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        <title type="volume" n="vol-56">Predigten 1912</title>
        <title type="content">Predigt: Lukas 24,5-6 (Ostern)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Lukas 24,5-6 (Ostern), 7. April 1912</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/56017 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1912, hrsg. v. Busch, Eberhard / Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2022, S. .</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1912</title>
          <title type="text">Predigt: Lukas 24,5-6 (Ostern)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2022</date>
          <!--position within a volume-->
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Lk 24,5-6 (Ostern), 7. April 1912. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1551">KBA 1087</ref>. </bibl>
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          <term>sermon</term>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1912-04-07">7. April 1912</date>
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                        <term ref="kbga-terms-274">Ostern</term>
                    </head>
            <epigraph>
            <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.24.5 Lk.24.6">Lukas 24,5–6</ref>
                 <quote>
                                Was suchet ihr den Lebendigen bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden!
                            </quote>
                        </cit>
            </epigraph>
            <salute>Liebe Gemeinde!</salute>
          </div>
          <div type="main">
              <p>Was die <term ref="kbga-terms-272">Jünger</term> und Freunde Jesu am Ostermorgen und in der darauf folgenden Zeit erlebt haben, das war die <hi rend="italic">Erlösung</hi> von einem schweren und verhängnisvollen <hi rend="italic">Irrtum</hi>. Sie suchten den Lebendigen bei den Toten. Als das erste Entsetzen über die furchtbaren Ereignisse des <term ref="kbga-terms-1411">Karfreitags</term> und der erste heiße Schmerz über den <term ref="kbga-terms-129">Tod</term> ihres Meisters vorbei waren, da begannen sie, sich <hi rend="italic">abzufinden</hi> mit der Tatsache, dass nun Alles aus, dass Jesus ihnen genommen sei. Sie hielten zunächst den <term ref="kbga-terms-1577">Sabbat</term>, wie sie es als fromme Juden zu tun gewohnt waren, sie waren traurig über das Geschehene, sie sprachen Alles noch einmal miteinander durch, wie es gekommen war, sie bereiteten Salbe und Spezereien, um dem Leichnam ihres Herrn noch etwas Liebes zu erweisen, sie gingen hinaus, um ihn und sein Grab noch einmal stumm zu besehen, sie waren noch einmal beieinander, bei verrammelten Türen, aus Furcht vor den Juden; dann kehrten einige von ihnen bereits zurück nach <placeName ref="kbga-places-780">Galiläa</placeName>, an den <placeName ref="kbga-places-947">See Genezareth</placeName>, um dort ihr Fischerhandwerk wieder aufzunehmen, von dem sie Jesus seiner Zeit weggerufen hatte. Die Zeit ging weiter, die Wunde begann langsam zu vernarben. Es ist eine große Wohltat, dass die Zeit weitergeht nach solchen schmerzlichen Ereignissen, es ist natürlich und recht, dass die Wunden, die sie uns geschlagen, vernarben können. |</p>
              <p>Aber es stellt sich auch leicht ein großer Irrtum und ein schweres Unrecht ein bei diesem Vorgang. Abfinden sollen wir uns nicht mit solchen Ereignissen und Verlusten. Abschiedsstimmung ist nicht die rechte in solchen Augenblicken und Zeiten. Weder sollen wir jammernd dastehen und zurückblicken auf das, was nicht wieder kommt, noch sollen wir sagen: es ist einmal so!<note xml:id="n01">
                            <p> Aufgreifen einer aargauischen Redensart: «es isch eifach-e-so».</p>
                        </note>, um uns dann wieder ins Leben <pb xml:id="p138" ed="pga"/> zu begeben, wie wenn nichts geschehen wäre. Sondern wir sollen solche Ereignisse und Verluste zu uns reden, wir sollen sie auf uns wirken lassen, und das umso mehr, je größer und schmerzlicher sie uns gewesen sind. Wir sollen den <term ref="kbga-terms-1578">Schmerz</term> rein und tief in uns aufnehmen, damit das Größere in uns geboren werden kann, das Gott durch den Schmerz in uns schaffen will. Wir sollen nicht als die alten, sondern als erneuerte Menschen weiter gehen von solchen Erlebnissen aus. Darin fehlen wir oft. Darin fehlten auch die <term ref="kbga-terms-272">Jünger</term> Jesu nach seinem <term ref="kbga-terms-129">Tode</term>. Sie warteten nicht auf das Größere, das aus diesem Verlust ihnen erwachsen sollte. Sie spürten nichts von einer Verwandlung, die der Gedanke an den Tod ihres Herrn in ihnen hätte bewirken müssen. Sie blieben die Alten. Sie taten, was man eben tut, wenn jemand gestorben ist: sie vergossen Tränen, sie redeten darüber, sie gingen auf das Grab und dann nach und nach jeder wieder an seine Sache. Sie hielten das Werk Jesu für beendigt, sie dachten und redeten von ihm als von einem, der gelebt <hi rend="italic">hat</hi>, sie suchten ihn bei den Toten, um ihn zu betrauern, zu ehren und dann nach und nach aus ihren Gedanken entschwinden zu lassen, wie es eben den meisten Toten geht. Wie traurig, wenn sie dabei geblieben wären! Wie müssten wir diese Leute bedauern, die das Größte und Schönste miterleben durften, das <term ref="kbga-terms-1434">Leben</term> und Sterben Jesu, und denen dann doch nichts übrig blieb als einige Tränen und ein Grab als Erinnerungsstätte und der Gedanke: es <hi rend="italic">war</hi> einmal! Aber wir hätten gar keinen Anlass, sie zu bedauern. Denn wenn jene Leute dabei geblieben wären, Jesus bei den Toten zu suchen, dann wüssten wir heute sicher nichts von Jesus als vielleicht die Kunde von einem Religionsstifter, Lehrer und Wundertäter des fernen Altertums, der ein Jahr lang Aufsehen erregt habe und dann ans <term ref="kbga-terms-129">Kreuz</term> gehängt worden sei. Wir dürfen uns nicht ausmalen, was wir dann wären, wir und die <term ref="kbga-terms-1579">europäische Kulturwelt</term>, in der wir leben. Schulen und Eisenbahnen und Maschinen hätten wir vielleicht auch dann, warum nicht? Die heutigen Chinesen haben <hi rend="italic">diese</hi> Dinge auch. Aber wir können gerade an ihnen sehen, wie das ist, wenn die Hauptsache an der <term ref="kbga-terms-1184">Kultur</term> fehlt, das Lebendige, Menschliche, die Liebe und die Hoffnung, die unsre Welt im Innersten zusammenhält.<note xml:id="n02">
                            <p> Vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-647">
                                    <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust. Der Tragödie erster Teil</hi>, V. 382–385 (Szene Nacht)</bibl>: 
                  <q rend="block">
                                    <lg>
                      <l>Dass ich erkenne, was die Welt</l> 
                      <l>Im Innersten zusammenhält,</l> 
                      <l>Schau alle Wirkenskraft und Samen,</l> 
                      <l>Und tu nicht mehr in Worten kramen.</l>
                                    </lg>
                                </q>
                            </p>
                        </note> Gerade <pb xml:id="p139" ed="pga"/> das, was das Leben erst zum wirklichen Leben, die Kultur erst zur wirklichen Kultur macht, müssten wir uns hinwegdenken, wenn die Jünger Jesu in jenen entscheidenden Tagen nach seinem Tode in dem Irrtum befangen geblieben wären, ihn als einen Toten zu den Toten zu rechnen. Das wäre der folgenschwerste Irrtum der Weltgeschichte geworden. – |</p>
              <p>Aber Gott hat in jenen <term ref="kbga-terms-274">Ostertagen</term> sie und uns von diesem Irrtum und seinen Folgen befreit. Er wollte nicht, dass das <term ref="kbga-terms-1434">Leben Jesu</term>, seine Botschaft und sein <term ref="kbga-terms-129">Sterben</term> umsonst geschehen seien. Er wollte den <term ref="kbga-terms-1051">Segen</term> ausschütten über die <term ref="kbga-terms-402">Menschheit</term>, der darin verborgen und nun scheinbar mit ihm ins Grab gelegt war. Darum hat er an jene <term ref="kbga-terms-272">Jünger</term> die ahnungsvolle Frage gerichtet: <hi rend="italic">Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten?</hi>Was steht ihr traurig und blickt nach rückwärts? Und was geht ihr gleichgiltig weiter, wie wenn nichts geschehen wäre? Und dann hat er ihnen die Antwort selbst gegeben und hat sie ihnen zur eigenen, selbsterlebten Gewissheit werden lassen: <hi rend="italic">Er ist nicht hier, er ist auferstanden!</hi> Es ist nicht aus mit Jesus, sondern er ist wirksamer als je zuvor. Er ist nicht im Grab, sondern er redet mit uns und leitet uns deutlicher und mächtiger als vorher. Wir wollen keine Erörterungen darüber anstellen, wie jene ahnungsvolle Frage und diese siegreiche Antwort in den Jüngern entstanden ist. Ihr wisst, was in der Bibel, in den Evangelien darüber berichtet wird: dass die Jünger Jesu, zuerst die Frauen, sein Grab leer fanden, dass es von Engeln bewacht war, die ihnen Mut zusprachen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.16.1 Mk.16.6">Mk. 16,1–6</ref>], dass ihnen dann Jesus selbst begegnete, dass sie wieder mit ihm reden konnten wie vorher und doch nicht wie vorher [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.21.1 Joh.21.13">Joh. 21,1–13</ref>]: bald sahen sie ihn vor sich, bald verschwand er wieder in unerklärlicher Weise [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.24.31">Lk. 24,31</ref>], bald sagt er zu <persName ref="kbga-actors-3001">Thomas</persName>: Lege deine Hand in meine Seite! [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.20.27">Joh. 20,27</ref>] und bald zu <persName ref="kbga-actors-3702">Maria Magdalena</persName>: Rühre mich nicht an! [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.20.17">Joh. 20,17</ref>] Sie sehen und erkennen ihn auch nicht auf einmal und nicht ein für allemal, sondern ihre Überzeugung muss langsam wachsen durch mehrere Wochen hindurch, erst in <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> und Umgebung, dann am See in <placeName ref="kbga-places-780">Galiläa</placeName> [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.28.10">Mt. 28,10</ref>], dann, wie es scheint, wieder in Jerusalem [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.28.14">Mt. 28,14</ref>]. Es ist sehr schwer, genau festzustellen, was dort im Einzelnen geschehen ist, sehr schwer, die verschiedenen Angaben zusammenzureimen, sehr schwer, auf alle die Fragen, die sich einem beim Lesen dieser Erzählungen auf die Lippen drängen, befriedigende <pb xml:id="p140" ed="pga"/> Antwort zu geben. Wie ein Nebel über einer Landschaft, so liegt für uns das Geheimnis über den Ereignissen jener Osterwochen. Ist die Tatsache: er ist erstanden! zu verstehen als ein leiblicher, äußerer, greifbarer Vorgang, den man beobachten konnte, wie wir hier einander mit unsern Augen sehen, oder als ein inneres Erlebnis der <term ref="kbga-terms-272">Jünger</term> nach der Art der Gesichte, die die <term ref="kbga-terms-426">Propheten</term> des alten <term ref="kbga-terms-751">Bundes</term> hatten, über das sie später nur stammelnd und überschwänglich Bericht erstatten konnten? Man sollte sich wohl hüten, schnell schnell das eine als die gläubige und das andre als die ungläubige Ansicht zu begreifen. Es haben gläubige und tiefdenkende Christen die eine wie die andre vertreten, es lassen sich auch in der <term ref="kbga-terms-110">Bibel</term> selbst Anhaltspunkte für die eine wie für die andre finden. Aber das ist nicht die Hauptsache, dass wir uns für diese oder jene Ansicht entscheiden, die wir <hi rend="italic">Menschen</hi> von der <term ref="kbga-terms-393">Auferstehung</term> haben können, sondern dass wir uns vertiefen in das, was <hi rend="italic">Gott</hi> dort getan hat, in die Tatsache der Auferstehung selbst, habe sie sich vollzogen, wie sie wolle. <hi rend="italic">Das</hi> ragt wie ein Berg über allen Nebel, über alles Geheimnis empor, das ist über alle Fragen und Bedenken erhaben, dass die Jünger Jesu an jenem Ostermorgen anfingen, sich zu verwandeln, dass sie zu ihrem gekreuzigten Herrn und Meister in ein ganz neues Verhältnis traten und dass sie anfingen, in diesem neuen Verhältnis zu ihm selbst <term ref="kbga-terms-1576">neue Menschen</term> zu werden. Sie kamen zurück, Gott brachte sie zurück von ihrem Irrtum, als ob es damit aus sei, dass sie Jesus hatten ins Grab legen sehen, als ob es jetzt nichts mehr gebe, als zu weinen, das Grab zu beschauen und dann zurückzukehren in den Alltag, zum <term ref="kbga-terms-1463">Geldverdienen</term> und zu dem bisschen <term ref="kbga-terms-1458">Freude</term>, das das <term ref="kbga-terms-56">Leben</term> ihnen immer noch bringen konnte. Dieser Irrtum wurde ihnen durch Gott in jenen Osterwochen verscheucht wie ein böser Nachtspuk. Die Sonne ging wieder auf. Das Bild des Herrn Jesus, das ihnen am <term ref="kbga-terms-1411">Karfreitag</term> in Nacht und Dunkel verschwunden war, trat wieder hell und freundlich vor ihre Augen, aber jetzt in höherer, in göttlicher Gestalt, geheiligt und verklärt gerade durch das, was sie am Karfreitag miterlebt hatten. Das Größere, das in dem Schmerz, in dem Verlust verborgen war, den sie erlitten hatten, stellte sich heraus. Sie hörten jetzt das Wort, das Gott im <term ref="kbga-terms-129">Kreuze Christi</term> zu ihnen geredet hatte, sie spürten die Wirkung, die von diesem Kreuze ausging. Wie klein, wie gewöhnlich, wie unheilig und unwürdig erschienen ihnen jetzt die Gedanken und Stimmungen, denen sie sich <pb xml:id="p141" ed="pga"/> vorher hingegeben hatten! Jetzt konnten sie den Tod Jesu nicht mehr als einen Verlust betrachten, über den man bloß trauern kann und mit dem man sich abzufinden suchen muss. Jetzt wurde ihnen gerade dieser Verlust zum höchsten Gewinn. Sie erkannten in ihrem gekreuzigten Meister deutlicher als vorher in dem sichtbar unter ihnen weilenden den <term ref="kbga-terms-1580">Knecht Gottes</term>, der uns den Weg ins <term ref="kbga-terms-726">ewige Leben</term> vorangegangen ist. Angesichts dieses Todes konnten sie nicht seufzen: es ist einmal so!, sondern sie mussten jubeln: Gott sei Dank, dass es so ist! Gott sei Dank für den Sieg, der da erfochten worden ist! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.15.57">1.Kor. 15,57</ref>] Jetzt war es für sie auch vorbei mit der Abschiedsstimmung. Nicht Abschied von ihm, nein, vollendete Gemeinschaft mit ihm, <hi rend="italic">das</hi> war jetzt ihr Gedanke und ihr Gefühl geworden. Jetzt wurden ihnen seine Worte wieder deutlich und verständlich, die er zu ihnen geredet vom <term ref="kbga-terms-434">Reiche Gottes</term>, das mitten unter sie gekommen sei [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.17.21">Lk. 17,21</ref>], von der <term ref="kbga-terms-757">Nachfolge</term> und von der Selbstverleugnung, vom Samenkorn, das in die Erde gelegt wird und sterben muss, um Frucht zu bringen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.12.24">Joh. 12,24</ref>], und so Manches andre. In dem Licht, das vom Kreuz ausging, wurden ihnen das Lebensworte. Jetzt empfanden sie erst die <term ref="kbga-terms-999">Kraft</term>, die von ihm ausgegangen war, die Kraft seines Willens und seiner Liebe, die sie so oft an ihm bewundert hatten und die doch ebenso oft an ihnen abgeglitten war, ohne in sie einzudringen. Jetzt nahmen sie sie in sich auf, jetzt wurde sie ihr Eigentum. Denn am <term ref="kbga-terms-1411">Karfreitag</term> war diese Kraft, die in Jesus war, mächtig geworden in einer Weise, dass sie ihr nicht mehr widerstehen konnten. Jetzt lernten sie nicht bloß nachsprechen, sondern nachbeten, was Jesus ihnen vorgebetet hatte: Dein Reich komme! Dein Wille geschehe! [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.10">Mt. 6,10</ref>] Dass <term ref="kbga-terms-1037">Gottes Herrschaft</term> in der <term ref="kbga-terms-378">Welt</term> begonnen habe und immer gewaltiger werden müsse, das wurde nun ihre felsenfeste Zuversicht und ihre glühende Sehnsucht. |</p>
              <p>Und darum legten sie jetzt ihren Willen wie ein Instrument in Gottes Hand, damit er mit ihnen schalte und walte nach seinem Wohlgefallen. Denn in den Todesseufzern ihres Meisters hatten sie das Rauschen einer neuen, bessern Welt vernommen, die herbeikommen will, und in seinem letzten Gebet hatten sie verstehen gelernt, was das heißen will, sich Gott zur Verfügung zu stellen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.23.46">Lk. 23,46</ref>]. Sie erfuhren an sich die Erfüllung jenes Gebetswortes, das ich euch, liebe Konfirmanden, vorgestern mit auf den Lebensweg gegeben habe: <pb xml:id="p142" ed="pga"/> Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, gewissen Geist! Ja, das hatte Gott durch den gekreuzigten Jesus in ihnen geschaffen. Sie dachten an ihn nicht als die «trauernden Hinterbliebenen», sondern der Gekreuzigte stand vor ihnen als der Auferstandene und zog sie machtvoll nach sich, mit ihm seinen Weg zu gehen. Jesus lebt! Sie waren dessen sicher, weil er sie selber lebendig gemacht hatte. <hi rend="italic">Das</hi> war das Werk Gottes, das am <term ref="kbga-terms-274">Ostermorgen</term> anfing, und <hi rend="italic">das</hi> war die <term ref="kbga-terms-393">Auferstehung Jesu</term> von den Toten.</p>
              <p>Und das ist nun auch die Osterbotschaft, die <hi rend="italic">wir</hi> heute verkündigen und hören dürfen. <hi rend="italic">Was suchet ihr den Lebendigen bei den Toten? Er ist nicht hier, er ist auferstanden!</hi> An dieser freudigen Tatsache, die die Jünger Jesu zuerst erlebt haben, dürfen wir teilhaben. Ja, liebe Freunde, wir haben Jesus Christus auch oft genug bei den Toten gesucht. Wir haben ihn am falschen Ort gesucht, wir stellen uns zu ihm auf eine Weise, die so recht jenem Irrtum der Jünger gleicht, als ob es nun aus sei. Wir stellen uns zu ihm, als wäre <term ref="kbga-terms-1434">sein Leben</term> und <term ref="kbga-terms-129">Sterben</term> eine schöne Geschichte aus <hi rend="italic">alter, vergangener Zeit</hi>. Da gleichen wir den Jüngern, die nichts wussten, als traurig miteinander zu reden, wie schön es gewesen und dass nun Alles vorüber sei. O es gibt so viele Christen, die es so machen. Der Name Jesus Christus macht sie wehmütig. Sie denken zurück an ihre eigene Jugend- und Unterweisungszeit und an die Eindrücke und Anregungen, die sie da empfangen haben, die aber leider durch das Leben wieder verwischt und undeutlich gemacht worden sind. O da musst du ihn nicht suchen, wenn du ihn wieder kennenlernen willst. Christus ist nicht hier, er ist auferstanden! Christus ist nicht eine schöne Jugenderinnerung, du begegnest ihm nicht in deiner Vergangenheit! Mühe dich nicht ab damit, künstlich wieder ein Kind zu werden! In deiner Gegenwart und Zukunft begegnest du ihm. Wenn du ihn vergessen und verloren hast, so war das vielleicht auch so ein Karfreitag, der dazu dienen musste, seine Schönheit und Größe nun viel lebendiger vor dir erstehen zu lassen. Ergreife ihn, den Jesus deiner Kindheit, so, wie er <hi rend="italic">jetzt</hi> vor dich hintritt mit all dem Herrlichen, was er einem Männer- und Frauenleben zu geben vermag. Sei nicht wehmütig, sondern fröhlich! Blicke nicht zurück, sondern vorwärts! Lerne den <term ref="kbga-terms-1582">lebendigen Christus</term> kennen! |</p>
              <p>Und wie Viele in ihre eigene Vergangenheit blicken, so blicken viele Andre wehmütig und zum Klagen geneigt in die <term ref="kbga-terms-1449">Vergangenheit</term> der <pb xml:id="p143" ed="pga"/> <term ref="kbga-terms-402">Menschheit</term>, in die gute, alte Zeit, wo die Leute noch fromm waren und in die Kirche gingen. Ach, dass es noch wie damals wär, doch kommt die schöne Zeit nicht wieder her!<note xml:id="n03">
                            <p> Zitiert sind die Schlusszeilen der achten und letzten Strophe des Gedichts «Die Heinzelmännchen» (1836) von <persName ref="kbga-actors-9008">A. Kopisch</persName> (in: <bibl corresp="kbga-bibls-1820">
                                    <hi rend="italic">Gedichte von August Kopisch</hi>, ausgewählt und eingel. von Fr. Brümmer, Leipzig o. J., S. 249–251, dort S. 251</bibl>).</p>
                        </note> So denken und sagen sie. O, ihr Kleingläubigen! Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten? Was klammert ihr euch an die alte Zeit und an das, was <hi rend="italic">ihr</hi> gerade für <term ref="kbga-terms-457">Frömmigkeit</term> und <term ref="kbga-terms-807">Christentum</term> haltet? Jesus ist größer als ihr denkt! Während ihr zu seinem Grab lauft, ist er auferstanden, er ist längst weiter! Seht einmal hinaus in die <term ref="kbga-terms-378">Welt</term>, aber legt eure schwarze Brille einen Augenblick ab! Ja, es ist wahr, es steht manche Kirche leer oder halbleer heutzutage. Aber wer heißt uns denn, Christus nur in der Kirche oder in der Versammlung<note xml:id="n04">
                            <p> «Versammlung» meint die neben dem oder im Gegenüber zum Gemeindegottesdienst stattfindende Versammlung der pietistischen Gemeinschaft.</p>
                        </note> zu suchen? Seht, er wird heute auf den Gassen gepredigt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Spr.1.20">Spr. 1,20</ref><note xml:id="n05">
                            <p> Das in Anlehnung an diesen Vers (nach dem unrevidierten Luthertext) gebildete Wort von der «Weisheit auf der Gasse» wurde prägnant verwendet von <persName ref="kbga-actors-306">Friedrich Christoph Oetinger</persName> (1702–1782): «Bey dem Lehren der heil[igen] Schrift soll man auch immer die Logik und Metaphysik anbringen, aber aus der heil[igen] Schrift selbst und aus der Weisheit auf der Gasse zugleich» (<bibl corresp="kbga-bibls-1821">
                                    <hi rend="italic">Des Württembergischen Prälaten Friedrich Christoph Oetinger Selbstbiographie</hi>, hrsg. von J. Hamberger, Stuttgart 1845, S. 76</bibl>; vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-1822">Fr. Chr. Oetinger, <hi rend="italic">Die Weisheit auf der Gasse</hi>, hrsg. von J. Roesle [Zeugnisse der Schwabenväter, Bd. 2], Metzingen 1962</bibl>).</p>
                        </note>]: von den Dichtern und von den Philosophen, von den Naturforschern und von den <term ref="kbga-terms-1599">Sozialdemokraten</term>. Ja, es ist wahr, man redet heutzutage vielfach in neuen Ausdrücken von ihm, in andern, als ihr gewohnt seid, man entdeckt Seiten an ihm, die ihr nicht gekannt habt und die euch jetzt vielleicht erschrecken. Aber ist denn das nicht gerade ein Zeichen dafür, dass er lebendig ist und unerforschlich und für alle Zeiten, für alle ernsthaft strebenden Menschen unentbehrlich? Sollten wir uns nicht vielmehr freuen darüber, statt zu klagen? Wollen wir nicht lieber, statt sitzen zu bleiben und rückwärts zu blicken, mitgehen und zu hören versuchen, was uns der auferstandene, der moderne, der <term ref="kbga-terms-1581">gegenwärtige Jesus</term> zu sagen hat, der doch kein Anderer ist als der alte Christus, gestern und heute derselbe und in Ewigkeit! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.13.8">Hebr. 13,8</ref>] |</p>
              <p><pb xml:id="p144" ed="pga"/> Dann gibt es andere Christen, die nehmen es ernst genug mit der Verehrung Jesu, aber ihre Verehrung gleicht der der <term ref="kbga-terms-272">Jünger</term>, die pietätvoll mit Salben und Spezereien <hi rend="italic">zu seinem Grab</hi> wallfahrteten, um seinen Leichnam einzubalsamieren und nachzusehen, ob Alles schön in Ordnung sei. Wir haben eben eigentlich auch schon von ihnen geredet. Auch für sie ist Christus im Grunde ein Begrabener, nicht ein Lebendiger. Er ist begraben zwischen den zwei Deckeln eines schwarzen Buches. O wenn sie doch das schwarze Buch, die <term ref="kbga-terms-110">Bibel</term>, aufmachen und sie sagen lassen wollten, was sie wirklich sagt! Aber sie haben diesen freien, luftigen Wald voll treibender und sprossender Bäume in ein Gefängnis verwandelt, und da halten sie nun Jesus eingeschlossen mit ihren kleinen, engen Begriffen. Hier ist Christus! So muss er sein! So muss man von ihm denken! Nein, Christus ist nicht hier, er ist <term ref="kbga-terms-393">auferstanden</term>. Man kann ihn nicht einschließen in Worte und Begriffe, nicht in Kirchenmauern und Kapellenmauern. Er zersprengt das Alles. Die Gräber sind ihm zu eng. Wer ihn ehren will, der darf ihn nicht vorher einschließen, um dann zu sagen: dort ist sein Grab, wo wir ihn niederlegten, dort ist er, so muss er sein, der mein Erlöser ist. Sondern wer ihn ehren will, der muss demütig darauf warten, dass Christus sich ihm offenbare als der <term ref="kbga-terms-1582">Lebendige</term>, wie es jenen Jüngern widerfahren ist. Und dann wird er auch die Salben und Spezereien zu Hause lassen, nämlich all das Künstliche, Erzwungene, Geschraubte, Selbstgemachte, das wir so oft für Verehrung Jesu halten. Als die Jünger Jesu den Auferstandenen gesehen hatten, da mussten sie gewiss lächeln über ihre Balsamierungsgerätschaften, die sie mitgebracht, um ihm Ehre anzutun. Und so sollten wir von Zeit zu Zeit recht in Erstaunen geraten über all die gesalbten Redensarten, über all den Zwang, den wir uns und andern antun, über die unnatürlichen Regeln über das, was wir «christlich» und «nicht-christlich» nennen, und mit denen wir die Leute plagen. Halten wir denn wirklich Jesus für einen Begrabenen und merken wir nicht, dass wir zu spät kommen mit solchen Bemühungen, weil er lebendig ist, weil er nicht unsre kleinen Gedanken und Lebensregeln von uns will, sondern uns selbst, unser Herz und unsern Willen, wie er dort das Herz und den Willen der Jünger in seinen Dienst gestellt hat?! Was sucht ihr den Lebendigen bei den Toten. Er richtet sich nicht nach uns, sondern wir müssen uns nach ihm richten.</p>
              <p><pb xml:id="p145" ed="pga"/> Und nun noch ein Wort von den Vielen, Vielen, die zwar auch einen gewissen Respekt vor Jesus empfinden und betätigen. Aber sie halten es damit wie jene <term ref="kbga-terms-272">Jünger</term>, die sich, als die ersten Eindrücke des <term ref="kbga-terms-1411">Karfreitags</term> vorüber waren, wieder an ihr <hi rend="italic">Handwerk nach <placeName ref="kbga-places-780">Galiläa</placeName></hi> zurückbegeben wollten, als wäre nichts geschehen. Jesus ist ja tot, und man muss weiter gelebt haben. Das ist eine böse Sache, wenn einer tut, als wäre nichts geschehen, nachdem er einmal das <term ref="kbga-terms-129">Kreuz Christi</term> gesehen hat. Das ist eine böse Sache, wenn er dann einfach weiterdenkt: jetzt wieder <term ref="kbga-terms-1463">Geldverdienen</term> und ein bisschen <term ref="kbga-terms-1511">Vergnügen</term> dabei, selbst dann, wenn er vorher auch etwas getrauert hat und auch etwas am<note place="footnote" n="a" type="textcritical" xml:id="na">
                            <ref corresp="A">Mskr.</ref>: «ans».</note> Grab gestanden ist, selbst dann, wenn er auch von Zeit zu Zeit in die Kirche oder Versammlung geht. Nein, meine Freunde, vom Kreuze Christi her kann man nicht einfach weitergehen in die <term ref="kbga-terms-378">Welt</term> hinein, in die Welt zurück. Das heißt tun, als ob Jesus tot wäre. Er ist aber auferstanden. Wir haben ihn in seinem Kreuz kennengelernt als den <term ref="kbga-terms-1582">Lebendigen</term>. Nun wollen wir lebendig bleiben, die er lebendig gemacht hat. Ja, wir Alle müssen nun aus dieser Festzeit wieder zurückkehren an die Geschäfte unsres <term ref="kbga-terms-1461">Berufs</term>. Aber das soll nicht heißen, dass Jesus hinter uns zurückbleibt. Wir wollen als <term ref="kbga-terms-1576">erneuerte Menschen</term> zurückkehren ins <term ref="kbga-terms-56">Leben</term>, berührt, angefasst, erfüllt von den Worten, von der <term ref="kbga-terms-999">Kraft</term>, von dem <term ref="kbga-terms-90">Gebet</term> des <term ref="kbga-terms-393">Auferstandenen</term>. |</p>
              <p>Es sollte am heiligen <term ref="kbga-terms-69">Abendmahl</term>, das wir nachher feiern, Keiner teilnehmen, ohne es verlassen zu können in dem klaren Bewusstsein: Jesus lebt und geht nun mit mir! Das wünsche ich vor Allem euch, meine lieben Konfirmanden, die ihr heute zum ersten Mal diese gedankenvolle Feier mit uns begehen sollt. Ja, geht nur tapfer hinein ins Leben! Aber das Kreuz Christi, der vorgestrige Tag soll nicht hinter euch zurückbleiben, sondern es soll euch auf jedem Schritt das Bild dessen begleiten, der uns in seinem Tode das offenbart hat, was ein Menschenleben erst schön machen kann.</p>
              <p>Und in dieser Begleitung wollen wir Alle, liebe Freunde, die Alten und die Jungen, vorwärtsgehen!</p>
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          <div type="closer">
              <salute>Amen.</salute>
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