Predigt: Matthäus 26,51-66
Was soll man von diesem Hohepriester
Und nun befindet er sich trotz all dieser tiefen Unterschiede mit und neben Pilatus einträchtig in der Gesellschaft derer, die Jesu Leiden und Sterben auf dem Gewissen haben. Ja, was soll man von diesem Herrn halten? Meine Freunde, wir haben in unsern letzten Predigten gesehen, dass in der Leidensgeschichte Jesu ein scharfes Gericht verborgen ist über die, die keinen Charakter und keine Überzeugung haben, und über die, die keine haben wollen wie Pilatus. Vielleicht hat der eine oder andre von euch das Gefühl gehabt, es sei dabei ein wenig zum Fenster hinaus geredet worden, das heißt, an die Adresse solcher, die nicht da sind. Denn die Charakter- und Überzeugungslosen, die oberflächliche Masse und die Pilatusse kommen heutzutage, wo sie |99 niemand mehr dazu zwingt,1 in der Regel doch nicht in die Kirche. Ich glaube doch nicht, dass diese Predigten darum überflüssig gewesen sind. Erstens darum nicht, weil Jedes von uns ohne Ausnahme auch etwas von der Masse und von Pilatus in sich trägt. Wir Menschen sind eben gar zusammengesetzte Wesen und sind im Stande, große Widersprüche in uns zu vereinigen. Zweitens sind wir aber wiederum Alle in der Gefahr, in das Massenwesen und in das Pilatuswesen offen hineinzugeraten. Aber wenn etwas daran gewesen ist, dass wir die beiden letzten Male zum Fenster hinaus geredet haben an und über solche, die doch nicht da sind, dann wollen wir es jedenfalls heute gut machen und ganz und ausschließlich von uns, von denen, die da sind, regelmäßig da sind, reden. Von
Wenn wir das Benehmen des Kaiphas betrachten, so fällt uns vor Allem Eines auf: dieser Mann, der ein entschiedener Vertreter und Vorkämpfer der Sache des Guten, der Sache Gottes sein wollte, konnte nicht ruhig beobachten und nachdenken. Das war das Erste, was ihn zum Feind und Mörder Jesu gemacht hat. Alles, was wir von ihm hören, macht den Eindruck der Voreingenommenheit und der blinden Hitze. Kaiphas hatte Scheuleder an. Er hat einen gewissen Begriff von |100 dem, was gut und göttlich ist: das Gesetz, der Tempel, das Opfer, das heilige, auserwählte Volk Gottes. Was mit diesen Worten zu beschreiben ist, das ist die rechte Religion, alles Andre ist vom Teufel. Mit diesem Begriff misst er Alles, was an ihn herankommt, wie mit einem Maßstab. Und darum muss er von vornherein Alles, was dazu nicht passt, verurteilen. Von vornherein, sage ich. Er kann nicht mehr beobachten und nachdenken, weil er das nach seiner Meinung gar nicht nötig hat. Er weiß ja, was die Wahrheit ist, bevor er beobachtet und nachgedacht hat. Dieser Mann wurde nun der Richter Jesu! Es zeigt sich schon hier, dass die Ehrlichkeit, die ich ihm am Anfang nachrühmte, nicht sehr tief ging. Wozu erst ein Gericht halten, wenn er und die Andern doch auf nichts Anderes ausgingen als darauf, ein Schuldig! auszusprechen? Die Zeugen, die er berufen, sollten ja doch nur das aussprechen, was Kaiphas schon wusste. Die Frage, die er an Jesus richtete: Bist du Christus, der Sohn Gottes? war eine offenkundige Falle, sie war so gestellt, dass Jesus darauf nur das antworten konnte, was sein Richter hören wollte, um ihn zu verurteilen. In dem Zornausbruch, dem er sich auf Jesu Antwort hin ergab, spüren wir zu deutlich die Freude dessen, der wieder einmal recht gehabt hat. Das war alles Andre, nur nicht Ehrlichkeit. Das kam davon, dass Kaiphas nicht beobachten und nachdenken wollte, sondern eben Recht behalten und darum verurteilen. So wurde Jesus verworfen. Und so wird Jesus verworfen überall da, wo man nicht beobachten und nachdenken will, und wenn es in der scheinbar besten und heiligsten Absicht geschieht. |
Er hat Gott gelästert, was bedürfen wir weiter Zeugnis! Ja, was bedürfen wir weiter Zeugnis! Gerade wenn wir einen festen Standpunkt, bestimmte Überzeugungen haben oder zu haben meinen, gleichen wir so oft diesem
Ich las letzte Woche ein Buch, dessen Verfasser sich selbst einen «entschiedenen Christen» nennt, ein Buch über den nahen Weltuntergang und die sogenannte Entrückung der Gläubigen.2 Um zu begründen, dass diese letzten Dinge in nächster Nähe seien, musste er beweisen, dass sich die Welt gegenwärtig auf einer unerhörten Stufe von Schlechtigkeit befinde. Ich konnte nur staunen, wie leicht ihm dieser Beweis wurde, wie es ihm gelang, auf einer geringen Seitenzahl Alles und Jedes zu berühren, die Weltpolitik und die schweizerische und die Lokalpolitik, die Industrie und den Sozialismus, die Literatur und die öffentliche Sittlichkeit, die Philosophie und die Theologie, um Allem und Jedem eine schlechte Seite abzugewinnen. Hier eine Zeitungsnotiz und dort eine, hier ein halbverstandener Ausspruch eines Mannes und dort eine aus allem Zusammenhang gerissene Stelle aus einem Buch, das genügte, um mit der gleichen Befriedigung wie
Ich nenne dieses Buch nur als Beispiel. Gerade sogenannte «entschiedene Christen» machen es häufig so, ich möchte sagen: je «entschiedener» sie sich fühlen, um so mehr. Sie verurteilen die sogenannte Welt, das heißt, ihre Mitmenschen, als ob sie sie durchschaut und verstanden hätten wie Gott selbst. Und doch haben sie nur von der Oberfläche der Dinge etwas gesehen oder gemeint zu sehen. Hier haben sie von grüslichen3 Zuständen gehört und dort von ungläubigen Menschen. Das Wenige passt allerdings nicht gerade zu ihrem Stand|102punkt, vielleicht auch mit Recht, aber nun verwerfen sie auf Grund des Wenigen, was sie kennen, das Ganze, das sie nicht kennen, und darin haben sie sicher Unrecht. Das ist
Wir haben hier schon das Zweite berührt, was ich nennen wollte. Dem Kaiphas fehlte das Vermögen, sich beschenken, bereichern, fördern zu lassen. Wer das nicht kann, wird immer zum Feinde Gottes werden. Kaiphas sonnt sich zufrieden in seinem Besitz. Er hat sich längst beruhigt bei dem Gedanken, mit Gott im Reinen zu sein in seinen Anschauungen und in seiner Lebensweise. Vielleicht hat er auch einmal eine Zeit des Fragens und Suchens durchgemacht. Aber nun hat er gefunden und dann abgeschlossen. Er hat das Gefühl, mit Gott und mit der Welt in Ordnung zu sein. Darum weiß er mit Jesus nichts anzufangen, als ihn zu verurteilen. Wenn er ihn fragt: Bist du Christus, |103 der Sohn des lebendigen Gottes?, so steckt dahinter nichts Anderes als die Frage, die solchen sicheren Leuten immer die Schrecklichste ist: Ist es wahr, dass du uns etwas ganz Neues zu sagen und zu bringen hast? Etwas, das uns zwingen würde, noch einmal von vorn anzufangen mit unsrer Erkenntnis und unsern Grundsätzen? Er spürt in dem Anspruch Jesu, des Zimmermannssohnes von
Das ist nun gerade die unerfreuliche Entwicklung, die uns auch droht, wenn wir uns Charakter und Standpunkt und Überzeugung gewonnen haben. Nicht nur, dass wir dann leicht gegen die Liebe und gegen die Wahrheit sündigen, wie wir es vorhin beschrieben, indem wir etwas verurteilen, das wir gar nicht kennen. Wir verlieren auch die Kindlichkeit und Offenheit und Empfänglichkeit, die doch vielleicht das Schönste und Wertvollste ist im Menschenleben. Ich sage, wir verlieren die Kindlichkeit. Und das vielleicht gerade dann am Allermeisten, wenn wir uns mit Überzeugung auf den Standpunkt eines sogenannten Kinderglaubens stellen, mit dem Hintergedanken: Hier bin ich, hier bleib ich, hier ist mir wohl. Wer die Kinder ein wenig kennt, weiß, dass solches Stehenbleiben das Unkindlichste von der Welt ist. Wenn man einem Kind etwas Neues erzählt, dann bittet es nicht: Still, still, ich will nichts weiter hören, im Gegenteil, es verlangt immer mehr. Der rechte Kinderglaube ist durchaus nicht ein ruhiges Dahindämmern, sondern rastloses, dürstendes Verlangen nach mehr Wahrheit, mehr Schönheit, mehr Tiefe. Diese Kindlichkeit kommt uns leicht abhanden, wenn wir charaktervolle Leute geworden sind. |
Und ebenso ergeht es uns mit der Offenheit. Offenheit ist das bereits erwähnte Vertrauen gegen das Unbekannte. Ein offener Mensch tut jedem unbekannten Menschen, auch jedem unbekannten Gedanken zunächst einmal freundlich die Türe auf, in der bestimmten Er|104wartung, er werde ihm etwas Gutes bringen. Diese Offenheit sollten wir uns bewahren, auch dann, wenn wir Überzeugungen gewonnen haben. Aber das ist recht schwer, ihr wisst es. Wir nehmen dann gern die Sitte an, mit solchen Gästen durch die Türspalte zu verkehren, um die Türe bei Zeiten ins Schloss werfen zu können, wenn sie uns zu zudringlich würden. Oder wir ziehen gar vor, die Türe überhaupt geschlossen zu lassen und uns nur mit mürrischer Stimme zu erkundigen, wer draußen sei. Wie steht man einander doch gerade in religiösen Dingen vielfach noch so misstrauisch gegenüber, immer mit der Frage auf den Lippen: Stehst du auch auf dem rechten Grund? Bist du auch bekehrt? Glaubst du auch an jedes Wort, das in der Bibel steht? Solche Fragen gleichen der Haustüre, die gleich ins Schloss fallen wird. Und wenn man es auf andern Gebieten, zum Beispiel in der Politik, vielfach ähnlich macht, so ist es nichts umso schöner. Und wenn wir nicht mehr kindlich und offen sind, dann ist auch die Empfänglichkeit in uns abgestorben. Empfänglich sein heißt das Gute dankbar aufnehmen, wo wir es finden und wann es sei. |
Ich habe einmal einen Pfarrer sagen hören: ich habe meine Anschauungen vor 35 Jahren abgeschlossen, als ich bei Professor So und So Zuhörer war.5 Das sagen nicht Alle so deutlich, aber sie machen es so, und zwar durchaus nicht nur Pfarrer, sondern noch ganz andre Leute. Sie hören wohl dies und das von neuen Ansichten, neuen Anregungen, neuen Bewegungen, aber sie sagen laut oder leise: ich habe abgeschlossen, ich bin andrer Ansicht, ich bin zu alt, in meiner Zeitung steht es anders. Gerade wie wenn man jemals «abgeschlossen» haben könnte, wenn es sich um die Wahrheit handelt! Leben wir denn nicht gerade davon, dass wir empfangen, aufnehmen dürfen, davon, dass Leben in uns einströmt aus der unendlich reichen Welt Gottes, davon, dass wir durch die Kräfte, die Gott in die Menschheit gelegt |105 hat, immer wieder berührt und befruchtet und gehoben werden? Wie elend wären wir, wenn wir auf uns selbst angewiesen wären, wenn wir einzig mit Hilfe unsrer Begriffe von Gott und Leben den Weg zu Gott und durch’s Leben finden müssten! Und doch begibt sich Mancher freiwillig in diese elende Lage und meint noch, das sei die rechte Entschiedenheit des Christentums oder des Charakters, die das von ihm verlangen.
Das führt uns auf das Dritte. Kaiphas sagt von Jesus: Er hat Gott gelästert!, das heißt, er hat Gott beleidigt, in seiner Ehre gekränkt. Man fragt sich unwillkürlich, woher ein Kaiphas das wissen mag, dass die Ehre Gottes durch einen andern Menschen verletzt ist. Das kann doch nur Gott selbst wissen. Und dann merkt man, dass ihm eine sehr häufige Verwechslung widerfahren ist. Er selbst fühlt sich gekränkt und beleidigt durch den Anspruch Jesu, der einen Druck auf ihn ausübt, dass er, der Hohepriester, der Gott so genau kennt und so eifrig verehrt, noch etwas Neues anfangen soll in seiner Erkenntnis und in seinem Leben. Das ist freilich ein unangenehmer Anspruch. Und nun kommt die Verwechslung. Er tut, wie wenn dieser Anspruch Gott unangenehm wäre. Er hat Gott gelästert!, ruft er und zerreißt nach jüdischem Richterbrauch dazu sein Gewand. Er hat Gott gelästert! Ja, ja! Das ist eine bequeme Sache, wenn man sich mit seinem Verdruss so hinter den lieben Gott stellen und sagen kann: Ich bin beleidigt! und darum ist Gott beleidigt! Es scheint, da müsse man schon Hohepriester von Jerusalem sein, um das mit solcher Sicherheit sagen zu können. Und doch haben wir es Alle schon so gemacht. Wenn wir doch mit demselben Eifer die Sache Gottes zu unsrer Sache machen würden, wie wir unsre Sache zur Sache Gottes machen!! |
Da haben wir nun die dritte große Gefahr der Entschiedenheit des Charakters und der Überzeugung vor uns. Je entschiedener wir sind, je besser das Teil ist, das wir uns erwählt haben, desto leichter sind wir geneigt, ganz schnell und einfach zu denken: Meine Meinung ist Got|106tes Meinung, meine Gedanken sind Gottes Gedanken, mein Wille ist Gottes Wille, meine Wahrheit ist Gottes Wahrheit. Also wir sehen einen Andern, in dessen Kopf und Herzen und in dessen Leben es ganz anders aussieht als in dem Unsrigen. Wir sind rasch bereit zu sagen: er verletzt die Ordnung Gottes. Ja, woher wollen wir das wissen? Wir kennen doch jeder bloß die Ordnung Gottes, die für uns selbst gilt. Woher nehmen wir die Fähigkeit, einen Andern des Frevels gegen Gott zu zeihen? Haben wir in Gottes Rat gesessen? Nein, nichtwahr, das offenbar nicht. Aber das sehen und spüren wir, dass am andern Weg des andern Menschen eine gewisse Geringschätzung unsres eigenen Weges entsteht. Er kann es offenbar anders machen. Wir spüren vielleicht sogar die leise Aufforderung: Komm herüber auf meinen Weg! Das ist ohne Zweifel störend. Und um uns gegen diese Störung zu sichern, kommen wir auf den Gedanken, den Andern des Frevels gegen Gott zu zeihen. Du glaubst nicht, wie ich glaube, darum hast du nicht den rechten Glauben, der selig macht! Du respektierst mich und andre fromme Leute nicht, wie wir es wünschen, und darum respektierst du Gott nicht. Du tust nicht, was ich gerne hätte, und darum tust du den Willen Gottes nicht.6 Solche Gedanken und solche Worte gegenüber unsern Nächsten passieren uns alle Tage. Sind wir uns klar, wie gefährlich sie sind? dass das vielleicht die größte ist von den Gefahren, von denen wir heute sprechen? Es ist leicht, sich selbst, seinen Charakter und seine Überzeugung mit Gott zu verwechseln, aber es ist auch ungeheuer folgenschwer für unser Leben. Bei
Meine Freunde. Wenn wir bekehrt sind, wenn wir einen Standpunkt, wenn wir Charakter und Überzeugung haben, wenn wir anders geworden sind als die Masse und als die Pilatusse, dann wollen wir uns noch ein zweites Mal bekehren, wollen unserm großen Gott |107 auch unsre Bekehrtheit, unsern Standpunkt, unsre Überzeugung zu Füßen legen und zu ihm sagen: Herr Gott, das Alles, dies Schöne und Gute, bist noch nicht du selbst, das sind unsre menschlichen Formen, dir zu dienen. Wir wissen aber, dass sie unvollkommen sind, und wir verlangen herzlich nach Besserem. Denn wir wissen, dass es Besseres gibt: So hoch der Himmel ist über der Erde, so sind auch deine Gedanken höher als unsre Gedanken und deine Wege denn unsre Wege [
Meine Freunde. Wenn wir einmal so beten werden, dann werden wir dem
- Nr. 113: «O Welt, sieh hier dein Leben» von
P. Gerhardt (RG 441; EG 84), Strophen 1–3. - Nr. 124: «Marter Jesu, wer kann dein vergessen» von
Chr. R. von Zinzendorf , Strophen 1 und 4.