18. Februar 1912

Predigt: Matthäus 4,5-7

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Matthäus 4,5–7
Da führte der Teufel Jesus mit sich in die heilige Stadt und stellte ihn auf die Zinne des Tempels und sprach zu ihm: Bist du Gottes Sohn, so stürze dich hinab; denn es steht geschrieben: er wird seinen Engeln Befehl geben deinetwegen, und sie werden dich auf den Händen tragen, dass du deinen Fuß nicht an einem Stein stoßest. Da sprach Jesus zu ihm: Wiederum steht auch geschrieben: Du sollst Gott, deinen Herr nicht versuchen.
Liebe Freunde!

Wenn ich mich darüber besinne, wie ich mir die Geschichte vorstellen soll, die ich euch da eben vorgelesen habe, dann bin ich wiederum am Ehesten geneigt, an einen Traum zu denken. Denn ein so abenteuerlicher und kindischer Gedanke wie der, sich von der Zinne des Tempels zu stürzen, hätte sicher bei wachem, klarem Bewusstsein nie in der Seele Jesu auftauchen können, so wenig wie vorher der Gedanke an das Zauberstücklein, Steine in Brot zu verwandeln. Aber wenn der Mensch aus dem wachen Zustand hinübergegangen ist in das dunkle und geheimnisvolle Reich des Schlafes, dann ist’s, als ob mit einem Mal die Schranken gefallen wären, mit denen der Verstand und der Wille tagsüber seine Gedankenwelt umgibt. Dann wird das Unmögliche möglich. Dann wird unser Bewusstsein bevölkert und belebt durch phantastische, ungeheuerliche Gestalten und Vorgänge, die aus unbekannten Tiefen der Seele emporsteigen, wir wissen nicht wie? und warum? Und doch ist nichts Unnatürliches und auch nichts Zufälliges dabei. Auch der Traum gehört zu unserm wirklichen Leben.1 Ganz besonders äußern sich im Traum die Gedanken und Neigungen, die wir uns im wachen Zustand verbieten, die wir unterdrücken würden. Im Schlaf werden sie gleichsam frei, verkleiden sich in |51 die seltsamsten Formen und lassen uns Dinge denken und tun, über die wir uns schämen beim Erwachen. Im Traum nehmen die Versuchungen feste Gestalt an, denen wir ausgesetzt sind und die sonst in uns schlummern, ohne dass wir es wissen. Ich denke, davon haben wir Alle schon etwas beobachtet bei uns selbst. Und auch davon, wie dann sogar im Traume das Gewissen der Versuchung Widerstand leistet, manchmal stärker und manchmal schwächer, manchmal erfolgreich und manchmal umsonst.

So stelle ich mir die Geschichte von den Versuchungen Jesu vor, so auch die heutige. Im Schlaf oder Halbschlaf, wo der Verstand nicht mehr so genau Wache hält über die Gedanken, sieht er sich auf das flache Dach des Tempels in Jerusalem versetzt. Die heilige Stadt liegt in weitem Umkreis zu seinen Füßen. Aus der Ferne grüßen ihn die Berge von Judäa, die Jerusalem vom Toten Meer trennen, aus nächster Nähe aber die Kuppeln und Zinnen des Tempels, auf deren höchster er sich selbst befindet. Es ist das Gottesland und die Gottesstadt, auf die er hernieder blickt. Wenn die Herrlichkeit Gottes zu den Menschen kommt, dann muss es hier geschehen. Wenn Gottes Held und Gesandter sich offenbaren wird, dann muss er es hier tun. Und bei diesem Gedanken hört er aus der Tiefe ein Branden und Wogen und Murmeln wie von Meereswellen. Er sieht, halb mit einem Schauer von Freude, halb mit Entsetzen da drunten auf dem Tempelplatz, Kopf an Kopf gedrängt, winzig klein im Einzelnen und doch unendlich groß im Ganzen, die Menge der Gläubigen, das zum Gottesdienst versammelte Israel. Und Alle, Alle, die da drunten stehen, haben ihre Arme leidenschaftlich erhoben, und ihre Augen sind auf ihn, den Einen geheftet, der da droben einsam vor blauem Himmel sich abzeichnet. Sie warten darauf, dass er sich kundtue als König und Davidssohn. Wie ein Rausch erfasst es ihn, wenn er an die Gewissheit denkt, dass er Gottes Gesandter wirklich ist, und wenn er nun das Volk vor sich sieht, das nur auf ein ungeheures Ereignis wartet, um ihm zuzujubeln und ihm die Krone aufs Haupt zu drücken. Näher und näher muss er an den Rand des Daches treten. Sollte es nicht Gottes Wille sein, dass er das Ungeheure tut? Dass er jetzt, da, sich herunterstürzt wie vom Himmel auf die Erde unter all das Volk? Sollte Gottes bewahrende Hilfe versagen, wenn er es täte? Wäre es nicht ein Mangel an Gottvertrauen, wenn er es nicht täte? Steht nicht geschrieben, dass Gott |52 seinen Engeln Befehl gibt, um seine Auserwählten zu schützen, also dass sie nicht die kleinste Verletzung erleiden sollen? Vorwärts, vorwärts, in die Tiefe! Gott will es, und Gott wird schon sorgen! So drängt und treibt es in ihm, und sein Herz klopft stürmisch im Gefühl der Größe des Erfolges oder der Gefahr, die ihm bevorstehen. Aber er tut den Schritt nicht, den entscheidenden. Ihm ist, als ob ihn eine Hand mit aller Wucht zurückstieße, und jetzt hört er deutlich und klar eine Stimme: Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen! Er muss sie laut nachsprechen, diese Worte, einmal und noch einmal. Er hält sich daran, er klammert sich daran, an dieses unbeugsame: «Du sollst nicht!» Da lässt das Drängen und Treiben der Versuchung nach. Das Bild des Tempels und der Stadt und des Volkes da unten wird undeutlich vor seinen Augen. Er hat: Nein! gesagt. Eine große Ruhe hat ihn ergriffen, obgleich sein Blut noch immer in Wallung ist, und nun schlägt er die Augen auf – er ist in der Wüste, die er aufgesucht, als er von Johannes dem Täufer kam. Er hat gesiegt, er hat eine Versuchung überwunden, und wenn’s gleich nur ein Traum war, er freut sich dankbar, dass er durch eine wirkliche Gefahr unverletzt hindurchgegangen ist. Seine Seele stand rein da, wie wir es nicht immer von uns sagen können, wenn wir uns vom Schlaf erheben.

*   *   *

Aber wir müssen nun etwas genauer nachdenken über die Art der Versuchung, die dort Jesus bedroht und die er kämpfend besiegt hat. Wir wollen vor Allem feststellen, dass es sich auch da viel weniger um eine Entscheidung des Augenblicks handelte als um die Richtung seines ganzen Lebens. Wieder fragte es sich, ob Jesus sein von Gott erhaltenes Amt in etwas Gemeines, Widerwärtiges verkehren lassen oder ob er es tapfer ausüben wolle. Ob der Held Gottes seine Würde und seine Kraft missbrauchen oder ob er sie recht gebrauchen werde. Nicht nur in jenem Moment, sondern überhaupt. Denn in jenem Traumbild spiegelte sich die Art und die Richtung seiner Seele selbst.

Aber was war das für ein Gedanke, der da in ihm aufstieg und sich verkleidete in die sonderbare Lockung, sich vom Tempeldach herabzustürzen unters Volk im Vertrauen auf Gott, der schon helfen werde? Vielleicht könnte man es kurz so ausdrücken: Das war die Lust zur Gleichgiltigkeit gegen die Gesetze des Lebens, die Lust, mit dem Le|53ben ein eigenmächtiges Spiel zu treiben, die Lust an einem unbesonnenen, wilden, verwegenen, Dreinfahren und Dreinpfuschen. Bist du Gottes Sohn, so stürze dich hinab! Es liegt von allen dreien etwas darin, von der Gleichgiltigkeit, vom Spiel und vom Dreinfahren. Und es ist damit zugleich eine ganze Lebensrichtung gekennzeichnet, die von unendlich Vielen eingeschlagen wird. Eine ganz andre Lebensrichtung als der Erwerbssinn, von dem wir das letzte Mal sprachen, aber ebenso häufig betreten und ebenso lockend.

Wir reden zuerst von der Gleichgiltigkeit, der Gleichgiltigkeit gegen die Gesetze des Lebens. Daran ist nicht zu zweifeln, dass es etwas Einladendes hat, das Leben so zu nehmen, wie es dort der Versucher Jesus nahegelegt hat. Also sich keine Rechnung zu geben von den Schwierigkeiten, keine Rücksicht zu nehmen auf allfällige Hindernisse und Gefahren, nicht zu denken an das, was natürlicherweise geboten und ratsam ist, sondern frisch drauflos zu denken, der liebe Gott werde schon machen, dass es gut komme. Dieser Fall kommt ungemein zahlreich vor, nicht nur unter den sogenannten Gottlosen, sondern gerade unter den sogenannten Frommen. Da ist eine krank geworden; der Arzt kommt und verschreibt ihr ein Mittel und verheißt womöglich eine Operation als dringend nötig. Was? denkt sie. Mittel nehmen? Operieren? Wenn’s des Herrn Wille ist, werde ich auch ohne das gesund werden. Bist du Gottes Sohn, so stürze dich hinab, denn es steht geschrieben: ich will meinen Engeln Befehl geben deinetwegen … Und nun lässt sie im Vertrauen auf Gott die Mittel stehen und will von der Operation nichts wissen. Sie hat dergleichen nicht nötig. Der liebe Gott macht sonst, dass es gut kommt. Seht, das ist Gleichgiltigkeit gegen die Gesetze des Lebens. |

Oder etwas Anderes: Da ist irgend ein Zustand im öffentlichen Leben, der anders werden müsste. Jedermann weiß davon. Jeder macht die Faust in der Tasche,2 jeder macht ein klägliches Gesicht, wenn davon die Rede ist. Aber wenn’s nun heißt: Sagt etwas dazu, tut etwas dazu, wenn die Aufforderung kommt: das und das und das sind die Mittel und Wege zur Besserung, dann heißt es plötzlich: «Ach nein, das muss man dem Herren überlassen, man muss ihm nicht vor|54greifen, er wird’s schon recht machen, und wenn noch nichts geschehen ist, so ist es ein Zeichen, dass es anders nicht des Herrn Wille ista.» Mit diesem Grund haben zum Beispiel sehr fromme Christen vor 200 Jahren die Heidenmission bekämpft, direkt bekämpft. Sie sagten: Wenn Gott die Bekehrung der Heiden haben wollte, würde er auch dafür gesorgt haben.3 Mit denselben Gründen wurde später die Befreiung der Negersklaven bekämpft und die Abstinenzbewegung und neuerdings die soziale Bewegung. Man sagte: «Das sind ganz schöne Dinge, aber Gott muss sie wirken, wenn sie überhaupt sein sollen. Besser ist’s, still und gottselig zu sein, als an solchen Dingen zu arbeiten.» Bist du Gottes Sohn, so stürze dich hinab! Hast du das rechte Zutrauen zu ihm, dann lass der Welt ihren Lauf, Gott wird’s schon gut machen. Das ist Gleichgiltigkeit gegen die Gesetze des Lebens. – |

Ich sagte, die Versuchung zu dieser Gleichgiltigkeit sei etwas sehr Verlockendes. Es liegt etwas Großartiges auf den ersten Blick in dieser Art, die Welt und ihre Not an sich vorbei und auch ins eigene Leben hineinbrausen zu lassen in der stillen Gewissheit, es kann mir nichts geschehen und auch in der Welt muss es schließlich recht gehen, denn der Herr macht’s. Aber wir können gerade an der Versuchung Jesu sehen, dass diese Art im Grunde doch nichts Großartiges ist. Jesus |55 antwortete auf diesen Reiz: Du sollst den Herr, deinen Gott, nicht versuchen, das heißt: nicht herausfordern. Er wusste auch, dass Gott es gut macht mit uns, dass wir uns felsenfest darauf verlassen dürfen, dass er in aller Not und Gefahr Leibes und der Seele bei uns ist, aber er hat sich auch in tiefer Ehrfurcht vor der Majestät Gottes wohl davor gehütet, Not und Gefahr heraufzubeschwören. Gott hat uns den Verstand gegeben, Not und Gefahr zu vermeiden. Durch dieses Mittel vor Allem, durch unsern eigenen Verstand will er uns schützen. Wir dürfen uns nicht darauf verlassen, dass er auch noch andre Mittel hat. Sondern wenn wir uns weigern, in der Not unsern Verstand zu gebrauchen, uns den Gesetzen des Lebens zu unterwerfen, zu tun, was ein verständiger Mensch in der Not tun muss, dann ist das keine fromme Ergebung in den Willen Gottes, sondern eine sehr unfromme Auflehnung gegen ihn. Und wenn wir den Nöten der Welt gegenüberstehen bloß mit dem Wunsch, Gott möchte bald dreinfahren und Ordnung schaffen, dann ist das Auflehnung gegen Gott, denn wenn Gott in der Welt Ordnung geschaffen hat, dann hat er auch immer uns Menschen dazu gebraucht. Es ist wohl wahr, dass «der Mensch denkt und Gott lenkt»,4 aber es ist auch das Andere wahr: dass Gott lenkt und der Mensch soll denken. Wenn er sich weigert zu denken, wenn er sich im Vertrauen auf Gott vom Tempeldach stürzt, dann handelt er gegen Gott.

Das Andre, was in der Versuchung Jesu lag, war die Lust, mit dem Leben ein eigenmächtiges Spiel zu treiben. Das sieht man ja auf den ersten Blick, dass ein Sprung vom Tempeldach unter die Menge, selbst wenn er gelungen wäre, das reine Theaterstück gewesen wäre. Er passt eben darum nur ins Traumleben. Die Ehre Gottes wäre nicht größer geworden durch diesen Sprung; denn nur Narren, die Gott nicht kennen, hätten ein Loblied auf Gott anstimmen können um einer so gedankenlosen Tat willen. Jesus selber hätte für seinen Beruf damit nichts ausgerichtet, denn wenn er damit auch bei einfältigen Leuten Aufsehen erregt hätte, so wäre auch mit einem doppelt so hohen Luftsprung das Reich Gottes noch nicht auf Erden gewesen. Er hätte aber auch keinen einzigen Menschen damit besser gemacht, denn er hat es |56 später selbst gesagt, dass ein Glaube, der auf Zeichen und Wunder wartet, kein Glaube ist, sondern eine Einbildung verdrehter Köpfe [vgl. Mt. 12,38–42; 24,23f.]. |

Aber was uns wohl bei der Versuchung Jesu ganz deutlich ist, das ist uns viel weniger deutlich bei unsrer eigenen Versuchung. Es kommt merkwürdig oft vor, dass wir uns scheinbar sehr heroisch in Gefahr, in wirkliche Gefahr begeben, und was wir tun, ist doch nur ein Theaterstück, für die gaffende Menge berechnet, das aber weder Gott verherrlicht noch uns selbst noch andre Menschen besser macht. Wie viel von dem, was in alter und neuer Zeit in den Klöstern geschehen ist an erstaunlichen Übungen der Selbstentsagung und Selbstpeinigung, ist doch nichts Anderes als ein solches Spiel mit dem Leben. Bist du Gottes Sohn, so stürze dich hinab! Wie Mancher, der trotzig den Widerspruch der Menschen herausgefordert hat in der Pose eines Luther: Hier stehe ich, ich kann nicht anders!5, hat damit im Grunde ein Spiel, wenn auch ein Heldenspiel gespielt, denn er wollte nichts damit erreichen als eben herausfordern und Pose einnehmen. Und ein Spiel mit dem Leben ist’s im Grunde immer, wenn ein Mensch zu dem traurigen Entschluss kommt, Hand an sich selbst zu legen. Er verzichtet dann bewusst darauf, aus seinem Leben noch etwas zu machen. Er denkt nicht mehr an Gott, er denkt nicht mehr an seine eigene Lebensaufgabe, er denkt nicht mehr an die Mitmenschen, sondern denkt nur noch an den Abgang, den er sich sichern will. Er weiß nicht mehr, was ihm das Leben soll, drum wirft er’s weg. Auch bei ihm sagt die Stimme der Versuchung: Bist du Gottes Sohn, so stürze dich hinab! Bist du auch etwas, dann wag den Schritt ins Dunkle. – |

Es steckt in dieser ganzen wunderlichen Weise, mit dem Leben umzugehen, auch ein Stück Gottvertrauen, wenn auch ein sehr wunderliches. Wir sind uns vielleicht ganz klar, dass wir wirklich ein unnützes Spiel treiben, dass wir uns ganz nach unsren eigenen Ideen in eine Gefahr begeben haben, aber wir rechnen: Gott wird das Spiel wohl für Ernst annehmen, er wird wohl auch von uns gelten lassen, |57 was er von den ernsten Menschen gesagt hat, dass er seinen Engeln befehlen wolle ihretwegen. Hier liegt die große Täuschung: Gott nimmt Spiel nie für Ernst. Wenn unsre Taten sinnlos sind, dann werden sie dadurch nicht besser, dass wir uns dabei in eine große Gefahr begeben haben. Es ist vor Gott durchaus nichts Verdienstliches dabei, sich vom Tempeldach zu stürzen. Das mag so gefährlich sein, als es will, es ist und bleibt etwas Kindisches. Und so steht’s mit allen Übeln, in die wir hineinlaufen, ohne dass Gottes Ehre oder unser und der Mitmenschen Heil es fordert. «Wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich meinen Leib brennen ließe und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts.» [1.Kor. 13,3] Das spielende Gottvertrauen heißt Gott versuchen. Wir können ihm nur da vertrauen, wo wir ihm gehorcht haben. Er ist mit seiner Kraft und seinem Schutz da, wo wir seinen Willen tun. Wo wir aber Theater spielen, da lässt er uns springen, und wir dürfen uns nicht darüber beklagen, denn wir haben damit selbst auf seine Gegenwart verzichtet.

Das dritte in der Versuchung, die Jesus bekämpft und besiegt hat, ist das wilde Dreinfahren und Dreinpfuschen. Hätte Jesus dort den Sprung von der Zinne gewagt, und wäre es auch nur im Traume gewesen, dann wäre er nachher sicher einer von den Volksbeglückern geworden, wie sie zu jener Zeit alle paar Jahre aufstanden, einer von den Judas6, Theudas7, Bar Kochba,8 und wie sie Alle hießen, die die Fahne der Befreiung erhoben ohne langes Besinnen, ohne Vorbereitung und Umsicht, und die dann ebenso rasch und geräuschlos dem mächtigen Schwert der Römer zum Opfer fielen. Ein solches Drein|58fahren wäre es gewesen, wenn Jesus seine Laufbahn mit einem Todessprung hätte beginnen wollen. Er wusste: Wer in der Welt etwas ausrichten will, muss warten können. Man kann’s nicht kopfüber gewinnen, auch wenn man die beste Sache vertritt, sondern der Weg Gottes geht Schritt für Schritt. Vielleicht ist hier die tiefste und größte Seite der Sache. Jesu Gewissen rief ihm ein Nein! zu, als er dort auf die heilige Stadt heruntersah, weil er wusste, dass man Gottes Hilfe nicht herausfordern darf durch Pfuscharbeit und Draufgängerei, sondern, dass man auf ihn warten muss. Warten heißt nicht Nichtstun! Wenn man auf Gott wartet, dann heißt das, dass man still an der Arbeit ist und genau das tut, was die Pflicht und die Not der Welt von uns fordern. Dass man aber alle Abenteuer, alle Unternehmungen, bei denen man sich im Notfall selbst nicht mehr helfen kann, hübsch bleiben lässt. Gottes Hilfe kommt, wenn es recht ist. Aber den rechten Moment bestimmt Gott und nicht wir, und darum dürfen wir uns nicht in Lagen begeben, wo wir dann jammern müssen: Hilf Herr, der rechte Moment ist da! Wenn wir es so machen, dürfen wir uns nicht beklagen, wenn Gott uns stecken lässt. |

Es scheint mir zum Beispiel eine ganz fatale Sache, was man von gewissen christlichen Anstaltsgründern als ein Zeichen besondern Glaubens rühmt, dass sie anfingen, Häuser zu bauen, ohne das Geld dazu zu haben.9 Das heißt doch deutlich, sich vom Dach des Tempels stürzen! Und ich würde es Niemandem zur Nachahmung empfehlen. Aber wir müssen uns das überhaupt merken, wenn wir an irgend einer |59 großen Sache oder Bewegung arbeiten: Gott fühlt sich keineswegs verpflichtet, seinen Schutz und seine Hilfe jedem angedeihen zu lassen, der mit dem Ruf: Gott will es! Gott will es!10 dahin und dorthin rennt. Er lässt sich nicht versuchen, nicht herausfordern. Nicht wir haben ihm den Weg vorzuschreiben, sondern er uns. Er ist nicht ein Gott der Unordnung, sondern der Ordnung [vgl. 1.Kor. 14,33]. Er hilft und wirkt da, wo man auf ihn gewartet hat, wo man seine Werke getrieben hat im engern oder weitern Kreise. Jawohl, da hilft er. Da gelten alle seine Verheißungen. Da reißt er dich aus sechs Trübsalen und in der siebten soll dich kein Unglück treffen [Hiob 5,19]. Da gibt er seinen Engeln Befehl deinetwegen.

Da kann dir nichts geschehen,
Als was er hat ersehen
Und was dir selig ist!11

Aber stehst du da, lieber Freund? Tust du, was du kannst, nach bester Einsicht und bestem Können? Ist es dir Ernst mit dem, was du willst? Weißt du zu warten, bis die Früchte reif sind? Das wünsch ich dir und mir, dass uns das Gottvertrauen nicht zur Versuchung werde.

Amen.
Lied:
  • Nr. 261: «Was mein Gott will, gescheh’ allzeit» von A. von Brandenburg, Strophen 1–2 und 3–4 (RG 669; EG 364). 🎵

Textkritische Fußnoten

a
Im Mskr. ist die Folge der voranstehenden Wörter vertauscht: «nicht des Herrn Wille ist anders». ↩

Sachfußnoten

1
In den folgenden Sätzen spiegelt sich die wichtige Rolle, die Barth zeitlebens seinen eigenen Träumen zumaß; vgl. W. Schildmann, Karl Barths Träume. Zur verborgenen Psychodynamik seines Werks, erweiterte und aktualisierte Neuauflage, Zürich 2006 📖. ↩
2
Schweizerische Redensart für: seine Wut nicht öffentlich zeigen, ihr keine Taten folgen lassen. ↩
3
In einem Exkurs über die protestantische Missionsgeschichte in KD IV/3, S. 22–26 📖, ging Barth Jahrzehnte später näher auf diesen Sachverhalt ein. Zwar habe es historisch betrachtet gute Gründe gegeben, dass die Reformationskirchen «zur Missionstat» noch nicht gleich bereit waren, doch hätten sie sich wenigstens «zur Missionspflicht» bekennen sollen: «Das tat man aber durchaus nicht. Man machte aus der Not vielmehr eine Tugend und erklärte: Der Missionsbefehl sei nur an die Apostel ergangen und von diesen längst ausgeführt worden. Es sei also das Heidentum der Heiden eine wegen ihrer Verstockung gegenüber dem auch ihnen einst angebotenen Evangelium über sie verhängte Strafe Gottes, an der nichts mehr zu ändern sei.» Der Niederländer Adrian Saravia, der als einer der ganz Wenigen «anders geredet» habe, sei «von den größten theologischen Autoritäten seiner Zeit: von dem Calvinisten Theodor von Beza und von dem Lutheraner Joh. Gerhard sofort energisch zugedeckt» worden, «und bei ihrer ausdrücklichen Ablehnung jeder für die Gegenwart bestehenden Missionspflicht blieb es in der ganzen altprotestantischen Orthodoxie» (a.a.O., S. 24). ↩
4
Sprichwort in Anlehnung an Spr. 16,9: «Des Menschen Herz erdenkt sich seinen Weg, aber der Herr allein lenkt seinen Schritt.» ↩
5
Mit diesen Worten soll Luther auf dem Reichstag von Worms 1521 seine Widerrufsverweigerung vor Kaiser Karl V. abgeschlossen haben: «Ich kann nicht anderst, hie stehe ich, Gott helff mir, Amen» (WA 7, 838,2–9 📖). Vgl. dazu K. Müller, Luthers Schlußworte in Worms 1521, in: Philothesia. Festschrift für P. Kleinert, hrsg. von A. Harnack u. a., Berlin 1907, S. 269–289 📖. ↩
6
Gemeint ist der in Act. 5,37 erwähnte Judas der Galiläer, der mit großem Fanatismus gegen die römische Herrschaft kämpfte und zur prägenden Gestalt der zelotischen Bewegung wurde. Vgl. Fr. W. Horn, Art. «Judas der Galiläer», in: RGG4 IV, Sp. 599 📖. ↩
7
Der in Act. 5,36 erwähnte Theudas, ein Zeitgenosse Jesu, rebellierte gegen die römische Herrschaft und wurde wohl um 45 n. Chr. hingerichtet. Vgl. Fr. W. Horn, Art. «Theudas», in: RGG4 VIII, Sp. 362f 📖. ↩
8
Simon bar Kochba, Anführer des nach ihm benannten Aufstandes gegen die Römer (132–135 n. Chr.), der während dieses Aufstands als Fürst mit unbeschränkter Autorität regierte und sich einigen Quellen zufolge selbst als Messias betrachtete. Vgl. P. Schäfer, Art. «Bar Kokhba-Aufstand», in: RGG4 I, Sp. 1103f 📖. ↩
9
Das galt z. B. für den Aufbau des Halle’schen Waisenhauses, der Keimzelle der Francke’schen Stiftungen, durch August Hermann Francke: «Die merkwürdigen, Anbetung und Preis erweckenden Führungen bei diesem Bau hat Francke […] selbst mitgetheilt. Francke hatte kein Comité von Freunden zur Ausführung des Werks neben sich; er stand allein mit seinem Gott; was er mit diesem Freund und Nothhelfer im stillen Kämmerlein geredet, hat keines Menschen Ohr gehört; aber der Herr hat es gehört und seine Verheißung […] erfüllt» (August Hermann Francke. Ein christliches Lebensbild, Basel 1881, S. 44 📖). Den Erfolg dieses Vorgehens beschrieb Th. Förster, Art. «Francke, August Hermann», in: RE3 6, S. 150–158, dort S. 156 📖, so: «Das Wachstum und die fast rapide Entwicklung dieser mannigfachen Anstalten hatte etwas Wunderbares […]. Sein Gottvertrauen und seine Liebe, mit der er das Werk fortsetzte, weckten aller Orten den gleichen Sinn und namhafte Gaben der Liebe flossen ihm von fern und nah zu.» ↩
10
Mit «Gott will es» (mittellateinisch: «Deus lo vult») antwortete die Menschenmenge auf den Aufruf Papst Urbans II. zur Befreiung Jerusalems, mit dem 1095 der erste Kreuzzug begann; der Ausspruch wurde zur Parole dieses Kreuzzugs. Vgl. E.-D. Hehl, Art. «Kreuzzüge I. Geschichtlich», in: RGG4 IV, Sp. 1758–1762, dort Sp. 1759 📖. ↩
11
Vgl. Strophe 3 des Liedes «In allen meinen Taten» von P. Fleming (RG 676; EG 368) 🎵: «Es kann mir nichts geschehen, / als was er hat ersehen / und was mir selig ist / […]. ↩