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        <title type="volume" n="vol-56">Predigten 1912</title>
        <title type="content">Predigt: Matthäus 5,29</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Matthäus 5,29, 7. Juli 1912</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/56030 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1912, hrsg. v. Busch, Eberhard / Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2022, S. .</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/56030</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1912</title>
          <title type="text">Predigt: Matthäus 5,29</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2022</date>
          <!--position within a volume-->
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 5,29, 7. Juli 1912. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1564">KBA 1100</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1912-07-07">7. Juli 1912</date>
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          <term>sermon</term>
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                    <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1912-07-07">7. Juli 1912</date>
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.29">Matthäus 5,29</ref>
                <quote>Wenn dich dein rechtes Auge zur Sünde veranlasst, so reiß es aus und wirf es von dir. Denn es ist dir besser, dass eines deiner Glieder verloren gehe, als dass dein ganzer Leib in die Hölle geworfen werde.</quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                <salute>Liebe Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                    <p>Ich sagte euch vor einiger Zeit, ein <term ref="kbga-terms-1660">rechter Mensch</term> müsse ein <term ref="kbga-terms-1508">Aristokrat</term> sein. Das war, als wir von dem Worte Jesu redeten über das Salz der Erde, das nicht dumm werden dürfe.<note xml:id="n01">
                            <p> Vgl. oben, <ref type="pub" target="../volume/56/p231#p231">S. 231–241</ref> (Predigt vom 2. Juni 1912).</p>
                        </note> Um unsern heutigen Text auszulegen: vom rechten 
                    Auge, das man ausreißen und fortwerfen solle, wenn es einen zur Sünde veranlasse, möchte ich euch sagen: Ein rechter Mensch muss <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-1713">einseitig</term></hi> sein. Ich weiß, dass auch das ein Wort ist, das ihr nicht gerne hört. Wenn die Leute im Wirtshaus oder sonstwo zueinander sagen: der und der ist einseitig, dann ist das ein sanftes Schimpfwort. Man meint damit: Er übertreibt es mit seinen Ansichten, er hat sich etwas in den Kopf gesetzt und nun will er mit dem Kopf durch die Wand, er ist ein Fanatiker, der keine Rücksicht nimmt. 
                    Da will ich nun auch nicht sagen, dass das an sich etwas Schönes sei, wenn Jemand so kopfvoran durch die Welt stürmt, ohne links noch rechts zu sehen. Es gibt solche, die das tun, die durchaus keine rechten, wertvollen Menschen sind, sondern die nur Schaden anrichten. Die muss man dann daran erinnern, dass die eine Seite der <term ref="kbga-terms-340">Wahrheit</term>, die sie zu sehen meinen und für die sie eifern, noch lange nicht die ganze Wahrheit ist. 
                    Aber ich glaube, die Meisten von uns haben es nicht nötig, dass man sie <hi rend="italic">daran</hi> erinnert. Wir haben nicht zu viel <term ref="kbga-terms-1207">Fanatiker</term>, sondern zu wenig, die große Mehrzahl bei uns leidet nicht darunter, dass sie es übertreibt mit ihren Ansichten, sondern darunter, dass sie nie dazu kommt,<note place="footnote" n="a" type="textcritical" xml:id="na">
                            <p> Im <ref corresp="A">Mskr.</ref> stehen die drei Verben des Satzes im Plural.</p>
                        </note> bestimmte, klare Ansichten zu erfassen und damit Ernst zu machen. 
                    Im Leben der Meisten von uns waltet eine große Verschwommenheit von <term ref="kbga-terms-829">gut</term> und <term ref="kbga-terms-174">böse</term>, von <term ref="kbga-terms-340">wahr</term> und <term ref="kbga-terms-1573">unwahr</term>. <pb xml:id="p279" ed="pga"/> Es fehlt uns nicht daran, dass wir das Rechte nicht erkennen, aber das Rechte ist nicht Herr im Hause bei uns, es sind noch so und so viel andre Interessen und Gedanken da und auf die nehmen wir nun ängstlich Rücksicht. Wir hüten uns wohl, uns zu fragen, ob sie zu dem Guten, das wir erkannt haben und wohl auch ganz genau tun möchten, passen, sondern wir lassen sie fröhlich in uns aufwachsen und sich breit machen. 
                    Wir hören auf ihre Stimme, so gut, wie wir auf die Stimme des <term ref="kbga-terms-596">Gewissens</term>, die Stimme Gottes in uns hören, und das Ergebnis ist, dass wir so von Allem ein wenig sind: ein bisschen <term ref="kbga-terms-1719">brave</term> Leute und auch wohl <term ref="kbga-terms-277">Christen</term>, 
                    ein bisschen gehorsame Diener unsrer <term ref="kbga-terms-1721">Launen</term> und <term ref="kbga-terms-1635">Leidenschaften</term>, ein bisschen Geschäftsleute, ein bisschen fröhliche Gesellschafter und ein bisschen öffentliche Personen. Wir lassen das Alles nebeneinander gelten in unserm Leben. Wir sagen: man muss das Eine tun und das Andre nicht lassen. Und ich wiederhole: wir vermeiden es sorgfältig, zu sehr darüber zu studieren<note xml:id="n02">
                            <p> «Studieren» steht hier für: «nachdenken».</p>
                        </note>, ob sich denn auch das Andre mit dem einem Einen vertrage. 
                    Wir erheben Alle den Anspruch, <term ref="kbga-terms-1660">rechte Menschen</term> zu sein, und die Meisten legen auch Wert drauf, <term ref="kbga-terms-277">Christen</term> zu heißen. Aber wir sind rechte Menschen und Christen unter Andrem, unter vielem Andren. Das <term ref="kbga-terms-807">Christentum</term> ist in unserm <term ref="kbga-terms-56">Leben</term> vorhanden wie ein mehr oder weniger schönes Gartenbeet neben allerlei andern Gartenbeeten. |</p>
                    <p>Er ist recht bezeichnend, dass man auf den Gedanken gekommen ist, an der <term ref="kbga-terms-1714">schweizerschen Landesausstellung <date when="1914">1914</date></term> auch eine Ausstellungsgruppe für das <term ref="kbga-terms-33">Kirchenwesen</term> zu veranstalten. 
                    Es werden also in zwei Jahren in <placeName ref="kbga-places-9">Bern</placeName> neben den Produkten des Handels und der Landwirtschaft, der Fabrik- und der Fremdenindustrie auch zwei Kirchen, aus Holz und Karton gemacht, zu sehen sein, ferner ein ganzes Pfarrhaus und sogar ein Friedhof.<note xml:id="n03">
                            <p> Die dritte Schweizerische <term ref="kbga-terms-1714">Landesausstellung</term> 
                    fand vom <date to="1914-10-15" from="1914-05-15">15. Mai bis 15. Oktober 1914</date> in Bern statt; während ihres Verlaufs brach der <term ref="kbga-terms-170">Erste Weltkrieg</term> aus. Unter anderem demonstrierte der Armeepavillon den Willen der Schweiz zur bewaffneten <term ref="kbga-terms-1409">Neutralität</term>. 
                    Eine der weiteren Attraktionen war die «Dörfli»-Ausstellung, in der jene beide Kirchen vorgestellt wurden. Barth schrieb einen ausführlichen spöttischen Artikel zu diesem Aspekt der Ausstellung, den abzudrucken die «<orgName ref="kbga-actors-5804">Basler Nachrichten</orgName>» indes ablehnten; 
                    vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-873">K. Barth, <hi rend="italic">Gruppe 44 IV Kirchenwesen</hi>, in: V.u.kl.A. 1909–1914, S. 457–468</bibl>.</p>
                        </note> Und wenn man sich in den andern <pb xml:id="p280" ed="pga"/> Abteilungen satt gesehen hat am Vieh und an den Maschinen, an den Schnitzereien, Uhren und St. Galler Seidenstoffen, dann kommt man auch noch in die beiden Kirchen und findet in der einen Heiligenbilder, 
                    Beichtstühle und Messgewänder und in der andern Bibeln, Liturgien, Gesangbücher und Konfirmandensprüche. Das stellt dann den <term ref="kbga-terms-142">Katholizismus</term> und den <term ref="kbga-terms-196">Protestantismus</term> vor, und das Ganze ist die Ausstellung der <term ref="kbga-terms-211">Religion</term>, 
                    die unter vielem Andern auch noch in unserm <term ref="kbga-terms-1358">Schweizervolk</term> vorhanden ist. Und wenn man dann auch das noch sich angesehen hat, dann geht man in die Ausstellungswirtschaft und erholt sich von all dem Vielerlei, das man betrachtet hat. |</p>
                    <p>Gerade wie an dieser Ausstellung, 
                    so sieht es nun auch tatsächlich in unzähligen Herzen und Köpfen aus. Da gibt es auch dies und das und jenes und schließlich etwas Religion, und Alles soll gelten und Keines soll das Andre beeinträchtigen. Wir sind Alles aufs Mal oder auch abwechselnd bald dies, bald jenes. Ich glaube, wenn jemand den Charakter <term ref="kbga-terms-1358">unsres Volkes</term> beschreiben wollte, dann müsste er vor Allem dieses zahme, sanfte, 
                    vorsichtige Wesen schildern, das immer Alles aufs Mal gelten lassen will und deshalb einen behutsamen Mittelweg trippelt. Wir Schweizer haben im Ganzen einen sehr klaren Blick für <term ref="kbga-terms-829">das Gute</term> und Große, wir begeistern uns dafür, wir haben auch den ehrlichen Willen, es anzustreben, 
                    aber ebenso ehrlich gestehen wir, dass wir auch noch allerlei Anderes daneben wollen, <term ref="kbga-terms-1463">Geldverdienen</term> und uns lustig machen, und deshalb gucken wir bei unserm Streben nach dem Guten beständig hierhin und dorthin und nichts macht uns so Angst wie der Gedanke, wir könnten dabei über die Schnur hauen,<note xml:id="n04">
                            <p> «Über die Schnur hauen» steht redensartlich für: «übertreiben»; 
                    vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-826">Röhrich IV, S. 1391</bibl>.</p>
                        </note> das heißt, unsre andern Wünsche könnten beim Streben nach dem Guten zu kurz kommen. Die <term ref="kbga-terms-1717">schweizerische Mittelmäßigkeit</term>, die <term ref="kbga-terms-1719">brav</term> sein will, 
                    aber ja nicht zu weit gehen darin, kommt auch in unserm <term ref="kbga-terms-1472">öffentlichen Leben</term> deutlich zum Vorschein. Die <term ref="kbga-terms-1715">schweizerische Politik</term>, im Bund wie im Kanton und in den Gemeinden, ist schon lange ein interessantes Schaukelspiel geworden zwischen gewissen Idealen, auf die man nicht ganz verzichten möchte, und jenen andern Wünschen, die über den Idealen auch nicht zu kurz kommen möchten. Da ist man beständig am Abwägen und Rücksichtnehmen und <pb xml:id="p281" ed="pga"/> <term ref="kbga-terms-302">Kompromisse</term> machen. 
                    Da macht man es sich nicht mehr zum Ziel, die Verhältnisse so einzurichten, wie es recht ist, sondern darin sieht man die höchste Staatskunst, möglichst Viele zu beschwichtigen und zufrieden zu stellen. Da kocht man immer neue Wassersuppen, zusammengesetzt aus einem guten Gedanken, verdünnt durch viele kleine Rücksichten und Einschränkungen, die ihn schmackhaft machen sollen, um ihn in Wirklichkeit fast oder ganz ungenießbar zu machen. |</p>
                    <p>Dieses Schaukelspiel treiben zum Beispiel unsere gelesensten <term ref="kbga-terms-1509">Zeitungen</term> alle Tage; und wer am Besten schaukeln kann, der kommt bei uns am Sichersten und Schnellsten obenauf. Es ist ein wahres Glück, dass wir wenigsten die beiden Minderheitsparteien haben, nämlich die <term ref="kbga-terms-142">Katholiken</term> und die <term ref="kbga-terms-1599">Sozialdemokraten</term>, 
                    die dabei nicht mitmachen. Man mag über ihre Ideen und Ziele urteilen, wie man will, das wird man wenigstens sagen müssen, dass diese Beiden wissen, was sie wollen, dass sie die einmal aufgepflanzte Fahne auch hochhalten und nicht alle drei Tage wieder mit sich markten lassen und kleine Abzüge machen, wie das bei unsrer herrschenden Mehrheit der Fall ist. Und darum halte ich einen Pfarrer <persName ref="kbga-actors-9037">Ackermann</persName> 
                    von <placeName ref="kbga-places-1074">Welschenrohr</placeName><note xml:id="n05">
                            <p> <persName ref="kbga-actors-9037">August Ackermann</persName> (1883–1968), seit 1909 katholischer Pfarrer in Welschenrohr; der «christlichsozial und jungklerikal eingestellte A[ckermann]» hatte «durch seine integralist[ische] Art der Seelsorge und seine diesbezügl[ichen] polit[ischen] Äusserungen wiederholt publizitätsträchtige Konflikte» ausgelöst 
                    und wurde 1912 durch den Kantonsrat Solothurn als Pfarrer abberufen; <bibl corresp="kbga-bibls-869">U. Fink, Art. «August Ackermann», in: Historisches Lexikon der Schweiz (https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/045515/2001-04-13/; zuletzt aufgerufen am 11.10.2021)</bibl>; <bibl corresp="kbga-bibls-870">ders., <hi rend="italic">Kulturkampf in Welschenrohr 1909–1912. Pfarrer August Ackermann und seine Pfarrchroniken</hi>, Solothurn 1991</bibl>.</p>
                        </note> oder einen Nationalrat <persName ref="kbga-actors-729">Pflüger</persName> in <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName><note xml:id="n06">
                            <p> <persName ref="kbga-actors-729">Paul Pflüger</persName> (1865–1947), einer der ersten sozialdemokratischen Pfarrer der Schweiz, war bereits während seines Pfarramts in Zürich-Aussersihl (1898–1910) für die Sozialdemokratische 
                    Partei der Schweiz (SP) im Grossen Stadtrat von <placeName ref="kbga-places-66">Zürich</placeName> politisch aktiv; Pflüger war seit 1910 Stadtrat für das Armen- und Vormundschafts-, ab 1919 für das Schulwesen, seit 1911 zugleich Nationalrat und wurde 1912 zum Vizepräsidenten der SP gewählt; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-868">M. Bürgi, Art. «Paul Pflüger», in: Historisches Lexikon der Schweiz (https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/003675/2010-02-02/; zuletzt aufgerufen am 11.10.2021</bibl>).</p>
                        </note>, und wenn sie noch zehnmal einseitiger wären, als sie es sind, immer noch für die weitaus erfreulicheren Erscheinungen in unserm <term ref="kbga-terms-1472">öffentlichen Leben</term> als das halbe, <pb xml:id="p282" ed="pga"/> 
                    lendenlahme Wesen, das jetzt darin das große Wort führt. Was wir nötig haben, das sind Männer und Frauen, in deren Köpfen und Herzen nicht alles mögliche Getier nebeneinander Platz hat wie in der Arche Noah [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gen.7.8 Gen.7.9">Gen. 7,8f.</ref>], sondern in denen <hi rend="italic">ein</hi> großer Gedanke stramm das Regiment führt, dem alle Andern sich zu fügen haben. 
                    Das sind Leute, die auch einmal rücksichtslos und unbedenklich zu sein wagen, wenn es sich um <term ref="kbga-terms-829">das Gute</term> handelt. Das sind Leute, die sich getrauen, es nicht Allen recht zu machen, die nicht nach allen Seiten höfliche Verbeugungen machen und zugleich nach allen Seiten die Achseln zucken, sondern die stracks ihren Weg gehen, wie sie es für recht halten.<note xml:id="n07">
                            <p> Aufgrund dieser Passage wurde Barth wenige Tage später 
                    heftig angegriffen: «Hat doch am letzten Sonntag […] ein Pfarrer […] es fertig gebracht, auf der Kanzel den solothurnischen Hetzapostel Ackermann vor seinen Zuhörern zu verherrlichen, sowie das politische Draufgängertum eines andern Pfarrers, der jetzt bei den Sozialisten in Zürich eine Rolle spielt. 
                    Der Herr Pfarrer unterließ nicht, durchblicken zu lassen, wie sehr ihm diese Kampfesweise gefalle (!) Demgemäß fielen auch seine Sonntagsratschläge aus, die einen häßlichen politischen Beigeschmack hatten; […]. Die große Mehrzahl unserer Kirchgänger […] wünscht am Sonntag im Gotteshaus […] eine Stunde der Erbauung und der Andacht. 
                    Das ist wahrer Gottesdienst, Herr Pfarrer, und nicht, wie sie ihn wagen uns zu bieten!» (<bibl corresp="kbga-bibls-865">N. N., <hi rend="italic">Pfarrherrliche Hetzereien</hi>, in: Zofinger Tagblatt, 15.7.1912</bibl> [Barths Exemplar: <idno type="kba-objects-identifier">KBA 12228</idno>]). </p>
                        </note> Wahrlich, auf den sanften <term ref="kbga-terms-1724">Mittelwegen</term> ist noch nie jemand zu großen Zielen gelangt: einzelne Menschen nicht und ganze Staaten auch nicht. Sondern von allen Wassersuppen, in denen das Gute mit allen möglichen Rücksichten vorsichtig vermischt ist, gilt in Ewigkeit das Wort des biblischen Sehers: 
                    Ach, dass du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist und weder kalt noch warm, werde ich dich<note place="footnote" n="b" type="textcritical" xml:id="nb">
                            <p> Im <ref corresp="A">Mskr.</ref> folgt ein überzähliges «aus».</p>
                        </note> ausspeien aus meinem Munde! [<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.3.15 Apk.3.16">Apk. 3,15f.</ref>]</p>
                    <p>Jesus hat die Menschen zur <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-1713">Einseitigkeit</term></hi> erziehen wollen, daran ist kein Zweifel. Kein einziges Mal finden sich im <term ref="kbga-terms-59">Evangelium</term> vorsichtige, rücksichtsvolle Ausdrücke wie: zwar – aber! einerseits – andrerseits! sowohl – als auch! von denen unsre <term ref="kbga-terms-1509">Zeitungen</term> wimmeln. Sondern bei Jesus ist’s immer: <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-1718">Entweder – Oder</term>!</hi> Wer nicht für mich ist, der ist wider mich [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.12.30">Mt. 12,30</ref>]. 
                    Unser Textwort ist dafür eines der deutlichsten Beispiele. <hi rend="italic">Wenn dich dein rechtes Auge zur Sünde veranlasst</hi> – wenn es dich «ärgert», heißt es in euren Bibeln<note xml:id="n08">
                            <p> So in der damals gängigen Zürcher Bibel von <date when="1817">1817</date> und auch in der von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> selbst überwiegend benutzten Luther-Übersetzung von <date when="1892">1892</date> (9. Abdruck, Halle/S. 1899).</p>
                        </note> –, 
                    <hi rend="italic">so reiß es aus <pb xml:id="p283" ed="pga"/> und wirf es von dir! Denn es ist dir besser, dass eines deiner Glieder verloren gehe, als dass dein ganzer Leib in die Hölle geworfen werde</hi>. 
                    Das ist ein Gleichniswort. Jesus wollte damit sagen: Wer rein sein will, wie Gott rein ist, der kann nicht Alles zugleich sein, der kann nicht Alles in sich vereinigen, der kann es nicht Allen recht machen. Man kann nicht das <term ref="kbga-terms-1621">Himmelreich</term> haben neben so und so vielen andern Sachen. 
                    Sondern der Mensch muss aufhören, diese andern Sachen zu haben, zu machen, zu treiben in dem Moment, wo sie zum Himmelreich und seinen Gesetzen nicht mehr passen, und an dem Punkt, wo die <term ref="kbga-terms-64">Sünde</term> anfängt. Da muss er aufhören können, verzichten und opfern um des Bessern willen, das er erkannt und ergriffen hat, er muss «ausreißen und fortwerfen», wie Jesus sagt. Er sagt nicht, wann dieser Moment und wo dieser Punkt ist, wo die Gesetze des Himmelreichs Halt gebieten und wo die Sünde anfängt. Denn das ist bei jedem Menschen verschieden. 
                    Er stellt nur die allgemeine Regel auf: dass es nichts in unserm <term ref="kbga-terms-56">Leben</term> geben dürfe, was gegen Gott sei – und er fügt hinzu: auch das Beste nicht, auch das Wertvollste nicht, auf unser rechtes Auge müssten wir verzichten, wenn es uns in Gefahr brächte, in Konflikt mit Gott und <term ref="kbga-terms-76">seinem Willen</term> zu kommen. Denn auch unser Auge ist nichts Gutes, sondern ein Übel vom Augenblick an, wo wir es nicht mehr im Dienste Gottes, sondern nur noch im Dienste des <term ref="kbga-terms-441">Teufels</term> brauchen könnten. 
                    Es ist nichts gut von den Gütern des Lebens, wenn es nicht gut ist in Gott. Es gibt keine <term ref="kbga-terms-340">Wahrheit</term>, die neben der Wahrheit und gegen die <term ref="kbga-terms-62">Wahrheit Gottes</term> auch noch gelten dürfte. Was wir mit Gott nicht vereinigen können, dem sind wir auch keine Rücksicht mehr schuldig, sondern das muss eben weg. |</p>
                    <p>So ist Jesus ein entschiedener Gegner von jenem Nebeneinander <term ref="kbga-terms-829">des Guten</term> und allerlei anderer Dinge. Er würde höchst befremdet sein, an der Berner <term ref="kbga-terms-1714">Landesausstellung</term> die Bibeln, Gesangbücher und hölzernen Kirchen seiner Religion zu sehen neben allerlei andern Erzeugnissen, die mit dem <term ref="kbga-terms-1621">Himmelreich</term> nur in einem sehr unklaren, wenn nicht verdächtigen Zusammenhang stehen. 
                    Und noch befremdeter wäre er, wenn er eine unsrer <term ref="kbga-terms-1509">Zeitungen</term> läse und sähe, wie trefflich wir es verstehen, das <term ref="kbga-terms-1719">Bravsein</term>, die rechte Gesinnung und das <pb xml:id="p284" ed="pga"/> <term ref="kbga-terms-807">Christentum</term> mit allem Möglichen zu vereinigen. Und noch erstaunter wäre er, wenn er einen Blick täte in die Arche Noah unsrer Köpfe und Herzen, wo wir Alle so fröhlich und selbstverständlich Duldsamkeit üben gegen Alles und Jedes, was da kreucht und fleucht. 
                    Denn er wollte zu seinen <term ref="kbga-terms-272">Jüngern</term> nicht Leute haben, die beständig auch anders können, sondern Leute, die rücksichtslos werden, wenn Gott in Frage kommt. – | </p>
                    <p>Aber nun müssen wir genau hinhören, wenn wir recht auffassen wollen, <hi rend="italic">was für eine</hi> <term ref="kbga-terms-1713">Einseitigkeit</term> uns Jesus in seinem Wort hat empfehlen wollen. Denn wenn es sicher seine Meinung ist, ein <term ref="kbga-terms-277">Christ</term> und <term ref="kbga-terms-1660">rechter Mensch</term> müsse einseitig sein, so ist damit doch noch nicht gesagt, dass alle einseitigen Leute auch Christen und rechte Menschen seien. 
                    Und wenn ich vorhin den Pfarrer <persName ref="kbga-actors-9037">Ackermann</persName> und den Nationalrat <persName ref="kbga-actors-729">Pflüger</persName> gerühmt habe als erfreuliche Erscheinungen gegenüber dem, was man gewöhnlich bei uns wahrnimmt, so muss ich nun doch sofort hinzufügen, dass ihre Einseitigkeit von derjenigen, die Jesus verlangt hat, noch etwas sehr Verschiedenes ist. Wir wollen darauf achten, dass Jesus sagt: 
                    wenn dich <hi rend="italic">dein</hi> rechtes Auge zur <term ref="kbga-terms-64">Sünde</term> veranlasst, so reiße es aus! Unter denen, die einseitig sind, die eine eigene <term ref="kbga-terms-1539">Überzeugung</term> haben und danach Ja und Nein zu sagen wissen, wenn es darauf ankommt, sind nämlich Viele, die eine auffallende Neigung zeigen, weniger sich selbst als ihren <term ref="kbga-terms-800">Mitmenschen</term> die Augen auszureißen. 
                    Sie wissen sehr kräftig, die Sache <term ref="kbga-terms-829">des Guten</term> zu vertreten, und sehr energisch zu verlangen, dies müsse fallen und jenes anders werden. Aber ihr Zeigefinger zeigt dabei doch vor Allem auf Dinge, die sie bei Andern wahrnehmen. Das wäre nun an sich nichts Unrechtes, das haben auch die <term ref="kbga-terms-426">Propheten</term> des <term ref="kbga-terms-568">alten Testamentes</term>, das hat auch Jesus selbst getan. Das ist immer wieder nötig, dass wir einander gegenseitig zurechtweisen. 
                    Das gehört sogar zu der christlichen Einseitigkeit notwendig hinzu, dass man einander im Notfall ganz gehörig die Meinung sage! Aber gerade bei den Propheten <term ref="kbga-terms-427">Israels</term> können wir sehen, wie das zugehen muss. Die haben vor Allem sich selbst gebeugt unter die <term ref="kbga-terms-810">Majestät Gottes</term>, sich selbst unter sein strafendes <term ref="kbga-terms-50">Wort</term> gestellt, die sind zuerst gegen sich selbst rücksichtslos gewesen. Denn sie waren jedesmal die Ersten, die litten unter dem <term ref="kbga-terms-388">Strafgericht Gottes</term> über das Volk, 
                    dem sie angehörten, und aus dieser eigenen Erfahrung und Erprobung heraus konnten sie dann den Andern rücksichtslos <pb xml:id="p285" ed="pga"/> und einseitig sagen: es ist nicht Recht. Und so muss unsre <term ref="kbga-terms-1720">christliche Einseitigkeit</term>, wenn sie christlich sein will, immer erstens, zweitens und drittens Rücksichtslosigkeit gegen uns selbst sein. Nur daran, dass die Schärfe unsres Urteils zuerst uns selbst getroffen hat, 
                    können wir erkennen, dass sie etwas wert ist, wenn sie sich dann auch gegen Andre richtet. Die unentwegte Scheidung der Sache Gottes von den Sachen, die nicht zu ihm passen, muss innen anfangen, wenn sie gut sein  soll. Und so fängt die stramme, bewusste Einseitigkeit und Ausschließlichkeit, die die <term ref="kbga-terms-378">Welt</term> und die unser Volksleben insbesondere nötig hat, immer an mit gewissen sehr einfachen, inwendigen, persönlichen Dingen. |</p>
                    <p>Rechte <term ref="kbga-terms-1713">einseitige Menschen</term> sind solche, die über ihre <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-1721">Stimmungen</term></hi> und Launen Meister sind. Viele kommen nie dazu, etwas Klares, 
                    Unzweideutiges, Abgeschlossenes zu sein, einfach darum, weil sie in ihrem Innern beständig auch gewisse dunkle <term ref="kbga-terms-1435">Gefühlsmächte</term> regieren lassen neben der Macht <term ref="kbga-terms-829">des Guten</term>. Sie haben zum Beispiel irgend eine Abneigung gegen Jemand, oder es kommt ihnen vor, dass sie zeitweilig wie gebannt sind durch eine unbegreifliche Ärgerlichkeit, durch eine ganz unbegründete Betrübnis. 
                    Wir wissen Alle, dass wir solche Launen oft förmlich lieb haben, dass wir sie aufpäppeln und pflegen, wie wenn sie unsre liebsten Kinder wären, dass wir höchst ungern von ihnen lassen. Sie werden uns zum «rechten Auge», zu etwas Selbstverständlichem, oft ohne [dass] wir es merken. Und dann merken wir es oft auch lange nicht, dass sie uns Anlass zur <term ref="kbga-terms-64">Sünde</term> werden, dass wir aus Laune Unrecht tun, 
                    dass wir durch unsre Stimmungen uns und Andre in die Irre führen. Und wenn wir sie nun gewähren lassen, dann werden wir sofort zu jenen unklaren, schwankenden Menschen, die bald so und bald so sind; man wird es uns dann gleich anspüren, dass wir immer auch anders können. Und dann heißt es: reiß dein rechtes Auge heraus und wirf es von dir. 
                    Lass sie fahren, deinen lieben Ärger oder deine liebe Traurigkeit, mit der du kokettierst wie eine eitle Person vor dem Spiegel! Sie passen nicht zum Himmelreich, und solange sie da sind,  und wären sie nur ein kleiner Teil deines Wesens, ist das Ganze bedroht. Du könntest eine Wassersuppe werden! |</p>
                    <p>Es gibt aber auch <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-1683">Gewohnheiten</term></hi>, die uns zum unentbehrlichen rechten Auge geworden sind. Zum Beispiel das Rauchen oder von <pb xml:id="p286" ed="pga"/> Zeit zu Zeit ein Schoppen oder gewisse Bequemlichkeiten, die man sich verschafft. Das können ganz harmlose Gewohnheiten sein. 
                    Und doch können sie uns Anlass zur <term ref="kbga-terms-64">Sünde</term> werden, sie können uns in Konflikt mit Gott bringen, und zwar geschieht das in diesem Fall wahrscheinlich schon dadurch, dass sie uns unentbehrlich werden oder zu werden scheinen. Wenn wir von solchen Dingen sagen: 
                    ich kann nicht sein ohne das! dann ist sicher etwas nicht [in] Ordnung; dann ist sicher nur schon deshalb der Moment gekommen, ans Ausreißen und Wegwerfen zu denken. Ich erinnere nur an die schon oft beobachtete Tatsache, dass Mancher gerade durch den Grundsatz: von Zeit zu Zeit ein Schoppen! zur faden, <term ref="kbga-terms-1521">charakterlosen</term> Wassersuppe geworden ist. Der <term ref="kbga-terms-1520">Alkohol</term> erzieht wie kaum etwas Anderes die Menschen zu jenem Einerseits-Andererseits!, zu jener <term ref="kbga-terms-1722">Gemütlichkeit</term>, 
                    die immer Fünfe gerade sein lässt,<note xml:id="n09">
                            <p> «Fünfe gerade sein lassen» steht redensartlich für: «etwas nicht so genau nehmen»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-826">Röhrich II, S. 487</bibl>.</p>
                        </note> zu jener Angst, man könnte es mit dem <term ref="kbga-terms-829">Guten</term> übertreiben. Es hat darum seinen guten Grund, 
                    wenn ich am Anfang sagte, dass gerade in der Wirtschaft am Meisten über die <term ref="kbga-terms-1713">Einseitigen</term> geklagt oder geschimpft werde. Gewohnheiten, über die wir nicht Herr sind, die wir nicht auch fahren lassen könnten, haben es immer an sich, uns vielseitig, das heißt aber, 
                    innerlich kraftlos, überzeugungslos zu machen. Wir werden nie rückhaltlos dem Guten Recht geben können, wenn wir daneben immer noch Rücksicht nehmen müssen auf irgend eine solche Notwendigkeit. – |</p>
                    <p>Es gibt aber neben diesen äußern Gewohnheiten auch <hi rend="italic">Gewohnheiten des <term ref="kbga-terms-1501">Denkens</term></hi>, festgesessene, hartgesottene Meinungen, die einmal über uns gekommen sind und die wir dann hüten wie unsern Augapfel. 
                    Auch das ist zunächst etwas Harmloses – warum sollten wir nicht unsre Meinungen haben? Aber die Sache wird misslich, wenn uns andre Meinungen begegnen, denen wir vielleicht heimlich gern recht geben würden, wenn wir’s nicht eben anders gewohnt wären. Ja, da muss dann eben das rechte Auge heraus, so lieb es uns sein mag. 
                    In Sachen der Wahrheit kann nur die <term ref="kbga-terms-340">Wahrheit</term> gelten und nicht die <term ref="kbga-terms-1683">Gewohnheit</term>. Als <persName ref="kbga-actors-6522">Christoph Kolumbus</persName> auszog, um dann <placeName ref="kbga-places-2">Amerika</placeName> zu entdecken, da warnten ihn alle klugen Männer seiner Zeit vor der Vermessenheit, über die abschüssige Erdkugel hinunterzufahren, um <pb xml:id="p287" ed="pga"/> dann, unten angelangt, 
                    ins Bodenlose hinauszufallen. Das war eine Gewohnheit des Denkens, eine Meinung von dazumal. Kolumbus hat sie zerbrochen: es wäre für ihn eine <term ref="kbga-terms-64">Sünde</term> gewesen, der Wahrheit nicht zu gehorchen, weil sie neu war. Er hat ihr gehorcht und hat gesiegt. Aber das ging nicht ohne eine gegen alle Bedenken rücksichtslose Tat. – |</p>
                    <p>Ganz besonders wichtig und schwierig wird aber die Übung der rechten <term ref="kbga-terms-1713">Einseitigkeit</term> in unsrem Verhältnis zu <hi rend="italic">andern Menschen</hi>. 
                    Auch sie bilden ja gewissermaßen ein Stück unsres <term ref="kbga-terms-1431">innern Lebens</term>, und wenn wir innerlich klar und entschieden werden möchten, dann ist die Frage vielleicht die größte und letzte: wie verhalte ich mich zu den Andern? Wie kann ich ihr Freund sein? Wie kann ich mit ihnen auskommen? Und doch zugleich selbst etwas Rechtes sein. Ich glaube, die Meisten kommen nie zu einem großen, entschiedenen Leben, weil sie auf dem Weg dazu über ihre <term ref="kbga-terms-800">Mitmenschen</term> stolpern. Wir möchten doch <term ref="kbga-terms-1650">Ruhe</term> haben und den lieben <term ref="kbga-terms-589">Frieden</term>,
                    wir möchten Niemand vor den Kopf stoßen. Und um nur das nicht zu tun, lassen wir unsre eigentliche Meinung nicht zu laut hören oder wir hüten uns sogar, uns eine zu bilden. Es könnte gefährlich sein, es könnte Streit geben! Vielleicht, dass wir sogar einen guten Freund haben, der nun einmal andre Ansichten und <term ref="kbga-terms-1683">Gewohnheiten</term> hat. 
                    Was würde es für einen Skandal geben, wenn wir herausrufen würden mit dem, was wir im Stillen als das Rechte erkannt haben. Oder wir sind in einer Gesellschaft und wir spüren es, wie der allgemeine Ton und Geist nicht stimmen will zu dem Ton und Geist, den uns unser <term ref="kbga-terms-596">Gewissen</term> eingibt. 
                    Aber was für eine Störung, wenn wir nun durch Wort und Tat zeigen würden, dass wir eigentlich etwas ganz Andres wollen. Und so fügen wir uns und machen mit, um nicht Unannehmlichkeiten zu verursachen. Man kann ja daneben immer noch seine eigene Meinung haben. Ja, daneben! Eben immer daneben, nur nicht da, wo es darauf ankäme. 
                    Seht, so sind schon so Vielen, gewiss auch unter uns, die Andern zum Ärgernis, zum Anlass der <term ref="kbga-terms-64">Sünde</term> geworden, sie haben geschwiegen, zugestimmt, mitgemacht aus Rücksicht, trotzdem ihr Gewissen und [ihre] <term ref="kbga-terms-1539">Überzeugung</term> <hi rend="italic">nicht</hi> zustimmte. 
                    Die wollten sie dann so daneben, auch noch, haben und zufrieden stellen. Meine Freunde, wenn wir das merken, dass wir im Verkehr mit unsren Freunden und Bekannten unser Bestes nur noch daneben pflegen können, wenn wir das Bedürfnis <pb xml:id="p288" ed="pga"/> verspüren, die <term ref="kbga-terms-340">Wahrheit</term> zurückzuhalten, 
                    dann muss uns das gerade das Zeichen sein, deutlich zu werden und den lieben Frieden zu stören. Dann müssen wir ihnen zu verstehen geben: so wie du bist, kann ich mit dir nicht einig gehen. So wie du bist, kannst du nicht mein Freund sein. So wie ihr seid, kann ich nicht der Eurige sein. 
                    Das mag uns oft sehr unangenehm sein, aber das <term ref="kbga-terms-337">Recht</term> und die <term ref="kbga-terms-340">Wahrheit</term> sind wichtiger als der <term ref="kbga-terms-589">Frieden</term> und die <term ref="kbga-terms-1650">Ruhe</term>. Wenn dich dein rechtes Auge zur <term ref="kbga-terms-64">Sünde</term> veranlasst, so reiß es aus! Wenn du in einem guten <term ref="kbga-terms-800">Verhältnis zu Andren</term> nicht selbst gut bleiben kannst, dann muss es eben aufhören. Dann musst du einen Schnitt machen durch das Tischtuch: 
                    Hier seid ihr und hier bin ich! Das ist keine <term ref="kbga-terms-1723">Lieblosigkeit</term>, im Gegenteil, das ist der erste Schritt, dir selbst <hi rend="italic">und</hi> ihnen aus dem Sumpf herauszuhelfen. <hi rend="italic">Du</hi> hast es nötig, aber <hi rend="italic">sie</hi> noch viel mehr, dass du ihnen deutlich sagst: Ich mache es anders als ihr.</p>
                    <p>Ein Opfer, ein Verzichten wird es immer sein, wenn wir etwas fahren lassen, weil wir sehen: es geht nicht mehr mit dem Besten zusammen, das ich kenne. Aber wenn wir es einmal geopfert haben, dann machen wir regelmäßig die Erfahrung, dass wir nicht verloren, sondern gewonnen haben. Wir sind dann aus halben Menschen ganze geworden.</p>
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                <div type="closer">
                    <salute>Amen.</salute>
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