7. April 1912

Predigt: Lukas 24,5-6 (Ostern)

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Ostern
Lukas 24,5–6
Was suchet ihr den Lebendigen bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden!
Liebe Gemeinde!

Was die Jünger und Freunde Jesu am Ostermorgen und in der darauf folgenden Zeit erlebt haben, das war die Erlösung von einem schweren und verhängnisvollen Irrtum. Sie suchten den Lebendigen bei den Toten. Als das erste Entsetzen über die furchtbaren Ereignisse des Karfreitags und der erste heiße Schmerz über den Tod ihres Meisters vorbei waren, da begannen sie, sich abzufinden mit der Tatsache, dass nun Alles aus, dass Jesus ihnen genommen sei. Sie hielten zunächst den Sabbat, wie sie es als fromme Juden zu tun gewohnt waren, sie waren traurig über das Geschehene, sie sprachen Alles noch einmal miteinander durch, wie es gekommen war, sie bereiteten Salbe und Spezereien, um dem Leichnam ihres Herrn noch etwas Liebes zu erweisen, sie gingen hinaus, um ihn und sein Grab noch einmal stumm zu besehen, sie waren noch einmal beieinander, bei verrammelten Türen, aus Furcht vor den Juden; dann kehrten einige von ihnen bereits zurück nach Galiläa, an den See Genezareth, um dort ihr Fischerhandwerk wieder aufzunehmen, von dem sie Jesus seiner Zeit weggerufen hatte. Die Zeit ging weiter, die Wunde begann langsam zu vernarben. Es ist eine große Wohltat, dass die Zeit weitergeht nach solchen schmerzlichen Ereignissen, es ist natürlich und recht, dass die Wunden, die sie uns geschlagen, vernarben können. |

Aber es stellt sich auch leicht ein großer Irrtum und ein schweres Unrecht ein bei diesem Vorgang. Abfinden sollen wir uns nicht mit solchen Ereignissen und Verlusten. Abschiedsstimmung ist nicht die rechte in solchen Augenblicken und Zeiten. Weder sollen wir jammernd dastehen und zurückblicken auf das, was nicht wieder kommt, noch sollen wir sagen: es ist einmal so!1, um uns dann wieder ins Leben |138 zu begeben, wie wenn nichts geschehen wäre. Sondern wir sollen solche Ereignisse und Verluste zu uns reden, wir sollen sie auf uns wirken lassen, und das umso mehr, je größer und schmerzlicher sie uns gewesen sind. Wir sollen den Schmerz rein und tief in uns aufnehmen, damit das Größere in uns geboren werden kann, das Gott durch den Schmerz in uns schaffen will. Wir sollen nicht als die alten, sondern als erneuerte Menschen weiter gehen von solchen Erlebnissen aus. Darin fehlen wir oft. Darin fehlten auch die Jünger Jesu nach seinem Tode. Sie warteten nicht auf das Größere, das aus diesem Verlust ihnen erwachsen sollte. Sie spürten nichts von einer Verwandlung, die der Gedanke an den Tod ihres Herrn in ihnen hätte bewirken müssen. Sie blieben die Alten. Sie taten, was man eben tut, wenn jemand gestorben ist: sie vergossen Tränen, sie redeten darüber, sie gingen auf das Grab und dann nach und nach jeder wieder an seine Sache. Sie hielten das Werk Jesu für beendigt, sie dachten und redeten von ihm als von einem, der gelebt hat, sie suchten ihn bei den Toten, um ihn zu betrauern, zu ehren und dann nach und nach aus ihren Gedanken entschwinden zu lassen, wie es eben den meisten Toten geht. Wie traurig, wenn sie dabei geblieben wären! Wie müssten wir diese Leute bedauern, die das Größte und Schönste miterleben durften, das Leben und Sterben Jesu, und denen dann doch nichts übrig blieb als einige Tränen und ein Grab als Erinnerungsstätte und der Gedanke: es war einmal! Aber wir hätten gar keinen Anlass, sie zu bedauern. Denn wenn jene Leute dabei geblieben wären, Jesus bei den Toten zu suchen, dann wüssten wir heute sicher nichts von Jesus als vielleicht die Kunde von einem Religionsstifter, Lehrer und Wundertäter des fernen Altertums, der ein Jahr lang Aufsehen erregt habe und dann ans Kreuz gehängt worden sei. Wir dürfen uns nicht ausmalen, was wir dann wären, wir und die europäische Kulturwelt, in der wir leben. Schulen und Eisenbahnen und Maschinen hätten wir vielleicht auch dann, warum nicht? Die heutigen Chinesen haben diese Dinge auch. Aber wir können gerade an ihnen sehen, wie das ist, wenn die Hauptsache an der Kultur fehlt, das Lebendige, Menschliche, die Liebe und die Hoffnung, die unsre Welt im Innersten zusammenhält.2 Gerade |139 das, was das Leben erst zum wirklichen Leben, die Kultur erst zur wirklichen Kultur macht, müssten wir uns hinwegdenken, wenn die Jünger Jesu in jenen entscheidenden Tagen nach seinem Tode in dem Irrtum befangen geblieben wären, ihn als einen Toten zu den Toten zu rechnen. Das wäre der folgenschwerste Irrtum der Weltgeschichte geworden. – |

Aber Gott hat in jenen Ostertagen sie und uns von diesem Irrtum und seinen Folgen befreit. Er wollte nicht, dass das Leben Jesu, seine Botschaft und sein Sterben umsonst geschehen seien. Er wollte den Segen ausschütten über die Menschheit, der darin verborgen und nun scheinbar mit ihm ins Grab gelegt war. Darum hat er an jene Jünger die ahnungsvolle Frage gerichtet: Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten?Was steht ihr traurig und blickt nach rückwärts? Und was geht ihr gleichgiltig weiter, wie wenn nichts geschehen wäre? Und dann hat er ihnen die Antwort selbst gegeben und hat sie ihnen zur eigenen, selbsterlebten Gewissheit werden lassen: Er ist nicht hier, er ist auferstanden! Es ist nicht aus mit Jesus, sondern er ist wirksamer als je zuvor. Er ist nicht im Grab, sondern er redet mit uns und leitet uns deutlicher und mächtiger als vorher. Wir wollen keine Erörterungen darüber anstellen, wie jene ahnungsvolle Frage und diese siegreiche Antwort in den Jüngern entstanden ist. Ihr wisst, was in der Bibel, in den Evangelien darüber berichtet wird: dass die Jünger Jesu, zuerst die Frauen, sein Grab leer fanden, dass es von Engeln bewacht war, die ihnen Mut zusprachen [vgl. Mk. 16,1–6], dass ihnen dann Jesus selbst begegnete, dass sie wieder mit ihm reden konnten wie vorher und doch nicht wie vorher [vgl. Joh. 21,1–13]: bald sahen sie ihn vor sich, bald verschwand er wieder in unerklärlicher Weise [vgl. Lk. 24,31], bald sagt er zu Thomas: Lege deine Hand in meine Seite! [Joh. 20,27] und bald zu Maria Magdalena: Rühre mich nicht an! [Joh. 20,17] Sie sehen und erkennen ihn auch nicht auf einmal und nicht ein für allemal, sondern ihre Überzeugung muss langsam wachsen durch mehrere Wochen hindurch, erst in Jerusalem und Umgebung, dann am See in Galiläa [vgl. Mt. 28,10], dann, wie es scheint, wieder in Jerusalem [vgl. Mt. 28,14]. Es ist sehr schwer, genau festzustellen, was dort im Einzelnen geschehen ist, sehr schwer, die verschiedenen Angaben zusammenzureimen, sehr schwer, auf alle die Fragen, die sich einem beim Lesen dieser Erzählungen auf die Lippen drängen, befriedigende |140 Antwort zu geben. Wie ein Nebel über einer Landschaft, so liegt für uns das Geheimnis über den Ereignissen jener Osterwochen. Ist die Tatsache: er ist erstanden! zu verstehen als ein leiblicher, äußerer, greifbarer Vorgang, den man beobachten konnte, wie wir hier einander mit unsern Augen sehen, oder als ein inneres Erlebnis der Jünger nach der Art der Gesichte, die die Propheten des alten Bundes hatten, über das sie später nur stammelnd und überschwänglich Bericht erstatten konnten? Man sollte sich wohl hüten, schnell schnell das eine als die gläubige und das andre als die ungläubige Ansicht zu begreifen. Es haben gläubige und tiefdenkende Christen die eine wie die andre vertreten, es lassen sich auch in der Bibel selbst Anhaltspunkte für die eine wie für die andre finden. Aber das ist nicht die Hauptsache, dass wir uns für diese oder jene Ansicht entscheiden, die wir Menschen von der Auferstehung haben können, sondern dass wir uns vertiefen in das, was Gott dort getan hat, in die Tatsache der Auferstehung selbst, habe sie sich vollzogen, wie sie wolle. Das ragt wie ein Berg über allen Nebel, über alles Geheimnis empor, das ist über alle Fragen und Bedenken erhaben, dass die Jünger Jesu an jenem Ostermorgen anfingen, sich zu verwandeln, dass sie zu ihrem gekreuzigten Herrn und Meister in ein ganz neues Verhältnis traten und dass sie anfingen, in diesem neuen Verhältnis zu ihm selbst neue Menschen zu werden. Sie kamen zurück, Gott brachte sie zurück von ihrem Irrtum, als ob es damit aus sei, dass sie Jesus hatten ins Grab legen sehen, als ob es jetzt nichts mehr gebe, als zu weinen, das Grab zu beschauen und dann zurückzukehren in den Alltag, zum Geldverdienen und zu dem bisschen Freude, das das Leben ihnen immer noch bringen konnte. Dieser Irrtum wurde ihnen durch Gott in jenen Osterwochen verscheucht wie ein böser Nachtspuk. Die Sonne ging wieder auf. Das Bild des Herrn Jesus, das ihnen am Karfreitag in Nacht und Dunkel verschwunden war, trat wieder hell und freundlich vor ihre Augen, aber jetzt in höherer, in göttlicher Gestalt, geheiligt und verklärt gerade durch das, was sie am Karfreitag miterlebt hatten. Das Größere, das in dem Schmerz, in dem Verlust verborgen war, den sie erlitten hatten, stellte sich heraus. Sie hörten jetzt das Wort, das Gott im Kreuze Christi zu ihnen geredet hatte, sie spürten die Wirkung, die von diesem Kreuze ausging. Wie klein, wie gewöhnlich, wie unheilig und unwürdig erschienen ihnen jetzt die Gedanken und Stimmungen, denen sie sich |141 vorher hingegeben hatten! Jetzt konnten sie den Tod Jesu nicht mehr als einen Verlust betrachten, über den man bloß trauern kann und mit dem man sich abzufinden suchen muss. Jetzt wurde ihnen gerade dieser Verlust zum höchsten Gewinn. Sie erkannten in ihrem gekreuzigten Meister deutlicher als vorher in dem sichtbar unter ihnen weilenden den Knecht Gottes, der uns den Weg ins ewige Leben vorangegangen ist. Angesichts dieses Todes konnten sie nicht seufzen: es ist einmal so!, sondern sie mussten jubeln: Gott sei Dank, dass es so ist! Gott sei Dank für den Sieg, der da erfochten worden ist! [vgl. 1.Kor. 15,57] Jetzt war es für sie auch vorbei mit der Abschiedsstimmung. Nicht Abschied von ihm, nein, vollendete Gemeinschaft mit ihm, das war jetzt ihr Gedanke und ihr Gefühl geworden. Jetzt wurden ihnen seine Worte wieder deutlich und verständlich, die er zu ihnen geredet vom Reiche Gottes, das mitten unter sie gekommen sei [vgl. Lk. 17,21], von der Nachfolge und von der Selbstverleugnung, vom Samenkorn, das in die Erde gelegt wird und sterben muss, um Frucht zu bringen [vgl. Joh. 12,24], und so Manches andre. In dem Licht, das vom Kreuz ausging, wurden ihnen das Lebensworte. Jetzt empfanden sie erst die Kraft, die von ihm ausgegangen war, die Kraft seines Willens und seiner Liebe, die sie so oft an ihm bewundert hatten und die doch ebenso oft an ihnen abgeglitten war, ohne in sie einzudringen. Jetzt nahmen sie sie in sich auf, jetzt wurde sie ihr Eigentum. Denn am Karfreitag war diese Kraft, die in Jesus war, mächtig geworden in einer Weise, dass sie ihr nicht mehr widerstehen konnten. Jetzt lernten sie nicht bloß nachsprechen, sondern nachbeten, was Jesus ihnen vorgebetet hatte: Dein Reich komme! Dein Wille geschehe! [Mt. 6,10] Dass Gottes Herrschaft in der Welt begonnen habe und immer gewaltiger werden müsse, das wurde nun ihre felsenfeste Zuversicht und ihre glühende Sehnsucht. |

Und darum legten sie jetzt ihren Willen wie ein Instrument in Gottes Hand, damit er mit ihnen schalte und walte nach seinem Wohlgefallen. Denn in den Todesseufzern ihres Meisters hatten sie das Rauschen einer neuen, bessern Welt vernommen, die herbeikommen will, und in seinem letzten Gebet hatten sie verstehen gelernt, was das heißen will, sich Gott zur Verfügung zu stellen [vgl. Lk. 23,46]. Sie erfuhren an sich die Erfüllung jenes Gebetswortes, das ich euch, liebe Konfirmanden, vorgestern mit auf den Lebensweg gegeben habe: |142 Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, gewissen Geist! Ja, das hatte Gott durch den gekreuzigten Jesus in ihnen geschaffen. Sie dachten an ihn nicht als die «trauernden Hinterbliebenen», sondern der Gekreuzigte stand vor ihnen als der Auferstandene und zog sie machtvoll nach sich, mit ihm seinen Weg zu gehen. Jesus lebt! Sie waren dessen sicher, weil er sie selber lebendig gemacht hatte. Das war das Werk Gottes, das am Ostermorgen anfing, und das war die Auferstehung Jesu von den Toten.

Und das ist nun auch die Osterbotschaft, die wir heute verkündigen und hören dürfen. Was suchet ihr den Lebendigen bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden! An dieser freudigen Tatsache, die die Jünger Jesu zuerst erlebt haben, dürfen wir teilhaben. Ja, liebe Freunde, wir haben Jesus Christus auch oft genug bei den Toten gesucht. Wir haben ihn am falschen Ort gesucht, wir stellen uns zu ihm auf eine Weise, die so recht jenem Irrtum der Jünger gleicht, als ob es nun aus sei. Wir stellen uns zu ihm, als wäre sein Leben und Sterben eine schöne Geschichte aus alter, vergangener Zeit. Da gleichen wir den Jüngern, die nichts wussten, als traurig miteinander zu reden, wie schön es gewesen und dass nun Alles vorüber sei. O es gibt so viele Christen, die es so machen. Der Name Jesus Christus macht sie wehmütig. Sie denken zurück an ihre eigene Jugend- und Unterweisungszeit und an die Eindrücke und Anregungen, die sie da empfangen haben, die aber leider durch das Leben wieder verwischt und undeutlich gemacht worden sind. O da musst du ihn nicht suchen, wenn du ihn wieder kennenlernen willst. Christus ist nicht hier, er ist auferstanden! Christus ist nicht eine schöne Jugenderinnerung, du begegnest ihm nicht in deiner Vergangenheit! Mühe dich nicht ab damit, künstlich wieder ein Kind zu werden! In deiner Gegenwart und Zukunft begegnest du ihm. Wenn du ihn vergessen und verloren hast, so war das vielleicht auch so ein Karfreitag, der dazu dienen musste, seine Schönheit und Größe nun viel lebendiger vor dir erstehen zu lassen. Ergreife ihn, den Jesus deiner Kindheit, so, wie er jetzt vor dich hintritt mit all dem Herrlichen, was er einem Männer- und Frauenleben zu geben vermag. Sei nicht wehmütig, sondern fröhlich! Blicke nicht zurück, sondern vorwärts! Lerne den lebendigen Christus kennen! |

Und wie Viele in ihre eigene Vergangenheit blicken, so blicken viele Andre wehmütig und zum Klagen geneigt in die Vergangenheit der |143 Menschheit, in die gute, alte Zeit, wo die Leute noch fromm waren und in die Kirche gingen. Ach, dass es noch wie damals wär, doch kommt die schöne Zeit nicht wieder her!3 So denken und sagen sie. O, ihr Kleingläubigen! Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten? Was klammert ihr euch an die alte Zeit und an das, was ihr gerade für Frömmigkeit und Christentum haltet? Jesus ist größer als ihr denkt! Während ihr zu seinem Grab lauft, ist er auferstanden, er ist längst weiter! Seht einmal hinaus in die Welt, aber legt eure schwarze Brille einen Augenblick ab! Ja, es ist wahr, es steht manche Kirche leer oder halbleer heutzutage. Aber wer heißt uns denn, Christus nur in der Kirche oder in der Versammlung4 zu suchen? Seht, er wird heute auf den Gassen gepredigt [vgl. Spr. 1,205]: von den Dichtern und von den Philosophen, von den Naturforschern und von den Sozialdemokraten. Ja, es ist wahr, man redet heutzutage vielfach in neuen Ausdrücken von ihm, in andern, als ihr gewohnt seid, man entdeckt Seiten an ihm, die ihr nicht gekannt habt und die euch jetzt vielleicht erschrecken. Aber ist denn das nicht gerade ein Zeichen dafür, dass er lebendig ist und unerforschlich und für alle Zeiten, für alle ernsthaft strebenden Menschen unentbehrlich? Sollten wir uns nicht vielmehr freuen darüber, statt zu klagen? Wollen wir nicht lieber, statt sitzen zu bleiben und rückwärts zu blicken, mitgehen und zu hören versuchen, was uns der auferstandene, der moderne, der gegenwärtige Jesus zu sagen hat, der doch kein Anderer ist als der alte Christus, gestern und heute derselbe und in Ewigkeit! [vgl. Hebr. 13,8] |

|144 Dann gibt es andere Christen, die nehmen es ernst genug mit der Verehrung Jesu, aber ihre Verehrung gleicht der der Jünger, die pietätvoll mit Salben und Spezereien zu seinem Grab wallfahrteten, um seinen Leichnam einzubalsamieren und nachzusehen, ob Alles schön in Ordnung sei. Wir haben eben eigentlich auch schon von ihnen geredet. Auch für sie ist Christus im Grunde ein Begrabener, nicht ein Lebendiger. Er ist begraben zwischen den zwei Deckeln eines schwarzen Buches. O wenn sie doch das schwarze Buch, die Bibel, aufmachen und sie sagen lassen wollten, was sie wirklich sagt! Aber sie haben diesen freien, luftigen Wald voll treibender und sprossender Bäume in ein Gefängnis verwandelt, und da halten sie nun Jesus eingeschlossen mit ihren kleinen, engen Begriffen. Hier ist Christus! So muss er sein! So muss man von ihm denken! Nein, Christus ist nicht hier, er ist auferstanden. Man kann ihn nicht einschließen in Worte und Begriffe, nicht in Kirchenmauern und Kapellenmauern. Er zersprengt das Alles. Die Gräber sind ihm zu eng. Wer ihn ehren will, der darf ihn nicht vorher einschließen, um dann zu sagen: dort ist sein Grab, wo wir ihn niederlegten, dort ist er, so muss er sein, der mein Erlöser ist. Sondern wer ihn ehren will, der muss demütig darauf warten, dass Christus sich ihm offenbare als der Lebendige, wie es jenen Jüngern widerfahren ist. Und dann wird er auch die Salben und Spezereien zu Hause lassen, nämlich all das Künstliche, Erzwungene, Geschraubte, Selbstgemachte, das wir so oft für Verehrung Jesu halten. Als die Jünger Jesu den Auferstandenen gesehen hatten, da mussten sie gewiss lächeln über ihre Balsamierungsgerätschaften, die sie mitgebracht, um ihm Ehre anzutun. Und so sollten wir von Zeit zu Zeit recht in Erstaunen geraten über all die gesalbten Redensarten, über all den Zwang, den wir uns und andern antun, über die unnatürlichen Regeln über das, was wir «christlich» und «nicht-christlich» nennen, und mit denen wir die Leute plagen. Halten wir denn wirklich Jesus für einen Begrabenen und merken wir nicht, dass wir zu spät kommen mit solchen Bemühungen, weil er lebendig ist, weil er nicht unsre kleinen Gedanken und Lebensregeln von uns will, sondern uns selbst, unser Herz und unsern Willen, wie er dort das Herz und den Willen der Jünger in seinen Dienst gestellt hat?! Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten. Er richtet sich nicht nach uns, sondern wir müssen uns nach ihm richten.

|145 Und nun noch ein Wort von den Vielen, Vielen, die zwar auch einen gewissen Respekt vor Jesus empfinden und betätigen. Aber sie halten es damit wie jene Jünger, die sich, als die ersten Eindrücke des Karfreitags vorüber waren, wieder an ihr Handwerk nach Galiläa zurückbegeben wollten, als wäre nichts geschehen. Jesus ist ja tot, und man muss weiter gelebt haben. Das ist eine böse Sache, wenn einer tut, als wäre nichts geschehen, nachdem er einmal das Kreuz Christi gesehen hat. Das ist eine böse Sache, wenn er dann einfach weiterdenkt: jetzt wieder Geldverdienen und ein bisschen Vergnügen dabei, selbst dann, wenn er vorher auch etwas getrauert hat und auch etwas ama Grab gestanden ist, selbst dann, wenn er auch von Zeit zu Zeit in die Kirche oder Versammlung geht. Nein, meine Freunde, vom Kreuze Christi her kann man nicht einfach weitergehen in die Welt hinein, in die Welt zurück. Das heißt tun, als ob Jesus tot wäre. Er ist aber auferstanden. Wir haben ihn in seinem Kreuz kennengelernt als den Lebendigen. Nun wollen wir lebendig bleiben, die er lebendig gemacht hat. Ja, wir Alle müssen nun aus dieser Festzeit wieder zurückkehren an die Geschäfte unsres Berufs. Aber das soll nicht heißen, dass Jesus hinter uns zurückbleibt. Wir wollen als erneuerte Menschen zurückkehren ins Leben, berührt, angefasst, erfüllt von den Worten, von der Kraft, von dem Gebet des Auferstandenen. |

Es sollte am heiligen Abendmahl, das wir nachher feiern, Keiner teilnehmen, ohne es verlassen zu können in dem klaren Bewusstsein: Jesus lebt und geht nun mit mir! Das wünsche ich vor Allem euch, meine lieben Konfirmanden, die ihr heute zum ersten Mal diese gedankenvolle Feier mit uns begehen sollt. Ja, geht nur tapfer hinein ins Leben! Aber das Kreuz Christi, der vorgestrige Tag soll nicht hinter euch zurückbleiben, sondern es soll euch auf jedem Schritt das Bild dessen begleiten, der uns in seinem Tode das offenbart hat, was ein Menschenleben erst schön machen kann.

Und in dieser Begleitung wollen wir Alle, liebe Freunde, die Alten und die Jungen, vorwärtsgehen!

Amen.

Textkritische Fußnoten

a
Mskr.: «ans».↩

Sachfußnoten

1
Aufgreifen einer aargauischen Redensart: «es isch eifach-e-so». ↩
2
Vgl. J. W. von Goethe, Faust. Der Tragödie erster Teil, V. 382–385 (Szene Nacht) 📖:
Dass ich erkenne, was die Welt
Im Innersten zusammenhält,
Schau alle Wirkenskraft und Samen,
Und tu nicht mehr in Worten kramen.
↩
3
Zitiert sind die Schlusszeilen der achten und letzten Strophe des Gedichts «Die Heinzelmännchen» (1836) von A. Kopisch (in: Gedichte von August Kopisch, ausgewählt und eingel. von Fr. Brümmer, Leipzig o. J., S. 249–251, dort S. 251 📖). ↩
4
«Versammlung» meint die neben dem oder im Gegenüber zum Gemeindegottesdienst stattfindende Versammlung der pietistischen Gemeinschaft. ↩
5
Das in Anlehnung an diesen Vers (nach dem unrevidierten Luthertext) gebildete Wort von der «Weisheit auf der Gasse» wurde prägnant verwendet von Friedrich Christoph Oetinger (1702–1782): «Bey dem Lehren der heil[igen] Schrift soll man auch immer die Logik und Metaphysik anbringen, aber aus der heil[igen] Schrift selbst und aus der Weisheit auf der Gasse zugleich» (Des Württembergischen Prälaten Friedrich Christoph Oetinger Selbstbiographie, hrsg. von J. Hamberger, Stuttgart 1845, S. 76 📖; vgl. auch Fr. Chr. Oetinger, Die Weisheit auf der Gasse, hrsg. von J. Roesle [Zeugnisse der Schwabenväter, Bd. 2], Metzingen 1962 📖). ↩