneinigkeit mit den Menschen. Mit wie Wenigen, wie verschwindend Wenigen kann er völlig in Gott eins sein. Mit Andern mag ihn dies und das verbinden, er kann bis zu einem gewissen Grad ihr Freund sein, aber auch sie stehen für ihn gleichsam im Vorhof. Denn er muss ja, wenn er aufrichtig sein will, so Vieles an ihnen bedauern, ablehnen als nicht im Licht Gottes rein. Und wieder Andre stehen noch weiter draußen. Er mag etwas an ihnen finden, was er anerkennen kann, aber Einheit in Gott mit ihnen? Nein, das verbietet ihm nicht der Hochmut, sondern sein Gewissen: er kann sie mit ihrer Art gerade in der Hauptsache nicht anerkennen. Und so ziehen sich die Kreise der Mitmenschen weiter und weiter, ferner und ferner um ihn herum, bis zu denen, von denen er sich ganz getrennt weiß, mit denen er gar keine Gemeinschaft mehr haben kann. Er braucht sie nicht notwendig zu verurteilen, aber er |315 weiß: sie denken anders, sie wollen etwas Anderes als das, was nach meiner festen Überzeugung gut ist. Er könnte sich selber nicht mehr als Kind Gottes betrachten, wenn er sie nicht als seine Feinde, als seine Gegner betrachten würde. |

Und zu der Feindschaft, die er selber empfinden muss gegenüber den Bösen, kommt dann die Feindschaft, die die Bösen ihm entgegenbringen. Sind das etwa nicht Feinde, die Menschen, die den Kindern Gottes Fluch, Hass, Beleidigung und Verfolgung zu Teil werden lassen? Ist da etwa keine Feindschaft, wo das Volk Gottes offene oder verborgene Geringschätzung und Vergewaltigung erleiden muss? Ist denn das Alles ein Nichts, an das man gar nicht denken soll? Können und dürfen wir plötzlich wieder alle Menschen gleich lieb haben, trotzdem wir sehen, wie hier mit List und dort mit Gewalt die Wahrheit verdreht und das Recht gebeugt werden? Oder dann müssen wir eben den Kampf um die Wahrheit und das Recht aufgeben, müssten suchen, aus dem Gegensatz gegen das Böse und gegen die bösen Menschen herauszukommen, ihnen nichts mehr zu Leide zu tun, mit ihnen zu gehen, wie wenn nichts wäre. Dann könnten wir wieder jedermanns Freunde sein, dann wäre der Krieg und wäre die Feindschaft aus und der Unterschied wäre aus zwischen Solchen, die uns nah, und solchen, die uns ferner, und solchen, die uns ganz ferne stehen. Wir wären dann wieder mit allen Mitmenschen im gleichen Kreis und gleicher Art mit ihnen. Aber nichtwahr, dann wären wir auch keine Kinder Gottes mehr. Ein solcher Friede mit jedermann, auch mit denen, die uns hassen und beleidigen, weil wir das Gute wollen, ein solcher Friede wäre das Ende vom Anfang.2 Liebet Eure Feinde! das geht nicht. So wenig wie Gott Alle lieben kann, so wenig können wir es. Der Schatten der Gerechtigkeit Gottes legt sich dazwischen und verhindert das Eine wie das Andre. Und so kann uns dann das, was Jesus uns als die Vollkommenheit Gottes rühmt und empfiehlt, vielmehr geradezu wie eine Unvollkommenheit erscheinen. Wir sind versucht, dem Worte Jesu gegenüber zu sagen, dass das kein rechtes Bild von Gott und von unserm Leben sein kann, das uns da entworfen wird. Wir möchten die Vollkommenheit Gottes eher in seinem Kampf und Sieg gegen die Bösen sehen als in seiner Liebe zu |316 ihnen, und unsre eigene Vollkommenheit im unermüdlichen Gegensatz zu denen, die Unwahrheit reden und Unrecht üben. Von diesen Gedanken reden so manche Psalmen des Alten Testamentes, in denen wir die Frommen Israels aufs Inbrünstige Gott anrufen hören: Herr, zermalme, vernichte, zerbrich, zerschmettere3 – wen? die Gottlosen! Die Feinde des Gottesvolkes, die Verächter und Verfolger der Gerechten! Sie schildern uns Gottes Vollkommenheit in seinem vernichtenden Zorn gegen die Sünde. Von diesem Gedanken redet aber auch so manches Bild aus frühern Zeiten des Christentums, auf denen die frommen Maler alle Glut ihrer Phantasie darauf verwendeten, den Sturz der Verdammten in den geöffneten Höllenrachen darzustellen.4 |

Solche Gedanken kommen aber auch in uns immer wieder auf. Ich las erst gestern in der Zeitung, dass in einer großen Versammlung von streikenden Arbeitern in London allen Ernstes und einmütig gebetet worden ist, Gott möchte doch einen gewissen verhassten englischen Minister sofort totschlagen. Die Männer, die das taten, meinten damit keine Schlechtigkeit zu tun, im Gegenteil: sie wähnten sich getragen von einem Geist höchster Gerechtigkeit.5 Ganz ähnlich haben im |317 vierten Jahrhundert fromme Bischöfe und andere Christen in Konstantinopel um den Tod des Ketzers Arius gebetet, der dann zu ihrem Jubel auch wirklich eintrat.6 Dergleichen kommt uns natürlich sonderbar vor, aber es ist doch nur ein etwas starker und deutlicher Ausdruck der Kampfesstimmung, in der wir Alle uns unsren Mitmenschen gegenüber befinden, wenn uns unser Gewissen geheißen hat, uns von ihnen zu scheiden. Es ist das Gefühl des Hasses gegen die Menschen, die Dinge tun, die wir als böse ansehen müssen. Haben wir noch nie gegen solche Menschen die Faust gemacht? Haben wir noch nie Lust gehabt, solche Menschen wenigstens zu packen und zu schütteln und ihnen zu sagen: so, da hast du’s, wenn du denn nicht Vernunft annehmen willst. Das ist im Grunde nichts Anderes als jene wilden Gebete und jene schauerlichen Bilder vom Höllensturz der Gottlosen. Da erscheint uns Gott, weil er der gerechte Gott ist, als ein hassender, vernichtender Gott. Da scheint uns selbst die Gerechtigkeit in den Kampf ums Messer gegen die Ungerechten zu führen. Das ist die Vollkommenheit Gottes, die in dem alten Wort geschildert ist: Du soll deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen.

Meine Freunde! Soll nun Jesus Recht behalten mit dem Gott der Liebe, den er verkündigt, und mit dem Gebot unbedingter Liebe, das er uns gegeben hat, oder wir mit unserm Gott, der hasst und vernichtet, weil er gerecht ist, und mit unserm Bedürfnis, selber zu hassen und zu vernichten, weil wir selbst gerecht sein möchten? Wer hat Recht? Das hat Jesus jedenfalls auch gewusst, dass Gott unveränderlich gerecht, rein und heilig ist, dass er das Gute liebt und das Böse |318 hasst in alle Ewigkeit. Wir wissen, dass er nicht weniger, sondern mehr Gerechtigkeit von den Menschen verlangt hat, eine bessere Gerechtigkeit als die der Pharisäer und Schriftgelehrten [vgl. Mt. 5,20]. Er macht uns auf Schritt und Tritt darauf aufmerksam, dass Gott es unendlich viel schärfer und genauer und feiner nimmt mit dem Guten und mit dem Bösen, als wir gewöhnlich denken. Wenn irgendwo die Sünde entlarvt wird, dann geschieht es durch sein Evangelium, denn es heißt uns, den Wurzeln des Bösen nachgehen bis in unser innerstes Leben hinein. Es verurteilt nicht erst die vollendete Tat, sondern schon die verborgenen Anfänge der Sünde im Herzen. Und darum wusste Jesus wahrhaftig besser als irgend jemand, dass es Menschen gibt, die in großer und größter und unendlicher Ferne von Gott stehen, Menschen, die gegen Gott kämpfen und gegen die, die seinen Willen tun möchten, Menschen, die das Recht in Unrecht verkehren, die Wahrheit in Lüge, das Schöne in Hässlichkeit. Er wusste auch, dass wir kämpfen müssen für Gott und gegen das Böse im Leben und in der Welt, ja er hat zu diesem Kampf aufgefordert mächtiger, eindringlicher als alle Propheten des Alten Testamentes. Die Schärfe des Gegensatzes zwischen Gut und Böse hat er erkannt und er hat darin gelebt wie kein andrer Mensch. Aber eins hat er nie getan, er hat nie einen Menschen gehasst, so verworfen und verkehrt er sein mochte. Er hat sich keinen Augenblick in die Reihen der Gotteskämpfer gestellt, die die Feinde des Guten totschlagen oder tot beten möchten. Über seinem Lebenswerk stand unsichtbar das Wort: Nicht mit zu hassen, mit zu lieben bin ich da!7 Dieses Wort kennzeichnet das Wesen des lebendigen Gottes, den Jesus verkündigt hat. Nein, der himmlische Vater hasst nicht, er verwirft und vernichtet nicht. Er ist gerecht, rein und heilig, aber er lässt Keinen fallen noch fahren. Gott ist zu groß und zu reich, als dass er das tun könnte. Er hat keinen Menschen dazu erschaffen, um ihn seine Güte entbehren zu lassen. Er lässt seine Sonne aufgehen über die Bösen und über die Guten und lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. Er tut aber noch mehr als das: Er lebt in Allen und mit Allen. Er redet mit Allen in den Stimmen ihres Gewissens und in der Stimme der Natur, er wirkt in |319 Allen in dieser oder jener guten Eigenschaft, an denen kein Mensch ganz leer ist, er arbeitet an Allen durch hunderterlei Schickungen und Lebenserfahrungen, die genügend sind, ihnen großes göttliches Leben einzuflößen, er braucht auch ganz sicher Alle, Alle Menschen, jeden an seinem Platz und auf seine Weise, um irgend etwas zu tun, das dem Guten dienen muss. Was will es dem strömenden Reichtum Gottes gegenüber sagen, wenn so viele Menschen sich ihm entziehen zu können meinen, indem sie sich in ohnmächtigem Trotz gegen seinen Willen auflehnen, indem sie sich die Augen verschließen und andern nichtigen Göttern und Gütern nachgehen, indem sie sich im Größenwahn vermessen zu sagen: es gibt keinen Gott. Feinde Gottes meinen sie zu sein und sind es wohl auch, aber dazu können sie Gott nicht zwingen, dass er ihr Feind wird. Gott ist keines Menschen Feind, nie und nimmermehr. Sie wollen nicht, aber sie müssen:8 Gottes Walten stille halten,9 Gottes Wohltaten an sich geschehen lassen, und wenn es zuletzt nur noch die Wohltat eines schlechten Gewissens oder die Wohltat eines rechten, heilsamen Leidens wäre. Das[s] Gott ihnen etwas zuleid täte, ja dass er sie nur ihre Wege gehen ließe, das geschieht nicht. Dazu ist Gott zu groß und zu reich. Es ist tatsächlich so, dass auch die Bösen, die Ungerechten seine lieben Hausleute sind, die er nicht hinauswirft, sondern die, ich möchte fast sagen, etwas Notwendiges sind. Denn Gegensatz und Kampf gehören zum Reich Gottes. Sie sollen freilich überwunden werden, aber nicht durch eine Vertilgung der Ungerechten, nicht durch Ausschluss, nicht durch Hass gegen die Bösen, sondern durch Liebe zu ihnen. |

Nach dem Bilde dieses Gottes aber hat Jesus das Bild der rechten Kinder Gottes gestaltet. O ja, die Kinder Gottes sollen der Heiligkeit ihres Vaters würdig sein durch unerschütterliche Ehrfurcht vor der |320 Majestät des Guten. O ja, sie sollen schroffe, einseitige, rücksichtslose Kämpfer sein gegen das Böse, in welcher Form es uns auch begegne. Sie sollen keinen Fingerbreit nachgeben, nicht mit sich markten lassen, keine Verträge und keinen faulen Frieden schließen. Sie sollen streiten und, wenn’s sein muss, dreinschlagen zur Ehre Gottes, aber eins sollen sie nicht: Sie sollen nie, sie sollen keinen Augenblick hassen. Ihr Vater hasst auch nicht. Sie sollen mit dem Bösen brechen, aber nie mit den bösen Menschen. Sie sollen die Ungerechtigkeit würgen und totschlagen, aber nie und nimmer die ungerechten Leute. Es ist ein Armutszeugnis, meint Jesus, wenn uns das passiert, dass wir unsre Umgebung einteilen müssen in solche, die wir lieben, und in solche, die wir verwerfen, in solche, mit denen wir einig sind, und in solche, die wir nicht verstehen können und mit denen wir keine Gemeinschaft haben können. Das ist ein Armutszeugnis für uns. Unser reicher Gott macht es ganz anders; er versteht auch die, die ihn nicht verstehen wollen, er hält auch mit denen Gemeinschaft, die das Tischtuch zwischen sich und ihm zerschnitten haben. Gott lässt sich durch das Gebaren seiner Feinde in der Liebe nicht stören. Wir sollen uns auch nicht stören lassen, wenn wir wirklich des reichen Vaters reiche Kinder sein wollen. Solange wir bloß lieben, die uns lieben, was ist da Göttliches dabei? Tun nicht dasselbe auch die Zöllner? fragt Jesus. Ist’s nicht gerade die Art schlechter Menschen, klein und arm und begrenzt zu sein in der Liebe? Und so ihr euch nur zu euren Brüdern freundlich stellt, was tut ihr Sonderliches? Tun nicht die Zöllner auch also? Gott ähnlich sind wir erst dann, wenn wir auf keinen Menschen verzichten, keinen laufen lassen, wenn wir uns bei Keinem dabei beruhigen, ihm zu sagen: ich verstehe dich nicht! Ihr habt einen andren Geist als wir!10 geschweige denn, dass wir versuchen, uns an ihm zu |321 rächen dafür, dass wir ihn nicht verstehen und dass er einen andren Geist hat. Das ist immer kläglich, wenn wir andern Menschen gegenüber an dieser Mauer stehen, wo wir nur noch Halt zu machen und das Schwert zu ziehen wissen. Das ist eine Niederlage, auch wenn wir vielleicht äußerlich triumphieren. Ein Kind Gottes kann keines Menschen Feind sein, so wenig wie Gott selbst. Das können wir freilich nicht hindern, dass andre uns bekämpfen, sich uns verschließen, mit uns brechen, dass andre unsre Feinde werden. Das liegt nicht in unsrer Macht. Aber wir können uns davor hüten, Gleiches mit Gleichem zu vergelten, wir können fortfahren zu lieben, wo wir gehasst werden, zu segnen, wo man uns flucht, Fürbitte zu tun, wo man uns beleidigt und verfolgt; daran kann uns der ärgste Feind nicht hindern. Der Strom unsrer Liebe kann weiterrauschen und er soll es. Denn auch in unsrem Leben wie im Leben Gottes ist der Gegensatz und der Kampf wie etwas Notwendiges. Durch die Misstöne steigen wir aufwärts zum vollen, reinen, befriedigenden Zusammenklang des Lebens. Gewiss, alles Feindselige muss verschwinden, es hat kein ewiges Recht, aber es verschwindet nicht, indem wir zwischen uns und unsren Feinden [die Verbindung] abschneiden. Das wäre Verarmung. Wir sollen aber reich sein, und darum müssen auch in unsrem Leben wie im Leben Gottes unsre Feinde unsre lieben Hausleute sein. Nicht hinauswerfen! Begreifen! Lieb haben!

Aber nun müssen wir doch noch einmal fragen, wie es sich denn nun mit jenem Schatten verhält, von dem wir geredet haben, wie sich diese unbedingte, schrankenlose Liebe verhält zu der Gerechtigkeit, die zwischen uns und andern sehr bestimmte Schranken zieht? Ist denn diese Liebe auch zu den Feinden des Guten nicht doch ein fauler Friede, den wir fliehen sollten? Wie verträgt sich diese Liebe zum Gebot unsres Gewissens? Darauf können wir nun sehr einfach antworten: Die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung [Röm. 13,10]. Jesus will nicht, dass wir einander hassen sollen, nicht weil er es mit dem Bösen nicht streng genug nahm, sondern weil er wusste, dass der guten Sache nie und nimmer mit Hass gedient sein kann. Wo die Menschen hassen, da sind sie im Unrecht, denn da sind alle bösen Teufel los, und wenn sie die beste, größte Sache vertreten würden. Wo man die Bösen hasst, da wird das Gesetz nicht erfüllt, da wird das Gute nicht vorwärts gebracht, denn Hass entzündet immer nur neuen Hass. Noch niemals, |322 seit die Welt steht, ist einer aus einem schlechten zu einem guten Menschen geworden, weil ihn die Guten gehasst haben. Sondern wenn wir die Bösen hassen, verbohren sie sich tiefer hinein ins Böse, und es wird ärger als vorher. – |

Die Liebe, die Jesus uns gebietet, heißt nicht, dass wir gegen das Schlechte lau und gleichgiltig werden, dass wir unsern Gegensatz zum Unguten aufgeben, dass wir werden sollen wie die andern auch. Ganz im Gegenteil! Die Liebe zu den Mitmenschen, auch zu unsern Feinden, fängt damit an, dass wir uns hüten, ein dummes Salz zu werden [vgl. Mt. 5,13], und vielmehr etwas Besonderes, vom Bösen scharf Getrenntes bleiben. Ohne das könnten wir nicht Liebe üben. Aber wenn wir unsrer selbst sicher sind, dann muss sich das darin zeigen, dass wir die, die anders sind, unsre Feinde, nicht mehr hassen können, sondern dass wir das Bedürfnis spüren, sie zu segnen, ihnen wohl zu tun und für sie Fürbitte zu leisten, mit einem Wort, ihnen zu helfen. Die Liebe treibt uns, nicht das Böse an den Andren zu übersehen und zu vertuschen, sondern es zu beseitigen und das Gute an die Stelle zu setzen. Die Gerechtigkeit Gottes hindert uns nicht, sondern sie treibt uns dazu an, mit unsren Feinden immer wieder Gemeinschaft zu suchen. Sind doch auch unsre Feinde, die Feinde des Guten und der Wahrheit, unsre Brüder, und könnte es einen größren Triumph der Gerechtigkeit geben, eine vollkommenere Erfüllung des Gesetzes als die, die darin besteht, dass ein Bruder den Andern vom Bösen erlöst und ihm das Reich Gottes bringt. Solches Tun ist Liebe. Es ist alles Andre als Gleichgiltigkeit gegen das Böse. Nein, wir spüren es mit entsetzlicher Wucht, was uns von unsrem armen Feind trennt, von dem armen Menschen, sage ich, der unser Feind sein will. Aber das treibt uns nun um so mehr an, ihn zu suchen, ihn zu verstehen, ihn mit allen Mitteln auf den Weg des Guten zu leiten. Unser Feind wird uns wie ein lieber Mensch im fernen Land. Wir schelten ihn nicht, dass er dort ist, das würde ja doch nichts abtragen. Aber wir sehnen uns mit aller Macht auf den Tag, da er den Weg nach Hause antreten wird. Wir bemühen uns, ihm den Entschluss leicht und lohnend zu machen. Wir erwarten ihn mit offenen Armen, wenn er sich aufgemacht hat, so dass er nicht nur kommt, sondern gerne kommt, weil er sich von unsichtbaren Händen gezogen fühlt. Ein solcher Mensch im fernen Land ist der Feind, der uns zuleid lebt. Und die Liebe zum Feinde, die Voll|323kommenheit Gottes, ist die Sehnsucht nach den bösen Menschen: Kommt herüber zu uns, hier ist’s besser sein! Kommt ins Reich der Liebe!11 Kommt in Eure Heimat zurück!

Amen

Sachfußnoten

1
Anfang der letzten Strophe des Liedes «Sollt’ ich meinem Gott nicht singen?» von P. Gerhardt (GERS 3,11; RG 724,10; EG 325,10) 🎵. ↩
2
Statt «das Ende vom Anfang» ist wohl zu lesen: «der Anfang vom Ende». ↩
3
Die Formulierung lehnt sich an eine Strophe aus dem Lied: «O Durchbrecher aller Bande» von G. Arnold (GERS 297,4 [in EG 388 nicht enthalten]) 🎵 an:
Herr, zermalme, brich, zerstöre
Alle Macht der Finsternis! […]
↩
4
Vgl. etwa das Gemälde «Der Höllensturz der Verdammten» von Peter Paul Rubens (um 1620; Alte Pinakothek, München). ↩
5
Nach N. N., Gotteslästerliche Hetzerei, in: Basler Nachrichten, Nr. 202, 27.7.1912, 1. Beilage 📖, beteten «[m]ehrere tausend streikende Dockarbeiter» drei Tage zuvor «auf dem Tower-Hill in London […] um den Tod Lord Devonports», der «zum Tode von Kindern, Männern und Frauen beigetragen» habe, «indem er sie der bittersten Not aussetzte». Der Streikführer Benjamin Tillett (1860–1943) führte nach dem Bericht aus, es «liege ihm fern, […] die versammelten aufzufordern, Lord Devonport zu töten, aber er sei bereit, Gott anzurufen, er möge Lord Devonport totschlagen. Er bitte alle jene, die bereit seien, sich seinem Gebete […] anzuschließen, die Hände zu erheben.» Weiter heißt es: «Und alle Versammelten erhoben wie ein Mann ihre Hände. Wort für Wort wiederholten sie, was Ben Tillett ihnen vorsprach: ‚O, mein Gott, schlage Lord Devenport tot!’» – Hudson Eubanke Kearley, first Viscount Devonport (1856–1934), war seit 1909 der erste Vorsitzender der neu geschaffenen Hafenbehörde von London. ↩
6
Nach Theodoret, Historia ecclesiastica, I,14 📖, handelte es sich um Bischof Alexander von Konstantinopel. Als Arius wieder in die Gemeinschaft der Kirche aufgenommen werden wollte und ihm dies auch – nach dem Bericht Theodorets: unter Vortäuschung der Annahme des rechten Glaubensbekenntnisses – zu gelingen schien, betete Alexander in Anwesenheit des Priesters Makarius darum, dass für diesen Fall er «hinweggenommen» werden möge; erbarme sich Gott aber seiner Kirche, möge er statt seiner Arius «hinwegnehmen» (εἰ Ἄρειος αὔριον συνάγεται, ἀπόλυσον ἐμὲ τὸν δοῦλόν σου καὶ μὴ συναπολέσῃς εὐσεβῆ μετὰ ἀσεβοῦς· εἰ δὲ φείδῃ τῆς ἐκκλησίας σου [οἶδα δὲ ὅτι φείδῃ], ἔπιδε ἐπὶ τὰ ῥήματα τῶν περὶ Εὐσέβιον καὶ μὴ δῷς εἰς ἀφανισμὸν καὶ ὄνειδος τὴν κληρονομίαν σου καὶ ἆρον Ἄρειον, ἵνα μὴ εἰσελθόντος αὐτοῦ εἰς τὴν ἐκκλησίαν δόξῃ καὶ ἡ αἵρεσις συνεισέρχεσθαι αὐτῷ καὶ λοιπὸν ἡ ἀσέβεια νομισθῇ ὡς εὐσέβεια). – Am gleichen Tag noch starb Arius. ↩
7
Sophokles, Antigone, V. 523 📖. – Wilhelm Raabe stellte diesen Vers seinem 1862/63 entstandenen Roman «Der Hungerpastor» als Motto voran. ↩
8
Vgl. H. Kutter, Sie müssen! Ein offenes Wort an die christliche Gesellschaft, Zürich 1904 (Jena 1910) 📖. ↩
9
Vgl. die erste Strophe eines Chorals von K. R. Hagenbach (GERS 290) 🎵:
Stillehalten deinem Walten,
Stillehalten deiner Zucht,
Deiner Liebe stillehalten,
Die von je mein Heil gesucht.
Ja, das will ich, wie’s auch geh’,
Wie’s auch tu’ dem Herzen weh!
↩
10
Der Satz «Vos habetis alium spiritum quam nos» stammt aus einem Brief Martin Luthers an Jakob Propst vom 1.6.1530 (WA.Br. 5, 340,52–54 📖); ähnlich äußerte Luther sich auf dem Marburger Religionsgespräch 1529 gegenüber Zwingli (vgl. WA 30/3, 150,4–10 📖). – Gut zwanzig Jahre nach dieser Predigt verwendet Barth selbst das von ihm hier kritisch betrachtete Verdikt in leichter Abwandlung («Wir haben …») gegen solche Theologen, die im beginnenden Kirchenkampf kein Problem damit haben, das von nationalsozialistischem Gedankengut durchtränkte Programm der «Deutschen Christen» zu vertreten; vgl. K. Barth, Vorwort [zu: Gottes Wille und unsere Wünsche], in: V.u.kl.A. 1934–1935, S. 124–137 📖. ↩
11
Anfang der ersten Strophe eines Chorals von E. G. Woltersdorf (GERS 303) 🎵:
Kommt ins Reich der Liebe,
O ihr Gotteskinder,
Ihr mit Gott versöhnte Sünder!
Lernt von eurem Heiland
Recht die Brüder lieben
Und euch täglich darin üben!
↩