14. April 1912

Predigt: 1 Petrus 3,19-20

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1. Petrus 3,19–20
Christus ist im Geiste hingegangen und hat den Geistern im Gefängnis gepredigt, die ehemals ungehorsam gewesen.
Liebe Zuhörer!

In der verlesenen Bibelstelle ist ein Gedanke ausgesprochen, dessen sich die Ältern von Euch sehr wahrscheinlich aus ihrem religiösen Jugendunterricht erinnern werden, der aber heutzutage um seiner Merkwürdigkeit willen in der christlichen Verkündigung wenig oder gar nicht mehr berührt wird, nämlich die Lehre von der sogenannten Höllenfahrt Jesu.1 Sie ist außer an dieser Stelle des ersten Petrusbriefs nur noch an einigen wenigen andern Orten des neuen Testamentes und auch dort nur andeutungsweise erwähnt. Dagegen heißt es in dem sicher Vielen von euch bekannten sogenannten apostolischen Glaubensbekenntnis ausdrücklich: Christus ist gestorben, begraben, niedergefahren zur Unterwelt, am dritten Tage wieder auferstanden von den Toten … Und dieser Zusammenhang mit der Auferstehung gibt mir den Anlass, heute, am Sonntag nach Ostern, einmal auf diese eigentümliche Lehre zu reden zu kommen. Sie sagt also: Christus sei in der Zeit zwischen seinem Tod und seiner Auferstehung im Geiste zur Unterwelt hinabgestiegen, an den Ort, wo sich die verlorenen Seelen der vergangenen Zeiten befanden, die Seelen derer, die gesündigt hatten und gestorben waren, bevor er auf die Welt gekommen, um den Menschen die Erlösung zu bringen, zu den «Geistern im Gefängnis», wie unser Text sagt, die ehemals ungehorsam gewesen. Und da habe er, um sein Amt nun vollständig auszuführen, auch ihnen das Evangelium vom Reiche Gottes verkündigt und ihnen so den Weg zum Leben eröffnet. |

147 Das ist nun in der Tat eine sehr merkwürdige Vorstellung. Sie erinnert uns wie auch manche andre in der Bibel an die Denkweise alter Zeiten, die nicht mehr die unsrige ist. Denn da haben wir ganz deutlich jene kindliche Anschauung, als wäre die Welt ein Haus mit drei Stockwerken: Himmel, Erde und Hölle, zwischen denen Gott und die Menschen mit bedächtiger Schnelle aufwärts und abwärts wandeln, wie dies in den geistlichen Schauspielen des Mittelalters auf einer dreifachen Theaterbühne wirklich dargestellt wurde.2 Das ist für unsre Begriffe dann doch etwas zu einfach und phantasievoll. Aber auch das Leben nach dem Tod können wir uns nicht mehr so anschaulich als eine Fortsetzung dieses Lebens an einem andern Ort vorstellen, wo man wohnt und einander besucht und Predigten hält und anhört, wie wir es hier tun. Wir sind zurückhaltender geworden, bescheidener mit unsern Gedanken über diese Dinge, als es die Christen der frühern Jahrhunderte waren, wir überlassen die Erkenntnis dieser Sachen Gott und haben gar kein Verlangen danach, sie zu verstehen und uns auszumalen, weil wir erkannt haben, dass sie ihrer Natur nach alle unsre Begriffe übersteigen. Da ist es dann leicht begreiflich, dass wir heutzutage geneigt sind, über eine Vorstellung wie die von der Höllenfahrt Jesu den Kopf zu schütteln oder aber still darüber hinwegzugehen, zu etwas Anderem, was unserm Verständnis und unserm Interesse näher liegt. |

Ich möchte euch einladen, heute nun doch einen Augenblick dabei anzuhalten und darüber nachzudenken. Von dem Haus mit den drei Stockwerken und von der Predigt Jesu an die abgeschiedenen Seelen soll freilich nicht die Rede sei. Darüber habe ich nichts zu sagen. Aber wir wollen uns durch die merkwürdige Form dieses Gedankens nicht davon abschrecken lassen, dem Gedanken selbst auf die Spur zu kommen. Wie es in der Welt Gottes überhaupt im tiefsten Grund nichts Hässliches, nichts Naturwidriges gibt, so sehr uns Manches auf den |148 ersten Blick derartig berühren mag, weil es uns gegen den Strich geht, so gibt es auch in der Bibel nichts Sinnloses und Gedankenloses, so sehr uns manches Kindliche und Fremdartige darin an die Tatsache erinnert, dass sie in andrer Zeit von andren Menschen mit andrer Denkweise geschrieben worden ist. Wir wollen also nicht Erörterungen anstellen über diese andre Denkweise, der wir in der Bibel begegnen, und noch weniger uns darüber ärgern – das wäre sehr leicht und wohlfeil, aber auch sehr kindisch von uns –, sondern wir wollen durch die alte menschliche Denkweise hindurch vordringen zu den ewigen Gottesgedanken, die darin enthalten und ausgesprochen sind. Auch die sonderbarsten und altertümlichsten Vorstellungen können da oft wieder lebendig zu uns reden. a-Nur nichts verurteilen und wegwerfen! Verdirb es nicht, es liegt ein Segen drin!-a [Jes. 65,8]. So ist auch in der eigentümlichen Lehre von der Höllenfahrt Jesu, die in unserm Text ausgesprochen ist, ein schöner und bedeutungsvoller Gedanke enthalten, der geeignet ist, uns anzutreiben und aufzurichten. Wir wollen versuchen, ihn zu erkennen.

*   *   *

«Christus ist hingegangen und hat den Geistern im Gefängnis gepredigt.» Besinnen wir uns einmal über diesen Ausdruck: «Geister im Gefängnis». Da ist offenbar an Wesen gedacht, die durch ihre Anlage bestimmt waren zu einem freien, göttlichen, ewigen Leben. Sonst wären sie keine Geister. Aber sie sind im Gefängnis, sie sind gebunden, sie können nicht hingelangen zu dem Ziel, für das sie geschaffen sind. Sie sind von Gott entfernt wegen ihres Ungehorsams, und sie sind ungehorsam, weil das Licht der göttlichen Wahrheit sie noch nicht oder doch noch nicht völlig erreicht hat. Geister im Gefängnis! Wir denken beim Klang des Wortes unwillkürlich an etwa Großes, Edles, Lebendiges, das sich aber nicht entfalten kann, weil es durch finstere Mächte geknechtet ist. Wir sehen hohe, würdige Gestalten, aber die Augen sind ihnen verschlossen, und so tappen und irren sie im Dunkeln. Was sind das für Wesen? In unserm Text ist von den Menschen die Rede, die ehemals ungehorsam gewesen waren, ehemals, also zu Zeiten, da Christus noch nicht auf Erden erschienen war. Nachher wird dann als Beispiel sogar noch ausdrücklich das Menschenge|149schlecht genannt, das zur Zeit Noahs, ohne das Gesetz und das Evangelium zu kennen, an den Folgen der Sünde zu Grunde gegangen ist: Was ist’s mit ihnen, mit den Millionen und Milliarden, die in Irrtum und Finsternis gelebt haben und gestorben sind vor Christus? Was wollte Gott mit ihnen? Was wurde aus ihnen? Nichtwahr, das ist eine Frage, die sicher uns Alle schon einmal beschäftigt hat? Und wenn wir einmal angefangen haben, dann fragen wir ganz von selbst weiter. «Geister im Gefängnis», unerleuchtete und darum irrende Menschen gab es nicht nur zur Zeit Noahs, überhaupt nicht nur in den Zeiten vor Christus. Die Kunde von Jesus und seinem Leben und seiner frohen Botschaft hat sich so unendlich langsam verbreitet auf der Erde. Wir brauchen ja bloß einmal eine Weltkarte aufzuschlagen oder eine Nachbildung der Erdkugel zu betrachten, um zu erkennen, wie klein auch heute das Gebiet ist, das von ihr erreicht ist. In jeder Minute sterben in fernen Erdteilen Hunderte von unsresgleichen, die nie etwas von seinem Namen und von dem, was er gebracht hat, gehört haben. Unter all diesen unzähligen Unerreichten sind Viele mit einem heißen Verlangen nach Licht und Wahrheit, mit schönen, edlen, freundlichen Charakterzügen, Menschen, in denen gewaltige und gute Kräfte teils schlummern, teils wirksam sind, gerade wie wir das auch von so Vielen, die vor Christus gelebt haben, wissen, von den Propheten Israels, von den Philosophen Griechenlands, von Kong-Tse3 in China und von Buddha in Indien. Und von allen den Unzähligen, die wir «Heiden» zu nennen gewohnt sind, von allen ohne Ausnahme wissen wir, dass sie als Menschen für das Schöne, Gute, Göttliche jedenfalls bestimmt und veranlagt waren und sind. Sie hatten und haben Vernunft und Gewissen und Gefühl wie wir, es fehlt ihnen nicht an innerm Licht, nur ist es in den einen nicht angezündet und in den andern brennt es unter dem Scheffel [vgl. Mt. 5,15]. |

Was sollen wir von ihnen halten? Sie sind Geister im Gefängnis, müssen wir sagen, auch wenn sie selbst sich dessen nicht bewusst sind. Denn wir, die Jesus kennen, die wir etwas haben erfahren dürfen von der Kraft, die von ihm ausgeht, wir wissen, dass ihnen bei allem Guten, das sie haben mögen, die Hauptsache, die Vollkommenheit fehlt. Es ist |150 keine willkürliche Annahme, wenn wir das behaupten, sondern wir können auf ganz bestimmte Tatsachen in der Gesinnung und im Leben der alten Israeliten, Griechen und Römer so gut wie der modernen Inder und Chinesen die Hand legen und sagen: ihr mögt Manches haben: schöne Gedanken, weihevolle Gottesdienste, eine hohe Moral, aber hier fehlt euch die Liebe und die Reinheit und die Lebenszuversicht und die Tiefe, die wir in Jesus kennengelernt haben. Hier seid ihr noch Geister im Gefängnis, noch nicht im vollen Lichte Gottes, selbst wenn ihr Amos und Jesajas, Sokrates und Plato, Kong-Tse und Buddha heißt. |

Und was wir da von den Heiden und Juden sagen müssen, das gilt genauso von denen, die Jesus zwar kennen, aber nur unvollständig kennen, die von der Wirkung seines Geistes in der Welt zwar berührt sind, aber nur ungenügend berührt. Wie Viele heißen doch Christen, und die Wohltat Gottes in Christus ist an ihnen aus den verschiedensten Gründen verloren gegangen! Wie zahlreich und mannigfaltig sind doch die christlichen Geister im Gefängnis! Da könnte man die Kinderseelen nennen, die, nachdem sie kaum die Schwelle des Lebens überschritten oder schon vorher vom Tode wieder abgerufen worden sind. Fällt auch ein Strahl vom Lichte Gottes in die für unsre Augen vollkommene Dunkelheit solcher Eintagsseelchen? Da sind die Unzähligen, die durch ein schwerverständliches Geschick oder durch die Schuld ihrer Eltern als verkümmerte Geister zur Welt gekommen sind und nun dahinleben müssen, nicht wie Menschen, sondern wie Pflanzen oder Tiere und oft genug auf einer noch niedrigeren Stufe. Hat Christus auch für sie gelebt oder sind nicht auch sie in der Zahl der Geister im Gefängnis, die wohl als Menschen berufen und veranlagt, aber tatsächlich vom Leben in Gott wie abgeschnitten sind? |

Dann sind Andre, die haben wohl das Leben und die geistige Gesundheit, aber ihnen ist Jesus nie genügend, nie in rechter Weise bekannt geworden. Der Irrtum und die Trägheit andrer Menschen ist zwischen sie und das Licht Gottes in Jesus hineingetreten. Geister im Gefängnis sind die Bauern in Russland, denen von ihrer Kirche an Stelle des lebendigen Jesus nur das starre, tote, gespensterhafte Bild eines Gottmenschen gezeigt wird, den man nicht lieben und dem man nicht nachfolgen, sondern dem man nur abergläubische, halbheidnische Verehrung zollen kann. Geister im Gefängnis sind die Meisten |151 unsrer katholischen Mitchristen, weil die Kirche mit ihren Lehren und Einrichtungen ihre Aufmerksamkeit für sich in Anspruch nimmt, statt sie einfach und direkt auf Jesus und auf die Liebe Gottes hinzuweisen. Geister im Gefängnis sind zahllose Bewohner der Großstädte mitten in der Christenheit, ich denke besonders an die Arbeitermassen, die da von der Industrie zusammengeführt worden sind, ohne dass die Kirche und die religiösen Gemeinschaften es verstanden haben, auf ihre Lage, auf ihre Gedanken und Bestrebungen einzugehen und ihnen zu zeigen, dass der Heiland wirklich und wahrhaftig auch der Arbeiterheiland ist. Wieviel Entfremdung und Feindschaft hat das zur Folge gehabt! |

Und damit sind wir schon bei denen, die irgendwie aus Missverständnis Feinde Jesu geworden sind. Eine finstere Wand ist zwischen sie und den hineingetreten, in dem sich auch ihnen die hilfreiche Hand Gottes entgegenstreckte. Sie kamen unter den Einfluss irgend einer herrschenden Zeitströmung wie etwa des Materialismus, der vor 20 Jahren und in manchen Köpfen noch heute als die Weltanschauung der Gebildeten galt und gilt. Sie machten böse Erfahrungen mit solchen, die sich überzeugte Christen nannten – o wie häufig kommt das vor! Sie lernten das Christentum in einer veralteten, starr und widerspruchsvoll gewordenen Form kennen, gegen die sich ihr Denken und ihr Gewissen wehrte, und zwar sehr oft mit Recht. Sie fanden die Kirche auf Seiten der Ungerechtigkeit, auf Seiten der Weltmacht des Staates und der Geldmacht des Kapitalismus und verwarfen mit der Kirche auch Jesus, der doch zum Glück etwas ganz Andres ist als die Kirche. Kurzum, diese Geister begaben sich aus Missverständnis selbst ins Gefängnis, verschlossen sich die Augen und die Herzen vor der Herrlichkeit des Heilands und konnten sich nicht entwickeln und entfalten ins Reich Gottes hinein. |

Und dann gibt es noch Andre, die kennen Jesus und nennen sich seine Freunde, aber sie haben ihn nicht recht erkannt, sie haben nicht in die Tiefe seines Wesens hineingesehen. Vielleicht, dass sie sich einseitig einem Menschen oder einem Buch anvertraut haben, um ihn kennenzulernen. Sie haben sich ein Scheuleder aufsetzen lassen und wollen nun nichts mehr sehen und hören als das, wovon man ihnen gesagt hat: das ist Jesus! Vielleicht, dass sie sich selbst einen engen, kleinlichen Begriff von ihm zurechtgemacht, sich selbst in das Ge|152häuse eines unfrohen, zänkischen und bornierten Christentums hineinbegeben haben. Vielleicht aber auch, dass sie aus Oberflächlichkeit wichtige Seiten an ihm übersehen haben und darum den Glauben, die Liebe und die Hoffnung nicht besitzen, die sie als die Träger seines Namens besitzen sollten [vgl. 1.Kor. 13,13]. Auch das sind christliche Geister im Gefängnis, und wenn wir es uns recht überlegen, meine Freunde, müssen wir die Beobachtung machen, dass diese letzte Klasse ganz besonders groß ist, ja, dass am Ende wir selbst alle miteinander uns mitten unter diesen christlichen Geistern befinden, die Jesus wohl erkannt, aber noch lange nicht recht erkannt, die die wichtigsten Botschaften seines Lebens überhört und übersehen haben und die deshalb noch im Ungehorsam leben, als ob er für sie umsonst dagewesen sei. |

Seht, da wollen wir uns nun vor Allem fragen, was bei uns das Gefängnis ist, das Hindernis, die Schranke des Ungehorsams, die uns von ihm und von Gott trennt. Bei dem Einen mag es eine Leidenschaft sein und bei dem andern eine alte Gewohnheit, [bei] dem einen ein störriger Gedanke und bei dem andern ein unbeherrschtes Gefühl, bei dem einen die Übermacht seines Eigenwillens und bei dem andern das Gegenteil davon, ganz einfach die Trägheit. Aber immer ist es wirklich ein Gefängnis, in das wir unsern Geist, trotzdem wir Christen heißen und sein wollen, hineingesteckt haben. Und weil der Geist im Gefängnis ist, kann er nicht in der Freiheit, nicht bei Gott und in Gott sein. Wir spüren selbst die Trennung von ihm. Wir müssen uns selbst sagen, dass Christus noch nicht auf uns gewirkt hat, dass wir noch unbekehrt und unerlöst sind, dass das Heil uns noch verschlossen ist, so gut wie dem Geschlecht, das in der Sündflut untergegangen ist. Und wenn wir in diesem Augenblick sterben müssten, müssten wir über uns dasselbe Urteil aussprechen wie über jene Menschen: Verlorene Seelen! Arme Geister im Gefängnis!

Seht, wenn wir das unabsehbare Heer derer überblicken, von denen wir das sagen müssen, das Heer, zu dem wir selbst auch gehören, dann kann es uns eine rechte Freudenbotschaft werden, was uns unser Text und was uns die merkwürdige Lehre von der Höllenfahrt sagt: Christus ist im Geiste hingegangen und hat den Geistern im Gefängnis gepredigt. Wir wollen hervorheben: er ist im Geiste hingegangen. Das verbietet im Grunde bereits, den ganzen Gedanken wörtlich zu neh|153men und auszumalen. Es ist, wie wenn der, der diese Worte geschrieben hat, sich selbst schon dagegen hätte verwahren wollen. Alles Sonderbare an seinem Gedanken tritt von selbst zurück, wenn wir betonen: im Geiste. Was er uns sagen will, das ist: Es gibt eine für unsre Augen verborgene Wirkung Jesu auch auf die scheinbar verlorenen und verschlossenen Seelen, auch auf die Geister im Gefängnis. Ja, eine verborgene Wirkung! Das Sterben und Auferstehen Jesu war etwas Offenes, etwas, was man miterleben konnte. Und so gibt es Wirkungen Jesu in der Welt, die wir an uns selbst und Andern erleben und wahrnehmen können. Da freuen wir uns eines neuen Lebens, da reden wir von Bekehrung und Erlösung, da entdecken wir das gegenwärtige Reich Gottes. Wohl uns, dass wir so viel sehen dürfen. Aber was wir sehen können, ist nicht Alles. Christus wirkt mehr als unsre Augen wahrnehmen. Er wirkt auch da, wo wir nur Dunkel und Unvollkommenheit und Tod zu erkennen vermögen. Diese freudige Gewissheit, die wir, wie mir scheint, sehr nötig haben, ist in der Lehre von der Höllenfahrt ausgesprochen. –

Weil wir sie nicht sehen und miterleben können, kann ich freilich nur andeuten, weshalb diese verborgene Wirkung Jesu keine schiere Einbildung ist. Ich denke da vor Allem an Eines: Wenn wir uns in das Bild Jesu vertiefen und uns klar machen, dass dieser Mann mit den wunderbaren Eigenschaften seines Charakters und seiner Handlungsweise wirklich und wahrhaftig ein Mensch gewesen ist wie unsereins, dann gibt uns das unwillkürlich den Mut und das Vertrauen, auch von uns andern Menschen, wer wir auch seien, höher und besser zu denken. Gewiss fühlen wir uns zunächst erniedrigt, wenn wir uns mit ihm vergleichen, aber zugleich fühlen wir auch, dass wir Alle in ihm, der unser Bruder ist, den Adelstitel erhalten haben. Wenn wir ihn ansehen, wird es uns klar, dass das Menschenleben etwas Unendliches, Ewiges, Unvergängliches ist. Dieser Glanz strahlt aber auf uns Alle zurück. Auch auf die totgeborenen und frühverstorbenen Kinder. Auch auf die lebenslangen Krüppel und Idioten. Nein, das sind keine verlorenen Seelen, das bleiben keine Geister im Gefängnis, wenn wir sie neben ihn stellen, wenn wir uns sagen, dass sie seine Brüder und Schwestern sind. Christus flößt uns einen so starken Glauben ein an die Würde der Menschennatur, dass wir auch ihren jämmerlichsten und fragwürdigsten Erscheinungen gegenüber die Zuversicht nicht |154 verlieren können, es sei auch in Ihnen etwas von göttlicher Art, das wohl schlummern, aber nicht tot sein kann. Solche Geister sind wohl im Gefängnis, aber vor Gottes Auge sind sie erlöst und frei und herrlich, auch wenn wir gar nichts davon wahrnehmen, denn Christus ist da, der auch sie gerecht macht. Der Glanz dieser Erhebung und Veredelung der Menschennatur, der von Christus ausgeht, fällt aber auch auf die Heiden, auf die, die seinen Namen noch nicht kennen. Wohl ist es wahr, dass ihre Tugenden nicht genügen, wenn wir daneben die Vollkommenheit seines Lebens halten, aber zugleich werden wir dessen gewiss, dass all das dunkle, unvollendete und verworrene Streben nach dem Schönen und Guten, das wir in der Heidenwelt finden, vor Gott etwas Wertvolles sein muss. Auch die unvollkommenen Formen der Erkenntnis und des Lebens sind in Christus nicht nur verurteilt, sondern verklärt. Es sind wohl untere Stufen, aber es sind auch Stufen auf dem Wege zu ihm. Wir sind gewohnt, das alte Testament als eine solche Vorstufe aufzufassen auf dem Wege zu Christus. Wir dürfen das aber sogleich auch von den andern Religionen der Erde sagen. Diese Geister im Gefängnis sind wirklich erlöst durch die Erscheinung Jesu. Denn wenn wir ihn ansehen, kann uns kein menschliches Streben mehr völlig schlecht und verwerflich erscheinen. Wir ahnen dann in Allem ein Seufzen zu Gott hin. |

Und so geht es uns nun erst recht, wenn wir zu jenen christlichen Geistern im Gefängnis kommen, von denen wir geredet und zu denen wir auch uns selbst rechnen. Jawohl, da finden wir unendlich viel Trägheit und Irrtum und Verdrehung und Abfall. Es ist leicht, ein völliges Nachtbild zu zeichnen von den Zuständen der Christenheit, wir brauchen nur jedes sich selbst vorzunehmen. Und doch müssen wir hier in noch viel direkterem Sinn als vorhin sagen, dass Christus verborgen wirksam ist. Wo er einmal hingekommen ist, heißt es nun Russland oder Rom oder der b-Kanton Aargau-b, da mag die Irrung und Verwirrung von uns Menschen noch so groß sein, da beginnt er die Menschen und Zustände langsam, aber sicher umzuwandeln. Sie mögen ihn ungenügend und schlecht erkennen und verkündigen, aber c-der Glaube, die Liebe und die Hoffnung [vgl. 1.Kor. 13,13] wird doch immer lebendiger von Jahrhundert zu Jahrhundert-c. Sie mögen |155 scheinbar von ihm abfallen, aber er zwingt sie, ohne dass sie es wissen, doch in die Richtung seines Geistes. Sie mögen enge, bornierte Christen sein, aber es zeigt sich doch immer wieder, d-dass ihre Taten besser sind als ihre Worte-d, nicht aus ihrem Verdienst, sondern weil [in] ihnen die verborgene Wirkung Jesu zu stark ist. Wir Alle mögen oberflächlich und ungehorsam sein gegenüber den wichtigsten Seiten seines Evangeliums, wir mögen bloß den Zipfel seines Gewandes berührt haben, es geht doch Gotteskraft aus in unser Leben von dem Wenigen, was wir von ihm begriffen und ergriffen haben [vgl. Lk. 8,44–47]. Er bezeugt sich, er redet in einem Jedem von uns. Er ist überall im Stillen da, ermunternd und tröstend. Wir können jederzeit seine Hand ergreifen. Er will uns sofort aus dem Gefängnis führen.

Meine Freunde! Seht, das ist Gottes Güte, dass er uns auch im tiefsten Dunkel, in das wir uns begeben können, nie allein lässt, dass Christus bei uns ist und uns aufwärts weist, auch wenn wir uns noch so sehr verloren haben. Und nun will ich es euch überlassen, auszumachen, was wir Geister im Gefängnis auf die Güte Gottes antworten wollen.

Amen.

Textkritische Fußnoten

a-a
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen. ↩
b-b
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen. ↩
c-c
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen. ↩
d-d
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen. ↩

Sachfußnoten

1
Mit dieser Lehre beschäftigte Barth sich in seiner Akzessarbeit, die für das theologische Examen in Bern erforderlich war, und ging dabei ausführlich auch auf diesen zentralen Text zur Thematik ein: K. Barth, Die Vorstellung vom Descensus Christi ad inferos in der kirchlichen Literatur bis Origenes [1908], in: V.u.kl.A. 1905–1909, S. 244–312, dort bes. S. 259–272 📖. ↩
2
Vgl. Th. Lessing, Theater-Seele. Studie über Bühnenästhetik und Schauspielkunst, in: ders., Nachtkritiken. Kleine Schriften 1906–1907, Hg. und kommentiert von R. Marwedel, Göttingen 2006, S. 276–402, dort S. 347 📖: «Die mittelalterliche Mysterienbühne dagegen war entweder ein dreiteilig Gerüst, auf dem man oben die Vorgänge im Himmel, in der Tiefe die Hölle und in der Mitten die Erde sah, oder es wurden Bilder der Passion simultan nebeneinander gestellt, […].» ↩
3
Kong-Tse ist die latinisierte Version einer chinesischen Namensvariante für Konfuzius (551–479 v. Chr.). ↩