Predigt: Matthäus 5,21-24
Mitten im hohen Korn seht ihr von Weitem einen Obstbaum. Das habt ihr Alle schon gesehen. Aber in Wirklichkeit habt ihr von Weitem genau genommen nur ein großes grünes Gebilde gesehen. Wenn ihr näher kamt, habt ihr viele Blätter gesehen, aus denen sich dies grüne Gebilde zusammensetzte. Wenn ihr noch näher gingt, dann habt ihr auch die Zweige, und ganz in der Nähe, halb vom Korn verdeckt, auch etwas vom Stamm wahrgenommen. Aber Blätter, Zweige und Stamm sind noch nicht der ganze Baum. Die Hauptsache: das Organ, aus dem der Baum hervorgegangen und das ihn lebendig erhält, ist unter der Erde verborgen. Das sind selbstverständliche Dinge. Aber etwas Anderes ist uns nicht ebenso selbstverständlich, nämlich die Tatsache, dass es gerade so steht mit unsern guten und bösen Handlungen.
Die haben auch ein grünes Blätterwerk, das man von Weitem sehen kann: das ist das, was wir sichtbar und hörbar tun mit unsern Händen oder mit unsrer Zunge. Das ist das, was ganz einfach geschehen und an dem nicht zu zweifeln ist, entweder weil Andre dabei gewesen sind und es bezeugen können oder weil wir damit irgend Etwas verursacht oder angerichtet haben. Aber wir wissen schon: das, was man sehen oder hören kann, das ist immer nur ein Stück von unsren Taten, von den guten wie von den bösen. Und zwar ist es immer nur gleichsam das äußerste Stück davon. Es sind aber |268 auch Zweige da, und die möchte ich jetzt vergleichen mit den Worten, mit denen wir unsre Taten begleiten oder mit denen wir sie Andern erklären.
Um verstehen und beurteilen zu können, was Einer macht, müssen wir ihn in vielen Fällen erst reden lassen. Jedem Verbrecher gibt man ja das Recht, ja, man verlangt es von ihm, dass er zu rechtfertigen suche, wie er zu seiner Tat gekommen ist. Wir haben wohl Alle etwa schon einen andern Menschen bei einer Beschäftigung betroffen1, die uns unverständig und sinnlos erschien.
Dann fragten wir ihn: warum machst du jetzt das? und dann bekamen wir eine Erklärung und konnten danach unsre Meinung aufrecht erhalten oder auch ändern, je nachdem. Und auch sogenannte gute Taten gibt es, zu denen uns erst die Worte des betreffenden Menschen den Schlüssel geben. Wenn ich einem armen Mann etwas gebe, so ist das an sich recht schön, wenn ich aber dazu sage: So, jetzt geht und kommt mir nicht wieder ins Haus! dann verändert sich das Bild, dann ist das ein Zeichen, dass ich ihm nicht habe helfen, sondern dass ich ihn habe lossein wollen. Aber Blätter und Zweige sind noch kein Baum, und so sind auch die Worte, mit denen wir unsre Taten begleiten, erst ein weiteres Stück unsrer Handlungen und noch nicht das Ganze.
Ein französisches Sprichwort sagt, die Worte seien uns gegeben, um unsre Gedanken zu verbergen.2 Und das ist in unzähligen Fällen wahr: unsre Worte verstecken oft die Wirklichkeit viel mehr, als dass sie sie enthüllen. Und darum müssen wir bei Allem, was wir oder Andre tun,
sofort auch an den Stamm denken, nämlich an die Gedanken, aus denen unsre Worte wie unsre hörbaren und sichtbaren Taten hervorgewachsen sind. Es hat’s Mancher besser im Sinn, sagt man etwa, als es dann herauskommt. Es hat Mancher Dinge getan und gesagt, die uns übel befriedigen, aber vielleicht entdecken wir, dass er es dabei doch im Grunde |269 gut gemeint hat. Da wird dann unser Urteil darüber sofort ein Anderes. Und auch das Umgekehrte kommt vor:
schöne Taten und schöne Worte dazu, aber im Hintergrund verborgen ist der böse Gedanke. Wenn
Wir müssen auch an die Wurzel denken, aus der Taten, Worte und Gedanken erst hervorgehen. Es ist sehr schwer, dieser Wurzel oder diesen Wurzeln unsrer Handlung (denn oft sind es mehrere) einen Namen zu geben. Und noch schwerer ist es, klar zu erfassen, um was es sich handelt. Und doch sind diese Wurzeln im Seelenleben des Menschen etwas uns gut Bekanntes. Die Gedanken, die wir uns machen, die Absichten, die wir haben, die Entschlüsse, die wir fassen, sind doch wie die eigentlichen letzten Ursachen unsrer Taten. Woher kommt denn gerade dieser oder jener Gedanke in unser Herz? Habt ihr noch nie beobachtet, dass wir oft längst ganz genau wissen, was wir wollen oder nicht wollen, und erst lange hinterher kommen wir dazu, uns selber und Andern einen Grund dafür anzugeben? Wir mögen zum Beispiel einen Menschen nicht und darum gehen wir auf die Suche nach Etwas, was sich gegen ihn einwenden lässt. Der Einwand, der Gedanke ist nicht das Erste, sondern das Zweite. Oder es freut uns irgend etwas, vielleicht etwas, was Andre tun, wir denken zuerst und dann sagen wir es: das gefällt mir aus diesem und diesem Grund, und dann machen wir auch mit. Aber der Wille, dabei zu sein, war da, bevor der Grund da war, das Wort und die Tat da waren. Der Wunsch ist der Vater des Gedankens3 und der Großvater des Wortes |270 und der Urgroßvater der Tat. Der Wunsch – oder man könnte auch sagen: das Gefühl oder die Gefühle. Wir müssen gleichsam auch unter die Erde steigen, um diese Wurzeln unsrer Handlungen zu erkennen. Auf den ersten Blick sieht man sie nicht, so wenig wie die Baumwurzeln. Sondern da müssen wir allerlei hinwegräumen, wir müssen unerbittlich Nachfrage halten bei uns selbst: warum handle und rede und denke ich so und nicht anders, oder der Regen muss das Erdreich wegwaschen und die Wurzeln bloßlegen, es muss durch ein «unbedachtes» Wort, das uns entschlüpft, oder durch irgendetwas Erstaunliches, das uns «auskommt», uns selbst und Andern bekannt werden, was für Einer man ist. Ganz genau kann wohl nur Jeder sich selbst beurteilen, was für Einer er ist, das heißt, was seine Handlungen wert, ob sie gut oder böse sind. Er selbst und Gott; denn Gott sagt es ihm in seinem Gewissen. Das Alles zusammen also: die Tat, die begleitenden Worte, der begründende Gedanke und die verborgenen Gefühle, aus denen das Übrige gleichsam naturnotwendig hervorwächst, das Alles zusammen müssen wir in Betracht ziehen, wenn wir unsre Handlungen oder die Andrer beurteilen, wenn wir sie für gut oder böse erklären wollen.
Ich musste das vorausschicken, um euch deutlich zu machen, was Jesus gemeint hat, als er von der neuen Gerechtigkeit des Himmelreichs sprach, die besser sein sollte als die der Pharisäer und Schriftgelehrten, und als er das, was zu den Alten gesagt war, kritisierte und verbesserte mit seinem: Ich aber sage Euch!
Zu den Alten war gesagt: du sollst nicht töten! Das war das sechste Gebot von den Zehn Geboten des
Und doch ist die äußerlich bemerkbare Tat, dass Einer dem Andern schnell oder langsam das Leben nimmt, ja nur das, was wir vorhin das Blätterwerk des Baumes genannt haben, nicht das Ganze der bösen Handlung, die nicht geschehen sollte. Es ist nur die äußerste Spitze bösen Wesens, die darin zum Vorschein kommt, dass Einer den Andern in feiner oder grober Weise seines Lebens beraubt. Und es ist auch nur eine äußerste Spitze, wenn einer nur diesem Gebot gehorsam ist, wenn er das bezeichnete Vergehen tatsächlich nicht auf dem Gewissen hat. Das werden wir ja wohl Alle von uns sagen können. Aber ob wir deshalb gute Menschen sind, das ist eine ganz andre Frage. Wir können uns nicht nur an die Blätter halten, an die äußerlich bemerkbare Tat oder daran, dass wir sie bis jetzt unterlassen haben. Wie steht’s mit den Zweigen, mit dem Stamm, mit der Wurzel? Seht, hier beginnt der Unterschied zwischen der neuen Gerechtigkeit des Him|272melreichs und der Gerechtigkeit der Pharisäer und Schriftgelehrten. Was diese letztern Gerechtigkeit nannten, das war eine Gerechtigkeit des Blätterwerks, eine Gerechtigkeit der äußersten Spitze. Sie bestand ganz einfach darin, dass der Mensch tat oder unterließ, was das Gesetz befahl oder verbot: dem sechsten Gebot gerecht werden, das hieß also: niemanden vom Leben zum Tode bringen. Wer das nicht tat, der war in dieser Beziehung ein guter Mensch, und das wollte nicht nur sagen: ein erträgliches Mitglied der Gemeinde und des Staates, sondern ein Gott wohlgefälliger Mensch. Gottes Wille in dieser Beziehung war erfüllt, wenn der Mensch nicht tötete. An das, was hinter dem Blätterwerk verborgen sein könnte, dachte man gar nicht. Davon stand nichts im sechsten Gebot; damit mochte es ein Jeder halten, wie er es für gut fand. Es kann uns nicht wundern, dass es bei dieser Auffassung im Volke Israel jener Zeit so zahlreiche arg gerechte Leute gegeben hat, Leute, die nie Götzen angebetet, nie geflucht, nie getötet, nie gestohlen, nie die Ehe gebrochen hatten und die sich deshalb sonnten im Bewusstsein, dass Gott Freude an ihnen haben müsse. Sie hatten wirklich das Alles, nämlich all diese äußerlich sichtbaren Taten nie getan. Das war die Gerechtigkeit der Pharisäer und Schriftgelehrten, und ich brauche ja wohl nicht erst zu sagen, dass sie mit jenen Zeitgenossen Jesu keineswegs ausgestorben ist, dass sie vielmehr auch unter uns sozusagen der herrschenden Auffassung entspricht. Besonders wenn wir uns selbst beurteilen, brauchen wir gerne diesen Pharisäermaßstab, berufen wir uns fast gewohnheitsmäßig auf die Gerechtigkeit der äußersten Spitze. Man kann mir nichts vorwerfen! reklamieren wir und meinen damit, dass man nicht von uns sagen könne, wir hätten dieses und jenes, was man böse zu nennen gewohnt ist, getan. Und wenn wir es nicht getan haben in dem Sinn, dass man mit dem Finger darauf zeigen und uns dafür haftbar machen könnte, dann sind wir ganz beruhigt und halten uns für brave, rechtliche Leute. So bringt es fast Jeder dazu, sich als Erzgerechten auszugeben, und man kann sich nur wundern, dass der Himmel auf Erden nicht längst angebrochen.
Nun seht, dieser Gerechtigkeit der Pharisäer und Schriftgelehrten, der Gerechtigkeit des Buchstabens und des Blätterwerks, hat Jesus mit seinem großen: Ich aber sage euch! die Gerechtigkeit des Himmelreichs entgegengestellt.
273 Wenn wir ihn recht verstehen wollen, müssen wir vor Allem auf die Energie und Autorität achten, mit der er dieses «Ich aber» herausgerufen, fast möchte ich sagen: hinausgeschleudert hat. Man fragt sich beim Lesen oder Hören unwillkürlich: was kommt jetzt? Aber das ist keine rednerische Figur gewesen, durch die Jesus hätte Aufmerksamkeit und Eindruck erwecken wollen. Es war auch nicht bloß die Ankündigung eines Fortschritts in der Auslegung und Anwendung des Gebotes: Nicht töten! Die Menschheit hat in den zwei Jahrtausenden seit Jesus Fortschritte gemacht in der Anwendung dieses Gebotes. Sie hat es gelernt, es mit dem Leben unendlich viel genauer zu nehmen, als das im Altertum geschah. Aber die Botschaft Jesu ging nicht in dieser Richtung. Er sagte nicht: Ihr sollt nicht töten! Ich aber sage euch, ihr sollt euch vor Mord und Totschlag noch mehr in Acht nehmen als bisher. Er hat weder gegen die Rachsucht geredet noch gegen den Zweikampf, weder gegen den Krieg noch gegen die Todesstrafe5, weder für das Samariterwesen noch für den Tierschutz, obwohl das Alles zweifellos Anwendungen des Gebotes: Nicht töten! gewesen wären, die dann von Andern in der Tat gemacht worden sind. Man hat es schon bedauert, dass sich solche Anweisungen in der Predigt Jesu nicht finden. Aber in Wirklichkeit bringt eben die Predigt Jesu etwas viel Größeres. Es war nicht seine Sache, moralische Anwendungen zu den Zehn Geboten zu machen. Es war nicht seine Sache, die Menschen auf diesen oder jenen kleinen oder großen Fortschritt hinzustoßen. Wenn er das getan hätte, wäre er ein mehr oder weniger großer Prophet gewesen, nicht der Messias. Er hätte dann auf neues Blätterwerk hingewiesen neben dem alten. Aus seinen Jüngern wären dann neue Pharisäer, neue Erzgerechte geworden, wie es dann tatsächlich Vielen geschehen ist, die sich in die Brust warfen: Seht, dieses und |274 jenes Verbot oder Gebot habe ich gehalten! über das Gebot: du sollst nicht töten! hinaus. Ich nehme es mit den Zehn Geboten ganz genau. |
Jesus forderte nicht eine genauere Auslegung des alten Gebotes, sondern auf Grund des alten Gebotes etwas ganz Neues. Er arbeitete nicht in die Breite, sondern in die Tiefe. Sein «Ich aber!» kündigte an, dass er überhaupt nicht vom Blätterwerk der menschlichen Handlungen reden, sondern seinen Blick aufs Ganze richten wollte. Ihn beschäftigte es zwar gewiss auch, was die Menschen taten, er freute sich, wenn er einen Gutes tun, und er entsetzte sich, wenn er einen freveln sah. Aber ebenso sehr wie an diese vollendeten guten oder bösen Taten der Menschen dachte er an Alles das, aus dem die Taten herauswachsen: an die Worte, Gedanken und Gefühle, die dahinter verborgen sind. Und darum lautete seine Forderung nicht: hier und dort müsst ihr’s anders machen, sondern: Im Ganzen der menschlichen Handlungen, von der sichtbaren Tat bis ins Innerste der Gefühle, die kaum dem Menschen selbst bewusst sind, muss das Gute siegen und das Böse zurückweichen. Auf der ganzen Linie, innerlich und äußerlich, muss es vorwärts gehen mit dem Menschen. Während die Pharisäer auf ihre Taten sich etwas zu Gute taten, hat er erkannt, dass die Gefühle im Menschen den Gedanken erzeugen, der Gedanke aber das Wort und das Wort die Tat, und darum hat er an einem ganz andern Punkt eingesetzt mit seiner Forderung. Er hat sofort an das Erste und Innerste in Menschen appelliert, an die verborgenen Gefühle, die unser Denken und unsern Willen treiben und hat ihn gefragt: Wie stehst du hier? Bist du hier gut oder böse? Er hat nicht außen herum korrigiert, sondern von innen nach außen, er hat von innen heraus, von dem Punkte aus, der das ganze Leben beherrscht, das ganze Leben in Anspruch genommen für das Gute. |
Ich will dieselbe Sache etwas anders ausdrücken: Jesus hat den Leuten nicht Moral gemacht, sondern er hat ihnen den lebendigen Gott verkündigt. Die Pharisäer meinten das auch zu tun, denn auch sie predigten ja im Namen Gottes: Du sollst nicht töten! Aber ihr Gott war nicht lebendig, sondern klein und engbrüstig und kurzsichtig. Er beschäftigte sich nur mit dem, was vor Augen ist.
Er wachte zwar über die Erfüllung seiner Gebote, aber doch im Grunde nur übera das, was |275 man daran sehen und hören kann, über das Letzte, Äußerste, was auch dazugehört. Es war ein Gott, der sich durch den guten oder bösen Anstrich einer Handlung täuschen ließ über ihr wahres Wesen. An Stelle dieses kleinen Gottes der Pharisäer verkündigte Jesus den wirklichen, den großen Gott, indem er sein Machtgebiet erweiterte über die ganze äußere und innere Welt des Menschen.
Du sollst den Herrn deinen Gott lieben, sagte er, nicht bloß, indem du hier brav bist und dort etwas Schlechtes unterlässest, sondern von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt, von ganzer Seele und aus allen deinen Kräften [
Diese Verkündigung des großen Gottes, der den ganzen Menschen beansprucht, finden wir nun auch in seiner Kritik und Verbesserung des alten Gebotes: Du sollst nicht töten! Gewiss, an diesem Gebot wollte er nicht rütteln. Aber, meinte er, das Böse muss verschwinden nicht bloß in seiner äußersten Spitze und Vollendung, sondern in seinem ganzen Umfang. Und weil die Ursache des Bösen zuinnerst sitzt, muss auch der Sieg des Guten zuinnerst anfangen.
Es gibt eine Art von Töten, meint er, da wird zwar keinem Menschen in sichtbarer Weise das Leben genommen und doch ist die böse Handlung da und verdient die gleiche Beurteilung und die gleiche Strafe wie die vollendete Tat.
Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist genauso dem Gericht verfallen wie der, der seinen Bruder tötet. Es sind ja ganz nebensächliche Grade, die es beim Einen nur zum Zorn kommen lassen, beim Andern zum Mord. Beide sind von denselben Regungen in Bewegung gesetzt, nämlich entweder von der Rachsucht, die danach verlangt, das empfangene Böse mit Zinsen zurückzugeben, oder vom Neid, der sich daran stößt, dass Andre in irgend einer Weise weiter oben stehen, oder von der Selbstsucht, die es von vornherein verhindern will, von Andern beeinträchtigt zu werden.
Diese Regungen wallen nun in einem Menschen wie ein Feuer aus nassem Holz, beim Andern brechen sie in hellen Flammen aus. Der Eine macht die Faust bloß in der Tasche, der Andre zieht sie heraus und schlägt drein. Der eine wird bloß zornig, der andre begeht seine Gewalttat. Aber die Bestie eines zänkischen, eifersüchtigen, beschränkten Gefühls ist in Beiden losgebrochen, und damit ist die böse Handlung da, gleichviel ob sie äußerlich vollendet ist oder nicht. Gott sieht aufs Ganze, und das Ganze beurteilt er nach den Ursachen. Und wenn es nach irdischem Gesetz schwere Mord|276taten gab, die den Mörder vor das höchste Gericht in
Und darum ist nun auch die Gerechtigkeit des Himmelreichs etwas Anderes als die der Pharisäer und Schriftgelehrten. Sie beansprucht, den ganzen Menschen zu erfüllen. Wo sie eine Lücke hat, da hat sofort auch das Verhältnis zu Gott eine Lücke. Wo sich in unserm Fühlen, Denken, Reden und Tun eine Störung findet, da ist sofort auch eine Störung der Beziehung zu Gott. Man kann nicht Opfer in den Tempel bringen, sagt Jesus, und zugleich mit seinem Nachbar auf Kriegsfuß leben. Man kann nicht in die Kirche gehen und singen und beten und daneben grollen und schelten über einen Mitmenschen. Man kann überhaupt nicht an Gott denken, wenn etwas von jenen mörderischen Regungen Rachsucht, Neid und Selbstsucht in uns schafft. Sondern um den Weg zu Gott zu finden, müssen wir solche Störungen aufheben, und zwar ohne Verzug, vorher helfen uns die frömmsten Gedanken nichts. Lass deine Gabe vor dem Altar und geh zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder und alsdann komm und opfre deine Gabe, rät uns Jesus. Denn um uns an Gott zu wenden, müssen wir ganze, ungeteilte Menschen sein. Wir können Gott nur dann suchen, wenn wir ihn schon gefunden haben. Und wir finden ihn nur damit, dass wir bis in unsre Gedanken und Gefühle hinein davon durchdrungen sind, dass wir an unsern Mitmenschen Freude haben und |277 ihnen helfen müssen. Das ist dann die rechte, höhere Erfüllung des Gebotes: Du sollst nicht töten! Das fordert Jesus von uns als der Gesetzgeber des Himmelreichs. Aber auch das Andre ist wahr: dass er es uns schenkt, indem er es von uns fordert.