21. April 1912

Predigt: Psalm 103,15-17

156
111
Psalm 103,15–17
Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blühet wie eine Blume auf dem Felde; wenn der Wind darüber gehet, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennet sie nicht mehr. Die Gnade des Herrn aber währet von Ewigkeit zu Ewigkeit über die, so ihn fürchten, und seine Gerechtigkeit auf Kindeskind.
Liebe Gemeinde!

Am Anfang der letzten Woche sind wir Alle überrascht worden von der Nachricht vom Untergang des englischen Amerikadampfers «Titanic», auf dem über 1500 Personen den Tod in den Fluten des atlantischen Ozeans gefunden haben.1 Und wir haben seitdem keine Zeitungsnummer zur Hand bekommen, die uns nicht neue Einzelheiten über diese durch ihren Umfang und ihre Umstände einzigartige Katastrophe gebracht hätte. Ich weiß nicht, ob euch dieses Ereignis ebenso beschäftigt wie mich; wenn es bis jetzt nicht der Fall gewesen ist, so möchte ich euch heute veranlassen, es zu tun. Denn ich bin der Meinung, dass wir über solche Ereignisse nicht mit Neugierde und Sensationslust, dann aber mit Schweigen und Gleichgiltigkeit hinweggehen dürfen, so sehr uns die Zeitungen mit dem Vielerlei, das sie täglich bringen, dazu anleiten mögen, sondern sie sollen zu uns reden. Denn sie sind geeignet, Gottesworte zu uns zu reden, wie wir sie nur selten so machtvoll und eindringlich vernehmen, Gottesworte von der Größe und von der Nichtigkeit des Menschen, der Gott so ähnlich |157 und doch so unähnlich ist, und von dem Zorn und der Gnade des ewigen Gottes, der in uns Menschen und über unsere Geschicke waltet, bald nahe und greifbar, bald unendlich ferne und geheimnisvoll. Solche Gottesworte redet auch das Unglück, das in dieser Woche die ganze zivilisierte Menschheit in Entsetzen versetzt hat, und wir wollen und dürfen uns ihnen nicht verschließen.

Vergegenwärtigen wir uns noch einmal, was wir schaudernd miterlebt haben: Am Mittwoch, den 10. April, hat ein Schiffsgebäude zum ersten Mal den Hafen von Southampton in England verlassen, wie es die Welt überhaupt noch nie gesehen hat. Seit Jahrzehnten haben Deutschland und England um die Wette geeifert in der Herstellung der größten, bequemsten und schnellsten Ozeandampfer.2 Immer wieder hat eins das andre übertroffen. Ich habe vor fünf Jahren in Hamburg selbst ein solches Riesenschiff besichtigt, das damals als das Ungeheuerste erschien, was menschliche Erfindungskraft und Energie fertigbringen konnte.3 Aber es wurde unterdessen von andern |158 längst weit hinter sich gelassen. Vor 14 Tagen standen nun die Titanic und ein ganz gleich gebautes andres englisches Schiff4 unbestritten an der Spitze. Ein Wunderwerk des modernen Menschengeistes, das auch die kühnsten Phantasien, die unsereins sich etwa von solchen Dingen macht, völlig in den Schatten stellt, eine schwimmende Stadt, wie man nicht mit Unrecht gesagt hat. Stellt euch einmal ein Schiff vor von 280 m Länge und 30 m Breite! Einzig das unterste Verdeck ragt mit 20 m wie ein Turm aus dem Wasser empor. Darüber türmen sich noch drei weitere Verdecke und unter der Wasserlinie geht es noch in unergründliche Tiefen, in denen sich die Warenmagazine und die Maschinenräume befinden, die ihr euch wie einen weiten, hohen Fabriksaal vorstellen müsst. 800 Mann dienen zur Bedienung dieses Ungetüms, wovon 300 allein für die Maschinen. Außerdem aber ist Platz und Kost da für 5000 Passagiere.5 Und diesen Passagieren, wenigstens denen, die zahlen können, soll nun nichts von den Annehmlichkeiten des Lebens fehlen, die sie sich am Lande gestatten. Darum ist auf dem Schiff ein ganzes Gartenrestaurant eingerichtet mit Bäumen und exotischen Schlingpflanzen, ferner ein Kinderspielzimmer, ein Schwimmbad, türkische und elektrische Bäder, eine Galerie mit Kaufläden, in denen man sich Luxusgegenstände wie Juwelen und Spitzen erstehen kann, eine Rollschuhbahn, ein Turnsaal, ein Tanzsaal, ein Fischbassin für Angler, ein Theater und auch ein Garten. Selbstverständlich fehlt es den Reisenden auch nicht an mit allem Komfort eingerichteten Privatzimmern, an trefflicher Küche und Unterhaltung aller Art, wie sie das feinste Hotel nicht besser bieten könnte. Es ist wie ein Traum, wenn man sich all die raffinierte Bequemlichkeit und |159 Herrlichkeit vorstellt, schwimmend über den unergründlichen Tiefen des Ozeans, vorwärtsgetrieben mit Maschinen von 46000 Pferdekräften. In kaum sechs Tagen sollten sie New York erreichen, und der Kapitän6 wusste: je schneller, um so besser, jede Minute Beschleunigung der Reise war kostbar. Denn es galt, den Rekord zu schlagen, das heißt, die von andern Schiffen bis dahin gebrauchte Zeitdauer zur Überfahrt womöglich noch zu unterbieten, in noch kürzerer Zeit als bisher drüben anzukommen.7 Wenn es gelingt, so steigt der Ruhm, so steigen vor allem die Aktien der Schifffahrtsgesellschaft, der die Titanic gehört.8 Und der Kapitän muss getan haben, was möglich war, um dieses Ziel zu erreichen. Nur zu eifrig sogar. Denn die Seefahrt |160 von Europa nach Amerika ist nicht so ungefährlich, wie wir uns gewöhnlich denken. Von der Küste Grönlands her treiben beständig ungeheure Massen von abgelöstem Gletschereis nach Süden, nicht in kleinen Blöcken, sondern in ungeheuren Feldern und Bergen, deren Hauptmasse aber immer unter der Meeresoberfläche schwimmt. Vorsichtige Seeleute werden deshalb immer nur mit größter Behutsamkeit das Gebiet dieses Eises durchqueren, ja sie werden es am Liebsten durch einen Umweg umgehen. Aber die Behutsamkeit und der Umweg hätten sich nicht mit dem Geschwindigkeitsrekord vertragen, den die Titanic schlagen sollte, und darum musste es anders sein. Das Schiff fuhr mit Volldampf Tag und Nacht, und es fuhr nach der geradesten Linie. So kam der letzte Sonntagabend. Das Ziel war nicht mehr fern. Einzelne Passagiere saßen noch bei allerlei Unterhaltung, die Anderen hatten sich schlafen begeben. Da werden sie durch einen Stoß gestört, der das ganze Schiff erzittern macht. Aber sie beachten es kaum; das Schiff ist zu groß, als dass man gleich wahrnehmen könnte, was geschehen ist. Man hört von solchen, die ruhig weiterfuhren, Karten zu spielen. Der Kapitän lässt die Schiffsmusik eine fröhliche Weise anstimmen. In Wirklichkeit ist das Fahrzeug mit seinem vordern Teil auf einen unter Wasser schwimmenden Eisberg mit voller Wucht aufgerannt und auf weite Strecken völlig zertrümmert. Die gewaltigen Stahlplatten sind zerbrochen wie Zündholzschachteln, die angebrachten Schutzvorrichtungen damit, und schon ergießt sich das Wasser mit aller Macht in sein Inneres. Die Katastrophe lässt sich nicht mehr verheimlichen, es gilt Rettungsmaßregeln zu ergreifen. 2200 Personen waren auf dem Schiff, aber nur 20 Rettungsboote sind zur Verfügung. Man liest mit Bewunderung, wie die Mannschaft unter dem Kommando ihrer Offiziere Aufstellung nahm, wie sie es geübt hatte, um die Boote freizumachen, wie die Männer ohne Zaudern den Frauen und Kindern den Vortritt ließen in der Besetzung der zur Verfügung stehenden Plätze, wie die Schiffsmusik unentwegt weiterspielte, um Ruhe und Zuversicht zu verbreiten, wie ein wackerer Beamter bis zum letzten Moment den Apparat für drahtlose Telegraphie in Gang erhielt, der nach allen Seiten des nächtlichen Ozeans um Hilfe rief. Die Hilfe kam, aber sie kam zu spät, das nächste, vier Stunden später eintreffende Schiff konnte nur noch die etwa 700 vor Kälte halbtoten Insassen der Rettungsboote aufnehmen. Die Titanic selber |161 war längst in den Fluten verschwunden. Es muss ein furchtbares Schauspiel gewesen sein, wie sich das Schiff zuletzt im Glanz aller seiner elektrischen Lichter noch einmal in seiner ganzen Länge senkrecht aus dem Wasser erhob, um dann rasch zu versinken. Das Letzte, was man hörte, sind einige Revolverschüsse gewesen, es heißt, es sei der Kapitän gewesen, der sich selbst das Leben genommen. Wir dürfen nicht denken an das, was sich im Innern, in den Kabinen und Gängen, in den abgelegenen Winkeln der Maschinenräume abgespielt haben mag an Schreckensszenen und Todeskämpfen. Und nun liegt die Titanic mit all ihren Schätzen, mit ihren technischen und künstlerischen Wunderwerken, mit 7 Millionen Briefen nach Amerika, vor Allem aber mit 1500 Menschenleben begraben in der schwarzen Tiefe von 4000 m unter Meer, in die noch nie ein Lichtstrahl gedrungen ist, und keines Lebendigen Auge wird sie mehr erblicken.9

Ja, ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blühet wie eine Blume auf dem Felde; wenn der Wind darüber gehet, so ist sie nimmer da und ihre Stätte kennet sie nicht mehr. Das predigt uns diese furchtbare Katastrophe mit erschütterndem Nachdruck. Es ist unendlich schwer, den richtigen Ausdruck zu finden, um die stumme Predigt dieser Tatsache in Worte zu kleiden. Wir Menschen werden so leicht hilflos und oberflächlich, wenn wir über dergleichen reden sollen, oder dann werden wir zudringlich und vorwitzig in unserm Urteil, als hätten wir in Gottes Rat gesessen, der Solches beschlossen hat. Und darum möchte ich euch zwar deutlich, aber vorsichtig sagen, was für Eindrücke und Gedanken dies Ereignis in mir geweckt hat. Ich weiß, dass das, was ich sagen kann, nicht genügt. Bleibt darum nicht bei |162 meinen Worten stehen, sondern denkt selber nach über das, was Gott uns damit sagen wollte.

Zuerst der vernichtende Eindruck von der Kleinheit und Ohnmacht des menschlichen Wesens mit all den Schöpfungen, die seine Geisteskraft hervorgebracht hat, mit all den stolzen Fortschritten unsres 20. Jahrhunderts. Ihr müsst mich recht verstehen, wenn ich das sage. Ich fürchte, es wird heute von manchen Kanzeln der Christenheit behauptet werden, dass solche Fortschritte in der Vervollkommnung der Technik etwas Ungöttliches, ja Teuflisches seien, dass man aus dieser Katastrophe wieder einmal sehen könne, dass Gott davon nichts wissen wolle. Einfältige Leute werden den Schluss daraus ziehen, es sei eine Sünde, so große Schiffe zu bauen und darin übers Meer zu fahren. Da sage ich nun ausdrücklich das Gegenteil. Es ist durchaus der Wille Gottes, dass die Technik, die Maschinen in der Welt sich immer mehr vervollkommnen. Denn Technik ist nichts Anderes als Beherrschung der Natur, Technik ist Arbeit, und in dieser Arbeit soll sich der göttliche Geist im Menschen entwickeln und zur Entfaltung bringen. Wenn die Menschen keine Erfindungen machen oder wenn sie gemachte Erfindungen nicht gehörig ausnutzen wollten, das wäre Teufelswerk. Und darum ist es auch durchaus der Wille Gottes, dass die Menschen große, schnelle und bequeme Schiffe bauen und sich damit dem Meer anvertrauen. Es ist durchaus nicht fromm, sondern höchst unfromm, sich vor diesem Gedanken zu bekreuzigen. |

Aber nun habe ich trotzdem den Eindruck, dass Gott uns mit diesem Unglück wieder einmal hat den Meister zeigen wollen. Ich meine das so: es gibt eine Art, die Technik zu verwenden, die kann man nicht mehr Arbeit nennen, sondern die ist spielender Übermut. Übermut ist es, auf einem Fahrzeug Theatersäle und Fischbassins einzurichten, das solchen Gefahren ausgesetzt ist, wie es bei einem Ozeandampfer offenbar auch heute noch der Fall ist. Übermut ist das, weil da Geist und Fleiß und Geld auf Luxus und Spielereien verwendet werden, statt zur Sicherung gegen derartige Unglücksfälle. Tanzen und Theaterspielen und Angeln, während man gegen Überraschungen durch Eisberge offenbar noch nicht genügend vorgesehen ist, das heißt tun, als ob man seiner Sache sicher wäre, als ob es nichts Unbekanntes mehr gäbe. Es liegt eine Lüge in dem Gegensatz zwischen all dem Klimbim, der an Bord dieses Schiffes getrieben wurde, und der Hilflosigkeit, mit der |163 es nachher einer sehr einfachen Naturkraft unterliegen musste. Diese Lüge wurde durch die Katastrophe aufgedeckt. Gott lässt seiner nicht spotten [ Gal. 6,7]. Er will wohl, dass wir arbeiten und etwas schaffen in der Welt. Aber er will nicht, dass wir tun, als wären wir fertig mit Arbeiten, als könnten wir schon ans Firlefanz machen gehen. Wenn wir das tun, dann ist er fertig mit uns. Das zeigt er uns nicht immer. Aber manchmal zeigt er es uns und schickt uns einen Eisberg entgegen, um uns daran zu erinnern, dass wir keinen Anlass haben, Narreteien zu treiben, während wir schaffen und kämpfen sollten. Nicht der Technik, nicht dem Fortschritt, nicht dem Menschengeist hat Gott Grenzen gesetzt. Ganz im Gegenteil! Sie sind zur Unendlichkeit berufen. Aber wir Menschen haben es nötig, wenn wir gottlos, das heißt, zufrieden und satt und kindisch geworden über unsern Fortschritten, uns zur Ordnung rufen zu lassen. Wenn wir mit allen Einsichten und Vollkommenheiten, die wir besitzen mögen, wieder anfangen, uns unsicher zu fühlen, wenn wir wieder etwas spüren von dem Ernst unsrer Lage:

Mitten wir im Leben sind
Von dem Tod umfangen.
Wer ist, der uns Hilfe schafft,
Dass wir Gnad erlangen?10,

dann sind wir so, wie Gott uns haben will, denn dann verbringen wir unser Leben sicher nicht mit Kindereien, sondern mit Dingen, die naheliegend, ernsthaft und nötig sind. Dazu will er uns anleiten, wenn er uns in solchen Katastrophen an unsre Kleinheit und Ohnmacht erinnert.

Nun ein Zweites: Dieses Unglück hätte nicht geschehen müssen. Es ist menschliche Schuld im Spiel, wenn wir heute von der Titanic und ihren 1500 Opfern sagen müssen: Sie sind nimmer da und ihre Stätte kennet sie nicht mehr. Wohl führte Gott jenen Eisberg seinen Weg, aber wer hieß die Menschen, jenem Eisberg in den Weg zu laufen? Es ist wohl der Mühe wert, darüber nachzudenken, wieviel Scharfsinn und Geist, wieviel Fleiß und Mühe dazu gehört hatten, dieses Schiff zu bauen und mit allen möglichen Sicherheiten zu umgeben. Wie dann |164 wieder die Passagiere ihr Vertrauen vollständig abstellten auf die Zuverlässigkeit derer, die gebaut hatten. Wie dieses Vertrauen andrerseits bedingt war durch die Zuverlässigkeit der 800 Mann Besatzung vom Kapitän bis hinunter zum letzten Heizer. Das Alles war in Ordnung und griff ineinander wie die Glieder einer Kette. Nur ein Glied war nicht in Ordnung. Der Kapitän dachte nicht nur an die Sicherheit der ihm anvertrauten Reisenden, sondern und hauptsächlich an den Auftrag der Aktiengesellschaft, in deren Dienst er stand, womöglich gleich mit dieser ersten Fahrt des Schiffes jenen Schnelligkeitsrekord zu schlagen. Und an diesem brüchigen Glied in der Kette der Zuverlässigkeit, an dieser Schuld ist die Titanic, sind die 1500 Menschen zu Grunde gegangen. Über diese Schuld, die die Titanic dem Eisberg entgegengeführt hat, wollen wir nachdenken. Wir werden sie gewiss nur im allergeringsten Maß dem unglücklichen Kapitän zuschreiben wollen, der ein alter Mann war und mit dieser ersten Fahrt des neuen Schiffs seine letzte ruhmreiche Fahrt tun wollte. Auch wenn er wirklich Hand an sein Leben gelegt hat, er steht jetzt vor einem höhern Richter, der nach höhern Maßstäben urteilt, als wir tun könnten. Aber das sind die Schuldigen, die dieses Glied in der Kette brüchig gemacht, die diesen alten Mann mit diesem Auftrag ausgeschickt haben, die Schifffahrtsgesellschaft, deren Präsident11 auf der Titanic mitfuhr und der nun, fast möchte man sagen: leider – unter den Geretteten ist. Diese Leute sind es, die das ganze kostspielige Schiff mit all der Geistesarbeit, die in seinem Bau steckte, die die 800 Seeleute und die 1400 Reisenden12 nur als einen großen Apparat betrachteten, um damit Geld zu verdienen. Sie sind’s, die zuerst die Sicherheit der 2200 Men|165schen den Wünschen ihres Konkurrenzkampfes mit andern Gesellschaften unterordneten. Sie sind’s, die um ihrer Dividenden willen die 1500 Toten mit all dem Jammer ihrer Familien diesseits und jenseits des Meeres auf das Gewissen genommen haben. Aber schließlich trägt auch nicht diese Schiffsgesellschaft allein die Schuld an dem Unglück, sondern in erster und letzter Linie das Erwerbssystem, mit dem heute tausende solcher Gesellschaften nicht nur in der Schifffahrt, sondern auf dem ganzen Felde der menschlichen Arbeit reich werden. Es ist gestern im «Freien Aargauer» der Ausdruck gebraucht worden, der Untergang der Titanic sei ein Verbrechen des Kapitalismus.13 Nach Allem, was ich bis jetzt darüber gelesen habe, kann ich dem nur zustimmen. Wir haben in dieser Katastrophe in der Tat ein krasses, aber eben darum deutliches Beispiel von dem Wesen und den Wirkungen des Kapitalismus vor uns, der darin besteht, dass einzelne Wenige in wilder verwegener Jagd nach Profit miteinander konkurrieren zum Schaden aller Übrigen. Ganz derselbe Vorgang hat sich schon auf vielen andern Arbeitsgebieten vollzogen. Ja, man wäre fast versucht, dieses Unglück Zug für Zug sinnbildlich auslegen: So jagt das Schiff der arbeitenden Menschheit vorwärts, aber am Steuerruder sitzt nicht der Gedanke an die Vielen, sondern der Eigennutzen der Wenigen. Wozu die Maschinen? Wozu die Menschen? Die Maschinen und die Menschen sind nur der Apparat, um Geld zu verdienen. Wohin diese Ordnung der Gesellschaft und der Arbeit führen kann, das mag uns der Untergang der Titanic lehren, wenn wir’s sonst noch nicht begriffen haben. Hier ist das brüchige Glied in der Kette der Zuverlässigkeit. Solange hier der Eigennutzen nicht ausgeschaltet wird und ersetzt durch den Gedanken: Einer für Alle, Alle für Einen,14 solange wir hier nicht Buße tun und auf eine wirklich gemein|166schaftliche Arbeit hinstreben, solange sind wir in Gefahr, noch ganz andre Katastrophen über uns herabzubeschwören als den Untergang der Titanic.

Aber nun dürfen wir trotz der Sünde und Schuld der Menschen, die wir in diesem Ereignis sich spiegeln sehen, gerade auch angesichts dieses Ereignisses auch das Andre aufrichten: Die Gnade des Herrn aber währet von Ewigkeit zu Ewigkeit über die, so ihn fürchten, und seine Gerechtigkeit auf Kindeskind. Die Gnade des Herrn ist’s, die uns Hoffnung gibt trotz der Sünde und Schuld. Und sie schafft den Glauben, das kindliche Vertrauen in uns, das die Sünde und die Schuld überwindet und das Reich Gottes aufbaut. So zeigt uns dieses Schiffsunglück nicht bloß unsre Ohnmacht und unsre Fehler, unsren gebrochenen Übermut und unsre enthüllte Selbstsucht, sie [die Gnade] predigt uns nicht nur unsre Vergänglichkeit und ihre Ursache, sondern sie verkündigt uns auch in einer Reinheit, wie wir es nur selten erleben, dass es mit Gottes Sache vorwärts geht in der Welt. Man spürt etwas davon, dass Christus eine immer größere Macht wird in der Welt, wenn man von jenen Männern liest, die sich nicht retten wollten, sondern ihre Pflicht erfüllen, die bis zuletzt Alles taten, nicht für sich, sondern für Andre, die schweigend und würdig zurücktraten angesichts des Todes, um die Schwächeren den Weg zum Leben gehen zu lassen. Es braucht einen großen Unglauben dazu, um angesichts solcher Tatsachen unsre Zeit immer noch eine schlechte, gottlose Zeit zu nennen. Nein, die Gnade des Herrn währet von Ewigkeit zu Ewigkeit, sie leuchtete mitten im Tod und Verderben dieser Katastrophe, so dass wir sie dankbar mit Händen greifen können. In der Gesinnung und Handlungsweise, die jene einfachen Seeleute in der Stunde der schwersten Probe geübt haben, sehen wir wieder einmal ein Anzeichen des neuen Himmels und der neuen Erde, auf die wir warten [vgl. Apk. 21,1–4]. So wie sie werden die Menschen arbeiten, wenn sie einmal nicht mehr aus Eigennutz, sondern als Bürger des Reiches Gottes arbeiten werden. Dieses Anzeichen soll nicht umsonst an uns vorübergegangen sein. Diese tapfern Selbstlosen sollen nicht umsonst ihr Grab in den Wellen gefunden haben. Sondern die Botschaft von der Gnade des Herrn, die von Ewigkeit zu Ewigkeit währt und die sie uns in ihrem Tode verkündigt haben, soll unsre Herzen und Gewissen treffen, soll uns wecken und aufrütteln und auf die Füße stellen. Sie |167 soll uns aus der Vergänglichkeit und aus der Sünde zur Gerechtigkeit führen. Wenn sie das tut, dann wird uns dieses erschütternde Ereignis unvergesslich werden.

Amen.

Sachfußnoten

1
Zur Geschichte und zum Untergang der RMS «Titanic» vgl. bes. J. P. Eaton / Ch. A. Haas, Titanic. Triumph und Tragödie. Eine Chronik in Texten und Bildern, aus dem Engl. von T. Müller / S. Holzapfel, München 1997 📖 (engl. Original: Titanic. Triumph and Tragedy, 2nd Ed., Sparkford 1994 📖). Einen Überblick über die deutschsprachige Literatur bietet G. Bäbler, Bibliotheca Titanicana. Alle deutschsprachigen Titanic-Bücher des 20. Jahrhunderts in einem Buch, Rüti 2001 📖. – Der von Barth berichtete Hergang der Katastrophe entspricht dem, was in den «Basler Nachrichten» zwischen dem 17. und dem 21. April zum Thema zu lesen war. ↩
2
Der eigentliche Konkurrenzkampf zwischen englischen und deutschen Reedereien begann erst 1897 mit der Indienststellung des für den Norddeutschen Lloyd fahrenden Schnelldampfers «Kaiser Wilhelm der Grosse», des damals größten und schnellsten Passagierschiffes der Welt; bis dahin hatten in diesem Bereich fast ausschließlich englische Reedereien dominiert. In den Jahren bis 1914 folgten weitere Neubauten deutscher Reedereien, die teils aufgrund ihrer Schnelligkeit, besonders aber aufgrund ihrer Größe und Bequemlichkeit den britischen Schiffen den Rang streitig machen konnten und ihnen zu einer ernsten Konkurrenz erwuchsen; vgl. T. Hughes, Der Kampf ums Blaue Band, ins Deutsche übertragen von W. Frank, Oldenburg / Hamburg 1974 📖, S. 111–135; A. Kludas, Die Geschichte der deutschen Passagierschiffahrt, Bd. 2: Expansion auf allen Meeren. 1890 bis 1900 (Schriften des Deutschen Schiffahrtsmuseums, Bd. 19), Hamburg 1987 📖, S. 147–198; ders., Die Geschichte der deutschen Passagierschiffahrt, Bd. 3: Sprunghaftes Wachstum. 1900 bis 1914 (Schriften des Deutschen Schiffahrtsmuseums, Bd. 20), Hamburg 1988 📖. ↩
3
Barth besuchte Hamburg an der Jahreswende 1906/07 von seinem Studienort Berlin aus und berichtete wenige Tage später von der Reise, die ihn auch nach Greifswald, Rostock und Lübeck geführt hatte, und besonders von der Schiffsbesichtigung: «Es war von Anfang bis Ende richtig fein, und ich habe viel, viel gesehen und profitiert, besonders zuletzt von der Seestadt Hamburg, wo wir das Handelsleben beobachteten in seiner ganzen Größe. Besonders die Hafenanlangen mit den 1000 Schiffen aus allen Ländern sind etwas ganz Grandioses. Auf dem Auswandererschiff stunden wir fast auf die Köpfe ob solcher Mächtigkeit und Pracht. Es glüstete einen förmlich, einmal ein wenig Amerika zu bereisen!» (Brief Barths an seine Eltern vom 2.1.1907 [KBA 9207.3]) Leider ist im Brief kein Hinweis auf den Namen des besichtigten Schiffes enthalten. ↩
4
Gemeint ist das ältere Schwesterschiff der «Titanic», die RMS «Olympic», die bereits am 14. Juni 1911 ihre Jungfernfahrt absolviert hatte und bis zu ihrer Außerdienststellung im März 1935, unterbrochen nur durch die Kriegsjahre, regelmäßigen Liniendienst auf der Nordatlantikroute versah. ↩
5
Die «Titanic» hatte eine Besatzung von knapp 900 Personen; sie bot daneben 2400 Passagieren Platz, davon 750 in der Ersten, 550 in der Zweiten und 1100 in der Dritten Klasse. – Die Zahlenangaben Barths finden sich so auch bei N. N., Die «Titanic»-Katastrophe, in: Basler Nachrichten, Jg. 68, Nr. 104 vom 17.4.1912, S. 1 📖. ↩
6
Der sehr erfahrene Kapitän der «Titanic», Edward J. Smith (1850–1912), war 1911/12 bereits auf den aufsehenerregenden ersten Fahrten der «Olympic» deren Kapitän gewesen. ↩
7
Es handelt sich um einen damals kolportierten und teils heute noch verbreiteten Irrtum, dass es den Schiffen der Olympic-Klasse überhaupt möglich gewesen wäre, das symbolische «Blaue Band» für die schnellste Überquerung des Atlantiks zu gewinnen. Die RMS «Mauretania», die diese Auszeichnung 1907 erstmals errungen hatte und für gut zwei Jahrzehnte behalten sollte, war mit durchschnittlich gefahrenen 26 Knoten (ca. 48 km/h) gleich um mehrere Knoten schneller als die «Olympic» und die «Titanic» (vgl. J. P. Eaton / Ch. A. Haas, Titanic. Legende und Wahrheit, aus dem Engl. übers. von W. Wuttke, überarbeitete und erweiterte Ausgabe, Königswinter 1997 📖, S. 169), die von vornherein eher auf Luxus und ein besonders zuverlässiges und ruhiges Fahren ausgelegt waren. – Trotzdem hieß es bereits bei N. N., Tagesbericht, in: Basler Nachrichten, Jg. 68, Nr. 105 vom 18.4.1912, S. 1 📖: «Hingegen weiß der Londoner Korrespondent des ‚Tag’ zu berichten, daß Kapitän Smith mit der Jungfernfahrt der ‚Titanic’ alle bisherigen Rekorde brechen wollte; darum habe er die kürzere nördliche Winterroute eingeschlagen und mit rasender Eile die Bahn der ‚Eisbergflotte’ durchquert.» Und auch im «Neuen Freien Aargauer» wusste man rasch: «Die Ursachen des Unglücks sind in der wahnsinnigen Rekord-Fahrt der ‚Titanic’ zu suchen. Die wahnsinnige Hast nach Profit hat viele hunderte M[e]nschenleben zum Opfer gefordert. Und die profithungrigen Kapitalisten der White-Star-Linie tragen durch Veranlassung der unsinnigen Rekord-Jagd der ‚Titanic’ die Schuld an dem Massenunglück» (N. N., Tagesneuigkeiten. Schweizerische Postsachen auf der «Titanic», in: Neuer Freier Aargauer, Jg. 7, Nr. 90, 18.4.1912, S. 3 📖). ↩
8
Die «White Star Line» war als zweite Reederei mit diesem Namen im Jahr 1869 gegründet worden und hatte ihren Sitz in Liverpool; 1934 fusionierte sie mit der «Cunard Line», ihrer großen Konkurrentin im Transatlantikgeschäft, zur «Cunard-White Star Ltd.». ↩
9
Vgl. schon N. N., Zum Untergang der «Titanic», in: Neuer Freier Aargauer, Jg. 7, Nr. 91, 19.4.1912, S. 3 📖: «Die ‚Titanic’ liegt […] mehr als zwei Seemeilen unterhalb dem Meeresspiegel. In dieser Tiefe beträgt der Druck des Wassers 2½ Tonnen auf den Quadratzoll. Da die Taucher auch schon bei 200 Fuß Tiefe Beschwerden infolge des Wasserdrucks empfinden, ist es ganz unmöglich, daß je wieder etwas von dem unglücklichen Schiff gesehen oder gehört werden kann.» – Seitdem am 1. September 1985 Unterwasserarchäologen das Wrack der «Titanic» in ca. 3800 m Tiefe entdeckt haben, gilt diese Aussage nur noch eingeschränkt; auf Tauchfahrten gelangten inzwischen zahlreiche Besucher zum Wrack, und es wurden Tausende von Gegenständen aus dem Schiff geborgen. ↩
10
Anfang des aus einer älteren Quelle übernommenen ersten Verses des gleichnamigen Liedes von M. Luther (GERS 317; RG 648; EG 518) 🎵. ↩
11
J. Bruce Ismay (1862–1937), seit 1899 Direktor der «White Star Line»; sein Überleben in einem der letzten Rettungsboote, das die «Titanic» verließ, setzte ihn zahlreichen Anfeindungen aus und kostete ihn dauerhaft seine Reputation. – Ismays Rolle direkt nach der Katastrophe, als er sich weigerte, an die Reederei geschickte, chiffrierte Depeschen aus der Unglücksnacht zu veröffentlichen, und schnellstmöglich aus den USA nach England zurückkehrte, bevor ein Untersuchungsausschuss seine Arbeit aufnehmen konnte, wird bereits bei N. N., Die «Titanic»-Katastrophe, in: Basler Nachrichten, Jg. 68, Nr. 107 vom 20.4.1912 (1. Beilage), S. 1 📖, kritisch beleuchtet. ↩
12
Anders als zehn Monate zuvor das Schwesterschiff «Olympic» bei seiner Jungfernfahrt war die «Titanic» nur zu gut der Hälfte der möglichen Passagierzahl gebucht. ↩
13
N. N., Wochenschau, in: Neuer Freier Aargauer, Jg. 7, Nr. 92, 20.4.1912, S.  1 📖, begann seinen Überblick mit einem Absatz zum Untergang der «Titanic» und eröffnete den Schlussabsatz mit den Worten, dass «die Woche mit einem entsetzlichen Verbrechen des Kapitalismus begonnen» habe. ↩
14
Das Motto «Einer für alle, alle für einen» ist im 19. Jahrhundert unter anderem durch den Roman «Die drei Musketiere» des französischen Schriftstellers Alexandre Dumas des Älteren populär geworden. Zur Bedeutung besonders in der Schweiz, wo es zum (inoffiziellen) Wahlspruch wurde, vgl. Predigten 1911, S. 291f., Anm. 17 📖. ↩