5. April 1912

Predigt: Psalm 51,12 (Konfirmation)

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Konfirmation
Psalm 51,12
Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, gewissen Geist!
Meine lieben Konfirmanden!

Ihr seid heute hieher gekommen, um in Gegenwart eurer Eltern und Freunde zu bezeugen, dass ihr gewillt seid, im Geiste und in der Nachfolge des Herrn Jesus rechte Menschen zu werden. Ihr wisst es und ich habe es euch gesagt, dass man einen solchen Entschluss nicht ein für allemal fassen und ausführen kann, etwa wie man um eine Straßenecke geht. Sondern dazu wird es während eures ganzen Lebens und ganz besonders in den nächsten, wichtigen Jahren, in die ihr nun hineinkommt, einer ganzen Reihe immer neuer Entscheidungen bedürfen, Entscheidungen gegen die Gleichgiltigkeit und für den Ernst, gegen die Oberflächlichkeit und für die Tiefe, gegen die Lüge und für die Wahrheit, gegen das Böse und für das Gute. Ich sage: das Alles steht noch vor euch, in näherer oder weiterer Ferne; es ist mit eurem Ja von heute nicht erledigt. Aber den Entschluss könnt ihr heute fassen, vorwärts zu gehen mit dem festen Willen, solche Entscheidungen zu treffen. Ihr geht nun nicht mehr unvorbereitet ins Leben hinein, ihr könnt nach Allem, was wir zusammen besprochen haben, wissen, was auf euch wartet, was in vielen Fällen auf euch lauert, ihr könnt nun aber auch wissen, wie man über die Schwierigkeiten und über die Feinde Herr wird. Wir haben zusammen geredet über das, was schön ist und wahr, recht und gut, über Alles das, was einen Menschen zu einem rechten Menschen macht. Wir haben die Ziele kennengelernt, nach denen wir als Jünger Jesu streben sollen, |128 und die Kräfte, die uns helfen, in dem Streben nicht müde und schläfrig zu werden. Ihr seid darum in Stand gesetzt, uns heute zu sagen: Ja, das Alles gefällt mir, ich sehe, dass ich das brauche, und ich möchte mir das zu eigen machen. Wenn dieses Ja aus einem aufmerksamen und aufrichtigen Herzen kommt, dann hat Gott seine Freude daran, auch wenn die Ausführung dieser Zusage noch in der Zukunft liegt. Er verlangt von euch und von uns Andern nicht mehr als unsren Willen, aber unsren ernsthaften Willen!

Was soll ich euch nun heute sagen, um es euch noch einmal einzuprägen, was das ist: ein ernsthafter Wille, das heißt, ein Wille, der nicht Schein und Äußerlichkeit ist, nicht Einbildung und Lippenwerk, sondern Wahrheit und Wirklichkeit? Wie soll ich es euch beschreiben, wie man dazu kommt, einen solchen ernsthaften Willen, wie er für das Leben nötig ist, zu bekommen und zu behalten? Ich könnte euch sagen: Haltet euch an alles Gute, was ihr schon in eurem Elternhaus gehört und gesehen habt. Erinnert euch an alle Arbeit und Sorge, die ihr Vater und Mutter gekostet, an alle Liebe, die sie an euch gewendet haben, und dann nehmt von allem Guten, was ihr da in eurer Jugend wahrgenommen habt, das Beste und sagt euch: diese Art und dieser Sinn soll sich nun fortpflanzen auch in mein Leben hinüber. Ich könnte euch noch einmal an die Unterweisung erinnern, die nun hinter euch liegt. Ich könnte euch sagen, was Jesus einmal zu einem jungen Menschen gesagt hat: Das Alles weißt du – tue das, so wirst du leben! [Lk. 10,28] Ich habe in dieser Zeit mit euch geredet über christlichen Glauben und christliches Leben, so gut ich diese Dinge selber verstehe. Ein Anderer hätte es vielleicht besser, reichhaltiger, vollständiger gemacht als ich. Ich wünsche es euch selbst, dass euch das Leben gerade in den wichtigsten Punkten, von denen wir sprachen, noch tiefere Anregungen und Einsichten bringen möge, als ich sie euch vermitteln konnte. Aber wenn ihr euch heute vornehmen wollt, zunächst nur einmal an einer kleinen Ecke des großen Feldes zu arbeiten, auf das ich euch geführt habe, indem ihr eure Gedanken ein klein wenig anders ordnet als bisher, indem ihr irgend etwas Altes, Unnützes zurücklasst und etwas Gutes angreift mit aufrichtigem Vorsatz, dann ist das etwas von dem ernsthaften Willen, an dem Gott Freude haben kann. Es wird schon von selbst wachsen und größer und besser werden als das, was ich euch sagen konnte. |

129 Ich könnte euch schließlich auf euer eigenes Gewissen verweisen, auf die Stimme in eurem Innern, die noch deutlicher und eindringlicher, als es Vater und Mutter und Pfarrer miteinander können, sagt, wie ein ernsthaftes, ehrliches Ja am heutigen Tage aussehen muss. In euer Gewissen ist der Gedanke an den Gott der Gerechtigkeit hineingeschrieben, in euer Gewissen das Gesetz, dem seine Kinder unterstellt sind, in euer Gewissen das Bewusstsein von der furchtbaren Gefahr, in die wir uns hineinbegeben, wenn wir jenes Gesetz außer Acht lassen. Wenn ihr euch heute nur das vornehmen wollt, der Stimme eures eigenen Gewissens zu folgen, aber wirklich zu folgen, dann ist das das ernsthafte Ja, das Gott heute und während eures ganzen Lebens von euch hören will.

Und doch möchte ich euch nicht ziehen lassen bloß mit dem Hinweis auf eure Eltern, auf eure Unterweisung, auf euer Gewissen. Selbst wenn ihr von euren Eltern, von mir und von eurem Gewissen Alles gehört hättet und hören könntet, was einem Menschen gut ist zu wissen, ihr braucht mehr als das, ihr braucht Kraft, um das Gute, das ihr wisst, nun auch zu tun. Ihr braucht das Gebet des Psalmsängers, das ich als Text vorgelesen habe: Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, gewissen Geist! Wenn es euch darum zu tun ist, mit ernsthaftem Willen ins Leben hinaus und ins Leben hinein zu treten, dann müsst ihr so beten lernen. Alles Andre ohne das wären bloß schöne, fromme Wünsche, ich glaube, ihr kämet damit keinen Schritt weit. Die Worte andrer Menschen können euch anleiten, ermutigen, antreiben – aber Gottes Sache allein ist es, euch auf dem Weg, den wir euch gehen sehen möchten, wirklich vorwärts zu bringen. Und gerade so ist es mit dem Gewissen. Wohl ist das Gewissen Gottes Gesetz in euch. Aber es ist erst ein Gesetz, noch nicht die Erfüllung. Was ihr schließlich braucht, das ist nicht ein Gesetz, sondern Leben. Wie das ist, wenn es in uns heißt: Ich soll!, das wisst ihr. Was ihr aber nötig habt, das ist, dass ihr euch sagen könnt: Ich kann! Wie ihr dazu kommt, das sagt euch jenes Gebet.

Schaffe in uns, Gott! fängt es an, und dieser Anfang ist auch gleich die Hauptsache. Wir haben in unsern letzten Unterweisungsstunden vom Beten geredet. Erinnert euch daran, wie wir da gesehen haben, dass das Wichtigste am Beten nicht unsre Worte sind, ja, nicht einmal unsre Bitten. Wir brauchen durch unser Beten Gott nicht darüber zu |130 belehren, was uns gut und heilsam ist, er weiß es besser. Sondern das Wichtigste, der eigentliche Segen im Gebet liegt darin, dass wir da unsre Sache vor Gott äußern, «wie die zarten Blumen willig sich entfalten und der Sonne stille halten»2. Wir müssen lernen still werden im innersten Grund unsrer Seele, müssen lernen uns innerlich auseinanderbreiten, nichts vor Gott zu verstecken, nichts in Falten zu legen, nichts auf die Seite zu bringen, sondern Alles, Alles dem Strahl seiner Sonne auszusetzen. Dann schafft er in uns, dann entsteht jener ernsthafte Wille ganz von selbst in uns. |

Ihr fragt mich: Aber wo finden wir diese Sonne Gottes, vor der wir unsre Seele auseinanderlegen und von der wir uns durchscheinen und durchwärmen lassen sollen? Darauf habe ich euch in unserm Unterricht Antwort gegeben, indem ich euch immer wieder auf Jesus hingewiesen habe. Das Gebet, das wir nötig haben, besteht darin, dass wir still werden, dass wir uns auftun vor Jesus. In ihm ist uns Gott erschienen. Er ist das Instrument, mit dem Gott an uns arbeitet. Seht, das ist das Große, was auch eure Eltern, und wären es die besten Eltern, was euer Gewissen und ich euch nicht geben können, dass ihr da beständig eine Quelle schöpferischer, lebendiger Kraft habt, die ihr immer und unter allen Umständen aufsuchen könnt und die nie versagen und versiegen wird. Wenn ihr euch still und aufmerksam in das Bild Jesu vertieft, dann spürt ihr sofort, dass ihr es da nicht mit einem Vater oder Lehrer oder Pfarrer zu tun habt. Wir können euch nur belehren und anleiten. Von Jesus dagegen geht eine Macht aus, die eben das tut, worum der Psalmsänger uns beten heißt: Sie schafft in uns. Ich sage es noch einmal: Wenn Jesus uns Eindruck macht, dann arbeitet Gott in uns. Und wenn wir danach Verlangen haben, dass Gott in uns schaffe und arbeite, dann müssen wir uns unter diesen Eindruck stellen, der von Jesus kommt. Dann müssen wir es zulassen, dass sein Bild sich in unsre Herzen einpräge wie in weiches Wachs. Denkt daran, wie ernst er das Leben genommen hat, wie er keinen |131 Schritt vom geraden Wege Gottes abgewichen ist! Denkt daran, wie lebensfreudig er zugleich gewesen ist, wie er in jedem Hälmlein auf dem Feld und in jeder Menschenseele etwas von der Herrlichkeit Gottes zu entdecken wusste! Denkt daran, wie er sein ganzes Lebens zugebracht hat als einen Dienst an den Andern, wie er gekämpft hat gegen die Unwahrheit und für die Liebe in der Welt, denkt daran, wie er schließlich scheinbar unterlegen ist in diesem Kampfe, um dann gerade im Unterliegen, in seinem Kreuze die Welt zu überwinden und das Siegeszeichen einer neuen Menschheit aufzupflanzen! Vertieft euch in die Größe dieses Lebens, haltet das eurige daneben, aber ehrlich und ausdauernd, lasst euch beschämen und lasst euch dann immer wieder erheben, wie denn der eine Mensch war wie wir und doch zum Glück so ganz, ganz anders als wir! Seht, das ist’s, wenn wir beten: Schaffe in uns Gott! Es muss ein Größerer über uns kommen und unsern Willen gut und ernsthaft machen, ein Größerer als unsre Eltern und Lehrer, ein Größerer aber auch als unser Gewissen, als wir selbst. Seht, das ist Gottes Gnade, das heißt, seine Freundlichkeit gegen uns, dass er uns nie uns selbst und den andern Menschen einfach überlässt, sondern dass er uns immer wieder in Jesus den Meister zeigt, den Größern, der uns nicht nur belehrt und anleitet, sondern mit überlegener Macht an der Hand ergreift und vorwärts bringt.

Und jetzt, liebe Konfirmanden, möchte ich euch noch einmal zeigen, was das für Arbeit ist, die Gott durch Jesus an uns tut.

Schaffe in uns, Gott, ein reines Herz! hören wir zuerst. Jesus hat das sehr hoch gestellt: Selig sind, die reines Herzens sind! [Mt. 5,8] Und er ist selbst reines Herzens gewesen. Rein sein, das heißt: eine Farbe haben. Rein sein heißt: einem innern Zuge folgen und ihm treu bleiben. Rein sein heißt: gewaffnet sein gegen Alles, was uns beflecken und ablenken will, was die eine Farbe und den einen Zug in uns stören möchte. Es gibt aber nur eine Art von Reinheit des Herzens, und das ist das Streben nach Gemeinschaft mit Gott und das Streben nach Gemeinschaft mit den Menschen. Denn nur dies Streben eines Herzens ist etwas Ganzes, Einheitliches. Alles Andre ist daneben Befleckung, Zersplitterung, Ablenkung. |

Und nun gibt es so Vieles in der Welt, das uns diese Reinheit des Herzens nehmen möchte. Da ist die Liebe zum Geld, die so gern die Hälfte unsrer Liebe werden möchte. Da sind die Begierden unsrer |132 Natur, die die eine Farbe und den einen Zug unsrer Seele unterbrechen wollen. Da ist der Argwohn und der Neid und das Geschwätz, die von Andern auf uns überspringen, uns anstecken und unsre Nächstenliebe vergiften. Das sind Gefahren, die euch Allen drohen. Was wollt ihr dagegen unternehmen? Es gibt Menschen, in denen hat Gott schon sehr früh ein Herz geschaffen, das gegen Befleckung und Ablenkung in hohem Maße gesichert ist. Sie haben einen schlichten, demütigen, geraden Sinn mit auf die Welt gebracht oder ihre Seele ist früh erfüllt worden von großen und guten Gedanken oder von dem Sehen und Hören des Schönen in der Welt. Sie haben eine Macht in sich, die Störungen fast unmöglich, die Befleckung fast kraftlos macht. Sie lehnen das Böse ab fast wie selbstverständlich. Sie geraten in ein großes Erstaunen, wenn es an sie herantritt. Sie betrachten es mit weitgeöffneten, befremdeten Kinderaugen. Sie können kaum begreifen, dass so etwas möglich ist. Und dann schütteln sie es von sich ab, wie man einen bösen Traum abschüttelt. Die sind selten. Aber vielleicht sind auch unter euch solche. Denen möchte ich heute sagen: Lasset euch durch den Blick auf Jesus bewahren in dieser Reinheit, die das Böse von sich weist wie etwas Unverständliches! Ihr habt ganz recht mit dieser Empfindung! Bleibt dabei! Gewöhnt euch ja nie an das Böse! Ihr seid mit eurer Art in großem Vorsprung vor uns Andern. |

Bei den Meisten von uns steht es nämlich anders. Wir haben diese selbstverständliche Widerstandskraft gegen das Böse noch nicht. Bei uns muss das reine Herz wirklich erst geschaffen werden. Aber das kann uns Allen geschehen. Das reine Herz ist nicht ein Vorzugsgut einiger Weniger. Wir können es Alle bekommen, wenn wir nur Gott mit uns machen lassen. Indem sich das Bild Jesu in unsre Herzen einprägt, müssen sie von selbst schlicht, gerade und demütig werden. Das sind Dinge, die jedem von uns zugänglich sind. Auch die großen und guten Gedanken werden dann nicht ausbleiben. Wir lernen die Augen und Ohren öffnen in der Welt. Wir fangen an, unsre Aufgaben zu begreifen, uns Ziele zu stecken, wir gehen an die Arbeit. Und indem so das Gute eine Macht wird in uns, wird das Böse ganz von selber machtlos. Die eine Farbe und der eine Zug in unsrer Seele gewinnen die Oberhand. Und das Schlechte wird uns dann ganz von selbst etwas Fremdes und Unverständliches. Vertiefe dich einmal in |133 die große Gottesliebe, von der das Leben Jesu durchdrungen war, und es wird dir plötzlich als etwas ganz Erstaunliches erscheinen, dass man aus dem Geld so ein Wesen machen kann in der Welt. Suche einmal an einem kleinen Punkt Herr zu werden über deine Wünsche und Stimmungen, und du wirst plötzlich erstaunen über die Tatsache, dass man ein Sklave seiner Begierde sein kann. Versuch es einmal da oder dort, aus reiner Liebe einem Menschen etwas Gutes zu tun, wie Jesus es beständig tat, und du wirst plötzlich wie auf einem Turm stehen, von dem du mit höchster Verwunderung auf das Zanken und Schelten der Mitmenschen heruntersiehst, das dir früher so wichtig war. Wenn diese Verwunderung über das Schlechte wieder da ist, dann hast du’s gewonnen. Sie ist das Zeichen des reinen Herzens, das Gott durch Jesus in uns schafft.

Das Andre, was er uns gibt, ist ein neuer Geist. «Wenn ihr nicht von Neuem geboren werdet, könnt ihr das Reich Gottes nicht schauen!» [Joh. 3,3] Das Wort «neu» sagt uns, dass Gott keine Flickarbeit tut. Jesus selbst war nicht ein verbesserter, sondern ein anderer Mensch neben den Übrigen. Er stand auf einer andern Grundlage als sie. Und wenn wir zu ihm gehören, dann bedeutet das, dass wir auch auf diese andere Grundlage treten. Wenn Gott durch ihn ein reines Herz in uns schafft, dann ist das nicht eine Fortsetzung des alten Wesens, sondern ein Bruch damit. Das Alte ist die Selbstsucht, das Neue ist der Gottesgehorsam. Wir können nicht Beides miteinander verbinden. Ihr wisst vielleicht schon oder ihr werdet es noch erfahren, dass wir gerade dazu immer wieder große Lust haben, das Neue mit dem Alten in unsrem innern Leben zu verbinden. Wir möchten die Liebe zu Gott vereinigen mit der Liebe zum Geld, die Nachfolge Jesu mit dem Dienst unsrer Begierde, den Gemeinschaftssinn gegen den Mitmenschen mit dem Zanken. Aber ihr werdet sehen, dass wir dazu nicht im Stande sind, dass wir uns dabei aufreiben und unglücklich machen. Feuer und Wasser kann nicht in uns nebeneinander sein. Der neue Geist, den Gott uns gibt, bedeutet einen neuen Menschen. Gott baut nicht ein neues Stockwerk auf unser altes Haus, sondern er reißt das alte von Grund auf nieder und stellt ein neues an seinen Platz. Und diese Verwandlung ist nie fertig. Wir dürfen uns nie dabei beruhigen, dass wir den neuen Geist schon haben. Auch der neue Mensch, den wir gleichsam angezogen haben, kann wieder alt wer|123den. Gute Vorsätze können einrosten, gute Gedanken können uns wertlos werden, weil wir sie schon zu gut kennen, bei guten Gewohnheiten sogar kann es uns zu behaglich werden, dass wir meinen, jetzt sei Alles gut und wir seien treffliche Menschen. Dann müssen wir die Einsicht und den Mut haben, uns zu sagen: Was einst neu war, ist jetzt alt – gib mir, Gott, einen andern Geist! Das ist nun zweifellos oft sehr unangenehm. Denn wir hängen von Natur am Alten. Aber lasst euch nicht abschrecken! Seid nur recht «modern» in eurem innern Leben und bleibt es! Das heißt, wenn ihr vor der Frage steht: will ich stehen bleiben oder weitergehen? will ich mich zufrieden geben mit mir selbst oder will ich nach mehr, nach Besserem verlangen? Will ich ruhig werden oder will ich ein sehnsüchtiges Menschenkind sein?, dann sagt euch, dass für Gott und für euch nur das Neueste gut genug ist. Eure Seele, euer Charakter soll nie ein Ladenhüter werden, ihr sollt nie altbacken sein, sondern ihr sollt schon morgen damit anfangen, euren heutigen innern Zustand durch einen bessern zu ersetzen. Man soll euch anspüren, dass ihr beständig daran seid, euch selbst umzugraben. Das heißt, gib mir einen neuen Geist! Und jetzt sage ich wieder: den bekommt ihr, wenn ihr euch von der Sonne Gottes in Jesus bescheinen lasst. Ja, Jesus ist etwas, was uns beständig in Unruhe erhält. Man kann nicht ihn ansehen und der Gleiche bleiben wollen. Das reine Herz, das er in uns schafft, ist ein neues Herz. Da gibt es kein Zusammenflicken mit dem alten Wesen, und da gibt es keinen Stillstand, und wenn wir die höchste Stufe der Vollkommenheit erreicht hätten, sondern da gibt es nur das Trachten nach dem Reiche Gottes, das ewig vor uns liegt.

Schließlich das Letzte: Gib mir einen gewissen Geist! Ein gewisser Geist ist ein sicherer, bestimmter, unerschütterlicher Geist. In der Reinheit des Herzens bleiben, auf dem Weg des neuen, des täglich sich erneuernden Menschen bleiben, das heißt gewiss sein. Meinet nicht, dass ihr diese Gewissheit schon besitzt. Jawohl, ich habe von euch Allen den Eindruck, dass ihr in diesen Tagen einen Anlauf nehmt auf das Gute hin. Ich sehe es Manchem von euch schon an den Augen an, dass es ihm ernst ist. Das freut mich für euch. Das ist ein Anfang von Gewissheit. Aber erst ein Anfang! Nicht mehr! Wer steht, der sehe wohl zu, dass er nicht falle! [1.Kor. 10,12] Denkt ja nicht, dass euch in den Gedanken und Entschlüssen eurer Konfirmationszeit nichts |135 mehr irre machen könne! Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie froh und sicher seiner Sache man da ist. Aber auch, wie leicht man in den Jahren, die darauf folgen, wieder aus dem Sattel geworfen wird. Darum lasst es euch nicht gereuen, Gott um einen gewissen Geist zu bitten und euch nicht auf eure eigene Gewissheit zu verlassen. Und wenn ihr Gott bitten sollt, so meine ich wieder: stellt euch unter den Einfluss Jesu. Er hat auch Gewissheit gehabt von Gott, aber nicht nur am Anfang, sondern sie wurde immer größer selbst in den Schwierigkeiten, selbst im Tod. Er ist auch ein Held gewesen, aber nicht einer von denen, die am Morgen laut schreiend in die Schlacht stürzen, um dann in der Dämmerung kleinlaut und ohne Waffen wieder zurückzukehren, sondern er hat gekämpft und hat es gewonnen. In ihm war auch ein Feuer, wie es heute stärker oder schwächer in euch brennt, aber es war kein Strohfeuer und kein Raketenfeuer, sondern eine stille, ruhige, leidenschaftliche Flamme. Seht, so soll es bei euch auch werden. Das heißt Gewissheit. Verliert dieses Bild Jesu nie aus den Augen, dann habt ihr etwas, was standhält, wenn die Menschen um euch herum hin- und herreden, wenn eure Lebensschicksale unsicher und bedrohlich werden, wenn eure eigenen Gedanken ins Wanken kommen. Haltet euch an diese Gewissheit, die hoch über euch steht wie der Polarstern über dem Haupt des Seefahrers! Dass Jesus unerschütterlich war, das soll euer unerschütterlicher Grund sein. Dass sein Geist gewiss war, das kann und wird auch euren Geist immer wieder gewiss machen.

Meine lieben jungen Freunde! Wenn ihr das Alles bei Gott sucht: ein reines Herz, einen neuen Geist, einen gewissen Geist, und wenn ihr das an dem rechten Ort sucht, nämlich bei Jesus, durch den Gott an uns arbeitet, dann habt ihr den ernsten Willen, den Gott von euch fordert. Seht, das ist das Geheimnis des Lebens, dass Gott uns das schenkt, was er von uns fordert. Wir müssen bloß lernen, uns beschenken zu lassen. Wenn ihr angefangen habt, dieses Geheimnis zu verstehen, dann soll dieser ernste Tag ein Freudentag für euch sein, von dem ein Segen ausgeht auf euer ganzes Leben. Dann dürfen eure lieben Eltern, auch die, die heute nicht mehr auf dieser Erde sind, ruhig und getrost auf ihre groß gewordenen Kinder blicken in dem Vertrauen, dass euch nichts fehlen wird, dann darf ich, meine lieben Konfirmanden, euch heute fröhlich ziehen lassen aus meiner Unter|136weisung hinaus in die größere und bessere Unterweisung, die euch das Leben geben wird. Und ihr dürft euch auf diese Unterweisung freuen.

Sachfußnoten

1
Nach damaliger aargauischer Gepflogenheit fand die Konfirmation am Karfreitag statt. Begründet wurde dies damit, dass an diesem Tag oder am folgenden Ostertag der erste Gang zum Abendmahl stattfinden konnte und sollte. ↩
2
Aus Strophe 6 des Chorals «Gott ist gegenwärtig» von G. Tersteegen (GERS 174; EG 165; RG 162 [dort Strophe 5]) 🎵:
Du durchdringest alles; / lass Dein schönstes Lichte, / Herr, berühren mein Gesichte.
Wie die zarten Blumen / willig sich entfalten / und der Sonne stillehalten,
lass mich so / still und froh / deine Strahlen fassen / und dich wirken lassen.
↩