5. April 1912

Predigt: Jesaia 53,5 (Karfreitag)

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Karfreitag
Jesaja 53,5
Er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten; und durch seine Wunden sind wir geheilt.
Liebe Gemeinde!

Die Botschaft des Karfreitags ist der Lebensatem unsres christlichen Glaubens. Wenn dieser Lebensatem einmal aufhören würde, dann würde es nicht nur keinen christlichen Glauben mehr geben, sondern die Gerechtigkeit und die Selbstlosigkeit, der Fortschritt und die Liebe würden dann aufhören, unser geistiges Leben würde auf die Stufe zurücksinken, auf der sich die Menschen in Afrika, in China und Indien noch heute befinden. Wir können es ja im Einzelnen in zahllosen Fällen sehen, wie die Christen, die Menschen, die es besser haben könnten, entarten und von Stufe zu Stufe zurücksinken ins praktische Heidentum, wenn jener Lebensatem, der vom Karfreitag ausgeht, schwach wird und zu verlöschen droht. Im Großen und Ganzen ist dieses «Wenn» freilich eine ganz überflüssige Sorge. Die Botschaft des Karfreitags hat ihre Kraft und ihren Sieg ganz abgesehen von dem, was du und ich dazu sagen. Die Fahnen des Königs schreiten vorwärts in der Welt. Das Reich des Gehorsams und der Liebe, das am Karfreitag begründet worden ist, ist heute ausgebreiteter als je. Und der Lebensatem des gekreuzigten Christus geht vielleicht machtvoller durch unsre Zeit als durch irgend eine andre. Aber an dieser Kraft und an diesem Sieg möchten wir teilnehmen, du und ich. Dazu sind wir heute hier zusammengekommen. |

Wir wissen, wie oft uns, scheinbar oder wirklich, andere Dinge wichtiger und wertvoller werden für unser geistiges Leben. Da tut es uns Not, uns von Zeit zu Zeit wieder zu sammeln um den einen Punkt, der tatsächlich der höchste und der tiefste ist, den unser Geist erreichen kann und den er immer wieder erreichen muss, wenn er leben |117 will, um das Kreuz Christi. Es geht manchem ernsthaften, tüchtigen Menschen so, dass er es wohl für ganze Strecken seines Lebensweges fast völlig aus den Augen verliert. Es sind andere Gedanken, die auch in seinem innern Leben, in seiner Religion zu höchst stehen. Solange er in jüngern Jahren sich befindet, ist ihm, wie leicht begreiflich, die Lebensfreude, und wir wollen jetzt gern annehmen, die rechte, reine Lebensfreude, das Größte, was er von Gott und von der Welt erwartet. Dann lernt er die Schwierigkeiten und Lasten des Lebens kennen, und nun macht er vielleicht mit ein b isschen Ärger und Selbstgerechtigkeit das Sprüchlein: Tue recht und scheue Niemand!1 zu seiner Lebensweisheit. Dann steigt er wohl noch eine Stufe höher und findet Trost und Halt in dem, was man zusammenfassen kann in den Worten: Bete und arbeite!2 oder wie man es auch ausdrücken kann: Arbeiten und nicht verzweifeln!3 Das Alles sind schöne Grundsätze, mit denen man sich zweifellos mächtig fördern und an denen man jahrzehntelang lernen kann, wenn man sie ernst nimmt. Aber das, was das Kreuz Christi uns zu sagen hat, tritt darin mindestens in den Hintergrund. Wenn beispielsweise Solche unter uns sind, denen der Grundsatz: Tue Recht und scheue Niemand! das Höchste ist in ihrer Religion, die werden sich heute im Stillen ehrlich eingestehen, dass sie der Botschaft des Karfreitags ein klein wenig fremd gegenüber stehen. Sie sollen sich nicht abschrecken lassen! |

Wir wollen versuchen, einander zu verstehen und miteinander diese Botschaft zu verstehen. Wir sind darin schließlich Alle nur Anfänger. Es geht selbst den nachdenklichsten und entschiedensten Christen so, dass ihnen zu Zeiten das Kreuz Christi zurücktreten will hinter andere, scheinbar wichtigere Wahrheiten des Evangeliums. Ich habe schon von Pfarrern und Theologieprofessoren sagen hören, dass |118 ihnen Worte Jesu wie die vom Vater im Himmel, von der Reinheit des Herzens, vom sorgenfreien Leben, von der Liebe zum Nächsten, von der Güte Gottes gegen die Sünder, von der bessern Gerechtigkeit viel größer und bedeutsamer seien als Jesu Tod auf Golgatha.4 Gerade so empfinden zweifellos auch viele einfache Christen und durchaus nicht die Schlechtesten. Man soll sich darüber nicht entrüsten und nicht gleich das hässliche Wort «ungläubig» in den Mund nehmen. Man hat in andern Kreisen eher zu viel vom Blute Christi geredet, man hat diesen großen und heiligen Gedanken zu einer tagtäglichen Redensart gemacht, in vielen religiösen Liedern und Andachtsbüchern und Ansprachen wird noch heute viel zu aufdringlich und häufig damit umgesprungen. Das hat den Erfolg gehabt, dass nun mancher Andre, der den Heiland auch lieb hat, diese Gedanken nur noch ungern und misstrauisch in die Hand nimmt, etwa wie eine abgeschliffene alte Münze, von der man nicht sicher weiß, ob sie auch noch Kurs hat. Ich bin sicher, dass heute auch Viele solcher ernsthafter, aber misstrauischer Christen unter uns sind, denen Anderes im Evangelium wichtiger ist als gerade das, was uns der Karfreitag verkündigt. Die möchte ich bitten, sich durch den Missbrauch der Karfreitagsgedanken doch ja nicht von ihrem Gebrauch abschrecken zu lassen. Sie würden das Größte und Wertvollste dabei verlieren. Denn alles Andre, was uns Jesus gesagt und gezeigt, ist schließlich nur die Entfaltung des Einen, was er am Karfreitag getan, des Gottesgehorsams und der Menschenliebe, die er dort in vollendeter Weise bewiesen hat. Wir mögen uns wohl zu Zeiten bei andern Gedanken, bei andern Seiten der Herrlichkeit des Evangeliums aufhalten – wenn wir uns gründlicher in sie vertiefen, merken wir doch, dass sie alle auf das Kreuz hinweisen, dass sie alle Strahlen gleichen, die vom Kreuz ausgehen. So mag auch der |119 Wanderer in den Bergen oft nach Stunden den Gipfel aus dem Auge verlieren, den er eigentlich besteigen will. Wenn er nur nicht stillsteht oder umkehrt, dann wird ihm der Gipfel schon wieder zu Gesicht kommen. So geht es nachdenklichen Menschen mit dem Kreuze Christi. Sie mögen es zu Zeiten übersehen, aber je tiefer sie eindringen in die Wahrheit, desto mehr kommen sie darauf zurück. Desto deutlicher erkennen sie in der Karfreitagsbotschaft den Lebensatem Gottes, ohne den sie nicht sein könnten.

*   *   *

Wir wollen heute ein Wort des alten Testamentes zu uns reden lassen, das schon von den ältesten Christen als eine Ahnung oder als ein Hinweis auf das Leiden und Sterben Jesu ausgefasst worden ist. Er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Dies Wort stammt aus jenem bekannten Abschnitt in der zweiten Hälfte des Jesajabuches, in dem von dem Leiden des Knechtes Gottes die Rede ist. Natürlich hat dort der Prophet nicht einfach die Geschichte Jesu vorausgesehen – ein Prophet ist nicht ein Wahrsager –, sondern er hat beschreiben wollen, wie es nach der Ordnung Gottes in der Welt zugeht: Der Gute leidet unter der Sünde der Bösen, er leidet, was die Bösen leiden müssten, aber das ist keine Ungerechtigkeit Gottes, sondern durch das Leiden des Guten wird den Bösen geholfen. Er leidet unter ihnen, er leidet an ihrer Stelle, aber er leidet für sie. In seinem Leiden enthüllt sich gerade Gottes höchste Gerechtigkeit, nämlich seine Liebe. Ganz mit Recht hat man diese Gedanken des Propheten vor Allem auf Jesus angewendet. Sie erfüllen sich immer wieder. Sie enthalten das höchste und innerste Gesetz der göttlichen Güte gegen uns. Aber sie haben sich nirgends so deutlich und vollständig erfüllt wie am Karfreitag.

Ein Gerechter, ein Reiner, ein Vollkommener, ein Held und Lebendiger, der unter der Sünde der Menschen leiden muss. Das ist das Erste, was uns das Kreuz auf Golgatha zu zeigen hat. Wir tun gut, vor diesem Anblick Halt zu machen. Er führt uns bereits von der Oberflächlichkeit in die Tiefe. Auch wenn wir zu den tüchtigen, ernsthaften, nachdenklichen Leuten gehören, denken wir uns das Leben oft so ganz anders, als es im Kreuze Christi zum Vorschein kommt. Wir |120 befinden uns in Bezug auf uns selbst gewöhnlich in der harmlosen Meinung, dass wir ganz auf der Seite des Guten in der Welt stünden, dass sicher niemand über uns zu klagen haben könne. O was lebten wir doch hier in einer herrlichen Welt, wenn das wahr wäre. Aber nun erinnert uns der Karfreitag an unsre Mitmenschen, die Jesus ans Kreuz gebracht haben, an Kaiphas und Pilatus, an Judas und Petrus, der seinen Herrn verleugnete. Das waren auch Alles brave Leute, deren keiner ein gemeines Verbrechen begangen hat an jenem Tage, sie waren nur schwach und beschränkt und treulos. Sie hatten nur gerade das an sich, was wir meinen, wenn wir achselzuckend sagen: Jeder Mensch hat seine Fehler! Aber gerade diese Fehler, die wir an uns selbst gar nicht ernst nehmen in der Regel, haben dort das Schauderhafte, Unglaubliche fertig gebracht, dass der Gerechte den Tod der Ungerechten leiden musste. Wollen wir uns schütteln und sagen: so sind wir nicht, meine Freunde? Nein, wir wollen uns lieber sagen: Solches haben wir auch schon ausgerichtet in der Welt, wie jene. Vielleicht haben wir es äußerlich nicht so weit gebracht wie sie und vielleicht bringen wir es auch nie so weit. Es wird nicht immer so deutlich, wie es dort gewesen ist, dass das Recht und die Wahrheit, der Fortschritt und die Liebe zu leiden haben unter unserm Tun. Aber wir wollen uns fragen, wie oft es im Stillen geschehen ist, wie oft wir uns selbst die Augen zugehalten haben, um es nicht sehen zu müssen, dass wir mit unsrer ganzen Bravheit die Wahrheit unterdrückten und die Liebe verrieten und das Recht verkauften um 30 Silberlinge [vgl. Mt. 26,15]. Wie manches Vater- und Mutterherz könnte erzählen von dem, was sie zu leiden haben an ihren Kindern, auch wenn die durchaus nicht gerade zu den missratenen zu zählen sind. Wie ist die Liebe so mancher Frau von ihrem Mann jahrelang verwundet und zurückgestoßen worden, auch ohne dass es zu einem offenkundigen, greifbaren Unrecht gekommen wäre. Wie ist so Manchem, der es treu und ehrlich meinte, mit Gleichgiltigkeit, mit Misstrauen und einfältigem Geschwätz gedankt worden. Wir wollen jetzt nicht gleich sagen: Ja, ja, dergleichen kommt alle Tage vor! Sondern wir wollen uns fragen, ob wir es nicht selbst schon so oder ähnlich gemacht haben? Und dann müssen wir uns sagen: Jawohl, das haben wir. Wir sind in Jerusalem und auf Golgatha nicht dabei gewesen, aber es gibt in der Welt unendlich viel Güte und Wahrheit, die sich bei Gott über uns zu beklagen |121 hat. Er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Was bei uns im Stillen, im Kleinen, wie wir meinen, geschieht, das zeigt sich im Kreuze Christi in erschreckender Deutlichkeit und Größe. – |

Es befreit uns das Kreuz Christi aber auch noch von einem andern Irrtum über das Leben. Es kommt auch der umgekehrte Fall vor: dass wir zu leiden haben unter der Sünde Anderer, dass wir selbst also der Gerechte sind, dem man es schlecht macht in der Welt. Ganz zweifellos geschieht es jedem rechten Menschen, dass er mit seiner Ehrlichkeit auf die Lüge stößt, mit seiner Freundlichkeit auf die Kälte, mit seiner Einsicht auf den Unverstand und dass er dabei schwere Püffe davonträgt. Das geht so in der Welt. Aber was machen wir, wenn es uns so geht? Nichtwahr, da regen wir uns inwendig und auswendig auf, als widerführe uns etwas ganz Unerhörtes. Wir haben das Gefühl, es sei eine große Ungerechtigkeit geschehen, jedermann müsse davon wissen und Gott selbst müsse herbeifahren, um den Schaden, den wir erlitten, wieder gut zu machen. Dieses Gefühl ist unrichtig. Unser Prophetenwort und das Bild des gekreuzigten Heilands wollen uns an Stelle dieser Empörung über das Böse und über die Bösen eine große Ruhe in die Seele flößen. Sie sagen uns, dass Gottes Ordnung durchaus nicht verletzt ist, wenn wir um der Gerechtigkeit willen zu leiden haben unter unsern Mitmenschen. Das muss so sein. Das ist gerade Gottes Ordnung so. Wenn wir wirklich recht sind und etwas Rechtes wollen, dann wäre es ein Wunder, wenn uns nicht widersprochen würde, wenn wir es nicht manchmal bös hätten bei den Leuten. Ungestört und unangefochten bleiben nur die, die nichts Gutes zu vertreten haben oder die sich damit nicht hervorwagen. Wogegen das Gute, Göttliche in einem Menschen die Eigenschaft hat, dass es das Böse in den Andern zunächst wie zur Entfaltung, zur Reife bringt. Im Leiden Christi haben wir es mit einer förmlichen Explosion des Bösen zu tun, hervorgerufen durch die Kraft des Guten, die in ihm war. Es darf uns nicht wundern, wenn es uns in kleinerem Maßstab ähnlich ergeht. Es liegt darin kein Zufall und keine Willkür, sondern ein Gesetz des gütigen Willens Gottes. Das Böse muss sich entladen, um dadurch unschädlich zu werden. Das mag für uns, wenn es uns trifft, peinlich sein, aber es ist nichts Fremdartiges darin, nichts, gegen das wir uns im Namen Gottes auflehnen dürften. Der Gerechte muss um |122 andrer Missetat willen verwundet und um Andrer Sünde willen zerschlagen werden. Gottes Herrlichkeit muss sich in dieser Weise auswirken, wie das Licht Schatten werfen muss.

*   *   *

Aber nun kommen wir zu dem zweiten Gedanken, der in unsrer Schriftstelle liegt, und zu dem zweiten Bild, auf das uns das Kreuz von Golgatha aufmerksam macht. Die Strafe liegt auf ihm! So lesen wir es in gewaltiger Kürze. Und das will sagen: Der Gerechte, der Reine und Vollkommene leidet nicht nur unter den Menschen, sondern er leidet an ihrer Stelle, er leidet, was sie leiden müssten. Es ist ein merkwürdiges Schauspiel: inmitten der Juden und Heiden, die zufrieden und frohlockend und ohne eine Spur von Reue sein Kreuz umgeben, seufzt Jesus in höchster Todesnot: Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? [Mt. 27,16] Nicht er ist von Gott verlassen, sondern seine Richter und Henker, aber er empfindet in dem ihm angetanen Unrecht an ihrer Stelle das Unheil, in dem sich ihre Seele befindet. Nicht er braucht vor der Sünde Sold, dem Tod [Röm. 6,23], zu zittern, sondern die Sünder, die seinen Tod auf dem Gewissen hatten, aber er hat sich an ihren Platz begeben und ringt mit dem Feinde Tod, als ob er für ihn nicht bereits überwunden wäre. Nicht er ist gestraft, ihn umfasst und umfängt vielmehr Gottes höchste Liebe, aber die Strafe liegt auf ihm in diesem Augenblick. Er macht durch an innerer Pein und Leere und Dunkelheit, was die Andern jetzt durchmachen sollten. Er erleidet die Folge ihrer Sünde mit aller Wucht an sich selbst. Er empfindet an ihrer Statt das, was sie hätten empfinden müssen, wenn ihre Augen nicht in unheilvoller Verblendung geschlossen gewesen wären. Das ist Stellvertretung, das stellvertretende Leiden Christi. |

Bitte, denkt bei diesen Worten nicht mehr an jene alte Lehre von der sogenannten Genugtuung, auch wenn sie vielleicht Manchem von euch als Kind eingeprägt worden ist, jene Lehre, wonach Gottes Zorn über die Sünde nach einem blutigen Opfer verlangt habe und dann an Stelle der sündigen Menschheit den unschuldigen Jesus getroffen habe.5 Davon steht kein Wort in der Bibel, und es ist ebenso unsinnig |123 als unchristlich. Gottes Vaterliebe hat sich keinen Augenblick von Jesus abgewendet: … und ob die Wolke sie verhülle, die Sonne bleibt am Himmelszelt!6 Sondern das ist die Stellvertretung, die Jesus auf Golgatha vollzogen hat, dass er an Stelle der eigentlich Schuldigen durchgemacht hat, was das heißen will, wenn die Sonne der Liebe Gottes durch Wolken verdüstert ist. Sie sehen es nicht, aber er sah es für sie und darunter litt er. Denke dir, du sehest den liebsten Menschen, den du hast, schlafwandelnd über das schmale Geländer einer Brücke gehen, die über einen Abgrund führt – dann weißt du, was stellvertretendes Leiden ist. Oder vielleicht ist ein anderer Vergleich noch zutreffender: Denkt an das, was eine Mutter erlebt, die durch die schlechte Haltung ihres Kindes gekränkt und betrübt wird! Sie leidet unter seinem Benehmen, gewiss! aber sie leidet noch mehr an seiner Stelle. Es weiß noch nicht, dass seine Schlechtigkeit ein Unglück ist, dass es daran innerlich zugrunde gehen wird, aber die Mutter weiß es, sie erlebt innerlich bereits im Voraus die Folgen, die die Sünde für das Kind haben wird und haben muss. So war es mit dem stellvertretenden Leiden des Heilands. Ja, noch mehr: wo das oder Ähnliches geschieht, da ist dies Leiden des Heilands, da setzt es sich fort. Es ist nicht einmal geschehen, sondern tausendmal. Die Strafe liegt auf ihm! das ist eine ewige Wahrheit.

O wir wollen die Augen öffnen und uns umsehen, ob da nicht Menschen sind, die an unsrer Stelle leiden, wie dort Christus an Stelle seiner Feinde gelitten hat. Und dann wollen wir uns durchdringen lassen von Dankbarkeit gegen die Weisheit und Liebe Gottes, die Andere berufen hat, unsre Lasten zu tragen, lange bevor wir gewahr |124 wurden, dass solche Lasten überhaupt da sind. Da ist, um es noch einmal zu erwähnen, das Ungemach, das wir denen verursacht haben, die uns, oft genuga gegen unsern Willen, zu rechten Menschen erzogen haben. Sie litten an unsrer Statt. Da ist das Unverständnis und die Ablehnung, unter denen alle Entdecker und Vertreter neuer Gedanken immer wieder zu leiden haben. Sie sehen, was wir nicht sehen, wir sind die eigentlich Leidenden, die, denen etwas fehlt, nur merken wir es nicht. Und nun müssen sie da unser Leiden tragen, das darin besteht, dass wir nicht sehen. Da sind die Hunderttausende, die bei den heutigen Zuständen Unrecht leiden. Wir sind direkt oder indirekt mit schuld an diesen Zuständen. Wir lassen sie zu und fördern sie wohl noch. Aber nur sehen wir nicht, dass die Folge unsres Tuns Unrecht ist. Unzählige Andre aber leiden darunter, sie empfinden das Unrecht als Unrecht. Wer kennt und nennt sie, all die Namenlosen, Männer, Frauen und Kinder, die bei schlechter Erziehung und schlechter Nahrung, in ungesunden Wohnungen und Arbeitsstellen, bei niedrigem Lohn und niedriger Lebensfreude die Folgen unsrer Gleichgiltigkeit und Selbstsucht tragen, die das Unrecht, das wir nicht empfinden oder empfinden wollen und an dem wir doch tatsächlich leiden, offen an sich erfahren. Die leiden Alle an unsrer Statt. Denen Allen schulden wir Dankbarkeit für die große, ihnen selbst vielleicht unbewusste Solidarität, mit der sie unsre Last, die Last unsrer Sünde tragen. – |

Und wenn wir jetzt noch einmal den andern Fall annehmen wollen, dass wir selbst die sind, die von andern Unrecht leiden, dann wird es unsre Sache, eben diese Solidarität zu üben, die an Stelle der Andern leidet, die in der bedauerlichen Lage sind, Unrecht zu tun. Wir empfinden die Folgen des Unrechts auf das Allerschmerzlichste, aber nicht darum, weil sie uns treffen, sondern für die Andern, die das Unrecht begehen. Wir werden also nicht gleichgiltig werden gegen das Böse, das uns geschieht, ganz im Gegenteil: Wir erkennen das Böse in seiner ganzen Tiefe, wie es die Andern nicht erkennen. Aber die gehässige, zänkische Gesinnung kann nicht mehr in uns aufkommen gegen diese Andern. Wir fühlen uns überlegen, väterlich gestimmt gegen sie. Es erscheint uns völlig unmöglich, ihnen Leid mit Leid, Schmerz mit Schmerz zurückzuzahlen. Wir tragen Leid und Schmerz, die sie uns verursachen, an ihrer Stelle. Wir empfinden, wie |125 übel sie daran sind. Wir wollen uns nicht an ihnen rächen, sondern wir wollen sie bessern; wir wollen sie nicht bekämpfen, sondern wir wollen ihnen helfen.

*   *   *

Damit sind wir bei dem dritten Gedanken angelangt, der in dem Worte vom Leiden des Gerechten verborgen ist, beim dritten Bilde, vor das uns der Karfreitag führen will. Es ist das letzte und wichtigste. Aber ich brauche es nach dem Gesagten bloß kurz anzudeuten.

Unsere Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Das will sagen, dass das Leiden des Gerechten unter unsrer Sünde und an unsrer Stelle uns zu Gute geschieht. Das unschuldige Leiden hat immer eine Kraft in sich, die das Gewissen der schuldigen Menschen bezwingt und eben damit die Schuld und Macht des Bösen von ihnen nimmt. Diese Bezwingung des Bösen, dieser Sieg des Guten hat sich im Kreuze Christi vollzogen. Jesu Tod wurde für Unzählige die offene Türe, durch die sie zum Vater, zum Leben eingegangen sind. Seine Worte haben sie gerührt oder interessiert, seine Zeichen und Wunder haben sie in Staunen und Nachdenken versetzt, aber wie er gelitten hat und gestorben ist, das hat sie überwältigt und nicht mehr losgelassen. Sie mussten sich vor dem größeren Gehorsam und der größern Liebe, die in diesem Leiden und Sterben zum Vorschein kamen, unterwerfen. Sie erfuhren in diesem Anblick den Zug der Hand Gottes, die sie mitten in ihrem alten Wesen ergriff und sie daraus herausriss. Wir wissen es von dem Schächer am Kreuz und von dem römischen Hauptmann, der dabei stand, wie sie durch das Blut Christi erweckt und zum Frieden des Gewissens, zu einem neuen Leben geführt worden sind [vgl. Lk. 23,43; Mt. 27,54]. Wir wissen aber dasselbe auch von unzähligen Andern, die einst auch Genossen seiner Feinde waren. Durch seine Wunden sind sie heil geworden. Durch sein Leiden hat er sie vom Leiden, von der Schuld und Macht der Sünde frei gemacht.

Kann uns das Leiden und Sterben Christi gleichgiltig sein, meine Freunde? Oder wollen wir uns auch unter die Wirkung stellen, die uns zu Gute davon ausgegangen ist? Wollen wir dieses höchste und tiefste Gotteswort zu uns reden lassen vom Segen, der im Leiden des Gerechten liegt? Das Abendmahl, das wir heute nach der Stiftung des |126 Herrn zum Gedächtnis seines Todes zusammen begehen wollen, ladet uns dazu ein, diese Wirkung und dieses Gotteswort seines Todes in uns aufzunehmen. O wir wollen es so feiern, dass das Reich Gottes, für das Christus und seine Getreuen zu allen Zeiten gelitten haben, lebendig zu uns komme und dass wir den Mut und die Liebe in uns erneuern, die uns heißen, mit ihm zu leiden, damit der Friede und das Heil größer werden in der Welt.

Amen.

Textkritische Fußnoten

a
Im Mskr. folgt ein überzähliges zweites «genug». ↩

Sachfußnoten

1
Zur Herkunft des Spruchs und zum gleichnamigen Artikel Barths 📖 vgl. oben, S. 91, Anm. 1. ↩
2
Lat.: «Ora et labora!» Aus dem Spätmittelalter stammender, die Ordensregel des Benedikt von Nursia zusammenfassender Spruch. ↩
3
Mit den Worten: «Work and despair not» beendete Thomas Carlyle (1795–1881), schottischer Essayist und Historiker, seine Antrittsrede als Rektor an der Universität Edinburgh am 2. April 1866; vgl. auch die schnell in mehreren Auflagen erschienene Sammlung: Th. Carlyle, Arbeiten und nicht verzweifeln. Auszüge aus seinen Werken, übers. von M. Kühn / A. Kretschmar, Düsseldorf 1902 📖. ↩
4
Grundlegend bereits bei Fr. D. E. Schleiermacher, Der christliche Glaube nach den Grundsätzen der evangelischen Kirche im Zusammenhange dargestellt. Zweite Auflage (1830/31), Teilbd. 2, Kritische Gesamtausgabe, Abt. 1, Bd. 13/2, hrsg. von R. Schäfer, Berlin 2003, S. 95f. 📖: «Die Jünger erkannten in ihm den Sohn Gottes, ohne etwas von seiner Auferstehung und Himmelfahrt zu ahnden, und dasselbe können wir auch von uns sagen: […]. Und somit können wir wol Jedem, der mit dogmatischen Säzen verkehrt, die Einsicht zumuthen, daß der richtige Eindrukk von Christo vollständig vorhanden sein kann und auch gewesen ist ohne eine Kunde von diesen Thatsachen.» ↩
5
Die bedeutendste Ausformung dieser sogenannten Satisfaktionslehre wird Anselm von Canterbury (um 1033–1109) zugeschrieben. Vgl. kritisch dazu: G. Plasger, Die Not-Wendigkeit der Gerechtigkeit. Eine Interpretation zu «Cur Deus homo» von Anselm von Canterbury (BGPhMA.NF 38), Münster 1993 📖. ↩
6
Strophe 1 der gleichnamigen Arie aus dem von J. Fr. Kind verfassten Libretto zur Oper «Der Freischütz 📖» von C. M. von Weber:
Und ob die Wolke sie verhülle,
Die Sonne bleibt am Himmelszelt;
Es waltet dort ein heil’ger Wille,
Nicht blindem Zufall dient die Welt!
Das Auge, ewig rein und klar,
Nimmt aller Wesen liebend wahr!
↩