4. Februar 1912

Predigt: Markus 1,9-11 (III)

32
98
Markus 1,9–11 (III)
Und es geschah in jenen Tagen, dass Jesus von Nazareth in Galiläa kam und ließ sich von Johannes im Jordan taufen. Und wie er aus dem Wasser emporstieg, sah er den Himmel sich öffnen und den Geist gleich wie eine Taube herabkommen auf ihn. Und da geschah eine Stimme vom Himmel: Du bist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe!
Liebe Zuhörer!

Wir haben in den beiden letzten Predigten geredet über den Weg, auf dem Jesus dazu gekommen ist, den Himmel offen und den Geist auf sich herabkommen zu sehen. Wir haben gesehen, wie er es nicht verschmäht hat, zum Täufer Johannes zu gehen und sich ihm unterzuordnen, wie er aber dann doch bei diesem Menschen nicht den Menschen gesucht hat, wie er weder bewundernd noch missbilligend bei dem Menschlichen an ihm stehen geblieben ist, sondern aus des Menschen Mund das Überlegene, Größere, das Göttliche hat zu sich reden lassen. |

Heute wollen wir nun sehen, was das für ein Geist war, der da auf ihn herabkam, und was das bedeuten wollte, wenn ihm gesagt wurde: Du bist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe. Für die, die vor 14 Tagen nicht dagewesen sind, will ich noch einmal sagen, dass wir über den Hergang selbst: das Öffnen des Himmels, das Herabkommen der Taube, die Stimme von oben, hier nicht reden wollen. Ich sagte damals, man könne die Beschreibung dieses Vorgangs als Photographie auffassen oder als Zeichnung, man könne sie als äußere Wahrheit nehmen oder als innere Wahrheit. Da mag jeder entscheiden, wie er für recht hält. Wichtig ist diese Frage nicht.

Wohl aber ist die Sache wichtig, ganz besonders die Frage, die wir heute an dieses Bild von Jesu Taufe zu richten haben: Was ist gemeint, wenn Jesus Gottes Sohn heißt? Was meinen wir, wenn wir ihn nach dem Vorbild vieler biblischer Stellen auch so nennen? In der Geschichte von seiner Taufe ist offenbar der Ursprung dieser merkwür|33digen Bezeichnung. Wir dürfen nicht denken, das sei keine Frage, die unser Leben angehe, sondern die sei nur für die Gelehrten oder etwa für die besonders Frommen, die Zeit und Lust haben, über dergleichen zu studieren. Nein, es gibt wenig Fragen, die für unser aller Leben so bedeutungsvoll sind wie die Frage, wie das zu verstehen ist, dass Jesus Gottes Sohn gewesen ist. Denn wir dürfen das Leben Jesu von dem unsrigen nicht trennen. Wir reden von uns selbst, von dem, was in unserm Leben geschehen sollte, wenn wir von Jesus reden. Ich wies schon das letzte Mal darauf hin: Gottes Söhne sollen auch wir werden. Jesus steht in dieser Beziehung nicht allein, sondern mit uns in einer Reihe, nur, dass er der erste der Reihe, der «Anfänger unsres Glaubens» [Hebr. 12,2] ist. Wenn wir fragen: wie war’s bei ihm?, so heißt das nichts Anderes als: wie soll’s bei uns werden?

*   *   *

In dem Wort: Du bist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe!, das Jesus dort in seinem Herzen hörte als ein an ihn gerichtetes Gotteswort, lag eine Bestätigung und ein Auftrag.

Wir wollen zuerst von der Bestätigung reden. Die Begegnung mit Johannes dem Täufer hat etwas vollständig Neues in Jesu Leben hinein gebracht. Wir haben das letzte Mal ausgeführt, wie er in dieser Stunde im Grunde a-Gott gefunden-a hat. Sein Lebensweg macht jetzt eine scharfe Wendung und verläuft b-in einer ganz anderen Richtung-b als bis dahin. Die 30 Jahre der Stille sind vorbei und das letzte ereignisreiche Jahr seines Lebens bricht an. – |

Und doch war der Eindruck, den Johannes der Täufer auf ihn machte, nicht ein neuer Lappen auf ein altes Kleid [vgl. Mt. 9,16 par.], wie es bei uns mit solchen Eindrücken oft geht. Es war nicht etwas, was fremd, unorganisch, zufällig in sein Leben hinein geraten wäre. Sondern wenn da der Geist auf ihn herunterkam, wenn er da Gottes Sohn geworden ist, so war das wie der Augenblick, wo die Hülle eines Denkmals fällt, oder wie der Augenblick, wo man mit der Sichel an die Ernte geht. Es war, so neu es Jesus selbst war, die Enthüllung von |34 etwas Vollendetem, Gott legte die Hand auf einen Menschen, der längst sein war. Er hatte Wohlgefallen an ihm. Das lässt uns einen Blick tun in die 30 Jahre der Verborgenheit. Sie müssen Jahre heißen Suchens und Strebens gewesen sein. Vielleicht Jahre voll schwerer schmerzlicher Erfahrungen. Wir wissen nichts darüber. Aber jetzt sagt ihm Gott in einem einzigen Moment, dass sein Suchen und Streben Finden gewesen ist. Er deckt ihm auf den Ertrag dessen, was er all die Zeit über erlebt und erfahren und getan. Er sagt ihm: es ist gut. Ich habe Wohlgefallen daran. Jesus erntet mit einem Male, was er in langen Jahren gesät, er fühlt sich innerlich bestätigt in der ganzen Richtung seiner Gedanken und Gefühle. Es kommt ein großer Friede über ihn. Du bist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.

Wir werden in unserm eigenen Leben finden, dass die größten göttlichen Momente, die auch uns geschenkt sind, immer solche Bestätigungen sind nach ihrer einen Seite. Das gibt es in unserm Leben so wenig als im Leben Jesu, dass ein neuer Lappen auf ein altes Kleid passte [vgl. Lk. 5,36], dass wir säen konnten, wo wir nicht geerntet haben [vgl. Lk. 19,21].1 Wir beobachten zum Beispiel, dass wir, um nurc eine Freude zu empfinden, vorher dafür reif geworden sein müssen. Ein Kind kann nicht mitempfinden bei der Freude Erwachsener, ein Ungebildeter nicht bei der Freude Gebildeter. Jede Freude setzt voraus, dass wir gelernt haben, dass wir fähig sind, uns zu freuen. Und wenn uns nun etwas mit Jubel erfüllt, dann ernten wir auch, was wir lange zuvor, ohne es zu wissen, gesät hatten. Und wie ist’s mit den geistigen Anregungen? Wir könnten deren viel mehr haben, wenn wir fähig wären, uns anregen zu lassen. Aber daran fehlt’s. Ich bin zum Beispiel von einer Menge an Büchern umgeben, die mich noch nicht fördern und anregen. Ich kann lang darin lesen, sie sind mir noch nicht oder nur zum Teil ein solches Bestätigungserlebnisd. Bei andern Büchern dagegen habe ich ein solches Erlebnis gemacht. Ich habe etwas darin gefunden, weil ich es längst gesucht, ich habe Antworten be|35kommen, weil ich Fragen auf dem Herzen hatte. Die Anregung, die davon ausging, fand einen bereiteten Boden. Es kam mir gar nicht vor, wie wenn etwas Neues in meine Gedanken hinein käme, sondern wie bei einer Pflanze ging das Neue aus dem Alten hervor. Ich hatte eine neue Einsicht gemacht und hatte dabei doch das sichere Gefühl: gerade dahin habe ich kommen müssen, gerade das habe ich gemeint. |

Und wieder steht es so mit unsern moralischen und religiösen Erfahrungen. Wir können unendlich oft vor große und schöne Lebensaufgaben gestellt worden sein, an denen sich unser Pflichtgefühl und unser Lebensernst hätte bewähren sollen. Und unendlich oft sind wir daran vorbeigegangen oder daran gescheitert. Aber wenn es uns dann endlich gelang, zu siegen und das Gute nicht nur zu wollen, sondern zu tun, dann war das wohl für unsre Gedanken etwas ganz Neues, Erstaunliches, aber in Wirklichkeit doch nichts Anderes als das Ergebnis langer Versuche und Anläufe, die wir gemacht und zu unsrer Schande aufgegeben hatten. Wenn es nun einmal gelang, dann war das nur eine Bestätigung der Richtung, die wir, obzwar stolpernd und fallend, schon lange eingeschlagen hatten. Und wie sind doch oft jahrelang die deutlichsten Erweise der Güte Gottes und die erschütterndsten Mahnungen seines Ernstes an uns ergangen! Wir wurden ins Glück wie ins Unglück geführt, es wurde uns dies geschenkt und jenes genommen und wir verstanden noch immer nichts. Und dann eines Tages brach es durch: Herr Gott, ich will dir danken, du hast Alles wohlgemacht, ich will dir mein Leben weihen, ich muss es tun. Aber ein solcher Durchbruch kommt nie von ungefähr, er hat seine verborgenen Quellen in unserm vergangenen Leben. Vielleicht kennen wir selbst sie kaum. Und doch sind sie da. Wir erkennen, wenn wir zurückblicken, wie wir geführt worden sind, ohne es zu wissen, auch durch die Nacht.2 Und wenn wir jetzt Gott gefunden haben, dann ist das nicht ein blaues Wunder,3 sondern eine Bestätigung dessen, was längst in unserm Leben begonnen hat zu geschehen.

36 Es ist für uns ein großer Trost in der Art, wie Jesus sich hier von Gott darf sagen lassen: ich habe Wohlgefallen an dir, trotzdem er ja in demselben Augenblick seine Lebensaufgabe erst antreten soll. Es zeigt uns, dass Gottes Freundlichkeit sich nicht bloß auf unsre Zukunft erstreckt, sondern auch auf unsre Vergangenheit. Wir werden ja alle schon zu Zeiten das Gefühl gehabt haben, lange Perioden unsres vergangenen Lebens, vielleicht unser ganzes vergangenes Leben, seien rein unerfreulich und wertlos. Und ein solches Gefühl gibt keinen Mut für die Zukunft, das wissen wir auch. Da ist’s dann eine schöne Erfahrung, wenn Gott uns bisweilen plötzlich Licht fallen lässt auf unsre vergangenen Tage und uns die Schätze zeigt, die da verborgen sind und die uns gehören, ohne dass wir’s achten. Solchen Trost spendet uns Gott. Wir dürfen es erleben, dass die scheinbaren Totengebeine unsrer Vergangenheit wieder Leben gewinnen, wir dürfen wie Jesus die Stimme hören, die uns sagt: ich habe Wohlgefallen an dir. – |

Und dann ist’s doch wieder eine erschütternd ernste Sache, dass göttliche Momente in unserm Leben, Wendungen zum Guten, Entdeckungen der Wahrheit immer nur Bestätigungen sind, dass wir nicht erwarten dürfen, dass das Gute in uns hineinkomme, wenn es nicht schon vorher in uns gewesen ist. Das sagt uns, dass wir verantwortlich sind dafür, dass wir unsre Zeit zum Säen brauchen, zum Vorbereiten und Rüsten auf die Stunde, wo es in uns aufblitzen kann, wie es bei Jesus geschehen ist: Ich habe Wohlgefallen an dir, was du gewesen bist, ist in seinem Kern gut. Werden wir diese Bestätigung erhalten? O wie viele Augenblicke sind schon vorbeigegangen, mächtig geeignet wie dort der Moment, wo der Täufer und Jesus sich ins Auge sahen. Aber der Himmel blieb geschlossen und die Stimme von oben schwieg – es war nichts da, was der Bestätigung wert gewesen wäre.

*   *   *

Sohn Gottes wurde aber Jesus dort nicht nur, weil Gott sich freuen konnte über das Resultat seines bisherigen Lebens, sondern unzertrennlich verbunden damit war sein göttlicher Auftrag. Würden wir einen Juden der damaligen Zeit gefragt haben, was das sei, der «Sohn Gottes», dann würde er uns geantwortet haben: der Messias, der kommen soll. Und wenn das Volk Israel von einem Messias redete und auf ihn wartete, so meinte es damit einen Bevollmächtigten Gottes, |37 der mit großer Kraft auf der Erde auftreten und die endgiltige Herrschaft Gottes unter den Menschen begründen sollte. Man dachte sich ihn als einen Helden und König, der kämpft und triumphiert, der Recht spricht und Recht schafft an allen Enden. Sie sahen innerlich beim Klang dieses Wortes «Messias» eine ungeheure Bewegung der Völker, ausgehend von Jerusalem, um sich zu verbreiten über den ganzen Erdkreis, gelenkt von dem schöpferischen Wollen des Einen. – |

Und dessen ist nun Jesus in jener Stunde am Jordan bewusst geworden. Das hat ihm Gott ins Herz gegeben, dass er der Messias sei, dass er die Fähigkeit und den Auftrag, die Kraft und die Würde habe, das Werk Gottes in der Welt zu verrichten. Gottes Sohn wurde er dort, weil er dem nötigenden Trieb gehorsam wurde, unter die Menschen zu treten als Gottes Werkzeug, an ihnen und für sie zu arbeiten an seiner Statt. Jesu Gottessohnschaft ist ein Amt, eine Tätigkeit, eine Wirksamkeit, eine Arbeit. Und der Geist, der am Jordan auf ihn herabkam, war der wirksame, der schöpferische, der weltumgestaltende Geist. Sein Erlebnis war ein wegweisendes Erlebnis, und darin bewährte es seine Echtheit, dass er den gewiesenen Weg ging, dass er redete und wirkte wiee einer, der Vollmacht hat.

Wir wollen es uns heute tief eingraben, dass Beides wirklich unzertrennlich verbunden ist, auch für uns, in den wahrhaft großen Erlebnissen: die Bestätigung, jene beruhigende Versicherung, dass unser bisheriges Leben vor Gottes Urteil wert erklärt worden ist, und der Auftrag, das Bewusstsein, dass uns eine Aufgabe, eine Arbeit zugewiesen ist. Nur in der Einheit von Beidem werden wir in der Nachfolge Jesu Gottes Söhne. Wir dürfen um keinen Preis uns auf den Gedanken einlassen, der göttliche Auftrag, das Amt, das wir auszuüben, die Arbeit, die wir zu verrichten haben, sei etwas Nebensächliches oder gar Unnötiges neben der göttlichen Bestätigung, neben dem seligen Bewusstsein, dem Herrn anzugehören. Nein, nein! Nicht trennen, liebe Freunde, nicht trennen dieses selige innere Bewusstsein und dieses ebenso selige äußere Wirken. In der Verbindung, im Ausgleich und Austausch zwischen beiden bestand doch die unvergleichliche Größe Jesu. Wollen wir es anders machen als er? Ich glaube, der Auftrag, der uns in den Gottesoffenbarungen unsres Lebens erteilt wird, ist immer dreifach. Unser Auftrag lautet: Treue, Liebe, Gerech|38tigkeit. Damit erfüllen wir unser Amt in der Welt, wie Jesus das seine erfüllt hat.

Treue zuerst. Damit meine ich die Treue gegen den Beruf, der jedem von uns anvertraut ist. Dein und mein Beruf sind schlicht neben dem Beruf Jesu. Gewiss. Schlicht, aber nicht schlecht. Denn jeder Beruf ist ein anvertrauter Posten. Wir müssen ihn so auffassen, als ob die Gesamtheit der Menschen uns ihn anvertraut hätte zur Besorgung eines kleinen Stücks äußerer Arbeit, zu der gerade ich geeignet. Auf diesem Posten stehe ich und stehst du, und wir haben in uns immer den Auftrag: treu sein! Treu sein gegen die Menschheit, die mich gerade hier braucht, den als Bauer und den als Arbeiter, den als Fabrikanten und den als Handwerker, den als Pfarrer und den als Lehrer. Auf diesem Posten soll ich, darf ich den Andern dienen mit meiner Arbeit. Dienen heißt ja arbeiten. Und arbeiten heißt treu sein.

Das zweite in unserm Auftrag ist die Liebe, die helfende Liebe. Nicht Alle, die auch zu der Gesamtheit der Menschheit gehören, können die große Schlacht der Berufsarbeit mitschlagen. Wir haben Kranke und Verwundete und Invalide hinter der Front, das sind Alle die Mitmenschen, denen etwas fehlt: Geld oder Gesundheit oder Verstand oder Bildung. Gott Lob, dass wir nicht mehr der rohen Meinung sind, dass die Schranke der Treue gegen die Mitmenschen mit ihrer Arbeitsfähigkeit erreicht sei. Sind sie doch direkt oder indirekt Opfer der Gesamtheitsarbeit der Menschheit. Nein, hier muss die dienende, arbeitende Treue zur Liebe werden, die den Schwachen helfen, die das Leiden lindern will. Das Schweizervolk wird gerade am heutigen Tag zeigen müssen, ob es schon reif ist zur ernsthaften Ausübung dieser solidarisch empfindenden hilfreichen Liebe.f

Aber gerade diese Erinnerung bringt uns darauf, dass Gottes Auftrag an uns in dieser Welt noch höher geht. Es ist nicht damit getan, dass jeder brav seinen Beruf ausübt und etwa etwas übrig hat für seinen Nächsten. Sondern das dritte und größte in Gottes Auftrag an uns ist die Gerechtigkeit, die durch uns in die Welt und unter die |39 Menschen kommen soll. Darum haben die alten Propheten Israels und nach ihnen Jesus selbst mit flammender Stimme den Ruf erhoben nach Gerechtigkeit in den Verhältnissen dieser Welt. Darum haben ein Calvin und ein Zwingli mit froher Selbstverständlichkeit die Politik als eine Gottessache getrieben. Heute aber lautet der Auftrag Gottes an uns: soziale Gerechtigkeit. Das werde ich wiederholen, solange ich hier stehe, g-und daran ändern alle Zeitungsartikel nichts-g.4 Soziale Gerechtigkeit! Das heißt nicht, dass Alles drunter und drüber gehen, dass man Alles konfiszieren und verteilen soll. Aber das heißt, dass einmal eine Zeit kommen muss, wo jeder seinem Beruf mit Freuden treu sein kann, weil er darin wirklich der Gesamtheit dient und nicht einem Privatinteresse, wo an die Stelle des Mitleids und des Almosens das Recht tritt, wo nicht mehr der Eigennutz und die Willkür die höchsten Prinzipien der Arbeit und des Geschäftes sind. Wen es gelüstet, der lache über diese Gedanken und nenne sie überspannt und unmöglich. Wir Andern werden gerade daraus die Gewissheit schöpfen, dass sie richtig sind, denn noch jeden Fortschritt hat die Welt zuerst überspannt und unmöglich genannt, nicht weil er es gewesen wäre, sondern weil sie ihn nicht haben wollte. Dieser Kampf gegen die Gerechtigkeit ist auf die Länge noch immer erfolglos gewesen.

Und jetzt wiederhole ich noch einmal: alle diese Dinge: der Beruf, die solidarische Hilfe, die soziale Forderung sind keine weltlichen Dinge. Wir durften und dürfen nicht unsre Religion in eine Schublade stecken und die sogenannte Welt in die andre. Sondern diese sogenannten weltlichen Dinge sind Gottes Auftrag an uns. Sie können uns nicht gleichgiltig sein. Denn wir sehen bei Jesus, wie sein Leben in Gott und sein Leben in der Welt nicht zwei, sondern eins gewesen |40 sind. Die Vergangenheit und die Zukunft, das Innen und das Außen, Gott und die Mitmenschen – er vereinigte sie in sich. Wir sollen lernen, sie auch in uns zu vereinigen. Denn h-Alles Trennen ist ungöttlich-h.

Amen.

Textkritische Fußnoten

a-a
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift mit einer geschlängelten Linie unterstrichen. ↩
b-b
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift mit einer geschlängelten Linie unterstrichen. ↩
c
Mskr.: «nur zum Beispiel»; vom Hrsg. als überzählige Doppelung getilgt. ↩
d
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift mit einer geschlängelten Linie unterstrichen. ↩
e
Ein doppeltes «wie» ist im Mskr. mit Bleistift gestrichen. ↩
f
Im Mskr. ist mit Bleistift ergänzt: «(Abstimmung über Kranken- und Unfallversicherung)». – Gegen das 1911 beschlossene Kranken- und Unfallversicherungsgesetz (KUVG) war von Unternehmerseite aus ein Referendum ergriffen worden, das am 4. Februar 1912 zur Abstimmung stand; das KUVG wurde mit 287 565 gegen 241 416 Stimmen angenommen (https://www.bk.admin.ch/ch/d/pore/va/19120204/index.html 📖). ↩
g-g
Im Mskr. mit Bleistift mit einer geschlängelten Linie unterstrichen. ↩
h-h
Im Mskr. mit Bleistift mit einer geschlängelten Linie unterstrichen. ↩

Sachfußnoten

1
Der Halbsatz ist wohl umgekehrt zu lesen: «dass wir ernten konnten, wo wir nicht gesät haben». ↩
2
Vgl. Strophe 3 des Liedes «So nimm denn meine Hände» von J. Hausmann (EG 376; RG 695) 🎵:
Wenn ich auch gleich nichts fühle / von deiner Macht,
du führst mich zum Ziele, / auch durch die Nacht:
so nimm denn meine Hände / und führe mich
bis an mein selig Ende / und ewiglich!
↩
3
«Sein blaues Wunder erleben» steht redensartlich dafür, eine (unangenehme) Überraschung zu erleben; vgl. Röhrich V, S. 1746 📖. ↩
4
An Barths am 17. Dezember 1911 im Safenwiler Arbeiterverein gehaltenen Vortrag Jesus Christus und die soziale Bewegung (V.u.kl.A. 1909–1914, S. 380–409) 📖 hatte der ortsansässige Fabrikant Walter Hüssy solchen Anstoß genommen, dass er einen am 3. Februar 1912, also einen Tag vor dieser Predigt, veröffentlichten Offenen Brief an Barth schrieb, in dem er dessen «Agitationsrede» und die in ihr zum Ausdruck kommende «unbändige Wut über den Kapitalismus» scharf kritisierte und als «Sozialismus» brandmarkte (W. Hüssy, Offener Brief an Herrn Karl Barth, Pfarrer in Safenwil, in: Zofinger Tagblatt, Nr. 29, 3.2.1912, S. 1; O.Br. 1909–1935, S. 7–10 📖). ↩