Predigt: Lukas 24,5-6 (Ostern)
Was die Jünger und Freunde Jesu am Ostermorgen und in der darauf folgenden Zeit erlebt haben, das war die Erlösung von einem schweren und verhängnisvollen Irrtum. Sie suchten den Lebendigen bei den Toten. Als das erste Entsetzen über die furchtbaren Ereignisse des Karfreitags und der erste heiße Schmerz über den Tod ihres Meisters vorbei waren, da begannen sie, sich abzufinden mit der Tatsache, dass nun Alles aus, dass Jesus ihnen genommen sei. Sie hielten zunächst den Sabbat, wie sie es als fromme Juden zu tun gewohnt waren, sie waren traurig über das Geschehene, sie sprachen Alles noch einmal miteinander durch, wie es gekommen war, sie bereiteten Salbe und Spezereien, um dem Leichnam ihres Herrn noch etwas Liebes zu erweisen, sie gingen hinaus, um ihn und sein Grab noch einmal stumm zu besehen, sie waren noch einmal beieinander, bei verrammelten Türen, aus Furcht vor den Juden; dann kehrten einige von ihnen bereits zurück nach
Aber es stellt sich auch leicht ein großer Irrtum und ein schweres Unrecht ein bei diesem Vorgang. Abfinden sollen wir uns nicht mit solchen Ereignissen und Verlusten. Abschiedsstimmung ist nicht die rechte in solchen Augenblicken und Zeiten. Weder sollen wir jammernd dastehen und zurückblicken auf das, was nicht wieder kommt, noch sollen wir sagen: es ist einmal so!1, um uns dann wieder ins Leben |138 zu begeben, wie wenn nichts geschehen wäre. Sondern wir sollen solche Ereignisse und Verluste zu uns reden, wir sollen sie auf uns wirken lassen, und das umso mehr, je größer und schmerzlicher sie uns gewesen sind. Wir sollen den Schmerz rein und tief in uns aufnehmen, damit das Größere in uns geboren werden kann, das Gott durch den Schmerz in uns schaffen will. Wir sollen nicht als die alten, sondern als erneuerte Menschen weiter gehen von solchen Erlebnissen aus. Darin fehlen wir oft. Darin fehlten auch die Jünger Jesu nach seinem Tode. Sie warteten nicht auf das Größere, das aus diesem Verlust ihnen erwachsen sollte. Sie spürten nichts von einer Verwandlung, die der Gedanke an den Tod ihres Herrn in ihnen hätte bewirken müssen. Sie blieben die Alten. Sie taten, was man eben tut, wenn jemand gestorben ist: sie vergossen Tränen, sie redeten darüber, sie gingen auf das Grab und dann nach und nach jeder wieder an seine Sache. Sie hielten das Werk Jesu für beendigt, sie dachten und redeten von ihm als von einem, der gelebt hat, sie suchten ihn bei den Toten, um ihn zu betrauern, zu ehren und dann nach und nach aus ihren Gedanken entschwinden zu lassen, wie es eben den meisten Toten geht. Wie traurig, wenn sie dabei geblieben wären! Wie müssten wir diese Leute bedauern, die das Größte und Schönste miterleben durften, das Leben und Sterben Jesu, und denen dann doch nichts übrig blieb als einige Tränen und ein Grab als Erinnerungsstätte und der Gedanke: es war einmal! Aber wir hätten gar keinen Anlass, sie zu bedauern. Denn wenn jene Leute dabei geblieben wären, Jesus bei den Toten zu suchen, dann wüssten wir heute sicher nichts von Jesus als vielleicht die Kunde von einem Religionsstifter, Lehrer und Wundertäter des fernen Altertums, der ein Jahr lang Aufsehen erregt habe und dann ans Kreuz gehängt worden sei. Wir dürfen uns nicht ausmalen, was wir dann wären, wir und die europäische Kulturwelt, in der wir leben. Schulen und Eisenbahnen und Maschinen hätten wir vielleicht auch dann, warum nicht? Die heutigen Chinesen haben diese Dinge auch. Aber wir können gerade an ihnen sehen, wie das ist, wenn die Hauptsache an der Kultur fehlt, das Lebendige, Menschliche, die Liebe und die Hoffnung, die unsre Welt im Innersten zusammenhält.2 Gerade |139 das, was das Leben erst zum wirklichen Leben, die Kultur erst zur wirklichen Kultur macht, müssten wir uns hinwegdenken, wenn die Jünger Jesu in jenen entscheidenden Tagen nach seinem Tode in dem Irrtum befangen geblieben wären, ihn als einen Toten zu den Toten zu rechnen. Das wäre der folgenschwerste Irrtum der Weltgeschichte geworden. – |
Aber Gott hat in jenen Ostertagen sie und uns von diesem Irrtum und seinen Folgen befreit. Er wollte nicht, dass das Leben Jesu, seine Botschaft und sein Sterben umsonst geschehen seien. Er wollte den Segen ausschütten über die Menschheit, der darin verborgen und nun scheinbar mit ihm ins Grab gelegt war. Darum hat er an jene Jünger die ahnungsvolle Frage gerichtet: Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten?Was steht ihr traurig und blickt nach rückwärts? Und was geht ihr gleichgiltig weiter, wie wenn nichts geschehen wäre? Und dann hat er ihnen die Antwort selbst gegeben und hat sie ihnen zur eigenen, selbsterlebten Gewissheit werden lassen: Er ist nicht hier, er ist auferstanden! Es ist nicht aus mit Jesus, sondern er ist wirksamer als je zuvor. Er ist nicht im Grab, sondern er redet mit uns und leitet uns deutlicher und mächtiger als vorher. Wir wollen keine Erörterungen darüber anstellen, wie jene ahnungsvolle Frage und diese siegreiche Antwort in den Jüngern entstanden ist. Ihr wisst, was in der Bibel, in den Evangelien darüber berichtet wird: dass die Jünger Jesu, zuerst die Frauen, sein Grab leer fanden, dass es von Engeln bewacht war, die ihnen Mut zusprachen [vgl.
Und darum legten sie jetzt ihren Willen wie ein Instrument in Gottes Hand, damit er mit ihnen schalte und walte nach seinem Wohlgefallen. Denn in den Todesseufzern ihres Meisters hatten sie das Rauschen einer neuen, bessern Welt vernommen, die herbeikommen will, und in seinem letzten Gebet hatten sie verstehen gelernt, was das heißen will, sich Gott zur Verfügung zu stellen [vgl.
Und das ist nun auch die Osterbotschaft, die wir heute verkündigen und hören dürfen. Was suchet ihr den Lebendigen bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden! An dieser freudigen Tatsache, die die Jünger Jesu zuerst erlebt haben, dürfen wir teilhaben. Ja, liebe Freunde, wir haben Jesus Christus auch oft genug bei den Toten gesucht. Wir haben ihn am falschen Ort gesucht, wir stellen uns zu ihm auf eine Weise, die so recht jenem Irrtum der Jünger gleicht, als ob es nun aus sei. Wir stellen uns zu ihm, als wäre sein Leben und Sterben eine schöne Geschichte aus alter, vergangener Zeit. Da gleichen wir den Jüngern, die nichts wussten, als traurig miteinander zu reden, wie schön es gewesen und dass nun Alles vorüber sei. O es gibt so viele Christen, die es so machen. Der Name Jesus Christus macht sie wehmütig. Sie denken zurück an ihre eigene Jugend- und Unterweisungszeit und an die Eindrücke und Anregungen, die sie da empfangen haben, die aber leider durch das Leben wieder verwischt und undeutlich gemacht worden sind. O da musst du ihn nicht suchen, wenn du ihn wieder kennenlernen willst. Christus ist nicht hier, er ist auferstanden! Christus ist nicht eine schöne Jugenderinnerung, du begegnest ihm nicht in deiner Vergangenheit! Mühe dich nicht ab damit, künstlich wieder ein Kind zu werden! In deiner Gegenwart und Zukunft begegnest du ihm. Wenn du ihn vergessen und verloren hast, so war das vielleicht auch so ein Karfreitag, der dazu dienen musste, seine Schönheit und Größe nun viel lebendiger vor dir erstehen zu lassen. Ergreife ihn, den Jesus deiner Kindheit, so, wie er jetzt vor dich hintritt mit all dem Herrlichen, was er einem Männer- und Frauenleben zu geben vermag. Sei nicht wehmütig, sondern fröhlich! Blicke nicht zurück, sondern vorwärts! Lerne den lebendigen Christus kennen! |
Und wie Viele in ihre eigene Vergangenheit blicken, so blicken viele Andre wehmütig und zum Klagen geneigt in die Vergangenheit der |143 Menschheit, in die gute, alte Zeit, wo die Leute noch fromm waren und in die Kirche gingen. Ach, dass es noch wie damals wär, doch kommt die schöne Zeit nicht wieder her!3 So denken und sagen sie. O, ihr Kleingläubigen! Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten? Was klammert ihr euch an die alte Zeit und an das, was ihr gerade für Frömmigkeit und Christentum haltet? Jesus ist größer als ihr denkt! Während ihr zu seinem Grab lauft, ist er auferstanden, er ist längst weiter! Seht einmal hinaus in die Welt, aber legt eure schwarze Brille einen Augenblick ab! Ja, es ist wahr, es steht manche Kirche leer oder halbleer heutzutage. Aber wer heißt uns denn, Christus nur in der Kirche oder in der Versammlung4 zu suchen? Seht, er wird heute auf den Gassen gepredigt [vgl.
|144 Dann gibt es andere Christen, die nehmen es ernst genug mit der Verehrung Jesu, aber ihre Verehrung gleicht der der Jünger, die pietätvoll mit Salben und Spezereien zu seinem Grab wallfahrteten, um seinen Leichnam einzubalsamieren und nachzusehen, ob Alles schön in Ordnung sei. Wir haben eben eigentlich auch schon von ihnen geredet. Auch für sie ist Christus im Grunde ein Begrabener, nicht ein Lebendiger. Er ist begraben zwischen den zwei Deckeln eines schwarzen Buches. O wenn sie doch das schwarze Buch, die Bibel, aufmachen und sie sagen lassen wollten, was sie wirklich sagt! Aber sie haben diesen freien, luftigen Wald voll treibender und sprossender Bäume in ein Gefängnis verwandelt, und da halten sie nun Jesus eingeschlossen mit ihren kleinen, engen Begriffen. Hier ist Christus! So muss er sein! So muss man von ihm denken! Nein, Christus ist nicht hier, er ist auferstanden. Man kann ihn nicht einschließen in Worte und Begriffe, nicht in Kirchenmauern und Kapellenmauern. Er zersprengt das Alles. Die Gräber sind ihm zu eng. Wer ihn ehren will, der darf ihn nicht vorher einschließen, um dann zu sagen: dort ist sein Grab, wo wir ihn niederlegten, dort ist er, so muss er sein, der mein Erlöser ist. Sondern wer ihn ehren will, der muss demütig darauf warten, dass Christus sich ihm offenbare als der Lebendige, wie es jenen Jüngern widerfahren ist. Und dann wird er auch die Salben und Spezereien zu Hause lassen, nämlich all das Künstliche, Erzwungene, Geschraubte, Selbstgemachte, das wir so oft für Verehrung Jesu halten. Als die Jünger Jesu den Auferstandenen gesehen hatten, da mussten sie gewiss lächeln über ihre Balsamierungsgerätschaften, die sie mitgebracht, um ihm Ehre anzutun. Und so sollten wir von Zeit zu Zeit recht in Erstaunen geraten über all die gesalbten Redensarten, über all den Zwang, den wir uns und andern antun, über die unnatürlichen Regeln über das, was wir «christlich» und «nicht-christlich» nennen, und mit denen wir die Leute plagen. Halten wir denn wirklich Jesus für einen Begrabenen und merken wir nicht, dass wir zu spät kommen mit solchen Bemühungen, weil er lebendig ist, weil er nicht unsre kleinen Gedanken und Lebensregeln von uns will, sondern uns selbst, unser Herz und unsern Willen, wie er dort das Herz und den Willen der Jünger in seinen Dienst gestellt hat?! Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten. Er richtet sich nicht nach uns, sondern wir müssen uns nach ihm richten.
|145 Und nun noch ein Wort von den Vielen, Vielen, die zwar auch einen gewissen Respekt vor Jesus empfinden und betätigen. Aber sie halten es damit wie jene Jünger, die sich, als die ersten Eindrücke des Karfreitags vorüber waren, wieder an ihr Handwerk nach
Es sollte am heiligen Abendmahl, das wir nachher feiern, Keiner teilnehmen, ohne es verlassen zu können in dem klaren Bewusstsein: Jesus lebt und geht nun mit mir! Das wünsche ich vor Allem euch, meine lieben Konfirmanden, die ihr heute zum ersten Mal diese gedankenvolle Feier mit uns begehen sollt. Ja, geht nur tapfer hinein ins Leben! Aber das Kreuz Christi, der vorgestrige Tag soll nicht hinter euch zurückbleiben, sondern es soll euch auf jedem Schritt das Bild dessen begleiten, der uns in seinem Tode das offenbart hat, was ein Menschenleben erst schön machen kann.
Und in dieser Begleitung wollen wir Alle, liebe Freunde, die Alten und die Jungen, vorwärtsgehen!