Predigt: Jesaia 53,5 (Karfreitag)
Die Botschaft des Karfreitags ist der Lebensatem unsres christlichen Glaubens. Wenn dieser Lebensatem einmal aufhören würde, dann würde es nicht nur keinen christlichen Glauben mehr geben, sondern die Gerechtigkeit und die Selbstlosigkeit, der Fortschritt und die Liebe würden dann aufhören, unser geistiges Leben würde auf die Stufe zurücksinken, auf der sich die Menschen in
Wir wissen, wie oft uns, scheinbar oder wirklich, andere Dinge wichtiger und wertvoller werden für unser geistiges Leben. Da tut es uns Not, uns von Zeit zu Zeit wieder zu sammeln um den einen Punkt, der tatsächlich der höchste und der tiefste ist, den unser Geist erreichen kann und den er immer wieder erreichen muss, wenn er leben |117 will, um das Kreuz Christi. Es geht manchem ernsthaften, tüchtigen Menschen so, dass er es wohl für ganze Strecken seines Lebensweges fast völlig aus den Augen verliert. Es sind andere Gedanken, die auch in seinem innern Leben, in seiner Religion zu höchst stehen. Solange er in jüngern Jahren sich befindet, ist ihm, wie leicht begreiflich, die Lebensfreude, und wir wollen jetzt gern annehmen, die rechte, reine Lebensfreude, das Größte, was er von Gott und von der Welt erwartet. Dann lernt er die Schwierigkeiten und Lasten des Lebens kennen, und nun macht er vielleicht mit ein b isschen Ärger und Selbstgerechtigkeit das Sprüchlein: Tue recht und scheue Niemand!1 zu seiner Lebensweisheit. Dann steigt er wohl noch eine Stufe höher und findet Trost und Halt in dem, was man zusammenfassen kann in den Worten: Bete und arbeite!2 oder wie man es auch ausdrücken kann: Arbeiten und nicht verzweifeln!3 Das Alles sind schöne Grundsätze, mit denen man sich zweifellos mächtig fördern und an denen man jahrzehntelang lernen kann, wenn man sie ernst nimmt. Aber das, was das Kreuz Christi uns zu sagen hat, tritt darin mindestens in den Hintergrund. Wenn beispielsweise Solche unter uns sind, denen der Grundsatz: Tue Recht und scheue Niemand! das Höchste ist in ihrer Religion, die werden sich heute im Stillen ehrlich eingestehen, dass sie der Botschaft des Karfreitags ein klein wenig fremd gegenüber stehen. Sie sollen sich nicht abschrecken lassen! |
Wir wollen versuchen, einander zu verstehen und miteinander diese Botschaft zu verstehen. Wir sind darin schließlich Alle nur Anfänger. Es geht selbst den nachdenklichsten und entschiedensten Christen so, dass ihnen zu Zeiten das Kreuz Christi zurücktreten will hinter andere, scheinbar wichtigere Wahrheiten des Evangeliums. Ich habe schon von Pfarrern und Theologieprofessoren sagen hören, dass |118 ihnen Worte Jesu wie die vom Vater im Himmel, von der Reinheit des Herzens, vom sorgenfreien Leben, von der Liebe zum Nächsten, von der Güte Gottes gegen die Sünder, von der bessern Gerechtigkeit viel größer und bedeutsamer seien als Jesu Tod auf
Wir wollen heute ein Wort des alten Testamentes zu uns reden lassen, das schon von den ältesten Christen als eine Ahnung oder als ein Hinweis auf das Leiden und Sterben Jesu ausgefasst worden ist. Er ist um unsrer Missetat willen verwundet und um unsrer Sünde willen zerschlagen. Die Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Dies Wort stammt aus jenem bekannten Abschnitt in der zweiten Hälfte des Jesajabuches, in dem von dem Leiden des Knechtes Gottes die Rede ist. Natürlich hat dort der
Ein Gerechter, ein Reiner, ein Vollkommener, ein Held und Lebendiger, der unter der Sünde der Menschen leiden muss. Das ist das Erste, was uns das Kreuz auf
Es befreit uns das Kreuz Christi aber auch noch von einem andern Irrtum über das Leben. Es kommt auch der umgekehrte Fall vor: dass wir zu leiden haben unter der Sünde Anderer, dass wir selbst also der Gerechte sind, dem man es schlecht macht in der Welt. Ganz zweifellos geschieht es jedem rechten Menschen, dass er mit seiner Ehrlichkeit auf die Lüge stößt, mit seiner Freundlichkeit auf die Kälte, mit seiner Einsicht auf den Unverstand und dass er dabei schwere Püffe davonträgt. Das geht so in der Welt. Aber was machen wir, wenn es uns so geht? Nichtwahr, da regen wir uns inwendig und auswendig auf, als widerführe uns etwas ganz Unerhörtes. Wir haben das Gefühl, es sei eine große Ungerechtigkeit geschehen, jedermann müsse davon wissen und Gott selbst müsse herbeifahren, um den Schaden, den wir erlitten, wieder gut zu machen. Dieses Gefühl ist unrichtig. Unser Prophetenwort und das Bild des gekreuzigten Heilands wollen uns an Stelle dieser Empörung über das Böse und über die Bösen eine große Ruhe in die Seele flößen. Sie sagen uns, dass Gottes Ordnung durchaus nicht verletzt ist, wenn wir um der Gerechtigkeit willen zu leiden haben unter unsern Mitmenschen. Das muss so sein. Das ist gerade Gottes Ordnung so. Wenn wir wirklich recht sind und etwas Rechtes wollen, dann wäre es ein Wunder, wenn uns nicht widersprochen würde, wenn wir es nicht manchmal bös hätten bei den Leuten. Ungestört und unangefochten bleiben nur die, die nichts Gutes zu vertreten haben oder die sich damit nicht hervorwagen. Wogegen das Gute, Göttliche in einem Menschen die Eigenschaft hat, dass es das Böse in den Andern zunächst wie zur Entfaltung, zur Reife bringt. Im Leiden Christi haben wir es mit einer förmlichen Explosion des Bösen zu tun, hervorgerufen durch die Kraft des Guten, die in ihm war. Es darf uns nicht wundern, wenn es uns in kleinerem Maßstab ähnlich ergeht. Es liegt darin kein Zufall und keine Willkür, sondern ein Gesetz des gütigen Willens Gottes. Das Böse muss sich entladen, um dadurch unschädlich zu werden. Das mag für uns, wenn es uns trifft, peinlich sein, aber es ist nichts Fremdartiges darin, nichts, gegen das wir uns im Namen Gottes auflehnen dürften. Der Gerechte muss um |122 andrer Missetat willen verwundet und um Andrer Sünde willen zerschlagen werden. Gottes Herrlichkeit muss sich in dieser Weise auswirken, wie das Licht Schatten werfen muss.
Aber nun kommen wir zu dem zweiten Gedanken, der in unsrer Schriftstelle liegt, und zu dem zweiten Bild, auf das uns das Kreuz von
Bitte, denkt bei diesen Worten nicht mehr an jene alte Lehre von der sogenannten Genugtuung, auch wenn sie vielleicht Manchem von euch als Kind eingeprägt worden ist, jene Lehre, wonach Gottes Zorn über die Sünde nach einem blutigen Opfer verlangt habe und dann an Stelle der sündigen Menschheit den unschuldigen Jesus getroffen habe.5 Davon steht kein Wort in der Bibel, und es ist ebenso unsinnig |123 als unchristlich. Gottes Vaterliebe hat sich keinen Augenblick von Jesus abgewendet: … und ob die Wolke sie verhülle, die Sonne bleibt am Himmelszelt!6 Sondern das ist die Stellvertretung, die Jesus auf
O wir wollen die Augen öffnen und uns umsehen, ob da nicht Menschen sind, die an unsrer Stelle leiden, wie dort Christus an Stelle seiner Feinde gelitten hat. Und dann wollen wir uns durchdringen lassen von Dankbarkeit gegen die Weisheit und Liebe Gottes, die Andere berufen hat, unsre Lasten zu tragen, lange bevor wir gewahr |124 wurden, dass solche Lasten überhaupt da sind. Da ist, um es noch einmal zu erwähnen, das Ungemach, das wir denen verursacht haben, die uns, oft genuga gegen unsern Willen, zu rechten Menschen erzogen haben. Sie litten an unsrer Statt. Da ist das Unverständnis und die Ablehnung, unter denen alle Entdecker und Vertreter neuer Gedanken immer wieder zu leiden haben. Sie sehen, was wir nicht sehen, wir sind die eigentlich Leidenden, die, denen etwas fehlt, nur merken wir es nicht. Und nun müssen sie da unser Leiden tragen, das darin besteht, dass wir nicht sehen. Da sind die Hunderttausende, die bei den heutigen Zuständen Unrecht leiden. Wir sind direkt oder indirekt mit schuld an diesen Zuständen. Wir lassen sie zu und fördern sie wohl noch. Aber nur sehen wir nicht, dass die Folge unsres Tuns Unrecht ist. Unzählige Andre aber leiden darunter, sie empfinden das Unrecht als Unrecht. Wer kennt und nennt sie, all die Namenlosen, Männer, Frauen und Kinder, die bei schlechter Erziehung und schlechter Nahrung, in ungesunden Wohnungen und Arbeitsstellen, bei niedrigem Lohn und niedriger Lebensfreude die Folgen unsrer Gleichgiltigkeit und Selbstsucht tragen, die das Unrecht, das wir nicht empfinden oder empfinden wollen und an dem wir doch tatsächlich leiden, offen an sich erfahren. Die leiden Alle an unsrer Statt. Denen Allen schulden wir Dankbarkeit für die große, ihnen selbst vielleicht unbewusste Solidarität, mit der sie unsre Last, die Last unsrer Sünde tragen. – |
Und wenn wir jetzt noch einmal den andern Fall annehmen wollen, dass wir selbst die sind, die von andern Unrecht leiden, dann wird es unsre Sache, eben diese Solidarität zu üben, die an Stelle der Andern leidet, die in der bedauerlichen Lage sind, Unrecht zu tun. Wir empfinden die Folgen des Unrechts auf das Allerschmerzlichste, aber nicht darum, weil sie uns treffen, sondern für die Andern, die das Unrecht begehen. Wir werden also nicht gleichgiltig werden gegen das Böse, das uns geschieht, ganz im Gegenteil: Wir erkennen das Böse in seiner ganzen Tiefe, wie es die Andern nicht erkennen. Aber die gehässige, zänkische Gesinnung kann nicht mehr in uns aufkommen gegen diese Andern. Wir fühlen uns überlegen, väterlich gestimmt gegen sie. Es erscheint uns völlig unmöglich, ihnen Leid mit Leid, Schmerz mit Schmerz zurückzuzahlen. Wir tragen Leid und Schmerz, die sie uns verursachen, an ihrer Stelle. Wir empfinden, wie |125 übel sie daran sind. Wir wollen uns nicht an ihnen rächen, sondern wir wollen sie bessern; wir wollen sie nicht bekämpfen, sondern wir wollen ihnen helfen.
Damit sind wir bei dem dritten Gedanken angelangt, der in dem Worte vom Leiden des Gerechten verborgen ist, beim dritten Bilde, vor das uns der Karfreitag führen will. Es ist das letzte und wichtigste. Aber ich brauche es nach dem Gesagten bloß kurz anzudeuten.
Unsere Strafe liegt auf ihm, auf dass wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Das will sagen, dass das Leiden des Gerechten unter unsrer Sünde und an unsrer Stelle uns zu Gute geschieht. Das unschuldige Leiden hat immer eine Kraft in sich, die das Gewissen der schuldigen Menschen bezwingt und eben damit die Schuld und Macht des Bösen von ihnen nimmt. Diese Bezwingung des Bösen, dieser Sieg des Guten hat sich im Kreuze Christi vollzogen. Jesu Tod wurde für Unzählige die offene Türe, durch die sie zum Vater, zum Leben eingegangen sind. Seine Worte haben sie gerührt oder interessiert, seine Zeichen und Wunder haben sie in Staunen und Nachdenken versetzt, aber wie er gelitten hat und gestorben ist, das hat sie überwältigt und nicht mehr losgelassen. Sie mussten sich vor dem größeren Gehorsam und der größern Liebe, die in diesem Leiden und Sterben zum Vorschein kamen, unterwerfen. Sie erfuhren in diesem Anblick den Zug der Hand Gottes, die sie mitten in ihrem alten Wesen ergriff und sie daraus herausriss. Wir wissen es von dem Schächer am Kreuz und von dem römischen Hauptmann, der dabei stand, wie sie durch das Blut Christi erweckt und zum Frieden des Gewissens, zu einem neuen Leben geführt worden sind [vgl.
Kann uns das Leiden und Sterben Christi gleichgiltig sein, meine Freunde? Oder wollen wir uns auch unter die Wirkung stellen, die uns zu Gute davon ausgegangen ist? Wollen wir dieses höchste und tiefste Gotteswort zu uns reden lassen vom Segen, der im Leiden des Gerechten liegt? Das Abendmahl, das wir heute nach der Stiftung des |126 Herrn zum Gedächtnis seines Todes zusammen begehen wollen, ladet uns dazu ein, diese Wirkung und dieses Gotteswort seines Todes in uns aufzunehmen. O wir wollen es so feiern, dass das Reich Gottes, für das Christus und seine Getreuen zu allen Zeiten gelitten haben, lebendig zu uns komme und dass wir den Mut und die Liebe in uns erneuern, die uns heißen, mit ihm zu leiden, damit der Friede und das Heil größer werden in der Welt.