Predigt: Matthäus 5,17-20
Diese Worte Jesu reden von einer Frage, die sicher schon Vielen von uns Anlass zum Nachdenken und vielleicht zu zweifelnden oder wehmütigen Gefühlen gegeben hat. Sie handeln nämlich vom Alten und vom Neuen im Reiche Gottes, von dem Verhältnis, in dem Beide zueinander stehen, und von der Ordnung, in der das Eine auf das Andre folgen soll. Vom Gottesgesetz des alten Testamentes hat Jesus dort gesprochen und von der Art, wie seine Jünger, die Hörer des neuen Gotteswortes, sich dazu stellen sollten. Aber was er da gesagt hat, das betrifft doch nicht nur die damalige Zeit mit ihren Verhältnissen, sondern es enthält eine Regel des geistigen Lebens, die die Menschheit immer wieder beachten und befolgen muss, wenn sie innerlich gesund bleiben will. Denn das ist nicht bloß einmal geschehen, nicht bloß damals, dass ein neues Gotteswort gegen ein altes stand und dass die Menschen sich entscheiden mussten: was soll nun gelten? sondern das ist oft geschehen und geschieht immer wieder. Denn Gottes Wille ist uns wohl in seiner Richtung ein für allemal bekannt, aber was er im Einzelnen von uns will, von den wechselnden Geschlechtern der Menschen, von den Einen im Unterschied zu Andern, ja, selbst von einem und demselben Menschen in frühern oder spätern Zeiten seines Lebens, das steht nicht ein für allemal fest, sondern das müssen wir |256 immer neu entdecken, immer neu uns von ihm zeigen lassen. Gottes Wort ist nicht fertig, sondern es wird uns gleichsam eine Stufe nach der andern sichtbar. Es ist freilich ewig in Gott, aber uns erscheint es in einer Reihe immer neuer Enthüllungen. Wir könnten es sonst nicht fassen. Wir müssen erzogen werden.
Jesus hat ein anderes Mal auch von dieser Tatsache geredet; als er sagte:
Ich habe euch noch viel zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, kommen wird, der wird euch in alle Wahrheit leiten! [
Den Einen ist es so wohl geworden auf der Stufe der Erkenntnis und Lebensordnung, auf die Gott sie geführt, dass sie davon nicht mehr lassen mögen. Sie haben das Gefühl, sie könnten bei einer Änderung nur verlieren. Sie stehen darum dem, was Andre ihnen als neue Enthüllung der Gotteswahrheit rühmen, misstrauisch und ablehnend gegenüber, und wenn sie darauf eingehen, dann wollen sie doch die alten, ihnen lieb gewordenen Gedanken, Gewohnheiten und Einrichtungen nicht aufgeben, sondern indem sie sich langsam an die neue Stufe gewöhnen, nehmen sie doch Alles das mit sich, wie man alte Möbel in ein neues Haus hinübernimmt, aus treuer Anhänglichkeit, auch wenn sie nicht mehr so ganz dahinein passen sollten. |
Die Andern sind die Stürmer und Dränger. Sie leben mit ihrer ganzen Sehnsucht und ihrem ganzen Willen bereits auf der obern Stufe. Gottes Wahrheit ist in der neuen Form über sie gekommen, und das so |257 mächtig, dass es ihnen schwer oder unmöglich geworden ist, auch im alten Gotteswort wahrhaftiges und wirkliches Gotteswort zu erkennen. Sie finden im Früheren, in den Gedanken und Ordnungen, die vorher gegolten haben, das Göttliche nicht mehr, sondern nur noch das Menschliche, das Veraltete, das Träge, das Hindernde, die Schale, die gesprengt werden muss. Und darum laufen sie Sturm, dieses Frühere womöglich radikal zu beseitigen, damit das Neue sich voll und frei entfalten könne. – |
Wer hat nun Recht, die Zurückhaltenden oder die Vorwärtsstürmenden, die Freunde des Alten oder die Freunde des Neuen? Ich denke, wir spüren die Unvollkommenheit der einen wie der andern Haltung, auch das göttlich Berechtigte, das in Beiden ist. Seht, von diesen großen Fragen redete Jesus in seinem Wort vom Gesetz und den Propheten, die nicht aufgelöst werden sollen, und von der Gerechtigkeit, die besser sein soll als die der Schriftgelehrten und Pharisäer. Und darüber wollen wir nun ernsthaft nachdenken.
Auf den ersten Blick könnte es scheinen, als stelle sich Jesus ganz auf die Seite der zurückhaltenden Freunde des Alten. Das Alte war damals das israelitische Gottesgesetz, die Religion und die Lebensordnung, die in der Überlieferung von
Wie ist er dazu gekommen, diese eigentümliche und nach der Ansicht mancher Bibelforscher fast unbegreifliche Haltung1 einzunehmen? Wenn ich seine Worte recht verstehe, so hatte er dazu zwei Gründe.
Der erste war die aufrichtige, tiefe Verehrung, die er dem Gotteswort des alten Bundes entgegenbrachte. Wir brauchen ihm |259 nicht zuzutrauen, dass er die Unvollkommenheiten und Härten, die Äußerlichkeiten und zeitlichen Beschränktheiten der alttestamentlichen Gebote nicht ebenso gut oder besser eingesehen hätte als seine eifrigen Anhänger, die sie deshalb für null und nichtig erklären wollten.
Das hat er ganz sicher, denn ihm verdankten sie es ja, wenn sie gegenüber der alten Art israelitischer Frömmigkeit kritisch geworden waren. Und wenige Verse nachher lesen wir ja in der Bergpredigt, wie er dem alten Gebot – Ihr habt gehört, wie zu den Alten gesagt ist – sein eigenes neues – Ich aber sage euch – entgegengestellt hat [vgl.
Und zu diesem ersten Grund, am Alten festzuhalten, kam nun ein zweiter, der damit zusammenhängt: Jesus kannte die Menschen. Er wusste, wie leicht sie auf die Meinung kommen, die natürliche Freude am Kritisieren und Niederreißen sei an sich selbst schon etwas Gutes und Göttliches. Es gab zu seiner Zeit Viele, die das Gesetz und die Propheten als eine Last empfanden, deren Freiheitsbedürfnis heimlich gegen den Druck sich auflehnte, den das alttestamentliche Gotteswort ihnen auferlegte. Jesus hätte ihnen Freude machen können damit, dass er ihnen gesagt hätte: es gilt von jetzt an nicht mehr. Wer weiß, Jesus würde die Volksmasse für sich gewonnen haben, wenn er offen die Abschaffung der alten, schweren, so Vieles verlangenden Religion proklamiert hätte, gerade wie man auch heutzutage leicht Anhänger findet, wenn man damit anfängt, alte Ordnungen oder Glaubenssätze zu kritisieren und abzuschaffen. Jesus hat nun freilich ganz gewaltig kritisiert und abgeschafft. Aber gerade die Freude hat er weder seinen Jüngern noch dem Volk gemacht, ihnen zu verkündigen: Das neue Wort Gottes ist da, darum hat das alte aufgehört, ihr braucht es nicht mehr zu beachten. Denn er wusste, dass sie dann aus seiner Botschaft nur das Nein gegenüber dem alten herausgehört hätten, dass bloß der Freiheitsdrang, die Lust am Abschaffen und Zerstören in ihnen erwacht wäre. Seine Jünger wären dann zu jener Art von aufgeregten, eigenmächtigen Leuten geworden, die in der Welt freilich zahlreich sind, deren Losung ein jüngerer Schweizer Dichter treffend beschrieben hat:
Gerade das wollte Jesus nicht. Die bloße Freiheit vom Gesetz wäre ihm als etwas ganz Kindisches, Wertloses, ja, Gefährliches erschienen. Er hatte den Menschen Besseres zu bieten als eine Befriedigung jenes natürlichen Freiheitsbedürfnisses. Die Freiheit, zu machen, was man will, ist noch lange nicht ein Zeichen von Leben. Leben wollte Jesus den Menschen bringen, das heißt aber, vollen Gehorsam gegen Gott, volle Gerechtigkeit. Also nicht weniger, sondern mehr Gehorsam, nicht schlechtere, sondern bessere Gerechtigkeit als das alte Testament sie forderte. Jesus wollte die Menschen nicht losbinden von Pflicht und Recht in ihrer ganzen erhabenen Strenge, sondern er wollte sie ernsthafter, innerlicher, aufrichtiger daran binden und wollte ihnen den Weg zeigen, Pflicht und Recht auch zu erfüllen. Wer ihm hätte nachfolgen wollen, nur weil ihm der Ernst und die Strenge des alten Gesetzes ungemütlich geworden war, der hätte nicht zu ihm gehört, denn er war ernster und strenger als
Ich möchte den Sinn seiner Worte so ausdrücken: er wollte den Freunden des Neuen, den Vorwärtsdrängenden, sagen: ihr müsst es nicht machen, wie es törichte Kinder manchmal tun, denen es zu lange geht, die Knospe zur Blume sich entfalten zu lassen, und die darum die grünen Deckblätter abrupfen, um der Entfaltung der Blumenblätter nachzuhelfen. Dabei geht die Blume unfehlbar zu Grunde. Die Deckblätter sind die alten, die Blumenblätter die neue Wahrheit. Wenn ihr die grünen Blätter schön stehen lasst, wenn ihr warten könnt, dann wächst und entfaltet sich die Blume,3 dann wächst die neue Wahrheit organisch mit innerlicher Notwendigkeit hervor aus der alten. – |
Vielleicht wird es euch an einigen Beispielen noch klarer, dass dies Gebot Jesu: Nicht auflösen! eine ewige Wahrheit ist. Ein Gebiet, auf dem sich jener Gegensatz zwischen dem Alten und dem Neuen besonders häufig geltend macht, ist das Verhältnis von Eltern und Kindern, besonders wenn die letztern älter geworden sind. Da sind Söhne und Töchter, die vielleicht in der Fremde, vielleicht durch Bücher |263 oder Freunde zu ganz andern Anschauungen und Gewohnheiten gelangt sind als ihre Eltern. Ich rede jetzt natürlich nicht von solchen, die einfach liederlich geworden sind, sondern von solchen, die durch ernsthaftes Nachdenken dazu gekommen sind, in Manchem anders zu denken und zu handeln, als man sie zu Hause angewiesen hatte. Was soll man davon halten, was ihnen sagen? Ich meine, gerade solche junge Leute – und es sind ja die allermeisten in diesem Fall – sollten es sich zur ernstlichsten Gewissensfrage machen, ob sie vor dem Worte Jesu: Nicht auflösen! bestehen können. Ob sich in ihrem Leben die Blume organisch aus der grünen Knospe entfaltet hat oder ob sie eigenmächtig, frevelhaft an der Knospe herumgezupft haben, in der Meinung, damit etwas gutes Neues zu schaffen? Ob sie mit der rechten Ehrfurcht und Dankbarkeit das Beste aus ihrem Elternhaus mitgenommen haben, ob ihr eigenes Leben aus dieser Ehrfurcht und Dankbarkeit hervorgewachsen ist, oder ob sie bloß etwas Anderes geworden sind als ihre Eltern aus Freude am Andersmachen, am Neinsagen, am Kritisieren und Abschaffen, und heimlich wohl auch aus jener missverstandenen Freiheitslust gegenüber dem Ernst des Guten, der ihnen in der Art ihrer «Alten», wie man sagt, begegnet und zu drückend war? |
Oder ein anderes Beispiel, aus der Geschichte:
War denn die Reformation, durch die unsre protestantischen Kirchen entstanden sind, etwas Anderes als ein großes und deutliches Auflösen der überlieferten Wahrheit? Ein Abfall von einem alten Worte Gottes, das mehr als ein Jahrtausend lang gegolten, zu Gunsten eines neuen? Ich sprach dieser Tage mit unserm katholischen
So steht über allem, auch über dem berechtigten und nötigen Gegensatz zwischen Neuem und Altem warnend das Wort Jesu: Nicht auflösen! Verdirb es nicht, es liegt ein Segen drin! [
Und so scheint Jesus ganz zu denen, die wir am Anfang die Zurückhaltenden, die Freunde des Alten nannten, zu gehören. Unsre Textworte weisen in der Tat ganz in diese Richtung. Und doch liegt genug Gegenteiliges in den selben Worten, das uns darauf aufmerksam macht, dass wir ihn mit derselben Notwendigkeit den größten Vorwärtsdränger, den größten Neuerer nennen müssen. Wir können darauf heute nicht näher eintreten, schon weil in unserm Text der Nachdruck, wie gesagt, durchaus auf der andern Seite liegt. Aber wenigstens andeuten müssen wir es, dass Jesus in seinem innersten Wesen zugleich das Gegenteil eines Zurückhaltenden, eines Konservativen in dem Sinn, wie wir das verstehen, gewesen ist. Vor Allem darum, weil es ihm, wenn er das Alte erhalten und schützen wollte, doch durchaus um das Neue zu tun war. Er wollte, um das Bild nochmals zu brauchen, die Deckblätter erhalten, damit die Blume wachsen könne, nicht um ihrer selbst willen. Das Ziel, das er anstrebte, war |265 nicht die Heiligkeit und Gerechtigkeit, wie sie der Fromme des alten Bundes anstrebte, sondern die neue Gerechtigkeit des Himmelreichs. Er sagt: nicht auflösen, sondern erfüllen, nicht beseitigen, sondern ganz ernst nehmen, nicht abschwächen, sondern eine bessere Gerechtigkeit hervorbringen. In dem Allem liegt bereits, dass es durchaus Jesu Meinung ist, dass zu dem Altem etwas Neues hinzukommen, oder, wie wir bereits besser gesagt: dass aus dem Altem etwas Neues hervorwachsen soll. Für den Grundsatz: es soll Alles beim Alten bleiben, wir brauchen nichts Neues! kann man diese Bibelstelle auf keinen Fall herbeiziehen. Die Worte «erfüllen» und «bessere Gerechtigkeit» sprechen zu deutlich dagegen.
Aber es liegt noch mehr darin. Es liegt darin der Hinweis auf die Tatsache, dass alle alte Wahrheit zwar ihren unendlichen Wert hat und darum nicht ungestraft missachtet werden kann, dass sie aber auch ihre ganz bestimmte Schranke hat, dass ihre Geltung einmal aufhört. Jesus sagt vom Gesetz und den Propheten nicht, dass sie ewig gelten, sondern dass sie gelten, bis dass Himmel und Erde vergehen, bis Alles wird geschehen sein.
Das sind zunächst recht schwer verständliche Worte. Wir können uns aber zu ihrer Erklärung einfach an das halten, was tatsächlich geschehen ist. Wir sehen nämlich, dass die ältesten Christen das Gesetz des
Und so können wir es ganz einfach sagen: Wenn die Liebe Gottes in uns ist, dann gilt das Alte, was es auch sei, nicht mehr. Aber so weit sind wir Alle noch nicht.