25. Februar 1912

Predigt: Matthäus 4,8-10

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Matthäus 4,8–10
Wiederum führte der Teufel Jesus mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: Das Alles will ich dir geben, so du niederfällst und mich anbetest. Da sprach Jesus zu ihm: Heb dich weg von mir, Satan! Denn es steht geschrieben: Du sollst anbeten Gott, deinen Herrn, und ihm allein dienen.
Liebe Freunde!

Diese letzte Versuchung Jesu war von Allen die Schwerste. Und das darum, weil es der Teufel hier am Besten verstand, seiner Stimme Ähnlichkeit mit der Stimme Gottes zu geben. Das Böse, zu dem er Jesus hier verlocken wollte, sah äußerlich genauso aus wie das Gute. Der Teufelsweg, den er ihn führen wollte, lief auf den ersten Blick genau in der gleichen Richtung und genau an dasselbe Ziel wie der Gottesweg, den Jesus kraft seines innern Auftrages selbst gehen wollte. Wir hören, dass er ihn auf einen sehr hohen Berg führte und ihm da alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit zeigte und dass er ihm nun zuraunte: Das Alles will ich dir geben! Da müssen wir bedenken, dass dies Wort nicht zu Einem geredet war, der blind und taub durch diese Welt gehen wollte, als wäre sie ein schlechtes, unnützes Tal des Jammers, das es sobald als möglich zu verlassen und zu vergessen gelte, – nicht zu Einem, der von der Schönheit, dem Reichtum, der Freude des Lebens nichts wissen wollte, der das Geschöpf verachtete und nur den Schöpfer liebte. Sondern dies Wort: «Das Alles will ich dir geben», traf in die Seele Eines, der offene Augen hatte für Gottes Herrlichkeit in Allem, was Welt heißt, vom Sausen des Ostwindes [vgl. Mt. 7,25] bis zur Lilie auf dem Feld [vgl. Mt. 6,7] und bis zum Sperling, der über die Straße hüpft [vgl. Mt. 10,29], und auch für Gottes Herrlichkeit in den Werken und im Leben der Menschen, vom Tempel zu Jerusalem bis zum Sämann, der in gleichmäßigem Schritt und Wurf den Samen der Erde anvertraut [vgl. Mt. 13,3]. Jesus floh die Welt nicht, sondern er suchte sie. Er war tief durchdrungen von dem |61 Ernst des ersten Wortes Gottes, das an die Menschen ergangen ist: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und macht sie euch untertan und herrschet über sie! [Gen. 1,28] Und sein eigenes letztes Wort an die Seinigen lautete nicht: Lasst der Welt ihren Lauf und seht zu, dass ihr in den Himmel kommt!, sondern es lautete: Gehet hin in alle Welt und verkündiget das Evangelium aller Kreatur! [Mk. 16,15] Jesus hasste die Welt nicht, sondern er liebte sie. Er verschmähte es nicht, in ihr zu herrschen, sondern er wollte sie gerade erobern. Er hatte mehr Freude an der Welt und er war eifriger, die Welt zu gewinnen, als wir Alle. Wer in der Welt etwas finden und wer in der Welt etwas schaffen will, der kann sich keinen Bessern zum Meister wählen als Jesus. |

Und nun sieht er in einer Vision, wie sie die verwegenste Phantasie nicht ungeheurer ausdenken könnte, die ganze Welt zu seinen Füßen liegen und nun hört er eine Stimme, die ihm sagt: Das Alles will ich dir geben. War denn nicht gerade das Gottes Wille? War nicht gerade das das Ziel seines Wirkens? «Nun ist das Reich dieser Welt Gottes und seines Christus geworden» [Apk. 11,15], so hat ein späterer Christ, in der Offenbarung des Johannes, dies Ziel kurz und klar beschrieben. War dies Ziel nicht erreicht, wenn Jesus jetzt hörte auf das Wort: Das Alles will ich dir geben? Ja, das war die größte, die schwerste Versuchung. Denn das Wort des Versuchers war die vollendete Nachahmung des göttlichen Auftrags. Auch bei den andern Versuchungen verkleidete sich ja das Böse in das Gute. Wir haben an den letzten Sonntagen gesehen, wie trefflich es der Teufel versteht, die Bibel zu zitieren und dem Menschen einzublasen: Brauche deine Kraft! und: Vertrau nur auf Gott! Aber was er dort vorbrachte, das war doch recht plump und täppisch neben dem, was er jetzt wollte. Die Welt in Jesu Hand geben! Geschickter, feiner hätte die Lockung nicht sein können; denn gerade das war wirklich und ausdrücklich auch der Wille Gottes. Wie sollte Jesus in dieser Lockung den Willen des Teufels erkennen? – |

Und wie sollen wir das Böse vom Guten unterscheiden, wenn auch wir, wie dort Jesus, vor die offene Welt gestellt sind, und mit beängstigender Ähnlichkeit ertönt hier der göttliche Auftrag und dort die teuflische Lockung: Das Alles will ich dir geben! Wir sollen uns diese Welt nutzbar machen, wir sollen in ihr unser tägliches Brot verdienen |62 und was dazu gehört – das sagt uns Gott und das sagt uns der Teufel. Wir sind dazu geschaffen, in dieser Welt ein volles, reiches Maß von Freude zu erleben, wir sollen genießen, was das Leben uns bietet – das sagt uns Gott und das sagt uns der Teufel. Wir sind dazu da, nicht verborgen und unwirksam zu leben in dieser Welt, sondern mit unserm Geist und mit unsrem Willen unsre Mitmenschen zu beeinflussen und zu lenken – auch das sagt uns Gott und auch das sagt uns der Teufel. Das Alles will ich dir geben! tönt es von beiden Seiten. Es kommt darauf an, wie wir das Wort verstehen. Aber wie sollen wir es verstehen? Wie sollen wir links von rechts unterscheiden, unten von oben, die teuflische Lockung vom göttlichen Auftrag? Wir stehen da vor der Haupt- und Staatsfrage in unsrem Leben. Wir können sie nicht ein für allemal erledigen – sie kommt alle Tage wieder. Und wie oft schon haben wir sie falsch beantwortet. Wir haben die Welt gewonnen, und wir meinten, es sei recht so und Gottes Wille. Aber es war der Teufel, der sie uns geschenkt hat. Wir haben unser Brot verdient und wohl auch noch etwas mehr als das Brot, wir haben das Leben genossen in vollen Zügen, wir sind unter den Menschen emporgestiegen mit kräftigen Ellenbogenstößen oder mit scharfen, zündenden Worten und haben ihren Willen unserm Willen untertan gemacht. Und wir dachten, das Alles müsse so sein. Das sei Ordnung der Natur und Ordnung Gottes so. Aber in Wirklichkeit standen wir längst unter der Ordnung des Teufels. Wie sollen wir erkennen, ob es das Eine oder das Andre ist? Wie hat Jesus die Versuchung überwunden und die Hand Gottes ergriffen?

Das hat er getan, indem er scharf hingehört hat auf den kleinen Zusatz, mit dem der Teufel seine Offerte begleitete. Das Alles will ich dir geben – – –, so du niederfällst und mich anbetest. Ich sage ausdrücklich: er musste scharf hinhören. Denn das hat der Teufel ganz sicher nicht laut gesagt, sondern leise. Von solchen kleinen nachhinkenden Bedingungen macht er kein großes Wesen, das ist nicht seine Art. Er redete auch nur der Form wegen von Niederfallen und Anbeten, er wäre auch mit einem Kopfnicken oder Augenblinzeln zufrieden gewesen. Wir dürfen auch in unsern Versuchungsstunden ja nicht erwarten, dass da eine Posaune ertönt und uns zuruft: Mensch, tu jetzt eine Niederträchtigkeit! Das geschieht nur in den allerseltensten Fällen. Sondern da tönt es ganz sanft und leise und bescheiden: nur |63 ein bisschen sollst du zur Seite des Bösen dich neigen. Je öfter wir nachgegeben haben, desto leiser ertönt die Stimme, die die kleine Bedingung macht, und zuletzt ertönt sie sogar gar nicht mehr, weil wir die Bedingung längst erfüllt haben. Und was da von uns verlangt wird, das ist nichts Fürchterliches, keine zum Himmel schreiende Untat. Nein,

Üb immer Treu und Redlichkeit
Bis an dein kühles Grab
Und weich nur zwei Finger breit
Von Gottes Wegen ab!1

Als die Christen der ersten Jahrhunderte um ihres Glaubens willen verfolgt wurden, da verlangte die heidnische Obrigkeit auch nichts Anderes von ihnen, als dass sie zum Zeichen ihrer leiblichen Unterwerfung öffentlich den Göttern opfern sollten. Innerlich könnten sie ja dabei denken, was sie wollten, fügten einsichtige Magistratspersonen dazu. Und als das Manchen doch zu viel war, wurde das Opfer sogar auf ein paar Weihrauchkörner beschränkt, die sie auf eine Pfanne mit glühenden Kohlen werfen mussten vor irgend einem Götterbild. Nur ein paar Weihrauchkörner! Und das hat Manchem eingeleuchtet, und er hat den kleinen Akt vollzogen. Es war wirklich eine bescheidene Bedingung, mit der sie sich da die Freiheit und das Leben retteten. Und doch hat die christliche Kirche damals den Grundsatz aufgestellt: Wer das tut, gehört nicht mehr zu uns und nicht mehr zu Christus. Und daran hat sie recht getan.2 – |

64 Denn es kommt durchaus nicht darauf an, ob die Bedingung übermütig oder bescheiden ist, sondern darauf, ob sie erfüllt wird oder nicht. Es kommt nicht darauf an, ob unser Ja zum Bösen laut oder leise und verschämt ist, sondern darauf, ob es ein Ja ist oder nicht. Nicht darauf, ob die böse Tat, die von uns gefordert wird, groß oder klein oder verschwindend klein ist, sondern darauf, ob sie geschieht oder nicht. Alle diese äußren Unterschiede sind gleichgiltig, denn die Sache bleibt dieselbe. Die Bedingung des Teufels heißt laut oder leise: wenn du mich anbetest. – |

Auf diese Bedingung hat Jesus gehört, während wir sie oft überhören und überhören wollen. Er hat gemerkt, dass in dem großartigen Anerbieten: Das Alles will ich dir geben, ein Kontrakt, ein Handel verborgen war, und daran hat er es als ungöttlich erkannt. Denn mit Gott kann man keinen Kontrakt, keinen Handel abschließen. Auch er sagt uns: Das Alles will ich dir geben, aber er fügt keine Bedingung, kein Wenn und Aber hinzu. Was er uns schenkt in dieser Welt, das ist ein freies Geschenk seiner königlichen Gnade. Selbstverständlich, ohne Klauseln, ohne dass sie etwas dafür leisten müssten, müssen denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen [Röm. 8,28]. Sie sind ja die Kinder des Königs, dem Alles gehört, wie könnten sie da einen Tauschhandel eingehen mit dem Vater? Gott sagt uns nicht: Das Alles will ich euch geben, wenn ihr mich anbetet oder wenn ihr brav seid, sondern er schenkt uns ohne unser Verdienen, allein aus Gnade seine Liebe, er erfüllt uns mit seiner Liebe, und dann wird uns ganz selbstverständlich die ganze Welt mit all ihrer Freude und ihrem Leid zu einem großen Segen. Die Welt wird unser Eigentum und wir ihre Herrscher:

Wenn ich ihn nur habe,
Hab’ ich auch die Welt;
Selig wie der Himmelsknabe,
der der Jungfrau Schleier hält,
Hingesenkt im Schauen
Kann mir vor dem Irdischen nicht grauen!3

65 Wogegen das Kontraktemachen, das Händelen mit Wenn und Aber etwas Unnatürliches und Ungöttliches ist. Es ist sogar in unserm äußern Leben nur um unsres Herzens Härtigkeit willen da und durchaus nichts Schönes. Wenn einmal das Reich Gottes da ist, werden die Menschen keine Kontrakte mehr machen. Wenn wir aber im innern Leben anfangen zu händelen, zu rechnen, Verträge zu machen, dann können wir schon jetzt mit aller Bestimmtheit wissen, dass der, mit dem wir verhandeln, nicht Gott ist, sondern der Teufel. Denn bei Gott gibt es kein Hin- und Herreden, zu ihm können wir nicht sagen: Gib mir das, so will ich dir das tun! und er sagt auch nichts derartiges zu uns. Sondern bei ihm gibt es nur ein freies Geben und Nehmen seiner Geschenke. Am Wenn und Aber hat Jesus den Teufel erkannt. Als Sohn des Königs merkte er schon an der Bedingung, dass das Angebot nicht vom Vater kam, denn der Vater macht keine Bedingungen. Er spürte das Unnatürliche, Ungerade, Gezwungene, Knechtische, das in dieser bedingten Offerte lag. Er wusste, dass der, der auf dem Weg Gottes geht, frisch und fröhlich und aufrechten Hauptes nach der Welt und ihren Gütern greifen darf. Wo ein Wenn und Aber ist, da ist auch Gott nicht.

Das Wenn und Aber des Teufels ist zu allen Zeiten dasselbe gewesen. Es hat den einzigen Zweck, den Menschen vom einfachen, geraden, schlichten, selbstverständlichen Weg Gottes abzulenken. Und darum lautet es: … wenn du niederfällst und mich anbetest. Denn wenn wir, statt uns auf Gottes Liebe zu verlassen, die uns die Welt und ihre Güter schenken will, irgend etwas Unnatürliches und Künstliches tun, mit dem wir besser zu fahren hoffen, dann beten wir damit den Teufel an. Das Böse ist immer ein solcher Seitenweg, auf dem wir besser zu fahren hoffen als auf dem einfachen Weg. Wir meinen, einen großen Profit zu machen, indem wir etwas Anderes tun als das, was das Natürliche wäre. Um dieses Profites willen verlassen wir Gott, der uns so unendlich reich beschenken will. Wir verraten Gott und wir verraten uns selbst. Im Mittelalter erzählte man sich von gewissen Personen, die sich mit ihrem Blut dem Teufel verschrieben hätten, der ihnen dafür in Allem seine Hilfe schuldig sei.4 Mit diesem schauerli|66chen Gedanken meinte man jenen doppelten Verrat an Gott und an uns selbst, den wir Alle schon vollzogen haben. Wir wollen die Welt nicht von Gott geschenkt erhalten, sondern wir meinen, mit einem unnatürlichen und verderblichen Kontrakt besser zum Ziel zu kommen.

Ein solches Abweichen von der Liebe Gottes war Jesus unmöglich. Er wusste, dass die Welt ihm gehörte und dass er zu ihrer Eroberung keines Wenn und Aber bedürfe. Und darum hat er mit einem bestimmten: Heb dich weg von mir, Satan! den geraden Weg eingeschlagen. Sein gerader Weg zur Eroberung der Welt bestand darin, dass er nach der ihm von Gott geschenkten Einsicht den Menschen das Himmelreich und seine Gesetze verkündigte. Auf diesem Wege bedurfte er keiner Bedingung, keines Handels. Die Liebe Gottes war in ihm und machte es ihm gewiss, dass er das Feld behaupten werde. Er hätte sich selbst verleugnen müssen, wenn er sich zu diesem Zweck vor irgendwem hätte verbeugen wollen. Du sollst Gott, deinen Herrn, anbeten und ihm allein dienen. Du sollst das Schlichte und Klare tun, das, was das Gewissen dich heißt, und sollst keine Künste machen. Und darum: Hebe dich weg von mir Satan!

So können auch wir in unserm Leben die teuflische Lockung von unserm göttlichen Auftrag unterscheiden lernen, so sehr sie einander ähnlich sehen mögen. Wir können sicher sein, dass wir auf der Seite des Bösen immer das kleine Wenn und Aber finden werden, das, was zu einem Seitenweg einladet, auf dem besser zu fahren sei. Das Alles will ich dir geben!, so sagt uns Gott und so sagt uns der Teufel, und Beide zeigen uns dabei die ganze Welt zu unsern Füßen. Aber wenn’s der Teufel sagt, dann ist ein Wenn dabei. Und dieses Wenn ist das Warnungszeichen, auf das wir achten müssen. |

Du sollst dein tägliches Brot verdienen in dieser Welt!, sagen Beide. Der einfache Weg, der Weg Gottes würde darin bestehen, dass wir uns sagen, dass bei diesem Werk alle miteinander und alle füreinander arbeiten müssen, wenn etwas Rechtes zu Stande kommen soll. Zu diesem Gedanken kommen wir durch die einfache Überlegung, |67 wie viel Hände tätig gewesen sind, bis wir unser Stück Brot in Händen haben, um von Anderem nicht zu reden. Wir wären nichts ohne die Arbeit der andern Menschen, also sollen wir auch nichts ohne sie und neben ihnen sein wollen. Dahin würde uns die Liebe Gottes weisen, die uns die Welt schenken will. Aber nun kommt das Unnatürliche, der Kontrakt mit dem Teufel, den wir schließen, um es besser zu machen. Noch besser komme ich zu meinem Brot, denken wir, wenn ich bloß für mich selbst sehe. Mag ein Jeder das Gleiche tun. Mit dieser kleinen, unmerklichen Verbeugung gegen das Böse ist die Entscheidung da und Alles, was immer daraus folgen mag, von der feinen, gesetzlich geschützten und kontrollierten Ausbeutung der Arbeitskraft Anderer bis zum groben Diebstahl an fremdem Eigentum, für den man ins Gefängnis kommt, ist bloß eine Folge jenes ersten kleinen Ja zu dem ebenso kleinen Wenn. |

Du sollst dich freuen in dieser Welt und ihre Güter genießen! Wieder sagen es uns Beide, Gott und der Teufel. Aber wenn Gott es uns sagt, dann ist die Freude nie etwas Anderes als eine Erfahrung des Menschen. Wenn unser Herz voll wird im Jubel darüber, dass wir leben dürfen, wenn wir uns gefördert fühlen in unsrer Arbeitskraft und gestärkt in unserm Solidaritätsgefühl zu den Menschen, dann freuen wir uns, das ist die natürliche, die rechte Freude, die aus der Liebe Gottes kommt. Da sagt er uns: Das Alles will ich dir geben! Aber sofort erkennen wir in unsrer Freude die Lockung des Bösen, wo wir anfangen zu denken: Noch größer könnte meine Freude sein, wenn ich, statt mich zu erheben, mich ein wenig erniedrigte, wenn ich nicht mehr als Mensch mich freute, sondern ein wenig als Tier, wenn ich nicht mehr an meine Arbeit und meine Mitmenschen dächte, sondern in einer Lust mich vergnügte, die keinen andern Wert hat als den, Lust zu sein. Das wäre die rechte Freude! Merken wir wohl auf dieses Wenn, das uns vom Weg der natürlichen, der göttlichen Freude ablenken will. |

Schließlich sind wir dazu auf der Welt, unsre Mitmenschen durch unsren Willen zu beeinflussen und zu lenken. Das ist das Höchste, was Gott und der Teufel uns zu sagen haben, wenn sie uns sagen: Das alles will ich dir geben! Jeder von uns ist berufen, einen Einfluss auszuüben in einem kleinen oder großen Kreise. Kein Mensch ist unwirksam. Alle helfen mit, die Menschheit zu lenken. Aber wenn uns Gott das |68 sagt, dann bedeutet es, dass wir unsern Willen dafür einsetzen, dass bei unsern Mitmenschen etwas Rechtes entsteht, rechte Gedanken und Einsichten, rechte Taten, rechte Verhältnisse. Das ist der Einfluss, den wir in der Welt üben sollen. Ganz ihm ähnlich und doch ganz sein Gegenteil ist ein anderer Einfluss. Das ist der, wo wir vorziehen, unsren Willen dazu zu brauchen, unsre eigene Person hervorzuheben, uns wichtig und angesehen zu machen, wo es uns weniger auf das ankommt, was wir ausrichten, als darauf, dass wir es ausrichten. Auch das ist unnatürlich, ist unrecht. Wir meinen, das sei der rechte, schöne Einfluss unsres Willens auf Andre, wenn sie auf uns hören, nach uns sich richten müssen.

Gegen diese Versuchung in allen ihren Formen gibt es nur einen Schutz, und den hat schon Jesus gebraucht, als er dem Bösen das Wort entgegenhielt: Du sollst Gott, deinen Herrn, anbeten und ihm allein dienen. Und das heißt einfach: Es gibt keinen Weg als den schlichten Weg, den man ohne Kontrakte, ohne Wenn und Aber gehen kann. Jesus lehrt uns das einsehen, dass das Böse immer etwas Künstliches, Verdrehtes ist in unsrem Leben. Wenn wir das einmal eingesehen haben, dann werden wir auch die Kraft finden, es so kräftig heimzuschicken, wie er es getan hat. Und dann kann Gott der Herr in uns regieren.

Amen.

Sachfußnoten

1
Karikierende Anspielung auf Strophe 1 des Liedes «Üb’ immer Treu und Redlichkeit» von L. Chr. H. Hölty, zu dem W. A. Mozart die Melodie schrieb. Im Original heißt es: «[…] / Und weiche keinen Finger breit / Von Gottes Wegen ab!» ↩
2
In der Christenverfolgung unter dem römischen Kaiser Decius (249–251) war ein solches Weihrauchopfer ein Weg, dem gebotenen Opfer zu entsprechen, dessen Verweigerung die Todesstrafe nach sich zog. Die Gemeinde unterschied daraufhin innerhalb der ‚lapsi’, der Gefallenen, «1) sacrificati, die geopfert, 2) thurificati, die nur Weihrauch verbrannt, 3) libellicati, die sich, ohne geopfert zu haben, von bestochenen Beamten den Opferschein erkauft hatten» (K. Fr. Müller, Kirchengeschichte, Bd. 1 [Grundriss der Theologischen Wissenschaften, IV/1], Freiburg i.Br. 1892, S. 100 📖; zum Streit um die Möglichkeit der Wiederaufnahme der Gefallenen in die Gemeinde vgl. a.a.O., S. 118–120). ↩
3
Strophe 4 des Gedichts «Wenn ich Ihn nur habe» von Fr. von Hardenberg / Novalis (in: Novalis, Werke, Briefe, Dokumente, hg. von E. Wasmuth, Bd. 1: Die Dichtungen, Heidelberg 1953, S. 423 📖; Z. 3 lautet dort: «Selig wie ein Himmelsknabe»). ↩
4
Eine Absage an solche und ähnliche Übereinkommen mit Dämonen findet sich bei Thomas von Aquino, Summa Theologica II, Qu. 96 a2 📖. – Vgl. auch J. W. von Goethe, Faust, I. Teil, V. 1656–1659 📖: «Mephistopheles: Ich will mich hier zu deinem Dienst verbinden, / Auf deinen Wink nicht rasten und nicht ruhn; / Wenn wir uns drüben wiederfinden, / So sollst du mir das gleiche tun.»; V. 1698: «Faust: Die Wette biet ich! Mephistopheles: Topp!» ↩