7. Juli 1912

Predigt: Matthäus 5,29

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Matthäus 5,29
Wenn dich dein rechtes Auge zur Sünde veranlasst, so reiß es aus und wirf es von dir. Denn es ist dir besser, dass eines deiner Glieder verloren gehe, als dass dein ganzer Leib in die Hölle geworfen werde.
Liebe Freunde!

Ich sagte euch vor einiger Zeit, ein rechter Mensch müsse ein Aristokrat sein. Das war, als wir von dem Worte Jesu redeten über das Salz der Erde, das nicht dumm werden dürfe.1 Um unsern heutigen Text auszulegen: vom rechten Auge, das man ausreißen und fortwerfen solle, wenn es einen zur Sünde veranlasse, möchte ich euch sagen: Ein rechter Mensch muss einseitig sein. Ich weiß, dass auch das ein Wort ist, das ihr nicht gerne hört. Wenn die Leute im Wirtshaus oder sonstwo zueinander sagen: der und der ist einseitig, dann ist das ein sanftes Schimpfwort. Man meint damit: Er übertreibt es mit seinen Ansichten, er hat sich etwas in den Kopf gesetzt und nun will er mit dem Kopf durch die Wand, er ist ein Fanatiker, der keine Rücksicht nimmt. Da will ich nun auch nicht sagen, dass das an sich etwas Schönes sei, wenn Jemand so kopfvoran durch die Welt stürmt, ohne links noch rechts zu sehen. Es gibt solche, die das tun, die durchaus keine rechten, wertvollen Menschen sind, sondern die nur Schaden anrichten. Die muss man dann daran erinnern, dass die eine Seite der Wahrheit, die sie zu sehen meinen und für die sie eifern, noch lange nicht die ganze Wahrheit ist. Aber ich glaube, die Meisten von uns haben es nicht nötig, dass man sie daran erinnert. Wir haben nicht zu viel Fanatiker, sondern zu wenig, die große Mehrzahl bei uns leidet nicht darunter, dass sie es übertreibt mit ihren Ansichten, sondern darunter, dass sie nie dazu kommt,a bestimmte, klare Ansichten zu erfassen und damit Ernst zu machen. Im Leben der Meisten von uns waltet eine große Verschwommenheit von gut und böse, von wahr und unwahr. |279 Es fehlt uns nicht daran, dass wir das Rechte nicht erkennen, aber das Rechte ist nicht Herr im Hause bei uns, es sind noch so und so viel andre Interessen und Gedanken da und auf die nehmen wir nun ängstlich Rücksicht. Wir hüten uns wohl, uns zu fragen, ob sie zu dem Guten, das wir erkannt haben und wohl auch ganz genau tun möchten, passen, sondern wir lassen sie fröhlich in uns aufwachsen und sich breit machen. Wir hören auf ihre Stimme, so gut, wie wir auf die Stimme des Gewissens, die Stimme Gottes in uns hören, und das Ergebnis ist, dass wir so von Allem ein wenig sind: ein bisschen brave Leute und auch wohl Christen, ein bisschen gehorsame Diener unsrer Launen und Leidenschaften, ein bisschen Geschäftsleute, ein bisschen fröhliche Gesellschafter und ein bisschen öffentliche Personen. Wir lassen das Alles nebeneinander gelten in unserm Leben. Wir sagen: man muss das Eine tun und das Andre nicht lassen. Und ich wiederhole: wir vermeiden es sorgfältig, zu sehr darüber zu studieren2, ob sich denn auch das Andre mit dem einem Einen vertrage. Wir erheben Alle den Anspruch, rechte Menschen zu sein, und die Meisten legen auch Wert drauf, Christen zu heißen. Aber wir sind rechte Menschen und Christen unter Andrem, unter vielem Andren. Das Christentum ist in unserm Leben vorhanden wie ein mehr oder weniger schönes Gartenbeet neben allerlei andern Gartenbeeten. |

Er ist recht bezeichnend, dass man auf den Gedanken gekommen ist, an der schweizerschen Landesausstellung 1914 auch eine Ausstellungsgruppe für das Kirchenwesen zu veranstalten. Es werden also in zwei Jahren in Bern neben den Produkten des Handels und der Landwirtschaft, der Fabrik- und der Fremdenindustrie auch zwei Kirchen, aus Holz und Karton gemacht, zu sehen sein, ferner ein ganzes Pfarrhaus und sogar ein Friedhof.3 Und wenn man sich in den andern |280 Abteilungen satt gesehen hat am Vieh und an den Maschinen, an den Schnitzereien, Uhren und St. Galler Seidenstoffen, dann kommt man auch noch in die beiden Kirchen und findet in der einen Heiligenbilder, Beichtstühle und Messgewänder und in der andern Bibeln, Liturgien, Gesangbücher und Konfirmandensprüche. Das stellt dann den Katholizismus und den Protestantismus vor, und das Ganze ist die Ausstellung der Religion, die unter vielem Andern auch noch in unserm Schweizervolk vorhanden ist. Und wenn man dann auch das noch sich angesehen hat, dann geht man in die Ausstellungswirtschaft und erholt sich von all dem Vielerlei, das man betrachtet hat. |

Gerade wie an dieser Ausstellung, so sieht es nun auch tatsächlich in unzähligen Herzen und Köpfen aus. Da gibt es auch dies und das und jenes und schließlich etwas Religion, und Alles soll gelten und Keines soll das Andre beeinträchtigen. Wir sind Alles aufs Mal oder auch abwechselnd bald dies, bald jenes. Ich glaube, wenn jemand den Charakter unsres Volkes beschreiben wollte, dann müsste er vor Allem dieses zahme, sanfte, vorsichtige Wesen schildern, das immer Alles aufs Mal gelten lassen will und deshalb einen behutsamen Mittelweg trippelt. Wir Schweizer haben im Ganzen einen sehr klaren Blick für das Gute und Große, wir begeistern uns dafür, wir haben auch den ehrlichen Willen, es anzustreben, aber ebenso ehrlich gestehen wir, dass wir auch noch allerlei Anderes daneben wollen, Geldverdienen und uns lustig machen, und deshalb gucken wir bei unserm Streben nach dem Guten beständig hierhin und dorthin und nichts macht uns so Angst wie der Gedanke, wir könnten dabei über die Schnur hauen,4 das heißt, unsre andern Wünsche könnten beim Streben nach dem Guten zu kurz kommen. Die schweizerische Mittelmäßigkeit, die brav sein will, aber ja nicht zu weit gehen darin, kommt auch in unserm öffentlichen Leben deutlich zum Vorschein. Die schweizerische Politik, im Bund wie im Kanton und in den Gemeinden, ist schon lange ein interessantes Schaukelspiel geworden zwischen gewissen Idealen, auf die man nicht ganz verzichten möchte, und jenen andern Wünschen, die über den Idealen auch nicht zu kurz kommen möchten. Da ist man beständig am Abwägen und Rücksichtnehmen und |281 Kompromisse machen. Da macht man es sich nicht mehr zum Ziel, die Verhältnisse so einzurichten, wie es recht ist, sondern darin sieht man die höchste Staatskunst, möglichst Viele zu beschwichtigen und zufrieden zu stellen. Da kocht man immer neue Wassersuppen, zusammengesetzt aus einem guten Gedanken, verdünnt durch viele kleine Rücksichten und Einschränkungen, die ihn schmackhaft machen sollen, um ihn in Wirklichkeit fast oder ganz ungenießbar zu machen. |

Dieses Schaukelspiel treiben zum Beispiel unsere gelesensten Zeitungen alle Tage; und wer am Besten schaukeln kann, der kommt bei uns am Sichersten und Schnellsten obenauf. Es ist ein wahres Glück, dass wir wenigsten die beiden Minderheitsparteien haben, nämlich die Katholiken und die Sozialdemokraten, die dabei nicht mitmachen. Man mag über ihre Ideen und Ziele urteilen, wie man will, das wird man wenigstens sagen müssen, dass diese Beiden wissen, was sie wollen, dass sie die einmal aufgepflanzte Fahne auch hochhalten und nicht alle drei Tage wieder mit sich markten lassen und kleine Abzüge machen, wie das bei unsrer herrschenden Mehrheit der Fall ist. Und darum halte ich einen Pfarrer Ackermann von Welschenrohr5 oder einen Nationalrat Pflüger in Zürich6, und wenn sie noch zehnmal einseitiger wären, als sie es sind, immer noch für die weitaus erfreulicheren Erscheinungen in unserm öffentlichen Leben als das halbe, |282 lendenlahme Wesen, das jetzt darin das große Wort führt. Was wir nötig haben, das sind Männer und Frauen, in deren Köpfen und Herzen nicht alles mögliche Getier nebeneinander Platz hat wie in der Arche Noah [vgl. Gen. 7,8f.], sondern in denen ein großer Gedanke stramm das Regiment führt, dem alle Andern sich zu fügen haben. Das sind Leute, die auch einmal rücksichtslos und unbedenklich zu sein wagen, wenn es sich um das Gute handelt. Das sind Leute, die sich getrauen, es nicht Allen recht zu machen, die nicht nach allen Seiten höfliche Verbeugungen machen und zugleich nach allen Seiten die Achseln zucken, sondern die stracks ihren Weg gehen, wie sie es für recht halten.7 Wahrlich, auf den sanften Mittelwegen ist noch nie jemand zu großen Zielen gelangt: einzelne Menschen nicht und ganze Staaten auch nicht. Sondern von allen Wassersuppen, in denen das Gute mit allen möglichen Rücksichten vorsichtig vermischt ist, gilt in Ewigkeit das Wort des biblischen Sehers: Ach, dass du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist und weder kalt noch warm, werde ich dichb ausspeien aus meinem Munde! [Apk. 3,15f.]

Jesus hat die Menschen zur Einseitigkeit erziehen wollen, daran ist kein Zweifel. Kein einziges Mal finden sich im Evangelium vorsichtige, rücksichtsvolle Ausdrücke wie: zwar – aber! einerseits – andrerseits! sowohl – als auch! von denen unsre Zeitungen wimmeln. Sondern bei Jesus ist’s immer: Entweder – Oder! Wer nicht für mich ist, der ist wider mich [Mt. 12,30]. Unser Textwort ist dafür eines der deutlichsten Beispiele. Wenn dich dein rechtes Auge zur Sünde veranlasst – wenn es dich «ärgert», heißt es in euren Bibeln8 –, so reiß es aus |283 und wirf es von dir! Denn es ist dir besser, dass eines deiner Glieder verloren gehe, als dass dein ganzer Leib in die Hölle geworfen werde. Das ist ein Gleichniswort. Jesus wollte damit sagen: Wer rein sein will, wie Gott rein ist, der kann nicht Alles zugleich sein, der kann nicht Alles in sich vereinigen, der kann es nicht Allen recht machen. Man kann nicht das Himmelreich haben neben so und so vielen andern Sachen. Sondern der Mensch muss aufhören, diese andern Sachen zu haben, zu machen, zu treiben in dem Moment, wo sie zum Himmelreich und seinen Gesetzen nicht mehr passen, und an dem Punkt, wo die Sünde anfängt. Da muss er aufhören können, verzichten und opfern um des Bessern willen, das er erkannt und ergriffen hat, er muss «ausreißen und fortwerfen», wie Jesus sagt. Er sagt nicht, wann dieser Moment und wo dieser Punkt ist, wo die Gesetze des Himmelreichs Halt gebieten und wo die Sünde anfängt. Denn das ist bei jedem Menschen verschieden. Er stellt nur die allgemeine Regel auf: dass es nichts in unserm Leben geben dürfe, was gegen Gott sei – und er fügt hinzu: auch das Beste nicht, auch das Wertvollste nicht, auf unser rechtes Auge müssten wir verzichten, wenn es uns in Gefahr brächte, in Konflikt mit Gott und seinem Willen zu kommen. Denn auch unser Auge ist nichts Gutes, sondern ein Übel vom Augenblick an, wo wir es nicht mehr im Dienste Gottes, sondern nur noch im Dienste des Teufels brauchen könnten. Es ist nichts gut von den Gütern des Lebens, wenn es nicht gut ist in Gott. Es gibt keine Wahrheit, die neben der Wahrheit und gegen die Wahrheit Gottes auch noch gelten dürfte. Was wir mit Gott nicht vereinigen können, dem sind wir auch keine Rücksicht mehr schuldig, sondern das muss eben weg. |

So ist Jesus ein entschiedener Gegner von jenem Nebeneinander des Guten und allerlei anderer Dinge. Er würde höchst befremdet sein, an der Berner Landesausstellung die Bibeln, Gesangbücher und hölzernen Kirchen seiner Religion zu sehen neben allerlei andern Erzeugnissen, die mit dem Himmelreich nur in einem sehr unklaren, wenn nicht verdächtigen Zusammenhang stehen. Und noch befremdeter wäre er, wenn er eine unsrer Zeitungen läse und sähe, wie trefflich wir es verstehen, das Bravsein, die rechte Gesinnung und das |284 Christentum mit allem Möglichen zu vereinigen. Und noch erstaunter wäre er, wenn er einen Blick täte in die Arche Noah unsrer Köpfe und Herzen, wo wir Alle so fröhlich und selbstverständlich Duldsamkeit üben gegen Alles und Jedes, was da kreucht und fleucht. Denn er wollte zu seinen Jüngern nicht Leute haben, die beständig auch anders können, sondern Leute, die rücksichtslos werden, wenn Gott in Frage kommt. – |

Aber nun müssen wir genau hinhören, wenn wir recht auffassen wollen, was für eine Einseitigkeit uns Jesus in seinem Wort hat empfehlen wollen. Denn wenn es sicher seine Meinung ist, ein Christ und rechter Mensch müsse einseitig sein, so ist damit doch noch nicht gesagt, dass alle einseitigen Leute auch Christen und rechte Menschen seien. Und wenn ich vorhin den Pfarrer Ackermann und den Nationalrat Pflüger gerühmt habe als erfreuliche Erscheinungen gegenüber dem, was man gewöhnlich bei uns wahrnimmt, so muss ich nun doch sofort hinzufügen, dass ihre Einseitigkeit von derjenigen, die Jesus verlangt hat, noch etwas sehr Verschiedenes ist. Wir wollen darauf achten, dass Jesus sagt: wenn dich dein rechtes Auge zur Sünde veranlasst, so reiße es aus! Unter denen, die einseitig sind, die eine eigene Überzeugung haben und danach Ja und Nein zu sagen wissen, wenn es darauf ankommt, sind nämlich Viele, die eine auffallende Neigung zeigen, weniger sich selbst als ihren Mitmenschen die Augen auszureißen. Sie wissen sehr kräftig, die Sache des Guten zu vertreten, und sehr energisch zu verlangen, dies müsse fallen und jenes anders werden. Aber ihr Zeigefinger zeigt dabei doch vor Allem auf Dinge, die sie bei Andern wahrnehmen. Das wäre nun an sich nichts Unrechtes, das haben auch die Propheten des alten Testamentes, das hat auch Jesus selbst getan. Das ist immer wieder nötig, dass wir einander gegenseitig zurechtweisen. Das gehört sogar zu der christlichen Einseitigkeit notwendig hinzu, dass man einander im Notfall ganz gehörig die Meinung sage! Aber gerade bei den Propheten Israels können wir sehen, wie das zugehen muss. Die haben vor Allem sich selbst gebeugt unter die Majestät Gottes, sich selbst unter sein strafendes Wort gestellt, die sind zuerst gegen sich selbst rücksichtslos gewesen. Denn sie waren jedesmal die Ersten, die litten unter dem Strafgericht Gottes über das Volk, dem sie angehörten, und aus dieser eigenen Erfahrung und Erprobung heraus konnten sie dann den Andern rücksichtslos |285 und einseitig sagen: es ist nicht Recht. Und so muss unsre christliche Einseitigkeit, wenn sie christlich sein will, immer erstens, zweitens und drittens Rücksichtslosigkeit gegen uns selbst sein. Nur daran, dass die Schärfe unsres Urteils zuerst uns selbst getroffen hat, können wir erkennen, dass sie etwas wert ist, wenn sie sich dann auch gegen Andre richtet. Die unentwegte Scheidung der Sache Gottes von den Sachen, die nicht zu ihm passen, muss innen anfangen, wenn sie gut sein soll. Und so fängt die stramme, bewusste Einseitigkeit und Ausschließlichkeit, die die Welt und die unser Volksleben insbesondere nötig hat, immer an mit gewissen sehr einfachen, inwendigen, persönlichen Dingen. |

Rechte einseitige Menschen sind solche, die über ihre Stimmungen und Launen Meister sind. Viele kommen nie dazu, etwas Klares, Unzweideutiges, Abgeschlossenes zu sein, einfach darum, weil sie in ihrem Innern beständig auch gewisse dunkle Gefühlsmächte regieren lassen neben der Macht des Guten. Sie haben zum Beispiel irgend eine Abneigung gegen Jemand, oder es kommt ihnen vor, dass sie zeitweilig wie gebannt sind durch eine unbegreifliche Ärgerlichkeit, durch eine ganz unbegründete Betrübnis. Wir wissen Alle, dass wir solche Launen oft förmlich lieb haben, dass wir sie aufpäppeln und pflegen, wie wenn sie unsre liebsten Kinder wären, dass wir höchst ungern von ihnen lassen. Sie werden uns zum «rechten Auge», zu etwas Selbstverständlichem, oft ohne [dass] wir es merken. Und dann merken wir es oft auch lange nicht, dass sie uns Anlass zur Sünde werden, dass wir aus Laune Unrecht tun, dass wir durch unsre Stimmungen uns und Andre in die Irre führen. Und wenn wir sie nun gewähren lassen, dann werden wir sofort zu jenen unklaren, schwankenden Menschen, die bald so und bald so sind; man wird es uns dann gleich anspüren, dass wir immer auch anders können. Und dann heißt es: reiß dein rechtes Auge heraus und wirf es von dir. Lass sie fahren, deinen lieben Ärger oder deine liebe Traurigkeit, mit der du kokettierst wie eine eitle Person vor dem Spiegel! Sie passen nicht zum Himmelreich, und solange sie da sind, und wären sie nur ein kleiner Teil deines Wesens, ist das Ganze bedroht. Du könntest eine Wassersuppe werden! |

Es gibt aber auch Gewohnheiten, die uns zum unentbehrlichen rechten Auge geworden sind. Zum Beispiel das Rauchen oder von |286 Zeit zu Zeit ein Schoppen oder gewisse Bequemlichkeiten, die man sich verschafft. Das können ganz harmlose Gewohnheiten sein. Und doch können sie uns Anlass zur Sünde werden, sie können uns in Konflikt mit Gott bringen, und zwar geschieht das in diesem Fall wahrscheinlich schon dadurch, dass sie uns unentbehrlich werden oder zu werden scheinen. Wenn wir von solchen Dingen sagen: ich kann nicht sein ohne das! dann ist sicher etwas nicht [in] Ordnung; dann ist sicher nur schon deshalb der Moment gekommen, ans Ausreißen und Wegwerfen zu denken. Ich erinnere nur an die schon oft beobachtete Tatsache, dass Mancher gerade durch den Grundsatz: von Zeit zu Zeit ein Schoppen! zur faden, charakterlosen Wassersuppe geworden ist. Der Alkohol erzieht wie kaum etwas Anderes die Menschen zu jenem Einerseits-Andererseits!, zu jener Gemütlichkeit, die immer Fünfe gerade sein lässt,9 zu jener Angst, man könnte es mit dem Guten übertreiben. Es hat darum seinen guten Grund, wenn ich am Anfang sagte, dass gerade in der Wirtschaft am Meisten über die Einseitigen geklagt oder geschimpft werde. Gewohnheiten, über die wir nicht Herr sind, die wir nicht auch fahren lassen könnten, haben es immer an sich, uns vielseitig, das heißt aber, innerlich kraftlos, überzeugungslos zu machen. Wir werden nie rückhaltlos dem Guten Recht geben können, wenn wir daneben immer noch Rücksicht nehmen müssen auf irgend eine solche Notwendigkeit. – |

Es gibt aber neben diesen äußern Gewohnheiten auch Gewohnheiten des Denkens, festgesessene, hartgesottene Meinungen, die einmal über uns gekommen sind und die wir dann hüten wie unsern Augapfel. Auch das ist zunächst etwas Harmloses – warum sollten wir nicht unsre Meinungen haben? Aber die Sache wird misslich, wenn uns andre Meinungen begegnen, denen wir vielleicht heimlich gern recht geben würden, wenn wir’s nicht eben anders gewohnt wären. Ja, da muss dann eben das rechte Auge heraus, so lieb es uns sein mag. In Sachen der Wahrheit kann nur die Wahrheit gelten und nicht die Gewohnheit. Als Christoph Kolumbus auszog, um dann Amerika zu entdecken, da warnten ihn alle klugen Männer seiner Zeit vor der Vermessenheit, über die abschüssige Erdkugel hinunterzufahren, um |287 dann, unten angelangt, ins Bodenlose hinauszufallen. Das war eine Gewohnheit des Denkens, eine Meinung von dazumal. Kolumbus hat sie zerbrochen: es wäre für ihn eine Sünde gewesen, der Wahrheit nicht zu gehorchen, weil sie neu war. Er hat ihr gehorcht und hat gesiegt. Aber das ging nicht ohne eine gegen alle Bedenken rücksichtslose Tat. – |

Ganz besonders wichtig und schwierig wird aber die Übung der rechten Einseitigkeit in unsrem Verhältnis zu andern Menschen. Auch sie bilden ja gewissermaßen ein Stück unsres innern Lebens, und wenn wir innerlich klar und entschieden werden möchten, dann ist die Frage vielleicht die größte und letzte: wie verhalte ich mich zu den Andern? Wie kann ich ihr Freund sein? Wie kann ich mit ihnen auskommen? Und doch zugleich selbst etwas Rechtes sein. Ich glaube, die Meisten kommen nie zu einem großen, entschiedenen Leben, weil sie auf dem Weg dazu über ihre Mitmenschen stolpern. Wir möchten doch Ruhe haben und den lieben Frieden, wir möchten Niemand vor den Kopf stoßen. Und um nur das nicht zu tun, lassen wir unsre eigentliche Meinung nicht zu laut hören oder wir hüten uns sogar, uns eine zu bilden. Es könnte gefährlich sein, es könnte Streit geben! Vielleicht, dass wir sogar einen guten Freund haben, der nun einmal andre Ansichten und Gewohnheiten hat. Was würde es für einen Skandal geben, wenn wir herausrufen würden mit dem, was wir im Stillen als das Rechte erkannt haben. Oder wir sind in einer Gesellschaft und wir spüren es, wie der allgemeine Ton und Geist nicht stimmen will zu dem Ton und Geist, den uns unser Gewissen eingibt. Aber was für eine Störung, wenn wir nun durch Wort und Tat zeigen würden, dass wir eigentlich etwas ganz Andres wollen. Und so fügen wir uns und machen mit, um nicht Unannehmlichkeiten zu verursachen. Man kann ja daneben immer noch seine eigene Meinung haben. Ja, daneben! Eben immer daneben, nur nicht da, wo es darauf ankäme. Seht, so sind schon so Vielen, gewiss auch unter uns, die Andern zum Ärgernis, zum Anlass der Sünde geworden, sie haben geschwiegen, zugestimmt, mitgemacht aus Rücksicht, trotzdem ihr Gewissen und [ihre] Überzeugung nicht zustimmte. Die wollten sie dann so daneben, auch noch, haben und zufrieden stellen. Meine Freunde, wenn wir das merken, dass wir im Verkehr mit unsren Freunden und Bekannten unser Bestes nur noch daneben pflegen können, wenn wir das Bedürfnis |288 verspüren, die Wahrheit zurückzuhalten, dann muss uns das gerade das Zeichen sein, deutlich zu werden und den lieben Frieden zu stören. Dann müssen wir ihnen zu verstehen geben: so wie du bist, kann ich mit dir nicht einig gehen. So wie du bist, kannst du nicht mein Freund sein. So wie ihr seid, kann ich nicht der Eurige sein. Das mag uns oft sehr unangenehm sein, aber das Recht und die Wahrheit sind wichtiger als der Frieden und die Ruhe. Wenn dich dein rechtes Auge zur Sünde veranlasst, so reiß es aus! Wenn du in einem guten Verhältnis zu Andren nicht selbst gut bleiben kannst, dann muss es eben aufhören. Dann musst du einen Schnitt machen durch das Tischtuch: Hier seid ihr und hier bin ich! Das ist keine Lieblosigkeit, im Gegenteil, das ist der erste Schritt, dir selbst und ihnen aus dem Sumpf herauszuhelfen. Du hast es nötig, aber sie noch viel mehr, dass du ihnen deutlich sagst: Ich mache es anders als ihr.

Ein Opfer, ein Verzichten wird es immer sein, wenn wir etwas fahren lassen, weil wir sehen: es geht nicht mehr mit dem Besten zusammen, das ich kenne. Aber wenn wir es einmal geopfert haben, dann machen wir regelmäßig die Erfahrung, dass wir nicht verloren, sondern gewonnen haben. Wir sind dann aus halben Menschen ganze geworden.

Amen.

Textkritische Fußnoten

a
Im Mskr. stehen die drei Verben des Satzes im Plural. ↩
b
Im Mskr. folgt ein überzähliges «aus». ↩

Sachfußnoten

1
Vgl. oben, S. 231–241 (Predigt vom 2. Juni 1912). ↩
2
«Studieren» steht hier für: «nachdenken». ↩
3
Die dritte Schweizerische Landesausstellung fand vom 15. Mai bis 15. Oktober 1914 in Bern statt; während ihres Verlaufs brach der Erste Weltkrieg aus. Unter anderem demonstrierte der Armeepavillon den Willen der Schweiz zur bewaffneten Neutralität. Eine der weiteren Attraktionen war die «Dörfli»-Ausstellung, in der jene beide Kirchen vorgestellt wurden. Barth schrieb einen ausführlichen spöttischen Artikel zu diesem Aspekt der Ausstellung, den abzudrucken die «Basler Nachrichten» indes ablehnten; vgl. K. Barth, Gruppe 44 IV Kirchenwesen, in: V.u.kl.A. 1909–1914, S. 457–468 📖. ↩
4
«Über die Schnur hauen» steht redensartlich für: «übertreiben»; vgl. Röhrich IV, S. 1391 📖. ↩
5
August Ackermann (1883–1968), seit 1909 katholischer Pfarrer in Welschenrohr; der «christlichsozial und jungklerikal eingestellte A[ckermann]» hatte «durch seine integralist[ische] Art der Seelsorge und seine diesbezügl[ichen] polit[ischen] Äusserungen wiederholt publizitätsträchtige Konflikte» ausgelöst und wurde 1912 durch den Kantonsrat Solothurn als Pfarrer abberufen; U. Fink, Art. «August Ackermann», in: Historisches Lexikon der Schweiz (https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/045515/2001-04-13/; zuletzt aufgerufen am 11.10.2021) 📖; ders., Kulturkampf in Welschenrohr 1909–1912. Pfarrer August Ackermann und seine Pfarrchroniken, Solothurn 1991 📖. ↩
6
Paul Pflüger (1865–1947), einer der ersten sozialdemokratischen Pfarrer der Schweiz, war bereits während seines Pfarramts in Zürich-Aussersihl (1898–1910) für die Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SP) im Grossen Stadtrat von Zürich politisch aktiv; Pflüger war seit 1910 Stadtrat für das Armen- und Vormundschafts-, ab 1919 für das Schulwesen, seit 1911 zugleich Nationalrat und wurde 1912 zum Vizepräsidenten der SP gewählt; vgl. M. Bürgi, Art. «Paul Pflüger», in: Historisches Lexikon der Schweiz (https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/003675/2010-02-02/; zuletzt aufgerufen am 11.10.2021 📖). ↩
7
Aufgrund dieser Passage wurde Barth wenige Tage später heftig angegriffen: «Hat doch am letzten Sonntag […] ein Pfarrer […] es fertig gebracht, auf der Kanzel den solothurnischen Hetzapostel Ackermann vor seinen Zuhörern zu verherrlichen, sowie das politische Draufgängertum eines andern Pfarrers, der jetzt bei den Sozialisten in Zürich eine Rolle spielt. Der Herr Pfarrer unterließ nicht, durchblicken zu lassen, wie sehr ihm diese Kampfesweise gefalle (!) Demgemäß fielen auch seine Sonntagsratschläge aus, die einen häßlichen politischen Beigeschmack hatten; […]. Die große Mehrzahl unserer Kirchgänger […] wünscht am Sonntag im Gotteshaus […] eine Stunde der Erbauung und der Andacht. Das ist wahrer Gottesdienst, Herr Pfarrer, und nicht, wie sie ihn wagen uns zu bieten!» (N. N., Pfarrherrliche Hetzereien, in: Zofinger Tagblatt, 15.7.1912 📖 [Barths Exemplar: KBA 12228]). ↩
8
So in der damals gängigen Zürcher Bibel von 1817 und auch in der von Barth selbst überwiegend benutzten Luther-Übersetzung von 1892 (9. Abdruck, Halle/S. 1899). ↩
9
«Fünfe gerade sein lassen» steht redensartlich für: «etwas nicht so genau nehmen»; vgl. Röhrich II, S. 487 📖. ↩