14. Juli 1912

Predigt: Matthäus 5,33-37

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Matthäus 5,33–37
Ihr habt weiter gehört, dass zu den Alten gesagt ist: Du sollst nicht falsch schwören und sollst Gott deinen Eid halten. Ich aber sage euch: dass ihr überhaupt nicht schwören sollt, weder bei dem Himmel, denn er ist Gottes Stuhl, noch bei der Erde, denn sie ist seiner Füße Schemel, noch bei Jerusalem, denn sie ist des großen Königs Stadt. Auch sollst du nicht bei deinem Haupte schwören, denn du vermagst nicht, ein einziges Haar weiß oder schwarz zu machen. Eure Rede aber sei: Ja, wenn Ja, Nein, wenn Nein – was darüber ist, das ist von Übel.
Liebe Freunde!

Vom Schwören und Fluchen handeln diese Worte Jesu, von dem törichten und formelhaften Gebrauch des Namens Gottes zur Bekräftigung und Beteuerung irgendwelcher Menschenworte. Jesus erinnert seine Zuhörer an das Gebot des alten Testamentes: du sollst nicht falsch schwören! Aber dann fügt er wieder hinzu: Ich aber sage euch: ihr sollt überhaupt nicht schwören. Schwören war für ihn auf alle Fälle eine Entheiligung Gottes, auch dann, wenn der Inhalt des Eides lautere Wahrheit war, und auch dann, wenn der betreffende Mensch nicht direkt den Namen Gottes anrief, sondern, wie es damals Mode war, etwa den Himmel oder die Erde oder sein eigenes Haupt oder die heilige Stadt Jerusalem. Denn Jesus erkannte in solchen Beteuerungen sehr wohl die verhüllte Anrufung Gottes, wie sie ja auch in den heutzutage gebräuchlichen Flüchen und Kraftworten tatsächlich immer enthalten ist. Das wollte er gerade nicht, dass die Menschen offen oder versteckt den Höchsten so brauchten, um ihren kleinen Meinungen und Behauptungen untereinander mehr Nachdruck zu geben, wie man etwa ein Lineal braucht, um dies oder jenes Wort durch Unterstreichen hervorzuheben. Und darum hat Jesus nicht nur den falschen Eid, sondern den Eid überhaupt und alles Beteuern und Bekräftigen für einen groben Unfug erklärt und für seine Jünger abgeschafft. Wenn wir Ja sagen wollen, dann sollen wir eben Ja sagen, und wenn Nein, dann Nein; was darüber ist, was wir zum einfachen Wort hinzutun, um es stärker zu machen, das ist von Übel.

290 Aber wir würden die Worte Jesu doch oberflächlich verstehen, wenn wir heute nur von dem reden wollten, was man so gewöhnlich Schwören und Fluchen nennt. Eure Rede sei Ja, wenn Ja, Nein, wenn Nein! Damit ist ein Gebot und Verbot aufgestellt über unser Reden überhaupt. Es soll natürlich sein und darum einfach. Wenn wir einander etwas zu sagen haben, dann kann das nicht schlicht genug geschehen. Wir sollen, ist die Meinung Jesu, eine gewaltige Scheu haben vor allen schönen und großen Worten, denn wenn wir sie brauchen, um unsre Gedanken vor den Leuten zu unterstützen und zu verzieren, dann ist das zu gleicher Zeit eine Verletzung und Herabwürdigung des Großen und Schönen, das wir so herbeiziehen, um uns zu helfen, und ein Zeichen und Anlass des Verdachtes gegen die Ernsthaftigkeit und Wahrheit unsrer eigenen Gedanken, denen wir damit helfen wollen. Wenn wir Gott und göttliche Dinge hineingießen in unser Reden von unsern Angelegenheiten, dann ist das ein Zeichen mangelnder Ehrfurcht und mangelnden Gehorsams gegen Gott, denn Gott darf in unserem Reden so wenig wie in unserm ganzen Leben auch noch so da sein neben vielem Andern als etwas, was man gelegentlich zu seinem Vorteil brauchen kann. Sondern göttlicher Art, erfüllt von göttlichem Ernst und göttlicher Wahrheit, muss unser Reden selbst sein ohne große Worte, göttlich muss unser einfaches Ja oder Nein sein. Ohne Verzierungen und Unterstützungen soll unser Wort Hoheit, Kraft und Nachdruck haben. Denn nur in solch unverzierten und ungestützten Menschenworten, die in sich selbst göttlich sind, kommt Gottes Ehre rein und vollständig zu ihrem Rechte. So hat Jesus Natürlichkeit von uns gefordert, weil er Ehrfurcht und Gehorsam vor seinem Vater von uns gefordert hat – Natürlichkeit in unserm Reden und darum auch in unsern Gedanken, aus denen die Worte hervorgehen. – |

Um dieses Gebot und Verbot zu verstehen, wollen wir uns vor Allem aufrichtig selbst fragen, woher es kommt, wenn wir große und schöne Worte brauchen. Nur aus Liebe und Vertrauen zur Wahrheit einmal sicher nicht. Es gibt Leute, die die Manier haben, in ihren Briefen fast jedes dritte Wort zu unterstreichen. Wer ein wenig seelenkundig ist, der wird das für ein bedenkliches Zeichen halten. Wer so schreibt, der ist offenbar im tiefsten Innern seiner Sache nicht so ganz sicher, und nun spricht er sich selber Mut zu mit kräftigen Tinten|291strichen unter seinen Worten, hier eins, dort eins, einmal, zweimal, dreimal. Und beim Reden ist’s gerade so: wenn man armsdicke Worte hört, dann darf man mit großer Sicherheit auf spindeldürre Gedanken schließen. Es sind nie die guten Stunden unsres Lebens, in denen wir das Bedürfnis verspüren, in mächtig tönenden Sprüchen und Redensarten uns Luft zu machen wie der Pfau sein Rad schlägt. |

Wir können zwei Gründe haben zu solchem Tun. Entweder wir haben Anlass, die einfache Wahrheit, das Ja oder Nein, das wir eigentlich sagen sollten, unschön und unerfreulich zu finden. Und darum decken wir sie zu mit einem Schwall an gefälligen Worten, einleuchtenden Gründen und imponierenden Kraftausdrücken. Wir bringen es fertig, richtig unser Ja oder Nein zu sagen. Aber man muss schon ganz feine Ohren haben, um es zu vernehmen, denn wir haben es zu sorgfältig und umständlich umgeben und bekränzt mit allerlei schönen Dingen, damit es keinen Schaden anrichten könne, damit es uns nicht in Ungelegenheiten bringe, damit man uns nicht dafür nehmen könne. Ja, Schaden bringt ein solches mit schönen Worten umgebenes und bekränztes Ja oder Nein dann nicht hervor, aber für gewöhnlich auch keine Wirkung. Zur Wahrheit gehört die Klarheit, und wenn die fehlt, dann könnte unser Ja oft gerade so gut Nein heißen und umgekehrt. Die Leute stehen dann da bei unsern Worten und müssen sich fragen: Wie war’s jetzt doch? Ja oder Nein? Gehauen oder gestochen?1 Gepfiffen oder getanzt? Was war die Meinung, das, was gesagt wurde, oder das, was mehr oder weniger durchsichtig dahinter zu merken war? Und wenn die Leute uns das anmerken, dass wir nicht klar sein wollen, sondern schöne Worte machen, um irgend etwas Unangenehmes oder Zweifelhaftes zu verleugnen, dann richten unsre Worte schon gar nichts aus – ja, im Gegenteil: die Menschen sind misstrauisch. Sie hören nicht die schönen Worte und Gerede selber, sondern sie merken nur, dass man etwas damit verstecken oder verschönern oder stützen will, und denken: es wird nicht viel damit sein. |292 Ich glaube, wir haben Alle schon der Wahrheit geschadet dadurch, dass wir sie für unangenehm und gefährlich hielten und darum nicht offen, sondern mit allerlei Flausen und Schwüngchen damit hervorrückten. Man kann die Beobachtung machen, dass gerade Leute, die für gewöhnlich nicht viel reden, also zum Beispiel unsre Freunde aus dem Bauernstand, die viel allein arbeiten und Zeit haben zum Sinnen und Studieren, besonders leicht dieser Gefahr verfallen, die einfache Wahrheit mit schönen, umsichtigen Worten zuzudecken, damit sie nicht stechen könne. Sie legen ihre Worte auf die Goldwaage, wie man sagt, das heißt, sie behalten ihre innersten Gedanken für sich und sagen dafür irgend etwas Kluges und Kräftiges, irgend eine biedere Wahrheit, die man so oder so auffassen, aus der man so gut ein Ja wie ein Nein heraushören kann, so dass sie nach keiner Seite gebunden sind. Das mag Manchem als große Weisheit erscheinen, aber es ist Tatsache, dass dieses Verstecken des einfachen Ja oder Nein schon unendlich viel Gutes verhindert und andrerseits unendlich viel Gift gesät hat. |

Aber es gibt noch einen andern Grund, armsdicke, große Worte zu reden, statt ein einfaches Ja oder Nein. Ich habe vorhin den Pfau genannt, der sein Rad schlägt. Das macht er nicht, weil er etwas zu verstecken hat, sondern weil er Vergnügen hat an sich selbst, an seinem schönen farbigen Schwanz, und weil er denkt, damit Eindruck zu machen. Solche Pfauen sind auch Viele von denen, die gern große, schöne Worte machen. Sie haben durchaus nicht das Bewusstsein, unehrlich zu sein, sondern es macht ihnen eben Freude, ein paar Federn zu zeigen und die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Mancher gewohnheitsmäßige Flucher zum Beispiel führt den Himmel, die Sterne und den Donner nur darum beständig im Mund, weil er das Bedürfnis verspürt nach einer gewissen Kraftentfaltung. Und wer spürte sich nicht kräftig im Moment, wo ihm ein gehöriges Donnerwetter über die Lippen geht? Da muss doch Alles gucken, was das für ein Starker sei, der so gewaltig reden kann. Aber es ist durchaus nicht nur beim Fluchen so. Starke Worte, hohe Sprüche erhöhen den Wert und das Gewicht unsrer Person, denken wir. Es ist gerade, wie man es an manchen Orten bei den Wirtschaften beobachten kann, die einen förmlichen Wettlauf miteinander haben um den schönsten und verheißungsvollsten Namen. In alten Zeiten waren’s allerlei edle Tiere, |293 die dafür herhalten mussten, vom zahmen «Rössli» bis zum gewaltigen «Löwen», und selbst die «Sonne» und die «Sternen» blieben nicht verschont. In neuerer Zeit aber heißt’s Restaurant «Eintracht» und «Freiheit» und Cafe «Fortschritt» und «Unabhängigkeit». Ich sage: solche Wirtsschilder hängen wir heraus, wenn wir miteinander reden. Wir glänzen mit hohen Worten, nicht aus besonderer Schlauheit, sondern weil wir Freude daran haben, weil wir uns bei den hohen Worten selber hoch vorkommen und schließlich daran glauben, dass wir es seien. Es freut uns, wenn die Andern zuhören und sagen: Hört, hört, der kann’s! Und je mehr sie zuhören, umso mehr freuen wir uns und umso mehr Schnörkel und Stelzen brauchen wir, um unser Ja oder Nein vorzubringen. Man könnte nun diese zweite Art, schöne Worte zu brauchen, ein formloses Spiel nennen, gerade wie man die erste Art, das absichtliche Verstecken der Wahrheit, lebenserfahrene Klugheit nennen kann. Aber es ist eine kuriose Sache mit diesem Spiel. Ist’s wirklich immer nur ein kindliches Vergnügen, wenn wir mit schönen Worten umgehen? Ich meine, wir wissen recht gut, dass man mit schönen Worten eben auch vorwärts kommt in der Welt. Mit Worten lässt sich trefflich streiten!, hat schon Goethe gesagt.2 Mit großen Worten kann man sich Gehör verschaffen und Freunde erwerben und Freinde damit zu Boden schmettern. Große Worte sind wie das Gas im Ballon, sie treiben uns aufwärts in dieser Welt, wenn wir sie zur rechten Zeit zu brauchen wissen. Ist’s dann nun so ganz harmlos, wenn wir sie in diesem Gedanken brauchen? Ich meine, dass das Vergnügen am schönen Reden im tiefsten Grund einfach auf einen Betrug hinausläuft: an den Andern und an uns selbst. An den Andern, denn vor ihnen schmücken wir uns mit Federn, die uns nicht gehören – darin haben wir es eben anders als der Pfau –, und indem wir uns Vorteile verschaffen, benachteiligen wir die, die es nicht so gut können, indem wir Erwartungen in ihnen wecken, bieten wir ihnen Steine statt Brot [vgl. Mt. 7,9], indem wir sie nötigen, auf uns zu hören und uns zu folgen, wird der Bock zum Gärtner gemacht.3 Betrug an uns selbst: denn |294 wenn wir auf den Stelzen schöner Worte durch die Welt laufen, glauben wir schließlich selber, wir seien so schön und gut wie unsre Worte, und versäumen darüber, es zu werden. Schöne Worte gleichen der Wirkung des Alkohols: zuerst gehen sie einem angenehm und erfrischend durch die Kehle und sind harmlos. Dann machen sie, dass wir aufgeregt und laut oder leise übermütig werden. Und schließlich versetzen sie uns in einen zufriedenen Schlummer, dem einmal ein sehr unerfreuliches Erwachen folgen muss. Aus allen diesen Gründen hat Jesus die Abstinenz empfohlen, ich meine jetzt die Abstinenz von allem schönen Reden. Sagt ihr Ja oder Nein, wie es der Wahrheit entspricht, rät er uns, das ist schon genug! Versteckt die Wahrheit nicht hinter Redensarten und macht keine Redensarten, statt die Wahrheit zu reden! Sondern gebt Gott die Ehre und seid darum um Gottes willen endlich einmal einfach und natürlich!

Einige Beispiele sollen uns deutlich machen, wie wir diese Forderung in unserm Leben anwenden müssten. Ich denke da vor Allem daran, dass wir aus sogenannter Höflichkeit einander lange nicht genug und nicht deutlich genug sagen, was wir voneinander halten. Wir leben nebeneinander, wir ziehen uns den Hut ab, wir titulieren uns: Hochgeehrter Herr! wir behandeln uns, wie wenn wir von Zucker wären, und doch wissen wir durchaus nicht, wie wir miteinander dran sind. Wir Menschen könnten auf einem so viel herzlicheren Fuß zusammen stehen, so viel unnützes Studieren, Gezänk und Gewäsch würde überflüssig, wenn wir es uns zur Pflicht machen wollten, jedesmal wenn wir unsrer Sache sicher sind, nicht mehr aus Höflichkeit zu schweigen oder etwas Niedliches zu sagen, sondern grob und bestimmt ein Ja oder Nein von uns zu geben. Ich habe früher gemeint, die Leute auf dem Land seien in dieser Beziehung besser als die in der Stadt, weil ich meinte, es sei Ernst mit dem schönen Emmenthalerlied:

Da gits nüt von Complimänte

Alle seit me numme «Du».4

295 Aber ich habe seitdem gemerkt, dass man auf dem Land eher noch weniger einander die einfache Wahrheit sagt als in der Stadt, dass man auch da auf seine Weise Complimänte macht untereinander und nur hintenherum sagt, was man eigentlich denkt. Ich habe darum schon manchmal geseufzt nach der schonungslosen Ehrlichkeit, mit der wir als Studenten einander behandelten, wo es wirklich selbstverständlich war, dass man sich ohne Rückhalt und schöne Worte sagte, was man dachte. Man atmet so viel freier, wenn man von einem Andern weiß: er hat mir jetzt Alles, aber auch wirklich Alles gesagt, was er gegen mich auf dem Herzen hat, als wenn man immer wieder hinter freundlichen Worten eine zurückgehaltene Kritik erst suchen muss. Ich wollte, es gelänge mir einmal, unserm Gemeinde- und Vereins- und Familienleben etwas von diesem freien, geraden Studentengeist einzuflößen, so dass es nicht mehr etwas Erstaunliches oder Entsetzliches, sondern etwas Selbstverständliches wäre, wenn man offen miteinander ist. Ich möchte euch ganz besonders bitten, auch eurem Pfarrer öfters, als es geschieht, ein deutliches, unverschnörkeltes Ja oder Nein zu Gute kommen zu lassen, statt nur hintenherum zu murmeln oder mir immer vorsichtig zuzustimmen. Ich bin jetzt ein Jahr lang hier, und da könntet ihr doch allmählich gemerkt haben, dass ich nicht so ein gefährlicher «Gstudierter» bin, mit dem man nicht reden kann. So tut es doch! Ich bin doch wahrhaftig dazu da, um mit euch zu reden, und nicht, um von euch angeschwiegen zu werden. Denn es gibt nicht nur ein Zuviel reden, sondern auch ein Zuwenig, das sich nicht mit dem einfachen, natürlichen Ja oder Nein verträgt und darum von Übel ist. – |

Aber nun etwas Anderes: Schönes Reden und schönes Schweigen, das ist ein Übel, an dem nicht nur der Privatverkehr leidet unter uns Menschen, sondern das ist eines der größten Übel unsres öffentlichen Lebens. Wir leiden darunter, dass wir zu große Freude haben an unsren Wirtshausschildern, nämlich an unsren schweizerischen patriotisch-politischen Schlagwörtern und an dem Fahnenschwingen und Blechmusizieren, das damit zusammenhängt. Wir schwören nicht bei der heiligen Stadt Jerusalem, wie die alten Juden, aber wir tun uns immer wieder viel darauf zu Gute, die Enkel Tells und Winkelrieds5 |296 zu sein, wir rühmen uns unsrer politischen Freiheiten und sind stolz auf unsre fortschrittlichen Einrichtungen. Wer wollte es uns verargen, wenn uns an den Stätten historischer Erinnerungen oder an den Tagen großer eidgenössischer Feste, wie sie diese Woche wieder an zwei Orten unsres Vaterlandes stattgefunden,6 das Herz und dann auch der Mund aufgeht zu Worten der Freude und der Dankbarkeit? Aber das sollten wir uns in solchen Momenten sagen, dass alles Hochgefühl, das uns da über die Lippen strömen mag, doch noch nicht etwas Reelles ist, sondern erst zu jenem behaglichen, aber gefährlichen Vergnügen an uns selbst gehört. Behaglich gewiss, denn es ist eine Freude, sich in Vaterlandes Saus und Brausen als ein strammer Schweizer zu fühlen, – aber auch gefährlich, denn wir übersehen dabei leicht, dass es noch darauf ankommt, ob Tell und Winkelried nicht etwas missratene Enkel haben, dass es die Frage ist, ob wir unsre politischen Freiheiten auch würdig zu brauchen wissen – wenn ich an gewisse Gemeindeversammlungen hier denke, scheint mir das sehr fraglich – und dass es eine Tatsache ist, dass die Schweiz heute in manchen fortschrittlichen Einrichtungen von andern Ländern, zum Beispiel von Deutschland, ja sogar von Bulgarien, übertroffen ist. Damit, dass wir unter Paukenschlag und Kling und Klang unser Schild mit dem weißen Kreuz im roten Feld heraushängen, damit ist für das Vaterland noch nichts getan, ja es kann dem Vaterland direkt verderblich werden, wenn wir darüber versäumen, Schritt für Schritt dieses Vaterland bessern Zuständen entgegenführen, wenn wir am Werktag Sackpatrioten7 und |297 am Sonntag Hurrapatrioten sind. Wir sollten stiller und bescheidener werden, wir Schweizer; wir sollten etwas weniger von der Mutter Helvetia und ihren Söhnen,8 von den Ahnen und ihren Schlachten reden, etwas weniger patriotische Feste feiern und dafür etwas bewusster und überlegter ein patriotisches Ja oder Nein abgeben am rechten Ort. An alledem fehlt es uns.

Was man zum Beispiel diese Woche aus Baden gehört, ist ein sprechendes Beispiel dafür: In einem katholischen Blatt erschien ein Artikel, in dem am heutigen Turnerwesen ziemlich scharfe Kritik geübt wurde. Der Wert solcher Massenfeste wie das eben abgehaltene in Basel wurde in Zweifel gezogen und schließlich wurden darin Vorschläge gemacht für eine wertvollere Gestaltung des Turnens.9 Selbst|298verständlich kann man über diese Meinungen verschiedener Ansicht sein, aber sie waren jedenfalls in gutem Treuen ausgesprochen. Aber was geschah? Unser Lokalblatt druckte diesen Artikel ab mit der Überschrift «Worte eines Vaterlandslosen» und begleitete ihn mit entsprechenden Schmähreden, und in Baden hat eine 500köpfige Volksversammlung die betreffende Zeitung in Boykott erklärt.10 Also so weit sind wir glücklich! Wer es wagt, zu den üblichen Äußerungen unsres patriotischen Hochgefühls die Achseln zu zucken, der muss gewärtigen, ein Vaterlandsloser zu heißen. Ja, dann bin ich auch ein Vaterlandsloser, denn ich bin auch der Meinung, dass wir das Vaterland zu viel mit Worten und Fanfaren und zu wenig mit geräuschlosen Taten der Verbesserung ehren. Aber ich bin auch überzeugt, dass diese Vaterlandslosigkeit schließlich die bessere Vaterlandsliebe ist als die andre, der es das höchste Anliegen ist, von Zeit zu Zeit kräftig die Federn zu spreizen. – |

Und jetzt möchte ich noch ein drittes Gebiet nennen, wo wir lernen müssen, einfach und natürlich zu werden und die schönen Worte fahren zu lassen. Vielleicht, dass ich Einigen von euch damit weh tue, aber ich muss es doch sagen. Nicht nur die Höflichkeit und nicht nur der Patriotismus braucht die schönen Worte, die Komplimente und Redensarten über das einfache Ja und Nein hinaus, auf die wir nach Jesu Gebot verzichten müssen, sondern auch die Frömmigkeit. Warum haben auch so viele – nicht Alle! – von unsren eifrigsten und überzeugtesten Christen das Bedürfnis, bei jedem möglichen und unmöglichen Anlass in jener merkwürdigen Sprache zu reden, die aus Ausdrücken in der Bibel und des Gesangbuchs oder andrer erbaulicher Schriften zusammengesetzt ist, in der Sprache Kanaans, wie man das genannt hat?11 Ich kann es mir nicht erklären, ob das nun ein Schön|299reden ist von der Art, die etwas verstecken will unter einem Schwall von guten, heiligen Worten, oder von der Art, die das Rad schlagen will, um an sich selber Freude zu haben. Aber das weiß ich, dass ich immer nachdenklich und fast betrübt weggehe, wenn jemand in der Sprache Kanaans zu mir geredet hat, und das weiß ich, dass ich diese Sprache nicht reden kann, auch wenn es vielleicht Manche von mir erwarten, weil ich der Pfarrer bin. Denn ich habe zu deutlich die Gewissheit, dass auch die frommen Worte, wenn sie uns dazu dienen, das einfache Ja oder Nein zu umgehen oder zu verkleiden oder zu bekräftigen, zu dem Überflüssigen gehören, das nach dem Urteil Jesu von Übel ist. Wir haben die Bibel bestimmt nicht dazu, um sie im Munde zu führen, sondern um still in ihren Geist einzudringen und dann still danach zu leben. Und wenn wir das tun, dann werden wir eher das Bedürfnis haben, ganz nüchtern, natürlich und alltäglich miteinander zu reden. Das rechte fromme Reden besteht darin, dass wir von den göttlichen Dingen natürlich reden, wie es uns wirklich ums Herz ist, und nicht, wie wir es irgendwo gelesen oder gehört haben. |

Ich sage euch deshalb gern bei diesem Anlass, dass es mir im Konfirmandenunterricht immer eines der ersten und ernsthaftesten Anliegen ist, den Kindern das fromme, erbauliche Reden abzugewöhnen, das sie manchmal von zu Hause mitbringen und das für sie doch nichts weniger als schlichte Wahrheit ist. Vielleicht erschreckt euch das, wie es jeweilen die Kinder das erste Mal ziemlich erstaunt; aber sie haben mich noch immer verstanden und ich denke, dass ihr mich auch versteht, wenn ihr darüber nachdenkt. Was wir Alle lernen sollten, die Jungen und die Alten und der Herr Pfarrer damit, das ist: von den großen und größten Dingen des Lebens zu reden in der alltäglichen, |300 gewöhnlichen Sprache unsres übrigen Lebens. Natürlich reden, aber so ehrlich und so tief und so ernsthaft, dass man uns anmerkt – nicht an den Worten, sondern an ihrem Gehalt –, so kann nur ein Christ reden. Wenn wir das können, dann sind wir wirklich fromm – wenn wir es noch nicht können, wenn wir meinen, Gott noch in einer besondern Sprache Kanaans verehren zu müssen, dann ist das ein Zeichen, dass wir noch nicht ganz fromm sind, dass Gott noch nicht über unser ganzes Leben herrscht, sondern erst über das Land Kanaan in unsrer Seele. Denn unsre Sprache ist immer der Spiegel unsrer Seele.

Seht, so kommen wir durch die verschiedensten Beobachtungen dazu, Jesus Recht zu geben in seinem Kampf gegen die überschüssigen schönen Worte. Sie sind wirklich von Übel, wo wir ihnen auch begegnen mögen. Sie sind immer eine Schwachheit oder eine Lüge. Sie sind mit der Ehrfurcht vor Gott nicht zu vereinigen. Denn Gott ist auf allen Lebensgebieten auf Seiten des Einfachen und nicht des Künstlichen. Wenn wir das verstanden haben, dann müssen wir jetzt versuchen, mit Jesu Gebot Ernst zu machen, jeder da, wo er es nötig hat. Dann heißt es abfahren mit dem Überflüssigen, mit dem, was über das kindliche, göttliche Ja oder Nein hinausgeht, und auch mit dem Schweigen, das sich damit ebenso wenig verträgt. Das wird uns Allen bitter und schwierig sein. Denn wenn wir uns einmal an schöne Worte gewöhnt haben, lassen wir sie ungern los. Und doch muss es sein. Wir haben da gleich ein Beispiel zu unserm letzten Text: Wenn dich dein Auge zur Sünde veranlasst, so reiß es aus und wirf es von dir! [Mt. 5,29] Wo und wie wir das tun müssen mit unsern schönen Worten, das müssen wir in der Einsamkeit mit unserm Gott ausmachen.

Amen.

Sachfußnoten

1
Ist etwas «weder gehauen noch gestochen», ist es etwas Unentschiedenes, nicht Ordentliches. Die alte Redensart bezieht sich auf die Fechtersprache und meint, eine Waffe sei so ungeschickt geführt, dass man nicht wissen könne, ob ein Hieb oder ein Stich ausgeführt werden solle; vgl. Röhrich II, S. 675 📖. Die Abwandlung Barths bedeutet also sinngemäß eine Wiederaufnahme der Frage: «Ja oder Nein?» ↩
2
J. W. von Goethe, Faust. Der Tragödie erster Teil, V. 1997 (Studierzimmer) 📖. ↩
3
Redensart, die besagt, dass jemand mit einer Aufgabe betraut wird, der dafür besonders ungeeignet ist, der mehr schadet als er nutzt; vgl. Röhrich I, S. 226f 📖. ↩
4
Beginn von Strophe 2 des Emmentaler Volkslieds: «Niene geit’s so schön u lustig» (Allgemeiner Liederschatz. Vollständiges Taschenliederbuch. Reichhaltige und ausgewählte Sammlung der beliebtesten und schönsten Volkslieder, Basel 1888, S. 140f., dort S. 140 📖):
Da ist nüt vo Kumplimente,
allem seit me nume «Du»,
syg’s e Milchbueb mit der Bränte
oder trag er Rathsherrschuh.
↩
5
Wilhelm Tell, legendäre Symbolfigur für den Schweizer Freiheitskampf, deren Wirken auf das Jahr 1307 datiert wird; Friedrich Schillers gleichnamiges Drama (1804) prägt das Bild Tells bis heute (vgl. Fr. de Capitani, Art. «Wilhelm Tell» [https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/017475/2013-12-17; zuletzt aufgerufen am 26.10.2021] 📖). Arnold Winkelried, mythische Figur aus der Schlacht von Sempach (9. Juli 1386), wo er den Sieg der Innerschweizer gegen das habsburgische Reiterheer maßgeblich ermöglicht haben soll (vgl. H. R. Kurz, Schweizerschlachten, Bern 1962, S. 29–38 📖). ↩
6
Vom 5. bis 9. Juli 1912 fand in Basel das 56. Eidgenössische Turnfest statt, bei dem die «etwa 15 000» teilnehmenden Turner «aus dem In- und dem Ausland […] eine wohl vorbereitete Feststadt» vorfanden (Basler Chronik, 5. Juli 1912 [https://www.baslerstadtbuch.ch/chronik/1912/07/05; zuletzt aufgerufen am 26.10.2021] 📖); am 11. Juli fand auf dem Platz und im Zelt dieses Turnfestes ein «grosses allgemeines Jugendfest» statt, «das Tausende von Kindern, zum Teil in reizenden Kostümen», feierten (Basler Chronik, 11. Juli 1912 [https://www.baslerstadtbuch.ch/chronik/1912/07/11; zuletzt aufgerufen am 26.10.2021]). ↩
7
Ein Sackpatriot ist laut Schweizerisches Idiotikon IV, Sp. 1807 📖, ein «Vaterlandsfreund aus selbstsüchtigen Absichten». ↩
8
Vgl. die erste Strophe des bis 1961 in der Schweiz bei offiziellen Anlässen anstelle einer bis dahin nicht vorhandenen Nationalhymne gespielten Liedes «Rufst Du mein Vaterland» von J. R. Wyss (Melodie: «God save the King» bzw. «God save the Queen») 🎵:
Rufst du, mein Vaterland
Sieh uns mit Herz und Hand,
All dir geweiht
Heil dir, Helvetia!
Hast noch der Söhne ja,
Wie sie Sankt Jakob sah,
Freudvoll zum Streit!
↩
9
Gemeint ist: N. N. [wohl J. B. Rusch], Sport, in: Aargauer Volksblatt, Jg. 1, Nr. 158, 9.7.1912, S. 1 📖. In dem Artikel, dem in derselben Zeitung zuvor und danach eine Reihe berichtender und durchaus mit dem Sportfest sympathisierender Artikel vorangegangen waren und folgten, maß der Verfasser den Wert sowohl von Schützenvereinen und -festen als auch vom Turnen an ihrem Effekt für die Ertüchtigung zum Wehrdienst und stellte fest, dass ein solcher so gut wie nicht vorhanden sei, im Gegenteil: «Ähnlich beim Turnen. Die frechsten, undiszipliniertesten Soldaten entstammen durchwegs den Turnvereinen, ohne daß sie durch erhöhte Tüchtigkeit und Strapazenfestigkeit wenigstens einen Ersatz für das moralische Manko brächten. […] Der Vereinsturner kommt ins Militär mit dem Gefühle, er könne schon alles und das gibt dann die untraktabelsten Leute. […] Wir haben heute eine überschwängliche Schilderung gelesen vom Anblick einer Massenübung am eidgenössischen Turnfest in Basel. Das sei ein Bild der nationalen Kraft. Wir betrachten solche Riesenfeste mitsamt ihren Begleiterscheinungen als ein Bild nationaler Verirrung.» An Alternativvorschlägen nannte der Artikel: «Man übe frei Spiele, in denen der Körper bestimmte, selten angewendete Muskeln anstrengen muß, man härte die Jugend ab, übe sie im Rasch- und Dauerlauf und im Klettern, das sind vernünftige Vorbereitungen für den Militärdienst. Reck und Barren unserer Jugend seien Wald und Berg. Hinaus und hinein in die Natur.» ↩
10
Vgl. N. N. [wohl O. Wanner], Die Sprache eines Vaterlandslosen, in: Zofinger Tagblatt, 12.7.1912 📖. Im Artikel wird der Verfasser des in der vorangehenden Anmerkung genannten Artikels aus dem «Aargauer Volksblatt» scharf und polemisch kritisiert: er ziehe «den vaterländischen Gedanken in der schnodrigsten Weise in den Kot», weil er Feste wie das in Basel «als ein Bild nationaler Verirrung» betrachte; dem Verfasser, «diesem Buschklepper», sei «Rom und nicht die Schweiz sein Vaterland». – Auf der Protestkundgebung in Baden sprach ebenfalls Wanner als Hauptredner (vgl. N. N. [wohl J. B. Rusch], Richtigstellung u. Verwahrung, in: Aargauer Volksblatt, Jg. 1, Nr. 162, 13.7.1912, S. 1f. 📖). ↩
11
«Sprache Kanaans» bezieht sich auf Jes. 19,18; es wird häufig ironisch verwendet und meint eine spezifisch christlich geprägte oder mit einem biblisch-erbaulichen Vokabular versetzte Sprache, wie sie in fromm-kirchlichen oder pietistischen Kreisen benutzt wird. – Eine positive Deutung bietet Hermann Friedrich Kohlbrügge (1803–1875) in seiner am 5. Juni 1854, dem zweiten Pfingsttag, in der Niederländisch-reformierten Gemeinde Wuppertal-Elberfeld gehaltenen Predigt, in der er eingangs auf die «Sprache Kanaans» eingeht. Darin stellt er fest, dass das Volk Gottes seit jeher seine ganz eigene Sprache mitsamt einem ganz eigenen Vokabular hat. Es ist eine Sprache, so Kohlbrügge, «welche die Welt nicht versteht», die für uns aber «so traulich und gemütlich, so wohlklingend ist und so fröhlich macht» (H. Fr. Kohlbrügge, Festpredigten, Stuttgart 18952, S. 420–437, dort S. 420 📖). ↩