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        <title type="volume" n="vol-56">Predigten 1912</title>
        <title type="content">Predigt: Matthäus 5,17-20</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Matthäus 5,17-20, 23. Juni 1912</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/56028 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1912, hrsg. v. Busch, Eberhard / Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2022, S. .</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/56028</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1912</title>
          <title type="text">Predigt: Matthäus 5,17-20</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2022</date>
          <!--position within a volume-->
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 5,17-20, 23. Juni 1912. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1562">KBA 1098</ref>. </bibl>
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          <term>sermon</term>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, den <date when="1912-06-23">23. Juni 1912</date>
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.17 Mt.5.20">Matthäus 5,17–20</ref>
                            <quote rend="text-recte">Ihr sollt nicht denken, dass ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen. <hi rend="italic">Nicht aufzulösen bin ich gekommen, sondern zu erfüllen</hi>. Denn wahrlich, ich sage euch, bis der Himmel und die Erde vergehen, wird auch nicht ein Jota oder ein Häklein vom Gesetz vergehen, bis Alles wird geschehen sein. Wer nur eines von diesen kleinsten Geboten auflöst und lehrt die Leute also, der wird der Kleinste heißen im Himmelreich; wer es aber tut und lehrt, der wird groß heißen im Himmelreich. Denn ich sage euch: <hi rend="italic">Es sei denn eure Gerechtigkeit besser denn die der Schriftgelehrten und Pharisäer, so werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.</hi>
                            </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                        <salute>Liebe Freunde!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                    <p>Diese Worte Jesu reden von einer Frage, die sicher schon Vielen von uns Anlass zum Nachdenken und vielleicht zu zweifelnden oder wehmütigen Gefühlen gegeben hat. Sie handeln nämlich vom <hi rend="italic">Alten</hi> und vom <hi rend="italic">Neuen</hi> im <term ref="kbga-terms-434">Reiche Gottes</term>, von dem <hi rend="italic">Verhältnis</hi>, in dem Beide zueinander stehen, und von der <hi rend="italic">Ordnung</hi>, in der das Eine auf das Andre folgen soll. Vom <term ref="kbga-terms-180">Gottesgesetz</term> des <term ref="kbga-terms-568">alten Testamentes</term> hat Jesus dort gesprochen und von der Art, wie seine Jünger, die Hörer des neuen Gotteswortes, sich dazu stellen sollten. 
                    Aber was er da gesagt hat, das betrifft doch nicht nur die damalige Zeit mit ihren Verhältnissen, sondern es enthält eine Regel des <term ref="kbga-terms-1564">geistigen Lebens</term>, die die <term ref="kbga-terms-402">Menschheit</term> immer wieder beachten und befolgen muss, wenn sie innerlich gesund bleiben will. Denn das ist nicht bloß einmal geschehen, nicht bloß  damals, dass ein neues <term ref="kbga-terms-50">Gotteswort</term> gegen ein altes stand und dass die Menschen sich entscheiden mussten: was soll nun gelten? sondern das ist oft geschehen und geschieht immer wieder. 
                    Denn <term ref="kbga-terms-76">Gottes Wille</term> ist uns wohl in seiner Richtung ein für allemal bekannt, aber was er im Einzelnen von uns will, von den wechselnden Geschlechtern der Menschen, von den Einen im Unterschied zu Andern, ja, selbst von einem und demselben Menschen in frühern oder spätern Zeiten seines Lebens, das steht nicht ein für allemal fest, sondern das müssen wir <pb xml:id="p256" ed="pga"/> immer neu entdecken, immer neu uns von ihm zeigen lassen. 
                    Gottes Wort ist nicht fertig, sondern es wird uns gleichsam eine Stufe nach der andern sichtbar. Es ist freilich ewig in Gott, aber uns erscheint es in einer Reihe immer neuer Enthüllungen. Wir könnten es sonst nicht fassen. Wir müssen erzogen werden.</p>
                    <p>Jesus hat ein anderes Mal auch von dieser Tatsache geredet; als er sagte: 
                    Ich habe euch noch viel zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen. Wenn aber jener, der <term ref="kbga-terms-1651">Geist der Wahrheit</term>, kommen wird, der wird euch in alle Wahrheit leiten! [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.16.13">Joh. 16,13</ref>] Das ist etwas Großes, dass wir uns von diesem Geist der <term ref="kbga-terms-62">Gotteswahrheit</term> so von einer Stufe zur andern dürfen leiten lassen. 
                    Wohl uns, wenn wir mitgehen und nicht zurückbleiben! Aber diese Tatsache bringt nun auch jenen Gegensatz mit sich zwischen dem Neuen und dem Alten. Was soll aus der alten <term ref="kbga-terms-340">Wahrheit</term> werden, wenn die neue da ist? Was sollen wir von der untern Stufe denken, wenn uns die obere sichtbar wird? Hat uns nicht der <term ref="kbga-terms-1711">lebendige Gott</term> auf diese untere Stufe geführt? Ist es nicht <term ref="kbga-terms-76">sein Wille</term> gewesen, der uns da offenbar geworden ist? 
                    Gebietet uns nicht die Ehrfurcht und die Dankbarkeit, festzuhalten an dem, was er uns gegeben und geboten hat? In diesen Fragen des Alten und des Neuen im <term ref="kbga-terms-434">Reiche Gottes</term> hat es nun zu allen Zeiten zwei Gruppen von Menschen mit zwei gründlich verschiedenen Verhaltungsweisen gegeben. Die Einen sind die Zurückhaltenden, die Andern die Vorwärtsstürmenden. |</p>
                    <p>
                        <hi rend="italic">Den Einen</hi> ist es so wohl geworden auf der Stufe der Erkenntnis und Lebensordnung, auf die Gott sie geführt, dass sie davon nicht mehr lassen mögen. 
                    Sie haben das Gefühl, sie könnten bei einer Änderung nur verlieren. Sie stehen darum dem, was Andre ihnen als neue Enthüllung der <term ref="kbga-terms-62">Gotteswahrheit</term> rühmen, misstrauisch und ablehnend gegenüber, und wenn sie darauf eingehen, dann wollen sie doch die alten, ihnen lieb gewordenen <term ref="kbga-terms-1690">Gedanken</term>, <term ref="kbga-terms-1683">Gewohnheiten</term> und Einrichtungen nicht aufgeben, sondern indem sie sich langsam an die neue Stufe gewöhnen, nehmen sie doch Alles das mit sich, wie man alte Möbel in ein neues Haus hinübernimmt, aus treuer Anhänglichkeit, auch wenn sie nicht mehr so ganz dahinein passen sollten. |</p>
                    <p>
                        <hi rend="italic">Die Andern</hi> sind die Stürmer und Dränger. Sie leben mit ihrer ganzen Sehnsucht und ihrem ganzen Willen bereits auf der obern Stufe. <term ref="kbga-terms-62">Gottes Wahrheit</term> ist in der neuen Form über sie gekommen, und das so <pb xml:id="p257" ed="pga"/> mächtig, dass es ihnen schwer oder unmöglich geworden ist, auch im <hi rend="italic">alten</hi> <term ref="kbga-terms-50">Gotteswort</term> wahrhaftiges und wirkliches <hi rend="italic">Gottes</hi>wort zu erkennen. Sie finden im Früheren, in den Gedanken und Ordnungen, die vorher gegolten haben, das Göttliche nicht mehr, 
                    sondern nur noch das Menschliche, das Veraltete, das <term ref="kbga-terms-1279">Träge</term>, das Hindernde, die Schale, die gesprengt werden muss. Und darum laufen sie Sturm, dieses Frühere womöglich radikal zu beseitigen, damit das Neue sich voll und frei entfalten könne. – |</p>
                    <p>Wer hat nun Recht, die Zurückhaltenden oder die Vorwärtsstürmenden, die Freunde des Alten oder die Freunde des Neuen? Ich denke, wir spüren die Unvollkommenheit der einen wie der andern Haltung, auch das göttlich Berechtigte, das in Beiden ist. 
                    Seht, von diesen großen Fragen redete Jesus in seinem Wort vom <term ref="kbga-terms-66">Gesetz</term> und den <term ref="kbga-terms-426">Propheten</term>, die nicht aufgelöst werden sollen, und von der <term ref="kbga-terms-283">Gerechtigkeit</term>, die besser sein soll als die der <term ref="kbga-terms-1433">Schriftgelehrten</term> und <term ref="kbga-terms-808">Pharisäer</term>. Und darüber wollen wir nun ernsthaft nachdenken.</p>
                    <ab rend="center">*   *   *</ab>
                    <p>Auf den ersten Blick könnte es scheinen, als stelle sich Jesus ganz auf die Seite der zurückhaltenden Freunde des Alten. <hi rend="italic">Das Alte</hi> war damals das <term ref="kbga-terms-1694">israelitische Gottesgesetz</term>, die <term ref="kbga-terms-211">Religion</term> und die <term ref="kbga-terms-1353">Lebensordnung</term>, die in der Überlieferung von <persName ref="kbga-actors-2228">Moses</persName> und den <term ref="kbga-terms-426">Propheten</term> enthalten war, der Weg zu Gott durch das Halten der <term ref="kbga-terms-80">Zehn Gebote</term> und ihrer Auslegungen, durch Opfer, Fasten und Beten nach frommer Väter Sitte. 
                    <hi rend="italic">Das Neue</hi> war Jesus selbst mit seiner wunderbar einfachen Botschaft von der <term ref="kbga-terms-186">Güte des Vaters</term> im Himmel und von der <term ref="kbga-terms-851">Liebe zu den Brüdern und Schwestern</term>, mit seiner <term ref="kbga-terms-252">Verkündigung</term> von dem <term ref="kbga-terms-1695">Gott, der Geist ist</term> und nur im Geist und in der Wahrheit angebetet werden kann, vor Allem aber mit der schon durch sich selbst wirkenden, <term ref="kbga-terms-999">Kraft</term> und <term ref="kbga-terms-589">Frieden</term> und <term ref="kbga-terms-1458">Freude</term> verbreitenden Art seines Charakters, seines <term ref="kbga-terms-1434">persönlichen Lebens</term>. Die um ihn waren, 
                    ahnten, dass hier eine neue Stufe der <term ref="kbga-terms-340">Wahrheit</term> enthüllt werde wie noch nie und nirgends sonst, dass hier ein neues, einzigartiges <term ref="kbga-terms-50">Wort Gottes</term> zu ihnen gesprochen wurde. Und nun waren unter ihnen offenbar Solche, die daraus den Schluss zogen, es sei an der Zeit, das alte Gottesgesetz als überflüssig wegzuwerfen. Sie fanden es unnatürlich, dass sie als freie <term ref="kbga-terms-1055">Kinder Gottes</term> 
                    noch nach Knechtesart eingeschnürt sein sollten durch die alten <pb xml:id="p258" ed="pga"/> Gebote: du sollst! du sollst! du sollst! und vollends durch das ganze unendliche Gewebe von Vorschriften und Sitten über Sabbat und Reinheit und Tempeldienst. Was sollte das Alles im <term ref="kbga-terms-434">Reiche Gottes</term>? War nicht der <term ref="kbga-terms-376">Gehorsam</term> gegen <term ref="kbga-terms-829">das Gute</term> selbstverständlich, der äußerliche <term ref="kbga-terms-96">Gottesdienst</term> aber unnütz geworden für den <term ref="kbga-terms-272">Jünger</term> Jesu, der seinen Meister verstanden hatte? So dachten Manche. Und nun mussten sie sich gerade durch ihren Meister, 
                    der ihnen das neue Wort Gottes gebracht hatte, eines Andern belehren lassen: <hi rend="italic">Ihr sollt nicht denken, dass ich gekommen sei, das Gesetz oder die Propheten aufzulösen</hi>. Bis Himmel und Erde vergehen, soll auch nicht ein Jota oder Häklein vom <term ref="kbga-terms-66">Gesetz</term> vergehen. Das Jota ist der kleinste Buchstabe im Alphabet der hebräischen Sprache, und mit dem Häklein oder Hörnlein ist das kleine, unscheinbare Strichlein gemeint, das in dieser Sprache zum Beispiel dazu dient, die Buchstaben D und R oder B und K voneinander zu unterscheiden. Nichts, gar nichts vom alten Gotteswort soll vergehen, bis dass Himmel und Erde vergehen, wollte Jesus sagen. 
                    Wer es anders macht, wer auch nur eines von den kleinsten Geboten des alten <term ref="kbga-terms-751">Bundes</term> auflöst, beseitigt und die Leute also lehrt, der wird der Kleinste heißen im <term ref="kbga-terms-1621">Himmelreich</term>. Das tönt so klar und unmissverständlich, als man nur immer will. Jesus, der große Bringer des Neuen, will doch das Alte nicht auflösen und will auch nicht, dass seine Jünger es tun. |</p>
                    <p>Wie ist er dazu gekommen, diese eigentümliche und nach der Ansicht mancher Bibelforscher fast unbegreifliche Haltung<note xml:id="n01">
                            <p> In seiner Bergpredigt-Vorlesung von <date to="1934" from="1933">1933/34</date> (Typoskript, S. 81 [<idno type="kba-objects-identifier">KBA 1677.2</idno>]) verweist Barth diesbezüglich auf <bibl corresp="kbga-bibls-838">
                                    <persName ref="kbga-actors-418">J. Weiß</persName>, <hi rend="italic">Das Matthäus-Evangelium</hi>, in: ders. (Hrsg.), 
                    <hi rend="italic">Die Schriften des Neuen Testaments, neu übersetzt und für die Gegenwart erklärt</hi>, Göttingen 1906, S. 212–378, dort S. 248</bibl>: «Aber sicherlich gehört das Buchstabenwort nicht zu denen, die uns das innerste Wesen Jesu bedeutsam enthüllen.» – Im Kontext fragt Weiß unter anderem, «ob wir ein Wort wie das vom Jota und Häkchen Jesus zutrauen dürfen», 
                    zeige er sich doch ansonsten in «seiner Beurteilung der einzelnen Gesetzesvorschriften und in seinem praktischen Verhalten […] frei und unbekümmert um den Buchstaben des Gesetzes»; so könne man sich «schwer vorstellen», dass er «sich in dieser Weise für ihn ausgesprochen<bibl corresp="kbga-bibls-838">» habe (a.a.O., S. 247f</bibl>.).</p>
                        </note> einzunehmen? Wenn ich seine Worte recht verstehe, so hatte er dazu zwei Gründe. 
                    Der erste war die aufrichtige, tiefe <hi rend="italic">Verehrung</hi>, die er dem <term ref="kbga-terms-50">Gotteswort</term> des alten <term ref="kbga-terms-751">Bundes</term> entgegenbrachte. Wir brauchen ihm <pb xml:id="p259" ed="pga"/> nicht zuzutrauen, dass er die Unvollkommenheiten und Härten, die Äußerlichkeiten und zeitlichen Beschränktheiten der alttestamentlichen <term ref="kbga-terms-60">Gebote</term> nicht ebenso gut oder besser eingesehen hätte als seine eifrigen Anhänger, die sie deshalb für null und nichtig erklären wollten. 
                    Das hat er ganz sicher, denn ihm verdankten sie es ja, wenn sie gegenüber der alten Art israelitischer <term ref="kbga-terms-457">Frömmigkeit</term> kritisch geworden waren. Und wenige Verse nachher lesen wir ja in der <term ref="kbga-terms-749">Bergpredigt</term>, wie er dem alten Gebot – Ihr habt gehört, wie zu den Alten gesagt ist – sein eigenes neues – Ich aber sage euch – entgegengestellt hat [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.21 Mt.5.48">Mt. 5,21–48</ref>]. Aber gerade aus dieser Kritik Jesu an den <term ref="kbga-terms-1693">Gesetzestafeln des <persName ref="kbga-actors-2228">Moses</persName></term>, mit der wir uns an den nächsten Sonntagen beschäftigen werden, können wir sehen, wie es gemeint war. Jesus hat das <term ref="kbga-terms-568">alte Testament</term> kritisiert und in einer Weise verbessert, die einer völligen Umwälzung gleichkam, aber nicht, weil er es geringschätzte, sondern weil er es in einer Weise ernst nahm, in der ihm auch der eifrigste <term ref="kbga-terms-783">Jude</term> nicht gleichkam. 
                    Es ist gar nicht anders möglich, als dass er in der langen, uns unbekannten Zeit <term ref="kbga-terms-1434">seines Lebens</term> vom zwölften bis zum zwanzigsten Jahr sich aufs Eifrigste mit den heiligen Schriften <term ref="kbga-terms-427">seines Volkes</term> beschäftigt hat. Er ist vertraut geworden mit den großen Gestalten der Vergangenheit, mit Moses und den Psalmsängern und vor Allem mit den <term ref="kbga-terms-426">Propheten</term>, einem <persName ref="kbga-actors-2147">Amos</persName> und <persName ref="kbga-actors-2204">Jesaja</persName> und <persName ref="kbga-actors-208">Jeremia</persName>, und mit ihren machtvoll gebietenden und verheißenden Worten, die noch heute, den ewigen Schneebergen gleich, überlegen und immer wieder erhebend zu uns herüberblicken. Er hat dem alten Testament und den Worten der alten Zeit nicht nur geglaubt und gehorcht, sondern er hat innerlich in ihnen gelebt, seine Gedanken sind mit ihren Gedanken eins geworden. 
                    Das alte Gotteswort wurde die Nahrung, an der er selbst groß wurde. Nur weil er es so tief innerlich verstand und verehrte, weil er seinem Geist sich so völlig unterwarf, konnte er dann auch so überraschend frei werden gegenüber seinem Buchstaben. Das Neue wuchs für ihn selbstverständlich aus dem Alten hervor. Seine Kritik am alten Gesetz ging aus demselben Gottesgeist hervor, der vor tausend Jahren das Gesetz geschaffen. 
                    Er überwand und beseitigte das <term ref="kbga-terms-66">Gesetz</term> und die Propheten, weil er inniger und vollständiger von ihrer Wahrheit durchdrungen war als ihre eigenen Urheber. Und deshalb hat er seine Jünger, die schnell, schnell das alte Testament zum alten Eisen werfen wollten, zurechtgewiesen: ich bin nicht gekommen, das <pb xml:id="p260" ed="pga"/> Gesetz oder die Propheten aufzulösen. Er wollte ihnen damit sagen: seid ihr denn auf dem Weg gegangen, den ich gegangen bin? habt ihr denn die alte Wahrheit so ernst genommen, so in euch aufgenommen, dass ihr sagen könntet, wir brauchen <persName ref="kbga-actors-2228">Moses</persName> und die <term ref="kbga-terms-426">Propheten</term> nicht mehr? 
                    Habt ihr die alten <term ref="kbga-terms-264">Gottesgebote</term> und <term ref="kbga-terms-72">Gottesverheißungen</term> so begriffen und ergriffen, dass ihr sie inwendig habt und ihrer auswendig nicht mehr bedürft? Jesus wollte ihnen sagen: Freunde, wir dürfen kein <term ref="kbga-terms-50">Gotteswort</term> auflösen, bevor es erfüllt ist, das heißt, bevor wir seinen vollen Segen empfangen haben. Er wollte sie anleiten, die alte Wahrheit vor Allem einmal ebenso ernst zu nehmen wie er selbst, um so auf dem rechten, normalen Weg zu der neuen <term ref="kbga-terms-340">Wahrheit</term> zu gelangen, die er ihnen zu geben hatte. – |</p>
                    <p>Und zu diesem ersten Grund, am Alten festzuhalten, kam nun ein zweiter, der damit zusammenhängt: Jesus kannte die Menschen. Er wusste, wie leicht sie auf die Meinung kommen, die natürliche <hi rend="italic">Freude am Kritisieren</hi> und Niederreißen sei an sich selbst schon etwas Gutes und Göttliches. 
                    Es gab zu seiner Zeit Viele, die das <term ref="kbga-terms-66">Gesetz</term> und die <term ref="kbga-terms-426">Propheten</term> als eine Last empfanden, deren <term ref="kbga-terms-658">Freiheitsbedürfnis</term> heimlich gegen den Druck sich auflehnte, den das alttestamentliche Gotteswort ihnen auferlegte. Jesus hätte ihnen Freude machen können damit, dass er ihnen gesagt hätte: es gilt von jetzt an nicht mehr. 
                    Wer weiß, Jesus würde die <term ref="kbga-terms-1497">Volksmasse</term> für sich gewonnen haben, wenn er offen die Abschaffung der alten, schweren, so Vieles verlangenden <term ref="kbga-terms-211">Religion</term> proklamiert hätte, gerade wie man auch heutzutage leicht Anhänger findet, wenn man damit anfängt, alte Ordnungen oder Glaubenssätze zu kritisieren und abzuschaffen. Jesus hat nun freilich ganz gewaltig kritisiert und abgeschafft. 
                    Aber gerade <hi rend="italic">die</hi> Freude hat er weder seinen <term ref="kbga-terms-272">Jüngern</term> noch dem <term ref="kbga-terms-428">Volk</term> gemacht, ihnen zu verkündigen: Das neue <term ref="kbga-terms-50">Wort Gottes</term> ist da, darum hat das alte aufgehört, ihr braucht es nicht mehr zu beachten. Denn er wusste, dass sie dann aus seiner Botschaft nur das Nein gegenüber dem alten herausgehört hätten, dass bloß der Freiheitsdrang, die Lust am Abschaffen und Zerstören in ihnen erwacht wäre. Seine Jünger wären dann zu jener Art von aufgeregten, eigenmächtigen Leuten geworden, die in der <term ref="kbga-terms-378">Welt</term> freilich zahlreich sind, deren Losung ein jüngerer Schweizer Dichter treffend beschrieben hat:</p>
                    <q rend="block">
                        <lg>
                            <l><pb xml:id="p261" ed="pga" rend="noPipe"/>Lasst uns über Zäune klettern,</l> 
                            <l>Denn dazu sind Zäume da.</l> 
                            <l>Lasst Laternen uns zerschmettern,</l> 
                            <l>Unsre Lichter leuchten ja!<note xml:id="n02">
                                    <p> Es handelt sich um die von Barth später auch in <bibl corresp="kbga-bibls-34">Prot.Theol., S. 239</bibl>, zitierte erste Strophe des Gedichts «<hi rend="italic">Stammbuchvers</hi>» von <persName ref="kbga-actors-914">Gottfried Bohnenblust</persName> (1883–1960; Dr. phil., 1906–1920 Gymnasiallehrer in Zürich und Winterthur, 1920 Prof. für deutsche Sprache und Literatur in Genf, 1921 auch in Lausanne), dessen zweite und letzte Strophe lautet (<bibl corresp="kbga-bibls-837">
                                            <persName ref="kbga-actors-914">G. Bohnenblust</persName>, <hi rend="italic">Gedichte</hi>, Frauenfeld 1912, S. 137 [dort in Z. 4</bibl>: «Lampen»]): 
                                <q rend="block">
                                            <lg>
                                    <l>Laßt durch Sumpf und Kot uns laufen!</l> 
                                    <l>Straßen sind Philisterspur.</l> 
                                    <l>Wie wollt Ihr den Schwindel taufen? –</l> 
                                    <l>«Individual-Kultur.»</l>
                                            </lg>
                                        </q>
                                        Barth kannte Bohnenblust von den gemeinsam auf dem Freien Gymnasium in Bern verbrachten Jahren her, wo ihm und seinen Mitschülern der drei Jahre Ältere und schon damals Vielbelesene ein Vorbild war (vgl. Beitrag <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> zu einem Album für G. Bohnenblust zu dessen 70. Geburtstag vom Juli 1953 [<idno type="kba-objects-identifier">KBA 9253.131</idno>]). </p>
                                </note>
                            </l>
                        </lg>
                    </q>
                    <p>Gerade das wollte Jesus nicht. Die bloße <term ref="kbga-terms-658">Freiheit</term> vom <term ref="kbga-terms-66">Gesetz</term> wäre ihm als etwas ganz Kindisches, Wertloses, ja, Gefährliches erschienen. Er hatte den Menschen Besseres zu bieten als eine Befriedigung jenes natürlichen Freiheitsbedürfnisses. Die Freiheit, zu machen, was man will, ist noch lange nicht ein Zeichen von <term ref="kbga-terms-56">Leben</term>. Leben wollte Jesus den Menschen bringen, das heißt aber, vollen <term ref="kbga-terms-377">Gehorsam gegen Gott</term>, volle <term ref="kbga-terms-283">Gerechtigkeit</term>. Also nicht weniger, sondern mehr Gehorsam, nicht schlechtere, sondern bessere Gerechtigkeit als das <term ref="kbga-terms-568">alte Testament</term> sie forderte. Jesus wollte die Menschen nicht losbinden von <term ref="kbga-terms-1482">Pflicht</term> und <term ref="kbga-terms-337">Recht</term> in ihrer ganzen erhabenen Strenge, sondern er wollte sie ernsthafter, innerlicher, aufrichtiger daran binden und wollte ihnen den Weg zeigen, Pflicht und Recht auch zu erfüllen. Wer ihm hätte nachfolgen wollen, nur weil ihm der Ernst und die Strenge des alten Gesetzes ungemütlich geworden war, der hätte nicht zu ihm gehört, denn er war ernster und strenger als <persName ref="kbga-actors-2228">Moses</persName> und die <term ref="kbga-terms-426">Propheten</term>. Wer Freude hatte am Kritisieren und Neinsagen, der kam bei ihm nicht auf seine Rechnung, denn er war nicht da zum Kritisieren und Neinsagen, sondern zum Aufbauen und Jasagen. Und um da niemand irrezuführen, um sich keine Freunde zu erwerben unter den Freunden <pb xml:id="p262" ed="pga"/> des bloßen Freiheitsbedürfnisses, unter denen, die vom Alten bloß los sein wollten, um tun zu können, was ihnen gefällt, deshalb hat er zwischen sich und ihnen die klare Scheidungslinie gezogen: Ich bin nicht gekommen, aufzulösen – bis Himmel und Erde vergehen, wird auch das Kleinste vom <term ref="kbga-terms-66">Gesetz</term> nicht vergehen –, wer damit mein <term ref="kbga-terms-272">Jünger</term> sein will, dass er dem alten den Abschied gibt, und wer gar damit das <term ref="kbga-terms-59">Evangelium</term> zu verkündigen meint, dass er lehrt, das <term ref="kbga-terms-568">alte Testament</term> brauche jetzt nicht mehr geglaubt und gehalten zu werden, der hat mich kaum erst von Weitem verstanden, der gehört zu den Kleinsten im Himmelreich, er steht noch in der Vorhalle des Hauses Gottes und muss die Hauptsache erst erfassen lernen. Kommt herein, will er ihnen sagen, ich habe euch Besseres zu bieten. Die neue Wahrheit ist etwas unendlich viel Größeres als die Ablehnung der alten. Ja, wenn ihr die neue <term ref="kbga-terms-340">Wahrheit</term> <hi rend="italic">fassen</hi> wollt, dann müsst ihr erst die alte ernst nehmen.</p>
                    <p>Ich möchte den Sinn seiner Worte so ausdrücken: er wollte den Freunden des Neuen, den Vorwärtsdrängenden, sagen: ihr müsst es nicht machen, wie es törichte <term ref="kbga-terms-1560">Kinder</term> manchmal tun, denen es zu lange geht, die Knospe zur Blume sich entfalten zu lassen, und die darum die grünen Deckblätter abrupfen, um der Entfaltung der Blumenblätter nachzuhelfen. Dabei geht die Blume unfehlbar zu Grunde. Die Deckblätter sind die alten, die Blumenblätter die neue Wahrheit. Wenn ihr die grünen Blätter schön stehen lasst, wenn ihr <hi rend="italic">warten</hi> könnt, dann wächst und entfaltet sich die Blume,<note xml:id="n03">
                            <p> Vgl. aus <bibl type="song" corresp="kbga-songs-11">Strophe 5 des Chorals «Gott ist gegenwärtig» von <persName ref="kbga-actors-797">G. Tersteegen</persName> (RG 162; EG 165 [dort Strophe 6])</bibl>: 
                        <q rend="block">
                                    <lg>
                            <l>Wie die zarten Blumen /willig sich entfalten</l> 
                            <l>und der Sonne stille halten,</l> 
                            <l>lass mich so / still und froh</l> 
                            <l>deine Strahlen fassen / und dich wirken lassen.</l>
                                    </lg>
                                </q>
                            </p>
                        </note> dann wächst die neue Wahrheit organisch mit innerlicher Notwendigkeit hervor aus der alten. – |</p>
                    <p>Vielleicht wird es euch an einigen Beispielen noch klarer, dass dies Gebot Jesu: Nicht auflösen! eine <term ref="kbga-terms-1696">ewige Wahrheit</term> ist. Ein Gebiet, auf dem sich jener Gegensatz zwischen dem Alten und dem Neuen besonders häufig geltend macht, ist das Verhältnis von <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-1569">Eltern</term> und <term ref="kbga-terms-1560">Kindern</term></hi>, besonders wenn die letztern älter geworden sind. Da sind Söhne und Töchter, die vielleicht in der Fremde, vielleicht durch <term ref="kbga-terms-1459">Bücher</term> <pb xml:id="p263" ed="pga"/> oder Freunde zu ganz andern Anschauungen und <term ref="kbga-terms-1683">Gewohnheiten</term> gelangt sind als ihre Eltern. 
                    Ich rede jetzt natürlich nicht von solchen, die einfach liederlich geworden sind, sondern von solchen, die durch ernsthaftes <term ref="kbga-terms-1501">Nachdenken</term> dazu gekommen sind, in Manchem anders zu denken und zu handeln, als man sie zu Hause angewiesen hatte. Was soll man davon halten, was ihnen sagen? Ich meine, gerade solche junge Leute – und es sind ja die allermeisten in diesem Fall – sollten es sich zur ernstlichsten <term ref="kbga-terms-596">Gewissensfrage</term> machen, ob sie vor dem Worte Jesu: Nicht auflösen! bestehen können. 
                    Ob sich in ihrem Leben die Blume organisch aus der grünen Knospe entfaltet hat oder ob sie eigenmächtig, frevelhaft an der Knospe herumgezupft haben, in der Meinung, damit etwas gutes Neues zu schaffen? Ob sie mit der rechten <term ref="kbga-terms-182">Ehrfurcht</term> und <term ref="kbga-terms-1684">Dankbarkeit</term> das Beste aus ihrem Elternhaus mitgenommen haben, ob ihr eigenes <term ref="kbga-terms-56">Leben</term> aus dieser Ehrfurcht und Dankbarkeit hervorgewachsen ist, oder ob sie bloß etwas Anderes geworden sind als ihre <term ref="kbga-terms-1569">Eltern</term> aus Freude am Andersmachen, am Neinsagen, am Kritisieren und Abschaffen, und heimlich wohl auch aus jener missverstandenen <term ref="kbga-terms-658">Freiheitslust</term> gegenüber dem <term ref="kbga-terms-1653">Ernst</term> des <term ref="kbga-terms-829">Guten</term>, der ihnen in der Art ihrer «Alten», wie man sagt, begegnet und zu drückend war? |</p>
                    <p>Oder ein anderes Beispiel, aus der Geschichte: 
                    War denn die <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-61">Reformation</term></hi>, durch die unsre <term ref="kbga-terms-159">protestantischen Kirchen</term> entstanden sind, etwas Anderes als ein großes und deutliches Auflösen der überlieferten <term ref="kbga-terms-340">Wahrheit</term>? Ein Abfall von einem alten <term ref="kbga-terms-50">Worte Gottes</term>, das mehr als ein Jahrtausend lang gegolten, zu Gunsten eines neuen? Ich sprach dieser Tage mit unserm katholischen <persName ref="kbga-actors-583">Nachbarpfarrer</persName><note xml:id="n04">
                            <p> Gemeint ist <persName ref="kbga-actors-583">Arnold Grolimund</persName> (1866–1940), 
                    von 1906–1918 katholischer Pfarrer in <placeName ref="kbga-places-1073">Walterswil-Rothacker</placeName> SO, einer Nachbargemeinde von <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>.</p>
                        </note> über meinen Text, und er meinte, ich müsse es doch recht schwer haben, darüber zu predigen, denn wir <term ref="kbga-terms-196">Protestanten</term> hätten uns zu sehr dagegen verfehlt durch unsern «Abfall» von der einen heiligen, allgemeinen christlichen Kirche. Ich antwortete darauf, dass es in der Tat von der <term ref="kbga-terms-1697">Reformationszeit</term> bis auf unsre Tage viele sogenannte Protestanten gebe, für die der Protestantismus bloß eine «Auflösung», ein Neinsagen und Kritisieren sei. 
                    Ihr Protestantismus besteht darin, dass sie <hi rend="italic">nicht</hi> an den <pb xml:id="p264" ed="pga"/> <term ref="kbga-terms-1698">Papst</term> glauben, <hi rend="italic">nicht</hi> an <persName ref="kbga-actors-2224">Maria</persName> und die <term ref="kbga-terms-483">Heiligen</term> und <hi rend="italic">nicht</hi> an die <term ref="kbga-terms-192">Messe</term>. Sie haben <persName ref="kbga-actors-261">Luther</persName> und <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> zugejubelt, weil sie da vernahmen, dass man jetzt nicht mehr der <term ref="kbga-terms-33">Kirche</term> gehorchen müsse. Sie haben Freude an ihrem Protestantismus, weil sie ihn von Zeit zu Zeit hervornehmen können wie einen alten Stock, wenn es gegen <term ref="kbga-terms-190">Rom</term> und die Pfaffen geht. Meine Freunde, rechte Protestanten sind wir nur dann, wenn wir die <term ref="kbga-terms-836">christliche Wahrheit,</term> die auch in der <term ref="kbga-terms-34">katholischen Kirche</term> verkündigt wird, ernst genommen haben, wenn uns die tiefe <term ref="kbga-terms-457">Frömmigkeit</term> und der große <term ref="kbga-terms-1653">Lebensernst</term>, der sich auch dort findet, Eindruck gemacht hat und wenn wir dann mit gutem Gewissen sagen können: wir möchten es aber noch ernster nehmen, als es dort geschieht, wir verlangen nicht weniger, sondern mehr <term ref="kbga-terms-340">Wahrheit</term>, nicht weniger, sondern mehr Schärfe gegen die <term ref="kbga-terms-64">Sünde</term>, nicht weniger, sondern mehr Eifer für <term ref="kbga-terms-829">das Gute</term>, als sie dort geübt werden. 
                    Solche Protestanten sind unsre <term ref="kbga-terms-47">Reformatoren</term> gewesen, und weil sie es waren, war die <term ref="kbga-terms-61">Reformation</term> nicht Auflösung, sondern Erfüllung. Aber sorgen wir dafür, dass das von uns auch zu sagen sei. <term ref="kbga-terms-1685">Protestantismus ist reifes Leben in Gott</term>. Wo er das nicht ist, wo er bloß aufzulösen und Nein zu sagen weiß, da ist er Frevel und Torheit. – |</p>
                    <p>So steht über allem, auch über dem berechtigten und nötigen Gegensatz zwischen Neuem und Altem warnend das Wort Jesu: Nicht auflösen! Verdirb es nicht, es liegt ein Segen drin! [<ref type="can" subtype="bible" target="Jes.65.8">Jes. 65,8</ref>]</p>
                    <p>Und so scheint Jesus ganz zu denen, die wir am Anfang die <hi rend="italic">Zurückhaltenden</hi>, die Freunde des Alten nannten, zu gehören. Unsre Textworte weisen in der Tat ganz in diese Richtung. Und doch liegt genug Gegenteiliges in den selben Worten, das uns darauf aufmerksam macht, dass wir ihn mit derselben Notwendigkeit den größten <hi rend="italic">Vorwärtsdränger</hi>, den größten Neuerer nennen müssen. Wir können darauf heute nicht näher eintreten, schon weil in unserm Text der Nachdruck, wie gesagt, durchaus auf der andern Seite liegt. Aber wenigstens andeuten müssen wir es, dass Jesus in seinem innersten Wesen zugleich das Gegenteil eines Zurückhaltenden, eines <term ref="kbga-terms-510">Konservativen</term> in dem Sinn, wie wir das verstehen, gewesen ist. Vor Allem darum, weil es ihm, wenn er das Alte erhalten und schützen wollte, doch durchaus um das Neue zu tun war. 
                    Er wollte, um das Bild nochmals zu brauchen, die Deckblätter erhalten, damit die Blume wachsen könne, nicht um ihrer selbst willen. Das Ziel, das er anstrebte, war <pb xml:id="p265" ed="pga"/> nicht die <term ref="kbga-terms-1686">Heiligkeit</term> und <term ref="kbga-terms-283">Gerechtigkeit</term>, wie sie der <term ref="kbga-terms-457">Fromme</term> des <term ref="kbga-terms-751">alten Bundes</term> anstrebte, sondern die neue Gerechtigkeit des <term ref="kbga-terms-1621">Himmelreichs</term>. 
                    Er sagt: nicht auflösen, sondern erfüllen, nicht beseitigen, sondern ganz ernst nehmen, nicht abschwächen, sondern eine bessere Gerechtigkeit hervorbringen. In dem Allem liegt bereits, dass es durchaus Jesu Meinung ist, dass zu dem Altem etwas <hi rend="italic">Neues</hi> hinzukommen, oder, wie wir bereits besser gesagt: dass aus dem Altem etwas <hi rend="italic">Neues</hi> hervorwachsen soll. Für den Grundsatz: es soll Alles beim Alten bleiben, wir brauchen nichts Neues! kann man diese Bibelstelle auf keinen Fall herbeiziehen. Die Worte «erfüllen» und «bessere Gerechtigkeit» sprechen zu deutlich dagegen.</p>
                    <p>Aber es liegt noch mehr darin. Es liegt darin der Hinweis auf die Tatsache, dass alle alte <term ref="kbga-terms-340">Wahrheit</term> zwar ihren unendlichen Wert hat und darum nicht ungestraft missachtet werden kann, dass sie aber auch ihre ganz bestimmte Schranke hat, dass ihre Geltung einmal aufhört. Jesus sagt vom <term ref="kbga-terms-66">Gesetz</term> und den <term ref="kbga-terms-426">Propheten</term> nicht, dass sie ewig gelten, sondern dass sie gelten, <hi rend="italic">bis dass Himmel und Erde vergehen, bis Alles wird geschehen sein</hi>. 
                    Das sind zunächst recht schwer verständliche Worte. Wir können uns aber zu ihrer Erklärung einfach an das halten, was tatsächlich geschehen ist. Wir sehen nämlich, dass die <term ref="kbga-terms-1687">ältesten Christen</term> das <term ref="kbga-terms-1693">Gesetz des <persName ref="kbga-actors-2228">Moses</persName></term> gehalten haben, solange Jesus lebte und darüber hinaus, bis <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> ihnen erklärte, 
                    was sie selbst schon geahnt, dass mit dem Tode Christi am <term ref="kbga-terms-129">Kreuz</term> das Gesetz für sie sein Ende erreicht habe [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.4.4 Gal.4.5">Gal. 4,4f.</ref>]. Auf <placeName ref="kbga-places-405">Golgatha</placeName> ist das Gesetz und sind die Propheten erfüllt worden, denn dort hat Jesus Gott den Herrn geliebt von ganzem Herzen, von ganzer Seele, 
                    von ganzem Gemüt und aus allen seinen Kräften, und seinen Nächsten wie sich selbst [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.22.37">Mt. 22,37</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.22.39">Mt. 22,39</ref>]. Sie wurden erfüllt, wie es noch nie geschehen war. Und mit dieser Tat, in dieser Gesinnung war die <term ref="kbga-terms-1493">neue Welt</term> in ihren Anfängen bereits auf die Erde, 
                    unter die Menschen gekommen. Der <term ref="kbga-terms-1699">neue Himmel</term> und die <term ref="kbga-terms-1689">neue Erde</term> begannen sich herniederzusenken für die, die danach verlangten, für die, die den Kreuzesweg der <term ref="kbga-terms-593">Liebe</term> auch gehen wollten, den Christus gegangen. Ist jemand in Christus, sagt Paulus mit Recht, so ist er eine neue Kreatur, das Alte, der alte Himmel und die alte Erde sind für ihn vergangen. 
                    Siehe, es ist Alles neu geworden [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.17">2.Kor. 5,17</ref>]; er lebt bereits in dem neuen Geistesgebiet, in dem es kein Gesetz mehr gibt. <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> war der treue <pb xml:id="p266" ed="pga"/> Vollstrecker des Willens Jesu, 
                    wenn er das Kreuz als des Gesetzes Ende proklamierte [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.2.16 Gal.2.17">Gal. 2,16f.</ref>; <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.3.13">Gal. 3,13</ref>]. Das <term ref="kbga-terms-66">Gesetz</term> war überwunden, indem es erfüllt war. 
                    Die neue, «bessere <term ref="kbga-terms-283">Gerechtigkeit</term>», von der Jesus geredet, kam in seinem Tode leuchtend zum Vorschein, und weil in diesem Neuen das Alte völlig enthalten war, durften die Christen von nun an ohne Gewissensbisse nur nach dem Neuen greifen und das Alte fahren lassen. 
                    Die Zeit der Freiheit war für sie angebrochen, der <term ref="kbga-terms-659">wahren Freiheit</term>, die nicht mehr seufzen muss: Das Gesetz zwingt uns! sondern: die Liebe Christi treibt uns also! [<ref type="can" subtype="bible" target="2.Kor.5.14">2.Kor. 5,14</ref>] Wer Jesus ähnlich wird, dem Jesus, der sein <term ref="kbga-terms-129">Kreuz</term> getragen hat aus <term ref="kbga-terms-732">Liebe</term> zu Gott und den Menschen, der bekommt damit den Freiheitsbrief, für ihn gilt nur noch das Neue, nur noch Jesus.</p>
                    <p>Und so können wir es ganz einfach sagen: Wenn die <term ref="kbga-terms-37">Liebe Gottes</term> in uns ist, dann gilt das Alte, was es auch sei, nicht mehr. Aber so weit sind wir Alle noch nicht.</p>
                </div>
                <div type="closer">
                    <p>Amen.</p>
                </div>
            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
