Predigt: Matthäus 5,33-37
Vom Schwören und Fluchen handeln diese Worte Jesu, von dem törichten und formelhaften Gebrauch des Namens Gottes zur Bekräftigung und Beteuerung irgendwelcher Menschenworte. Jesus erinnert seine Zuhörer an das Gebot des alten Testamentes: du sollst nicht falsch schwören! Aber dann fügt er wieder hinzu: Ich aber sage euch: ihr sollt überhaupt nicht schwören. Schwören war für ihn auf alle Fälle eine Entheiligung Gottes, auch dann, wenn der Inhalt des Eides lautere Wahrheit war, und auch dann, wenn der betreffende Mensch nicht direkt den Namen Gottes anrief, sondern, wie es damals Mode war, etwa den Himmel oder die Erde oder sein eigenes Haupt oder die heilige Stadt
290 Aber wir würden die Worte Jesu doch oberflächlich verstehen, wenn wir heute nur von dem reden wollten, was man so gewöhnlich Schwören und Fluchen nennt. Eure Rede sei Ja, wenn Ja, Nein, wenn Nein! Damit ist ein Gebot und Verbot aufgestellt über unser Reden überhaupt. Es soll natürlich sein und darum einfach. Wenn wir einander etwas zu sagen haben, dann kann das nicht schlicht genug geschehen. Wir sollen, ist die Meinung Jesu, eine gewaltige Scheu haben vor allen schönen und großen Worten, denn wenn wir sie brauchen, um unsre Gedanken vor den Leuten zu unterstützen und zu verzieren, dann ist das zu gleicher Zeit eine Verletzung und Herabwürdigung des Großen und Schönen, das wir so herbeiziehen, um uns zu helfen, und ein Zeichen und Anlass des Verdachtes gegen die Ernsthaftigkeit und Wahrheit unsrer eigenen Gedanken, denen wir damit helfen wollen. Wenn wir Gott und göttliche Dinge hineingießen in unser Reden von unsern Angelegenheiten, dann ist das ein Zeichen mangelnder Ehrfurcht und mangelnden Gehorsams gegen Gott, denn Gott darf in unserem Reden so wenig wie in unserm ganzen Leben auch noch so da sein neben vielem Andern als etwas, was man gelegentlich zu seinem Vorteil brauchen kann. Sondern göttlicher Art, erfüllt von göttlichem Ernst und göttlicher Wahrheit, muss unser Reden selbst sein ohne große Worte, göttlich muss unser einfaches Ja oder Nein sein. Ohne Verzierungen und Unterstützungen soll unser Wort Hoheit, Kraft und Nachdruck haben. Denn nur in solch unverzierten und ungestützten Menschenworten, die in sich selbst göttlich sind, kommt Gottes Ehre rein und vollständig zu ihrem Rechte. So hat Jesus Natürlichkeit von uns gefordert, weil er Ehrfurcht und Gehorsam vor seinem Vater von uns gefordert hat – Natürlichkeit in unserm Reden und darum auch in unsern Gedanken, aus denen die Worte hervorgehen. – |
Um dieses Gebot und Verbot zu verstehen, wollen wir uns vor Allem aufrichtig selbst fragen, woher es kommt, wenn wir große und schöne Worte brauchen. Nur aus Liebe und Vertrauen zur Wahrheit einmal sicher nicht. Es gibt Leute, die die Manier haben, in ihren Briefen fast jedes dritte Wort zu unterstreichen. Wer ein wenig seelenkundig ist, der wird das für ein bedenkliches Zeichen halten. Wer so schreibt, der ist offenbar im tiefsten Innern seiner Sache nicht so ganz sicher, und nun spricht er sich selber Mut zu mit kräftigen Tinten|291strichen unter seinen Worten, hier eins, dort eins, einmal, zweimal, dreimal. Und beim Reden ist’s gerade so: wenn man armsdicke Worte hört, dann darf man mit großer Sicherheit auf spindeldürre Gedanken schließen. Es sind nie die guten Stunden unsres Lebens, in denen wir das Bedürfnis verspüren, in mächtig tönenden Sprüchen und Redensarten uns Luft zu machen wie der Pfau sein Rad schlägt. |
Wir können zwei Gründe haben zu solchem Tun. Entweder wir haben Anlass, die einfache Wahrheit, das Ja oder Nein, das wir eigentlich sagen sollten, unschön und unerfreulich zu finden. Und darum decken wir sie zu mit einem Schwall an gefälligen Worten, einleuchtenden Gründen und imponierenden Kraftausdrücken. Wir bringen es fertig, richtig unser Ja oder Nein zu sagen. Aber man muss schon ganz feine Ohren haben, um es zu vernehmen, denn wir haben es zu sorgfältig und umständlich umgeben und bekränzt mit allerlei schönen Dingen, damit es keinen Schaden anrichten könne, damit es uns nicht in Ungelegenheiten bringe, damit man uns nicht dafür nehmen könne. Ja, Schaden bringt ein solches mit schönen Worten umgebenes und bekränztes Ja oder Nein dann nicht hervor, aber für gewöhnlich auch keine Wirkung. Zur Wahrheit gehört die Klarheit, und wenn die fehlt, dann könnte unser Ja oft gerade so gut Nein heißen und umgekehrt. Die Leute stehen dann da bei unsern Worten und müssen sich fragen: Wie war’s jetzt doch? Ja oder Nein? Gehauen oder gestochen?1 Gepfiffen oder getanzt? Was war die Meinung, das, was gesagt wurde, oder das, was mehr oder weniger durchsichtig dahinter zu merken war? Und wenn die Leute uns das anmerken, dass wir nicht klar sein wollen, sondern schöne Worte machen, um irgend etwas Unangenehmes oder Zweifelhaftes zu verleugnen, dann richten unsre Worte schon gar nichts aus – ja, im Gegenteil: die Menschen sind misstrauisch. Sie hören nicht die schönen Worte und Gerede selber, sondern sie merken nur, dass man etwas damit verstecken oder verschönern oder stützen will, und denken: es wird nicht viel damit sein. |292 Ich glaube, wir haben Alle schon der Wahrheit geschadet dadurch, dass wir sie für unangenehm und gefährlich hielten und darum nicht offen, sondern mit allerlei Flausen und Schwüngchen damit hervorrückten. Man kann die Beobachtung machen, dass gerade Leute, die für gewöhnlich nicht viel reden, also zum Beispiel unsre Freunde aus dem Bauernstand, die viel allein arbeiten und Zeit haben zum Sinnen und Studieren, besonders leicht dieser Gefahr verfallen, die einfache Wahrheit mit schönen, umsichtigen Worten zuzudecken, damit sie nicht stechen könne. Sie legen ihre Worte auf die Goldwaage, wie man sagt, das heißt, sie behalten ihre innersten Gedanken für sich und sagen dafür irgend etwas Kluges und Kräftiges, irgend eine biedere Wahrheit, die man so oder so auffassen, aus der man so gut ein Ja wie ein Nein heraushören kann, so dass sie nach keiner Seite gebunden sind. Das mag Manchem als große Weisheit erscheinen, aber es ist Tatsache, dass dieses Verstecken des einfachen Ja oder Nein schon unendlich viel Gutes verhindert und andrerseits unendlich viel Gift gesät hat. |
Aber es gibt noch einen andern Grund, armsdicke, große Worte zu reden, statt ein einfaches Ja oder Nein. Ich habe vorhin den Pfau genannt, der sein Rad schlägt. Das macht er nicht, weil er etwas zu verstecken hat, sondern weil er Vergnügen hat an sich selbst, an seinem schönen farbigen Schwanz, und weil er denkt, damit Eindruck zu machen. Solche Pfauen sind auch Viele von denen, die gern große, schöne Worte machen. Sie haben durchaus nicht das Bewusstsein, unehrlich zu sein, sondern es macht ihnen eben Freude, ein paar Federn zu zeigen und die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Mancher gewohnheitsmäßige Flucher zum Beispiel führt den Himmel, die Sterne und den Donner nur darum beständig im Mund, weil er das Bedürfnis verspürt nach einer gewissen Kraftentfaltung. Und wer spürte sich nicht kräftig im Moment, wo ihm ein gehöriges Donnerwetter über die Lippen geht? Da muss doch Alles gucken, was das für ein Starker sei, der so gewaltig reden kann. Aber es ist durchaus nicht nur beim Fluchen so. Starke Worte, hohe Sprüche erhöhen den Wert und das Gewicht unsrer Person, denken wir. Es ist gerade, wie man es an manchen Orten bei den Wirtschaften beobachten kann, die einen förmlichen Wettlauf miteinander haben um den schönsten und verheißungsvollsten Namen. In alten Zeiten waren’s allerlei edle Tiere, |293 die dafür herhalten mussten, vom zahmen «Rössli» bis zum gewaltigen «Löwen», und selbst die «Sonne» und die «Sternen» blieben nicht verschont. In neuerer Zeit aber heißt’s Restaurant «Eintracht» und «Freiheit» und Cafe «Fortschritt» und «Unabhängigkeit». Ich sage: solche Wirtsschilder hängen wir heraus, wenn wir miteinander reden. Wir glänzen mit hohen Worten, nicht aus besonderer Schlauheit, sondern weil wir Freude daran haben, weil wir uns bei den hohen Worten selber hoch vorkommen und schließlich daran glauben, dass wir es seien. Es freut uns, wenn die Andern zuhören und sagen: Hört, hört, der kann’s! Und je mehr sie zuhören, umso mehr freuen wir uns und umso mehr Schnörkel und Stelzen brauchen wir, um unser Ja oder Nein vorzubringen. Man könnte nun diese zweite Art, schöne Worte zu brauchen, ein formloses Spiel nennen, gerade wie man die erste Art, das absichtliche Verstecken der Wahrheit, lebenserfahrene Klugheit nennen kann. Aber es ist eine kuriose Sache mit diesem Spiel. Ist’s wirklich immer nur ein kindliches Vergnügen, wenn wir mit schönen Worten umgehen? Ich meine, wir wissen recht gut, dass man mit schönen Worten eben auch vorwärts kommt in der Welt. Mit Worten lässt sich trefflich streiten!, hat schon
Einige Beispiele sollen uns deutlich machen, wie wir diese Forderung in unserm Leben anwenden müssten. Ich denke da vor Allem daran, dass wir aus sogenannter Höflichkeit einander lange nicht genug und nicht deutlich genug sagen, was wir voneinander halten. Wir leben nebeneinander, wir ziehen uns den Hut ab, wir titulieren uns: Hochgeehrter Herr! wir behandeln uns, wie wenn wir von Zucker wären, und doch wissen wir durchaus nicht, wie wir miteinander dran sind. Wir Menschen könnten auf einem so viel herzlicheren Fuß zusammen stehen, so viel unnützes Studieren, Gezänk und Gewäsch würde überflüssig, wenn wir es uns zur Pflicht machen wollten, jedesmal wenn wir unsrer Sache sicher sind, nicht mehr aus Höflichkeit zu schweigen oder etwas Niedliches zu sagen, sondern grob und bestimmt ein Ja oder Nein von uns zu geben. Ich habe früher gemeint, die Leute auf dem Land seien in dieser Beziehung besser als die in der Stadt, weil ich meinte, es sei Ernst mit dem schönen Emmenthalerlied:
Da gits nüt von Complimänte
Alle seit me numme «Du».4
295 Aber ich habe seitdem gemerkt, dass man auf dem Land eher noch weniger einander die einfache Wahrheit sagt als in der Stadt, dass man auch da auf seine Weise Complimänte macht untereinander und nur hintenherum sagt, was man eigentlich denkt. Ich habe darum schon manchmal geseufzt nach der schonungslosen Ehrlichkeit, mit der wir als Studenten einander behandelten, wo es wirklich selbstverständlich war, dass man sich ohne Rückhalt und schöne Worte sagte, was man dachte. Man atmet so viel freier, wenn man von einem Andern weiß: er hat mir jetzt Alles, aber auch wirklich Alles gesagt, was er gegen mich auf dem Herzen hat, als wenn man immer wieder hinter freundlichen Worten eine zurückgehaltene Kritik erst suchen muss. Ich wollte, es gelänge mir einmal, unserm Gemeinde- und Vereins- und Familienleben etwas von diesem freien, geraden Studentengeist einzuflößen, so dass es nicht mehr etwas Erstaunliches oder Entsetzliches, sondern etwas Selbstverständliches wäre, wenn man offen miteinander ist. Ich möchte euch ganz besonders bitten, auch eurem Pfarrer öfters, als es geschieht, ein deutliches, unverschnörkeltes Ja oder Nein zu Gute kommen zu lassen, statt nur hintenherum zu murmeln oder mir immer vorsichtig zuzustimmen. Ich bin jetzt ein Jahr lang hier, und da könntet ihr doch allmählich gemerkt haben, dass ich nicht so ein gefährlicher «Gstudierter» bin, mit dem man nicht reden kann. So tut es doch! Ich bin doch wahrhaftig dazu da, um mit euch zu reden, und nicht, um von euch angeschwiegen zu werden. Denn es gibt nicht nur ein Zuviel reden, sondern auch ein Zuwenig, das sich nicht mit dem einfachen, natürlichen Ja oder Nein verträgt und darum von Übel ist. – |
Aber nun etwas Anderes: Schönes Reden und schönes Schweigen, das ist ein Übel, an dem nicht nur der Privatverkehr leidet unter uns Menschen, sondern das ist eines der größten Übel unsres öffentlichen Lebens. Wir leiden darunter, dass wir zu große Freude haben an unsren Wirtshausschildern, nämlich an unsren schweizerischen patriotisch-politischen Schlagwörtern und an dem Fahnenschwingen und Blechmusizieren, das damit zusammenhängt. Wir schwören nicht bei der heiligen Stadt
Was man zum Beispiel diese Woche aus
Und jetzt möchte ich noch ein drittes Gebiet nennen, wo wir lernen müssen, einfach und natürlich zu werden und die schönen Worte fahren zu lassen. Vielleicht, dass ich Einigen von euch damit weh tue, aber ich muss es doch sagen. Nicht nur die Höflichkeit und nicht nur der Patriotismus braucht die schönen Worte, die Komplimente und Redensarten über das einfache Ja und Nein hinaus, auf die wir nach Jesu Gebot verzichten müssen, sondern auch die Frömmigkeit. Warum haben auch so viele – nicht Alle! – von unsren eifrigsten und überzeugtesten Christen das Bedürfnis, bei jedem möglichen und unmöglichen Anlass in jener merkwürdigen Sprache zu reden, die aus Ausdrücken in der Bibel und des Gesangbuchs oder andrer erbaulicher Schriften zusammengesetzt ist, in der Sprache Kanaans, wie man das genannt hat?11 Ich kann es mir nicht erklären, ob das nun ein Schön|299reden ist von der Art, die etwas verstecken will unter einem Schwall von guten, heiligen Worten, oder von der Art, die das Rad schlagen will, um an sich selber Freude zu haben. Aber das weiß ich, dass ich immer nachdenklich und fast betrübt weggehe, wenn jemand in der Sprache Kanaans zu mir geredet hat, und das weiß ich, dass ich diese Sprache nicht reden kann, auch wenn es vielleicht Manche von mir erwarten, weil ich der Pfarrer bin. Denn ich habe zu deutlich die Gewissheit, dass auch die frommen Worte, wenn sie uns dazu dienen, das einfache Ja oder Nein zu umgehen oder zu verkleiden oder zu bekräftigen, zu dem Überflüssigen gehören, das nach dem Urteil Jesu von Übel ist. Wir haben die Bibel bestimmt nicht dazu, um sie im Munde zu führen, sondern um still in ihren Geist einzudringen und dann still danach zu leben. Und wenn wir das tun, dann werden wir eher das Bedürfnis haben, ganz nüchtern, natürlich und alltäglich miteinander zu reden. Das rechte fromme Reden besteht darin, dass wir von den göttlichen Dingen natürlich reden, wie es uns wirklich ums Herz ist, und nicht, wie wir es irgendwo gelesen oder gehört haben. |
Ich sage euch deshalb gern bei diesem Anlass, dass es mir im Konfirmandenunterricht immer eines der ersten und ernsthaftesten Anliegen ist, den Kindern das fromme, erbauliche Reden abzugewöhnen, das sie manchmal von zu Hause mitbringen und das für sie doch nichts weniger als schlichte Wahrheit ist. Vielleicht erschreckt euch das, wie es jeweilen die Kinder das erste Mal ziemlich erstaunt; aber sie haben mich noch immer verstanden und ich denke, dass ihr mich auch versteht, wenn ihr darüber nachdenkt. Was wir Alle lernen sollten, die Jungen und die Alten und der Herr Pfarrer damit, das ist: von den großen und größten Dingen des Lebens zu reden in der alltäglichen, |300 gewöhnlichen Sprache unsres übrigen Lebens. Natürlich reden, aber so ehrlich und so tief und so ernsthaft, dass man uns anmerkt – nicht an den Worten, sondern an ihrem Gehalt –, so kann nur ein Christ reden. Wenn wir das können, dann sind wir wirklich fromm – wenn wir es noch nicht können, wenn wir meinen, Gott noch in einer besondern Sprache Kanaans verehren zu müssen, dann ist das ein Zeichen, dass wir noch nicht ganz fromm sind, dass Gott noch nicht über unser ganzes Leben herrscht, sondern erst über das Land Kanaan in unsrer Seele. Denn unsre Sprache ist immer der Spiegel unsrer Seele.
Seht, so kommen wir durch die verschiedensten Beobachtungen dazu, Jesus Recht zu geben in seinem Kampf gegen die überschüssigen schönen Worte. Sie sind wirklich von Übel, wo wir ihnen auch begegnen mögen. Sie sind immer eine Schwachheit oder eine Lüge. Sie sind mit der Ehrfurcht vor Gott nicht zu vereinigen. Denn Gott ist auf allen Lebensgebieten auf Seiten des Einfachen und nicht des Künstlichen. Wenn wir das verstanden haben, dann müssen wir jetzt versuchen, mit Jesu Gebot Ernst zu machen, jeder da, wo er es nötig hat. Dann heißt es abfahren mit dem Überflüssigen, mit dem, was über das kindliche, göttliche Ja oder Nein hinausgeht, und auch mit dem Schweigen, das sich damit ebenso wenig verträgt. Das wird uns Allen bitter und schwierig sein. Denn wenn wir uns einmal an schöne Worte gewöhnt haben, lassen wir sie ungern los. Und doch muss es sein. Wir haben da gleich ein Beispiel zu unserm letzten Text: Wenn dich dein Auge zur Sünde veranlasst, so reiß es aus und wirf es von dir! [