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        <title type="volume" n="vol-56">Predigten 1912</title>
        <title type="content">Predigt: Matthäus 5,21-24</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Matthäus 5,21-24, 30. Juni 1912</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/56029 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1912, hrsg. v. Busch, Eberhard / Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2022, S. .</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1912</title>
          <title type="text">Predigt: Matthäus 5,21-24</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2022</date>
          <!--position within a volume-->
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 5,21-24, 30. Juni 1912. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1563">KBA 1099</ref>. </bibl>
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          <term>sermon</term>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag den <date when="1912-06-30">30. Juni 1912</date>
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                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.21 Mt.5.24">Matthäus 5,21–24</ref>
                            <quote rend="text-recte">Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: du sollst nicht töten! wer aber tötet, der soll dem Gericht verfallen sein. Ich aber sage euch: <hi rend="italic">wer seinem Bruder zürnt, der soll dem Gericht verfallen sein</hi>. Wer aber seinen Bruder einen Taugenichts heißt, soll dem <orgName ref="kbga-actors-9034">hohen Rat</orgName>, und wer ihn einen Gottlosen heißt, soll der Feuerhölle verfallen sein. Darum, wenn du deine Gabe auf dem Altar opferst und wirst daselbst eingedenk, dass dein Bruder etwas gegen dich habe, so <hi rend="italic">lass deine Gabe dort vor dem Altar und gehe zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder</hi> und alsdann komm und opfere deine Gabe.</quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                    <salute>Liebe Zuhörer!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                    <p>Mitten im hohen Korn seht ihr von Weitem einen Obstbaum. Das habt ihr Alle schon gesehen. Aber in Wirklichkeit habt ihr von Weitem genau genommen nur ein großes grünes Gebilde gesehen. Wenn ihr näher kamt, habt ihr viele Blätter gesehen, aus denen sich dies grüne Gebilde zusammensetzte. Wenn ihr noch näher gingt, dann habt ihr auch die Zweige, und ganz in der Nähe, halb vom Korn verdeckt, auch etwas vom Stamm wahrgenommen. Aber Blätter, Zweige und Stamm sind noch nicht der ganze Baum. Die Hauptsache: das Organ, aus dem der Baum hervorgegangen und das ihn lebendig erhält, ist unter der Erde verborgen. Das sind selbstverständliche Dinge. Aber etwas Anderes ist uns nicht ebenso selbstverständlich, nämlich die Tatsache, dass es gerade so steht mit unsern guten und bösen <term ref="kbga-terms-1691">Handlungen</term>. 
                    Die haben auch ein grünes <hi rend="italic">Blätterwerk</hi>, das man von Weitem sehen kann: das ist das, was wir sichtbar und hörbar tun mit unsern Händen oder mit unsrer Zunge. Das ist das, was ganz einfach geschehen und an dem nicht zu zweifeln ist, entweder weil Andre dabei gewesen sind und es bezeugen können oder weil wir damit irgend Etwas verursacht oder angerichtet haben. Aber wir wissen schon: das, was man sehen oder hören kann, das ist immer nur ein Stück von unsren <term ref="kbga-terms-1691">Taten</term>, von den guten wie von den bösen. Und zwar ist es immer nur gleichsam das äußerste Stück davon. Es sind aber <pb xml:id="p268" ed="pga"/> auch <hi rend="italic">Zweige</hi> da, und die möchte ich jetzt vergleichen mit den <term ref="kbga-terms-1692">Worten</term>, mit denen wir unsre Taten begleiten oder mit denen wir sie Andern erklären. 
                    Um verstehen und beurteilen zu können, was Einer macht, müssen wir ihn in vielen Fällen erst reden lassen. Jedem Verbrecher gibt man ja das Recht, ja, man verlangt es von ihm, dass er zu rechtfertigen suche, wie er zu seiner Tat gekommen ist. Wir haben wohl Alle etwa schon einen andern Menschen bei einer Beschäftigung betroffen<note xml:id="n01">
                            <p> «Betreffen» meint im älteren Sprachgebrauch auch: «(an)treffen» oder «ertappen»; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-98">DWb 1, Sp. 1710f</bibl>.</p>
                        </note>, die uns unverständig und sinnlos erschien. 
                    Dann fragten wir ihn: warum machst du jetzt das? und dann bekamen wir eine Erklärung und konnten danach unsre Meinung aufrecht erhalten oder auch ändern, je nachdem. Und auch sogenannte gute Taten gibt es, zu denen uns erst die Worte des betreffenden Menschen den Schlüssel geben. Wenn ich einem armen Mann etwas gebe, so ist das an sich recht schön, wenn ich aber dazu sage: So, jetzt geht und kommt mir nicht wieder ins Haus! dann verändert sich das Bild, dann ist das ein Zeichen, dass ich ihm nicht habe helfen, sondern dass ich ihn habe lossein wollen. Aber Blätter und Zweige sind noch kein Baum, und so sind auch die Worte, mit denen wir unsre Taten begleiten, erst ein weiteres Stück unsrer Handlungen und noch nicht das Ganze. 
                    Ein französisches Sprichwort sagt, die Worte seien uns gegeben, um unsre <term ref="kbga-terms-1690">Gedanken</term> zu verbergen.<note xml:id="n02">
                            <p> Die Worte werden einerseits <persName ref="kbga-actors-9035">Charles Maurice de Talleyrand</persName> (1754–1838) zugeschrieben, der mit dem Satz: «La parole a été donnée à l’homme pour déguiser sa pensée» geantwortet habe, als ein spanischer Gesandter ihn an gegebene Versprechen erinnerte; <bibl corresp="kbga-bibls-841">
                                    <persName ref="kbga-actors-1035">H. Heine</persName>, <hi rend="italic">Ideen. 
                    Das Buch Le Grand. 1826</hi>, in: ders., <hi rend="italic">Reisebilder</hi>, Bd. 2, Hamburg 1827, S. 129–296, dort S. 265</bibl>, zitiert dagegen mit einem sehr ähnlichen Satz den napoleonischen Polizeiminister <persName ref="kbga-actors-9036">Joseph Fouché</persName> (1759–1820): «les paroles sont faites pour cacher nos pensées.» Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828">Büchmann, S. 404f.</bibl>
                            </p>
                        </note> Und das ist in unzähligen Fällen wahr: unsre Worte verstecken oft die Wirklichkeit viel mehr, als dass sie sie enthüllen. Und darum müssen wir bei Allem, was wir oder Andre tun, 
                    sofort auch an den <hi rend="italic">Stamm</hi> denken, nämlich an die Gedanken, aus denen unsre Worte wie unsre hörbaren und sichtbaren Taten hervorgewachsen sind. Es hat’s Mancher besser im Sinn, sagt man etwa, als es dann herauskommt. Es hat Mancher Dinge getan und gesagt, die uns übel befriedigen, aber vielleicht entdecken wir, dass er es dabei doch im Grunde <pb xml:id="p269" ed="pga"/> gut gemeint hat. Da wird dann unser Urteil darüber sofort ein Anderes. Und auch das Umgekehrte kommt vor: 
                    schöne Taten und schöne Worte dazu, aber im Hintergrund verborgen ist der böse Gedanke. Wenn <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> seinem Meister einen Kuss gibt und ihn anredet: Rabbi, Rabbi! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.14.45">Mk. 14,45</ref>] so mag das an sich erfreulich zu sehen und zu hören gewesen sein, aber der schwarze Gedanke des Verrats, den er damit an Jesus übte, vergiftete sofort sein ganzes liebenswürdiges Benehmen und machte das scheinbar <term ref="kbga-terms-829">Gute</term> zum <term ref="kbga-terms-174">Bösen</term>. Aber auch wenn wir den Gedanken, aus dem eine menschliche Handlung hervorging, kennen und verstehen, haben wir sie doch noch nicht ganz begriffen. Wir nennen sie gut oder wir nennen sie böse und doch haben wir die Hauptsache noch nicht überlegt. |</p>
                    <p>Wir müssen auch an die <hi rend="italic">Wurzel</hi> denken, aus der <term ref="kbga-terms-1691">Taten</term>, <term ref="kbga-terms-1692">Worte</term> und <term ref="kbga-terms-1690">Gedanken</term> erst hervorgehen. Es ist sehr schwer, dieser Wurzel oder diesen Wurzeln unsrer Handlung (denn oft sind es mehrere) einen Namen zu geben. Und noch schwerer ist es, klar zu erfassen, um was es sich handelt. Und doch sind diese Wurzeln im <term ref="kbga-terms-356">Seelenleben</term> des Menschen etwas uns gut Bekanntes. Die Gedanken, die wir uns machen, die Absichten, die wir haben, die Entschlüsse, die wir fassen, sind doch wie die eigentlichen letzten Ursachen unsrer Taten. Woher kommt denn gerade dieser oder jener Gedanke in unser <term ref="kbga-terms-1466">Herz</term>? 
                    Habt ihr noch nie beobachtet, dass wir oft längst ganz genau wissen, was wir wollen oder nicht wollen, und erst lange hinterher kommen wir dazu, uns selber und Andern einen Grund dafür anzugeben? Wir mögen zum Beispiel einen Menschen nicht und darum gehen wir auf die Suche nach Etwas, was sich gegen ihn einwenden lässt. 
                    Der Einwand, der Gedanke ist nicht das Erste, sondern das Zweite. Oder es freut uns irgend etwas, vielleicht etwas, was Andre tun, wir denken zuerst und dann sagen wir es: das gefällt mir aus diesem und diesem Grund, und dann machen wir auch mit. Aber der Wille, dabei zu sein, war da, bevor der Grund da war, das Wort und die Tat da waren. Der Wunsch ist der Vater des Gedankens<note xml:id="n03">
                            <p> Die Redensart, mit der man ausdrückt, dass eine Behauptung zwar der eigenen Wunschvorstellung, nicht aber der Realität entspricht, 
                    ist eine gekürzte Aufnahme von <bibl corresp="kbga-bibls-840">
                                    <persName ref="kbga-actors-382">W. Shakespeare</persName>, <hi rend="italic">König Heinrich IV.</hi>, Teil 2, IV,4</bibl>: «Thy wish was father, Harry, to that thought», hat aber Vorläufer bis ins Altertum; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-828">Büchmann, S. 274</bibl>.</p>
                        </note> und der Großvater des Wortes <pb xml:id="p270" ed="pga"/> und der Urgroßvater der Tat. Der Wunsch – oder man könnte auch sagen: 
                    das <term ref="kbga-terms-1435">Gefühl</term> oder die Gefühle. Wir müssen gleichsam auch unter die Erde steigen, um diese Wurzeln unsrer Handlungen zu erkennen. Auf den ersten Blick sieht man sie nicht, so wenig wie die Baumwurzeln. Sondern da müssen wir allerlei hinwegräumen, wir müssen unerbittlich Nachfrage halten bei uns selbst: warum handle und rede und denke ich so und nicht anders, oder der Regen muss das Erdreich wegwaschen und die Wurzeln bloßlegen, es muss durch ein «unbedachtes» Wort, das uns entschlüpft, oder durch irgendetwas Erstaunliches, das uns «auskommt», 
                    uns selbst und Andern bekannt werden, was für Einer man ist. Ganz genau kann wohl nur Jeder sich selbst beurteilen, was für Einer er ist, das heißt, was seine Handlungen wert, ob sie gut oder böse sind. Er selbst und Gott; denn Gott sagt es ihm in seinem Gewissen. Das Alles zusammen also: die <term ref="kbga-terms-1691">Tat</term>, die begleitenden <term ref="kbga-terms-1692">Worte</term>, der begründende <term ref="kbga-terms-1690">Gedanke</term> und die verborgenen <term ref="kbga-terms-1435">Gefühle</term>, aus denen das Übrige gleichsam naturnotwendig hervorwächst, das Alles zusammen müssen wir in Betracht ziehen, wenn wir unsre Handlungen oder die Andrer beurteilen, wenn wir sie für <term ref="kbga-terms-829">gut</term> oder <term ref="kbga-terms-174">böse</term> erklären wollen.</p>
                    <p>Ich musste das vorausschicken, um euch deutlich zu machen, was Jesus gemeint hat, als er von der <hi rend="italic">neuen <term ref="kbga-terms-283">Gerechtigkeit</term></hi> des <term ref="kbga-terms-1621">Himmelreichs</term> sprach, die besser sein sollte als die der <term ref="kbga-terms-808">Pharisäer</term> und <term ref="kbga-terms-1433">Schriftgelehrten</term>, und als er das, was zu den Alten gesagt war, kritisierte und verbesserte mit seinem: Ich aber sage Euch!</p>
                    <p>Zu den Alten war gesagt: <hi rend="italic">du sollst nicht töten!</hi> Das war das <term ref="kbga-terms-1700">sechste Gebot</term> von den <term ref="kbga-terms-80">Zehn Geboten</term> des <persName ref="kbga-actors-2228">Moses</persName>.<note xml:id="n04">
                            <p> So nach der Zählung der Zehn Gebote in reformierter Tradition; nach lutherischer Zählung handelt es sich um das fünfte Gebot.</p>
                        </note> Das durfte nicht vorkommen in <term ref="kbga-terms-427">Israel</term>, sagte dies Gebot, dass Einer den Andern des Lebens beraubte. <term ref="kbga-terms-1701">Töten</term> war damit als eine böse Handlung erklärt. Wer sie beging, der verging sich zugleich gegen die <term ref="kbga-terms-1702">Rechtsordnung</term> seines Volkes und gegen den <term ref="kbga-terms-76">Willen Gottes</term>. Dieses Gebot hat für unser Empfinden etwas Selbstverständliches. Und doch gibt es in der Geschichte jedes Volkes eine Zeit, wo es noch neu war, wo seine Aufstellung noch einen Fortschritt bedeutete. 
                    Erst nach und nach mussten die Menschen zu der Vorstellung erzogen werden, dass sie den Andern nicht <pb xml:id="p271" ed="pga"/> als vogelfrei betrachten durften. Erst nach und nach und unter vielen Schwierigkeiten und in verschiedenen Stufen musste sich der Grundsatz: nicht töten! durchsetzen. So nach und nach mussten sie begreifen lernen, dass es ohne diesen Grundsatz kein Zusammenleben untereinander gebe. Moses selbst hat ja, bevor er Gesetzgeber wurde, 
                    einen Ägypter im Zorn erschlagen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ex.2.11 Ex.2.12">Ex. 2,11f.</ref>]; auch nachher hat er nach der Erzählung der Bibel dieses <term ref="kbga-terms-1700">sechste Gebot</term> noch mehr als einmal übertreten, wenngleich zur <term ref="kbga-terms-28">Ehre Gottes</term>, wie er meinte. Und die ganze Geschichte des <term ref="kbga-terms-427">Volks Israel</term>, auch die seiner größten Gottesmänner, wie <persName ref="kbga-actors-2172">David</persName> und <persName ref="kbga-actors-2281">Elias</persName>, trieft ja von Blut. Es ist oft, als ob sie das sechste Gebot gar nicht gekannt hätten. Und so war es in allen Völkern, in denen der Grundsatz: «Nicht töten!» einmal aufkam. Es ging lange, lange, bis er allmählich ins allgemeine Bewusstsein überging. 
                    Wir sind ja heute noch nicht damit fertig. Wir haben noch immer den <term ref="kbga-terms-1283">Krieg</term> als eine feierlich anerkannte Ausnahme von der Regel: Nicht töten! um zu schweigen von all den feineren, versteckteren Formen, in denen auch heute noch Menschen einander ums Leben bringen: durch Hunger und Kummer und schlechte Verhältnisse aller Art. Auch die hochentwickeltsten <term ref="kbga-terms-1709">Völker</term> stehen noch immer vor der Aufgabe, mit dieser einfachen, selbstverständlichen Regel tief und umfassend Ernst zu machen. Wir sind noch lange nicht soweit, dass wir <term ref="kbga-terms-174">das Böse</term> einzig in der Handlung des <term ref="kbga-terms-1701">Tötens</term> wirklich und genügend erkannt und bekämpft hätten. – </p>
                    <p>Und doch ist die äußerlich bemerkbare Tat, dass Einer dem Andern schnell oder langsam das Leben nimmt, ja nur das, was wir vorhin das <hi rend="italic">Blätterwerk</hi> des Baumes genannt haben, nicht das Ganze der bösen Handlung, die nicht geschehen sollte. Es ist nur die äußerste Spitze bösen Wesens, die darin zum Vorschein kommt, dass Einer den Andern in feiner oder grober Weise seines Lebens beraubt. Und es ist auch nur eine äußerste Spitze, 
                    wenn einer nur diesem Gebot gehorsam ist, wenn er das bezeichnete Vergehen tatsächlich nicht auf dem Gewissen hat. Das werden wir ja wohl Alle von uns sagen können. Aber ob wir deshalb gute Menschen sind, das ist eine ganz andre Frage. Wir können uns nicht nur an die Blätter halten, an die äußerlich bemerkbare Tat oder daran, dass wir sie bis jetzt unterlassen haben. Wie steht’s mit den Zweigen, mit dem Stamm, mit der Wurzel? 
                    Seht, hier beginnt der <hi rend="italic">Unterschied</hi> zwischen der neuen <term ref="kbga-terms-283">Gerechtigkeit</term> des <term ref="kbga-terms-1621">Him<pb xml:id="p272" ed="pga" break="no"/>melreichs</term> und der Gerechtigkeit der <term ref="kbga-terms-808">Pharisäer</term> und <term ref="kbga-terms-1433">Schriftgelehrten</term>. Was diese letztern Gerechtigkeit nannten, das war eine Gerechtigkeit des Blätterwerks, eine Gerechtigkeit der äußersten Spitze. 
                    Sie bestand ganz einfach darin, dass der Mensch tat oder unterließ, was das <term ref="kbga-terms-66">Gesetz</term> befahl oder verbot: dem <term ref="kbga-terms-1700">sechsten Gebot</term> gerecht werden, das hieß also: niemanden vom <term ref="kbga-terms-56">Leben</term> zum <term ref="kbga-terms-177">Tode</term> bringen. Wer das nicht tat, der war in dieser Beziehung ein guter Mensch, und das wollte nicht nur sagen: ein erträgliches Mitglied der <term ref="kbga-terms-1673">Gemeinde</term> und des <term ref="kbga-terms-160">Staates</term>, sondern ein <term ref="kbga-terms-1040">Gott wohlgefälliger</term> Mensch. <term ref="kbga-terms-76">Gottes Wille</term> in dieser Beziehung war erfüllt, wenn der Mensch nicht tötete. An das, was hinter dem Blätterwerk verborgen sein könnte, 
                    dachte man gar nicht. Davon stand nichts im sechsten Gebot; damit mochte es ein Jeder halten, wie er es für gut fand. Es kann uns nicht wundern, dass es bei dieser Auffassung im <term ref="kbga-terms-427">Volke Israel</term> jener Zeit so zahlreiche arg gerechte Leute gegeben hat, Leute, die nie <term ref="kbga-terms-792">Götzen</term> angebetet, nie geflucht, nie getötet, nie gestohlen, nie die <term ref="kbga-terms-1710">Ehe</term> gebrochen hatten und die sich deshalb sonnten im Bewusstsein, dass Gott Freude an ihnen haben müsse. 
                    Sie hatten wirklich das Alles, nämlich all diese äußerlich sichtbaren Taten nie getan. Das war die Gerechtigkeit der Pharisäer und Schriftgelehrten, und ich brauche ja wohl nicht erst zu sagen, dass sie mit jenen Zeitgenossen Jesu keineswegs ausgestorben ist, dass sie vielmehr auch unter uns sozusagen der herrschenden Auffassung entspricht. Besonders wenn wir uns selbst beurteilen, brauchen wir gerne diesen Pharisäermaßstab, berufen wir uns fast gewohnheitsmäßig auf die <term ref="kbga-terms-283">Gerechtigkeit</term> der äußersten Spitze. 
                    Man kann mir nichts vorwerfen! reklamieren wir und meinen damit, dass man nicht von uns sagen könne, wir hätten dieses und jenes, was man böse zu nennen gewohnt ist, getan. Und wenn wir es nicht <hi rend="italic">getan</hi> haben in dem Sinn, dass man mit dem Finger darauf zeigen und uns dafür haftbar machen könnte, dann sind wir ganz beruhigt und halten uns für brave, rechtliche Leute. So bringt es fast Jeder dazu, sich als Erzgerechten auszugeben, und man kann sich nur wundern, dass der Himmel auf Erden nicht längst angebrochen.</p>
                    <p>Nun seht, dieser <term ref="kbga-terms-283">Gerechtigkeit</term> der <term ref="kbga-terms-808">Pharisäer</term> und <term ref="kbga-terms-1433">Schriftgelehrten</term>, der <term ref="kbga-terms-1712">Gerechtigkeit des Buchstabens</term> und des Blätterwerks, hat Jesus mit seinem großen: Ich aber sage euch! die <hi rend="italic">Gerechtigkeit des <term ref="kbga-terms-1621">Himmelreichs</term></hi> entgegengestellt.</p>
                    <p><pb xml:id="p273" ed="pga" rend="noPipe"/> Wenn wir ihn recht verstehen wollen, müssen wir vor Allem auf die Energie und Autorität achten, mit der er dieses «<hi rend="italic">Ich aber</hi>» herausgerufen, fast möchte ich sagen: hinausgeschleudert hat. Man fragt sich beim Lesen oder Hören unwillkürlich: was kommt jetzt? Aber das ist keine rednerische Figur gewesen, durch die Jesus hätte Aufmerksamkeit und Eindruck erwecken wollen. Es war auch nicht bloß die Ankündigung eines <term ref="kbga-terms-1368">Fortschritts</term> in der Auslegung und Anwendung des Gebotes: 
                    Nicht töten! Die <term ref="kbga-terms-402">Menschheit</term> hat in den zwei Jahrtausenden seit Jesus Fortschritte gemacht in der Anwendung <term ref="kbga-terms-1700">dieses Gebotes</term>. Sie hat es gelernt, es mit dem Leben unendlich viel genauer zu nehmen, als das im <term ref="kbga-terms-1703">Altertum</term> geschah. Aber die Botschaft Jesu ging nicht in dieser Richtung. Er sagte nicht: Ihr sollt nicht töten! 
                    Ich aber sage euch, ihr sollt euch vor Mord und Totschlag noch mehr in Acht nehmen als bisher. Er hat weder gegen die <term ref="kbga-terms-1704">Rachsucht</term> geredet noch gegen den <term ref="kbga-terms-430">Zweikampf</term>, weder gegen den <term ref="kbga-terms-1283">Krieg</term> noch gegen die <term ref="kbga-terms-1705">Todesstrafe</term><note xml:id="n05">
                            <p> Bis zum 1942 in Kraft getretenen Schweizerischen Strafgesetzbuch war in mehreren Kantonen der Schweiz noch die <term ref="kbga-terms-1705">Todesstrafe</term> «für Mord und gemeingefährliche 
                    Delikte mit Todesfolge» vorgesehen; sie wurde jedoch ab 1848 nur noch selten vollstreckt. Das Militärstrafrecht hielt sie zum Beispiel für Landesverrat bis 1992 aufrecht; die letzte Hinrichtung unter Militärstrafrecht wurde 1944 vollzogen; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-839">L. Gschwend, Art. «Todesstrafe», in: Historisches Lexikon der Schweiz (https://hls-dhs-dss.ch/de/articles/009617/2012-10-24; zuletzt aufgerufen am 8.10.2021</bibl>). 
                    In der Bundesverfassung ist das Verbot der Todesstrafe seit 1999 in Art. 10, Abs. 1 verankert.</p>
                        </note>, weder für das Samariterwesen noch für den <term ref="kbga-terms-1706">Tierschutz</term>, obwohl das Alles zweifellos Anwendungen des Gebotes: Nicht töten! gewesen wären, die dann von Andern in der Tat gemacht worden sind. Man hat es schon bedauert, dass sich solche Anweisungen in der Predigt Jesu nicht finden. Aber in Wirklichkeit bringt eben die Predigt Jesu etwas viel Größeres. Es war nicht seine Sache, moralische Anwendungen zu den <term ref="kbga-terms-80">Zehn Geboten</term> zu machen. 
                    Es war nicht seine Sache, die Menschen auf diesen oder jenen kleinen oder großen <term ref="kbga-terms-1368">Fortschritt</term> hinzustoßen. Wenn er das getan hätte, wäre er ein mehr oder weniger großer Prophet gewesen, nicht der <term ref="kbga-terms-753">Messias</term>. Er hätte dann auf neues Blätterwerk hingewiesen neben dem alten. Aus seinen <term ref="kbga-terms-272">Jüngern</term> wären dann neue <term ref="kbga-terms-808">Pharisäer</term>, neue Erzgerechte geworden, wie es dann tatsächlich Vielen geschehen ist, die sich in die Brust warfen: Seht, dieses und <pb xml:id="p274" ed="pga"/> jenes Verbot oder Gebot habe ich gehalten! über das Gebot: du sollst nicht töten! hinaus. Ich nehme es mit den Zehn Geboten ganz genau. |</p>
                    <p>Jesus forderte nicht eine genauere Auslegung des alten Gebotes, sondern auf Grund des alten Gebotes etwas ganz Neues. Er arbeitete nicht in die Breite, sondern in die Tiefe. 
                    Sein «Ich aber!» kündigte an, dass er überhaupt nicht vom Blätterwerk der menschlichen <term ref="kbga-terms-1691">Handlungen</term> reden, sondern seinen Blick aufs Ganze richten wollte. Ihn beschäftigte es zwar gewiss auch, was die Menschen <hi rend="italic">taten</hi>, er freute sich, wenn er einen <term ref="kbga-terms-829">Gutes</term> tun, und er entsetzte sich, wenn er einen freveln sah. Aber ebenso sehr wie an diese vollendeten guten oder bösen Taten der Menschen dachte er an Alles das, aus dem die <term ref="kbga-terms-1691">Taten</term> herauswachsen: an die <term ref="kbga-terms-1692">Worte</term>, <term ref="kbga-terms-1690">Gedanken</term> und <term ref="kbga-terms-1435">Gefühle</term>, die dahinter verborgen sind. Und darum lautete seine Forderung nicht: 
                    hier und dort müsst ihr’s anders machen, sondern: Im Ganzen der menschlichen Handlungen, von der sichtbaren Tat bis ins Innerste der Gefühle, die kaum dem Menschen selbst bewusst sind, muss <term ref="kbga-terms-829">das Gute</term> siegen und <term ref="kbga-terms-174">das Böse</term> zurückweichen. 
                    Auf der ganzen Linie, innerlich und äußerlich, muss es vorwärts gehen mit dem Menschen. Während die <term ref="kbga-terms-808">Pharisäer</term> auf ihre Taten sich etwas zu Gute taten, hat er erkannt, dass die Gefühle im Menschen den Gedanken erzeugen, der Gedanke aber das Wort und das Wort die Tat, und darum hat er an einem ganz andern Punkt eingesetzt mit seiner Forderung. Er hat sofort an das Erste und Innerste in Menschen appelliert, an die verborgenen Gefühle, die unser <term ref="kbga-terms-1501">Denken</term> und unsern <term ref="kbga-terms-989">Willen</term> treiben und hat ihn gefragt: Wie stehst du hier? Bist du hier gut oder böse? Er hat nicht außen herum korrigiert, sondern von innen nach außen, er hat von innen heraus, von dem Punkte aus, der das ganze Leben beherrscht, das ganze Leben in Anspruch genommen für das Gute. |</p>
                    <p>Ich will dieselbe Sache etwas anders ausdrücken: Jesus hat den Leuten nicht <term ref="kbga-terms-477">Moral</term> gemacht, sondern er hat ihnen den <term ref="kbga-terms-1711">lebendigen Gott</term> verkündigt. Die <term ref="kbga-terms-808">Pharisäer</term> meinten das auch zu tun, denn auch sie predigten ja im Namen Gottes: Du sollst nicht töten! Aber ihr Gott war nicht lebendig, sondern klein und engbrüstig und kurzsichtig. Er beschäftigte sich nur mit dem, was vor Augen ist. 
                    Er wachte zwar über die Erfüllung <term ref="kbga-terms-264">seiner Gebote</term>, aber doch im Grunde nur über<note place="footnote" n="a" type="textcritical" xml:id="na">
                            <p> Hier und im Folgenden steht im <ref corresp="A">Mskr.</ref>: «um»; von den Hrsg. beide Male in «über» korrigiert.</p>
                        </note> das, was <pb xml:id="p275" ed="pga"/> man daran sehen und hören kann, über das Letzte, Äußerste, was auch dazugehört. Es war ein Gott, der sich durch den guten oder bösen Anstrich einer Handlung täuschen ließ über ihr wahres Wesen. An Stelle dieses kleinen Gottes der Pharisäer verkündigte Jesus den wirklichen, den großen Gott, indem er sein Machtgebiet erweiterte über die ganze äußere und innere Welt des Menschen. 
                    Du sollst den Herrn deinen Gott lieben, sagte er, nicht bloß, indem du hier brav bist und dort etwas Schlechtes unterlässest, sondern von ganzem Herzen, von ganzem Gemüt, von ganzer Seele und aus allen deinen Kräften [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.22.37">Mt. 22,37</ref>].</p>
                    <p>Diese Verkündigung des <hi rend="italic">großen</hi> Gottes, der den ganzen Menschen beansprucht, finden wir nun auch in seiner Kritik und Verbesserung des <term ref="kbga-terms-1700">alten Gebotes</term>: <hi rend="italic">Du sollst nicht töten!</hi> Gewiss, an diesem Gebot wollte er nicht rütteln. Aber, meinte er, <term ref="kbga-terms-174">das Böse</term> muss verschwinden nicht bloß in seiner äußersten Spitze und Vollendung, sondern in seinem ganzen Umfang. Und weil die Ursache des Bösen zuinnerst sitzt, muss auch der Sieg <term ref="kbga-terms-829">des Guten</term> zuinnerst anfangen. 
                    Es gibt eine Art von <term ref="kbga-terms-1701">Töten</term>, meint er, da wird zwar keinem Menschen in sichtbarer Weise das <term ref="kbga-terms-56">Leben</term> genommen und doch ist die böse <term ref="kbga-terms-1691">Handlung</term> da und verdient die gleiche Beurteilung und die gleiche Strafe wie die vollendete Tat. 
                    Wer mit seinem Bruder zürnt, der ist genauso dem <term ref="kbga-terms-387">Gericht</term> verfallen wie der, der seinen Bruder tötet. Es sind ja ganz nebensächliche Grade, die es beim Einen nur zum <term ref="kbga-terms-1106">Zorn</term> kommen lassen, beim Andern zum Mord. Beide sind von denselben Regungen in Bewegung gesetzt, nämlich entweder von der <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-1704">Rachsucht</term></hi>, die danach verlangt, das empfangene <term ref="kbga-terms-174">Böse</term> mit Zinsen zurückzugeben, oder vom <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-1707">Neid</term></hi>, der sich daran stößt, dass Andre in irgend einer Weise weiter oben stehen, oder von der <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-1558">Selbstsucht</term></hi>, die es von vornherein verhindern will, von Andern beeinträchtigt zu werden. 
                    Diese Regungen wallen nun in einem Menschen wie ein Feuer aus nassem Holz, beim Andern brechen sie in hellen Flammen aus. Der Eine macht die Faust bloß in der Tasche, der Andre zieht sie heraus und schlägt drein. Der eine wird bloß zornig, der andre begeht seine <term ref="kbga-terms-411">Gewalttat</term>. Aber die Bestie eines zänkischen, eifersüchtigen, beschränkten <term ref="kbga-terms-1435">Gefühls</term> ist in Beiden losgebrochen, und damit ist die böse <term ref="kbga-terms-1691">Handlung</term> da, gleichviel ob sie äußerlich vollendet ist oder nicht. Gott sieht aufs Ganze, und das Ganze beurteilt er nach den Ursachen. Und wenn es nach irdischem <term ref="kbga-terms-66">Gesetz</term> schwere Mord<pb xml:id="p276" ed="pga" break="no"/>taten gab, die den Mörder vor das höchste Gericht in <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName>, vor den <orgName ref="kbga-actors-9034">hohen Rat der 72</orgName><note xml:id="n06">
                            <p> Der <orgName ref="kbga-actors-9034">Hohe Rat / Sanhedrin</orgName> war die oberste jüdische religiöse und politische Instanz und bestand aus den vornehmsten Priestern, 
                    den führenden Schriftgelehrten und den angesehenen Ältesten. Zusammen waren es 71 Männer, den Vorsitz hatte der Hohepriester.</p>
                        </note> brachten, so urteilte Jesus, dass das Schimpfwort: Taugenichts! mit der Verachtung, die dahinter verborgen liege, ebenso gut vor den hohen Rat führen müsste. Und wenn es ganz schwere Mordtaten gab, für die die Richter in <placeName ref="kbga-places-34">Israel</placeName> keine Strafe mehr wussten als die Verdammnis in der Feuerhölle, so fügte Jesus hinzu, dass es eine ebenso schwere und ebenso schwer zu bestrafende Mordtat sei, seinen <term ref="kbga-terms-910">Nächsten</term> lieblos einen Gottlosen zu heißen. Also: ob’s bloß zum innerlichen Toben kommt gegen den <term ref="kbga-terms-800">Mitmenschen</term> oder bis zu Scheltworten oder bis zum tödlichen Schlag; es ist vor Gott allemal dasselbe. Die böse <term ref="kbga-terms-1691">Handlung</term> ist für ihn vollendet. Die Wurzel ist vergiftet und darum auch der Baum. Die Bestie ist losgelassen, und das ist das Schlimme, gleichviel ob sie viel oder wenig Schaden angerichtet.</p>
                    
                    <p>Und darum ist nun auch die <term ref="kbga-terms-283">Gerechtigkeit</term> des <term ref="kbga-terms-1621">Himmelreichs</term> etwas Anderes als die der <term ref="kbga-terms-808">Pharisäer</term> und <term ref="kbga-terms-1433">Schriftgelehrten</term>. Sie beansprucht, den ganzen Menschen zu erfüllen. Wo sie eine Lücke hat, da hat sofort auch das <term ref="kbga-terms-38">Verhältnis zu Gott</term> eine Lücke. Wo sich in unserm <term ref="kbga-terms-1435">Fühlen</term>, <term ref="kbga-terms-1501">Denken</term>, <term ref="kbga-terms-1692">Reden</term> und <term ref="kbga-terms-1691">Tun</term> eine Störung findet, da ist sofort auch eine Störung der Beziehung zu Gott. 
                    Man kann nicht Opfer in den Tempel bringen, sagt Jesus, und zugleich mit seinem Nachbar auf Kriegsfuß leben. Man kann nicht in die <term ref="kbga-terms-33">Kirche</term> gehen und singen und beten und daneben grollen und schelten über einen <term ref="kbga-terms-800">Mitmenschen</term>. 
                    Man kann überhaupt nicht an Gott denken, wenn etwas von jenen mörderischen Regungen <term ref="kbga-terms-1704">Rachsucht</term>, <term ref="kbga-terms-1707">Neid</term> und <term ref="kbga-terms-1558">Selbstsucht</term> in uns schafft. Sondern um den Weg zu Gott zu finden, müssen wir solche Störungen aufheben, und zwar ohne Verzug, vorher helfen uns die <term ref="kbga-terms-457">frömmsten Gedanken</term> nichts. 
                    Lass deine Gabe vor dem Altar und geh zuvor hin und versöhne dich mit deinem Bruder und alsdann komm und opfre deine Gabe, rät uns Jesus. Denn um uns an Gott zu wenden, müssen wir ganze, ungeteilte Menschen sein. Wir können Gott nur dann suchen, wenn wir ihn schon gefunden haben. Und wir finden ihn nur damit, dass wir bis in unsre <term ref="kbga-terms-1690">Gedanken</term> und <term ref="kbga-terms-1435">Gefühle</term> hinein davon durchdrungen sind, dass wir an unsern Mitmenschen Freude haben und <pb xml:id="p277" ed="pga"/> ihnen helfen müssen. Das ist dann die rechte, höhere Erfüllung des <term ref="kbga-terms-1700">Gebotes</term>: Du sollst nicht töten! Das fordert Jesus von uns als der <term ref="kbga-terms-1708">Gesetzgeber des Himmelreichs</term>. Aber auch das Andre ist wahr: dass er es uns schenkt, indem er es von uns fordert.</p>
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                <div type="closer">
                    <salute>Amen.</salute>
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