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        <title type="volume" n="vol-56">Predigten 1912</title>
        <title type="content">Predigt: Matthäus 4,8-10</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Matthäus 4,8-10, 25. Februar 1912</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/56009 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1912, hrsg. v. Busch, Eberhard / Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2022, S. .</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/56009</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1912</title>
          <title type="text">Predigt: Matthäus 4,8-10</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2022</date>
          <!--position within a volume-->
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 4,8-10, 25. Februar 1912. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1544">KBA 1079</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1912-02-25">25. Februar 1912</date>
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          <term>sermon</term>
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                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1912-02-25">25. Februar 1912</date>
                    </dateline>
                <epigraph>
                <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.4.8 Mt.4.10">Matthäus 4,8–10</ref>
                  <quote rend="text-recte">Wiederum führte der Teufel Jesus mit sich auf einen sehr hohen Berg und zeigte ihm alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit und sprach zu ihm: <hi rend="italic">Das Alles will ich dir geben, so du niederfällst und mich anbetest.</hi> Da sprach Jesus zu ihm: <hi rend="italic">Heb dich weg von mir, Satan!</hi> Denn es steht geschrieben: <hi rend="italic">Du sollst anbeten Gott, deinen Herrn, und ihm allein dienen</hi>.</quote>
                        </cit>
                </epigraph>
                <salute>Liebe Freunde!</salute>
            </div>
            <div type="main">
                <p>Diese letzte <term ref="kbga-terms-1468">Versuchung Jesu</term> war von Allen die Schwerste. Und das darum, weil es der <term ref="kbga-terms-441">Teufel</term> hier am Besten verstand, seiner Stimme Ähnlichkeit mit der Stimme Gottes zu geben. Das <term ref="kbga-terms-174">Böse</term>, zu dem er Jesus hier verlocken wollte, sah äußerlich genauso aus wie das <term ref="kbga-terms-829">Gute</term>. Der Teufelsweg, den er ihn führen wollte, lief auf den ersten Blick genau in der gleichen Richtung und genau an dasselbe Ziel wie der Gottesweg, den Jesus kraft seines innern <term ref="kbga-terms-1451">Auftrages</term> selbst gehen wollte. Wir hören, dass er ihn auf einen sehr hohen Berg führte und ihm da alle Reiche der Welt und ihre Herrlichkeit zeigte und dass er ihm nun zuraunte: <hi rend="italic">Das Alles will ich dir geben!</hi> Da müssen wir bedenken, dass dies Wort nicht zu Einem geredet war, der blind und taub durch diese <term ref="kbga-terms-378">Welt</term> gehen wollte, als wäre sie ein schlechtes, unnützes Tal des Jammers, das es sobald als möglich zu verlassen und zu vergessen gelte, – nicht zu Einem, der von der Schönheit, dem Reichtum, der Freude des <term ref="kbga-terms-56">Lebens</term> nichts wissen wollte, der das <term ref="kbga-terms-748">Geschöpf</term> verachtete und nur den <term ref="kbga-terms-25">Schöpfer</term> liebte. Sondern dies Wort: «Das Alles will ich dir geben», traf in die Seele Eines, der offene Augen hatte für <term ref="kbga-terms-106">Gottes Herrlichkeit</term> in Allem, was Welt heißt, vom Sausen des Ostwindes [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.7.25">Mt. 7,25</ref>] bis zur Lilie auf dem Feld [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.7">Mt. 6,7</ref>] und bis zum Sperling, der über die Straße hüpft [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.10.29">Mt. 10,29</ref>], und auch für Gottes Herrlichkeit in den Werken und im Leben der Menschen, vom Tempel zu Jerusalem bis zum Sämann, der in gleichmäßigem Schritt und Wurf den Samen der Erde anvertraut [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.13.3">Mt. 13,3</ref>]. Jesus floh die Welt nicht, sondern er suchte sie. Er war tief durchdrungen von dem <pb xml:id="p061" ed="pga"/> Ernst des ersten Wortes Gottes, das an die Menschen ergangen ist: Seid fruchtbar und mehret euch und füllet die Erde und macht sie euch untertan und herrschet über sie! [<ref type="can" subtype="bible" target="Gen.1.28">Gen. 1,28</ref>] Und sein eigenes letztes Wort an die Seinigen lautete nicht: Lasst der Welt ihren Lauf und seht zu, dass ihr in den Himmel kommt!, sondern es lautete: Gehet hin in alle Welt und verkündiget das Evangelium aller Kreatur! [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.16.15">Mk. 16,15</ref>] Jesus hasste die Welt nicht, sondern er liebte sie. Er verschmähte es nicht, in ihr zu herrschen, sondern er wollte sie gerade erobern. Er hatte mehr Freude an der Welt und er war eifriger, die Welt zu gewinnen, als wir Alle. Wer in der <term ref="kbga-terms-378">Welt</term> etwas finden und wer in der Welt etwas schaffen will, der kann sich keinen Bessern zum Meister wählen als Jesus. |</p>
                <p>Und nun sieht <hi rend="italic">er</hi> in einer Vision, wie sie die verwegenste Phantasie nicht ungeheurer ausdenken könnte, die ganze Welt zu seinen Füßen liegen und nun hört <hi rend="italic">er</hi> eine Stimme, die ihm sagt: Das Alles will ich dir geben. War denn nicht gerade das Gottes Wille? War nicht gerade das das Ziel seines Wirkens? «Nun ist das Reich dieser Welt Gottes und seines Christus geworden» [<ref type="can" subtype="bible" target="Apk.11.15">Apk. 11,15</ref>], so hat ein späterer Christ, in der Offenbarung des Johannes, dies Ziel kurz und klar beschrieben. War dies Ziel nicht erreicht, wenn Jesus jetzt hörte auf das Wort: Das Alles will ich dir geben? Ja, das war die größte, die schwerste <term ref="kbga-terms-1468">Versuchung</term>. Denn das Wort des Versuchers war die vollendete Nachahmung des göttlichen Auftrags. Auch bei den andern Versuchungen verkleidete sich ja das <term ref="kbga-terms-174">Böse</term> in das <term ref="kbga-terms-829">Gute</term>. Wir haben an den letzten Sonntagen gesehen, wie trefflich es der <term ref="kbga-terms-441">Teufel</term> versteht, die <term ref="kbga-terms-110">Bibel</term> zu zitieren und dem Menschen einzublasen: Brauche deine Kraft! und: Vertrau nur auf Gott! Aber was er dort vorbrachte, das war doch recht plump und täppisch neben dem, was er jetzt wollte. Die Welt in Jesu Hand geben! Geschickter, feiner hätte die Lockung nicht sein können; denn gerade das war wirklich und ausdrücklich auch der <term ref="kbga-terms-76">Wille Gottes</term>. Wie sollte Jesus in dieser Lockung den Willen des Teufels erkennen? – |</p>
                <p>Und wie sollen <hi rend="italic">wir</hi> das <term ref="kbga-terms-174">Böse</term> vom <term ref="kbga-terms-829">Guten</term> unterscheiden, wenn auch wir, wie dort Jesus, vor die offene Welt gestellt sind, und mit beängstigender Ähnlichkeit ertönt hier der göttliche Auftrag und dort die teuflische Lockung: Das Alles will ich dir geben! Wir sollen uns diese <term ref="kbga-terms-378">Welt</term> nutzbar machen, wir sollen in ihr unser tägliches <hi rend="italic">Brot</hi> verdienen <pb xml:id="p062" ed="pga"/> und was dazu gehört – das sagt uns Gott und das sagt uns der Teufel. Wir sind dazu geschaffen, in dieser Welt ein volles, reiches Maß von <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-1458">Freude</term></hi> zu erleben, wir sollen genießen, was das Leben uns bietet – das sagt uns Gott und das sagt uns der Teufel. Wir sind dazu da, nicht verborgen und unwirksam zu leben in dieser Welt, sondern mit unserm <term ref="kbga-terms-1436">Geist</term> und mit unsrem Willen unsre <term ref="kbga-terms-800">Mitmenschen</term> zu <hi rend="italic">beeinflussen</hi> und zu lenken – auch das sagt uns Gott und auch das sagt uns der Teufel. Das Alles will ich dir geben! tönt es von beiden Seiten. Es kommt darauf an, wie wir das Wort verstehen. Aber wie sollen wir es verstehen? Wie sollen wir links von rechts unterscheiden, unten von oben, die teuflische Lockung vom göttlichen Auftrag? Wir stehen da vor der Haupt- und Staatsfrage in unsrem Leben. Wir können sie nicht ein für allemal erledigen – sie kommt alle Tage wieder. Und wie oft schon haben wir sie falsch beantwortet. Wir haben die Welt gewonnen, und wir meinten, es sei recht so und Gottes Wille. Aber es war der Teufel, der sie uns geschenkt hat. Wir haben unser Brot verdient und wohl auch noch etwas mehr als das Brot, wir haben das <term ref="kbga-terms-56">Leben</term> genossen in vollen Zügen, wir sind unter den Menschen emporgestiegen mit kräftigen Ellenbogenstößen oder mit scharfen, zündenden Worten und haben ihren Willen unserm Willen untertan gemacht. Und wir dachten, das Alles müsse so sein. Das sei Ordnung der <term ref="kbga-terms-1359">Natur</term> und <term ref="kbga-terms-692">Ordnung</term> Gottes so. Aber in Wirklichkeit standen wir längst unter der Ordnung des <term ref="kbga-terms-441">Teufels</term>. Wie sollen wir erkennen, ob es das Eine oder das Andre ist? Wie hat Jesus die <term ref="kbga-terms-1468">Versuchung</term> überwunden und die Hand Gottes ergriffen?</p>
                <p>Das hat er getan, indem er scharf hingehört hat auf den kleinen Zusatz, mit dem der <term ref="kbga-terms-441">Teufel</term> seine Offerte begleitete. Das Alles will ich dir geben – – –, <hi rend="italic">so du niederfällst und mich anbetest</hi>. Ich sage ausdrücklich: er musste scharf hinhören. Denn das hat der Teufel ganz sicher nicht laut gesagt, sondern leise. Von solchen kleinen nachhinkenden Bedingungen macht er kein großes Wesen, das ist nicht seine Art. Er redete auch nur der Form wegen von Niederfallen und Anbeten, er wäre auch mit einem Kopfnicken oder Augenblinzeln zufrieden gewesen. Wir dürfen auch in <hi rend="italic">unsern</hi> Versuchungsstunden ja nicht erwarten, dass da eine Posaune ertönt und uns zuruft: Mensch, tu jetzt eine Niederträchtigkeit! Das geschieht nur in den allerseltensten Fällen. Sondern da tönt es ganz sanft und leise und bescheiden: nur <pb xml:id="p063" ed="pga"/> ein bisschen sollst du zur Seite des <term ref="kbga-terms-174">Bösen</term> dich neigen. Je öfter wir nachgegeben haben, desto leiser ertönt die Stimme, die die kleine Bedingung macht, und zuletzt ertönt sie sogar gar nicht mehr, weil wir die Bedingung längst erfüllt haben. Und was da von uns verlangt wird, das ist nichts Fürchterliches, keine zum Himmel schreiende Untat. Nein,</p>
                <q rend="block">
                    <lg>
                        <l>Üb immer Treu und Redlichkeit</l>
                        <l>Bis an dein kühles Grab</l>
                        <l>Und weich nur zwei Finger breit</l>
                        <l>Von Gottes Wegen ab!<note xml:id="n01">
                                    <p> Karikierende Anspielung auf Strophe 1 des Liedes «Üb’ immer Treu und Redlichkeit» von <persName ref="kbga-actors-9000">L. Chr. H. Hölty</persName>, zu dem <persName ref="kbga-actors-281">W. A. Mozart</persName> die Melodie schrieb. Im Original heißt es: «[…] / Und weiche keinen Finger breit / Von Gottes Wegen ab!»</p>
                                </note>
                            </l>
                    </lg>
                </q>
                <p>Als die Christen der ersten Jahrhunderte um ihres Glaubens willen verfolgt wurden, da verlangte die heidnische Obrigkeit auch nichts Anderes von ihnen, als dass sie zum Zeichen ihrer leiblichen Unterwerfung öffentlich den Göttern opfern sollten. Innerlich könnten sie ja dabei denken, was sie wollten, fügten einsichtige Magistratspersonen dazu. Und als das Manchen doch zu viel war, wurde das Opfer sogar auf ein paar Weihrauchkörner beschränkt, die sie auf eine Pfanne mit glühenden Kohlen werfen mussten vor irgend einem Götterbild. Nur ein paar <term ref="kbga-terms-1484">Weihrauchkörner</term>! Und das hat Manchem eingeleuchtet, und er hat den kleinen Akt vollzogen. Es war wirklich eine bescheidene Bedingung, mit der sie sich da die Freiheit und das Leben retteten. Und doch hat die <term ref="kbga-terms-371">christliche Kirche</term> damals den Grundsatz aufgestellt: Wer das tut, gehört nicht mehr zu uns und nicht mehr zu Christus. Und daran hat sie recht getan.<note xml:id="n02">
                            <p> In der <term ref="kbga-terms-1488">Christenverfolgung</term> unter dem römischen Kaiser <persName ref="kbga-actors-4642">Decius</persName> (249–251) war ein solches <term ref="kbga-terms-1484">Weihrauchopfer</term> ein Weg, dem gebotenen Opfer zu entsprechen, dessen Verweigerung die Todesstrafe nach sich zog. Die Gemeinde unterschied daraufhin innerhalb der ‚lapsi’, der Gefallenen, «1) sacrificati, die geopfert, 2) thurificati, die nur Weihrauch verbrannt, 3) libellicati, die sich, ohne geopfert zu haben, von bestochenen Beamten den Opferschein erkauft hatten» (<bibl corresp="kbga-bibls-1627">
                                    <persName ref="kbga-actors-287">K. Fr. Müller</persName>, <hi rend="italic">Kirchengeschichte</hi>, Bd. 1 [Grundriss der Theologischen Wissenschaften, IV/1], Freiburg i.Br. 1892, S. 100</bibl>; zum Streit um die Möglichkeit der Wiederaufnahme der Gefallenen in die Gemeinde vgl. a.a.O., S. 118–120).</p>
                        </note> – |</p>
                <p> <pb xml:id="p064" ed="pga" rend="noPipe"/> Denn es kommt durchaus nicht darauf an, ob die Bedingung übermütig oder bescheiden ist, sondern darauf, ob sie erfüllt wird oder nicht. Es kommt nicht darauf an, ob unser Ja zum <term ref="kbga-terms-174">Bösen</term> laut oder leise und verschämt ist, sondern darauf, ob es ein Ja ist oder nicht. Nicht darauf, ob die böse Tat, die von uns gefordert wird, groß oder klein oder verschwindend klein ist, sondern darauf, ob sie geschieht oder nicht. Alle diese äußren Unterschiede sind gleichgiltig, denn die Sache bleibt dieselbe. Die Bedingung des <term ref="kbga-terms-441">Teufels</term> heißt laut oder leise: wenn du mich anbetest. – | </p>
                <p>Auf diese Bedingung hat Jesus gehört, während wir sie oft <hi rend="italic">über</hi>hören und überhören <hi rend="italic">wollen</hi>. Er hat gemerkt, dass in dem großartigen Anerbieten: Das Alles will ich dir geben, ein <hi rend="italic">Kontrakt</hi>, ein Handel verborgen war, und <hi rend="italic">daran</hi> hat er es als ungöttlich erkannt. Denn mit Gott kann man keinen Kontrakt, keinen Handel abschließen. Auch er sagt uns: Das Alles will ich dir geben, aber er fügt keine Bedingung, kein Wenn und Aber hinzu. Was er uns schenkt in dieser Welt, das ist ein freies Geschenk seiner königlichen <term ref="kbga-terms-36">Gnade</term>. Selbstverständlich, ohne Klauseln, ohne dass sie etwas dafür leisten müssten, müssen denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.8.28">Röm. 8,28</ref>]. Sie sind ja die <term ref="kbga-terms-1055">Kinder des Königs</term>, dem Alles gehört, wie könnten sie da einen Tauschhandel eingehen mit dem <hi rend="italic">Vater?</hi> Gott sagt uns nicht: Das Alles will ich euch geben, wenn ihr mich anbetet oder wenn ihr brav seid, sondern er schenkt uns ohne unser Verdienen, allein aus <term ref="kbga-terms-35">Gnade</term> seine <term ref="kbga-terms-37">Liebe</term>, er erfüllt uns mit seiner Liebe, und dann wird uns ganz selbstverständlich die ganze <term ref="kbga-terms-378">Welt</term> mit all ihrer <term ref="kbga-terms-1458">Freude</term> und ihrem <term ref="kbga-terms-603">Leid</term> zu einem großen <term ref="kbga-terms-1051">Segen</term>. Die Welt wird unser Eigentum und wir ihre Herrscher:</p>
                <q rend="block">
                    <lg>
                        <l>Wenn ich ihn nur habe,</l>
                        <l>Hab’ ich auch die Welt;</l>
                        <l>Selig wie der Himmelsknabe,</l>
                        <l>der der Jungfrau Schleier hält,</l>
                        <l>Hingesenkt im Schauen</l>
                        <l>Kann mir vor dem Irdischen nicht grauen!<note xml:id="n03">
                                    <p> Strophe 4 des Gedichts «Wenn ich Ihn nur habe» von <persName ref="kbga-actors-1161">Fr. von Hardenberg</persName> / <persName ref="kbga-actors-1161">Novalis</persName> (in: <bibl corresp="kbga-bibls-1626">Novalis, <hi rend="italic">Werke, Briefe, Dokumente</hi>, hg. von E. Wasmuth, Bd. 1: <hi rend="italic">Die Dichtungen</hi>, Heidelberg 1953, S. 423</bibl>; Z. 3 lautet dort: «Selig wie ein Himmelsknabe»).</p>
                                </note>
                            </l>
                    </lg>
                </q>
                <p> <pb xml:id="p065" ed="pga" rend="noPipe"/> Wogegen das Kontraktemachen, das Händelen mit Wenn und Aber etwas Unnatürliches und Ungöttliches ist. Es ist sogar in unserm <term ref="kbga-terms-1100">äußern Leben</term> nur um unsres Herzens Härtigkeit willen da und durchaus nichts Schönes. Wenn einmal das <term ref="kbga-terms-434">Reich Gottes</term> da ist, werden die Menschen keine Kontrakte mehr machen. Wenn wir aber im <term ref="kbga-terms-1431">innern Leben</term> anfangen zu händelen, zu rechnen, Verträge zu machen, dann können wir schon jetzt mit aller Bestimmtheit wissen, dass der, mit dem wir verhandeln, nicht Gott ist, sondern der <term ref="kbga-terms-441">Teufel</term>. Denn bei Gott gibt es kein Hin- und Herreden, zu ihm können wir nicht sagen: Gib mir das, so will ich dir das tun! und er sagt auch nichts derartiges zu uns. Sondern bei ihm gibt es nur ein freies Geben und Nehmen seiner Geschenke. Am Wenn und Aber hat Jesus den Teufel erkannt. Als <term ref="kbga-terms-235">Sohn des Königs</term> merkte er schon an der <hi rend="italic">Bedingung</hi>, dass das Angebot nicht vom Vater kam, denn der Vater macht keine Bedingungen. Er spürte das Unnatürliche, Ungerade, Gezwungene, Knechtische, das in dieser bedingten Offerte lag. Er wusste, dass der, der auf dem Weg Gottes geht, frisch und fröhlich und aufrechten Hauptes nach der Welt und ihren Gütern greifen darf. Wo ein Wenn und Aber ist, da ist auch Gott nicht.</p>
                <p>Das Wenn und Aber des Teufels ist zu allen Zeiten dasselbe gewesen. Es hat den einzigen Zweck, den Menschen vom einfachen, geraden, schlichten, selbstverständlichen Weg Gottes abzulenken. Und darum lautet es: … wenn du niederfällst und mich anbetest. Denn wenn wir, statt uns auf <term ref="kbga-terms-37">Gottes Liebe</term> zu verlassen, die uns die Welt und ihre Güter schenken will, irgend etwas Unnatürliches und Künstliches tun, mit dem wir besser zu fahren hoffen, dann beten wir damit den Teufel an. Das <term ref="kbga-terms-174">Böse</term> ist immer ein solcher Seitenweg, auf dem wir besser zu fahren hoffen als auf dem einfachen Weg. Wir meinen, einen großen <term ref="kbga-terms-1418">Profit zu machen</term>, indem wir etwas Anderes tun als das, was das Natürliche wäre. Um dieses Profites willen verlassen wir Gott, der uns so unendlich reich beschenken will. Wir <term ref="kbga-terms-1485">verraten Gott</term> und wir verraten uns selbst. Im <term ref="kbga-terms-18">Mittelalter</term> erzählte man sich von gewissen Personen, die sich mit ihrem Blut dem <term ref="kbga-terms-441">Teufel</term> verschrieben hätten, der ihnen dafür in Allem seine Hilfe schuldig sei.<note xml:id="n04">
                            <p> Eine Absage an solche und ähnliche Übereinkommen mit Dämonen findet sich bei <bibl corresp="kbga-bibls-1625">
                                    <persName ref="kbga-actors-1282">Thomas von Aquino</persName>, <hi rend="italic">Summa Theologica</hi> II, Qu. 96 a2</bibl>. – Vgl. auch <bibl corresp="kbga-bibls-647">
                                    <persName ref="kbga-actors-136">J. W. von Goethe</persName>, <hi rend="italic">Faust</hi>, I. Teil, V. 1656–1659</bibl>: «<hi rend="italic">Mephistopheles:</hi> Ich will mich hier zu deinem Dienst verbinden, / Auf deinen Wink nicht rasten und nicht ruhn; / Wenn wir uns drüben wiederfinden, / So sollst du mir das gleiche tun.»; V. 1698: «<hi rend="italic">Faust:</hi> Die Wette biet ich! <hi rend="italic">Mephistopheles:</hi> Topp!»</p>
                        </note> Mit diesem schauerli<pb xml:id="p066" ed="pga" break="no"/>chen Gedanken meinte man jenen doppelten <term ref="kbga-terms-1485">Verrat an Gott</term> und an uns selbst, den wir Alle schon vollzogen haben. Wir wollen die <term ref="kbga-terms-378">Welt</term> nicht von Gott geschenkt erhalten, sondern wir meinen, mit einem unnatürlichen und verderblichen Kontrakt besser zum Ziel zu kommen.</p>
                <p>Ein solches Abweichen von der <term ref="kbga-terms-37">Liebe Gottes</term> war Jesus unmöglich. Er wusste, dass die Welt ihm gehörte und dass er zu ihrer Eroberung keines Wenn und Aber bedürfe. Und darum hat er mit einem bestimmten: <hi rend="italic">Heb dich weg von mir, Satan!</hi> den geraden Weg eingeschlagen. Sein gerader Weg  zur Eroberung der Welt bestand darin, dass er nach der ihm von Gott geschenkten Einsicht den Menschen das Himmelreich und seine Gesetze verkündigte. Auf diesem Wege bedurfte er keiner Bedingung, keines Handels. Die Liebe Gottes war in ihm und machte es ihm gewiss, dass er das Feld behaupten werde. Er hätte sich selbst verleugnen müssen, wenn er sich zu diesem Zweck vor irgendwem hätte verbeugen wollen. <hi rend="italic">Du sollst Gott, deinen Herrn, anbeten und ihm allein dienen</hi>. Du sollst das Schlichte und Klare tun, das, was das Gewissen dich heißt, und sollst keine Künste machen. Und darum: Hebe dich weg von mir Satan!</p>
                <p>So können auch wir in unserm Leben die teuflische Lockung von unserm göttlichen <term ref="kbga-terms-1452">Auftrag</term> unterscheiden lernen, so sehr sie einander ähnlich sehen mögen. Wir können sicher sein, dass wir auf der Seite des <term ref="kbga-terms-174">Bösen</term> immer das kleine Wenn und Aber finden werden, das, was zu einem Seitenweg einladet, auf dem besser zu fahren sei. <hi rend="italic">Das Alles will ich dir geben!</hi>, so sagt uns Gott und so sagt uns der Teufel, und Beide zeigen uns dabei die ganze Welt zu unsern Füßen. Aber wenn’s der Teufel sagt, dann ist ein <hi rend="italic">Wenn</hi> dabei. Und dieses Wenn ist das Warnungszeichen, auf das wir achten müssen. |</p>
                <p>Du sollst dein <hi rend="italic">tägliches Brot</hi> verdienen in dieser Welt!, sagen Beide. Der einfache Weg, der Weg Gottes würde darin bestehen, dass wir uns sagen, dass bei diesem Werk alle miteinander und alle füreinander arbeiten müssen, wenn etwas Rechtes zu Stande kommen soll. Zu diesem Gedanken kommen wir durch die einfache Überlegung, <pb xml:id="p067" ed="pga"/> wie viel Hände tätig gewesen sind, bis wir unser Stück Brot in Händen haben, um von Anderem nicht zu reden. Wir wären nichts ohne die <term ref="kbga-terms-795">Arbeit</term> der <term ref="kbga-terms-800">andern Menschen</term>, also sollen wir auch nichts ohne sie und neben ihnen sein wollen. Dahin würde uns die <term ref="kbga-terms-37">Liebe Gottes</term> weisen, die uns die <term ref="kbga-terms-378">Welt</term> schenken will. Aber nun kommt das Unnatürliche, der Kontrakt mit dem <term ref="kbga-terms-441">Teufel</term>, den wir schließen, um es besser zu machen. Noch besser komme ich zu meinem Brot, denken wir, <hi rend="italic">wenn</hi> ich bloß für mich selbst sehe. Mag ein Jeder das Gleiche tun. Mit dieser kleinen, unmerklichen Verbeugung gegen das Böse ist die <term ref="kbga-terms-26">Entscheidung</term> da und Alles, was immer daraus folgen mag, von der feinen, gesetzlich geschützten und kontrollierten <term ref="kbga-terms-1487">Ausbeutung</term> der Arbeitskraft Anderer bis zum groben Diebstahl an fremdem Eigentum, für den man ins Gefängnis kommt, ist bloß eine Folge jenes ersten kleinen Ja zu dem ebenso kleinen Wenn. |</p>
                <p>Du sollst dich <hi rend="italic">freuen</hi> in dieser <term ref="kbga-terms-378">Welt</term> und ihre Güter genießen! Wieder sagen es uns Beide, Gott und der Teufel. Aber wenn Gott es uns sagt, dann ist die Freude nie etwas Anderes als eine Erfahrung des Menschen. Wenn unser Herz voll wird im Jubel darüber, dass wir leben dürfen, wenn wir uns gefördert fühlen in unsrer Arbeitskraft und gestärkt in unserm <term ref="kbga-terms-892">Solidaritätsgefühl</term> zu den Menschen, dann freuen wir uns, das ist die natürliche, die rechte <term ref="kbga-terms-1458">Freude</term>, die aus der <term ref="kbga-terms-37">Liebe Gottes</term> kommt. Da sagt <hi rend="italic">er</hi> uns: Das Alles will ich dir geben! Aber sofort erkennen wir in unsrer Freude die Lockung des <term ref="kbga-terms-174">Bösen</term>, wo wir anfangen zu denken: Noch größer könnte meine Freude sein, <hi rend="italic">wenn</hi> ich, statt mich zu erheben, mich ein wenig erniedrigte, wenn ich nicht mehr als Mensch mich freute, sondern ein wenig als Tier, wenn ich nicht mehr an meine <term ref="kbga-terms-795">Arbeit</term> und meine <term ref="kbga-terms-800">Mitmenschen</term> dächte, sondern in einer Lust mich vergnügte, die keinen andern Wert hat als den, Lust zu sein. Das wäre die rechte Freude! Merken wir wohl auf dieses Wenn, das uns vom Weg der natürlichen, der göttlichen Freude ablenken will. |</p>
                <p>Schließlich sind wir dazu auf der Welt, unsre Mitmenschen durch unsren Willen zu <hi rend="italic">beeinflussen</hi> und zu lenken. Das ist das Höchste, was Gott und der <term ref="kbga-terms-441">Teufel</term> uns zu sagen haben, wenn sie uns sagen: Das alles will ich dir geben! Jeder von uns ist berufen, einen Einfluss auszuüben in einem kleinen oder großen Kreise. Kein Mensch ist unwirksam. Alle helfen mit, die Menschheit zu lenken. Aber wenn uns Gott das <pb xml:id="p068" ed="pga"/> sagt, dann bedeutet es, dass wir unsern Willen dafür einsetzen, dass bei unsern <term ref="kbga-terms-800">Mitmenschen</term> etwas Rechtes entsteht, rechte Gedanken und Einsichten, rechte Taten, rechte Verhältnisse. Das ist der Einfluss, den wir in der Welt üben sollen. Ganz ihm ähnlich und doch ganz sein Gegenteil ist ein anderer Einfluss. Das ist der, wo wir vorziehen, unsren Willen dazu zu brauchen, unsre eigene Person hervorzuheben, uns wichtig und angesehen zu machen, wo es uns weniger auf das ankommt, was wir ausrichten, als darauf, dass <hi rend="italic">wir</hi> es ausrichten. Auch das ist unnatürlich, ist unrecht. Wir meinen, das sei der rechte, schöne Einfluss unsres Willens auf Andre, <hi rend="italic">wenn</hi> sie auf <hi rend="italic">uns</hi> hören, nach uns sich richten müssen.</p>
                <p>Gegen diese <term ref="kbga-terms-176">Versuchung</term> in allen ihren Formen gibt es nur einen Schutz, und den hat schon Jesus gebraucht, als er dem Bösen das Wort entgegenhielt: <hi rend="italic">Du sollst Gott, deinen Herrn, anbeten und ihm allein dienen</hi>. Und das heißt einfach: Es gibt keinen Weg als den schlichten Weg, den man ohne Kontrakte, ohne Wenn und Aber gehen kann. Jesus lehrt uns das einsehen, dass das <term ref="kbga-terms-174">Böse</term> immer etwas Künstliches, Verdrehtes ist in unsrem Leben. Wenn wir das einmal eingesehen haben, dann werden wir auch die Kraft finden, es so kräftig heimzuschicken, wie er es getan hat. Und dann kann Gott der Herr in uns regieren. </p>
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                <salute>Amen.</salute>
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