28. April 1912

Predigt: Markus 9,36-37

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Markus 9,36–37
Jesus nahm ein Kindlein und stellte es mitten unter die Jünger und herzte es und sprach zu ihnen: Wer ein solches Kindlein in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt nicht mich auf, sondern den, der mich gesandt hat.
Liebe Zuhörer!

Die Frühlingszeit ist vor andern Jahreszeiten die rechte Kinderzeit. Das merken sogar wir Großen. Es ist, wie wenn ein Zusammenhang bestünde zwischen der Natur, die wieder von vorn anfängt, und unsern Gedanken, die in dieser Zeit besonders gern rückwärts schweifen in das Kinderland, das hinter uns liegt. Wer doch noch einmal etwas davon erleben, wer doch noch einmal träumen und sehen, hoffen und fürchten, sich freuen und traurig sein könnte wie ein Kind! Aber man braucht noch kein Erinnerungsmensch zu sein und nichts zu spüren von dem weichen, wehmütigen Ruf der Vergangenheit, der eigenen Kindheit, der jetzt im Frühlingswind, der über die Felder geht, und im Vogelgezwitscher in den Bäumen an unser Ohr dringt – die Gegenwart selbst redet deutlich genug von Kindern und Kinderzeit, denn das sind die Tage, wo die Türen aufgehen und das kleine Volk, das der Winter ins Zimmer verbannt hatte, wieder draußen sichtbar wird, wie die gelben und weißen Blumen auf den Matten1 sichtbar werden. Aus den Strohhäusern und aus den Ziegelhäusern, vom Ofen herunter und von der geliebten Bank hinter dem Tisch am Fenster sind sie alle ans Licht gebracht, an die Sonne und an die Luft und ins Grüne. Das ist die schöne Zeit der neuen Spiele und neuen Entdeckungen in Feld und Wald. Da wird sogar das unvermeidliche Bändlen2 wenigstens ins Freie verlegt. Die Größern aber helfen im Bewusstsein ihres Wertes |169 bei der Arbeit auf dem Lande. Hier und dort hat eben wieder ein Rekrut3 zum ersten Mal den Weg ins Schulhaus hinauf eingeschlagen, vielleicht ist’s der erste, vielleicht der siebente in seiner Familie, es ist doch immer wieder ein wichtiges Ereignis. Und hier und dort hat ein Knabe oder ein Mädchen die Schule oder sogar die Unterweisung verlassen4 und die Eltern seufzen auf: Gottlob! dass wir soweit sind mit ihm! und der junge Mensch blickt auf seine Kindheitszeit zurück und weiß noch nicht so ganz genau, ob sie nun wirklich und für immer vorüber ist. Da ist’s der rechte Moment, einmal gründlich und ausführlich von den Kindern zu reden und von der Kindheit auch hier in der Kirche. |

Die Fragen drängen sich einem ja von selbst auf die Lippen, wenn man an Alles das denkt: Was haben wir an unsern Kindern? Was sind wir ihnen schuldig? Was soll aus ihnen werden? Was haben wir ihnen zu geben? und vielleicht sogar: was haben wir von ihnen zu lernen? Das wäre zu viel, um es in einer Predigt zu besprechen. Wir wollen uns von einigen der wichtigsten Worte, die Jesus über die Kinder gesprochen, von einem zum andern leiten lassen.5 Heute wollen wir gleichsam die Grundlage legen und uns darüber besinnen, was denn ein Kind eigentlich ist und als was wir es anzusehen haben. Vielleicht, dass wir dabei nicht nur die Kinder kennenlernen, sondern vor Allem auch uns selbst, unsre Kindheit, die vergangen ist, und das Kindliche im Guten und im Bösen, das jetzt noch verborgen in uns schlummert.

*   *   *

Es ist ein ganz eigentümlicher Zug im Bild Jesu, dass uns neben den machtvollen, tiefsinnigen Worten, mit denen er eine neue Welt ge|170schaffen hat, neben den Taten der Kraft, die von ihm ausging, neben den Berichten über den Kampf, den er gegen den Unverstand und die Bosheit der Welt und für das Reich Gottes gekämpft hat, auch ein solch kleiner, belangloser Umstand erzählt wird wie der, dass er einmal ein kleines Kind in die Mitte seiner Jünger gerufen und es vor aller Augen mit freundlichen Worten an sich gezogen habe. Da ist nichts Besonderes dabei, als vielleicht gerade das, dass es so gar nichts Besonderes war, sondern nur etwas Einfaches, Menschliches. Wir könnten weit gehen, bis wir in der Lebensgeschichte andrer großer Menschen einen derartigen Zug fänden. Und wenn wir’s finden, dann ist’s erwähnt als etwas Außerordentliches, Erstaunliches: es wird vielleicht in Form einer Anekdote, einer kleinen Geschichte erzählt: Denkt, der große Mann ist auch noch ein Kinderfreund gewesen. Das ist nun gerade das Eigentümliche an Jesus, dass es bei ihm nichts Außerordentliches bedeutete, als er dort mit jenem Kind freundlich war. Sondern das kam genauso aus der Tiefe seines Wesens wie Alles, was er sagte und tat. Es stand nicht neben seinem Lebenswerk, neben seinen Worten und Taten, seinem Kampf ums Recht, sondern es gehörte zu seinem Werk hinzu. Jesu übriges Leben wäre unverständlich, unvollkommen ohne diesen scheinbar so belanglosen Zug. Jesus war nicht Kinderfreund, weil er gelegentlich den Entschluss dazu fasste oder weil ihn die Laune dazu ankam, wie es uns etwa geht, sondern er musste es sein, es war sein Messiasberuf in seiner ganzen Größe, den er in jener kleinen, freundlichen Handlung ausübte. |

Das erkennen wir sofort aus den Worten, mit denen er sie begleitet hat: Wer ein solches Kindlein aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf, und wer mich aufnimmt, der nimmt nicht mich auf, sondern den, der mich gesandt hat. Damit hat er die kleine, alltägliche Freundlichkeit, die er dem Kinde erwies, in Beziehung gesetzt zu dem Höchsten und Größten, was er überhaupt zu sagen und zu bringen hat. Der ewige Gott hat mich zu euch gesendet! Nehmet mich auf! das war seine Botschaft. Und nun erklärt er sie ihnen: Wisst ihr, wie ihr das machen müsst? Nehmt ein solches Kindlein auf, in ihm nehmt ihr mich auf und mit mir den, der mich gesandt hat. Wir sehen daraus, dass wir nicht von einer Nebensache, sondern von der Hauptsache im Christentum reden, wenn wir von den Kindern reden.

171 Aber nun müssen wir vor Allem zu verstehen suchen, was das heißen mag: ein Kindlein aufnehmen in meinem Namen, an das Jesus eine so hohe Verheißung geknüpft hat. Wir sind geneigt, dabei vor Allem an etwas Wohltätiges zu denken, etwa an etwas Derartiges, wie es der Eine oder Andre hierzuland durch die Vermittlung des Kinderversorgungsvereins6 oder sonst an armen Waisenkindern tut. Gewiss, das ist etwas Schönes und Gutes, wenn jemand in dieser oder ähnlicher Weise ein Kind aufnimmt. Das kann auch zu dem gehören, was Jesus gemeint hat. Aber er hat mehr gemeint als das. Das «Aufnehmen», des er gemeint hat, ist zunächst durchaus nicht irgend eine Wohltat, sondern vor Allem Freude, Wohlwollen, Verständnis dem Kinde gegenüber. Jesus selbst hat ja dort nichts Anderes getan als durch seine kleine Liebkosung Freude bezeugt. Diese Freude genügt fürs Erste vollständig, wenn sie aber nicht eine Laune ist, sondern, wie bei Jesus, aus der Tiefe kommt. Solche Freude haben am Kinde und an den Kindern, mit solchen Augen wie dort Jesus sie ansahen, das heißt: sie aufnehmen in seinem Namen. Und darum ist das Erste, was wir über die Kinder zu sagen haben: Wir sollen Freude an ihnen haben, wir sollen ihnen Wohlwollen und Verständnis entgegenbringen. Wer an den Kindern keine Freude hat, der hat sicher auch an Jesus und Gott keine Freude, und sicher hat Gott auch keine Freude an ihm. An deiner Gesinnung gegen die Kinder kannst du also erkennen, wie du zu Gott stehst. |

|172 Das gilt ganz besonders allen Vätern und Müttern und Lehrern, die mehr oder weniger beständig mit den Kindern zu tun haben. Es gilt aber schließlich gerade so gut uns Andern Allen. Denn die Freude an den Kindern, die Jesus selbst gehabt und die er von uns gefordert hat, ist eine bestimmte Gemütsrichtung, die wir Alle haben sollten, auch wenn wir nicht Väter oder Mütter oder Lehrer sind. Wenn zum Beispiel am Sonntag Kinder zur Taufe gebracht werden, dann ist das etwas, worüber sich jeweilen die ganze Gemeinde mitfreuen sollte. Wir wollen ein anderes Mal von der Taufe reden – heute möchte ich nur soviel sagen, dass ich es gerne hätte, wenn wir den zum Beispiel im Kanton Bern üblichen Brauch einführen könnten, die Taufen jeweilen am Anfang unsrer Gottesdienste, in Gegenwart der ganzen Gemeinde, zu vollziehen.7 So, wie wir es jetzt machen, ist sie beständig in Gefahr, ein unverständliches und gleichgiltiges Nebenhergeschäft zu werden. Es fehlt ihr das Schöne und Frohe, das dazu gehört. |

Oder wenn ihr jetzt nach der Predigt den Berg hinuntergeht und begegnet drunten der Kinderschar, die da wartet, bis sie dran kommt,8 dann dürft ihr kein grämliches oder gewöhnliches Gesicht machen, sondern dann sollt ihr lachen, denn es gibt in Safenwil nichts Schöneres als diese Kinder da drunten unter den grünen Bäumen. Und so sollen wir überhaupt nie kalt und gleichgiltig sein, wenn wir’s mit Kindern zu tun haben oder wenn es sich um die Kinder handelt. Wir sollen da einen Augenblick unser gewöhnliches Wesen, unsre erwachsenen Gedanken und Sorgen und Zweifel stillstellen und uns die Sonne in die Seele scheinen lassen. Wir sollen aufmerksam werden und den guten Willen haben, uns das Herz aufgehen zu lassen. Kinder sind vor allen Dingen nicht etwas Überflüssiges. Es ist traurig genug, wenn sie in so mancher Ehe und Haushaltung als etwas betrachtet werden, an dem man zuviel hat. Wo es so steht, müssten wir sagen, dass Mann und Frau offenbar selbst nicht wissen, was sie wollen, und darum selbst überflüssige Menschen sind. Sondern in jedem Kind müssen wir schon den Mann oder die Frau verehren, die berufen sind, |173 künftig den ungeheuren Blätter- und Blütenwald der Menschheit in eigentümlicher Weise zu bereichern. In jedem Kind ist eine Kraft verborgen, die bisher noch nicht da war und die bestimmt ist, an ihrem besondern Ort wirksam zu werden, hier etwas zu erkennen und dort etwas zu schaffen, hier einen Menschen glücklich zu machen und dort für viele Andre zum Träger und Leiter der Wahrheit und des Fortschritts zu werden. Nicht die Kinder sind überflüssig, sondern wir Erwachsenen erweisen uns als unnütze Geschöpfe, wenn wir das Geheimnis der Kraft und der Zukunft nicht anzubeten wissen, das in jeder Kinderseele schlummert. |

Und weil kein Kind überflüssig, weil jedes ein notwendiges Glied ist in der Kette der Werke Gottes, darum sind auch die Kinder nicht etwas Langweiliges. Wenn wir innerlich fein entwickelt sind, dann werden wir überhaupt keinen andern Menschen langweilig finden, eben deshalb weil jeder Mensch seine Eigenart hat, von der man etwas lernen und aus der man etwas machen kann. Das gilt aber erst recht von den Kindern. Denn während freilich das Eigentümliche, Besondere, der Charakter bei vielen Erwachsenen verwischt und abgestumpft und gleichsam begraben ist, so dass man nachgraben muss gleichsam, um es wieder zu entdecken, liegt es bei den Kindern, je jünger sie sind, noch an der Oberfläche. Sie sind noch nicht abgeschliffene, sondern frisch geprägte Münzen, sie geben sich noch ganz so, wie sie sind. Man kann mit leichter Mühe an sie herankommen, ihre Aufmerksamkeit und ihr Vertrauen gewinnen. Sie warten ja nur darauf, in ihrer Eigenart verstanden und danach erzogen zu werden. Und weil dem so ist, deshalb dürfte ein Vater und eine Mutter nie dessen überdrüssig werden, sich ihren Kindern zu widmen, sich mit ihnen abzugeben, und zwar sich mit ihrer Seele abzugeben, soweit es nur ihre freie Zeit erlauben mag. Lasst lieber öfters etwas Anderes weg, wenn ihr wenig Zeit habt, die Kameraden oder die Zeitung oder die Nachbarngespräche oder gar das Wirtshaus – da verliert ihr nicht viel –, und nehmt dafür euer Bübli oder Meiteli9 bei der Hand zu einem Gang durch’s Dorf oder in den Wald, damit es euch berichten kann aus seinem kleinen Leben und damit ihr eurerseits seinem kleinen Geist die Türen öffnen könnt, durch diea er in die weite Welt mit |174 all ihren Merkwürdigkeiten hineinspazieren soll. Ihr werdet Wunder dabei erleben! Und wenn ihr das vielleicht schon versucht habt und enttäuscht worden seid, wenn ihr nun Kinder einsilbig und verschlossen gefunden habt und nichts mit ihnen anzufangen wisst, dann gebt die Sache nicht auf, sondern fragt euch lieber, ob ihr nicht selbst Schuld daran seid. Von einem Tag auf den andern kann man freilich ein Kind nicht aufmerksam und vertraulich machen. Es gilt auch hier: wer selbst langweilig ist, der wird auch seine Kinder langweilig finden, und zwar mit Recht. Die Kinderseele gleicht in Allem dem Echo vor dem Spiegel: wird sie stumm und gleichgiltig behandelt, dann wird sie auch so, das heißt, sie sucht dann instinktiv bei andern Menschen das Interesse und die Wärme, die sie so oft bei den Eltern nicht findet. Besinnt euch einmal, ob es nicht angebracht wäre, in aller Stille euren Kindern gegenüber Buße zu tun und ein neues Leben anzufangen in der Erkenntnis: ich bin bis jetzt langweilig gewesen, aber es soll anders werden. – |

Und nun heißt «ein Kind aufnehmen»: Freude an ihm haben, endlich und vor Allem, dass man es nicht als eine Sache, als einen Gegenstand behandelt, sondern eben als einen kleinen lebendigen Menschen. Ich begreife wohl, wie naheliegend die Gefahr ist, die vielen «Pürschtli»10 nur noch als Nummern zu betrachten, von denen man nicht einmal mehr das Geburtsjahr weiß, als Dinge, die da essen und schlafen, spielen und arbeiten und hauptsächlich Arbeit geben, über die man aber abgesehen von diesen Dingen nicht weiter nachzudenken braucht. Diese Gefahr muss ins Auge gefasst und überwunden werden, besonders in den kinderreichen Familien. Denn ein Kind ist kein lebendiger Klotz, sondern ein werdender Mensch. Ich denke da besonders an Folgendes: Nehmt euch in Acht mit Allem, was ihr vor den Kindern sagt und tut, auch vor den kleinsten Kindern. Sie nehmen bewusst und unbewusst mehr in sich auf, als ihr denkt. Sie haben gute Augen und Ohren und eine rasche und feine Auffassungsgabe. Grobe, unflätige Worte oder hässliche und lieblose Auftritte in ihrer Gegenwart sind ein Same, der so oder so einmal aufgehen wird. Ich habe den Eindruck, dass in diesem Punkte noch sehr viel gesündigt wird. Sagt euch: wenn mein Kind zugegen ist, dann ist nur das beste und feinste |175 Benehmen gut genug. Und wenn die Wohnung so klein ist, dass ihr nirgends sein könnt, wo euch die Kinder nicht sehen und hören können, dann muss euch diese Regel eben durch das ganze Haus begleiten, ihr dürft euch nirgends gehen lassen. Ich denke, das wird kein Unglück sein, im Gegenteil. |

Und wenn die Kinder dann größer werden, dann gilt es, noch an etwas Anderes zu denken: Kinder sind keine Arbeitsmaschinen. Ich glaube, es ist gut, dass wir den Schulzwang und dass wir ein Fabrikgesetz11 haben, denn es dürfte Eltern geben, die ohne das ihre Kinder gar nicht oder nur ein paar Jahre in die Schule und dafür, sobald sie laufen können, in die Stricke12 schicken würden, und das sind gar nicht immer die Eltern, die’s am Nötigsten haben. Es ist eine ganz merkwürdige Verblendung im Spiel bei dieser Rechnung: nur möglichst rasch verdienen! Denn was die Eltern dabei an Geld gewinnen mögen, das verlieren in sehr vielen Fällen die Kinder an Jugendkraft und Jugendfreuden. Wohl ist’s wahr, dass man die Kinder nicht früh genug zur Arbeit anhalten kann, aber dass man sie in dem Maße, wie’s an vielen Orten geschieht, schon als ganz kleine einfach regelmäßig in ihrer freien Zeit zum Verdienen heranzieht, das ist etwas Anderes, das ist ein Unrecht, das man ihnen antut. Kinder unter zwölf Jahren – rund gesagt – sollten noch nicht verdienen müssen. Ihr mäht eure Matten auch nicht, bevor das Gras eine rechte Länge erreicht hat, und die Äpfelbäume schüttelt ihr nicht, solange die Äpfel noch unreif sind; so solltet ihr auch begreifen lernen, dass der Mensch so gut, nein, noch viel mehr als Gras und Äpfel seine Zeit haben muss, wo er wachsen und reifen kann. Es dürfte nicht sein, dass Kinder nur ganz kurz und |176 in letzter Stunde an ihre Schulaufgaben können. Es dürfte nicht sein, dass man im Tone höchster Missbilligung von einem Kind sagt, er oder es13 wolle immer lesen, – es hat ganz recht, wenn es das will. Es dürfte nicht sein, dass Kindern das notwendige sich Vertun14 an der freien Luft nach dem Sitzen in der Schule abgeschnitten wird. Und es dürfte erst recht nicht sein, dass so manchem Kind auch noch die genügende Nachtruhe verkürzt wird durch das ewige Bändlen.15 Seht, die rechte Freude an den Kindern, das Verständnis für die Bedürfnisse der Jugend, der ernste Wille, sie geistig und körperlich sich entwickeln und entfalten zu lassen, sie sollten auch verhindern, sie als nützliche Arbeitsbienen zu betrachten und zu behandeln.

Aber wir wollen hier nicht weiter gehen. Ihr mögt euch selbst im Weitern und im Einzelnen sagen, worin das besteht und was dazu gehört und nicht gehört, ein Kind im Namen Jesu aufzunehmen. Es ist ja immer wieder dasselbe: im Kind das Göttliche sehen und respektieren und es demgemäß behandeln. Denn so ist Jesus mit allen Menschen – nicht nur mit den Kindern – umgegangen. Wir wollen uns jetzt noch sagen lassen, was uns die Kinder sein oder werden können, wenn wir sie so im Namen Jesu aufnehmen, wenn wir Freude an ihnen haben und danach tun.

In einem Psalm des Alten Testaments lesen wir das Wort: Kinder sind eine Gabe Gottes! [Ps. 127,3] Damit ist bereits ausgesprochen, dass die schweren und großen Aufgaben und Pflichten, die wir ihnen gegenüber haben, wirklich zugleich etwas Schönes und Gutes für uns selbst, für unser eigenes Leben bedeuten. Aber es gibt mancherlei Gaben Gottes, große und kleine. Und darum hat Jesus noch tiefsinniger und machtvoller gesprochen als der Psalmsänger, indem er gesagt hat: Wer ein solches Kindlein aufnimmt, in meinem Namen, der nimmt mich auf, ja, der nimmt den auf, der mich gesandt hat. Das heißt doch ganz deutlich: Freude haben an einem Kind und danach tun, das ist der Weg zu mir und der Weg zu Gott. Er hat den rechten Elternsinn und Erziehersinn als eine Pforte zum Himmelreich erklärt |177 oder vielmehr als eine Pforte, durch die Gott in unsre Herzen einkehren will. Er hat diesem rechten Elternsinn und Erziehersinn also nicht nur die eine oder andre größere oder kleinere Gabe Gottes verheißen, sondern gleich das Höchste und Beste, was es in einem Menschenleben geben kann, nämlich das Leben in Gott selbst. Mit der Freude an den Kindern kommt die Freude in Gott in eine Seele. Wer ein Kindlein aufnimmt, der nimmt Gott auf. Seht, was für eine wundervoll einfache und leicht verständliche und leicht aufzunehmende Botschaft des Lebens uns Allen da verkündigt wird. Es ist ja wohl Keines unter uns, das nicht wenigstens in seinem tiefsten, verborgensten Inwendigen die heiße Sehnsucht trüge, den Herrn Jesus und mit ihm den großen Gott in sein Herz und in sein Leben aufzunehmen. Wie Mancher und wie Manche haben doch schon nach einer Predigt in der Kirche oder Versammlung16 geseufzt: Ach, wenn man es nur auch tun könnte, das wäre schön! Aber da ist so Vieles, was das rechte Leben in Gott schwer machen will. Die Gottesgedanken, die man gehört hat, wollen nicht im Kopf bleiben, weil sie gar so tief und schwierig sind. Das Leben in den Sorgen und Aufgaben des Alltags mischt sich auch darein, und der Friede Gottes im Herzen nimmt wieder ab. Es kommen die Zweifel und es kommen die Schwachheiten. Man sehnt sich nach neuen Quellen göttlichen Lebens. Aber die findet man nicht immer. Man kann nicht so oft zur Kirche oder zur Versammlung gehen, als man wollte, besonders wenn man eine geplagte Hausfrau ist, und wenn man gehen kann, hört man vielleicht auch nicht immer das rechte Wort, das man nötig hätte. So haben wir sicher zu Zeiten Alle schon gedacht. Seht, jetzt eröffnet uns das Wort Jesu eine Quelle göttlichen Lebens, an die wir vielleicht noch gar nie gedacht haben. Um aus ihr zu schöpfen, braucht man nicht einmal in die Kirche oder Versammlung zu gehen, sie fließt am Werktag so gut wie am Sonntag, und sie fließt reiner, ursprünglicher, erfrischender als das, was Pfarrer und Prediger uns sagen oder was wir in den frömmsten Büchern lesen können. Und diese Quelle sind uns die Kinder, wenn wir sie mit den rechten Augen ansehen, wenn wir Freude an ihnen haben und danach tun. Wer ein Kindlein aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich |178 auf und mit mir den, der mich gesandt hat. Die Kinder ein gangbarer Weg zu Gott und ein offener Weg Gottes zu uns! Merken wir auch, was das für eine Freudenbotschaft ist gerade für so viele Vielbeschäftigte, für die Alltagsmenschen, für die sogenannten Weltleute, für die, die einfachen Geistes sind, die sich nicht zu irgend einem Kreis von Auserwählten rechnen können, weil ihnen Zeit und Fähigkeit abgehen, den religiösen Gedanken tiefer nachzugehen, für die, die nicht Offiziere und Unteroffiziere, sondern nur gemeine Soldaten sein können und wollen in der Armee des lieben Gottes! Denen Allen wird hier gesagt: Durch den rechten Sinn gegen eure Kinder kommt ihr zu Gott und Gott zu euch! Aber das gilt auch den Andern, denen, die [die] schwierigen und frommen Wege zu Gott zu gehen gewohnt sind. Es wäre ein übles Zeichen für sie, wenn sie es nicht mehr verstünden, diesen einfachen Weg zu gehen.

In der Freude an den Kindern kommt Gott zu uns. Aber glauben und verstehen wir denn auch, dass dieser Weg Wahrheit ist? Wenn wir Jesus kennen, könnten wir uns daran genügen lassen, dass er es uns gesagt hat. Er wird sich in einer solchen Haupt- und Zentralfrage nicht geirrt haben. Aber wir können das auch selber, von uns aus verstehen lernen. Wir brauchen bloß daran zu denken, was das für Folgen für unser inneres und äußeres Leben hätte, wenn wir jetzt den Vorsatz fassen würden, unsre Kinder mit den Augen Jesu anzusehen und so zu behandeln. Ja, in der Ausführung dieses einen kleinen Vorsatzes liegt schon das ganze Christentum, die ganze Herrlichkeit Gottes. Mit der Ausführung dieses einen kleinen Vorsatzes sind wir ins Himmelreich, ins Leben in Gott hinein versetzt. Er verwandelt unser ganzes Leben. Wenn uns die Kinder nicht mehr etwas Überflüssiges und Gleichgiltiges sind, wenn wir gelernt haben, in jedem von ihnen die göttliche Bestimmung zu verehren, dann heißt doch das nichts Anderes, als dass wir über unsre eigene göttliche Bestimmung nachgedacht haben und ihrem Rufe Folge leisten möchten. Wenn uns die Kinderseele nicht mehr etwas Langweiliges ist, wenn wir vielmehr gelernt haben, ihrer Eigenart und ihrem Streben Aufmerksamkeit und Entgegenkommen zu schenken, dann heißt doch das wiederum nichts Anderes, als dass der Grund und der Anfang der wahren göttlichen Liebe zum Mitmenschen überhaupt in unsrer eignen Seele aufgerichtet ist. Wenn wir das Kind nicht mehr als toten Gegenstand behandeln, |179 sondern als lebendigen Menschen, wenn wir uns darum ängstlich hüten werden vor Allem, was es geistig verletzen und schädigen könnte, in unsern Worten und Handlungen, ist das nicht die Zucht des heiligen Geistes, die sich uns damit ganz von selbst auferlegt, segensreich für unser eigenes Leben? Und wenn wir damit aufhören, das Kind als die nützliche Arbeitsbiene zu betrachten, wenn wir an nichts Anderes denken wollen als daran, es in seiner körperlichen und geistigen Entwicklung bestmöglichst zu fördern, seht, damit siegt bei uns selbst eine höhere, bessere Lebensauffassung. Eltern, die diese Entwicklung ihrer Kinder zu ehren wissen, die haben eben damit auch für sich selbst erkannt, dass es Dinge gibt, die größer und wichtiger sind als das Verdienen, sie beugen sich damit unter die Gesetze der Gotteswelt, die wir nicht durch unsre Gier verpfuschen dürfen. Wenn sie sich hier gebeugt haben, dann werden sie es sicher auch sonst tun. Ist es nicht wahr, wenn wir an Alles das denken, dass die rechte, liebevolle, freudige Erziehung vor Allem die Erzieher selbst verwandelt, dass der rechte Eltern- und Erziehersinn die Pforte ist, durch die Gott bei ihnen selbst einkehrt? O meine Freunde, diese Pforte soll uns nicht umsonst aufgetan sein. Wir wollen uns von Jesus, dem Kinderfreund, nicht zweimal hinweisen lassen auf diese einzigartige und doch so alltägliche Gelegenheit, mit Gott in nächste Beziehung zu treten, unsre Augen und Herzen und Hände reinigen und erheben zu lassen durch die Freude an den Kindern. Wir wollen Kinderfreunde sein wie Jesus, um Gottesfreunde zu werden. Und nun geht hin und versucht es!

Amen.

Textkritische Fußnoten

a
Mskr.: «den». ↩

Sachfußnoten

1
«Matten» steht im Schweizerdeutsch für: «Wiesen». ↩
2
Für die in Safenwil ansässige Bandweberei arbeiteten ganze Familien vielfach noch nach dem regulären Feierabend, um finanziell über die Runden kommen zu können; Kinder mussten dabei die gewobenen Bänder auf Kartonrollen «bändeln» (= aufwickeln). ↩
3
«Rekrut» meint hier in Aufnahme militärischen Sprachgebrauchs einen zum Schulbesuch «einrückenden» Schüler; vergleichbar der im Deutschen weitverbreiteten Rede vom «ABC-Schützen». ↩
4
Der Konfirmandenunterricht erfolgte erst in einem Alter, in dem die Kinder nicht mehr schulpflichtig waren, so dass nur ein kleinerer Teil von ihnen gleichzeitig noch zu einer weiterführenden Schule ging, während der größere Teil bereits arbeitete; vgl. Konfirmandenunterricht 1909–1921, S. XXVIII, bes. Anm. 25 und 26 📖. ↩
5
Vgl. die folgenden beiden Predigten zu Mk. 10,14 (5. Mai) und Mk. 10,15 (12. Mai). ↩
6
Mitte des 19. Jahrhunderts wurden überall in der Deutschschweiz Armenerziehungsvereine gegründet, die örtlich oft von Geistlichen geleitet wurden. Der 1855 gegründete «Kinderversorgungsverein des Bezirks Zofingen» war die erste derartige Organisation im Kanton Aargau; nach seinem Vorbild rief die «Aargauische Kulturgesellschaft» zur Gründung weiterer solcher Vereine auf. Man wollte damit auf die weit verbreitete Verwahrlosung und Vernachlässigung von Kindern in «verrotteten Familien» reagieren: «An den verdorbenen Alten ist wenig mehr auszurichten; aber die Kinder, die Kinder sollen gerettet werden!» Erreicht werden sollte dies Ziel durch die Unterbringung «in rechtschaffenen, christlichen Haushaltungen zu einer bessern Erziehung», und dies bevorzugt auf dem Land, denn eine «städtische Erziehung», so hieß es, wäre «Pfleglingen dieser Art mehr ein Schaden, als eine Wohltat» (zit. nach: E. Guggisberg, Pflegekinder. Die Deutschschweizer Armenerziehungsvereine 1848–1965, Baden 2016, S. 161f. 📖; vgl. a.a.O., S. 108–160). ↩
7
In den reformierten Gemeinden im Aargau wurden damals die Taufen nicht im Gemeindegottesdienst, sondern in einem auf den Familienkreis beschränkten Akt in der Kirche vollzogen. ↩
8
Die «Sonntagsschule» für die Kinder fand nach dem Gottesdienst in der auf einer Anhöhe liegenden Kirche statt. ↩
9
«Bübli und «Meiteli» steht Schweizerdeutsch für: Junge oder Mädchen. ↩
10
Schweizerdeutsch für: Bürschlein, Knaben, junge Menschen. ↩
11
Der Kanton Aargau «erwarb sich in der Fabrikgesetzgebung kein Ruhmesblatt» (Chr. Seiler / A. Steigmeier, Geschichte des Aargaus. Illustrierter Überblick von der Urzeit bis zur Gegenwart, Aarau 1991, S. 148 📖): während in anderen Kantonen die schlimmsten Missstände bereits seit 1815 durch entsprechende Gesetze sukzessive gemildert wurden, gab es hier bis zum Fabrik-Polizeigesetz von 1862 überhaupt keine gesetzliche Regelung, und einen «deutlichen Fortschritt» brachte erst das von Barth angesprochene, auf Bundesebene erlassene Eidgenössische Fabrikgesetz von 1877. Es verbot Kinderarbeit für unter 14-jährige, untersagte die Nacht- und Sonntagsarbeit und führte den 11-stündigen Normalarbeitstag ein. Monatelange Ausnahmen blieben allerdings auf Antrag möglich (vgl. ebd.). ↩
12
Gemeint ist die in Safenwil seit 1897 ansässige Strickerei Hochuli. ↩
13
Im Schweizerdeutschen wird für ein Mädchen traditionell das neutrische Pronomen verwendet. ↩
14
«Vertun» meint im Schweizerdeutschen: «Vertändeln», «absichtsloses Zeitverbringen». ↩
15
Siehe oben, Anm. 2. ↩
16
«Versammlung» meint einen freikirchlichen oder pietistisch geprägten Gottesdienst. ↩