Predigt: Markus 14,43-46
Und das war der Mann, von dem wir heute gehört haben, dass er an der Spitze der Knechte des Hohepriesters in den Garten
Andrerseits muss man sich aber sagen, dass sie alle miteinander nicht recht befriedigen. Man muss sich bei jeder einen wahren Roman hinzudichten, um sie als wahr anzunehmen. Wir wollen darauf verzichten, die Gründe dieses Verrats im Einzelnen zu erkennen. Wir wollen den Schleier nicht wegzunehmen versuchen, der wohl für alle Zeiten um die unheimliche Gestalt des Judas gehüllt, der nur von Gott gelüftet ist. Wenn die Gottesfeindschaft ihren Gipfel, ihre Vollendung erreicht, wie dies in Judas offenbar geschehen sein muss, dann ragt sie für unsre Augen hinein in die Nebelwelt des Unbekannten, gerade wie die vollendete Liebe, die sich in der Selbstaufopferung Jesu offenbart, uns immer wieder wie etwas Unbekanntes, Fremdes berührt.
Wir wollen uns hier wie dort in die Tatsachen vertiefen und nicht nach den Gründen forschen. Tatsache ist, dass Judas treulos war gegen Gott, der ihm unendlich viel anvertraut hatte. Dass er den verkaufte |110 und von sich stieß, der ihm sich selbst geschenkt hatte. Dass er sich bewusst und absichtlich zum Feinde dessen machte, der ihn gewürdigt hatte, sein Bruder zu sein. Treulosigkeit – in diesem einen Wort können wir das zusammenfassen, was wir von der Sünde des Judas sehen und verstehen können. Wenn wir mit Recht das Gefühl haben, dass die Sünde des Judas nicht überboten werden kann, dann wissen wir, dass wir in der Treulosigkeit die Vollendung der Sünde überhaupt vor uns haben. Wir sehen hier rund und klar, was das Böse ist, in einer Weise, wie wir es bei
Böse sein heißt: untreu sein gegen den Gott, der uns berufen hat und den wir erkannt haben. Aber wenn wir das so sagen, dann erkennen wir sofort, dass wohl die Tat des
Die Sünde in ihrer Spitze, in ihrer Vollendung ist Treulosigkeit, sagte ich. Böse sein heißt: das Gute, das uns geschenkt ist, von uns stoßen. Das hat Judas getan. Das hat Petrus getan. Das tun wir. Wo dies Abstoßen, dies Verleugnen des Guten nicht ist, da ist auch nicht das Böse im eigentlichen Sinn. Von Finsternis reden wir dann, wenn wir aus einem erhellten Raum in die Nacht hinaustreten, oder wenn |111 wir in einem dunklen Zimmer das Licht auslöschen. Waren wir lange im Dunklen, dann werden wir uns an das Dunkel gewöhnen. Waren wir immer im Dunklen, so vermöchten wir bei Nacht Alles zu erkennen so gut wie am Tage, wie es manche Tiere können. Finsternis gibt es nur wegen des Übergangs vom Licht zum Unerleuchteten. So besteht auch das Böse nur in der Verleugnung des Guten. Wenn wir das Gute nicht wollen, das wir empfangen und erkannt haben, dann erst sind wir böse. So ist auch in der Sünde ein Triumph Gottes: Das Böse ist nicht etwas Selbständiges, nicht etwas in sich Vollkommenes, wie es das Gute ist, sondern nur die Umkehrung, das Spiegelbild gleichsam, die Verfälschung des Guten. Aber dieser Triumph Gottes wäre unsre Vernichtung. Er spricht für Gottes Größe, aber nicht zu unsrer Entschuldigung. Wenn wir das Licht gelöscht haben, dann wäre die Erwägung lächerlich, dass die Finsternis nichts Selbständiges bedeute, sondern nur einen Mangel an Licht. Wir tappen eben im Dunkeln und stolpern und fallen. Warum haben wir das Licht gelöscht? Das sind die Folgen der Finsternis. Gott triumphiert auch in der Finsternis, sage ich, aber wir kommen zu kurz dabei. Wir kommen zu Fall dabei. Das sehen wir an Judas. Nachdem er seinen Herrn verraten hat, geht er hin und erhängt sich. Er hat sich selbst den Lebensfaden abgeschnitten. Nun kann er auch nicht weiter leben. Das ist nichts als natürlich. In der bewussten Abwendung vom Guten ist immer der Selbstmord verborgen, gleichviel, ob er äußerlich vollzogen wird oder nicht. Wir löschen uns selbst aus, indem wir das Licht des Göttlichen in uns auslöschen. Das erste ist nur die Folge des zweiten.
Gott hat uns Alle in mannigfacher Weise mit seinem Guten beschenkt, wie er es dort mit
Gott redet mächtig zu uns in der Stimme der Natur. Was sind nicht für Gottesbotschaften verborgen in solchen Frühlingsmorgen und Frühlingsabenden, wie wir sie jetzt wieder erleben dürfen! Wie redet da jeder Baum mit seinen grünen Trieben vom Aufwachen und von neuem Leben, und jede grüne Matte1 und die Wälder, die wieder Farbe annehmen, reden von der Freude, die wir um uns verbreiten sollten, und der klare, blaue Himmel von der Reinheit, die in uns |112 walten müsste. Sehen wir Alles das? Ja, wir sehen es. Es tut uns wohl, solche Eindrücke zu empfangen, wir werden auch wohl schwärmerisch und gefühlvoll und reden entsprechend, und die Schulkinder müssen bald wieder Frühlingslieder singen. Das ist Alles schön und gut. Aber ist nicht oft etwas von der Art des
Ich habe aber vor Allem an die Natur gedacht, die uns am Nächsten liegt, nämlich an unsre eigene. An unsre Triebe und Anlagen, an unsern Charakter, an das Geisteswesen, das wir gewissermaßen mit auf die Welt gebracht haben. In diesen Dingen ist eine mächtige Gottesstimme, für jeden eine besondere. Jeder Mensch ist dazu bestimmt, etwas in sich Vollkommenes zu werden und zu leisten, jeder Mensch, sage ich. Es gibt keinen, der nicht durch sein innerstes Wesen auf das Gute hingewiesen wäre. Es gibt nichts Schlechtes in der Natur. Auch unsre verborgensten Triebe haben in sich das Ziel, zum Guten gezogen und erzogen zu werden. Das weiß Jeder. Aber was machen wir nun? Ja, wir beschäftigen uns gern mit uns selbst, mit unserm Charakter, unsrer Natur. Das will ich nun einmal!, sagen wir, oder: Das muss ich! oder: Das kann ich nicht! Ich kenne mich! Aber es ist merkwürdig, dass wir besonders dann so aufmerksam, so zärtlich fast sind mit uns selbst, mit unsrer Natur, wenn wir den Forderungen, die unser besseres Selbst, unsre höhere Natur von uns fordert, entschlüpfen, wenn wir sie in ihr Gegenteil verkehren wollen. Die größte Verlotterung, die größte Lieblosigkeit und Ungerechtigkeit verhüllen wir damit, dass wir sie als ein sogenanntes Bedürfnis unsrer Natur hinstellen. «Ich kann nicht anders!» Als ob nicht das tiefste Bedürfnis unsrer Natur nach Ernsthaftigkeit, nach Liebe, nach Gerechtigkeit riefe! Er sprach: Rabbi, Rabbi! und küsste ihn. So machen wir es oft genug mit uns selbst. Und das ist Treulosigkeit gegen Gott, der uns berufen hat. – |
113 Ich will etwas Anderes nennen, das wir nicht mit auf die Welt bringen, sondern das Gott erst nach und nach in uns entstehen lässt, und das darum doch nicht minder sein Geschenk ist. Ich meine das Gewissen. Das Gewissen ist der Barometer in unserm inwendigen Leben, auf dem wir ablesen können, wie das Wetter sein wird, das göttliche Urteil, das auf die Luft, die bei uns herrscht, folgen wird. Das Gewissen ist eine Gottesgabe sondergleichen. Beim einen ist’s feiner, beim andern gröber. Wir wollen jetzt aber nicht davon reden, sondern nur davon, wie wir’s brauchen. Das Gewissen eines Safenwilers soll höher und feiner entwickelt sein als das eines Italieners oder eines Australnegers, das eines erwachsenen Mannes soll ausgebildeter sein als das eines Kindes. Aber das ist jetzt gleichgiltig. Wenn nun einmal jeder seinem Gewissen folgen würde, was wäre das für eine Welt!! Das Gewissen, wenn man es rein und un[ge]trübt reden lässt, hat etwas so mächtig Forderndes. Es verschlechtert die Menschen nie, sondern es verbessert sie, wer sie auch seien. Es trennt sie nicht, sondern es verbindet sie. Es legt ihnen nicht Lasten auf, sondern es bringt ihnen Freiheit. Wenn man es reden lässt! Aber tun wir denn das? Ja, vom Gewissen reden wir wohl. Aber ich glaube, gerade wenn wir am meisten davon reden, redet das Gewissen selbst am Wenigsten. Ich habe an mir selbst schon die Erfahrung gemacht, dass mir die Worte: Ich habe ein gutes Gewissen! gerade in solchen Momenten besonders leicht über die Lippen gingen, in denen ich im tiefsten, innersten Grunde meiner Sache nicht so ganz sicher war. Und ich habe es Andern schon an den Augen angesehen, dass sie kein gutes Gewissen hatten, während ihre Lippen sagten: ich habe ein gutes Gewissen! Im Namen des Gewissens hat man schon Religionskriege geführt und Ketzerprozesse abgehalten und die Geistesfreiheit unterdrückt, und im Namen des Gewissens hat man an andern Orten der Zügellosigkeit Tür und Tor geöffnet. Da ist offenbar auch
Ein anderes Gottesgeschenk ist die Lebenslage, in die jedes von uns hineingeboren oder in die es durch die Umstände hineingeführt worden ist. Darin ist auch etwas von Gott, und zwar etwas sehr Großes, dass wir sind, was wir sind. Es ist etwas Großes, ein Schweizer sein zu dürfen. Wie gut wir es hier haben, merken wir gewöhnlich erst, wenn wir uns einmal im Ausland umgesehen haben. Dann verstehen wir, |114 dass wir an unsrer Heimat etwas Einzigartiges haben, äußerlich und in geistigen Dingen erst recht. Es ist etwas Großes, so auf dem Land leben zu dürfen, Luft und Licht und Sonne und Ruhe umsonst zu haben, wie ihr Alle es habt. Geht und fragt einmal die Bewohner der Arbeiterquartiere in den großen Städten, was ihnen fehlt und was ihr habt, ohne daran zu denken. Es ist etwas Großes, ein Fabrikarbeiter zu sein. Jawohl, warum nicht? Denn bei allem Fatalen und Ungerechten, das diesem Stand und dieser Arbeitsweise heute noch anhaftet, gehört ihr doch die Zukunft. Sie ist die höhere Berufsform als zum Beispiel der alte Handwerkerstand. Sie führt die Menschen zusammen, statt sie auseinander und gegeneinander zu führen. Und wenn sie einmal auf einer gesünderen Grundlage ruhen wird als heute, wird es sich zeigen, dass die Menschen dabei freier werden von den Sorgen des Alltags und freier für die Pflege des geistigen Lebens, als es unsre Väter waren. In dieser Hoffnung darf gerade der Fabrikarbeiter das besondere Gottesgeschenk seines Standes erblicken. Aber nun, was machen wir damit? Sind wir treu in dem, was Gott uns hat werden lassen, oder gleichen wir dem Judas, der sein Kostbarstes um 30 Silberlinge verkauft? Um nur das Letzte zu nennen: wie spärlich gesät sind doch die Fabrikarbeiter und -arbeiterinnen, die an das besondere Gottesgeschenk ihres Standes glauben! Man nennt sich Arbeiter und hat doch die alte Selbstsucht noch so gar nicht überwunden, die doch nicht mehr zu diesem Stande passt, der den Menschen ganz von selbst zum Mitmenschen hinweist. Man freut sich der freien Zeit, die diese Arbeit im Gegensatz zu mancher andern dem Menschen verschafft, aber man benützt sie, um dem Alkoholismus zu frönen oder andren Kindereien, statt diesen Gottessegen zu brauchen, wie er gebraucht sein will, nämlich zur Pflege des geistigen Lebens und der allgemein menschlichen Interessen überhaupt. Man profitiert dankbar von Allem, was Andre etwa zur Hebung dieses Standes, zur Herbeiführung einer bessern Zukunft tun, aber man rührt selbst keinen Finger, um etwas in dieser Richtung zu tun, ja, man fällt wohl gar noch denen, die etwas tun wollen, in den Rücken, um sich an geeigneter Stelle «lieb Kind» zu machen. Das ist
Von dem höchsten und größten Gottesgeschenk haben wir noch gar nicht gesprochen. Gott schenkt uns seine Güter in unsrer Natur, |115 in unserm Charakter, in unserm Gewissen, in unsern Lebenslagen. Das ist viel, aber noch mehr ist, dass wir in dem Allem das Bild Jesu vor Augen haben dürfen als eine beständige Aufforderung und Verheißung, die uns nie zur Ruhe kommen lässt und die uns doch in der Unruhe immer wieder den Frieden gibt. Er ist von allem Guten, was Gott uns schenkt, der Mittelpunkt. Er lehrt uns alles Übrige verstehen. Er öffnet uns die Augen für die Natur, er gibt uns das Vertrauen, dass jeder mit seinem Charakter ein Kind Gottes werden darf, er weckt und bildet unser Gewissen, er lässt uns in jeder Lebenslage den Willen Gottes erkennen und ergreifen. Er ist größer als alles Andre und kann uns darum alles Andre groß machen. Er ist der rechte Schlüssel unsres Lebens. Wir sehen ihn, wir erkennen ihn, wir nennen uns Christen nach seinem Namen. Aber was machen wir mit ihm? Sind wir seinem Geist getreu? Findet er uns an der Stelle im Weinberg, zu der er uns berufen hat? [vgl.
Meine Freunde, ich will diese Frage unbeantwortet lassen. Jeder von euch muss sie sich selbst beantworten. Wir stehen nun in unmittelbarer Nähe von Karfreitag und Ostern. Wir haben uns darauf vorzubereiten gesucht, indem wir von den Feinden Jesu geredet haben. Ich denke, dass ihr mich verstanden habt. Wenn uns das Kreuz Christi die Botschaft von unsrer Verführung und die Auferstehung die Botschaft von unserm neuen Leben verkündigen soll, dann müssen wir zuvor in den Leiden Christi unser Werk und in seinen Feinden uns selbst erkannt haben. Und wenn wir in diesen Tagen zum Tisch des Herrn treten wollen in der dankbaren Zuversicht, dass wir zu ihm gehören, dann müssen wir es durchschauen, dass er uns aus der Gemeinschaft seiner Feinde zu seiner Gemeinschaft berufen hat. Dann wollen wir uns aber auch nicht schämen, heute zu uns selber zu sagen, jeder zu sich selber:
Ich bin der Judas!