9. Juni 1912

Predigt: Matthäus 5,14-16

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Matthäus 5,14–16
Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen sein. Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter, so leuchtet es denen Allen, die im Hause sind. Also soll euer Licht leuchten vor den Leuten, dass sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.
Liebe Freunde!

Diese Worte Jesu gehören zu denen, denen gerade bei uns die große Mehrzahl der Christen oder derer, die sich so nennen, widersprechen müssten. Denn sie stehen zu unsren gewohnten Anschauungen über Religion und religiöse Dinge in scharfem Gegensatz. Sie sagen uns, dass das Reich Gottes nie und nimmer ein schönes, bescheidenes Pflänzlein sein kann, das im Verborgenen blüht, sondern dass es mit beherrschender Kraft in der Welt Geltung erlangen, die Welt durchdringen will. Sie sagen uns, dass Keines von uns Religion und Christentum bloß dazu hat, um sich selbst damit aufzurichten und daran zu freuen, sondern um damit aufs Gewaltigste und Nachdrücklichste wirksam zu sein im Leben der Menschen auf dieser Erde. Sie sagen uns, dass die lebendige Erkenntnis des lebendigen Gottes uns unweigerlich aus Privatleuten zu öffentlichen Personen verwandeln müsse. Das Reich Gottes ist in jedem Menschen eine Stadt auf einem Berg: Man muss sie sehen; wenn man nichts sieht, dann ist auch nichts oder nur etwas ganz Unvollkommenes da. Das Reich Gottes ist immer und überall ein Licht auf hohem Leuchter, das alle Leute im Hause mit seinem Schein erreicht. Wo es anders ist, wo es unter ein Hohlmaß gestellt ist, da hat Narrheit oder Bosheit gewaltet. Ihr meine Jünger, ihr Christen, ihr Freunde Gottes, was ihr vor Andern voraus habt, das kann nicht im Winkel bleiben. Ihr seid das Licht der Welt! Euer Licht soll leuchten vor den Leuten, dass sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen!

Ich sage: diese Gedanken stehen zu den gewohnten Anschauungen über Religion und religiöse Dinge in scharfem Gegensatz. Und zwar |243 bei uns, wie mir scheint, in ganz besonderem Maße. Die Ansichten auch der wohldenkenden, auch der frommen Kreise im Kanton Aargau widersprechen diesen Gedanken in weitgehender Weise, wenn wir der Sache auf den Grund gehen. Gerade das, was Jesus mit dem Wort: Ihr seid das Licht der Welt! sagen wollte, nämlich dass die Religion eine öffentliche Sache sein müsse, eine Angelegenheit, die Alle angehe, eine Macht, die Alles durchdringe, gerade das scheint den Meisten ein verdächtiger und gefährlicher Anspruch. Man hat wohl Achtung vor dem Christentum, ja, man schätzt und pflegt es, aber mehr als eine Art von wertvollem Anhang zum übrigen Leben, nicht als etwas, was in dies Leben mitten hineingehört. Dass das Christentum in die Welt hinaus scheinen und sie erleuchten müsse, das will man entweder gar nicht oder doch nur mit großer Vorsicht und Zurückhaltung zugeben. Diesen Widerspruch unsrer gewöhnlichen Anschauungen müssen wir zu Worte kommen lassen, wenn wir die Meinung Jesu recht verstehen wollen.

Da hören wir von der einen Seite die Stimme derer, die die Religion nur als eine Privatsache wollen gelten lassen. Ihnen gilt als der Weisheit höchster Schluss, was Friedrich der Große einmal gesagt, man müsse einen jeden nach seiner Façon lassen selig werden.1 Von alten Zeiten her liegt ihnen die Furcht in den Gliedern vor dem Herrschaftsanspruch der römisch-katholischen Kirche und ihrer Priester und von daher bekämpfen sie nichts so heftig wie den Klerikalismus, die kirchliche Bevormundung, die Einmischung der Religion in das bürgerliche Leben, oder wie sie das sonst noch nennen mögen. Es sind solche darunter, die persönlich, für sich selber gar nicht arm sind an Überzeugungen, aber wenn es sich um den Staat und die Schule handelt, um die Industrie und das öffentliche Leben, dann lassen sie sich auch einmal genügen an dem Glaubensbekenntnis: Tue Recht und scheue Niemand!2 Alles, was mehr ist als das, das darf wohl innerhalb |244 der vier Mauern der Kirche Geltung haben, da ist’s ganz in der Ordnung, aber wehe, wenn es sich draußen hören lässt. «D’Religion g’hört in d’Chile ine!»3 – was darüber ist, das ist vom Übel [vgl. Mt. 5,37]. Vom «Pfarrer erwartet man, dass er den Kindern recht zuspreche», fleißig und folgsam zu sein, im Übrigen aber soll er ein «netter Herr» sein, der «nicht beständig auf dem Geistlichen herumreitet.»4 Wenn «das Geistliche» zu sehr betont wird außerhalb der Kirche, dann ist das etwas Fatales, über das man den Kopf schütteln oder dem man schleunigst entgegentreten muss. Denn das wäre schon ein verdächtiges Zeichen von kirchlichen Machtgelüsten. Aber auch innerhalb der Kirche soll das Geistliche nicht zu nahe an das Weltliche herangebracht werden. Man sucht im Gottesdienst Erbauung, Trost, Beruhigung, aber nicht Grundsätze, die im wirklichen Leben draußen zu gelten hätten. Die macht man sich selber, da hat die Religion nichts dazu zu sagen. |

Als vor einem Vierteljahr eine Anzahl von Basler Pfarrern in der Predigt für das Kranken- und Unfallsversicherungsgesetz eintraten, da erschienen lebhafte Zeitungsartikel, das sei ein Missbrauch der Kanzel, das gehöre nicht in die Kirche.5 Und als vor etwa 20 Jahren der |245 damalige Hofprediger Stöcker in Berlin als einer der ersten vom entschieden christlichen Standpunkt aus seine Stimme für die Interessen der Arbeiterschaft erhob, da hat Kaiser Wilhelm II. öffentlich das Wort geprägt: Christlich-sozial ist Unsinn! Die Pastöre sollen tun, was ihres Amtes ist, und die Hände von solchen Dingen lassen!6 Mit diesem Wort hat der Kaiser zweifellos vielen freien und freisinnigen Schweizern aus der Seele gesprochen. Und was der Regierungspräsident des Kantons Genf vor einem Jahr gesagt hat, als es sich darum handelte, die sittenverderbenden Glücksspiele im dortigen Kursaal einzuschränken, das ist sicher auch den meisten führenden Leuten bei uns höchste Wahrheit: Nous respectons la religion, mais qu’on nous laisse en repos! Wir haben alle Achtung vor der Religion, aber man möge uns in Ruhe lassen!7 |

246 Und nun bekommt diese Ansicht merkwürdiger Weise Beistand von ganz entgegengesetzter Seite, nämlich von denen, denen die Religion zu gut ist, um sie ins Weltliche, in die irdischen Angelegenheiten, in die Fragen dieses Lebens hineinzuziehen. Sie wissen, was sie an ihrem Glauben, ihrem Heiland haben, sie bemühen sich auch nach Kräften, ihr Leben nach seinen Gesetzen und in seinem Geist zu führen. Aber wenn man ihnen von Politik redet und von der sozialen Frage, dann haben sie nur ein fast mitleidiges Lächeln darüber, dass man sich über so äußerliche Dinge überhaupt aufregen könne. Haben wir denn, sagen sie uns, nicht als Christen unendlich viel Wichtigeres zu tun und zu denken. Die Verhältnisse in Gesellschaft und Staat sind doch schließlich nur weltliches und darum vergängliches Wesen. Wir aber haben das himmlische Ziel vor Augen, für das wir berufen sind. Bekehrung und Heiligung, das ist, worum wir uns zu bemühen haben durch Gebet und Lesen in der Schrift und Pflege der christlichen Gemeinschaft. Wir sollen, sagen sie, schlecht und recht unsre Arbeit tun, weil es in der Welt einmal so sein muss, aber nur sich nicht zu heftig interessieren für diese Welt. Nur ihre Fragen nicht zu ernst nehmen. Es ist freilich viel Böses in der Welt, übermäßig viel sogar, aber dem können wir Menschen doch nicht wehren. Viel besser ist’s, das Zutrauen zu Gott haben, dass er einmal Alles in Ordnung bringen werde. Und nicht nur unnötig ist es für den Christen, sein Christentum in die Fragen und Kämpfe der Welt hineinzutragen, sondern auch gefährlich. Denn wenn man sich zu sehr, wenn auch in wohlmeinender Absicht, auf die Angelegenheiten der Welt einlässt, dann ist die Gefahr groß, dass man ihr ähnlich wird. Man versandet, man wird ein dummes Salz, man ist seiner Umgebung nicht mehr überlegen, wie wir es ja in der letzten Predigt geschildert haben. Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele [Mt. 16,26]. Besser die Welt und ihre Sorgen sich selbst überlassen, als selbst weltlich werden.

Seht, meine Freunde, so tönt es von zwei Seiten, wenn auch von ganz verschiedenartigen Leuten und Kreisen, es sei eine unerfreuliche |247 und ungute Sache, mit der Religion ins öffentliche Leben, in die Welt hineinzugehen. Ihr kennt zweifellos Alle beide Stimmen und werdet auch selbst Alle entweder den einen oder den andern Standpunkt einnehmen. Im Zofinger Tagblatt8 hört ihr zum Beispiel die eine, im Dörfli unten9 zum Beispiel die zweite Stimme. Und merkwürdiger Weise harmonieren sie. Es kommt auf dasselbe hinaus, ob man es so oder so begründet, das Ergebnis ist hier und dort dasselbe: die Religion auf der einen Seite und die Politik, die Gemeinde, der Staat, die Industrie- und Erwerbsfragen, die Schule, das Vereinswesen auf der andern sind zwei getrennte Welten, die man nur zu ihrem Schaden miteinander vermischlet10. Ja, gegenüber diesem zweistimmigen Chor ist nun die Meinung Jesu in der Tat etwas Anderes, wenn er gesagt hat: Ihr seid das Licht der Welt!

Und doch können wir aus diesem Widerspruch sehr viel lernen für das richtige Verständnis der Meinung Jesu. Denn [wenn] auch in den beiden Stimmen ein großer Irrtum liegt, der überwunden werden muss, so enthalten sie doch zugleich auch eine Wahrheit, die uns den Sinn des Wortes Jesu nur deutlicher machen kann. Zuerst der Widerspruch derer, die sagen, die Religion sei eine Privatsache des Einzelnen; es dürfe nicht sein, dass Kirche und Pfarrer im Namen der Religion das öffentliche Leben beherrschen wollten. In diesem Widerspruch liegt unter allerlei Missverständnis und Böswilligkeit verborgen etwas Richtiges und durchaus Jesus Gemäßes. Jesus hat nicht gesagt, seine Jünger sollten ihr Licht leuchten lassen vor den Leuten, um dadurch selbst glänzend dazustehen, um ihre Person, um menschliche Gedanken und Einrichtungen durchzusetzen in der Welt, um selber Herrscher zu werden. Im Gegenteil: davor hat er immer wieder gewarnt: Habt Acht auf eure guten Werke, lesen wir später in der Bergpredigt, dass ihr die nicht tut vor den Leuten, auf dass ihr von ihnen gesehen werdet! [vgl. Mt. 6,1] Und ein andermal: Ihr wisset, |248 dass die weltlichen Fürsten herrschen und die Mächtigen unter ihnen haben Gewalt. Aber also soll es unter Euch nicht sein! [Mt. 20,25f.] Ja: ihr sollt euch nicht einmal Rabbi, das heißt, Meister nennen lassen [vgl. Mt. 23,8]. Ein solches Leuchten gibt es also im Reiche Gottes nicht. Wenn die geistliche Macht bloß versteckte Menschenmacht ist, wenn die Religion sich bloß geltend macht als Herrschaftsanspruch einiger Menschen, der sogenannten «Geistlichen», über die Übrigen, dann hat die Welt das gute Recht, sich dagegen zur Wehr zu setzen und ihre eignen Wege zu gehen. In diesem Herrschaftsanspruch des Priesters sehen wir eine große Gefahr des katholischen Christentums, und Gott behüte auch uns vor Allem, was auch nur von ferne wie ein Pfarrerregiment aussehen könnte. Jesus wäre der Erste, der sich dagegen erheben würde, wie er sich gegen die Schriftgelehrten seiner Zeit erhoben hat. Man hat auch immer nur schlechte Erfahrungen damit gemacht. Ja, im Gegenteil: die Menschen, die leuchten sollen in der Welt, sollen mit ihrem Ich immer mehr zurücktreten. Jetzt und für absehbare Zeit ist es freilich noch nötig, dass es eine Kirche und Pfarrer gibt und andere Menschen, die in besonderer Weise dazu berufen sind, das Licht der Wahrheit leuchten zu lassen, die Andern zu erziehen, zu leiten, zu fördern. Aber je mehr die Menschheit ihrer Vollendung entgegengeht, desto mehr werden solche besondern Einrichtungen und Personen entbehrlich werden, weil das Licht etwas Allgemeines geworden ist. In der Bibel ist eine solche Zeit ausdrücklich vorgesehen in den Worten des Propheten: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben und sie sollen mein Volk sein, so will ich ihr Gott sein. Und wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: Erkenne den Herrn! sondern sie sollen mich alle kennen, beide, klein und groß, spricht der Herr! [Jer. 31,33f.] |

Soweit sind wir nun freilich noch lange nicht, aber das wollen wir uns heute schon sagen: Nicht um unsrer selbst willen sollen wir Christen und Gottesfreunde leuchten in der Welt, nicht um unsre Personen, Einrichtungen und Ideen auf ein Piedestal11 zu erheben, sondern wie Jesus selbst es befohlen hat: … dass sie nun gute Werke sehen und meinen Vater im Himmel preisen, also zur Ehre Gottes und zum Heil |249 unsrer Mitmenschen. Nur da ist das reine Licht der Religion in der Welt, wo wir in tiefster Aufrichtigkeit und Willigkeit in diesem Dienst stehen. Nur da dürfen wir mit gutem Gewissen und mit aller Kraft das Licht unsres Gottesglaubens und unsrer Lebenserkenntnis leuchten lassen vor den Leuten, nur da dürfen wir eingreifen in die Welt und ihre Fragen, wo wir hindurchgegangen sind durch das Läuterungsfeuer des Gebetes: Vater, nicht mein, sondern dein Wille geschehe! [Lk. 22,42] – |

Und nun ist auch in dem andern Widerspruch, den ich genannt habe, eine Wahrheit verborgen, nämlich in dem Urteil, es sei gefährlich, sich mit der Religion in die Angelegenheiten der Welt hineinzubegeben, weil man darob leicht wichtigere Dinge versäume und unter Umständen sogar selbst dabei zu Fall komme. Das hat etwas:12 Es ist mancher gute und überzeugte Christ ausgezogen, um die Welt um sich her zu verbessern, und vergaß dabei allmählich, sich selbst zu verbessern, und darüber begann die Welt, langsam ihn zu verbessern, nämlich zu verschlimmbessern. Ich weiß13 einen Pfarrer, der sagte sich, er müsse sein Licht nicht unter den Scheffel stellen, sondern es leuchten lassen vor den Leuten [vgl. Mt. 5,15], und darum ging er zu den Leuten seiner Gemeinde ins Wirtshaus. Es ist dabei weder ein Salz der Erde noch ein Licht der Welt aus ihm geworden, sondern ganz etwas Anderes. Es ist eine unendlich schwere Sache, nicht nur für sich selbst ein Christ zu sein, sondern das Christentum auch durch Wort und Tat zu vertreten in der menschlichen Gesellschaft und dabei reines Herzens zu bleiben. Denn die Methoden der Welt sind in der Tat ansteckend. Die Geschichte der Kirche, das heißt, der öffentlichen Vertretung der Sache Jesu in der Welt, ist keine rühmliche. Gott sei Dank, dass es daneben eine Geschichte des Reiches Gottes gibt, die erbaulicher ist als die Geschichte der Kirche! Das Christentum ist oft genug auf eine Weise verbreitet und verteidigt worden, die an Torheit und Bosheit mit der Art der Welt wetteiferte, ja, sie übertraf. Ich las jüngst Briefe aus der Korrespondenz eines angesehen[en] deutschen katholischen Politikers über die Verhandlungen, zu deutsch: Ränkespiele, |250 die zur Zeit des sogenannten Kulturkampfes zwischen dem Fürsten Bismarck und der römischen Kurie geführt wurden,14 und da konnte ich nur staunen bei dem Gedanken, dass es die Sache des Gottes der Wahrheit sein sollte, die da von den katholischen Diplomaten mit so zweideutigen Schachzügen geführt wurde. Und Derartiges ist gerade in der Geschichte der katholischen Kirche nicht einmal, sondern tausendmal geschehen. Es ist ein zweifelhafter Lobspruch in dem Wort des Dichters: Welcher Kluge fand im Vatikan nicht seinen Meister?15 Denn die Art, wie dort zu Zeiten gemeistert wird, lässt sich durch die Forderung Jesu: Seid klug wie die Schlangen! [Mt. 10,16] schwerlich im Ernste verteidigen. |

Aber wir Protestanten stehen keineswegs besser da. Mir graut es immer ein wenig, wenn ich lese und höre von christlicher Politik, christlichen Zeitungen, christlichen Vereinen, christlichen Blechmusiken und auch von christlichem Sozialismus. Jawohl, wenn wir wirklich Christen wären, dann müssten wir in der Tat unser Licht leuchten lassen auf allen diesen Gebieten und noch auf manchen andren. Aber wenn man näher zusieht, merkt man, dass alle diese «christlichen» Unternehmungen so viel von den Manieren der Welt angenommen haben, dass einem der Gebrauch des Wortes «christlich» für solche Dinge ganz verleidet werden kann. Ich nannte bereits den Namen des Hofpredigers Adolf Stöcker, des Begründers des christlichen Sozialismus auf protestantischer Seite. Er war ein edler, aufrichtig frommer Mann, beseelt von den besten Absichten. Aber wie bedauerlich ist es, wenn man liest von den Skandalen und Prozessen, in die er hineingeraten ist, von den Irrtümern und Beschränktheiten, in denen er zeitlebens befangen geblieben ist.16 Er war ja nicht schlimmer, sondern |251 besser als die Welt, in der und mit der er kämpfte. Aber «christliche» Politik, war das sein Tun? Oder hat nicht gerade seine Seele, sein Christentum, Schaden gelitten unter seiner Politik? Ich weiß Jemand, der hat einmal einen Zeitungsartikel geschrieben, um öffentlich seine Sache zu verteidigen, die er als göttliche Notwendigkeit erkannt hatte. Diese Absicht war gewiss recht, und er hat auch seinem Gegner das Maul gestopft, wie es in der Ordnung war. Aber nachher hat er erkennen müssen, dass er geschrieben und gestritten hatte nicht wie ein Kind des Gottes der Liebe, sondern wie ein rechtes Kind dieser Welt.17 Solchen Fall hat aber schon fast jeder erleben müssen, der es unternahm, in kleinem oder großem Kreise in der Welt die Sache des Guten und Göttlichen zu vertreten und zu verbreiten. Die Dummheit und Bosheit dieser Welt färbte auf ihn ab; er wurde selbst in gröberer oder feinerer Weise «weltlich».

So wollen wir uns denn von beiden Seiten warnen lassen, meine Freunde, wenn wir das Wort vom leuchtenden Licht recht aufnehmen wollen. Von den Einen wollen wir uns sagen lassen, dass wir um keinen Preis mit unsrer eigenen, kleinen Person, mit unsrem menschlichen Wesen dürfen leuchten wollen. Die Welt ist scharfsichtig. Sie |252 merkt den Betrug sofort und wird uns mit Recht den Gehorsam künden. Nicht wir sind’s, die leuchten sollen und können in der Welt, wir sind im besten Fall die kleinen, glühenden Bestandteile der Flamme des ewigen Lichtes Gottes. Sein ist das Feuer, sein die Leuchtkraft, sein der Schein. Von den Andern wollen wir uns sagen lassen, dass wir, um in der Welt zu leuchten, selber das sein müssen, wozu wir die Andern machen möchten, nämlich völlige, ernsthafte Knechte Gottes; dass es gilt, ein unbeflecktes Herz zu behalten in der Welt, die wir im Auftrage Gottes erleuchten sollen. Denn wenn wir ihr ähnlich werden, dann ist es sicher auch mit dem Leuchten vorbei.

Aber diese Warnungen dürfen uns nun nicht daran hindern, wie das leider häufig geschieht, das Geheiß Jesu Ernst zu nehmen: Ihr seid das Licht der Welt! Dieses Wort gilt, meine Freunde, trotz der schweren Gefahren links und rechts, die damit verbunden sind, und wir begehen einen schweren Abfall von der Sache Jesu, wenn wir es nicht gelten lassen wollen, sei es aus diesen oder jenen Gründen. In der Hauptkirche des Jesuitenordens in Rom18 steht in großen Lettern das Heilandswort: Ich bin gekommen, dass ich ein Feuer anzünde auf Erden, und was wollte ich lieber, denn es brennete schon [Lk. 12,49]. Gegen die Art, wie die Jesuiten dieses Programm ausgeführt haben, mögen wir begründete Bedenken haben, aber das Programm selbst bleibt nichtsdestoweniger auch für uns bestehen, und wir dürfen es nicht unausgeführt lassen. Seine Gefahren haben wir ins Auge gefasst; wir können es nun in kurzen Worten aussprechen, warum wir ihm gehorsam sein müssen. Jawohl, die Stadt auf dem Berge muss man sehen von allen Seiten. Jawohl, das Licht darf nicht unter dem Scheffel stehen, sondern auf den Leuchter gehört es, damit es allen denen leuchte, die im Hause sind. Dass wir leuchten, das verlangt das rechte Vertrauen zu Gott. Wer ihn, den Lebendigen, in seiner Majestät erkannt hat, wer ihn in Jesus erkannt hat in der ganzen Tiefe seiner Gerechtigkeit, Wahrheit und Liebe, der kann sich unmöglich zufrieden geben mit jener doppelten Buchführung: Hier das Christentum in einer Kirche, in einer Kapelle19 oder in einem Stübeli und dort die Welt |253 der Arbeit und des Verkehrs, die Welt von Handel und Wandel, die Welt der Politik und der sozialen Verhältnisse, die sich selbst überlassen wird. Ein solches Doppelwesen muss ihm als ein Misstrauen vorkommen gegen die Größe dessen, der Himmel und Erde geschaffen hat und Alles, was darinnen ist [vgl. Ps. 146,6]. Ein Satz wie der: «D’Religion g’hört in d’Chile ine!» ist von Rechts wegen eine Gotteslästerung, und das sollen wir begreifen lernen. Wer Gott und seine Lebensgesetze wahrhaftig erkannt hat, der kann nicht mehr tun, als ob es irgend einen Teil seiner Welt, sei es nun das Staatsleben oder das Fabrikwesen, die Schule oder die Familie, geben könnte, in dem sein Wille nicht geschehen sollte. Sondern in dem Vertrauen, dass die ganze Erde der Acker des Herrn ist [vgl. Mt. 13,38], wird er auf diesem Acker an die Arbeit gehen. Das verlangt aber auch die Liebe von ihm. Wir müssen verstehen lernen, dass es eine Lieblosigkeit ist, das Beste, was wir haben, unsre Erkenntnis Gottes und des Lebens, zurückhalten, für uns behalten zu wollen. Wenn wir gesehen haben, was Recht und Wahrheit ist, dann ist es eine Rohheit zu sagen: jeder mag nach seiner Façon selig werden, und die Welt laufen zu lassen, wie sie will. Das ist eine Losung, die auf die Länge nur müde, armselige Geister befriedigen kann. Nein, wenn uns Jesus etwas ist, dann muss uns die Not und der Irrtum und die Schlechtigkeit der Welt das Herz verbrennen, und es muss ganz von selbst ein großes Leuchten geben, das der Welt Hilfe bringt. Das verlangt aber schließlich auch die Kraft, die uns die Erkenntnis Gottes einflößt. Gott ist Kraft. Religion ist Kraft. Christentum ist Kraft. Wenn sie nicht Kraft sind in uns, so sind sie gar nichts. Diese Kraft aber muss tätig sein. Solange wir ganz zufrieden die Welt lassen können, wie sie ist, solange kennen wir Gott noch nicht. Kennen wir ihn, dann muss es uns treiben, die Welt zu verwandeln. Wir werden diesem Trieb nie nachgeben ohne das flehende Gebet: Dein Wille geschehe! [Mt. 6,10] und nie ohne die Zucht, die vor Allem uns selbst verwandelt. Aber dann wird dieser Trieb gereinigt Macht gewinnen über uns und die Bedenken und die Ängstlichkeit und alles Andre verdrängen, und wir werden mit ganzer Seele seufzen: Es vergehe diese Welt, diese Welt mit ihrer Ungerechtigkeit und Heuchelei und Knechtschaft, und es komme dein Reich,20 es komme zu |254 uns, in unsre Bureaus und Fabriken, in unsre Schulen, Behörden und Familien. Und so werden wir nicht nur seufzen, sondern danach werden wir handeln.

Amen.

Sachfußnoten

1
Randnotiz Friedrichs des Großen an dem Immediat-Bericht des Geistlichen Departements vom 22. Mai 1740 betr. Katholische Schulen und Proselyten-Macherei: «Die Religionen Müsen alle Tolleriret werden und Mus der fiscal nuhr das auge darauf haben, das keine der andern abruch Tuhe, den hier mus ein jeder nach Seiner Fasson Selich werden!» Vgl. Büchmann, S. 430f., dort S. 431 📖. ↩
2
Von Barth häufiger zur Kennzeichnung einer solchen Position verwendete, christlich konnotierte Lebensregel; vgl. oben, S. 91, Anm. 1. ↩
3
Schweizerdeutsch für: «Die Religion gehört (bloß) in die Kirche.» ↩
4
Ob es sich bei den als Zitat gekennzeichneten Aussagen um reale, Barth zugetragene Aussagen handelt oder um eine Paraphrase der in Safenwil vorherrschenden Meinung, lässt sich nicht feststellen. In der Tendenz ähnliche Aussagen über die Erwartungshaltung in der Gemeinde formulierte Barth im Februar 1916 in der von ihm zum Druck gebrachten Predigt «Der Pfarrer, der es den Leuten recht macht» über Hes. 13,1–16 (Predigten 1916, S. 44–62 📖). ↩
5
Nach den «Freisinnigen Gemeindevereinen Basels» (Aufruf vom 25.1.1912, abgedruckt in: Basler Nachrichten, Nr. 25, 26.1.1912, 2. Beilage 📖) hatte eine Reihe von Pfarrern, Lehrern und Professoren einen weiteren Aufruf zur Annahme des Bundesgesetzes (s. oben, S. 38, Anm. f) in der Abstimmung vom 4. Februar 1912 unterzeichnet (Aufruf an die stimmberechtigte Bevölkerung von Basel, abgedruckt in: Basler Nachrichten, Nr. 30, 31.1.1912, 1. Beilage 📖), unter anderem die Barth teils gut bekannten Pfarrer Rudolf Liechtenhan (1875–1947; seit 1910 Pfarrer an St. Matthäus), Adolf Preiswerk (1861–1936, seit 1897 an St. Peter), Ernst Stähelin jun. (1861–1949, seit 1904 an St. Theodor) und Eduard Thurneysen sen. (1856–1931, seit 1892 erst Hilfspfarrer, ab 1897 Pfarrer am Bürgerspital) sowie Paul Wernle (1872–1939), seit 1900 Prof. für Kirchen- und Dogmengeschichte in Basel. – Diese Aufrufe und dass in ihrem Gefolge «Pfarrer in der sonntäglichen Predigt es den Zuhörern zur Gewissenspflicht machen wollten, für das Gesetz zu stimmen», erregten «in weiten Kreisen Befremden und Aergernis», so dass in den «Basler Nachrichten» und anderen Zeitungen «dafür und dawider geschrieben» wurde (N. N., Kirche und Politik, in: Basler Nachrichten, Nr. 38, 8.2.1912, 1. Beilage 📖; vgl. auch st., Kirche und Versicherungsfrage, in: Basler Nachrichten, Nr. 29, 30.1.1912, 1. Beilage 📖). Der letzte in den «Basler Nachrichten» erscheinende Bericht (N. N., Kirche und Politik) versuchte, ein Fazit zu ziehen, und bejahte das Recht der Pfarrer, sich an der Politik des Landes – auch in Form von Aufrufen – zu beteiligen, hob aber auf die besondere Situation der Predigt ab und mahnte: «Die Kanzel soll von der politischen Agitation frei bleiben.» ↩
6
Adolf Stoecker (1835–1909), 1874–1890 Hof- und Domprediger in Berlin, seit 1877 als Leiter der Berliner Stadtmission in der diakonischen Arbeit vor allem auch mit sozial benachteiligten Gruppen engagiert, gründete 1878 die «Christlich-Soziale Arbeiterpartei» (später «Christlich-soziale Partei»), die ein antikapitalistisches, antiliberales und antisozialistisches Programm vertrat und als genuin christliche Vertretung der Interessen der Arbeiter jene in seinen Augen schädlichen Einflüsse auf die Arbeiterschaft zurückdrängen wollte. Aus dem von ihm 1890 mitgegründeten «Evangelisch-Sozialen Kongreß» trat er 1896 wieder aus, weil ihm dort liberal eingestellte Kreise zu einflussreich geworden waren. Daraufhin schrieb Kaiser Wilhelm II. das am 28. Februar 1896 veröffentlichte Telegramm, in dem die von Barth zitierten Sätze stehen (dort: «Christlich-sozial ist Unsinn und führt zu Selbstüberhebung und Unduldsamkeit. […]»; Abdruck: E. R. Huber / W. Huber, Staat und Kirche im 19. und 20 Jahrhundert. Dokumente zur Geschichte des deutschen Staatskirchenrechts, Bd. 3: Staat und Kirche von der Beilegung des Kulturkampfes bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, Berlin 1983, S. 635 📖). ↩
7
Der damalige Genfer Gross- und Regierungsrat Henry Fazy (1842–1920) sprach diesen Satz im April 1911 im Zusammenhang mit dem Protest gegen das angestrebte Glücksspielverbot (vgl. K. Barth, Wir wollen nicht, dass dieser über uns herrsche!, in: V.u.kl.A. 1909–1914, S. 320–328, dort S. 321 📖). ↩
8
Das heute noch existierende «Zofinger Tagblatt» war damals die in Safenwil vielgelesene konservativ ausgerichtete Tageszeitung, die auch in ihrer Berichterstattung über den Streit Barths mit dem Fabrikanten Hüssy eher für Letzteren Partei genommen hatte. Vgl. oben, S. 41, Anm. 1. ↩
9
Dort befand sich in Safenwil die Kapelle, der Sammlungsort der pietistischen Gemeinschaft. ↩
10
Ober- und schweizerdeutsche Variante von: «vermischt». ↩
11
Sockel, hohes Gestell. ↩
12
Schweizerdeutsche Wendung im Sinne von: «da ist etwas dran», «das enthält Richtiges». ↩
13
Schweizerdeutsch für: «ich kenne». ↩
14
Zu dem im Deutschen Reich in den 1870er und 1880er Jahren maßgeblich von Reichskanzler Otto von Bismarck geführten sogenannten «Kulturkampf» gegen den gesellschaftlichen und bildungspolitischen Einfluss der Katholischen Kirche vgl. Predigten 1911, S. 362, Anm. 2 📖. – Die Briefe welches Politikers Barth gelesen hat, konnte nicht ermittelt werden. ↩
15
J. W. von Goethe, Torquato Tasso 📖, erster Aufzug, vierter Auftritt (Antonio); dort: «Welcher Kluge fänd […]?» ↩
16
Neben den Stoecker nachgewiesenen Falschaussagen in öffentlichen Reden und seiner immer rigoroseren politischen Haltung, mit der er sich im Kaiserreich bald am äußersten rechten Rand des politischen Spektrums wiederfand, ist insbesondere der radikale und erstmals von ihm zum politischen Programm einer Partei erhobene Antisemitismus zu nennen. Er brüstete sich damit, die Judenfrage aus dem literarischen Gebiet in die Volksversammlungen und damit in die politische Praxis eingeführt zu haben. Vgl. etwa A. Stoecker, Das moderne Judenthum in Deutschland, besonders in Berlin. Zwei Reden in der christlich-socialen Arbeiterpartei, Berlin 1880 📖. Vgl. insgesamt G. Brakelmann, Adolf Stoecker als Antisemit, Teil 1: Leben und Wirken Adolf Stoeckers im Kontext seiner Zeit; Teil 2: Texte des Parteipolitikers und des Kirchenmannes, Waltrop 2005 📖. ↩
17
Barth wird hier sein eigenes Verhalten im Streit gegen den Fabrikanten Hüssy (vgl. oben, S. 41, Anm. 1) meinen; in einem Brief an Paul Wernle vom 31.5.1912 schrieb er: «Ist es Ihnen wohl noch nie so ergangen, wie mir mit Walter Hüssy? Als ich seinen Angriff las, da empfand ich wirklich wissentlich nichts von einem persönlichen Beleidigtsein, sondern eine ganz konzentrierte sachliche Kampflust: […] Und dann habe ich losgeschlagen, […]. Ich meinte wirklich nichts Anderes zu tun, als einen Feind der guten Sache über den Haufen zu rennen, wie sichs gehörte. Aber schon 14 Tage später, als der Pulverdampf sich verzogen hatte, musste ich in der Tat einsehen, dass ich alttestamentlich gehandelt habe. Meine Geste kam mir weniger heroisch vor und ich spürte all das Egozentrische, das dabei mitgespielt hatte» (KBA 9212.33; Teilabdruck: O.Br. 1909–1935, S. 6, Anm. 12 📖). ↩
18
Gemeint ist die 1584 geweihte «Chiesa del Santissmo Nome di Gesù all’Argentina» (kurz: «Il Gesú» / «Jesuskirche»), in der sich auch der Grabalter des Gründers des Jesuiten-Ordens, Ignatius von Loyola (1491–1556), befindet. ↩
19
Bezeichnung für die Versammlung und den Versammlungsort der pietistischen Gemeinschaft. ↩
20
«Es vergehe diese Welt und es komme dein Reich» ist eine von Barth zeitlebens benutzte Kombination von Mt. 6,10 par. und Didache 10,6 (vgl. etwa V.u.kl.A. 1914–1921, S. 114 📖; Römerbrief 2, S. 388 📖; O.Br. 1945–1968, S. 101 📖). ↩