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        <title type="volume" n="vol-56">Predigten 1912</title>
        <title type="content">Predigt: Markus 14,43-46</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Markus 14,43-46, 31. März 1912</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/56014 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1912, hrsg. v. Busch, Eberhard / Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2022, S. .</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1912</title>
          <title type="text">Predigt: Markus 14,43-46</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2022</date>
          <!--position within a volume-->
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mk 14,43-46, 31. März 1912. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1548">KBA 1084</ref>. </bibl>
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          <term>sermon</term>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1912-03-31">31. März 1912</date>
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                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.14.43 Mk.14.46">Markus 14,43–46</ref>
                          <quote rend="text-recte">… Und der Verräter hatte ihnen ein Zeichen gegeben und gesagt: Welchen ich küssen werde, der ist’s, den greift und führt ihn in Sicherheit! Und da er kam, trat er alsbald zu ihm und sprach zu ihm: Rabbi, Rabbi! und küsste ihn.</quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                <salute>Liebe Zuhörer!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                    <p>
                        <persName ref="kbga-actors-2301">Judas Ischarioth</persName> hatte von Gott etwas geschenkt erhalten, was ihn vor unendlich vielen Andern, auch vor <persName ref="kbga-actors-3875">Kaiphas</persName> und vor <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName>, in Vorzug setzte. Er war nicht ein blinder <term ref="kbga-terms-109">Heide</term> und nicht ein verstockter <term ref="kbga-terms-783">Jude</term>, als er half, Jesus ans <term ref="kbga-terms-129">Kreuz</term> zu bringen, und auch nicht Einer von der <term ref="kbga-terms-1545">gedankenlosen Masse</term>, die nicht weiß, was sie tut. Sondern ihm waren in einer großen Stunde seines Lebens oder vielleicht auch in einer Reihe von bedeutsamen Erfahrungen die Augen geöffnet worden für die Größe und Schönheit der Botschaft Jesu. Das war aber auch nicht ein rasch kommender und rasch wieder vergehender Eindruck gewesen. Er gehörte nicht zu den Vielen, die den Weg Jesu bloß kreuzten, sondern er ist ihn mit ihm gegangen. Er ist sein Jünger geworden. Er war dabei, als den Armen in <placeName ref="kbga-places-780">Galiläa</placeName> das <term ref="kbga-terms-59">Evangelium</term> verkündigt wurde, er gehörte zu denen, die Jesus beten lehrte: Unser Vater im Himmel! Dein Reich komme! Dein Wille geschehe! Vergib uns unsre Schulden! [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.9 Mt.6.12">Mt. 6,9–12</ref>]. Er hat die ganze Herrlichkeit des innern Lebens Jesu und die ganze Kraft seiner Wirkung kennengelernt. Und als die Menge der Gläubigen sich zu verlaufen begann, als Jesus einsam wurde und die Seinigen fragte: Wollt ihr auch weggehen?, da antwortete Judas mit <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName>: Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens und wir haben geglaubt und erkannt, dass du bist der Messias, der Heilige Gottes! [<ref type="can" subtype="bible" target="Joh.6.67 Joh.6.69">Joh. 6,67–69</ref>]. Er war nicht ein gelegentlicher Anhänger Jesu, sondern einer seiner Getreuesten, einer seiner Freunde, einer von denen, zu denen er offen heraus geredet, denen er sein innerstes Herz offenbart hat. – |</p>
                <p>Und das war der Mann, von dem wir heute gehört haben, dass er an der Spitze der Knechte des Hohepriesters in den Garten <placeName ref="kbga-places-864">Gethsemane</placeName> <pb xml:id="p109" ed="pga"/>  gekommen ist, um da Jesus seinen Feinden auszuliefern mit dem Zeichen der Liebe: mit einem Kuss, und mit der herzlichen und respektvollen Anrede: Rabbi, Rabbi! das heißt: Meister, Meister! Was muss sich da für eine Verwandlung vollzogen haben! In welchen Abgrund des <term ref="kbga-terms-174">Bösen</term> sehen wir da hinein! Aber gerade hier sehen wir eigentlich in die Gründe und in die Art des Bösen, der Gottesfeindschaft, nicht hinein, wie wir das bei <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> und <persName ref="kbga-actors-3875">Kaiphas</persName> mit ziemlicher Sicherheit tun konnten. Die unnatürliche Bosheit des <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> ist uns in ihrer Art ein ebensolches Geheimnis, wie es die übermenschliche Güte Jesu ist. Man hat wohl allerlei Vermutungen angestellt über die Gründe, die den Judas zum Verräter haben werden lassen. Man hat gesagt, es sei das Geld gewesen, der Betrug des Reichtums, wie Jesus einmal sagte [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.13.22">Mt. 13,22</ref>], die Aussicht auf die 30 Silberlinge der Hohepriester. Andre halten ihn für einen Enttäuschten, für Einen, der große Hoffnungen und Erwartungen auf Jesus gesetzt und der sich nun an ihm rächen wollte, als er sah, dass seine Träume sich nicht erfüllten. Noch Andre haben sich die Sache so vorgestellt, als habe Judas nach jener Ausrede gehandelt, die <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> im Römerbrief einmal erwähnt: Lasset uns <term ref="kbga-terms-174">Böses</term> tun, damit <term ref="kbga-terms-829">Gutes</term> daraus werde! [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.8">Röm. 3,8</ref>] Er habe Jesus absichtlich in Gefahr bringen wollen, um ihn so zu einer großen entscheidenden Unternehmung und damit zur Erfüllung seiner Träume zu zwingen. Alle dieser Vermutungen haben viel Wahrscheinliches an sich. |</p>
                <p>Andrerseits muss man sich aber sagen, dass sie alle miteinander nicht recht befriedigen. Man muss sich bei jeder einen wahren Roman hinzudichten, um sie als wahr anzunehmen. Wir wollen darauf verzichten, die Gründe dieses Verrats im Einzelnen zu erkennen. Wir wollen den Schleier nicht wegzunehmen versuchen, der wohl für alle Zeiten um die unheimliche Gestalt des Judas gehüllt, der nur von Gott gelüftet ist. Wenn die Gottesfeindschaft ihren Gipfel, ihre Vollendung erreicht, wie dies in <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> offenbar geschehen sein muss, dann ragt sie für unsre Augen hinein in die Nebelwelt des Unbekannten, gerade wie die vollendete <term ref="kbga-terms-732">Liebe</term>, die sich in der Selbstaufopferung Jesu offenbart, uns immer wieder wie etwas Unbekanntes, Fremdes berührt.</p>
                <p>Wir wollen uns hier wie dort in die Tatsachen vertiefen und nicht nach den Gründen forschen. Tatsache ist, dass <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> treulos war gegen Gott, der ihm unendlich viel anvertraut hatte. Dass er den verkaufte <pb xml:id="p110" ed="pga"/>  und von sich stieß, der ihm sich selbst geschenkt hatte. Dass er sich bewusst und absichtlich zum Feinde dessen machte, der ihn gewürdigt hatte, sein Bruder zu sein. <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-1547">Treulosigkeit</term></hi> – in diesem einen Wort können wir das zusammenfassen, was wir von der Sünde des Judas sehen und verstehen können. Wenn wir mit Recht das Gefühl haben, dass die Sünde des Judas nicht überboten werden kann, dann wissen wir, dass wir in der Treulosigkeit die <term ref="kbga-terms-1548">Vollendung der Sünde</term> überhaupt vor uns haben. Wir sehen hier rund und klar, was das Böse ist, in einer Weise, wie wir es bei <persName ref="kbga-actors-3875">Kaiphas</persName> oder <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> nicht sehen konnten. |</p>
                <p>
                        <term ref="kbga-terms-174">Böse</term> sein heißt: <term ref="kbga-terms-1549">untreu sein</term> gegen den Gott, der uns berufen hat und den wir erkannt haben. Aber wenn wir das so sagen, dann erkennen wir sofort, dass wohl die <hi rend="italic">Tat</hi> des <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> schauerlich ist in ihrer Einzigartigkeit, dass aber seine <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-64">Sünde</term></hi> so wenig einzigartig ist wie die des <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> oder <persName ref="kbga-actors-3875">Kaiphas</persName>. Wir Alle sind schon treulos gewesen. Wir Alle sind treulos gegen Gott. Das Böse in uns hat diese Spitze. Vielleicht <hi rend="italic">wissen</hi> wir es nicht, vielleicht <hi rend="italic">wollen</hi> wir es nicht wissen, aber es ist tatsächlich so. Wir dürfen auch auf Judas nicht heruntersehen. Den <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName> hat Jesus berufen zum Felsen, auf den er seine Gemeinde bauen wollte [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.16.18">Mt. 16,18</ref>]. Er ist auch ein mutiger und erfolgreicher Zeuge der <term ref="kbga-terms-340">Wahrheit</term> geworden. Und doch hat er sich einmal aus Angst vor dem Gespött einer Magd verschworen: Ich kenne den Menschen nicht! [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.26.72">Mt. 26,72</ref>]. Das war auch Treulosigkeit. Was er äußerlich getan hat, war weniger schlimm als das, was Judas getan hat, aber seine Sünde war nicht weniger schlimm. Es war nicht sein Verdienst, sondern die <term ref="kbga-terms-36">Gnade Gottes</term>, die ihn vor einem Schritt wie dem des Judas bewahrt hat. Aber die Kraft des Bösen, die ihn zu einem kleinen und Judas zu einem großen Schritt veranlasste, war dieselbe. Aus diesem Vergleich schon können wir sehen, dass wir nicht den Judas zu beurteilen und verurteilen haben, sondern die Sünde des Judas, die auch in uns ist. Die Sünde zu richten, ist unsre Sache, die <term ref="kbga-terms-750">Sünder</term> dagegen stehen in Gottes Hand. Er wolle uns Allen gnädig sein.</p>
                <p>Die Sünde in ihrer Spitze, in ihrer <term ref="kbga-terms-1548">Vollendung ist Treulosigkeit</term>, sagte ich. Böse sein heißt: das <term ref="kbga-terms-829">Gute</term>, das uns geschenkt ist, von uns stoßen. Das hat <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> getan. Das hat <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName> getan. Das tun wir. Wo dies Abstoßen, dies Verleugnen des Guten nicht ist, da ist auch nicht das Böse im eigentlichen Sinn. Von Finsternis reden wir dann, wenn wir aus einem erhellten Raum in die Nacht hinaustreten, oder wenn <pb xml:id="p111" ed="pga"/> wir in einem dunklen Zimmer das Licht auslöschen. Waren wir lange im Dunklen, dann werden wir uns an das Dunkel gewöhnen. Waren wir immer im Dunklen, so vermöchten wir bei Nacht Alles zu erkennen so gut wie am Tage, wie es manche Tiere können. Finsternis gibt es nur wegen des Übergangs vom Licht zum Unerleuchteten. So besteht auch das <term ref="kbga-terms-174">Böse</term> nur in der <term ref="kbga-terms-1550">Verleugnung des Guten</term>. Wenn wir das Gute nicht wollen, das wir empfangen und erkannt haben, dann erst sind wir böse. So ist auch in der Sünde ein Triumph Gottes: Das Böse ist nicht etwas Selbständiges, nicht etwas <term ref="kbga-terms-1559">in sich Vollkommenes</term>, wie es das <term ref="kbga-terms-829">Gute</term> ist, sondern nur die Umkehrung, das Spiegelbild gleichsam, die Verfälschung des Guten. Aber dieser Triumph Gottes wäre unsre Vernichtung. Er spricht für Gottes Größe, aber nicht zu unsrer Entschuldigung. Wenn wir das Licht gelöscht haben, dann wäre die Erwägung lächerlich, dass die Finsternis nichts Selbständiges bedeute, sondern nur einen Mangel an Licht. Wir tappen eben im Dunkeln und stolpern und fallen. Warum haben wir das Licht gelöscht? Das sind die Folgen der Finsternis. Gott triumphiert auch in der Finsternis, sage ich, aber wir kommen zu kurz dabei. Wir kommen <hi rend="italic">zu Fall</hi> dabei. Das sehen wir an Judas. Nachdem er seinen Herrn verraten hat, geht er hin und erhängt sich. Er hat sich selbst den Lebensfaden abgeschnitten. Nun kann er auch nicht weiter leben. Das ist nichts als natürlich. In der bewussten Abwendung vom Guten ist immer der <term ref="kbga-terms-1480">Selbstmord</term> verborgen, gleichviel, ob er äußerlich vollzogen wird oder nicht. Wir löschen uns selbst aus, indem wir das Licht des Göttlichen in uns auslöschen. Das erste ist nur die Folge des zweiten.</p>
                <p>Gott hat uns Alle in mannigfacher Weise  mit seinem Guten beschenkt, wie er es dort mit <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> getan hat. Und ebenso mannigfach ist die Weise, in der wir treulos sind gegenüber dem Geber. – |</p>
                    <p>Gott redet mächtig zu uns <term ref="kbga-terms-969">in der Stimme der <hi rend="italic">Natur</hi></term>. Was sind nicht für Gottesbotschaften verborgen in solchen <term ref="kbga-terms-1552">Frühlingsmorgen</term> und Frühlingsabenden, wie wir sie jetzt wieder erleben dürfen! Wie redet da jeder Baum mit seinen grünen Trieben vom Aufwachen und von neuem Leben, und jede grüne Matte<note xml:id="n01">
                    <p> «Matte» steht im Schweizerdeutschen für «Wiese».</p>
                </note> und die Wälder, die wieder Farbe annehmen, reden von der Freude, die wir um uns verbreiten sollten, und der klare, blaue Himmel von der Reinheit, die in uns <pb xml:id="p112" ed="pga"/> walten müsste. Sehen wir Alles das? Ja, wir sehen es. Es tut uns wohl, solche Eindrücke zu empfangen, wir werden auch wohl schwärmerisch und gefühlvoll und reden entsprechend, und die Schulkinder müssen bald wieder Frühlingslieder singen. Das ist Alles schön und gut. Aber ist nicht oft etwas von der Art des <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> dabei, der: Rabbi, Rabbi! sagte und zugleich seinen Meister verriet? Wollen wir denn wirklich etwas haben von dem <term ref="kbga-terms-982">neuen Leben</term>, von der <term ref="kbga-terms-1458">Freude</term> und Reinheit, die uns Gott in der <term ref="kbga-terms-1552">Frühlingsnatur</term> anbietet, oder wehren wir uns nicht mit Händen und Füßen gegen diese Dinge, während unsre Lippen davon reden. Die <term ref="kbga-terms-328">Natur</term> bewundern und zugleich unnatürlich bleiben wollen, das reimt sich schlecht zusammen. Das ist <term ref="kbga-terms-1547">Treulosigkeit</term>. – |</p>
                <p>Ich habe aber vor Allem an <hi rend="italic">die</hi> Natur gedacht, die uns am Nächsten liegt, nämlich an unsre eigene. An unsre Triebe und Anlagen, an unsern <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-1416">Charakter</term></hi>, an das Geisteswesen, das wir gewissermaßen mit auf die Welt gebracht haben. In diesen Dingen ist eine mächtige Gottesstimme, für jeden eine besondere. Jeder <term ref="kbga-terms-1250">Mensch ist dazu bestimmt</term>, etwas in sich Vollkommenes zu werden und zu leisten, <hi rend="italic">jeder</hi> Mensch, sage ich. Es gibt keinen, der nicht durch sein innerstes Wesen auf das <term ref="kbga-terms-829">Gute</term> hingewiesen wäre. Es gibt nichts Schlechtes in der Natur. Auch unsre verborgensten <term ref="kbga-terms-1412">Triebe</term> haben in sich das Ziel, zum Guten gezogen und erzogen zu werden. Das weiß Jeder. Aber was machen wir nun? Ja, wir beschäftigen uns gern  mit uns selbst, mit unserm Charakter, <term ref="kbga-terms-1553">unsrer Natur</term>. Das will ich nun einmal!, sagen wir, oder: Das muss ich! oder: Das kann ich nicht! Ich kenne mich! Aber es ist merkwürdig, dass wir besonders dann so aufmerksam, so zärtlich fast sind mit uns selbst, mit unsrer Natur, wenn wir den Forderungen, die unser besseres Selbst, unsre höhere Natur von uns fordert, entschlüpfen, wenn wir sie in ihr Gegenteil verkehren wollen. Die größte Verlotterung, die größte Lieblosigkeit und Ungerechtigkeit verhüllen wir damit, dass wir sie als ein sogenanntes Bedürfnis unsrer Natur hinstellen. «Ich kann nicht anders!» Als ob nicht das tiefste Bedürfnis unsrer Natur nach <term ref="kbga-terms-1653">Ernsthaftigkeit</term>, nach <term ref="kbga-terms-593">Liebe</term>, nach <term ref="kbga-terms-283">Gerechtigkeit</term> riefe! Er sprach: Rabbi, Rabbi! und küsste ihn. So machen wir es oft genug mit uns selbst. Und das ist <term ref="kbga-terms-1549">Treulosigkeit gegen Gott</term>, der uns berufen hat. – |</p>
                <p><pb xml:id="p113" ed="pga" rend="noPipe"/> Ich will etwas Anderes nennen, das wir nicht mit auf die Welt bringen, sondern das Gott erst nach und nach in uns entstehen lässt, und das darum doch nicht minder sein Geschenk ist. Ich meine das <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-596">Gewissen</term></hi>. Das Gewissen ist der Barometer in unserm <term ref="kbga-terms-1431">inwendigen Leben</term>, auf dem wir ablesen können, wie das Wetter sein wird, das göttliche Urteil, das auf die Luft, die bei uns herrscht, folgen wird. Das Gewissen ist eine <term ref="kbga-terms-1554">Gottesgabe</term> sondergleichen. Beim einen ist’s feiner, beim andern gröber. Wir wollen jetzt aber nicht davon reden, sondern nur davon, wie wir’s brauchen. Das Gewissen eines Safenwilers soll höher und feiner entwickelt sein als das eines Italieners oder eines Australnegers, das eines erwachsenen Mannes soll ausgebildeter sein als das eines Kindes. Aber das ist jetzt gleichgiltig. Wenn nun einmal jeder <hi rend="italic">seinem</hi> Gewissen folgen würde, was wäre das für eine Welt!! Das Gewissen, wenn man es rein und un[ge]trübt reden lässt, hat etwas so mächtig Forderndes. Es verschlechtert die Menschen nie, sondern es verbessert sie, wer sie auch seien. Es trennt sie nicht, sondern es verbindet sie. Es legt ihnen nicht Lasten auf, sondern es bringt ihnen <term ref="kbga-terms-658">Freiheit</term>. <hi rend="italic">Wenn</hi> man es reden lässt! Aber <hi rend="italic">tun</hi> wir denn das? Ja, <hi rend="italic">vom</hi> Gewissen reden wir wohl. Aber ich glaube, gerade wenn wir am meisten davon reden, redet das Gewissen selbst am Wenigsten. Ich habe an mir selbst schon die Erfahrung gemacht, dass mir die Worte: Ich habe ein gutes Gewissen! gerade in solchen Momenten besonders leicht über die Lippen gingen, in denen ich im tiefsten, innersten Grunde meiner Sache nicht so ganz sicher war. Und ich habe es Andern schon an den Augen angesehen, dass sie <hi rend="italic">kein</hi> gutes Gewissen hatten, während ihre Lippen sagten: ich habe ein gutes Gewissen! Im Namen des Gewissens hat man schon <term ref="kbga-terms-1561">Religionskriege</term> geführt und <term ref="kbga-terms-1555">Ketzerprozesse</term> abgehalten und die <term ref="kbga-terms-1299">Geistesfreiheit</term> unterdrückt, und im Namen des Gewissens hat man an andern Orten der Zügellosigkeit Tür und Tor geöffnet. Da ist offenbar auch <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> im Spiel, der Rabbi, Rabbi! sagt, der vom Gewissen redet, um das <term ref="kbga-terms-596">Gewissen</term> zu verraten. – |</p>
                <p>Ein anderes Gottesgeschenk ist die <hi rend="italic">Lebenslage</hi>, in die jedes von uns hineingeboren oder in die es durch die Umstände hineingeführt worden ist. Darin ist auch etwas von Gott, und zwar etwas sehr Großes, dass wir sind, was wir sind. Es ist etwas Großes, ein <term ref="kbga-terms-1358">Schweizer</term> sein zu dürfen. Wie gut wir es hier haben, merken wir gewöhnlich erst, wenn wir uns einmal im Ausland umgesehen haben. Dann verstehen wir, <pb xml:id="p114" ed="pga"/> dass wir an unsrer <term ref="kbga-terms-1556">Heimat</term> etwas Einzigartiges haben, äußerlich und in geistigen Dingen erst recht. Es ist etwas Großes, so auf dem Land leben zu dürfen, Luft und Licht und Sonne und Ruhe umsonst zu haben, wie ihr Alle es habt. Geht und fragt einmal die Bewohner der Arbeiterquartiere in den großen Städten, was ihnen fehlt und was ihr habt, ohne daran zu denken. Es ist etwas Großes, ein <term ref="kbga-terms-1464">Fabrikarbeiter</term> zu sein. Jawohl, warum nicht? Denn bei allem Fatalen und Ungerechten, das diesem Stand und dieser Arbeitsweise heute noch anhaftet, gehört ihr doch die Zukunft. Sie ist die höhere Berufsform als zum Beispiel der alte <term ref="kbga-terms-1557">Handwerkerstand</term>. Sie führt die Menschen zusammen, statt sie auseinander und gegeneinander zu führen. Und wenn sie einmal auf einer gesünderen Grundlage ruhen wird als heute, wird es sich zeigen, dass die Menschen dabei freier werden von den Sorgen des Alltags und freier für die Pflege des geistigen Lebens, als es unsre Väter waren. In dieser Hoffnung darf gerade der Fabrikarbeiter das besondere Gottesgeschenk seines Standes erblicken. Aber nun, was machen wir damit? Sind wir treu in dem, was Gott uns hat werden lassen, oder gleichen wir dem Judas, der sein Kostbarstes um 30 Silberlinge verkauft? Um nur das Letzte zu nennen: wie spärlich gesät sind doch die Fabrikarbeiter und -arbeiterinnen, die an das besondere Gottesgeschenk ihres Standes glauben! Man nennt sich <term ref="kbga-terms-1464">Arbeiter</term> und hat doch die alte <term ref="kbga-terms-1558">Selbstsucht</term> noch so gar nicht überwunden, die doch nicht mehr zu diesem Stande passt, der den Menschen ganz von selbst zum <term ref="kbga-terms-800">Mitmenschen</term> hinweist. Man freut sich der <term ref="kbga-terms-1562">freien Zeit</term>, die diese Arbeit im Gegensatz zu mancher andern dem Menschen verschafft, aber man benützt sie, um dem <term ref="kbga-terms-1520">Alkoholismus</term> zu frönen oder andren Kindereien, statt diesen <term ref="kbga-terms-1101">Gottessegen</term> zu brauchen, wie er gebraucht sein will, nämlich zur Pflege des geistigen Lebens und der allgemein menschlichen Interessen überhaupt. Man profitiert dankbar von Allem, was Andre etwa zur Hebung dieses Standes, zur Herbeiführung einer bessern Zukunft tun, aber man rührt selbst keinen Finger, um etwas in dieser Richtung zu tun, ja, man fällt wohl gar noch denen, die etwas tun wollen, in den Rücken, um sich an geeigneter Stelle «lieb Kind» zu machen. Das ist <persName ref="kbga-actors-2301">Judas Ischarioth</persName>, wie er heute lebt. Er ist in jeder Gestalt der Mann, der sich selbst das Urteil spricht.</p>
                <p>Von dem höchsten und größten Gottesgeschenk haben wir noch gar nicht gesprochen. Gott schenkt uns seine Güter in <term ref="kbga-terms-1553">unsrer Natur</term>, <pb xml:id="p115" ed="pga"/> in unserm <term ref="kbga-terms-1416">Charakter</term>, in unserm <term ref="kbga-terms-596">Gewissen</term>, in unsern Lebenslagen. Das ist viel, aber noch mehr ist, dass wir in dem Allem das Bild <hi rend="italic">Jesu</hi> vor Augen haben dürfen als eine beständige Aufforderung und <term ref="kbga-terms-72">Verheißung</term>, die uns nie zur Ruhe kommen lässt und die uns doch in der Unruhe immer wieder den <term ref="kbga-terms-589">Frieden</term> gibt. Er ist von allem Guten, was Gott uns schenkt, der Mittelpunkt. Er lehrt uns alles Übrige verstehen. <hi rend="italic">Er</hi> öffnet uns die Augen für die <term ref="kbga-terms-328">Natur</term>, <hi rend="italic">er</hi> gibt uns das Vertrauen, dass jeder mit seinem Charakter ein <term ref="kbga-terms-1055">Kind Gottes</term> werden darf, <hi rend="italic">er</hi> weckt und bildet unser Gewissen, <hi rend="italic">er</hi> lässt uns in jeder Lebenslage den <term ref="kbga-terms-76">Willen Gottes</term> erkennen und ergreifen. Er ist größer als alles Andre und kann uns darum alles Andre groß machen. Er ist der rechte Schlüssel unsres Lebens. Wir sehen ihn, wir erkennen ihn, wir nennen uns <term ref="kbga-terms-277">Christen</term> nach seinem Namen. Aber was machen wir mit ihm? Sind wir seinem Geist getreu? Findet er uns an der Stelle im Weinberg, zu der er uns berufen hat? [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.10.1 Mt.10.15">Mt. 10,1–15</ref>] Gehen wir mit ihm seinen Weg zu Ende oder machen wir da Halt, wo <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName> Halt und Rechtsumkehrt gemacht hat?</p>
                <p>Meine Freunde, ich will <hi rend="italic">diese</hi> Frage unbeantwortet lassen. Jeder von euch muss sie sich selbst beantworten. Wir stehen nun in unmittelbarer Nähe von <term ref="kbga-terms-1411">Karfreitag</term> und <term ref="kbga-terms-274">Ostern</term>. Wir haben uns darauf vorzubereiten gesucht, indem wir von den Feinden Jesu geredet haben. Ich denke, dass ihr mich verstanden habt. Wenn uns das <term ref="kbga-terms-129">Kreuz Christi</term> die Botschaft von <hi rend="italic">unsrer</hi> Verführung und die <term ref="kbga-terms-393">Auferstehung</term> die Botschaft von <hi rend="italic">unserm</hi> <term ref="kbga-terms-982">neuen Leben</term> verkündigen soll, dann müssen wir zuvor in den <term ref="kbga-terms-1266">Leiden Christi</term> <hi rend="italic">unser</hi> Werk und in seinen Feinden <hi rend="italic">uns selbst</hi> erkannt haben. Und wenn wir in diesen Tagen zum Tisch des Herrn treten wollen in der dankbaren Zuversicht, dass wir zu ihm gehören, dann müssen wir es durchschauen, dass er uns aus der Gemeinschaft seiner <hi rend="italic">Feinde</hi> zu <hi rend="italic">seiner</hi> Gemeinschaft berufen hat. Dann wollen wir uns aber auch nicht schämen, heute zu uns selber zu sagen, jeder zu sich selber:</p>
                <p>Ich bin der Judas!</p>
                </div>
                <div type="closer">
                <salute>Amen.</salute>
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