23. Juni 1912

Predigt: Matthäus 5,17-20

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Matthäus 5,17–20
Ihr sollt nicht denken, dass ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen. Nicht aufzulösen bin ich gekommen, sondern zu erfüllen. Denn wahrlich, ich sage euch, bis der Himmel und die Erde vergehen, wird auch nicht ein Jota oder ein Häklein vom Gesetz vergehen, bis Alles wird geschehen sein. Wer nur eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute also, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich. Denn ich sage euch: Es sei denn eure Gerechtigkeit besser denn die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.
Liebe Freunde!

Diese Worte Jesu reden von einer Frage, die sicher schon Vielen von uns Anlass zum Nachdenken und vielleicht zu zweifelnden oder wehmütigen Gefühlen gegeben hat. Sie handeln nämlich vom Alten und vom Neuen im Reiche Gottes, von dem Verhältnis, in dem Beide zueinander stehen, und von der Ordnung, in der das Eine auf das Andre folgen soll. Vom Gottesgesetz des alten Testamentes hat Jesus dort gesprochen und von der Art, wie seine Jünger, die Hörer des neuen Gotteswortes, sich dazu stellen sollten. Aber was er da gesagt hat, das betrifft doch nicht nur die damalige Zeit mit ihren Verhältnissen, sondern es enthält eine Regel des geistigen Lebens, die die Menschheit immer wieder beachten und befolgen muss, wenn sie innerlich gesund bleiben will. Denn das ist nicht bloß einmal geschehen, nicht bloß damals, dass ein neues Gotteswort gegen ein altes stand und dass die Menschen sich entscheiden mussten: was soll nun gelten? sondern das ist oft geschehen und geschieht immer wieder. Denn Gottes Wille ist uns wohl in seiner Richtung ein für allemal bekannt, aber was er im Einzelnen von uns will, von den wechselnden Geschlechtern der Menschen, von den Einen im Unterschied zu Andern, ja, selbst von einem und demselben Menschen in frühern oder spätern Zeiten seines Lebens, das steht nicht ein für allemal fest, sondern das müssen wir |256 immer neu entdecken, immer neu uns von ihm zeigen lassen. Gottes Wort ist nicht fertig, sondern es wird uns gleichsam eine Stufe nach der andern sichtbar. Es ist freilich ewig in Gott, aber uns erscheint es in einer Reihe immer neuer Enthüllungen. Wir könnten es sonst nicht fassen. Wir müssen erzogen werden.

Jesus hat ein anderes Mal auch von dieser Tatsache geredet; als er sagte: Ich habe euch noch viel zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, der wird euch in alle Wahrheit leiten! [Joh. 16,13] Das ist etwas Großes, dass wir uns von diesem Geist der Gotteswahrheit so von einer Stufe zur andern dürfen leiten lassen. Wohl uns, wenn wir mitgehen und nicht zurückbleiben! Aber diese Tatsache bringt nun auch jenen Gegensatz mit sich zwischen dem Neuen und dem Alten. Was soll aus der alten Wahrheit werden, wenn die neue da ist? Was sollen wir von der untern Stufe denken, wenn uns die obere sichtbar wird? Hat uns nicht der lebendige Gott auf diese untere Stufe geführt? Ist es nicht sein Wille gewesen, der uns da offenbar geworden ist? Gebietet uns nicht die Ehrfurcht und die Dankbarkeit, festzuhalten an dem, was er uns gegeben und geboten hat? In diesen Fragen des Alten und des Neuen im Reiche Gottes hat es nun zu allen Zeiten zwei Gruppen von Menschen mit zwei gründlich verschiedenen Verhaltungsweisen gegeben. Die Einen sind die Zurückhaltenden, die Andern die Vorwärtsstürmenden. |

Den Einen ist es so wohl geworden auf der Stufe der Erkenntnis und Lebensordnung, auf die Gott sie geführt, dass sie davon nicht mehr lassen mögen. Sie haben das Gefühl, sie könnten bei einer Änderung nur verlieren. Sie stehen darum dem, was Andre ihnen als neue Enthüllung der Gotteswahrheit rühmen, misstrauisch und ablehnend gegenüber, und wenn sie darauf eingehen, dann wollen sie doch die alten, ihnen lieb gewordenen Gedanken, Gewohnheiten und Einrichtungen nicht aufgeben, sondern indem sie sich langsam an die neue Stufe gewöhnen, nehmen sie doch Alles das mit sich, wie man alte Möbel in ein neues Haus hinübernimmt, aus treuer Anhänglichkeit, auch wenn sie nicht mehr so ganz dahinein passen sollten. |

Die Andern sind die Stürmer und Dränger. Sie leben mit ihrer ganzen Sehnsucht und ihrem ganzen Willen bereits auf der obern Stufe. Gottes Wahrheit ist in der neuen Form über sie gekommen, und das so |257 mächtig, dass es ihnen schwer oder unmöglich geworden ist, auch im alten Gotteswort wahrhaftiges und wirkliches Gotteswort zu erkennen. Sie finden im Früheren, in den Gedanken und Ordnungen, die vorher gegolten haben, das Göttliche nicht mehr, sondern nur noch das Menschliche, das Veraltete, das Träge, das Hindernde, die Schale, die gesprengt werden muss. Und darum laufen sie Sturm, dieses Frühere womöglich radikal zu beseitigen, damit das Neue sich voll und frei entfalten könne. – |

Wer hat nun Recht, die Zurückhaltenden oder die Vorwärtsstürmenden, die Freunde des Alten oder die Freunde des Neuen? Ich denke, wir spüren die Unvollkommenheit der einen wie der andern Haltung, auch das göttlich Berechtigte, das in Beiden ist. Seht, von diesen großen Fragen redete Jesus in seinem Wort vom Gesetz und den Propheten, die nicht aufgelöst werden sollen, und von der Gerechtigkeit, die besser sein soll als die der Schriftgelehrten und Pharisäer. Und darüber wollen wir nun ernsthaft nachdenken.

*   *   *

Auf den ersten Blick könnte es scheinen, als stelle sich Jesus ganz auf die Seite der zurückhaltenden Freunde des Alten. Das Alte war damals das israelitische Gottesgesetz, die Religion und die Lebensordnung, die in der Überlieferung von Moses und den Propheten enthalten war, der Weg zu Gott durch das Halten der Zehn Gebote und ihrer Auslegungen, durch Opfer, Fasten und Beten nach frommer Väter Sitte. Das Neue war Jesus selbst mit seiner wunderbar einfachen Botschaft von der Güte des Vaters im Himmel und von der Liebe zu den Brüdern und Schwestern, mit seiner Verkündigung von dem Gott, der Geist ist und nur im Geist und in der Wahrheit angebetet werden kann, vor Allem aber mit der schon durch sich selbst wirkenden, Kraft und Frieden und Freude verbreitenden Art seines Charakters, seines persönlichen Lebens. Die um ihn waren, ahnten, dass hier eine neue Stufe der Wahrheit enthüllt werde wie noch nie und nirgends sonst, dass hier ein neues, einzigartiges Wort Gottes zu ihnen gesprochen wurde. Und nun waren unter ihnen offenbar Solche, die daraus den Schluss zogen, es sei an der Zeit, das alte Gottesgesetz als überflüssig wegzuwerfen. Sie fanden es unnatürlich, dass sie als freie Kinder Gottes noch nach Knechtesart eingeschnürt sein sollten durch die alten |258 Gebote: du sollst! du sollst! du sollst! und vollends durch das ganze unendliche Gewebe von Vorschriften und Sitten über Sabbat und Reinheit und Tempeldienst. Was sollte das Alles im Reiche Gottes? War nicht der Gehorsam gegen das Gute selbstverständlich, der äußerliche Gottesdienst aber unnütz geworden für den Jünger Jesu, der seinen Meister verstanden hatte? So dachten Manche. Und nun mussten sie sich gerade durch ihren Meister, der ihnen das neue Wort Gottes gebracht hatte, eines Andern belehren lassen: Ihr sollt nicht denken, dass ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen. Bis Himmel und Erde vergehen, soll auch nicht ein Jota oder Häklein vom Gesetz vergehen. Das Jota ist der kleinste Buchstabe im Alphabet der hebräischen Sprache, und mit dem Häklein oder Hörnlein ist das kleine, unscheinbare Strichlein gemeint, das in dieser Sprache zum Beispiel dazu dient, die Buchstaben D und R oder B und K voneinander zu unterscheiden. Nichts, gar nichts vom alten Gotteswort soll vergehen, bis dass Himmel und Erde vergehen, wollte Jesus sagen. Wer es anders macht, wer auch nur eines von den kleinsten Geboten des alten Bundes auflöst, beseitigt und die Leute also lehrt, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich. Das tönt so klar und unmissverständlich, als man nur immer will. Jesus, der große Bringer des Neuen, will doch das Alte nicht auflösen und will auch nicht, dass seine Jünger es tun. |

Wie ist er dazu gekommen, diese eigentümliche und nach der Ansicht mancher Bibelforscher fast unbegreifliche Haltung1 einzunehmen? Wenn ich seine Worte recht verstehe, so hatte er dazu zwei Gründe. Der erste war die aufrichtige, tiefe Verehrung, die er dem Gotteswort des alten Bundes entgegenbrachte. Wir brauchen ihm |259 nicht zuzutrauen, dass er die Unvollkommenheiten und Härten, die Äußerlichkeiten und zeitlichen Beschränktheiten der alttestamentlichen Gebote nicht ebenso gut oder besser eingesehen hätte als seine eifrigen Anhänger, die sie deshalb für null und nichtig erklären wollten. Das hat er ganz sicher, denn ihm verdankten sie es ja, wenn sie gegenüber der alten Art israelitischer Frömmigkeit kritisch geworden waren. Und wenige Verse nachher lesen wir ja in der Bergpredigt, wie er dem alten Gebot – Ihr habt gehört, wie zu den Alten gesagt ist – sein eigenes neues – Ich aber sage euch – entgegengestellt hat [vgl. Mt. 5,21–48]. Aber gerade aus dieser Kritik Jesu an den Gesetzestafeln des Moses, mit der wir uns an den nächsten Sonntagen beschäftigen werden, können wir sehen, wie es gemeint war. Jesus hat das alte Testament kritisiert und in einer Weise verbessert, die einer völligen Umwälzung gleichkam, aber nicht, weil er es geringschätzte, sondern weil er es in einer Weise ernst nahm, in der ihm auch der eifrigste Jude nicht gleichkam. Es ist gar nicht anders möglich, als dass er in der langen, uns unbekannten Zeit seines Lebens vom zwölften bis zum zwanzigsten Jahr sich aufs Eifrigste mit den heiligen Schriften seines Volkes beschäftigt hat. Er ist vertraut geworden mit den großen Gestalten der Vergangenheit, mit Moses und den Psalmsängern und vor Allem mit den Propheten, einem Amos und Jesaja und Jeremia, und mit ihren machtvoll gebietenden und verheißenden Worten, die noch heute, den ewigen Schneebergen gleich, überlegen und immer wieder erhebend zu uns herüberblicken. Er hat dem alten Testament und den Worten der alten Zeit nicht nur geglaubt und gehorcht, sondern er hat innerlich in ihnen gelebt, seine Gedanken sind mit ihren Gedanken eins geworden. Das alte Gotteswort wurde die Nahrung, an der er selbst groß wurde. Nur weil er es so tief innerlich verstand und verehrte, weil er seinem Geist sich so völlig unterwarf, konnte er dann auch so überraschend frei werden gegenüber seinem Buchstaben. Das Neue wuchs für ihn selbstverständlich aus dem Alten hervor. Seine Kritik am alten Gesetz ging aus demselben Gottesgeist hervor, der vor tausend Jahren das Gesetz geschaffen. Er überwand und beseitigte das Gesetz und die Propheten, weil er inniger und vollständiger von ihrer Wahrheit durchdrungen war als ihre eigenen Urheber. Und deshalb hat er seine Jünger, die schnell, schnell das alte Testament zum alten Eisen werfen wollten, zurechtgewiesen: ich bin nicht gekommen, das |260 Gesetz oder die Propheten aufzulösen. Er wollte ihnen damit sagen: seid ihr denn auf dem Weg gegangen, den ich gegangen bin? habt ihr denn die alte Wahrheit so ernst genommen, so in euch aufgenommen, dass ihr sagen könntet, wir brauchen Moses und die Propheten nicht mehr? Habt ihr die alten Gottesgebote und Gottesverheißungen so begriffen und ergriffen, dass ihr sie inwendig habt und ihrer auswendig nicht mehr bedürft? Jesus wollte ihnen sagen: Freunde, wir dürfen kein Gotteswort auflösen, bevor es erfüllt ist, das heißt, bevor wir seinen vollen Segen empfangen haben. Er wollte sie anleiten, die alte Wahrheit vor Allem einmal ebenso ernst zu nehmen wie er selbst, um so auf dem rechten, normalen Weg zu der neuen Wahrheit zu gelangen, die er ihnen zu geben hatte. – |

Und zu diesem ersten Grund, am Alten festzuhalten, kam nun ein zweiter, der damit zusammenhängt: Jesus kannte die Menschen. Er wusste, wie leicht sie auf die Meinung kommen, die natürliche Freude am Kritisieren und Niederreißen sei an sich selbst schon etwas Gutes und Göttliches. Es gab zu seiner Zeit Viele, die das Gesetz und die Propheten als eine Last empfanden, deren Freiheitsbedürfnis heimlich gegen den Druck sich auflehnte, den das alttestamentliche Gotteswort ihnen auferlegte. Jesus hätte ihnen Freude machen können damit, dass er ihnen gesagt hätte: es gilt von jetzt an nicht mehr. Wer weiß, Jesus würde die Volksmasse für sich gewonnen haben, wenn er offen die Abschaffung der alten, schweren, so Vieles verlangenden Religion proklamiert hätte, gerade wie man auch heutzutage leicht Anhänger findet, wenn man damit anfängt, alte Ordnungen oder Glaubenssätze zu kritisieren und abzuschaffen. Jesus hat nun freilich ganz gewaltig kritisiert und abgeschafft. Aber gerade die Freude hat er weder seinen Jüngern noch dem Volk gemacht, ihnen zu verkündigen: Das neue Wort Gottes ist da, darum hat das alte aufgehört, ihr braucht es nicht mehr zu beachten. Denn er wusste, dass sie dann aus seiner Botschaft nur das Nein gegenüber dem alten herausgehört hätten, dass bloß der Freiheitsdrang, die Lust am Abschaffen und Zerstören in ihnen erwacht wäre. Seine Jünger wären dann zu jener Art von aufgeregten, eigenmächtigen Leuten geworden, die in der Welt freilich zahlreich sind, deren Losung ein jüngerer Schweizer Dichter treffend beschrieben hat:

261Lasst uns über Zäune klettern,
Denn dazu sind Zäume da.
Lasst Laternen uns zerschmettern,
Unsre Lichter leuchten ja!2

Gerade das wollte Jesus nicht. Die bloße Freiheit vom Gesetz wäre ihm als etwas ganz Kindisches, Wertloses, ja, Gefährliches erschienen. Er hatte den Menschen Besseres zu bieten als eine Befriedigung jenes natürlichen Freiheitsbedürfnisses. Die Freiheit, zu machen, was man will, ist noch lange nicht ein Zeichen von Leben. Leben wollte Jesus den Menschen bringen, das heißt aber, vollen Gehorsam gegen Gott, volle Gerechtigkeit. Also nicht weniger, sondern mehr Gehorsam, nicht schlechtere, sondern bessere Gerechtigkeit als das alte Testament sie forderte. Jesus wollte die Menschen nicht losbinden von Pflicht und Recht in ihrer ganzen erhabenen Strenge, sondern er wollte sie ernsthafter, innerlicher, aufrichtiger daran binden und wollte ihnen den Weg zeigen, Pflicht und Recht auch zu erfüllen. Wer ihm hätte nachfolgen wollen, nur weil ihm der Ernst und die Strenge des alten Gesetzes ungemütlich geworden war, der hätte nicht zu ihm gehört, denn er war ernster und strenger als Moses und die Propheten. Wer Freude hatte am Kritisieren und Neinsagen, der kam bei ihm nicht auf seine Rechnung, denn er war nicht da zum Kritisieren und Neinsagen, sondern zum Aufbauen und Jasagen. Und um da niemand irrezuführen, um sich keine Freunde zu erwerben unter den Freunden |262 des bloßen Freiheitsbedürfnisses, unter denen, die vom Alten bloß los sein wollten, um tun zu können, was ihnen gefällt, deshalb hat er zwischen sich und ihnen die klare Scheidungslinie gezogen: Ich bin nicht gekommen, aufzulösen – bis Himmel und Erde vergehen, wird auch das Kleinste vom Gesetz nicht vergehen –, wer damit mein Jünger sein will, dass er dem alten den Abschied gibt, und wer gar damit das Evangelium zu verkündigen meint, dass er lehrt, das alte Testament brauche jetzt nicht mehr geglaubt und gehalten zu werden, der hat mich kaum erst von Weitem verstanden, der gehört zu den Kleinsten im Himmelreich, er steht noch in der Vorhalle des Hauses Gottes und muss die Hauptsache erst erfassen lernen. Kommt herein, will er ihnen sagen, ich habe euch Besseres zu bieten. Die neue Wahrheit ist etwas unendlich viel Größeres als die Ablehnung der alten. Ja, wenn ihr die neue Wahrheit fassen wollt, dann müsst ihr erst die alte ernst nehmen.

Ich möchte den Sinn seiner Worte so ausdrücken: er wollte den Freunden des Neuen, den Vorwärtsdrängenden, sagen: ihr müsst es nicht machen, wie es törichte Kinder manchmal tun, denen es zu lange geht, die Knospe zur Blume sich entfalten zu lassen, und die darum die grünen Deckblätter abrupfen, um der Entfaltung der Blumenblätter nachzuhelfen. Dabei geht die Blume unfehlbar zu Grunde. Die Deckblätter sind die alten, die Blumenblätter die neue Wahrheit. Wenn ihr die grünen Blätter schön stehen lasst, wenn ihr warten könnt, dann wächst und entfaltet sich die Blume,3 dann wächst die neue Wahrheit organisch mit innerlicher Notwendigkeit hervor aus der alten. – |

Vielleicht wird es euch an einigen Beispielen noch klarer, dass dies Gebot Jesu: Nicht auflösen! eine ewige Wahrheit ist. Ein Gebiet, auf dem sich jener Gegensatz zwischen dem Alten und dem Neuen besonders häufig geltend macht, ist das Verhältnis von Eltern und Kindern, besonders wenn die letztern älter geworden sind. Da sind Söhne und Töchter, die vielleicht in der Fremde, vielleicht durch Bücher |263 oder Freunde zu ganz andern Anschauungen und Gewohnheiten gelangt sind als ihre Eltern. Ich rede jetzt natürlich nicht von solchen, die einfach liederlich geworden sind, sondern von solchen, die durch ernsthaftes Nachdenken dazu gekommen sind, in Manchem anders zu denken und zu handeln, als man sie zu Hause angewiesen hatte. Was soll man davon halten, was ihnen sagen? Ich meine, gerade solche junge Leute – und es sind ja die allermeisten in diesem Fall – sollten es sich zur ernstlichsten Gewissensfrage machen, ob sie vor dem Worte Jesu: Nicht auflösen! bestehen können. Ob sich in ihrem Leben die Blume organisch aus der grünen Knospe entfaltet hat oder ob sie eigenmächtig, frevelhaft an der Knospe herumgezupft haben, in der Meinung, damit etwas gutes Neues zu schaffen? Ob sie mit der rechten Ehrfurcht und Dankbarkeit das Beste aus ihrem Elternhaus mitgenommen haben, ob ihr eigenes Leben aus dieser Ehrfurcht und Dankbarkeit hervorgewachsen ist, oder ob sie bloß etwas Anderes geworden sind als ihre Eltern aus Freude am Andersmachen, am Neinsagen, am Kritisieren und Abschaffen, und heimlich wohl auch aus jener missverstandenen Freiheitslust gegenüber dem Ernst des Guten, der ihnen in der Art ihrer «Alten», wie man sagt, begegnet und zu drückend war? |

Oder ein anderes Beispiel, aus der Geschichte: War denn die Reformation, durch die unsre protestantischen Kirchen entstanden sind, etwas Anderes als ein großes und deutliches Auflösen der überlieferten Wahrheit? Ein Abfall von einem alten Worte Gottes, das mehr als ein Jahrtausend lang gegolten, zu Gunsten eines neuen? Ich sprach dieser Tage mit unserm katholischen Nachbarpfarrer4 über meinen Text, und er meinte, ich müsse es doch recht schwer haben, darüber zu predigen, denn wir Protestanten hätten uns zu sehr dagegen verfehlt durch unsern «Abfall» von der einen heiligen, allgemeinen christlichen Kirche. Ich antwortete darauf, dass es in der Tat von der Reformationszeit bis auf unsre Tage viele sogenannte Protestanten gebe, für die der Protestantismus bloß eine «Auflösung», ein Neinsagen und Kritisieren sei. Ihr Protestantismus besteht darin, dass sie nicht an den |264 Papst glauben, nicht an Maria und die Heiligen und nicht an die Messe. Sie haben Luther und Zwingli zugejubelt, weil sie da vernahmen, dass man jetzt nicht mehr der Kirche gehorchen müsse. Sie haben Freude an ihrem Protestantismus, weil sie ihn von Zeit zu Zeit hervornehmen können wie einen alten Stock, wenn es gegen Rom und die Pfaffen geht. Meine Freunde, rechte Protestanten sind wir nur dann, wenn wir die christliche Wahrheit, die auch in der katholischen Kirche verkündigt wird, ernst genommen haben, wenn uns die tiefe Frömmigkeit und der große Lebensernst, der sich auch dort findet, Eindruck gemacht hat und wenn wir dann mit gutem Gewissen sagen können: wir möchten es aber noch ernster nehmen, als es dort geschieht, wir verlangen nicht weniger, sondern mehr Wahrheit, nicht weniger, sondern mehr Schärfe gegen die Sünde, nicht weniger, sondern mehr Eifer für das Gute, als sie dort geübt werden. Solche Protestanten sind unsre Reformatoren gewesen, und weil sie es waren, war die Reformation nicht Auflösung, sondern Erfüllung. Aber sorgen wir dafür, dass das von uns auch zu sagen sei. Protestantismus ist reifes Leben in Gott. Wo er das nicht ist, wo er bloß aufzulösen und Nein zu sagen weiß, da ist er Frevel und Torheit. – |

So steht über allem, auch über dem berechtigten und nötigen Gegensatz zwischen Neuem und Altem warnend das Wort Jesu: Nicht auflösen! Verdirb es nicht, es liegt ein Segen drin! [Jes. 65,8]

Und so scheint Jesus ganz zu denen, die wir am Anfang die Zurückhaltenden, die Freunde des Alten nannten, zu gehören. Unsre Textworte weisen in der Tat ganz in diese Richtung. Und doch liegt genug Gegenteiliges in den selben Worten, das uns darauf aufmerksam macht, dass wir ihn mit derselben Notwendigkeit den größten Vorwärtsdränger, den größten Neuerer nennen müssen. Wir können darauf heute nicht näher eintreten, schon weil in unserm Text der Nachdruck, wie gesagt, durchaus auf der andern Seite liegt. Aber wenigstens andeuten müssen wir es, dass Jesus in seinem innersten Wesen zugleich das Gegenteil eines Zurückhaltenden, eines Konservativen in dem Sinn, wie wir das verstehen, gewesen ist. Vor Allem darum, weil es ihm, wenn er das Alte erhalten und schützen wollte, doch durchaus um das Neue zu tun war. Er wollte, um das Bild nochmals zu brauchen, die Deckblätter erhalten, damit die Blume wachsen könne, nicht um ihrer selbst willen. Das Ziel, das er anstrebte, war |265 nicht die Heiligkeit und Gerechtigkeit, wie sie der Fromme des alten Bundes anstrebte, sondern die neue Gerechtigkeit des Himmelreichs. Er sagt: nicht auflösen, sondern erfüllen, nicht beseitigen, sondern ganz ernst nehmen, nicht abschwächen, sondern eine bessere Gerechtigkeit hervorbringen. In dem Allem liegt bereits, dass es durchaus Jesu Meinung ist, dass zu dem Altem etwas Neues hinzukommen, oder, wie wir bereits besser gesagt: dass aus dem Altem etwas Neues hervorwachsen soll. Für den Grundsatz: es soll Alles beim Alten bleiben, wir brauchen nichts Neues! kann man diese Bibelstelle auf keinen Fall herbeiziehen. Die Worte «erfüllen» und «bessere Gerechtigkeit» sprechen zu deutlich dagegen.

Aber es liegt noch mehr darin. Es liegt darin der Hinweis auf die Tatsache, dass alle alte Wahrheit zwar ihren unendlichen Wert hat und darum nicht ungestraft missachtet werden kann, dass sie aber auch ihre ganz bestimmte Schranke hat, dass ihre Geltung einmal aufhört. Jesus sagt vom Gesetz und den Propheten nicht, dass sie ewig gelten, sondern dass sie gelten, bis dass Himmel und Erde vergehen, bis Alles wird geschehen sein. Das sind zunächst recht schwer verständliche Worte. Wir können uns aber zu ihrer Erklärung einfach an das halten, was tatsächlich geschehen ist. Wir sehen nämlich, dass die ältesten Christen das Gesetz des Moses gehalten haben, solange Jesus lebte und darüber hinaus, bis Paulus ihnen erklärte, was sie selbst schon geahnt, dass mit dem Tode Christi am Kreuz das Gesetz für sie sein Ende erreicht habe [vgl. Gal. 4,4f.]. Auf Golgatha ist das Gesetz und sind die Propheten erfüllt worden, denn dort hat Jesus Gott den Herrn geliebt von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und aus allen seinen Kräften, und seinen Nächsten wie sich selbst [vgl. Mt. 22,37; Mt. 22,39]. Sie wurden erfüllt, wie es noch nie geschehen war. Und mit dieser Tat, in dieser Gesinnung war die neue Welt in ihren Anfängen bereits auf die Erde, unter die Menschen gekommen. Der neue Himmel und die neue Erde begannen sich herniederzusenken für die, die danach verlangten, für die, die den Kreuzesweg der Liebe auch gehen wollten, den Christus gegangen. Ist jemand in Christus, sagt Paulus mit Recht, so ist er eine neue Kreatur, das Alte, der alte Himmel und die alte Erde sind für ihn vergangen. Siehe, es ist Alles neu geworden [vgl. 2.Kor. 5,17]; er lebt bereits in dem neuen Geistesgebiet, in dem es kein Gesetz mehr gibt. Paulus war der treue |266 Vollstrecker des Willens Jesu, wenn er das Kreuz als des Gesetzes Ende proklamierte [vgl. Gal. 2,16f.; Gal. 3,13]. Das Gesetz war überwunden, indem es erfüllt war. Die neue, «bessere Gerechtigkeit», von der Jesus geredet, kam in seinem Tode leuchtend zum Vorschein, und weil in diesem Neuen das Alte völlig enthalten war, durften die Christen von nun an ohne Gewissensbisse nur nach dem Neuen greifen und das Alte fahren lassen. Die Zeit der Freiheit war für sie angebrochen, der wahren Freiheit, die nicht mehr seufzen muss: Das Gesetz zwingt uns! sondern: die Liebe Christi treibt uns also! [2.Kor. 5,14] Wer Jesus ähnlich wird, dem Jesus, der sein Kreuz getragen hat aus Liebe zu Gott und den Menschen, der bekommt damit den Freiheitsbrief, für ihn gilt nur noch das Neue, nur noch Jesus.

Und so können wir es ganz einfach sagen: Wenn die Liebe Gottes in uns ist, dann gilt das Alte, was es auch sei, nicht mehr. Aber so weit sind wir Alle noch nicht.

Sachfußnoten

1
In seiner Bergpredigt-Vorlesung von 1933/34 (Typoskript, S. 81 [KBA 1677.2]) verweist Barth diesbezüglich auf J. Weiß, Das Matthäus-Evangelium, in: ders. (Hrsg.), Die Schriften des Neuen Testaments, neu übersetzt und für die Gegenwart erklärt, Göttingen 1906, S. 212–378, dort S. 248 📖: «Aber sicherlich gehört das Buchstabenwort nicht zu denen, die uns das innerste Wesen Jesu bedeutsam enthüllen.» – Im Kontext fragt Weiß unter anderem, «ob wir ein Wort wie das vom Jota und Häkchen Jesus zutrauen dürfen», zeige er sich doch ansonsten in «seiner Beurteilung der einzelnen Gesetzesvorschriften und in seinem praktischen Verhalten […] frei und unbekümmert um den Buchstaben des Gesetzes»; so könne man sich «schwer vorstellen», dass er «sich in dieser Weise für ihn ausgesprochen» habe (a.a.O., S. 247f.). ↩
2
Es handelt sich um die von Barth später auch in Prot.Theol., S. 239 📖, zitierte erste Strophe des Gedichts «Stammbuchvers» von Gottfried Bohnenblust (1883–1960; Dr. phil., 1906–1920 Gymnasiallehrer in Zürich und Winterthur, 1920 Prof. für deutsche Sprache und Literatur in Genf, 1921 auch in Lausanne), dessen zweite und letzte Strophe lautet (G. Bohnenblust, Gedichte, Frauenfeld 1912, S. 137 [dort in Z. 4 📖: «Lampen»]):
Laßt durch Sumpf und Kot uns laufen!
Straßen sind Philisterspur.
Wie wollt Ihr den Schwindel taufen? –
«Individual-Kultur.»
Barth kannte Bohnenblust von den gemeinsam auf dem Freien Gymnasium in Bern verbrachten Jahren her, wo ihm und seinen Mitschülern der drei Jahre Ältere und schon damals Vielbelesene ein Vorbild war (vgl. Beitrag Barths zu einem Album für G. Bohnenblust zu dessen 70. Geburtstag vom Juli 1953 [KBA 9253.131]).
↩
3
Vgl. aus Strophe 5 des Chorals «Gott ist gegenwärtig» von G. Tersteegen (RG 162; EG 165 [dort Strophe 6]) 🎵:
Wie die zarten Blumen /willig sich entfalten
und der Sonne stille halten,
lass mich so / still und froh
deine Strahlen fassen / und dich wirken lassen.
↩
4
Gemeint ist Arnold Grolimund (1866–1940), von 1906–1918 katholischer Pfarrer in Walterswil-Rothacker SO, einer Nachbargemeinde von Safenwil. ↩