21. Januar 1912

Predigt: Markus 1,9-11 (II)

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Markus 1,9–11 (II)
Und es geschah in jenen Tagen, dass Jesus von Nazareth in Galiläa kam und ließ sich von Johannes im Jordan taufen. Und wie er aus dem Wasser aufstieg, sah er den Himmel sich auftun und den Geist gleich wie eine Taube herabkommen auf ihn. Und da geschah eine Stimme vom Himmel: Du bist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.
Liebe Freunde!

Als wir am letzten Sonntag zum ersten Mal von dieser Geschichte sprachen, haben wir unsre Aufmerksamkeit ganz auf die Tatsache gerichtet, dass Jesus mit allem Volk zu Johannes dem Täufer gegangen ist und sich taufen ließ, dass also die letzte Zeit seines Lebens begonnen hat mit einer Handlung der Unterordnung unter einen andern Menschen. Wir achteten auf die Triebfedern, die ihn dahin brachten, auf die Wahrhaftigkeit gegen sich selbst, auf den Respekt vor dem Großen, was Andern vor ihm gegeben war, auf die schlichte Menschlichkeit seines innern Lebens, und wir erkannten in seiner Handlungsweise den rechten Heilandsweg, den Gottesweg, der auch für uns kein anderer sein kann. Nur indem wir bereit sind, uns innerlich vor andern, bessern Menschen zu beugen, beugen wir uns aufrichtig vor Gott. Nur indem wir die schwere Kunst lernen, uns von Andern ihr Höchstes, Bestes geben zu lassen, empfangen wir das, was Gott uns schenken will. Wie der Weg des Gottessohns zum Täufer hin und nicht an ihm vorbei führte, so muss uns auch unser Weg zu allen guten Menschen hin und nicht in falschem Selbstbewusstsein an ihnen vorbei führen.

Heute soll nun diese Geschichte in andrer Weise zu uns reden. Als Jesus aus dem Wasser aufstieg, lesen wir, sah er den Himmel sich auftun und den Geist gleich wie eine Taube herabkommen auf ihn. Darüber wollen wir uns jetzt besinnen. Wir können uns dabei gerade anschließen an unsre Gedanken vom letzten Sonntag.

In dem Augenblick, da Jesus sich dem Täufer und seinem Wort unterordnete, da er seine Botschaft in sich aufnahm und die äußere |24 Handlung an sich vollziehen ließ, die Umkehr und neues Leben in der Erwartung des Reiches Gottes bedeutete, in dem Augenblick sah er den Himmel sich auftun. Ich bemerke gleich, dass wir uns nicht aufhalten wollen mit einer Besprechung der Frage, ob das wörtlich oder bildlich, äußerlich oder innerlich zu verstehen sei. Es ist das für unsern Zweck wirklich gleichgiltig. Die Einen werden sagen: diese Worte vom Auftun des Himmels sind eine Photographie, die genau das wiedergibt, was äußerlich sichtbar geschehen ist. Die Andern werden sagen: sie sind eine Zeichnung, die nach der Phantasie etwas darstellt, was man nicht sehen kann, weil es etwas Geistiges ist. Man kann in guten Treuen die eine oder die andre Meinung haben, aber ich möchte euch bitten, jetzt nicht darüber zu studieren, sondern darüber, was dies Bild, ob’s nun eine Photographie oder eine Zeichnung ist, uns zu sagen hat. Daran merken wir vor Allem Eines: Jesus hat in jener Stunde wohl Johannes den Täufer gesucht und gefunden mit seinem Wort und seiner Taufe, und doch hat er bei ihm nicht ihn selbst, nicht den Menschen gesucht und gefunden, sondern Gott, der aus ihm redete und dessen Werkzeug er war. Als er aus dem Wasser des Jordans aufstieg als Getaufter, da blieb sein Auge nicht hängen an der Person des Täufers, sondern es war gen Himmel gerichtet. Diese Beobachtung müssen wir uns gut einprägen, wenn auch unser Weg ein Gottesweg sein oder werden soll. Damit, dass wir auf andre Menschen, bessere Menschen sehen und hören in unserm Leben, wie dort Jesus zum Täufer gegangen ist, damit sind wir noch nicht sicher auf diesem rechten Weg. Unzählige Völkermassen sind auch zum Täufer gegangen, haben sein Wort gehört und seine Taufe empfangen, und es war doch nur ein Jesus unter ihnen. Und so haben wohl auch die Allermeisten von uns irgend einmal in ihrem Leben an einem Menschen so recht hinaufgesehen als an einem, der ihnen gefiel und auf den sie hörten, der ihnen imponierte und den sie im Stillen zur Richtschnur ihres Lebens machten. Wer noch nie einen guten Menschen verehrt und bewundert hat, der wäre zu bedauern; wir haben das letzte Mal gesehen: warum. Aber wie stehen wir heute dazu? Wie ist’s dann weiter gegangen mit dem Menschen, den wir verehrten? Haben wir auch so etwas erlebt wie Jesus bei Johannes dem Täufer, dass der Geist auf uns herabkam? Oder sehen wir nicht fast mit einem gewissen Verdruss auf solche Zeiten zurück, wo wir uns imponieren ließen, |25 oder auch mit Bedauern, dass wir uns nicht mehr imponieren [lassen], dass wir nicht mehr bewundern oder verehren konnten? So oder ähnlich ist es sehr wahrscheinlich den Meisten von denen gegangen, die sich dort mit Jesus beim Täufer eingefunden hatten. Sie erlebten nichts davon, dass der Geist auf sie herabkam. Einige Jahre später dachten sie über Johannes, wie Jesus es ihnen dann einmal gesagt hat: «Er war ein brennend und scheinend Licht; wir aber wollten eine kleine Weile fröhlich sein in seinem Lichte!» [ Joh. 5,35] Als die kleine Weile um war, wurde es wieder dunkel. Warum war das so? Warum war das bei ihnen und ist es bei uns anders als bei Jesus? Ich glaube, da kann uns die Beobachtung Aufschluss geben, die wir vorher gemacht haben: Jesu Augen hafteten nicht auf dem Täufer, als er getauft wurde, sondern bei ihm hatte das Wort und die Handlung des Johannesdie Wirkung, dass er zum Himmel aufsah. Darum konnte er auch sehen, wie sich der Himmel auftat, und darum kam auch der Geist auf ihn hernieder. – |

Ich will zuerst den Irrweg beschreiben, den wir gewöhnlich einschlagen, dann verstehen wir den Unterschied. Unser Irrweg besteht zuerst darin, dass wir nur die Person, den Menschen verehren und bewundern, wenn wir so Einem begegnen, an dem wir hinaufsehen, von dem wir für unsern Geist, für unser inneres Leben etwas empfangen können. Wir sagen von so Einem: er gefällt mir! Wir hören viel weniger auf das, was er sagt und tut, als auf die Art, wie er es macht und tut. Er gefällt mir! Warum er uns gefällt, könnten wir in den meisten Fällen schwerlich angeben. Ich glaube, die meisten Freundschaften oder die meisten solchen Bewunderungsverhältnisse, wie sie etwa zwischen Schülern und Lehrern eintreten, beruhen auf diesem geheimnisvollen: er gefällt mir!, das wir1 nicht weiter erklären könnten. Daran ist nun zunächst durchaus nichts Schlimmes. Beruht doch sogar das wichtigste Verhältnis, das es unter Menschen geben kann, die Liebe zwischen Mann und Weib, wenn sie aufrichtig ist, durchaus auf diesem unerklärlichen Grunde der Sympathie. Die Sympathie ist die Brücke, die uns Menschen hilft, miteinander zu verkehren. Oft genug müssen wir freilich ohne Brücke durch den Fluss waten oder schwimmen; wir müssen mit Leuten verkehren, die uns nicht gefallen, die uns unsympathisch sind, und zwar müssen wir freundlich mit |26 ihnen verkehren. Und das ist uns auch gesund. Aber jedenfalls dürfen wir, wenn uns einer persönlich gefällt, auf keinen Fall auf dieser Brücke stehen bleiben. Ein Mensch, der uns etwas Rechtes sein soll, muss uns mehr zu geben haben als seine eigene Person, und wir müssen mit dem bestimmten Willen an ihn herantreten, mehr von ihm zu empfangen als etwa die Freude, die uns durchrieselt, mit einer so tüchtigen, gehaltvollen Persönlichkeit verkehren zu dürfen, mehr auch als seine Neigung und mehr als seine Freundschaft. Denn damit, dass uns Einer gefällt, und wäre es der Größte und Beste, damit, dass wir unter dem Zauber des Eindrucks stehen, der von ihm ausgeht, damit sind wir noch nicht bessere Menschen geworden. Wenn wir uns damit begnügen, uns von ihm imponieren zu lassen, Freude an seiner Person zu haben, dann tun wir eben das, was einst die große Menge mit Johannes dem Täufer tat, wir sind «eine kleine Weile fröhlich in seinem Licht». Das ist der Anfang unsres Irrweges. |

Und der gabelt sich nun, er geht nach zwei Seiten, wie das Holzwege oft tun. Aber er bleibt ein Irrweg auf beiden Seiten. Die eine Möglichkeit ist nämlich die, dass wir über den Vorzügen des Menschen, an dem wir so hinaufsehen, die Fehler übersehen, die seiner Person unweigerlich auch anhaften. Es hat oft etwas Rührendes zu sehen, wie viele Menschen auf ihre Führer und Vorbilder nichts, aber auch gar nichts wollen kommen lassen. Sie sehen den, der ihnen einmal gefällt, wie mit Scheuklappen, finden nur Gutes an ihm und wissen alles Unvorteilhafte an ihm womöglich noch in einen besondern Vorzug zu verwandeln, mögen Andre noch so sehr die Köpfe darüber schütteln. Das bekannteste Beispiel dafür ist die Art, wie manche Frauen ihre Männer2 bewundern. Potz, mi Ma!1 Das ist für sie etwas ganz Besonderes, außer Konkurrenz Stehendes. Allerdings habe ich gefunden, dass die Frauen auf dem Lande in dieser Beziehung meistens ehrlicher oder scharfsinniger sind als die Frauen in der Stadt. Ich habe aber solche Bewunderung mit Scheuklappen auch einmal in einem Kreis von sehr gebildeten Männern und Frauen [gesehen]4, der sich um einen in der Tat hervorragenden Prediger und Seelsorger |27 scharte.2 Jedes Wort des Widerspruchs wurde dort schon wie eine Art Gotteslästerung aufgenommen. Und ich erinnere mich, Freundschaften beobachtet zu haben, in denen so Einer den Andern nur durch eine rosa Brille anzusehen vermochte. Wie gesagt, das hat etwas Rührendes und in gewissem Sinn Schönes. Und doch ist es ein Holzweg. Denn wer sich von einem Menschen nur imponieren lässt, ohne seine Fehler sehen zu wollen, der wird auf die natürlichste Art von der Welt dazu kommen, sich auch von seinen Fehlern imponieren zu lassen und sie schließlich, ohne es zu bemerken, in seinen eigenen Charakter zu übernehmen. Ja, noch mehr: wer sich damit begnügt, diesen und jenen zu bewundern, nur weil er ihm gefällt, der kommt in Gefahr, hauptsächlich in seinen Fehlern ihm gleich zu werden. Denn es liegt in dieser Art, so rührend sie oft sein kann, doch eine gewisse Untätigkeit, ja Trägheit. Wir lassen uns beeinflussen, ohne selbst etwas dazu zu denken und zu tun. Wenn wir uns aber untätig beeinflussen lassen, dann werden wir, selbst wenn wir es mit feinen, guten Menschen zu tun haben, vor Allem durch ihre Fehler und Einseitigkeiten beeinflusst werden. Das Gute in uns entsteht nie durch Untätigkeit. – |

Es kann aber auch einen ganz andern Weg gehen, wenn unsre Augen und unsre Gedanken so an den Menschen hängen bleiben, die uns einmal sympathisch geworden sind und von denen wir uns gerne führen lassen. Die Meisten von uns tragen nämlich nur an ganz seltenen Tagen eine solch rosenrote Brille, wie ich sie eben beschrieben. Für gewöhnlich tragen sie eine graue Brille. O dann ist das eine böse Sache, wenn man sich mit seinem Vertrauen an einen Menschen geheftet hat und wenn dann eines Morgens die graue Brille an die Reihe kommt, wenn die Kritik in uns erwacht. Dann geht’s uns gerade umgekehrt wie vorher. Wir hatten nur Freude an einem Menschen, an einer kraftvollen und reichen Persönlichkeit, wir dachten nie etwas Anderes als: er gefällt mir! Wir suchten auch nichts Anderes als ein solches Wohlgefallen. Aber wenn wir’s nun nicht finden? Oder gefunden, wieder verloren? Da sind wir dann oft im Stande, die größte Liebe fast unvermittelt in die größte Gleichgiltigkeit, ja Abneigung übergehen zu |28 lassen. Nichts ist begreiflicher als das. So geheimnisvoll wie eine Sympathie gekommen ist, so geheimnisvoll kann sie wieder gehen. Wie eine Nebelwoge oft in wenigen Minuten eine schöne Landschaft völlig unkenntlich machen kann, so kann das Misstrauen und der Unwille gegen einen Menschen in kürzerer oder längerer Zeit über uns kommen und uns kalt und geringschätzig gegen ihn stimmen. Wir sehen plötzlich auffallend klar seine Fehler, wir werden plötzlich sonderbar genau und umsichtig allen seinen Äußerungen und Handlungen gegenüber und, ehe wir es uns versehen, haben wir kaum mehr den Schatten der vorherigen Bewunderung in unserm Herzen und eine kühl abwartende Stellung hat ihren Platz eingenommen. So ungerecht wir in einem Fall Fehler übersehen, so ungerecht unterstreichen wir sie im andern. Und auch da gehen wir leer aus, wir sind durch ein solches Erlebnis nicht besser, sondern schlechter geworden. Denn auch da sind wir im Grunde untätig gewesen. Wir haben uns von einer erwachten Antipathie leiten lassen wie vorher von unsrer Sympathie. Weil wir nur dieser Stimme folgen, sehen wir an dem Menschen nur das Ungute, und das Gute, das er uns zu geben hat, findet seinen Weg nicht mehr zu uns. Wir haben ihn uns selbst verbaut, weil wir nur auf seine Person sahen. – |

Solange wir es so machen, solange wir gerade bei den guten Menschen, wie wir sie hoffentlich Alle kennen, nur fragen: Gefällt er mir? oder: gefällt er mir nicht?, solange wird uns selbst ein Johannes der Täufer nur ein Licht sein, das uns auf eine kurze Weile scheint, solange könnte ein Engel vom Himmel zu uns kommen, ohne dass er uns ein wirksames Gotteswort sagen könnte, solange ist unser Weg sicher noch nicht der Gottesweg.

Da wollen wir nun sehen, wie Jesus es gemacht hat. Er sah den Himmel sich auftun, als er von Johannes getauft war. Daran sehen wir deutlich, dass er bei ihm etwas Höheres gesucht und gefunden hat als einen Menschen, der ihm angenehm oder unangenehm war. Von dem persönlichen Eindruck, den er von ihm hatte und der uns in seiner Lage gewiss die Hauptsache gewesen wäre, hören wir bezeichnenderweise gar nichts. Er sah den Himmel sich auftun! Wie könnte da die Person des Täufers noch nur auch in Betracht kommen? Und doch ist der Täufer an diesem Erlebnis Jesu nicht unbeteiligt. Wir sagten es schon am letzten Sonntag, dass durch sein Wort das, was in Jesus |29 schlummerte, geweckt worden ist. Johannes hat dort zu allem Volke von Gott geredet, von seiner Gerechtigkeit und von seiner Güte, von seinem Zorn und von seiner Liebe, von seinem Gericht und von seiner Verheißung. Das war es, Gottesgedanken waren es, die Jesus hörte und in sich aufnahm. Es brauchte einen Mann von der ganzen Wucht und Größe des Johannes, um diese Gottesgedanken in die Seele Jesu zu werfen6, um da etwas entstehen zu lassen, was unendlich viel größer war als Alles, was Johannes selbst besaß. Aber nicht diesen Mann hat Jesus dort gefunden, er blieb nicht dabei, sich zu erbauen an dem Anblick dieses Starken, er wollte nicht eine schöne Seele genießen,3 sondern er hat in ihm und durch ihn die Wirkung Gottes, des lebendigen Gottes gefunden und gefühlt. Johannes war das Instrument, aber auch nur das Instrument. Was unter seinen Händen entstand, das war nicht ein persönliches Verhältnis zu ihm, sondern ein persönliches Verhältnis zu Gott. Jesus hat dort nicht den Johannes erlebt, sondern er hat Gott erlebt, weil er nicht den Johannes, sondern Gott gesucht hatte. Und so war das Ergebnis seiner Taufe nicht das, dass er einen großen und guten Menschen kennengelernt hatte, sondern das, dass er den Himmel sich auftun, dass er den Geist auf sich herabkommen sah wie eine Taube. Das will doch auf alle Fälle sagen, dass dort etwas ganz Eigenes, Neues, Göttliches in Jesus entstanden ist. Vor seinem innern Auge verschwanden alle Dunkelheiten und Zweifel und Ungewissheiten über Gott und über die Welt und über sich selbst, die ihn sicher vorher auch beschäftigt haben, wie sie uns immer wieder beschäftigen. Sie verschwanden, wie die Wolken am Himmel auseinandertreten müssen, zur Seite treten, wenn ein kräftiger Windstoß durchzieht; und nun sah er hinein in die Ewigkeit. Er sah das, was ist und gilt, während alles bloß Scheinbare und Wertlose fliehen musste. Er sah |30 hinein in die Herrlichkeit des Gottes, von dem Johannes geredet, näher, greifbarer, lebendiger, als Johannes selbst es je getan. Er sah hindurch durch die oberflächliche Decke des Lebens, die wir so oft für das Leben selbst halten, und erkannte aller Dinge Grund und Wesen in dem alles Dasein durchflutenden Geist, der gut ist und doch gütig, der von uns Menschen Alles fordert, um uns Alles zu schenken, der uns verurteilt, um uns immer wieder freizusprechen, der uns niederbeugt, um uns immer wieder aufzurichten. Er sah, dass dieser Geist die letzte, höchste Wahrheit sei in seinem eigenen Leben und in aller Welt. Und indem er das Alles sah, wurde es sein Eigentum. Der Himmel grüßte ihn nicht aus unendlicher Ferne, sondern er stieg zu ihm hernieder. Die Herrlichkeit Gottes blieb ihm nicht eine erhabene Vision, wie sie es den Propheten des alten Bundes gewesen war, sondern sie nahm Wohnung in seinem Inwendigen, das Leben, das unter der Oberfläche der Welt verborgen ist, wurde sein Leben, er fing an, sich eins zu fühlen mit dem Grund und Wesen aller Dinge, innerlich zusammenzuwachsen mit dem Geist der Gerechtigkeit und der Liebe, der die letzte Wahrheit und Wirklichkeit ist in der Welt. Er wurde8 Gottes Sohn in dieser wunderbaren Stunde. – |

Wir wollen das nächste Mal näher davon reden, was für ein Geist das war, der da auf ihn herabgekommen ist, und was das bedeutete, dass er Gottes Sohn wurde9. Heute sollte uns nur der Weg beschäftigen, der ihn dahin geführt hat. Gottes Kinder sollen wir auch sein und werden. Und darum ist sein Weg in allen Stücken auch der unsrige. Jesus kam zu dem erhabenen Punkt dieses Erlebnisses, weil er bei Johannes nicht Johannes, sondern Gott suchte und fand. O meine Freunde, was für große und schöne Erfahrungen dürften wir Alle machen, wenn wir es einmal dahin brächten, gerade zu unsern bessern Mitmenschen, zu denen, die uns etwas zu geben und zu sagen haben, uns so zu stellen, [wie]10 er zu Johannes. Wenn wir bei Jedem von Ihnen, bei den großen und bei den kleinen Geistern, statt auf das Menschliche, auf das Persönliche auf das Göttliche in ihnen achten wollten, nicht auf das, was uns an ihnen gefällt, was uns an ihnen angenehm ist, was wir an ihnen genießen, sondern auf das an ihnen, |31 was uns anpackt mit dem erschütternden Ernst und mit der bezwingenden Freundlichkeit der echten Gotteswirkung, die mit nichts Anderm zu verwechseln ist. Wo uns ein Mensch demütigt und doch zugleich stark macht, da ist diese echte Gotteswirkung. Da schafft der lebendige Gott an uns, dessen Kinder wir werden sollen. Dass wir uns doch heißhungrig an unsre Mitmenschen wenden möchten, ob sie uns etwas zu bieten haben vom Gesetz und von der Gnade dieses Gottes! Wenn wir’s tun wollten, würden wir die wunderbarsten Erfahrungen machen. Wir würden entdecken, dass solche Menschen, solche Instrumente Gottes vielleicht in unsrer nächsten Umgebung viel mehr sind, als wir jetzt ahnen. Wir würden nicht mehr auf die Suche gehen nach Extramenschen, wie man [ihnen]11 nur alle 20 Jahr einmal begegnet, sondern wir bekämen Augen für den Wert auch der Gewöhnlichen unter unsern Brüdern und Schwestern. Wir würden nicht gleichgiltig und kalt gegen die Personen unserer Mitmenschen, wenn wir sie so als Gottes Instrumente auffassten, sondern im Gegenteil: jetzt würden wir ihnen gerecht werden, wir würden sie nicht mehr beurteilen, je nachdem sie uns gefallen oder nicht, sondern nach dem Ewigen, das in sie gelegt ist. Wir würden ihre Fehler deutlicher erkennen als jetzt, wo wir sie mit unsrer grauen Brille ansehen, aber diese Fehler könnten uns nicht mehr stören und abschrecken, denn wir hätten genug damit zu tun, das Gute, das sie uns zu geben haben, in Empfang zu nehmen.

Und schließlich würde sich über uns selbst der Himmel auftun, wie es Jesus geschehen ist. Der Geist wartet und möchte auch auf uns herabkommen.

Amen.

Textkritische Fußnoten

1
Mskr.: doppeltes «wir». ↩
2
Im Mskr. findet sich an dieser Stelle ein mit Bleistift eingetragenes Fragezeichen. ↩
4
Mskr.: «begegnet». ↩
6
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen. ↩
8
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen. ↩
9
Im Mskr. nachträglich mit Bleistift unterstrichen. ↩
10
Fehlt im Mskr. ↩
11
Mskr.: «sie». ↩

Sachfußnoten

1
Schweizerdeutsch für: «Toll, mein Mann!» ↩
2
Möglicherweise meint Barth Christoph Fr. Blumhardt (1842–1919), den er schon zu Studienzeiten von Tübingen aus mehrfach in Bad Boll besuchte, oder Hermann Kutter (1863–1931), mit dem er von Safenwil aus in Kontakt kam. ↩
3
Der erstmals von Christoph Martin Wieland verwendete Begriff «schöne Seele» wurde in der Literatur des späteren 18. Jahrhunderts zu einem Modewort (vgl. H. Schmeer, Der Begriff der «schönen Seele» besonders bei Wieland und in der deutschen Literatur des 18. Jahrhunderts, Berlin 1926; Nachdr. Nendeln 1967) 📖. Siehe besonders Fr. Schiller, Über Anmut und Würde (1793; Sämtliche Werke, Bd. 5, München 19623, S. 433–488, dort S. 468f.474f.484) 📖, sowie das aus Gesprächen und Briefen Susanne von Klettenbergs (1723–1774) bestehende Buch VI: Bekenntnisse einer schönen Seele, in: J. W. von Goethe, Wilhelm Meisters Lehrjahre (Hamburger Ausgabe, Bd. 7, S. 358–420) 📖. ↩