12. Mai 1912

Predigt: Markus 10,15

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Markus 10,15
Jesus sprach: Wahrlich ich sage euch: Wer das Reich Gottes nicht annimmt wie ein Kind, der wird nicht hinein kommen!
Liebe Zuhörer!

Wenn dieses Wort wahr ist, dann sind die Kinder so gut unsre Erzieher und Lehrmeister als wir die ihrigen. Dann haben wir nicht nur daran zu denken, was wir ihnen schuldig sind und wie wir sie zum Besten anleiten wollen, sondern dann haben wir uns zu sagen, dass wir zu unserm eigenen Besten werden müssen wie sie.

Aber was ist nun das, worin uns die Kinder Vorbilder werden sollen? Und was heißt das: das Reich Gottes annehmen wie ein Kind? Ich möchte vor Allem ein häufig vorkommendes Missverständnis von diesem Worte Jesu abwehren. Man hat es oft so ausgelegt, als habe er gesagt: man muss so unwissend und unerfahren sein wie ein Kind, um ins Reich Gottes zu kommen. Kinder glauben willig und ohne zu zweifeln, was man ihnen aus der Bibel und von Gott erzählt, so sagt man etwa. Wenn sie einmal größer werden, dann werden die Meisten misstrauisch und kritisch, dann ist’s aus mit dem echten, rechten Glauben. Wohl denen, die sich die kindliche Harmlosigkeit erhalten können, die sich vor allem Studieren und Kritisieren hüten, die keine Einwände kennen, weil sie gar nicht darüber nachdenken wollen, die einfach Alles hinnehmen, wie es gesagt und geschrieben ist! Die kommen ins Reich Gottes. So kann man reden hören. Aber so hat es Jesus ganz sicher nicht gemeint. Denn erstens sind die Kinder gar nicht so, dass sie unwissend und unerfahren bleiben möchten, sondern sie machen sich zu Allem, was man ihnen sagt, auch schon ihre eigenen Gedanken und auch schon ihre Einwände; sie wollen nicht hinnehmen, sondern sie wollen verstehen; sie wählen aus zwischen dem, was ihnen zusagt, und dem, was nicht. Zweitens können wir tagtäglich beobachten, dass Unwissenheit und Unerfahrenheit mit dem Reiche Gottes durchaus nichts zu tun haben. Es kann Einer ohne Widerspruch und ohne Zweifel Alles annehmen, was ihm von Gott gesagt wird, er |190 ist deshalb doch durchaus noch nicht ein tüchtiger, brauchbarer Mensch. Es ist nicht abzusehen, welche Gründe des Gewissens oder Gefühls uns dazu nötigen sollten, jenes harmlose Unwissendbleibenwollen als etwas Besonderes, Göttliches anzusehen. Wohl aber sind Menschen, die in diesem Sinn fromm sein wollen, oft genug eigensinnig, beschränkt und bösartig geworden und haben mit ihrem angeblichen Kindersinn und Kinderglauben großen Schaden in der Welt angerichtet. Drittens aber wäre diese Auffassung die Verleugnung einer der besten Gottesgaben, nämlich des ernsthaften, freien Nachdenkens. Blindes, bewusstloses Wesen ist sicher nicht nach dem Willen Gottes, sondern wir sind dazu da, Erkenntnisse zu gewinnen und Erfahrungen zu machen. Gerade die größten Gottesmänner aller Zeiten, der Apostel Paulus, der große Kirchenlehrer Augustin, unsre Reformatoren Luther, Zwingli und Calvin, der Philosoph Immanuel Kant und der Theologe Schleiermacher waren nicht im Mindesten Kinder an Unwissenheit, sondern im Gegenteil scharf durchdringende Geister. Wenn man an solche Männer denkt, muss es einem doch fast wie ein Frevel erscheinen zu sagen, man komme leichter zu Gott, wenn man nicht zu viel nachdenke. Es wäre aber auch ein Unrecht gegen so manche kleinere und weniger reine Geister, die in der Welt leben und denken mussten und die doch mitten in der Welt rechte Kinder Gottes waren. Und es wäre ein Unrecht gegen uns selbst, denn wir Alle sind dazu angelegt, nicht unwissend und unerfahren zu bleiben, sondern zuzunehmen nicht nur an Alter, sondern auch an Weisheit. «Da ich ein Kind war, redete ich wie ein Kind und war klug wie ein Kind und hatte kindische Anschläge; da ich aber ein Mann war, tat ich ab, was kindisch war!» [1.Kor. 13,11] Also, die Leichtgläubigkeit, die Gedankenlosigkeit, die Unberührtheit, das ist sicher nicht das Kindliche, das Jesus uns zum Vorbild gesetzt hat. Wenn die Kindlichkeit in diesen Dingen bestünde, dann müssten wir viel eher daran denken, die Kinder davon zu befreien, als sie darin nachzuahmen.

Aber nun gibt es eine andre, die rechte Kindlichkeit, die ist groß und göttlich, beschämend und nachahmenswert. Es fällt freilich sehr schwer, sie recht zu beschreiben. Ein Ausleger dieses Wortes hat mit Recht gesagt, es sei leichter, den Kindersinn, den Jesus da gemeint, innerlich zu empfinden in seiner Schönheit und in seiner Bedeutung, |191 als ihn zu erklären und zu zergliedern.1 Ich möchte dieses Letztere wahrlich auch nicht unternehmen, sondern ich möchte auch nur sagen, welche Züge ich in diesem Kindersinn, der ins Reich Gottes führt, als die größten und wichtigsten empfinde. Ich denke dabei an Menschen wie den heiligen Franz von Assisi, der kein Weltmensch mehr sein und doch kein Priester werden mochte, sondern der sein Lebensziel darin fand, ein jocolator Domini, ein «Musikant des lieben Gottes» zu sein,2 das heißt, allen Menschen, ja selbst der Natur das Evangelium zu verkündigen, wie er es verstand, das Leben in der Armut und Reinheit in der Nachfolge Jesu. Er wusste, was das ist, das Reich Gottes aufnehmen wie ein Kind, er hat es zeitlebens getan. Und darum ist er hineingekommen. Ich denke aber auch an andre Menschen, an solche, die jetzt leben und die ich kenne. Etwas von dem Kindersinn, der ins Reich Gottes führt, lebt hoffentlich in uns Allen. Ich möchte jetzt gleichsam ablesen und euch zu sagen versuchen, was ich davon zu sehen vermag.

*   *   *

Das Reich Gottes aufnehmen wie ein Kind – das heißt vor Allem weit offene, erstaunte, große Kinderaugen haben. Wer die nicht hat, der kommt nicht ins Reich Gottes. Denn achten wir wohl auf den Widerspruch oder auf das Geheimnis, das in diesem Wort liegt. Wir kommen eigentlich nicht ins Reich Gottes, sondern das Reich Gottes |192 kommt zu uns. Es handelt sich nicht darum, dass wir mit irgendwelchen Künsten und Unternehmungen hineingehen, sondern dass wir es annehmen, wie es zu uns kommt. Dazu gehört aber vor Allem, dass wir es sehen. Und zum Sehen braucht’s offene Augen. Das verstehen die Kinder meisterhaft, die Augen aufzumachen. Warum? weil den Kindern Alles oder das Meiste noch neu ist. Sie sind die Dinge und Menschen noch nicht gewöhnt. Sie kommen gleichsam aus dem Dunkel her, aus dem Nichts, und nun steht die Welt vor ihnen wie eine einzige, große, überwältigende Tatsache. Überwältigend nur schon, weil sie neu ist. Sieh dir einmal ein Kind an, wenn es einen ihm neuen Gegenstand beschaut, oder noch besser, wenn es einen ihm neuen Menschen beobachtet in seinem Reden und Tun. Solche Augen braucht es für das Reich Gottes. Denn das ist auch immer etwas Neues für uns, es kann gar nicht etwas Altgewohntes werden. Ein Mensch mit jenem göttlichen Kindersinn will zunächst einmal nichts Anderes als offen sein. Er spürt, dass etwas da ist. Die Frage: was er damit machen wird? spielt noch gar keine Rolle. Er weiß nur, dass er jetzt um jeden Preis sehen muss. Nur nicht mit den Augen zwinkern oder gar sie schließen – das wäre ja Zeitverlust. Nur nicht sich aufhalten mit Nörgeln und Schwatzen, wenn etwas Bedeutendes sich vor uns ereignet, wenn uns eine Wahrheit ergreifen, wenn eine Forderung auf uns eindringen will, wenn wir etwas von Gott im Großen oder im Kleinen zu sehen meinen. Augen auf! Sehen, sehen! Folge deinem Bedürfnis, wie ein Kind es tut. Nur nicht altklug werden, nur nie zu dem Standpunkt kommen: ich weiß schon. Wenn uns die Welt und wenn uns Gott gewohnte Dinge geworden sind, dann kommen wir nicht ins Reich Gottes. Damit ist schon gesagt, dass es immer wieder erstaunte Augen braucht für das Reich Gottes. |

Mit der Neugierde wäre es freilich nicht getan. Das sind nicht die rechten, natürlichen Kinder, und die sind nicht nachzuahmen, die wohl wunderfitzig3 von Einem zum Andern laufen, Alles begucken und betasten, aber nirgends stillstehen, um einmal gründlich und anhaltend zu staunen. Ein griechischer Meister hat gesagt, die Weisheit fange an mit dem Staunen.4 Und damit hat er ganz recht gehabt. Sicher |193 sehen wir erst, wenn wir staunend sehen. Es muss in dem Neuen, das uns begegnet, etwas liegen, was uns überrascht, trifft, packt, dann sehen wir es wirklich. Denkt, wie wir als Kinder staunen konnten etwa im Wald. Wie uns da Alles nicht bloß etwas Neues, sondern eine Entdeckung war: das fröhliche, hellgrüne Laub der Buchen, die stolzen, geraden Tannen mit ihren nachdenklich wiegenden Häuptern, der weiche Moosteppich mit all den interessanten Bewohnern. Das waren uns damals Alles bedeutende, gleichsam lebendige, sprechende Dinge. Wir mussten unwillkürlich anhalten und lauschen, was sie denn von uns wollten. Ja, meine Freunde, wir müssten vielleicht gerade in der Natur dieses Staunen wieder lernen, das wir für unser inwendiges, geistiges Leben noch viel mehr nötig haben, wenn es nicht langweilig und tot werden soll. Es gibt Zeiten in unserm Leben, da sehen wir wohl, aber wir übersehen das Meiste. Da müssen wir uns wieder darin üben, vor dem Bedeutenden anzuhalten, es zu uns reden zu lassen, wie es die Kinder tun. Du kannst damit anfangen, wieder einmal über einen Grashalm oder eine Blume zu staunen, dann kommst du sicher auf den Punkt, wo du auch über Gott wieder staunen wirst. Wo dir das Leben lebendig werden wird, das in aller Welt verborgen flutet. Wo dir die Stimme vernehmbar wird, die in allem Dasein verborgen raunt. Wo dich die Größe übernimmt, die in all dem scheinbar Kleinen dieser Welt und deines Lebens verborgen das Regiment führt. Der verborgene Gott wird dir offenbar werden, wenn du nur erst irgendwo ehrlich angefangen hast, nicht mehr zu übersehen, sondern wirklich, das heißt, staunend zu sehen. |

Und nun will ich dir noch etwas sagen: Kinder machen immer große Augen, wenn sie sehen und staunen. Weißt du, woher das kommt? Weil sie es verstehen, mit ganzer Seele zu sehen. Es ist, wie wenn die Seele zu den Augen aus möchte, den entdeckten Wundern entgegen. Ja, wenn wir das könnten! Wenn wir das lernen könnten, unsre Seele so gleichsam nach außen zu verlegen, nichts mehr zu sein |194 als empfangendes, aufnehmendes, ergreifendes Wesen. Das heißt Leben, wenn Gott dann so von allen Seiten auf uns eindringen kann mit seinen Wirkungen. So leben die Kinder. Die Welt ist ihnen zehnmal farbiger, reicher, interessanter als uns, weil sie zehnmal soviel Farbe und Feuer aus ihrem eigenen Innern hineinlegen. Wir dagegen behalten, auch wenn wir zu sehen, auch wenn wir zu staunen meinen, immer unser Bestes, Eigentlichstes zurück, es bleibt in der verborgenen Kammer unsres Inwendigen; wir schicken nur Vorposten hinaus in die Welt, statt unsre Seele selbst hinauszuschicken. Wir haben allerlei Gefühle, aber wir fühlen nicht – wir haben allerlei Erlebnisse, aber wir erleben nicht, nicht voll und rein und rückhaltlos. Da müssen wir bei den Kindern in die Schule gehen. Müssen suchen, ihre Augen, die großen Kinderaugen uns wieder schenken zu lassen, wenn wir sie verloren haben. Dann nehmen wir das Reich Gottes auf, wie es aufgenommen sein will. Und dann kommen wir sicher hinein.

Wir haben aber noch mehr zu lernen von den Kindern. Nicht nur von ihren Augen, sondern nun geht’s tiefer hinein. Man könnte auf das bisher Gesagte einwenden: Was hilft’s, mit offenen, erstaunten, großen Augen ins Leben sehen? Damit sind wir noch nicht im Reich Gottes. Denn diese Augen werden dann doch nicht nur Gutes sehen, nicht nur Göttliches, sondern auch Unschönes, auch Böses in der Welt. Da ist’s schon Manchem verleidet, zu sehen und zu staunen, wie er’s als Kind so fröhlich konnte. Da sind schon Manchem die Kinderaugen, die so offen und groß das Leben sehen, genommen worden, weil sie draußen nicht das Reich Gottes sahen, sondern das Reich des Teufels. Das mag nun Alles so sein, und in tausenden und abertausenden von Menschenleben ist es so gegangen. Die Frage ist nur, ob wir nicht mitschuldig sind daran, wenn sich unsre Lage so geändert hat. Es gehört etwas Weiteres zum rechten Kindersinn. Das Kind sieht das Böse in der Welt nicht, sondern nur das Gute. Wenn es anders ist, wenn das Kind das Böse sieht und anerkennt, wenn es sich mit der Tatsache abfindet, dass es böse Menschen gibt, vor denen man Angst haben oder die man bekämpfen muss, dann ist das immer eine Störung, nicht etwas Normales, eine Störung, die meistenteils der Erziehung zur Last fällt. Würden nicht entsetzlicher Weise die meisten Eltern und Erzieher ihren Kindern zuerst den Glauben an das Böse beibringen und erst lange nachher oder gar nicht den Glauben an Gott, dann |195 blieben die Kinderaugen auf das Gute und Schöne in der Welt gerichtet, dessen ja noch immer genug da ist, auch wenn die betrübendsten Erfahrungen nebenher gehen sollten. Man kann tatsächlich bei besonders gut erzogenen und besonders gut veranlagten Menschen diese Beobachtung machen, dass sie für das Böse und Hässliche in der Welt wie blind sind. Sie sehen und sehen nur das Gute. Aber was sie durch gute Anlage und Erziehung sind, das ist doch an sich kein Ausnahmefall, sondern das, was Alle sein könnten. Es ist die echte, unverdorbene Kinderart, nur das Schöne zu sehen, sehen zu wollen und das Andre halb unbewusst abzuschütteln wie etwas so Befremdliches, dass es gar nicht existieren kann. Die Reinheit solchen Sinnes hat, wo wir ihr begegnen, immer wieder etwas einfach Wunderbares. So unerhört berührt sie uns neben dem, was wir gewöhnlich aneinander beobachten. Manchmal fühlen wir uns versucht, darüber zu lachen. Aber das Lachen der Unverdorbenheit, dem Unglauben an das Böse gegenüber ist im Grunde nichts als ein Zeichen von Verdorbenheit. Wir gleichen den Bewohnern des Landes der Buckligen, die den einzigen Aufrechten nur zu verspotten wussten, der sich einmal in ihre Gegend verirrt hatte.5 Wir wollen es besser machen, wenn wir hier und dort jener Reinheit begegnen, die das Böse weder kennen noch anerkennen will. Wir wollen sagen: mit diesem Sinn und nur mit diesem kommt man ins Reich Gottes. |

Seht, es ist etwas ganz Ungeheures, wenn wir gerade in dieser Beziehung einmal anfangen könnten, wieder zu werden wie die Kinder. Wir sehen’s an den Wenigen, die so weit sind, was für Wirkungen das hat auf ein Leben. Selig sind, die reines Herzens sind, denn sie werden Gott schauen! [Mt. 5,8] Ja, das ist das Merkwürdige: weil das Herz rein ist, sehen sie da draußen nicht mehr die Welt, nicht mehr das Böse |196 und Dunkle, sondern sie sehen nur noch Gott. Erstens sind sie imstande, weil sie nur auf das Gute «eingestellt» sind, viel mehr von dem Guten zu sehen, das bereits da ist. Es kommt ja so darauf an, mit was für Augen man dieselbe Landschaft, dieselbe Häusergruppe, dasselbe Gesicht ansieht. Und noch viel mehr kommt es auf die Herzen an, wenn man die Menschen ansieht. Ein gleichgiltiges Herz wird überall nur das Gleichgiltige sehen, ein böses Herz findet überall nur Böses, ein sonnenhaftes Herz dagegen wird auch an den dunkelsten Orten die Sonne Gottes aufgehen sehen und sich darüber freuen. Ein Mensch mit einem solchen reinen Herzen trägt gleichsam den Zauberstab in Händen, der von selbst auf den Boden schlägt, wo eine Quelle verborgen ist. Er sieht im Lumpen, im Verbrecher die Güte, die Genialität, die Größe vielleicht, während hundert andre ihn nur zu verachten oder zu hassen wissen. Er entdeckt in dem, den hundert Andre als langweilig ansehen, das Originelle, Bedeutende. Er wittert auch im Sonderbaren, statt darüber zu lachen, die entstellte, die gefangene, die verratene Größe. Und indem er vermag, das Gute, das da ist, zu sehen, vermag er es auch zu schaffen, wo es noch nicht da ist. Nichts ist wirksamer in der Welt als diese Fähigkeit, das Gute in die Menschen hineinzusehen. Es mag oft nötig und nützlich sein, sie zum Guten zu ermahnen, aber unendlich viel besser ist es, wenn man sie besiegen kann mit der bestimmten, aufrichtigen Erwartung, dass sie sich nur zum Guten entschließen können, dass es etwas Anderes gar nicht gibt für sie. Diese Fähigkeit hatte Jesus selbst in höchstem Maße, sie ist ein Stück von dem Geheimnis seiner Persönlichkeit. Sie ist aber auch eine ganz natürliche Folge des Kindersinns, den wir uns bewahren oder wieder gewinnen sollen. |

Und das Böse? Ist es nicht eine lächerliche oder gefährliche Einbildung, das Böse in der Welt und bei den Menschen nicht mehr sehen zua wollen, das doch nun einmal tatsächlich da ist? – Ja, aber was heißt denn: das Böse ist da? Das Böse ist immer nur da für die, die es anerkennen, die es dabei bewenden lassen, die sich mit der Tatsache des Bösen abfinden wollen. Wenn ein Mensch dahin gekommen ist, achselzuckend zu sagen: die Menschen sind faul, dumm und schlecht – für den ist das Böse allerdings da. Leider sind die Allermeisten von uns |197 in diesem Fall. Wir haben das Böse längst anerkannt. Aber wenn wir in das Reich Gottes kommen wollen, dass müssen wir uns das wieder abgewöhnen. Zum Glauben an Gott gehört ein ganz energischer Unglaube dem Teufel gegenüber. Es gibt gar kein Böses. Je genauer wir zusehen, desto mehr Gutes entdecken wir in der Welt. Und je zuversichtlicher wir überall nur das Gute suchen und erwarten würden, desto sicherer würden wir es finden, desto mehr würde das Böse tatsächlich verschwinden. In dem Kindersinn, der das Böse nicht sehen will, ist die Wahrheit, die schließlich über den Schein triumphieren wird. Machen wir, dass wir auch etwas von dieser Wahrheit in uns tragen.

Mit dem Wort «triumphieren» habe ich bereits den dritten wichtigen Zug im Bilde dieses göttlichen Kindersinns genannt. Das reine Kind mag wohl die Schwierigkeiten kennen und anerkennen, die das Böse im Leben bereiten kann, aber nie und nimmer kann es das Böse selbst als eine unbesiegliche, definitive Macht anerkennen. So hat Jesus bei aller Stärke seines Glaubens das Böse ernst genommen, ernster als irgend ein Mensch, aber jenseits der Hindernisse, die es bereiten kann, sah er immer bereits den Sieg, sah er Gott, der es sicher in der Welt gewinnen muss. Es ist, wie wenn ein Kind dabei ist, wenn der Vater eine mühselige, widrige Arbeit zu erfüllen hat. Es verfolgt mit Interesse, mit Spannung den Kampf, den der Vater da führt, aber es weiß im Voraus: er wird Meister werden. So müssen wir das Reich Gottes annehmen! Nicht nur bereit sein, es überall, auch im Dunkel, in der Nacht der Sünde und des Verderbens zu sehen, sondern auch von vornherein seines Sieges gewiss sein. |

Ich habe am Anfang Franz von Assisi genannt. Er ist ein Bettler und Narr geworden um Christi willen, einfach weil er von der Voraussetzung ausging, dass Gott die definitive Macht sei in der Welt.6 Ich könnte Johanna d’Arc nennen, die Jungfrau von Orleans, die im 15. Jahrhundert ihr Vaterland von den Engländern befreite. Ein Hirtenmädchen, das sich im bestimmten Glauben an die Herrschaft Gottes den feindlichen Feuerschlünden entgegenwarf, als ob das nichts sei.7 Das ist kindlich, so zu meinen, es komme schon gut. Wen’s |198 gelüstet, der könnte auch darüber lachen. Aber in Wirklichkeit ist in dieser Kindlichkeit die höchste Weisheit verborgen. Jawohl, es kommt schon gut, denn Gott ist an der Arbeit! Könnten wir uns doch etwas aneignen von der Kraft, die in diesem Gedanken liegt. Durch diesen Gedanken ist schließlich alles Gute in der Welt ausgerichtet worden. Dadurch ist es vorwärts gegangen mit den Menschen, dass es immer wieder solche gegeben hat, die der Gewissheit waren: Es muss gut kommen! trotz aller Nebel, die die Aussicht versperren, trotz allem Widerwärtigen und Hässlichen, das uns noch vom Ziel trennen mag. Wollen wir nicht auch zu den Kindern gehen, die dieser Gewissheit sind? O meine Freunde, dann würden wir nicht mehr dastehen vor der Sünde in unserm eignen Leben mit dem Gefühl, sie sei etwas Trauriges, aber Selbstverständliches, sondern dann würden wir mit ruhiger Entschlossenheit daran gehen, sie auszureuten8, weil sie etwas ganz Unmögliches ist. Dann würden wir nicht mehr gleichgiltig dabeistehen, wenn Brutalität und Willkür sich breit machen, oft in unsrer nächsten Nähe, sondern bei jedem Unrecht, das wir erleben, würde es wie ein Sturm durch uns Alle gehen: Bis hieher und nicht weiter!9 und der Sturm würde das Unrecht hinwegschwemmen. Dieser Kindersinn, der einfach nichts Anderes weiß noch wissen will, als dass Gottes Sache sicher trägt, er würde die menschliche Gesellschaft in ihren Grundlagen verwandeln, die Menschheit, die so oft die Zuversicht und den Glauben an ihre Zukunft zu verlieren scheint. Mit diesem Kindersinn kämen wir ins Reich Gottes. Und das Reich Gottes zu uns.

Wollen wir das? Wenn wir im Ernst den großen Sprung wagen, nicht mehr alt, nicht mehr verschlossen, nicht mehr blasiert, nicht |199 mehr mürrisch und misstrauisch, nicht mehr zaudernd und mutlos zu sein, wenn wir es wagten, kindlich zu sein, dann wäre das Alles jetzt und sofort Wahrheit.

Amen.

Textkritische Fußnoten

a
Im Mskr., in dem hier ein Zeilenwechsel ist, findet sich ein überzähliges zweites «zu». ↩

Sachfußnoten

1
Vgl. J. Weiß, Die drei älteren Evangelien, in: Die Schriften des Neuen Testaments neu übersetzt und für die Gegenwart erklärt, hg. von J. Weiß, Bd. 1, Göttingen 1906, S. 28–484, dort S. 155 📖: «Dem gegenüber leuchtet die Kinderliebe Jesu als einer der schönsten und menschlichsten Züge seines Wesens. Aber sein herrliches Wort ist leichter nachzuempfinden, als zu bewußtem Verständnis zu bringen. […] Wahrscheinlich wird aber jede Erklärung, die etwas Einzelnes hervorhebt, fehlgehen. Denn das Wort ist aus einer vollen und schwer zu zerlegenden Empfindung heraus gesprochen; die gesamte Art der Kinder hat auf Jesus den unmittelbaren Eindruck gemacht, daß sie wahrhaft für das Reich Gottes geeignet ist.» – Der letzte Satz ist im Exemplar Barths unterstrichen. ↩
2
«In sich selbst und seinen Gefährten sah er [Franziskus] ‚Spielleute Gottes’, ioculatores Domini, […]. Er wollte deshalb, daß die Predigt der Brüder in ein Gott lobpreisendes Lied (Lauda) ausmünden sollte» (H. Feld, Franziskus von Assisi und seine Bewegung, Darmstadt 1994, S. 198 📖; vgl. mit Belegen a.a.O., S. 198f.). ↩
3
Im Schweizerdeutschen steht «wunderfitzig» (auch «gwunderfitzig») für: «neugierig». ↩
4
Vgl. Aristoteles, Metaphysik A, 983 a12–13 📖: «ἄρχονται μὲν γάρ, ὥσπερ εἴπομεν, ἀπὸ τοῦ θαυμάζειν πάντες εἰ οὕτως ἔχει» / «Denn alle [Weisheiten in Philosophie und Wissenschaft] beginnen, wie wir sagten, mit dem Staunen, ob es sich so verhält.»; ähnlich Platon, Theaitetos, 155d 📖: «Μάλα γὰρ φιλοσόφου τοῦτο τὸ πάθος, τὸ θαυμάζειν: οὐ γὰρ ἄλλη ἀρχὴ φιλοσοφίας ἢ αὕτη.» / «Denn dies ist die Grundeinstellung eines Philosophen: das Staunen; ja, es gibt keinen anderen Anfang der Philosophie als diesen.» ↩
5
Es handelt sich um den Stoff einer Adaption von Jonathan Swifts Roman «Gullivers Reisen»: Le nouveau Gulliver, ou voyage de Jean Gulliver, fils du capitaine Gulliver, trad. d’un Manuscrit Anglois, par Mr. l’Abbé D. F. [= P. Fr. Guyot Desfontaines], Amsterdam 1730 📖. «In dem […] ins Französische übersetzten Roman verschlägt es den Protagonisten in ein Land der Buckligen, in dem er wegen seiner geraden, aufrechten Statur verlacht wird» (P. Schmidt, Bettler, Kriegsinvaliden, Körpersensationen. Beeinträchtigte Menschen in printmedialen Diskursen des 17. und 18. Jahrhunderts, Frankfurt / New York 2017, S. 119, Anm. 19 📖). ↩
6
Zum Ideal der «allerhöchsten Armut» und der «heiligen Einfalt» bei Franziskus vgl. H. Feld, Franziskus von Assisi, München 20072, S. 39–44 📖. ↩
7
Jeanne d’Arc (um 1412–1431) hatte mit 13 Jahren erste Visionen, in denen ihr befohlen wurde, das während des Hundertjährigen Krieges teils englisch besetzte Frankreich zu befreien und dem französischen Thronfolger zu seinem rechtmäßigen Königtum zu verhelfen. Im Mai 1429 hatte sie großen Anteil am Sieg der Franzosen bei Orleans. Vgl. insgesamt: G. Krumeich, Jeanne d’Arc. Seherin, Kriegerin, Heilige. Eine Biographie, München 2021 📖. ↩
8
«Ausreuten» ist synonym mit «ausrotten» oder «Pflanzen ausroden»; vgl. DWb 1, Sp. 934f 📖. ↩
9
Lat.: «Non plus ultra». Es handelt sich um die Übersetzung der angeblichen Inschrift auf den Säulen des Herkules an der Meerenge von Gibraltar; vgl. Büchmann, S. 310 📖. Vgl. auch Hiob 38,11. ↩