Predigt: Markus 1,9-11 (II)
Als wir am letzten Sonntag zum ersten Mal von dieser Geschichte sprachen, haben wir unsre Aufmerksamkeit ganz auf die Tatsache gerichtet, dass Jesus mit allem Volk zu
Heute soll nun diese Geschichte in andrer Weise zu uns reden. Als Jesus aus dem Wasser aufstieg, lesen wir, sah er den Himmel sich auftun und den Geist gleich wie eine Taube herabkommen auf ihn. Darüber wollen wir uns jetzt besinnen. Wir können uns dabei gerade anschließen an unsre Gedanken vom letzten Sonntag.
In dem Augenblick, da Jesus sich dem Täufer und seinem Wort unterordnete, da er seine Botschaft in sich aufnahm und die äußere |24 Handlung an sich vollziehen ließ, die Umkehr und neues Leben in der Erwartung des Reiches Gottes bedeutete, in dem Augenblick sah er den Himmel sich auftun. Ich bemerke gleich, dass wir uns nicht aufhalten wollen mit einer Besprechung der Frage, ob das wörtlich oder bildlich, äußerlich oder innerlich zu verstehen sei. Es ist das für unsern Zweck wirklich gleichgiltig. Die Einen werden sagen: diese Worte vom Auftun des Himmels sind eine Photographie, die genau das wiedergibt, was äußerlich sichtbar geschehen ist. Die Andern werden sagen: sie sind eine Zeichnung, die nach der Phantasie etwas darstellt, was man nicht sehen kann, weil es etwas Geistiges ist. Man kann in guten Treuen die eine oder die andre Meinung haben, aber ich möchte euch bitten, jetzt nicht darüber zu studieren, sondern darüber, was dies Bild, ob’s nun eine Photographie oder eine Zeichnung ist, uns zu sagen hat. Daran merken wir vor Allem Eines: Jesus hat in jener Stunde wohl
Ich will zuerst den Irrweg beschreiben, den wir gewöhnlich einschlagen, dann verstehen wir den Unterschied. Unser Irrweg besteht zuerst darin, dass wir nur die Person, den Menschen verehren und bewundern, wenn wir so Einem begegnen, an dem wir hinaufsehen, von dem wir für unsern Geist, für unser inneres Leben etwas empfangen können. Wir sagen von so Einem: er gefällt mir! Wir hören viel weniger auf das, was er sagt und tut, als auf die Art, wie er es macht und tut. Er gefällt mir! Warum er uns gefällt, könnten wir in den meisten Fällen schwerlich angeben. Ich glaube, die meisten Freundschaften oder die meisten solchen Bewunderungsverhältnisse, wie sie etwa zwischen Schülern und Lehrern eintreten, beruhen auf diesem geheimnisvollen: er gefällt mir!, das wir1 nicht weiter erklären könnten. Daran ist nun zunächst durchaus nichts Schlimmes. Beruht doch sogar das wichtigste Verhältnis, das es unter Menschen geben kann, die Liebe zwischen Mann und Weib, wenn sie aufrichtig ist, durchaus auf diesem unerklärlichen Grunde der Sympathie. Die Sympathie ist die Brücke, die uns Menschen hilft, miteinander zu verkehren. Oft genug müssen wir freilich ohne Brücke durch den Fluss waten oder schwimmen; wir müssen mit Leuten verkehren, die uns nicht gefallen, die uns unsympathisch sind, und zwar müssen wir freundlich mit |26 ihnen verkehren. Und das ist uns auch gesund. Aber jedenfalls dürfen wir, wenn uns einer persönlich gefällt, auf keinen Fall auf dieser Brücke stehen bleiben. Ein Mensch, der uns etwas Rechtes sein soll, muss uns mehr zu geben haben als seine eigene Person, und wir müssen mit dem bestimmten Willen an ihn herantreten, mehr von ihm zu empfangen als etwa die Freude, die uns durchrieselt, mit einer so tüchtigen, gehaltvollen Persönlichkeit verkehren zu dürfen, mehr auch als seine Neigung und mehr als seine Freundschaft. Denn damit, dass uns Einer gefällt, und wäre es der Größte und Beste, damit, dass wir unter dem Zauber des Eindrucks stehen, der von ihm ausgeht, damit sind wir noch nicht bessere Menschen geworden. Wenn wir uns damit begnügen, uns von ihm imponieren zu lassen, Freude an seiner Person zu haben, dann tun wir eben das, was einst die große Menge mit
Und der gabelt sich nun, er geht nach zwei Seiten, wie das Holzwege oft tun. Aber er bleibt ein Irrweg auf beiden Seiten. Die eine Möglichkeit ist nämlich die, dass wir über den Vorzügen des Menschen, an dem wir so hinaufsehen, die Fehler übersehen, die seiner Person unweigerlich auch anhaften. Es hat oft etwas Rührendes zu sehen, wie viele Menschen auf ihre Führer und Vorbilder nichts, aber auch gar nichts wollen kommen lassen. Sie sehen den, der ihnen einmal gefällt, wie mit Scheuklappen, finden nur Gutes an ihm und wissen alles Unvorteilhafte an ihm womöglich noch in einen besondern Vorzug zu verwandeln, mögen Andre noch so sehr die Köpfe darüber schütteln. Das bekannteste Beispiel dafür ist die Art, wie manche Frauen ihre Männer2 bewundern. Potz, mi Ma!1 Das ist für sie etwas ganz Besonderes, außer Konkurrenz Stehendes. Allerdings habe ich gefunden, dass die Frauen auf dem Lande in dieser Beziehung meistens ehrlicher oder scharfsinniger sind als die Frauen in der Stadt. Ich habe aber solche Bewunderung mit Scheuklappen auch einmal in einem Kreis von sehr gebildeten Männern und Frauen [gesehen]4, der sich um einen in der Tat hervorragenden Prediger und Seelsorger |27 scharte.2 Jedes Wort des Widerspruchs wurde dort schon wie eine Art Gotteslästerung aufgenommen. Und ich erinnere mich, Freundschaften beobachtet zu haben, in denen so Einer den Andern nur durch eine rosa Brille anzusehen vermochte. Wie gesagt, das hat etwas Rührendes und in gewissem Sinn Schönes. Und doch ist es ein Holzweg. Denn wer sich von einem Menschen nur imponieren lässt, ohne seine Fehler sehen zu wollen, der wird auf die natürlichste Art von der Welt dazu kommen, sich auch von seinen Fehlern imponieren zu lassen und sie schließlich, ohne es zu bemerken, in seinen eigenen Charakter zu übernehmen. Ja, noch mehr: wer sich damit begnügt, diesen und jenen zu bewundern, nur weil er ihm gefällt, der kommt in Gefahr, hauptsächlich in seinen Fehlern ihm gleich zu werden. Denn es liegt in dieser Art, so rührend sie oft sein kann, doch eine gewisse Untätigkeit, ja Trägheit. Wir lassen uns beeinflussen, ohne selbst etwas dazu zu denken und zu tun. Wenn wir uns aber untätig beeinflussen lassen, dann werden wir, selbst wenn wir es mit feinen, guten Menschen zu tun haben, vor Allem durch ihre Fehler und Einseitigkeiten beeinflusst werden. Das Gute in uns entsteht nie durch Untätigkeit. – |
Es kann aber auch einen ganz andern Weg gehen, wenn unsre Augen und unsre Gedanken so an den Menschen hängen bleiben, die uns einmal sympathisch geworden sind und von denen wir uns gerne führen lassen. Die Meisten von uns tragen nämlich nur an ganz seltenen Tagen eine solch rosenrote Brille, wie ich sie eben beschrieben. Für gewöhnlich tragen sie eine graue Brille. O dann ist das eine böse Sache, wenn man sich mit seinem Vertrauen an einen Menschen geheftet hat und wenn dann eines Morgens die graue Brille an die Reihe kommt, wenn die Kritik in uns erwacht. Dann geht’s uns gerade umgekehrt wie vorher. Wir hatten nur Freude an einem Menschen, an einer kraftvollen und reichen Persönlichkeit, wir dachten nie etwas Anderes als: er gefällt mir! Wir suchten auch nichts Anderes als ein solches Wohlgefallen. Aber wenn wir’s nun nicht finden? Oder gefunden, wieder verloren? Da sind wir dann oft im Stande, die größte Liebe fast unvermittelt in die größte Gleichgiltigkeit, ja Abneigung übergehen zu |28 lassen. Nichts ist begreiflicher als das. So geheimnisvoll wie eine Sympathie gekommen ist, so geheimnisvoll kann sie wieder gehen. Wie eine Nebelwoge oft in wenigen Minuten eine schöne Landschaft völlig unkenntlich machen kann, so kann das Misstrauen und der Unwille gegen einen Menschen in kürzerer oder längerer Zeit über uns kommen und uns kalt und geringschätzig gegen ihn stimmen. Wir sehen plötzlich auffallend klar seine Fehler, wir werden plötzlich sonderbar genau und umsichtig allen seinen Äußerungen und Handlungen gegenüber und, ehe wir es uns versehen, haben wir kaum mehr den Schatten der vorherigen Bewunderung in unserm Herzen und eine kühl abwartende Stellung hat ihren Platz eingenommen. So ungerecht wir in einem Fall Fehler übersehen, so ungerecht unterstreichen wir sie im andern. Und auch da gehen wir leer aus, wir sind durch ein solches Erlebnis nicht besser, sondern schlechter geworden. Denn auch da sind wir im Grunde untätig gewesen. Wir haben uns von einer erwachten Antipathie leiten lassen wie vorher von unsrer Sympathie. Weil wir nur dieser Stimme folgen, sehen wir an dem Menschen nur das Ungute, und das Gute, das er uns zu geben hat, findet seinen Weg nicht mehr zu uns. Wir haben ihn uns selbst verbaut, weil wir nur auf seine Person sahen. – |
Solange wir es so machen, solange wir gerade bei den guten Menschen, wie wir sie hoffentlich Alle kennen, nur fragen: Gefällt er mir? oder: gefällt er mir nicht?, solange wird uns selbst ein
Da wollen wir nun sehen, wie Jesus es gemacht hat. Er sah den Himmel sich auftun, als er von Johannes getauft war. Daran sehen wir deutlich, dass er bei ihm etwas Höheres gesucht und gefunden hat als einen Menschen, der ihm angenehm oder unangenehm war. Von dem persönlichen Eindruck, den er von ihm hatte und der uns in seiner Lage gewiss die Hauptsache gewesen wäre, hören wir bezeichnenderweise gar nichts. Er sah den Himmel sich auftun! Wie könnte da die Person des Täufers noch nur auch in Betracht kommen? Und doch ist der Täufer an diesem Erlebnis Jesu nicht unbeteiligt. Wir sagten es schon am letzten Sonntag, dass durch sein Wort das, was in Jesus |29 schlummerte, geweckt worden ist. Johannes hat dort zu allem Volke von Gott geredet, von seiner Gerechtigkeit und von seiner Güte, von seinem Zorn und von seiner Liebe, von seinem Gericht und von seiner Verheißung. Das war es, Gottesgedanken waren es, die Jesus hörte und in sich aufnahm. Es brauchte einen Mann von der ganzen Wucht und Größe des Johannes, um diese Gottesgedanken in die Seele Jesu zu werfen6, um da etwas entstehen zu lassen, was unendlich viel größer war als Alles, was Johannes selbst besaß. Aber nicht diesen Mann hat Jesus dort gefunden, er blieb nicht dabei, sich zu erbauen an dem Anblick dieses Starken, er wollte nicht eine schöne Seele genießen,3 sondern er hat in ihm und durch ihn die Wirkung Gottes, des lebendigen Gottes gefunden und gefühlt.
Wir wollen das nächste Mal näher davon reden, was für ein Geist das war, der da auf ihn herabgekommen ist, und was das bedeutete, dass er Gottes Sohn wurde9. Heute sollte uns nur der Weg beschäftigen, der ihn dahin geführt hat. Gottes Kinder sollen wir auch sein und werden. Und darum ist sein Weg in allen Stücken auch der unsrige. Jesus kam zu dem erhabenen Punkt dieses Erlebnisses, weil er bei
Und schließlich würde sich über uns selbst der Himmel auftun, wie es Jesus geschehen ist. Der Geist wartet und möchte auch auf uns herabkommen.