5. Mai 1912

Predigt: Markus 10,14

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Markus 10,14
Jesus sprach: Lasst die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht; denn solcher ist das Rech Gottes.
Liebe Freunde!

Ihr wisst, bei welchem Anlass Jesus dieses Wort gesprochen hat. Es kamen Eltern zu ihm, die brachten ihm ihre Kinder, dass er sie segne. Vielleicht waren sie ein wenig abergläubisch und hofften, schon das, dass Jesus den Kindern die Hand auflege, werde ihnen einen besondern Segen bringen. Vielleicht erwarteten sie auch, dass er ihnen ein gutes, ernsthaftes Wort sagen werde, das ihnen Eindruck machen und sie auf ihrem Lebensweg begleiten könne, wie es bei solchen großen, heiligen Jugendeindrücken gehen kann. Vielleicht aber auch, dass das, was sie wollten, wie ein Versprechen war: Sie begehrten, ihre Kinder unter den Segen der Hand Jesu zu stellen, weil sie im Stillen den Entschluss gefasst, ihnen den Segen des Geistes Jesu, den sie selbst kennengelernt hatten, zu Gute kommen zu lassen. Es wird wohl von Allem etwas dabei gewesen sein. Aber wir wollen das nicht untersuchen. Die Hauptsache ist, dass sie Alle auf ihre Weise etwas für das Wohl, etwas zur Erziehung ihrer Kinder tun wollten, indem sie sie zu Jesus brachten. Da traten einige von den Jüngern Jesu streng und scheinbar sehr weise dazwischen. Sie fanden, das trage nichts ab, den Meister mit diesen Kindern zu belästigen. Was er zu sagen habe, das gehe die Großen an, für die Kleinen sei es doch zu hoch, und sie könnten nur stören. Sie mögen also etwa das gedacht haben, was wir auch etwa schon gedacht oder gesagt haben, wenn wir sahen, wie Andre kleine Kinder mit in die Predigt nahmen. Wir dachten: Die gehören doch nicht dahin! und das mag ein ganz richtiger Gedanke sein. Aber erstens war Jesus dort nicht in der Kirche und hielt auch keine Predigt, sondern es war vielleicht am Abend, wo er ausruhte – und dann hat er aus ihren gerechten und weisen Worten, mit denen sie die Kinder fortschicken wollten, etwas Unreines, Unrichtiges herausgehört. Ihr seid schlechte Pädagogen, schlechte Erzieher! wies er sie |181 zurecht, wisst ihr nichts Besseres, als die Achseln zu zucken und abzuweisen? Warum habt ihr so wenig Zutrauen zu der Seele dieser Kinder, warum stört ihr sie in ihrer Freiheit, wo sie sich entfalten möchte ihrem natürlichen Trieb gemäß, warum freut ihr euch nicht darüber, schon diese Kinder auf dem rechten Wege zum rechten Ziel zu sehen? Nicht doch, lasst sie zu mir kommen und wehret ihnen nicht! Wir wollen stille halten und uns vertiefen in die Fülle erzieherischer Weisheit, die in diesem einfachen Wort verborgen ist.

Lasst die Kindlein zu mir kommen! Damit hat Jesus gesagt, dass er an die Kinder glaubte, dass er Zutrauen zu ihnen hatte. Das hatten die Jünger nicht. Ihnen flößte der Anblick der Kinder nur den richtigen, aber kleinlichen Gedanken ein: Die sind doch noch nicht reif und verständig genug, um würdig zu sein, dass Jesus sich mit ihnen abgebe. Ich sage, das war richtig, aber kleinlich gedacht. Ja, diese Kinder waren unreif, unverständig, unwürdig Jesus gegenüber. Aber die Jünger hätten sich sagen müssen, dass sie selbst schließlich im ganz gleichen Falle seien. Hatten sie doch Jesus oft genug nicht begriffen. Es lag kein Anlass vor, sich so turmhoch über die Kinder zu erheben. Wenn sie das bedacht hätten, hätten sie Besseres zu tun gewusst, als die Unwürdigen fortzuschicken. Da steht Jesus ganz anders da. Er fühlt sich selbst als nichts Anderes denn als das Kind Gottes. Er lebt im beständigen Gedanken an die unendliche Güte des Vaters. Und weil es so ist, kann ihm auch das Kleinste nicht klein erscheinen. Er glaubt nicht an sich selbst, wie die Jünger, sondern an Gott, und darum glaubt er auch an das Kleinste in der Gotteswelt, darum glaubt er auch an die Kinder. Er hat das fröhliche Zutrauen, dass ihre Unreife, ihr Unverstand, ihre Unwürdigkeit nur Vorstufen sind zu etwas Besserem. Er bleibt nicht dabei stehen. Er verachtet sie nicht und belächelt sie nicht, weil sie noch Kinder sind, sondern er zieht sie zu sich im Vertrauen, dass sie als Kinder Gottes zu ihm gehören und nirgends anders hin. – |

Ja, das ist das erste Geheimnis aller Erziehungskunst, dass wir lernen, an die Kinder zu glauben, ihnen das Beste zuzutrauen. Wir geben uns kaum Rechenschaft, wie ungeheuer fördernd es für ein Kind ist, wenn es spürt: man traut mir etwas zu, und wie verhängnisvoll, wenn es das Gefühl haben muss, man achtet mich doch nicht, man glaubt doch nicht an meinen Verstand, meine Kraft, meinen guten Willen. Denkt nur einmal darüber nach, wie es sogar uns Erwachsenen geht: |182 Wie wunderbar leicht und schön wird jede Arbeit, jedes Unternehmen, wenn wir dabei das Gefühl haben können, dass auch nur jemand, nur eine Person vielleicht uns mit rückhaltloser Achtung, mit ihrem Zutrauen, mit ihrem Glauben begleitet. Und wie düster wird es um uns her, wenn uns dieses Gefühl genommen wird, wenn man uns allein lässt, wenn man uns misstraut. Wie erscheint uns da jedes Hindernis in unserm Leben plötzlich größer und jeder Fortschritt kleiner. Und wenn das von uns Erwachsenen gilt, die doch gelernt haben, selbständig zu sein, um wie viel mehr von den Kindern, die das erst lernen sollten. Da müssen wir vor Allem dahin kommen, einmal das Jesu nachzusprechen: Lasst die Kindlein zu mir kommen. Wir meinen damit, dass wir uns selbst Gott gegenüber als Kinder fühlen. Dass wir aber wissen, dass Gott auch am kleinsten Ort mächtig ist. Und dass wir darum das feste Vertrauen haben, dass wir selbst und die, die noch kleiner und unreifer sind als wir, in Gott leben dürfen. |

Diese Gedanken bringen wir zum Ausdruck, indem wir schon die kleinen Kinder, die noch nicht denken und sich entschließen können, in der Taufe dem Herrn darbringen, das heißt, sie für die Nachfolge Jesu bestimmen. Wenn man die Taufe als eine Sache von Brauch und Mode erledigt, dann ist sie nichts wert. Wenn man abergläubische Gedanken damit verbindet wie den, dass ungetaufte Kinder nicht selig sterben könnten, dann irrt man sich und die Taufe würde besser unterbleiben. Aber wenn wir daran denken, dass schon die Kinder Eigentum des lebendigen Gottes sind, wenn wir sie von vornherein mit diesem festen Glauben und Zutrauen ansehen und behandeln, dann kann uns die Taufe unsrer Kinder zu einem weihevollen Bekenntnis dieses Gedankens werden, das wir nicht vermissen möchten. |

Aber wohlverstanden, es darf nicht bei diesem Bekenntnis bleiben, hier so wenig wie überhaupt. Dieser Glaube an das Kind, der aus dem Glauben an Gott fließt, muss sich nun auf jeder Stufe der Erziehung bewähren. Das Kind muss durchdrungen sein von dem ganz bestimmten Gefühl, dass wir nur das Beste von ihm erwarten. Sobald es etwas merkt von Achselzucken und Bedenken oder gar von dem Verzicht: aus dir wird doch nichts! sobald ist auch unsre Erziehungskunst in den meisten Fällen umsonst. Dieses Zutrauen hat selbstverständlich nichts zu tun mit der Einbildung vieler Eltern, die ihr Kind als einen Ausbund von Vortrefflichkeit behandeln und Andern gegenüber |183 nicht das Geringste auf ihn kommen lassen würden. Im Gegenteil: dieses Zutrauen, dieser Glaube an das Kind wird sich gerade zeigen in scharfer Kritik seinen Fehlern gegenüber. Das Kind soll es deutlich spüren: hier und hier und hier habe ich durchaus nicht das Gute getan, das man von mir erwartet. Gerade wie das Zutrauen, das Gott uns großen Kindern beweist, damit anfängt, dass wir merken: hier fehlt’s! gerade so soll es den kleinen Kindern uns gegenüber ergehen. Wenn wir an sie glauben, so soll sie das nicht selbstzufrieden und eitel machen, sondern es soll sie vor Allem zum Bewusstsein führen, dass sie unsern Glauben nur sehr unvollkommen verdienen. Wenn wir die Fehler unsrer Kinder nicht mehr sehen, dann haben wir sicher auch nicht mehr den rechten Glauben an sie. Aber allerdings: wenn wir wirklich dieses Zutrauen Jesu haben, das grundsätzlich sagt: lasst die Kindlein zu mir kommen, dann werden wir bei der Erziehung nicht an den Fehlern der Kinder haften bleiben. Nichts ist ja schließlich leichter und wohlfeiler, als bei einem Kind zu konstatieren, was es Alles für böse Neigungen habe, und dann jedes Mal ein großes Rufen oder sogar Schlagen anzufangen, wenn diese böse Neigungen an den Tag treten. Das ist eine schreckliche Erzieherei, wo man immer bloß an den Fehlern der Kinder herumzukorrigieren weiß, obwohl wir Erwachsenen untereinander es genauso machen. Und man sollte sich nur klar sein darüber, dass diese schreckliche Erzieherei sicher auch nicht zum Ziele führt. Denn wenn Kinder gewisse Vorwürfe immer wieder hören, dann werden sie ihnen bekanntlich1, selbst wenn sie von Strafen begleitet sind, in vielen Fällen tagtäglich, sie kümmern sich nicht mehr darum als um Regen und Sonnenschein, die auch immer wiederkehren. Sondern es muss bei jedem Kind in besonderer Weise aufgebaut werden auf das Gute, das sich neben vielen Fehlern sicher auch in seinem Charakter findet. Es muss das Gefühl bekommen: Hier, in diesem kleinen Stücklein Land bin ich eigentlich zu Hause, das bin im Grunde Ich. Das ist das Geheimnis des Zutrauens großen und kleinen Leuten gegenüber, dass man ihnen damit Freude macht an den, wenn auch noch so bescheidenen, guten Neigungen ihres Charakters. Nur |184 durch dieses Zutrauen, durch diese unbewusste Stärkung des Guten in ihnen, wird der Mensch erzogen. Diesen Erziehungsweg hat uns Jesus gewiesen, indem er dort seinen Jüngern, den gerechten und weisen, zu verstehen gab: auch mit den Kindern, trotzdem sie Kinder sind, gebe ich mich ab – denn ich glaube an sie.

Nun wollen wir auf etwas Anderes achten. Lasst sie zu mir kommen! sagte Jesus. Er wehrt sich damit gegen eine Engherzigkeit der Jünger. Er sieht die Kinderschar, die Großen und die Kleinen, geleitet von ihren Eltern, auf ihn zustreben. Daneben aber die Jünger, die ihnen zusprechen: ihr seid noch nicht verständig genug! Kommt wieder, wenn ihr älter seid! Wenn ihr lesen und schreiben könnt, wenn ihr die Bibel kennengelernt habt. Sie mochten recht haben, die Guten. Aber Jesus hatte doch noch mehr recht, wenn er solche weisen Worte und Gründe als eine Unfreiheit betrachtete, die man den Kindern auferlegte. Für ihn lag die Sache viel einfacher: Sie kommen zu mir! – also, so lasst sie zu mir kommen und wehret ihnen nicht. Nicht nur die Geringschätzung, die sie mit ihrer Zurückweisung ausübten, empfand er als etwas Unreines, sondern auch den Zwang, den sie damit ausübten. Lasst sie zu mir kommen! In diesem «lasst sie!» liegt der Gedanke Jesu, dass in den Kindern etwas Freies, Lebendiges sei, das sie von selbst zu ihm hinführe. Dieses Freie sollen die Jünger frei gewähren lassen und nicht mit ihren Bedenken und Vorschlägen dazwischen fahren. Auch darin kommt ein äußerst wichtiger Erziehungsgrundsatz zum Vorschein. |

Wir sagten bereits, dass es gelte, dem Kinde Freude zu machen an den guten Seiten seines eigenen Charakters. Wenn wir das wollen, dann muss es klar und deutlich vor unsern Augen stehen: Lasst sie zu mir kommen! Lasst sie den rechten Weg gehen! Es heißt nicht: bringt sie! oder schleppt sie! Es ist nicht die Rede von einem Zwang, den wir ausüben dürften. Sondern wenn wir das Vertrauen wirklich haben, dass im Kinde ein, wenn auch noch so bescheidener, Trieb zum Guten lebt, dann müssen wir ihm Freiheit gönnen, sich zu entfalten, wie es seiner Natur entspricht. Die Natur aber gerade dieser Triebe zum Guten im Menschen wird auch für nachdenkliche Erzieher immer etwas Geheimnisvolles behalten. Wann wird er Schoße schlagen? Wann wird er Früchte tragen? Was werden diese Früchte sein? Das sind Alles vielgestaltige Fragen. Wir dürfen sie nicht mit fertigem |185 Maßstab beantworten wollen, sonst tun wir ein Unrecht gegen die Freiheit. Wir dürfen nicht verlangen, dass allen Bäumen eine Rinde wachse.2 Es hat sich noch immer gerächt, wenn man die Kinder nicht kommen lassen wollte, sondern sie mit Zwang behandelte. – |

Damit soll wiederum durchaus nicht gesagt sein, dass man die Kinder müsse machen lassen, wie sie wollen – ganz im Gegenteil: mit allem Ernst werden wir darauf bedacht sein, ihnen alle Hindernisse, die sie vom rechten Weg abhalten könnten, zu beseitigen und alle möglichen Wegweiser für sie aufzurichten – aber wenn wir das getan haben, dann werden wir nicht zu ängstlich sein in der Frage, ob sie nun auch schnell oder langsam, zu Fuß oder zu Wagen oder zu Pferd auf diesem Weg einherreisen. Das wollen wir Gott überlassen. Gott aber ist ein Gott der Freiheit [vgl. 2.Kor. 3,17]. Wir wollen ihm nicht Vorschriften machen und darum auch den Kindern nicht. Denn Jedes hat seine eigene Natur, und auch das Gute, Göttliche muss auf seine eigene Weise und zu seiner eigenen Zeit bei ihm zum Vorschein kommen. Da darf sich auch der frömmste Jünger Jesu nicht dreinmischen mit verdrießlichen Abwehrbewegungen. Da hat keiner den Andern hinauszuweisen, sondern da haben wir einander zum Herrn kommen zu lassen, das heißt, einander zu respektieren in der besondern Art, wie wir rechte Menschen werden. Das gilt auch den Kindern gegenüber. Mit diesem «Lasst sie!» hat Jesus sie schützen wollen gegen alles Pedantische, gegen Zwang und Methode, gegen Schablone und Uniform. Mit denen kann man Bäume züchten oder Bienen, aber nicht lebendige Menschen. Denn Menschen tragen immer ihr Gesetz in sich selbst, nur sie selber können erkennen, was Pflicht und Gewissen ihnen befiehlt. Andre aber können bloß raten und suchen helfen und zur Treue ermuntern, wenn das Kind sein eigenes Gesetz gefunden hat. Das wollen wir treulich tun, aber uns auch sagen, dass mehr weniger wäre.

Und nun kommen wir zur Hauptsache. Jesus spürt in den Kindern den Trieb, der sie zu ihm hinführt. Er empfindet freundlich, dass sie auf dem rechten Wege sind. Und nun diese harthölzerne Abweisung |186 der Jünger? O da muss viel Unverstand dabei sein, dass sie sich so verhalten können. Nun öffnet er ihnen gleichsam die Augen. Lasst die Kindlein zu mir kommen! Wacht auf! Statt sie abzuweisen, solltet ihr die Kinder vielmehr zu mir führen. – |

Gewiss hätten die Jünger jenen Vätern und Müttern dort allerlei gute Ratschläge geben können, wie sie ihre Kinder erziehen sollten. Sie hatten wohl mit Jesus und untereinander mehr als einmal auch von diesen Dingen geredet. Und wenn jene Eltern mit der Bitte zu Jesus gekommen wären: Meister, sage uns, wie wir unsre Kinder erziehen sollen! dann hätten sie sie verstanden. Aber nun war von solcher Belehrung nicht die Rede, sondern was sie sahen, war, dass Jesus die Kinderschar um sich sammelte und in Wort und Handlung lieb mit ihnen war. Das war den Jüngern zu wenig. So ist auch unter uns Vielen die Liebe zur Erziehung zu wenig. Um alles Mögliche sorgt man sich: gute Kost und gute Kleidung, gute Schulen und womöglich ein gehöriges Stück Geld als Erbteil. Daran denkt man. Es ist gut, wenn das da ist, wenn das Alles oder doch teilweise einem Kind wirklich widerfährt. Aber wie jammervoll traurig, wenn es das Einzige ist, was einem Kind widerfährt, wenn die Hauptsache fehlt, nämlich die Liebe, die dem Kinde zunächst einmal nichts Anderes zu geben hat als sich selber. Da steht man dann mit leeren Händen da, meint, etwas getan zu haben, und hat doch nichts getan. Wie manche Eltern müssen so mit leeren Händen vor ihren Kindern stehen und können nicht begreifen, dass es so ist! Wie oft ist der Gedanke in Kinderherzen groß geworden: Ihr habt mich genährt und bekleidet und erzogen, aber ihr habt mich nicht lieb gehabt. Es war nie warm und traulich bei uns, ihr habt uns nie Freude und Freundschaft geschenkt. Und wie wunderbar leuchtend lebt die Erinnerung fort in den Gedanken derer, die eine schöne, liebreiche Jugendzeit hinter sich haben, die aus einem Familienkreis kommen, in dem man nicht nur gearbeitet und sich genährt, sondern in dem man wirklich gelebt hat, was man so nennen darf. Dieses Leben, das sich den Kindern mitteilt, hängt nicht an der Fülle des elterlichen Portemonnaies noch an dem Luxus und der Bequemlichkeit des Haushalts, es findet sich in der Villa so gut wie in der Hütte und findet sich ebenso oft in beiden nicht. Es hängt auch nicht einmal an der Weisheit der Erziehungsgrundsätze, nach denen die jungen Charaktere herangebildet werden. Sondern dieses Leben ist |187 etwas Unbegreifliches, Unsichtbares in einer Familie. Man kann es nur beschreiben, wenn man es gesehen hat. Es besteht nicht in Worten, sondern in Kräften. Es muss vom Vater oder von der Mutter oder von Beiden ausgehen und von da aus lösend und stärkend, tröstend und aufrichtend auf die Kinder strömen, jedes in seiner Weise berührend und erfüllend. Es muss zugleich etwas Ernsthaftes sein und etwas Erheiterndes, etwas, was jedes einzelne Kind in besondrer Weise fesselt und was es doch zugleich mit allen übrigen Geschwistern und mit den Eltern enger verbindet, etwas Äußerliches und etwas Innerliches. Es ist das, was ein Kind nicht mehr vergessen kann, wenn es nur einmal es wirklich erkannt hat, sondern es wird es begleiten ins Leben hinaus und wird als verborgene, bald aufrichtende, bald vorwärtstreibende Gewalt bei ihm sein. Dies Leben ist die Liebe, wie Eltern sie zu ihren Kindern haben sollten. Sie ist die Erziehungsmacht ersten Ranges. Neben ihr kommen alle andern Erziehungsmittel nur noch in Betracht, wie die Arzneien des Apothekers neben den Kräften der Natur in Betracht kommen. Vollends Geld und Gut wollen neben dem Besitz dieses Einen Notwendigen gar nichts sagen. Hier lernen wir nun Jesus kennen mit seinem Wort: Lasset die Kindlein zu mir kommen. Ja, zu mir, ihr klugen Jünger, wehret ihnen nicht, auch wenn sie nichts begehren als meine Hände und meine Augen. Es genügt. Jesus hat nicht Kinderlehre und nicht Sonntagsschule3 gehalten dort. Aber er hat getan, was für Kinder auf alle Fälle das Allernötigste ist, er hat ihnen gezeigt, dass er sie lieb habe. Und wenn es wahr ist, dass Gott die Liebe ist [vgl. 1.Joh. 4,16], so hat er ihnen eben damit Gott gezeigt. Das war die beste Kinderlehre, die je ist gehalten worden, obwohl kein frommes Wort dabei fiel.

Und damit hat er nun uns die gerade, einfache Straße gewiesen, auf der auch wir als Erzieher, als Vater oder Mutter wandern müssen. Es ist gut, wenn wir in der Lage sind, unsern Kindern das Leben schön zu machen. Es ist sehr gut, wenn wir bestrebt sind, sie nach strengen |188 Grundsätzen der Tugend und Frömmigkeit zu rechten Menschen heranzubilden. Aber das, was notwendig ist, das ist, dass die siegreiche Kraft der Liebe von uns ausgehe. Denn wo ein Kind bloß zu Essen bekommt, da bleibt es der alte Mensch und wird nicht erzogen. Und wo ein Kind bloß angepredigt wird, da bleibt es der alte Mensch und wird nicht erzogen. Aber wo ein Kind Wärme verspürt und Licht, da fängt die Verwandlung an, in der der neue Mensch entsteht. So hat Jesus auf die Kinder gewirkt. Das mussten seine Jünger dort erst lernen. Und das müssen wir auch erst lernen.

Amen.

Sachfußnoten

1
Im Schweizerdeutschen kann «bekanntlich» auch wie «bekannt» verwendet werden (Art. «be-channtlich», in: Schweizerisches Idiotikon. Wörterbuch der schweizerdeutschen Sprache, Bd. 3, Frauenfeld 1895 📖, Sp. 372). ↩
2
Das Sprichwort «Es ist nicht allen Bäumen eine Rinde gewachsen» meint: Nicht alle haben denselben Charakter oder die gleichen Ansichten (vgl. Deutsches Sprichwörter-Lexikon. Ein Hausschatz für das deutsche Volk, hg. von K. Fr. W. Wander, Bd. 1, Leipzig 1867 📖, Sp. 278). ↩
3
Ursprünglich wurden in einer Sonntagsschule die Kinder und Jugendlichen, die wochentags arbeiten mussten und daher für die gewöhnliche Schule nicht erreichbar waren, unterrichtet. Mit der allgemeinen Durchsetzung der Schulpflicht war daraus eine dem Kindergottesdienst vergleichbare Einrichtung geworden, für die in der Schweiz bis heute die Bezeichnung Sonntagsschule üblich ist. ↩