3. März 1912

Predigt: Römer 8,17

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Römer 8,17
Wir sind Gottes Erben und Miterben Christi, so wir anders mit leiden, auf dass wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.
Meine lieben Freunde!

Ich brauche euch wohl nicht erst zu sagen, warum ich heute mit euch über das Leiden reden möchte. Es wäre unnatürlich, wenn ich euch nicht teilnehmen lassen wollte an dem traurigen Erlebnis, das ich in der vergangenen Woche durchgemacht habe.1 Denn ich betrachte euch nicht als Fremde, vor denen ich mein persönliches Leben verborgen halten müsste, sondern als meine Freunde, die auch an dem, was mich schmerzlich bewegt, freundschaftlichen Anteil nehmen wollen, wie ich es nun schon zum wiederholten Mal dankbar verspüren durfte. Überdies ist mein Vater euch Allen ein einigermaßen Bekannter gewesen. Ihr habt ihn gesehen und habt die Worte gehört, mit denen er mich hier in mein Amt eingeführt hat.2 Vielleicht habt ihr für euch selbst das Gefühl eines Verlustes gehabt, wie es Vielen, Vielen ergangen ist, weit über die Grenzen unsres Landes hinaus, als ihr die Nachricht von seinem Tode erhieltet. Und jedenfalls könnt ihr begreifen, was der Verlust dieses Mannes für mich bedeutet. Schließlich bin ich Vielen von euch näher gerückt, als ich es vorher war, dadurch, dass ich nun neben vielem Glück auch ein großes Leid zu tragen habe, gerade wie sie. Darum wäre es unbillig, von diesem Leid zu schweigen. Es trennt uns nicht, sondern es verbindet uns.

70 Und doch möchte ich nicht von mir und meinem persönlichen Erlebnis dieser Woche reden. Schon darum nicht, weil ich eigentlich erst angefangen habe, es innerlich zu verarbeiten. Ich könnte jetzt nur soviel davon sagen, dass ich das Gefühl habe, es sei mir mit diesem Leid etwas sehr Großes anvertraut, dessen ich recht würdig werden möchte. Es muss etwas in dieser dunkeln Führung Gottes verborgen sein, das ich zwar jetzt noch nicht erkenne, das aber mir und euch zu Gute kommen muss, wenn wir Sorge dazu tragen. Aber ich möchte heute nicht von meinem Leid reden und von den Wirkungen Gottes, die ich darin ahne, sondern von dem Leid, das wir Alle kennen. Von dem Leid, das in unser Aller Leben hineinbricht, wir wissen nicht woher und wozu, und von dem, was wir darüber denken und wie wir es aufnehmen wollen. – |

Ich habe als Text dazu ein Wort des Apostels Paulus gewählt, das er an die Gemeinde in Rom geschrieben hat: Wir sind Erben Gottes und Miterben Christi, so wir anders mit leiden, auf dass wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden. Er meinte damit, dass wir als Kinder Gottes gleichen Rechtes seien, wie es Jesus Christus gewesen ist. Wir sind seine Miterben, das heißt: wir sind des wahren Lebens, das Gott zu verschenken hat, ebenso teilhaftig wie er Aber er hat durch Leiden sein väterliches Erbe angetreten. Und so erkennen auch wir erst daran, dass wir leiden, dass wir seine Miterben sind und mit ihm zur Herrlichkeit erhoben werden sollen. Unser Leiden ein Zeichen der nahen Herrlichkeit Gottes, die unser werden soll, weil auch Christus gelitten hat! Das ist ein stolzer Gedanke! Es ist nicht mein Gedanke, liebe Freunde, sondern der des Paulus. Ich wollte, ich könnte auch aus eigener Erfahrung bezeugen, dass das Leiden immer nur ein Antreten der göttlichen Erbschaft ist. Aber auch in meinem jetzigen Leid stehe ich noch tief unter diesem Wort des erprobten Lebenskämpfers und Gotteszeugen. Viele von euch werden das Gefühl haben, auch noch tief unter diesem Wort zu stehen. Wir reden und denken und empfinden ganz anders von unsrem Leid, als es Paulus getan hat. Solche Worte kann man nicht nachsprechen, sondern man kann ihnen bloß nachdenken. Sie sind zu hoch, als dass sie ohne Weiteres unsre Worte sein könnten. Aber eben weil sie hoch sind, können wir uns daran aufrichten. Und nach und nach kommen wir wohl auch vom Nachdenken zum leisen Nachsprechen.

*   *   *

71 Wenn wir leiden, so sind wir in der Gemeinschaft Jesu. Denn er hat auch gelitten. Das ist das Erste, auf das wir hören wollen. Hier ist Jesus, der am Stamm des Kreuzes sein Blut vergießt um der Sünde und des Unverstandes der Menschen willen, aber im vertrauensvollen Gehorsam gegen Gott und in siegreicher, vergebener Liebe zu eben den Menschen, die ihn leiden machen. Und hier sind wir mit unsern Leiden, den großen und den kleinen, den erträglichen und den unerträglichen, den plötzlichen, raschen und denen, die uns durch Jahre, vielleicht durch unser Leben hindurch verfolgen. Und jetzt sagt der Apostel: das Leiden Christi und dein Leiden gehören zusammen, sie haben denselben Weg. Wenn wir mit ihm leiden, so sind wir mit ihm Erben der Herrlichkeit Gottes. Wenn wir uns diesen Ausspruch überlegen, dann muss vor Allem eine Reihe von Fragen in uns aufsteigen. Alles sind Fragen, die wir an uns selbst zu richten haben.

Die erste Frage lautet: Ist das, was wir unser Leiden nennen, wert, neben das Leiden Jesu gestellt zu werden? Das Leiden Jesu war das schwerste Leiden, das die Welt gesehen hat. Es war Todesleiden. Es war ein Todesleiden, dem an körperlicher Qual nur wenig andre zur Seite zu stellen sein dürften. Es war aber vor Allem ein Seelenleiden von ganz unerhörter Schärfe. Jesus spürte dort mit ganzer Gewalt den Druck der Frage, ob denn Gott den Gerechten wirklich verlassen habe. Er hatte dort die ganze Welt gegen sich und für sich nur das Eine, das er noch leise rufen konnte: Mein Gott, mein Gott! [Mt. 27,46] Ihm erschien dort der Teufel mit dem Tod verbündet in grausenerregender Nähe und Machtfülle. Solche Qual, solche Einsamkeit, solche Angst hat kein Mensch ausgestanden. Wir stellen daneben, was wir unser Leiden nennen und fragen: Ist es der Gemeinschaft mit den Leiden Jesu würdig? Und wenn wir so fragen, dann entdecken wir unter dem, was uns Leid und Kummer bereitet, so Manches, was sich neben dem Leiden Jesu kleinlich und kindisch ausnimmt. Wir können nun das bisschen Anfeindung, das wir etwa erfahren müssen, nicht mit der Feindschaft der Juden gegen Jesus vergleichen, auch unsre größten körperlichen Schmerzen, die uns etwa eine Krankheit bringen mag, sind noch lange nicht die Schmerzen des gekreuzigten Heilands, und wenn unsre Seele angefochten ist durch einen Verlust oder eine Trübsal, dann ist das von ferne noch nicht gleich dem Ansturm der Hoff|72nungslosigkeit, den Jesus dort durchzumachen [hatte]. Unsre Leiden bestehen doch zum größten Teil darin, dass wir etwas Schlimmes von der Zukunft erwarten oder etwas Schönes und Gutes nicht mehr erwarten können. Ich will damit nicht sagen, dass sie keine Leiden seien. Nein, sie tun uns oft bitter weh. Aber ich glaube, viel, sehr viel davon fängt an, uns weniger weh zu tun, wenn wir es neben das Leiden Jesu stellen. Es hebt damit eine Reinigung an, eine Scheidung zwischen Großem und Kleinem, zwischen wirklichem und selbstgemachtem und selbst vergrößertem Leid. Diese Scheidung ist schmerzlich für uns, aber sie ist wohltätig. Das hat schon Mancher erfahren, dass sein Leid seine Bitterkeit verlor dadurch, dass er merkte, dass er im Irrtum war, wenn er meinte: So etwas wie ich hat noch Keiner erleiden müssen! Das ist der erste Dienst, den uns das Leiden Jesu leistet. Es zeigt uns ein größeres Leiden als das unsrige. |

Nur ein Leiden gibt es im Leben jedes Menschen, darin ist er Jesus völlig gleich. Jeder Mensch muss wie er hindurch durch den Tod. Das Sterben selbst ist für uns so bitter wie für ihn. Hierin ist sein Leiden nicht größer als das unsrige. Aber hier erhebt sich nun sofort unsre zweite Frage: Ist unser Leben, bevor wir leiden und sterben müssen, wert, neben das Leben Jesu gestellt zu werden? Als für Jesus die Stunde des Leidens und Sterbens gekommen war, da war er durch und durch [ein] Gott geheiligter Mensch. Weil sein Leben so schön war, darum ist sein Sterben etwas so Schönes geworden. Jawohl, Sterben ist für uns so bitter, wie es für ihn war, aber was ihn vor uns auszeichnet, das ist die Würde, die Ruhe, der Friede seines Sterbens, und die waren in seinem Leben begründet. Er konnte in seinem Sterben seinen Geist in des Vaters Hände befehlen [vgl. Lk. 23,46], weil er das schon im Leben getan hatte. Und wer mit ihm sterben will, wer so wie er sterben will, der muss mit ihm gelebt haben. Ich bin auch schon bei Kranken gewesen und habe ihnen sagen mögen: Freue dich! dir steht jetzt dasselbe bevor, was Jesus auch durchmachen musste, du bist mit deinem Todesleid, das dich erwartet, in würdiger Gesellschaft! Aber die Freude darüber wollte nicht kommen; denn das Leben, das dem Leiden und Sterben vorangegangen war, war dafür keine Vorbereitung gewesen. Das Leiden und Sterben konnte nichts Schönes sein, weil das Leben vorher nichts Schönes gewesen war. Wenn uns das Schwere, wenn uns der Tod trifft wie etwas Hässliches, wie ein Schicksalsschlag, |73 wie eine Zerstörung, dann ist es ein Zeichen, dass wir uns vorher schlecht dafür gerüstet hatten. Ein Leben, das in Gott geführt war, bleibt auch im Unglück und im Tod im Frieden Gottes. Das ist der zweite große Dienst, den uns das Leiden Jesu leistet, wenn wir es mit dem unsrigen vergleichen. Es erinnert uns, dass wir uns auf das Leiden, dem wir nicht ausweichen können, durch die Einrichtung unsres innern und äußern Lebens vorbereiten müssen, solange es noch Zeit ist, solange es uns noch gut geht. Wir empfinden, was der gekreuzigte Schächer neben Jesus empfunden hat: dass wir empfangen, was unsre Taten wert sind! [vgl. Lk. 23,41–43] Das ist wiederum demütigend. Aber es ist auch wiederum ein Segen darin. Denn solange wir diese Demütigung überhaupt noch empfinden, solange haben wir auch noch Zeit und Gelegenheit, unser Leben so einzurichten, dass es für das letzte große Leiden eine Vorbereitung ist. Diese Demütigung kann uns dann eine Kraft, ein Antrieb werden, es in elfter Stunde, mitten im Leiden, ja mitten in der Todesnot noch anders zu machen, wenn wir es vorher nicht getan haben. So war es bei jenem Schächer am Kreuz. Sein Leben war keine Vorbereitung gewesen auf das Leiden, aber nun kam jener demütigende Gedanken, den er von Jesus empfing, als er ihn mit sich selbst verglich, gerade noch zu rechter Zeit, um sein Leiden zu einer Vorbereitung auf sein Sterben werden zu lassen. |

Und nun kommen wir zur dritten Frage: Kann die Art, wie wir leiden und sterben, den Vergleich aushalten mit der Art, wie Jesus es getan hat? Jesu Leiden und Sterben war wohl ein Kampf, aber ein siegreicher Kampf. Er endete mit dem Ruf: Es ist vollbracht! [Joh. 19,30], wie er angefangen hatte mit dem Wort: Dein Wille geschehe! [Lk. 22,42] So ist es auch bei Allen gewesen, die seine wirklichen Jünger waren. Sie mussten wohl kämpfen, aber sie wurden nicht geschlagen, sie wanderten im dunkeln Tal, aber sie verirrten sich nicht, das Wasser ging ihnen bis an den Hals, aber die Wellen schlugen nicht über ihnen zusammen. So sieht das Leiden Jesu aus, das wir mit leiden sollen! Aber nichtwahr, es steht bedenklich um dieses «mit», auch wenn wir noch gar nicht an die wirklichen, großen Nöte des Lebens und Sterbens denken wollen. Wie kleinmütig und verzagt sind wir auch den bescheidensten Schwierigkeiten und Störungen unsres Lebens gegenüber! Wie lieben wir es, die Hände zu verwerfen besonders gegenüber jenem selbstgemachten und selbstvergrößerten Leid! |74 Wie verlieren wir die Fassung und das Selbstvertrauen, das Nachdenken und den Ernst so leicht, wenn nun einmal wirkliches Leid über uns hereinbricht! Wie groß ist im Heer der Leidenden die Schar derer, die seufzen und klagen, die schelten und stumpfsinnig werden, wie klein ist dagegen die Schar derer, die mit Jesus im Leid den Willen Gottes erkennen, verehren und ergreifen! Noch einmal fühlen wir uns durch das Bild des leidenden Jesus erniedrigt, klein gemacht. Wie schön, dass er anders ist, größer als wir! Wenn wir aus unsrer kleinen oder großen Not nach ihm sehen, wie er seine Not getragen hat, dann kann uns das knicken und unglücklich machen. Wir sind ihm sehr unähnlich. Aber in Wirklichkeit ist das gerade der dritte Dienst, den sein Leiden uns leistet. Es zeigt uns nicht nur, dass es größere Leiden gibt als unser Leiden, es zeigt uns nicht nur, dass, wer Leiden tragen will, sich üben muss, bevor die Leiden kommen, sondern es zeigt uns, wie man das Leiden anfasst und überwindet, wenn es da ist. Ja, Jesus war anders als wir, das erkennen wir schmerzlich, wenn wir vergleichen; aber dieser Mensch, der so anders war als wir, ist uns doch zugleich die Garantie, dass es auch bei uns anders sein könnte und anders sein darf. Und das ist keine leere Garantie. Dass sie etwas bedeutet, sehen wir daran, dass Tausenden von Menschen beim Gedanken an sein siegreiches Kämpfen ihr eigenes kleines oder großes Leiden zu einer Gottesgabe geworden ist, die sie aufnahmen in der Erinnerung: Dein Wille geschehe! [Lk. 22,42] und die sie nachher wieder ablegten mit dem Jubelruf: Es ist vollbracht! [Joh. 19,30] Siehe, wir preisen selig, die erduldet haben! [Jak. 5,11]

So ist es immer zugleich eine Demütigung und eine Kräftigung, die wir erfahren, wenn wir unser Leiden in die Gemeinschaft mit den Leiden Jesu stellen. Wir schauen eine Überlegenheit, aber von der Überlegenheit geht die Kraft der Liebe aus, die nicht herunterdrücken, sondern hinaufziehen will. Sein Leiden ist größer als das unsrige, dadurch wird uns das unsrige kleiner und leichter zu tragen. Sein Leben vor seinem Leiden war eine Heiligung und Vorbereitung, dadurch spornt er auch uns an, einen Grund zu legen, der unsre Leiden tragen kann. Sein Gottvertrauen und seine Tapferkeit im Leiden war etwas ganz Anderes als unsre Ratlosigkeit im selben Fall, aber gerade dadurch hat er ansteckend gezeigt, dass auch für uns etwas Anderes möglich sei.

*   *   *

75 Wenn wir so mit Christus leiden, wenn wir uns in unsern Nöten durch den Vergleich mit seinen Nöten demütigen und kräftigen lassen, dann werden wir Erben Gottes und Miterben Christi. Wir leiden mit ihm, auf dass wir auch mit ihm zur Herrlichkeit erhoben werden. So sagt Paulus. Wer erst wenig von einer so großen Wahrheit erfahren hat, der darf auch nur wenig darüber sagen. Dass Christus durch sein Leiden zur Herrlichkeit erhoben worden ist, das wissen wir freilich so gut wie Paulus, ja noch besser als er, weil wir noch deutlicher als er das Reich der Herrlichkeit überblicken können, das durch den einzigartigen Tod Christi geschaffen worden ist. Jesu Sache und seine Person, er selbst, waren etwas Großes und Schönes, als er selbst noch lebte und dafür wirkte. Aber dass sie etwas Herrliches sei, dass in ihm die Herrlichkeit Gottes sich offenbare, das sahen seine Jünger erst, als sie ihn hatten leiden und sterben sehen. Von seinem Kreuz aus fiel der Morgenglanz der Ewigkeit3 auf sein abgeschlossenes Leben und machte es für sie zu einer fortgesetzten Kundgebung Gottes. Als der Gekreuzigte stand er jetzt vor ihren Augen als der Auferstandene und Lebendige. Wenn wir heute zurücksehen auf die Geschichte, bemerken wir, wie fast genau mit dem Tode Jesu seine Sache eine Wendung ins Große, in die Welt hinaus nimmt. Jetzt können die Jünger nicht mehr schweigen von dem, was sie gehört und gesehen haben [vgl. 1.Joh. 1,3], jetzt ziehen die Boten Jesu aus nach allen Ländern, jetzt erwacht bei Juden und Heiden die Sehnsucht nach dem Erlöser, jetzt wird Jesus zum König einer neuen Welt. Das war die Herrlichkeit, zu der er durch sein Leiden und Sterben erhoben worden ist. Das war das väterliche Erbe, das der Sohn antreten durfte. Denn durch sein Leiden und Sterben hat Jesus den Gehorsam und die Liebe bewährt, Gott hatte es ganz in ihm gewonnen und damit hatte es Gott in der Welt gewonnen. Auf einen solchen Kampf musste ein solcher Triumph folgen, wie es geschehen ist.

Das können wir wohl verstehen; denn es ist eine Tatsache, die wir mit Händen greifen können. Aber was sollen wir zu dem andern sagen, dass auch wir, wenn wir mit Christus gelitten haben, mit ihm zur Herrlichkeit erhoben, dass wir seine Miterben werden sollen? – |

76 Ich denke so: wenn wir uns durch das überlegene Leiden Christi haben demütigen und kräftigen lassen, dann hört auch unser Leiden im Grunde auf, Leiden zu sein. Wenn wir uns in unsrer Not neben die Not Jesu gestellt haben, dann verliert der Schmerz sein Gift und der Tod seinen Stachel [vgl. 1.Kor. 15,50f.]. Was wir Leid nennen, wird dann zu einem Stück des guten Willens Gottes mit uns. Das will nicht sagen, dass Alles in unserm Leben bliebe, wie es vorher war! Nein, das Leid, auch wenn wir es mit Christus leiden, bringt immera eine gewaltige Veränderung in unser Leben:

Alles stirbt das Ird’sche findet
In dem Irdischen sein Grab;
Alle Lust der Welt verschwindet
Und das Herz stirbt selbst ihr ab.
Ird’sches Wesen muss verwesen,
Ird’sche Flamme muss verglühn,
Ird’sche Fessel muss sich lösen,
Ird’sche Blüte muss verblühn.4

Aber die Veränderung ist eine Verwandlung, nicht eine Vernichtung. Die Verzweiflung über dem Leid kennt der nicht mehr, der es zu Christus und mit Christus getragen hat. Er kann wohl etwas verlieren, er kann verwundet und gestört werden. Aber er findet das Verlorene immer in einer besseren Gestalt wieder, wie die Jünger ihren Herrn wieder gefunden haben. Er kann durch die schärfsten Waffen nicht getötet werden. Er kann bei aller Bedrängnis und Zerstörung doch nicht ganz zu Grunde gehen.5 Sondern im Gegenteil: jetzt, nachdem |77 er verloren hat, nachdem er verwundet und gestört worden ist, jetzt fängt er an, wirksam zu werden. Das Beste in ihm kann sich reiner entfalten, nachdem es durch den Schmerz von den Schlacken gereinigt worden ist. Seine Energie wird sich wuchtiger auf ihr Ziel richten, nachdem sie durch das Leid auf die Probe gestellt worden ist. Ihm muss auch der Tod zum Besten dienen. Es gibt Christen, die dem Reich Gottes gerade durch ihren Tod die mächtigste Förderung geben durften. Denn durch ihren Tod lernten die Menschen kennen, was ihnen Gott in b-diesen Männern-b verliehen hatte. c-Ihr Werk und ihr-c Geist wurden offenbar. Aber ich möchte damit nur andeuten, d-was das heißt-d, dass sie mit Christus zur Herrlichkeit erhoben werden. Das Größte können wir wahrscheinlich nicht erkennen. Und das ist auch nicht nötig. Wenn wir es nur einmal selig erleben.

Amen.

Textkritische Fußnoten

a
Im Mskr. infolge eines Loches im Blatt bis auf den Anfangsbuchstaben nicht erkennbar; von den Hrsg. rekonstruiert. ↩
b-b
Im Mskr. infolge einer Beschädigung des Blattes teils schwer entzifferbar; von den Hrsg. rekonstruiert. ↩
c-c
Im Mskr. infolge eines Loches und einer Beschädigung des Blattes teils nicht entzifferbar; von den Hrsg. rekonstruiert. ↩
d-d
Im Mskr. infolge einer Beschädigung des Blattes nicht entzifferbar; von den Hrsg. rekonstruiert. ↩

Sachfußnoten

1
Am 25. Februar 1912 war Karl Barths Vater Johann Friedrich (Fritz) Barth im Alter von 55 Jahren plötzlich an einer zu spät erkannten Blutvergiftung gestorben. ↩
2
Fritz Barth, der selbst einmal ein Pfarramt im Aargau bekleidet hatte und zuletzt als Professor für Neues Testament und Kirchengeschichte an der Universität Bern lehrte, hatte seinen Sohn am 9. Juli 1911 in das Safenwiler Pfarramt eingeführt und dabei selbst eine Predigt gehalten; vgl. Predigten 1911, S. IX 📖. ↩
3
«Morgenglanz der Ewigkeit»: Anfang eines Chorals von Chr. Knorr von Rosenroth (RG 572; EG 450) 🎵. ↩
4
Strophe 3 des Liedes «Bleibt bei Dem, der euretwillen / auf die Erde niederkam» von K. J. Ph. Spitta (GERS 254) 🎵. ↩
5
Vgl. die abschließende Strophe 15 des Liedes «Auf den Nebel folgt die Sonn» von P. Gerhardt: 🎵 «Ich will gehn in Angst und Noth, / ich will gehn bis in den Tod, / und will gehn ins Grab hinein, / und doch allzeit fröhlich sein; /Wem der Stärkste bei will stehn, / wen der Höchste will erhöhn, / kann nicht ganz zugrunde gehn.» (Paul Gerhardts Geistliche Lieder, mit Einleitung und Lebensabriß von K. Gerok, siebte Aufl., Leipzig [1907], S. 292 [Nr. 87] 📖; mit leichten Textabweichungen und als abschließende Strophe 11 auch in: A. Knapp, Evangelischer Liederschatz für Kirche, Schule und Haus. Eine Sammlung geistlicher Lieder aus allen christlichen Jahrhunderten, Stuttgart / Tübingen 1850, S. 893 [Nr. 2006]) 📖. ↩