24. März 1912

Predigt: Matthäus 26,51-66

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Matthäus 26,57–66
Da zerriss der Hohepriester seine Kleider und sprach: Er hat Gott gelästert; was bedürfen wir weiter Zeugnisses?
Liebe Zuhörer!

Was soll man von diesem Hohepriester Kaiphas halten? Er ist fast in Allem das genaue Gegenstück zu Pontius Pilatus, den wir vor acht Tagen kennengelernt haben. Von ihm kann man nicht sagen, dass er nicht weiß, was er will. Im Gegenteil: er weiß es nur zu gut. Er versteckt sich nicht, wenn es gilt, einen Entschluss zu fassen, und er zaudert nicht, wenn es gilt, ihn auszuführen, sondern er handelt höchst offen und höchst energisch. Er steht Jesus nicht gegenüber wie der ungebildete, inkompetente Richter Pilatus, sondern als Fachmann der Religion, als der berufsmäßige Kenner des Willens und des Gesetzes Gottes. Er ist auch nicht ein Rohr, das vom Wind einer öffentlichen Meinung hin- und herbewegt wird; er bläst vielmehr selbst mit vollen Backen und will, dass die öffentliche Meinung meint, was er meint. Schließlich kann man ihm auch die Ehrlichkeit nicht absprechen, er ist «ehrlich», wenigstens im oberflächlichen Sinn des Wortes, das heißt, seine Worte und Handlungen sind der Ausfluss seiner entschiedenen Überzeugung, nicht ein Maskenspiel wie die des Pilatus. |

Und nun befindet er sich trotz all dieser tiefen Unterschiede mit und neben Pilatus einträchtig in der Gesellschaft derer, die Jesu Leiden und Sterben auf dem Gewissen haben. Ja, was soll man von diesem Herrn halten? Meine Freunde, wir haben in unsern letzten Predigten gesehen, dass in der Leidensgeschichte Jesu ein scharfes Gericht verborgen ist über die, die keinen Charakter und keine Überzeugung haben, und über die, die keine haben wollen wie Pilatus. Vielleicht hat der eine oder andre von euch das Gefühl gehabt, es sei dabei ein wenig zum Fenster hinaus geredet worden, das heißt, an die Adresse solcher, die nicht da sind. Denn die Charakter- und Überzeugungslosen, die oberflächliche Masse und die Pilatusse kommen heutzutage, wo sie |99 niemand mehr dazu zwingt,1 in der Regel doch nicht in die Kirche. Ich glaube doch nicht, dass diese Predigten darum überflüssig gewesen sind. Erstens darum nicht, weil Jedes von uns ohne Ausnahme auch etwas von der Masse und von Pilatus in sich trägt. Wir Menschen sind eben gar zusammengesetzte Wesen und sind im Stande, große Widersprüche in uns zu vereinigen. Zweitens sind wir aber wiederum Alle in der Gefahr, in das Massenwesen und in das Pilatuswesen offen hineinzugeraten. Aber wenn etwas daran gewesen ist, dass wir die beiden letzten Male zum Fenster hinaus geredet haben an und über solche, die doch nicht da sind, dann wollen wir es jedenfalls heute gut machen und ganz und ausschließlich von uns, von denen, die da sind, regelmäßig da sind, reden. Von Kaiphas, dem Hohepriester, ist nämlich zu halten, dass in ihm wir abgebildet sind, wir, die Charakter und Überzeugung, oder was wir so nennen, haben. Je fester, je bestimmter, je entschiedener wir sind, desto mehr gleichen wir dem Kaiphas, desto mehr sind wir in Gefahr, wie er Feinde Jesu zu werden, während wir Freunde Gottes zu sein meinen. Kaiphas war ein entschiedener Jude. Aber wir wollen nicht meinen, vor seiner Art dadurch bewahrt zu sein, dass wir einen andern Namen tragen. Jesus wird oft genug durch die entschiedenen Christen verworfen und ans Kreuz geschlagen. Über diese eigentümliche Feindschaft gegen Jesus aus Charakter und Überzeugung und Entschiedenheit wollen wir uns heute besinnen.

*   *   *

Wenn wir das Benehmen des Kaiphas betrachten, so fällt uns vor Allem Eines auf: dieser Mann, der ein entschiedener Vertreter und Vorkämpfer der Sache des Guten, der Sache Gottes sein wollte, konnte nicht ruhig beobachten und nachdenken. Das war das Erste, was ihn zum Feind und Mörder Jesu gemacht hat. Alles, was wir von ihm hören, macht den Eindruck der Voreingenommenheit und der blinden Hitze. Kaiphas hatte Scheuleder an. Er hat einen gewissen Begriff von |100 dem, was gut und göttlich ist: das Gesetz, der Tempel, das Opfer, das heilige, auserwählte Volk Gottes. Was mit diesen Worten zu beschreiben ist, das ist die rechte Religion, alles Andre ist vom Teufel. Mit diesem Begriff misst er Alles, was an ihn herankommt, wie mit einem Maßstab. Und darum muss er von vornherein Alles, was dazu nicht passt, verurteilen. Von vornherein, sage ich. Er kann nicht mehr beobachten und nachdenken, weil er das nach seiner Meinung gar nicht nötig hat. Er weiß ja, was die Wahrheit ist, bevor er beobachtet und nachgedacht hat. Dieser Mann wurde nun der Richter Jesu! Es zeigt sich schon hier, dass die Ehrlichkeit, die ich ihm am Anfang nachrühmte, nicht sehr tief ging. Wozu erst ein Gericht halten, wenn er und die Andern doch auf nichts Anderes ausgingen als darauf, ein Schuldig! auszusprechen? Die Zeugen, die er berufen, sollten ja doch nur das aussprechen, was Kaiphas schon wusste. Die Frage, die er an Jesus richtete: Bist du Christus, der Sohn Gottes? war eine offenkundige Falle, sie war so gestellt, dass Jesus darauf nur das antworten konnte, was sein Richter hören wollte, um ihn zu verurteilen. In dem Zornausbruch, dem er sich auf Jesu Antwort hin ergab, spüren wir zu deutlich die Freude dessen, der wieder einmal recht gehabt hat. Das war alles Andre, nur nicht Ehrlichkeit. Das kam davon, dass Kaiphas nicht beobachten und nachdenken wollte, sondern eben Recht behalten und darum verurteilen. So wurde Jesus verworfen. Und so wird Jesus verworfen überall da, wo man nicht beobachten und nachdenken will, und wenn es in der scheinbar besten und heiligsten Absicht geschieht. |

Er hat Gott gelästert, was bedürfen wir weiter Zeugnis! Ja, was bedürfen wir weiter Zeugnis! Gerade wenn wir einen festen Standpunkt, bestimmte Überzeugungen haben oder zu haben meinen, gleichen wir so oft diesem Kaiphas in der Weigerung, weiter zu sehen und zu hören und uns zu besinnen, denn wer sagt uns, dass Jesus nicht etwas ganz Anderes ist und will als unser Standpunkt und unsre Überzeugung? dass wir also ihn verurteilen, wenn wir mit dem Maßstab unsrer Überzeugung Menschen und Dinge verurteilen? Wir müssen den Mut und den Ernst haben, diese Möglichkeit zuzugeben, mit unserm Urteil zurückzuhalten und doppelt aufmerksam zu werden, selbst wenn uns Manches, was Andre denken und tun, noch so sehr befremden sollte. Kaiphas hätte Jesus vor Allem kennen müssen, um |101 gerecht zu sein, aber das wollte er nicht. Und so machen wir es oft, gerade wir Entschiedenen, wir wollen nicht kennen, wir wollen urteilen. Wir haben uns auf irgend einem Weg eine Überzeugung erworben, vielleicht eine ebenso gute, vielleicht eine bessere als die jüdische Überzeugung des Kaiphas, und von da an beurteilen wir nun jede andre Meinung mit der bestimmten Absicht, sie zu verwerfen. Es fragt sich dann nur noch, wie wir das tun, dass wir es tun werden, steht ganz fest. |

Ich las letzte Woche ein Buch, dessen Verfasser sich selbst einen «entschiedenen Christen» nennt, ein Buch über den nahen Weltuntergang und die sogenannte Entrückung der Gläubigen.2 Um zu begründen, dass diese letzten Dinge in nächster Nähe seien, musste er beweisen, dass sich die Welt gegenwärtig auf einer unerhörten Stufe von Schlechtigkeit befinde. Ich konnte nur staunen, wie leicht ihm dieser Beweis wurde, wie es ihm gelang, auf einer geringen Seitenzahl Alles und Jedes zu berühren, die Weltpolitik und die schweizerische und die Lokalpolitik, die Industrie und den Sozialismus, die Literatur und die öffentliche Sittlichkeit, die Philosophie und die Theologie, um Allem und Jedem eine schlechte Seite abzugewinnen. Hier eine Zeitungsnotiz und dort eine, hier ein halbverstandener Ausspruch eines Mannes und dort eine aus allem Zusammenhang gerissene Stelle aus einem Buch, das genügte, um mit der gleichen Befriedigung wie Kaiphas zu konstatieren: Was bedürfen wir weiter Zeugnis! Die Welt ist böse und reif zum Untergang. |

Ich nenne dieses Buch nur als Beispiel. Gerade sogenannte «entschiedene Christen» machen es häufig so, ich möchte sagen: je «entschiedener» sie sich fühlen, um so mehr. Sie verurteilen die sogenannte Welt, das heißt, ihre Mitmenschen, als ob sie sie durchschaut und verstanden hätten wie Gott selbst. Und doch haben sie nur von der Oberfläche der Dinge etwas gesehen oder gemeint zu sehen. Hier haben sie von grüslichen3 Zuständen gehört und dort von ungläubigen Menschen. Das Wenige passt allerdings nicht gerade zu ihrem Stand|102punkt, vielleicht auch mit Recht, aber nun verwerfen sie auf Grund des Wenigen, was sie kennen, das Ganze, das sie nicht kennen, und darin haben sie sicher Unrecht. Das ist Kaiphas: Was bedürfen wir weiter Zeugnis! Eine Verwerfung von Etwas, das wir nicht kennen, ist immer eine Verwerfung Gottes. Ein entschiedener Christ im rechten Sinn müsste in Allem, was er noch nicht genau kennt, vielmehr etwas Göttliches ahnen und vermuten statt das Gegenteil. Wir irren uns sehr, wenn wir meinen, es sei charaktervoll und überzeugungstreu, etwas darum zu verwerfen, weil wir es mit unsern bisherigen Gedanken nicht gleich einigen und reimen können. Das ist vielmehr das Zeichen eines schwachen Charakters und einer unsicheren Überzeugung. Denn wir dürfen nicht vergessen, dass unser Charakter ein werdender ist und bleiben muss und unsre Überzeugung eine zunehmende, sich vertiefende. Sie dürfen nie etwas Stöckisches4 werden, sie müssen offen bleiben für das uns noch Neue, Unbekannte. Festigkeit und Offenheit gehören zusammen. Denn in dem uns noch Unbekannten wartet Gott auf uns. Wir müssen offen bleiben. Dann wird er uns schon fest machen. Wenn wir uns dagegen selbst fest machen wollen, indem wir uns verrammeln im Bewusstsein: ich weiß, ich weiß!, indem wir mit ausgestrecktem Finger auf etwas Grüsliches hinweisen und dann verurteilen: Was bedürfen wir weiter Zeugnis!, damit schlagen wir uns offenkundig auf die Seite der Feinde Gottes.

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Wir haben hier schon das Zweite berührt, was ich nennen wollte. Dem Kaiphas fehlte das Vermögen, sich beschenken, bereichern, fördern zu lassen. Wer das nicht kann, wird immer zum Feinde Gottes werden. Kaiphas sonnt sich zufrieden in seinem Besitz. Er hat sich längst beruhigt bei dem Gedanken, mit Gott im Reinen zu sein in seinen Anschauungen und in seiner Lebensweise. Vielleicht hat er auch einmal eine Zeit des Fragens und Suchens durchgemacht. Aber nun hat er gefunden und dann abgeschlossen. Er hat das Gefühl, mit Gott und mit der Welt in Ordnung zu sein. Darum weiß er mit Jesus nichts anzufangen, als ihn zu verurteilen. Wenn er ihn fragt: Bist du Christus, |103 der Sohn des lebendigen Gottes?, so steckt dahinter nichts Anderes als die Frage, die solchen sicheren Leuten immer die Schrecklichste ist: Ist es wahr, dass du uns etwas ganz Neues zu sagen und zu bringen hast? Etwas, das uns zwingen würde, noch einmal von vorn anzufangen mit unsrer Erkenntnis und unsern Grundsätzen? Er spürt in dem Anspruch Jesu, des Zimmermannssohnes von Nazareth, Gottes Sohn zu sein, ganz mit Recht etwas von dem wuchtigen Druck des Wortes: So ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Reich Gottes kommen! [Mt. 18,3] Oder von dem des andern: Selig sind, die da geistlich arm sind, denn solcher ist das Himmelreich! [Mt. 5,3] Das konnte er nicht und das wollte er nicht: wie ein Kind werden, geistlich arm werden, das heißt, sich nicht mehr fromm und gerecht fühlen, sondern nur noch empfänglich, nur noch offen für das Gute, das Göttliche, das in ihn einströmen wollte. Er aber wollte besitzen, nicht empfangen, und darum muss er von Jesus sagen: Er hat Gott gelästert. |

Das ist nun gerade die unerfreuliche Entwicklung, die uns auch droht, wenn wir uns Charakter und Standpunkt und Überzeugung gewonnen haben. Nicht nur, dass wir dann leicht gegen die Liebe und gegen die Wahrheit sündigen, wie wir es vorhin beschrieben, indem wir etwas verurteilen, das wir gar nicht kennen. Wir verlieren auch die Kindlichkeit und Offenheit und Empfänglichkeit, die doch vielleicht das Schönste und Wertvollste ist im Menschenleben. Ich sage, wir verlieren die Kindlichkeit. Und das vielleicht gerade dann am Allermeisten, wenn wir uns mit Überzeugung auf den Standpunkt eines sogenannten Kinderglaubens stellen, mit dem Hintergedanken: Hier bin ich, hier bleib ich, hier ist mir wohl. Wer die Kinder ein wenig kennt, weiß, dass solches Stehenbleiben das Unkindlichste von der Welt ist. Wenn man einem Kind etwas Neues erzählt, dann bittet es nicht: Still, still, ich will nichts weiter hören, im Gegenteil, es verlangt immer mehr. Der rechte Kinderglaube ist durchaus nicht ein ruhiges Dahindämmern, sondern rastloses, dürstendes Verlangen nach mehr Wahrheit, mehr Schönheit, mehr Tiefe. Diese Kindlichkeit kommt uns leicht abhanden, wenn wir charaktervolle Leute geworden sind. |

Und ebenso ergeht es uns mit der Offenheit. Offenheit ist das bereits erwähnte Vertrauen gegen das Unbekannte. Ein offener Mensch tut jedem unbekannten Menschen, auch jedem unbekannten Gedanken zunächst einmal freundlich die Türe auf, in der bestimmten Er|104wartung, er werde ihm etwas Gutes bringen. Diese Offenheit sollten wir uns bewahren, auch dann, wenn wir Überzeugungen gewonnen haben. Aber das ist recht schwer, ihr wisst es. Wir nehmen dann gern die Sitte an, mit solchen Gästen durch die Türspalte zu verkehren, um die Türe bei Zeiten ins Schloss werfen zu können, wenn sie uns zu zudringlich würden. Oder wir ziehen gar vor, die Türe überhaupt geschlossen zu lassen und uns nur mit mürrischer Stimme zu erkundigen, wer draußen sei. Wie steht man einander doch gerade in religiösen Dingen vielfach noch so misstrauisch gegenüber, immer mit der Frage auf den Lippen: Stehst du auch auf dem rechten Grund? Bist du auch bekehrt? Glaubst du auch an jedes Wort, das in der Bibel steht? Solche Fragen gleichen der Haustüre, die gleich ins Schloss fallen wird. Und wenn man es auf andern Gebieten, zum Beispiel in der Politik, vielfach ähnlich macht, so ist es nichts umso schöner. Und wenn wir nicht mehr kindlich und offen sind, dann ist auch die Empfänglichkeit in uns abgestorben. Empfänglich sein heißt das Gute dankbar aufnehmen, wo wir es finden und wann es sei. |

Ich habe einmal einen Pfarrer sagen hören: ich habe meine Anschauungen vor 35 Jahren abgeschlossen, als ich bei Professor So und So Zuhörer war.5 Das sagen nicht Alle so deutlich, aber sie machen es so, und zwar durchaus nicht nur Pfarrer, sondern noch ganz andre Leute. Sie hören wohl dies und das von neuen Ansichten, neuen Anregungen, neuen Bewegungen, aber sie sagen laut oder leise: ich habe abgeschlossen, ich bin andrer Ansicht, ich bin zu alt, in meiner Zeitung steht es anders. Gerade wie wenn man jemals «abgeschlossen» haben könnte, wenn es sich um die Wahrheit handelt! Leben wir denn nicht gerade davon, dass wir empfangen, aufnehmen dürfen, davon, dass Leben in uns einströmt aus der unendlich reichen Welt Gottes, davon, dass wir durch die Kräfte, die Gott in die Menschheit gelegt |105 hat, immer wieder berührt und befruchtet und gehoben werden? Wie elend wären wir, wenn wir auf uns selbst angewiesen wären, wenn wir einzig mit Hilfe unsrer Begriffe von Gott und Leben den Weg zu Gott und durch’s Leben finden müssten! Und doch begibt sich Mancher freiwillig in diese elende Lage und meint noch, das sei die rechte Entschiedenheit des Christentums oder des Charakters, die das von ihm verlangen. Kaiphas ist daran gescheitert, dass er nichts mehr suchte im Leben, er ist gescheitert an seiner falschen Genügsamkeit, daran, dass er zufrieden war mit dem, was er besaß. Es liegt eine Selbstüberhebung in dieser Genügsamkeit. Selbstüberhebung ist aber immer eine Auflehnung gegen Gott.

*   *   *

Das führt uns auf das Dritte. Kaiphas sagt von Jesus: Er hat Gott gelästert!, das heißt, er hat Gott beleidigt, in seiner Ehre gekränkt. Man fragt sich unwillkürlich, woher ein Kaiphas das wissen mag, dass die Ehre Gottes durch einen andern Menschen verletzt ist. Das kann doch nur Gott selbst wissen. Und dann merkt man, dass ihm eine sehr häufige Verwechslung widerfahren ist. Er selbst fühlt sich gekränkt und beleidigt durch den Anspruch Jesu, der einen Druck auf ihn ausübt, dass er, der Hohepriester, der Gott so genau kennt und so eifrig verehrt, noch etwas Neues anfangen soll in seiner Erkenntnis und in seinem Leben. Das ist freilich ein unangenehmer Anspruch. Und nun kommt die Verwechslung. Er tut, wie wenn dieser Anspruch Gott unangenehm wäre. Er hat Gott gelästert!, ruft er und zerreißt nach jüdischem Richterbrauch dazu sein Gewand. Er hat Gott gelästert! Ja, ja! Das ist eine bequeme Sache, wenn man sich mit seinem Verdruss so hinter den lieben Gott stellen und sagen kann: Ich bin beleidigt! und darum ist Gott beleidigt! Es scheint, da müsse man schon Hohepriester von Jerusalem sein, um das mit solcher Sicherheit sagen zu können. Und doch haben wir es Alle schon so gemacht. Wenn wir doch mit demselben Eifer die Sache Gottes zu unsrer Sache machen würden, wie wir unsre Sache zur Sache Gottes machen!! |

Da haben wir nun die dritte große Gefahr der Entschiedenheit des Charakters und der Überzeugung vor uns. Je entschiedener wir sind, je besser das Teil ist, das wir uns erwählt haben, desto leichter sind wir geneigt, ganz schnell und einfach zu denken: Meine Meinung ist Got|106tes Meinung, meine Gedanken sind Gottes Gedanken, mein Wille ist Gottes Wille, meine Wahrheit ist Gottes Wahrheit. Also wir sehen einen Andern, in dessen Kopf und Herzen und in dessen Leben es ganz anders aussieht als in dem Unsrigen. Wir sind rasch bereit zu sagen: er verletzt die Ordnung Gottes. Ja, woher wollen wir das wissen? Wir kennen doch jeder bloß die Ordnung Gottes, die für uns selbst gilt. Woher nehmen wir die Fähigkeit, einen Andern des Frevels gegen Gott zu zeihen? Haben wir in Gottes Rat gesessen? Nein, nichtwahr, das offenbar nicht. Aber das sehen und spüren wir, dass am andern Weg des andern Menschen eine gewisse Geringschätzung unsres eigenen Weges entsteht. Er kann es offenbar anders machen. Wir spüren vielleicht sogar die leise Aufforderung: Komm herüber auf meinen Weg! Das ist ohne Zweifel störend. Und um uns gegen diese Störung zu sichern, kommen wir auf den Gedanken, den Andern des Frevels gegen Gott zu zeihen. Du glaubst nicht, wie ich glaube, darum hast du nicht den rechten Glauben, der selig macht! Du respektierst mich und andre fromme Leute nicht, wie wir es wünschen, und darum respektierst du Gott nicht. Du tust nicht, was ich gerne hätte, und darum tust du den Willen Gottes nicht.6 Solche Gedanken und solche Worte gegenüber unsern Nächsten passieren uns alle Tage. Sind wir uns klar, wie gefährlich sie sind? dass das vielleicht die größte ist von den Gefahren, von denen wir heute sprechen? Es ist leicht, sich selbst, seinen Charakter und seine Überzeugung mit Gott zu verwechseln, aber es ist auch ungeheuer folgenschwer für unser Leben. Bei Kaiphas war die Folge das Todesurteil über Jesus. Er hat seinen Willen zur Würde des Willens Gottes erhoben. Darin war er das direkte Gegenteil von Jesus, der gebetet hat: Vater, nicht mein, sondern dein Wille geschehe! [Lk. 22,42] Mit welchem von Beiden wollen wir es nun halten? |

Meine Freunde. Wenn wir bekehrt sind, wenn wir einen Standpunkt, wenn wir Charakter und Überzeugung haben, wenn wir anders geworden sind als die Masse und als die Pilatusse, dann wollen wir uns noch ein zweites Mal bekehren, wollen unserm großen Gott |107 auch unsre Bekehrtheit, unsern Standpunkt, unsre Überzeugung zu Füßen legen und zu ihm sagen: Herr Gott, das Alles, dies Schöne und Gute, bist noch nicht du selbst, das sind unsre menschlichen Formen, dir zu dienen. Wir wissen aber, dass sie unvollkommen sind, und wir verlangen herzlich nach Besserem. Denn wir wissen, dass es Besseres gibt: So hoch der Himmel ist über der Erde, so sind auch deine Gedanken höher als unsre Gedanken und deine Wege denn unsre Wege [Ps. 103,11]. Du hältst das Zepter in der Hand und das Schwert, wir wollen nichts tun, als auf dich warten. Und weil wir am Warten sind, wollen wir nicht schelten, sondern lieben, denn du bist größer als unser Herz [vgl. 1.Joh. 3,20].

Meine Freunde. Wenn wir einmal so beten werden, dann werden wir dem Kaiphas nicht mehr gleichen!

Amen.
Lieder:
  • Nr. 113: «O Welt, sieh hier dein Leben» von P. Gerhardt (RG 441; EG 84), Strophen 1–3. 🎵
  • Nr. 124: «Marter Jesu, wer kann dein vergessen» von Chr. R. von Zinzendorf, Strophen 1 und 4. 🎵

Sachfußnoten

1
Während der Zeit der Berner Herrschaft im heutigen Kanton Aargau war der Gottesdienstbesuch obligatorisch, zumal am Ende der Gottesdienste das «Chorgericht» über Missetäter stattfand. Vgl. M. Baumann, Die bernische Herrschaft aus der Sicht der Untertanen, in: Argovia. Jahresschrift der Historischen Gesellschaft des Kantons Aargau, Bd. 103 (1995), S. 113–124, dort bes. S. 116 📖. ↩
2
Gemeint ist wohl: J. Haeberlin, Die kommende Weltkrisis und wie entschiedene Christen sich darauf vorbereiten: Ein Gang durch die gegenwärtigen Weltereignisse und Weltbewegungen zum geweissagten Ende unter der Leuchte der Prophetie, St. Gallen [1912] 📖. ↩
3
«Grüslich» steht im Schweizerdeutschen für «widerlich». ↩
4
Etwas «Stöckisches» meint im Schweizerdeutschen etwas «Steifes», «Verbohrtes». ↩
5
Hier steht Barth wohl Friedrich Cornelius (1862–1927; seit 1902 Pfarrer im nordhessischen Niedergrenzebach) vor Augen, den er von Marburg aus 1908/09 dreimal im Rahmen einer Predigtaushilfe vertrat. Nach Hause berichtete er, Cornelius gehöre zu denen, «die sich vor der Theologie ohne Hass verschließen» (Brief Barths an seine Eltern und Geschwister vom 28.12.1908 [KBA 9208.74]). Vgl. P. Zocher, Karl Barth und Niedergrenzebach. Eine Predigtaushilfe im Winter 1908/09 (Jahresgabe der Karl Barth-Gesellschaft e. V. 2017), Hannover 2018, bes. S. 8–12 📖. ↩
6
So argumentierte Fritz Barth, als er von seinem Sohn Karl verlangte, die Beziehung zur Bernerin Rösy Münger dem Wunsch der Eltern entsprechend zu beenden; vgl. Busch, S. 53f. 📖 ↩