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      <titleStmt>
        <title type="volume" n="vol-56">Predigten 1912</title>
        <title type="content">Predigt: Markus 1,9-11 (III)</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Markus 1,9-11 (III), 4. Februar 1912</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/56006 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1912, hrsg. v. Busch, Eberhard / Zocher, Peter (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2022, S. .</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/56006</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1912</title>
          <title type="text">Predigt: Markus 1,9-11 (III)</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Busch, Eberhard</editor>
          <editor>Zocher, Peter</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2022</date>
          <!--position within a volume-->
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mk 1,9-11 (III), 4. Februar 1912. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1541">KBA 1076</ref>. </bibl>
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          <term>sermon</term>
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                    <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1912-02-04">4. Februar 1912</date>
                    </dateline>
                    <epigraph>
                        <cit>
                            <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.1.9 Mk.1.11">Markus 1,9–11</ref> <span>
                                <idno>III</idno>
                            </span>
                            <quote rend="text-recte">Und es geschah in jenen Tagen, dass Jesus von <placeName ref="kbga-places-948">Nazareth</placeName> in <placeName ref="kbga-places-780">Galiläa</placeName> kam und ließ sich von <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName> im <placeName ref="kbga-places-926">Jordan</placeName> taufen. Und wie er aus dem Wasser emporstieg, sah er den Himmel sich öffnen und den Geist gleich wie eine Taube herabkommen auf ihn. Und da geschah eine Stimme vom Himmel: <hi rend="italic">Du bist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe!</hi>
                </quote>
                        </cit>
                    </epigraph>
                <salute>Liebe Zuhörer!</salute>
                </div>
                <div type="main">
                <p>Wir haben in den beiden letzten Predigten geredet über den Weg, auf dem Jesus dazu gekommen ist, den <term ref="kbga-terms-966">Himmel</term> offen und den <term ref="kbga-terms-179">Geist</term> auf sich herabkommen zu sehen. Wir haben gesehen, wie er es nicht verschmäht hat, zum Täufer <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes</persName> zu gehen und sich ihm unterzuordnen, wie er aber dann doch bei diesem Menschen nicht den Menschen gesucht hat, wie er weder bewundernd noch missbilligend bei dem Menschlichen an ihm stehen geblieben ist, sondern aus des Menschen Mund das Überlegene, Größere, das Göttliche hat zu sich reden lassen. |</p>
                <p>Heute wollen wir nun sehen, was das für ein Geist war, der da auf ihn herabkam, und was das bedeuten wollte, wenn ihm gesagt wurde: <hi rend="italic">Du bist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe</hi>. Für die, die vor 14 Tagen nicht dagewesen sind, will ich noch einmal sagen, dass wir über den Hergang selbst: das Öffnen des Himmels, das Herabkommen der Taube, die Stimme von oben, hier nicht reden wollen. Ich sagte damals, man könne die Beschreibung dieses Vorgangs als Photographie auffassen oder als Zeichnung, man könne sie als äußere Wahrheit nehmen oder als innere Wahrheit. Da mag jeder entscheiden, wie er für recht hält. Wichtig ist <hi rend="italic">diese</hi> Frage nicht.</p>
                    <p>Wohl aber ist die <hi rend="italic">Sache</hi> wichtig, ganz besonders die Frage, die wir heute an dieses Bild von Jesu Taufe zu richten haben: Was ist gemeint, wenn <hi rend="italic">Jesus <term ref="kbga-terms-235">Gottes Sohn</term></hi> heißt? Was meinen wir, wenn wir ihn nach dem Vorbild vieler biblischer Stellen auch so nennen? In der Geschichte von seiner <term ref="kbga-terms-68">Taufe</term> ist offenbar der Ursprung dieser merkwür<pb xml:id="p033" ed="pga" break="no"/>digen Bezeichnung. Wir dürfen nicht denken, das sei keine Frage, die unser Leben angehe, sondern die sei nur für die Gelehrten oder etwa für die besonders Frommen, die Zeit und Lust haben, über dergleichen zu studieren. Nein, es gibt wenig Fragen, die für unser aller Leben so bedeutungsvoll sind wie die Frage, wie das zu verstehen ist, dass Jesus Gottes Sohn gewesen ist. Denn wir dürfen das <term ref="kbga-terms-1434">Leben Jesu</term> von dem unsrigen nicht trennen. Wir reden von uns selbst, von dem, was in unserm Leben geschehen sollte, wenn wir von Jesus reden. Ich wies schon das letzte Mal darauf hin: Gottes Söhne sollen auch wir werden. Jesus steht in dieser Beziehung nicht allein, sondern mit uns in <hi rend="italic">einer</hi> Reihe, nur, dass er der <hi rend="italic">erste</hi> der Reihe, der «Anfänger unsres Glaubens» [<ref type="can" subtype="bible" target="Hebr.12.2">Hebr. 12,2</ref>] ist. Wenn wir fragen: <hi rend="italic">wie war’s bei ihm?</hi>, so heißt das nichts Anderes als: <hi rend="italic">wie soll’s bei uns werden?</hi>
                </p>
                <ab rend="center">*   *   *</ab>
                <p>In dem Wort: <hi rend="italic">Du bist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe!</hi>, das Jesus dort in seinem Herzen hörte als ein an ihn gerichtetes Gotteswort, lag eine <hi rend="italic">Bestätigung</hi> und ein <hi rend="italic">Auftrag</hi>.</p>
                    <p>Wir wollen zuerst von der <hi rend="italic">Bestätigung</hi> reden. Die Begegnung mit <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes dem Täufer</persName> hat etwas vollständig Neues in <term ref="kbga-terms-1434">Jesu Leben</term> hinein gebracht. Wir haben das letzte Mal ausgeführt, wie er in dieser Stunde im Grunde <anchor type="note" xml:id="fn-a"/>Gott gefunden<note place="footnote" n="a" type="textcritical" xml:id="na" target="fn-a">
                    <p>Im <ref corresp="A">Mskr.</ref> nachträglich mit Bleistift mit einer geschlängelten Linie unterstrichen.</p>
                    </note> hat. Sein Lebensweg macht jetzt eine scharfe Wendung und verläuft <anchor type="note" xml:id="fn-b"/>in einer ganz anderen Richtung<note place="footnote" n="b" type="textcritical" xml:id="nb" target="fn-b">
                    <p>Im <ref corresp="A">Mskr.</ref> nachträglich mit Bleistift mit einer geschlängelten Linie unterstrichen.</p>
                </note> als bis dahin. Die 30 Jahre der Stille sind vorbei und das letzte ereignisreiche Jahr seines Lebens bricht an. – |</p>
                    <p>Und doch war der Eindruck, den <persName ref="kbga-actors-2206">Johannes der Täufer</persName> auf ihn machte, nicht ein neuer Lappen auf ein altes Kleid [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.9.16">Mt. 9,16</ref> par.], wie es bei uns mit solchen Eindrücken oft geht. Es war nicht etwas, was fremd, unorganisch, zufällig in sein Leben hinein geraten wäre. Sondern wenn da der <term ref="kbga-terms-179">Geist</term> auf ihn herunterkam, wenn er da <term ref="kbga-terms-235">Gottes Sohn</term> <hi rend="italic">geworden</hi> ist, so war das wie der Augenblick, wo die Hülle eines Denkmals fällt, oder wie der Augenblick, wo man mit der Sichel an die Ernte geht. Es war, so neu es Jesus selbst war, die Enthüllung von <pb xml:id="p034" ed="pga"/> etwas Vollendetem, Gott legte die Hand auf einen Menschen, der längst sein war. Er hatte Wohlgefallen an ihm. Das lässt uns einen Blick tun in die 30 Jahre der Verborgenheit. Sie müssen Jahre heißen Suchens und Strebens gewesen sein. Vielleicht Jahre voll schwerer schmerzlicher Erfahrungen. Wir wissen nichts darüber. Aber jetzt sagt ihm Gott in einem einzigen Moment, dass sein Suchen und Streben Finden gewesen ist. Er deckt ihm auf den Ertrag dessen, was er all die Zeit über erlebt und erfahren und getan. Er sagt ihm: es ist gut. Ich habe Wohlgefallen daran. Jesus erntet mit einem Male, was er in langen Jahren gesät, er fühlt sich innerlich <hi rend="italic">bestätigt</hi> in der ganzen Richtung seiner Gedanken und Gefühle. Es kommt ein großer Friede über ihn. Du bist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.</p>
                    <p>Wir werden in unserm eigenen Leben finden, dass die größten göttlichen Momente, die auch uns geschenkt sind, immer solche <hi rend="italic">Bestätigungen</hi> sind nach ihrer einen Seite. Das gibt es in unserm Leben so wenig als im Leben Jesu, dass ein neuer Lappen auf ein altes Kleid passte [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.5.36">Lk. 5,36</ref>], dass wir säen konnten, wo wir nicht geerntet haben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.19.21">Lk. 19,21</ref>].<note xml:id="n01">
                    <p> Der Halbsatz ist wohl umgekehrt zu lesen: «dass wir ernten konnten, wo wir nicht gesät haben».</p>
                    </note> Wir beobachten zum Beispiel, dass wir, um nur<note place="footnote" n="c" type="textcritical" xml:id="nc">
                    <p> <ref corresp="A">Mskr.</ref>: «nur zum Beispiel»; vom Hrsg. als überzählige Doppelung getilgt.</p>
                    </note> eine <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-1458">Freude</term></hi> zu empfinden, vorher dafür <hi rend="italic">reif</hi> geworden sein müssen. Ein Kind kann nicht mitempfinden bei der Freude Erwachsener, ein Ungebildeter nicht bei der Freude Gebildeter. Jede Freude setzt voraus, dass wir gelernt haben, dass wir fähig sind, uns zu freuen. Und wenn uns nun etwas mit Jubel erfüllt, dann ernten wir auch, was wir lange zuvor, ohne es zu wissen, gesät hatten. Und wie ist’s mit den geistigen <hi rend="italic">Anregungen?</hi> Wir könnten deren viel mehr haben, wenn wir fähig wären, uns anregen zu lassen. Aber daran fehlt’s. Ich bin zum Beispiel von einer Menge an <term ref="kbga-terms-1459">Büchern</term> umgeben, die mich noch nicht fördern und anregen. Ich kann lang darin lesen, sie sind mir noch nicht oder nur zum Teil ein solches Bestätigungserlebnis<note place="footnote" n="d" type="textcritical" xml:id="nd">
                    <p> Im <ref corresp="A">Mskr.</ref> nachträglich mit Bleistift mit einer geschlängelten Linie unterstrichen.</p>
                </note>. Bei andern Büchern dagegen habe ich ein solches Erlebnis gemacht. Ich habe etwas darin gefunden, weil ich es längst gesucht, ich habe Antworten be<pb xml:id="p035" ed="pga" break="no"/>kommen, weil ich Fragen auf dem Herzen hatte. Die Anregung, die davon ausging, fand einen bereiteten Boden. Es kam mir gar nicht vor, wie wenn etwas Neues in meine Gedanken hinein käme, sondern wie bei einer Pflanze ging das Neue aus dem Alten hervor. Ich hatte eine neue Einsicht gemacht und hatte dabei doch das sichere Gefühl: gerade dahin habe ich kommen <hi rend="italic">müssen</hi>, gerade <hi rend="italic">das</hi> habe ich gemeint. |</p>
                <p>Und wieder steht es so mit unsern moralischen und <hi rend="italic">religiösen <term ref="kbga-terms-131">Erfahrungen</term></hi>. Wir können unendlich oft vor große und schöne Lebensaufgaben gestellt worden sein, an denen sich unser Pflichtgefühl und unser Lebensernst hätte bewähren sollen. Und unendlich oft sind wir daran vorbeigegangen oder daran gescheitert. Aber wenn es uns dann endlich gelang, zu siegen und <term ref="kbga-terms-829">das Gute</term> nicht nur zu wollen, sondern zu tun, dann war das wohl für unsre Gedanken etwas ganz Neues, Erstaunliches, aber in Wirklichkeit doch nichts Anderes als das Ergebnis langer Versuche und Anläufe, die wir gemacht und zu unsrer Schande aufgegeben hatten. Wenn es nun einmal gelang, dann war das nur eine Bestätigung der Richtung, die wir, obzwar stolpernd und fallend, schon lange eingeschlagen hatten. Und wie sind doch oft jahrelang die deutlichsten Erweise der <term ref="kbga-terms-186">Güte Gottes</term> und die erschütterndsten Mahnungen seines Ernstes an uns ergangen! Wir wurden ins Glück wie ins Unglück geführt, es wurde uns dies geschenkt und jenes genommen und wir verstanden noch immer nichts. Und dann eines Tages brach es durch: Herr Gott, ich will dir danken, du hast Alles wohlgemacht, ich will dir mein Leben weihen, ich muss es tun. Aber ein solcher Durchbruch kommt nie von ungefähr, er hat seine verborgenen Quellen in unserm vergangenen Leben. Vielleicht kennen wir selbst sie kaum. Und doch sind sie da. Wir erkennen, wenn wir zurückblicken, wie wir geführt worden sind, ohne es zu wissen, auch durch die Nacht.<note xml:id="n02">
                    <p> Vgl. <bibl type="song" corresp="kbga-songs-33">Strophe 3 des Liedes «So nimm denn meine Hände» von <persName ref="kbga-actors-1365">J. Hausmann</persName> (EG 376; RG 695)</bibl>: 
                        <q rend="block">
                                    <lg>
                            <l>Wenn ich auch gleich nichts fühle / von deiner Macht,</l> 
                            <l>du führst mich zum Ziele, / auch durch die Nacht:</l> 
                            <l>so nimm denn meine Hände / und führe mich</l> 
                            <l>bis an mein selig Ende / und ewiglich!</l>
                                    </lg>
                                </q>
                            </p>
                </note> Und wenn wir jetzt Gott gefunden haben, dann ist das nicht ein blaues Wunder,<note xml:id="n03">
                    <p> «Sein blaues Wunder erleben» steht redensartlich dafür, eine (unangenehme) Überraschung zu erleben; vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-826">Röhrich V, S. 1746</bibl>.</p>
                </note> sondern eine Bestätigung dessen, was längst in unserm Leben begonnen hat zu geschehen.</p>
                <p><pb xml:id="p036" ed="pga" rend="noPipe"/> Es ist für uns ein großer <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-817">Trost</term></hi> in der Art, wie Jesus sich hier von Gott darf sagen lassen: ich habe Wohlgefallen an dir, trotzdem er ja in demselben Augenblick seine Lebensaufgabe erst antreten soll. Es zeigt uns, dass <term ref="kbga-terms-1450">Gottes Freundlichkeit</term> sich nicht bloß auf unsre <term ref="kbga-terms-890">Zukunft</term> erstreckt, sondern auch auf unsre <term ref="kbga-terms-1449">Vergangenheit</term>. Wir werden ja alle schon zu Zeiten das Gefühl gehabt haben, lange Perioden unsres vergangenen Lebens, vielleicht unser <hi rend="italic">ganzes</hi> vergangenes Leben, seien rein unerfreulich und wertlos. Und ein solches Gefühl gibt <hi rend="italic">keinen</hi> Mut für die Zukunft, das wissen wir auch. Da ist’s dann eine schöne Erfahrung, wenn Gott uns bisweilen plötzlich Licht fallen lässt auf unsre vergangenen Tage und uns die Schätze zeigt, die da verborgen sind und die uns gehören, ohne dass wir’s achten. Solchen <term ref="kbga-terms-817">Trost</term> spendet uns Gott. Wir dürfen es erleben, dass die scheinbaren Totengebeine unsrer Vergangenheit wieder Leben gewinnen, wir dürfen wie Jesus die Stimme hören, die uns sagt: ich habe Wohlgefallen an dir. – |</p>
                    <p>Und dann ist’s doch wieder eine erschütternd <hi rend="italic">ernste</hi> Sache, dass göttliche Momente in unserm Leben, Wendungen zum Guten, Entdeckungen der Wahrheit immer nur Bestätigungen sind, dass wir nicht erwarten dürfen, dass <term ref="kbga-terms-829">das Gute</term> in uns hineinkomme, wenn es nicht schon vorher in uns gewesen ist. Das sagt uns, dass wir verantwortlich sind dafür, dass wir unsre Zeit zum Säen brauchen, zum Vorbereiten und Rüsten auf die Stunde, wo es in uns aufblitzen <hi rend="italic">kann</hi>, wie es bei Jesus geschehen ist: Ich habe Wohlgefallen an dir, was du gewesen bist, ist in seinem Kern gut. Werden wir diese Bestätigung erhalten? O wie viele Augenblicke sind schon vorbeigegangen, mächtig geeignet wie dort der Moment, wo <persName ref="kbga-actors-2206">der Täufer</persName> und Jesus sich ins Auge sahen. Aber der Himmel blieb geschlossen und die Stimme von oben schwieg – es war nichts da, was der Bestätigung wert gewesen wäre.</p>
                <ab rend="center">*   *   *</ab>
                    <anchor type="cross" xml:id="qv56006_1"/>
                <p>
                        <term ref="kbga-terms-235">Sohn Gottes</term> wurde aber Jesus dort nicht nur, weil Gott sich freuen konnte über das Resultat seines bisherigen Lebens, sondern unzertrennlich verbunden damit war sein göttlicher <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-1451">Auftrag</term></hi>. Würden wir einen Juden der damaligen Zeit gefragt haben, was das sei, der «Sohn Gottes», dann würde er uns geantwortet haben: der <term ref="kbga-terms-1460">Messias</term>, der kommen soll. Und wenn das <term ref="kbga-terms-427">Volk Israel</term> von einem Messias redete und auf ihn wartete, so meinte es damit einen Bevollmächtigten Gottes, <pb xml:id="p037" ed="pga"/> der mit großer Kraft auf der Erde auftreten und die endgiltige Herrschaft Gottes unter den Menschen begründen sollte. Man dachte sich ihn als einen Helden und König, der kämpft und triumphiert, der Recht spricht und Recht schafft an allen Enden. Sie sahen innerlich beim Klang dieses Wortes «Messias» eine ungeheure Bewegung der Völker, ausgehend von <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName>, um sich zu verbreiten über den ganzen Erdkreis, gelenkt von dem schöpferischen Wollen des Einen. – | </p>
                    <p>Und dessen ist nun Jesus in jener Stunde am <placeName ref="kbga-places-926">Jordan</placeName> bewusst geworden. Das hat ihm Gott ins Herz gegeben, dass er der <term ref="kbga-terms-753">Messias</term> sei, dass er die Fähigkeit und den Auftrag, die Kraft und die Würde habe, das Werk Gottes in der Welt zu verrichten. Gottes Sohn wurde er dort, weil er dem nötigenden Trieb gehorsam wurde, unter die Menschen zu treten als Gottes Werkzeug, an ihnen und für sie zu arbeiten an seiner Statt. <term ref="kbga-terms-235">Jesu Gottessohnschaft</term> ist ein Amt, eine Tätigkeit, eine Wirksamkeit, eine Arbeit. Und der Geist, der am Jordan auf ihn herabkam, war der wirksame, der schöpferische, der weltumgestaltende Geist. Sein Erlebnis war ein wegweisendes Erlebnis, und darin bewährte es seine Echtheit, dass er den gewiesenen Weg ging, dass er redete und wirkte wie<note place="footnote" n="e" type="textcritical" xml:id="ne">
                    <p> Ein doppeltes «wie» ist im <ref corresp="A">Mskr.</ref> mit Bleistift gestrichen.</p>
                </note> einer, der Vollmacht hat. </p>
                <p>Wir wollen es uns heute tief eingraben, dass Beides wirklich unzertrennlich verbunden ist, auch für uns, in den wahrhaft großen Erlebnissen: die <hi rend="italic">Bestätigung</hi>, jene beruhigende Versicherung, dass unser bisheriges Leben vor Gottes Urteil wert erklärt worden ist, und der <hi rend="italic">Auftrag</hi>, das Bewusstsein, dass uns eine Aufgabe, eine Arbeit zugewiesen ist. Nur in der Einheit von Beidem werden wir in der <term ref="kbga-terms-757">Nachfolge</term> Jesu <term ref="kbga-terms-1055">Gottes Söhne</term>. Wir dürfen um keinen Preis uns auf den Gedanken einlassen, der göttliche <term ref="kbga-terms-1452">Auftrag</term>, das <term ref="kbga-terms-250">Amt</term>, das wir auszuüben, die <term ref="kbga-terms-795">Arbeit</term>, die wir zu verrichten haben, sei etwas Nebensächliches oder gar Unnötiges neben der göttlichen Bestätigung, neben dem seligen Bewusstsein, dem Herrn anzugehören. Nein, nein! Nicht trennen, liebe Freunde, nicht trennen dieses selige innere Bewusstsein und dieses ebenso selige äußere Wirken. In der Verbindung, im Ausgleich und Austausch zwischen beiden bestand doch die unvergleichliche Größe Jesu. Wollen wir es anders machen als er? Ich glaube, der <hi rend="italic">Auftrag</hi>, der uns in den Gottesoffenbarungen unsres Lebens erteilt wird, ist immer dreifach. Unser <term ref="kbga-terms-1452">Auftrag</term> lautet: <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-1453">Treue</term></hi>, <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-593">Liebe</term></hi>, <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-283">Gerech<pb xml:id="p038" ed="pga" break="no"/>tigkeit</term></hi>. Damit erfüllen wir unser <term ref="kbga-terms-250">Amt</term> in der <term ref="kbga-terms-378">Welt</term>, wie Jesus das seine erfüllt hat.</p>
                <p>
                    <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-1453">Treue</term></hi> zuerst. Damit meine ich die Treue gegen den <term ref="kbga-terms-1461">Beruf</term>, der jedem von uns anvertraut ist. Dein und mein Beruf sind schlicht neben dem Beruf Jesu. Gewiss. Schlicht, aber nicht schlecht. Denn jeder Beruf ist ein anvertrauter Posten. Wir müssen ihn so auffassen, als ob die Gesamtheit der Menschen uns ihn anvertraut hätte zur Besorgung eines kleinen Stücks äußerer Arbeit, zu der gerade ich geeignet. Auf diesem Posten stehe ich und stehst du, und wir haben in uns immer den Auftrag: treu sein! Treu sein gegen die <term ref="kbga-terms-402">Menschheit</term>, die mich gerade hier braucht, den als Bauer und den als Arbeiter, den als Fabrikanten und den als Handwerker, den als Pfarrer und den als Lehrer. Auf diesem Posten soll ich, darf ich den Andern dienen mit meiner Arbeit. Dienen heißt ja arbeiten. Und <term ref="kbga-terms-1454">arbeiten heißt treu sein</term>.</p>
                    <p>Das zweite in unserm Auftrag ist die <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-593">Liebe</term></hi>, die <term ref="kbga-terms-1455">helfende Liebe</term>. Nicht Alle, die auch zu der Gesamtheit der Menschheit gehören, können die große Schlacht der Berufsarbeit mitschlagen. Wir haben Kranke und Verwundete und Invalide hinter der Front, das sind Alle die <term ref="kbga-terms-800">Mitmenschen</term>, denen etwas fehlt: Geld oder Gesundheit oder Verstand oder Bildung. Gott Lob, dass wir nicht mehr der rohen Meinung sind, dass die Schranke der Treue gegen die Mitmenschen mit ihrer Arbeitsfähigkeit erreicht sei. Sind sie doch direkt oder indirekt Opfer der Gesamtheitsarbeit der Menschheit. Nein, hier muss die dienende, arbeitende Treue zur Liebe werden, die den Schwachen helfen, die das Leiden lindern will. Das <term ref="kbga-terms-1358">Schweizervolk</term> wird gerade am heutigen Tag zeigen müssen, ob es schon reif ist zur ernsthaften Ausübung dieser <term ref="kbga-terms-892">solidarisch</term> empfindenden hilfreichen <term ref="kbga-terms-1455">Liebe</term>.<note place="footnote" n="f" type="textcritical" xml:id="nf">
                    <p> Im <ref corresp="A">Mskr.</ref> ist mit Bleistift ergänzt: «(Abstimmung über Kranken- und Unfallversicherung)». – Gegen das <date when="1911">1911</date> beschlossene <term ref="kbga-terms-1467">Kranken- und Unfallversicherungsgesetz (KUVG)</term> war von Unternehmerseite aus ein Referendum ergriffen worden, das am <date when="1912-02-04">4. Februar 1912</date> zur Abstimmung stand; das KUVG wurde mit 287 565 gegen 241 416 Stimmen angenommen (<bibl corresp="kbga-bibls-1527">https://www.bk.admin.ch/ch/d/pore/va/19120204/index.html</bibl>).</p>
                </note>
                </p>
                    <p>Aber gerade diese Erinnerung bringt uns darauf, dass Gottes <term ref="kbga-terms-1452">Auftrag</term> an uns in dieser <term ref="kbga-terms-378">Welt</term> noch höher geht. Es ist nicht damit getan, dass jeder brav seinen <term ref="kbga-terms-1461">Beruf</term> ausübt und etwa etwas übrig hat für seinen <term ref="kbga-terms-800">Nächsten</term>. Sondern das dritte und größte in Gottes Auftrag an uns ist die <hi rend="italic">
                            <term ref="kbga-terms-283">Gerechtigkeit</term></hi>, die durch uns in die Welt und unter die <pb xml:id="p039" ed="pga"/> Menschen kommen soll. Darum haben die alten <term ref="kbga-terms-426">Propheten</term> <term ref="kbga-terms-427">Israels</term> und nach ihnen Jesus selbst mit flammender Stimme den Ruf erhoben nach Gerechtigkeit in den Verhältnissen dieser Welt. Darum haben ein <persName ref="kbga-actors-77">Calvin</persName> und ein <persName ref="kbga-actors-443">Zwingli</persName> mit froher Selbstverständlichkeit die <term ref="kbga-terms-382">Politik</term> als eine <term ref="kbga-terms-1456">Gottessache</term> getrieben. Heute aber lautet der Auftrag Gottes an uns: <hi rend="italic">soziale</hi> Gerechtigkeit. Das werde ich wiederholen, solange ich hier stehe, <anchor type="note" xml:id="fn-g"/>und daran ändern alle Zeitungsartikel nichts<note place="footnote" n="g" type="textcritical" xml:id="ng" target="fn-g">
                    <p> Im <ref corresp="A">Mskr.</ref> mit Bleistift mit einer geschlängelten Linie unterstrichen.</p>
                    </note>.<note xml:id="n04">
                    <p> An <persName ref="kbga-actors-2151">Barths</persName> am <date when="1911-12-17">17. Dezember 1911</date> im Safenwiler Arbeiterverein gehaltenen Vortrag <bibl corresp="kbga-bibls-1528">
                                    <hi rend="italic">Jesus Christus und die soziale Bewegung</hi> (V.u.kl.A. 1909–1914, S. 380–409)</bibl> hatte der ortsansässige Fabrikant <persName ref="kbga-actors-7657">Walter Hüssy</persName> solchen Anstoß genommen, dass er einen am <date when="1912-02-03">3. Februar 1912</date>, also einen Tag vor dieser Predigt, veröffentlichten Offenen Brief an Barth schrieb, in dem er dessen «Agitationsrede» und die in ihr zum Ausdruck kommende «unbändige Wut über den Kapitalismus» scharf kritisierte und als «Sozialismus» brandmarkte (<bibl corresp="kbga-bibls-7657">W. Hüssy, <hi rend="italic">Offener Brief an Herrn Karl Barth, Pfarrer in Safenwil</hi>, in: Zofinger Tagblatt, Nr. 29, 3.2.1912, S. 1; O.Br. 1909–1935, S. 7–10</bibl>).</p>
                </note> <term ref="kbga-terms-1457">Soziale Gerechtigkeit</term>! Das heißt nicht, dass Alles drunter und drüber gehen, dass man Alles konfiszieren und verteilen soll. Aber das heißt, dass einmal eine Zeit kommen muss, wo jeder seinem Beruf mit Freuden treu sein kann, weil er darin wirklich der Gesamtheit dient und nicht einem Privatinteresse, wo an die Stelle des Mitleids und des Almosens das <term ref="kbga-terms-337">Recht</term> tritt, wo nicht mehr der Eigennutz und die Willkür die höchsten Prinzipien der <term ref="kbga-terms-795">Arbeit</term> und des Geschäftes sind. Wen es gelüstet, der lache über diese Gedanken und nenne sie überspannt und unmöglich. Wir Andern werden gerade daraus die Gewissheit schöpfen, dass sie richtig sind, denn noch jeden <term ref="kbga-terms-1368">Fortschritt</term> hat die Welt zuerst überspannt und unmöglich genannt, nicht weil er es gewesen wäre, sondern weil sie ihn nicht haben wollte. Dieser Kampf gegen die Gerechtigkeit ist auf die Länge noch immer erfolglos gewesen.</p>
                    <p>Und jetzt wiederhole ich noch einmal: alle diese Dinge: der Beruf, die <term ref="kbga-terms-892">solidarische Hilfe</term>, die <term ref="kbga-terms-1457">soziale Forderung</term> sind keine weltlichen Dinge. Wir durften und dürfen nicht unsre <term ref="kbga-terms-211">Religion</term> in eine Schublade stecken und die sogenannte <term ref="kbga-terms-378">Welt</term> in die andre. Sondern diese sogenannten weltlichen Dinge sind Gottes <term ref="kbga-terms-1452">Auftrag an uns</term>. Sie <hi rend="italic">können</hi> uns nicht gleichgiltig sein. Denn wir sehen bei Jesus, wie sein Leben in Gott und sein Leben in der Welt nicht zwei, sondern eins gewesen <pb xml:id="p040" ed="pga"/> sind. Die <term ref="kbga-terms-1449">Vergangenheit</term> und die <term ref="kbga-terms-890">Zukunft</term>, das Innen und das Außen, Gott und die <term ref="kbga-terms-800">Mitmenschen</term> – er vereinigte sie in sich. Wir sollen lernen, sie auch in uns zu vereinigen. Denn <anchor type="note" xml:id="fn-h"/>Alles Trennen ist ungöttlich<note place="footnote" n="h" type="textcritical" xml:id="nh" target="fn-h">
                    <p>Im <ref corresp="A">Mskr.</ref> mit Bleistift mit einer geschlängelten Linie unterstrichen.</p>
                </note>.</p>
                </div>
                <div type="closer">
                <salute>Amen.</salute>
                </div>
            </div>
        </body>
    </text>
</TEI>
