11. Februar 1912

Predigt: Matthäus 4,2-4

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Matthäus 4,2–4
Als Jesus 40 Tage und 40 Nächte gefastet hatte, hungerte ihn. Und der Versucher trat an ihn und sagte zu ihm: Wenn du Gottes Sohn bist, so sprich, dass diese Steine Brot werden. Er aber antwortete und sprach: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort, das aus dem Munde Gottes geht.
Liebe Freunde!

Als Jesus wusste, dass Gottes Liebe ihn erwählt, bestätigt und berufen hatte zu einem einzigartigen Amt in dieser Welt, und als er sich aufmachte, dieses Amt anzutreten und auszuüben, – da trat der Versucher an ihn. Nicht vorher. Nicht, als er noch suchte und fragte und betete im stillen Nazareth. Sondern jetzt, wo er am Jordan etwas erlebt und errungen und geschenkt bekommen hatte. Jetzt, wo er etwas zu verlieren hatte. Es ist etwas Geheimnisvolles, fast etwas Planmäßiges in der Art, wie das Böse uns seine Macht spüren lässt. Man kann es verstehen, dass man es in allen Zeiten gerne schilderte wie eine wirkliche Persönlichkeit, als den «Fürsten dieser |42 Welt»,2 der schlau und berechnend seine Beute zu finden weiß. Es ist wirklich oft, wie wenn es auf uns wartete, um dann um so sicherer über uns herzufallen. Solange wir noch nichts sind, haben wir Frieden vor ihm. Solange wir uns noch mühen, ohne etwas Rechtes zu erreichen, wie wir denken, solange wir unzufrieden sind mit uns selbst, solange wir ängstlich auf unsere Füße sehen bei unserm Gang auf dem Lebensweg, solange bleibt uns das Böse fern, wir sind noch nicht reif dafür. Aber nun kommen wir auf die Höhe, nun lassen wir unsre Augen in die Weite schweifen, nun haben wir etwas erfahren und durchgemacht und in uns aufgenommen – und jetzt, jetzt ist der große gefährliche Moment, wo wir für das Böse reif werden und, ehe wir es uns versehen, ist es auch schon da. Wie es nur da Schatten gibt, wo Licht ist, so gibt es nur da Böses, wo Gutes ist. Wo Gott es gewonnen hat bei einem Menschen, wo der Mensch sich nun freut der neuen Einsicht, der neuen Kraft, des neuen Lebens, das ihm geschenkt, wo er tatendurstig die Arme reckt, um etwas Rechtes zu schaffen, da geht im Hintergrund der Teufel über die Bühne und lauert und freut sich, denn nie kann er geschickter sein Netz auswerfen als in dem Augenblick, wo ein Mensch Gott gefunden hat. Das kommt uns merkwürdig vor. Aber es ist doch so. Wir müssen uns nur überlegen, wie oft schon (sicher uns Allen) gerade die Höhepunkte unsres innern Lebens gefährlich geworden sind. Es müsste nicht so sein. Wir müssten freudig von Höhe zu Höhe schreiten. Aber es ist oft, als ob wir es nicht ertragen könnten, freudige, kraftvolle, höhere Gefühle zu haben. Denn gerade, wenn wir diese Gefühle haben, stehen oft die Niederlagen dicht vor der Tür. Gerade das, worüber wir uns freuten, verwandelte sich in eine Grimasse. Wir hatten das Gute erreicht, aber wir machten nicht den rechten Gebrauch davon und, ehe wir es uns versahen, hatte sich das Gute in etwas Widriges verkehrt. – |

So ist Jesus dort als der berufene Sohn Gottes vom Jordan in die Wüste gegangen. Er stand auf einer Höhe innerlich, nach dem, was er in sich erlebt. Er fühlte eine große Freude und Kraft in sich. Noch war |43 sie nicht wirksam geworden nach außen. Noch hatte er von der ihm erteilten Würde und Macht nicht Gebrauch gemacht. In diesem gefährlichen Moment will ihm der Versucher in den Arm fallen. Er möchte, dass das Licht Schatten wirft. Er möchte, dass die Freude und die Kraft, die Jesus beseelten, sich in etwas Gewöhnliches und Hässliches verkehren, dass der Gottessohn eine ungöttliche Wirksamkeit entfaltet, dass er von seiner Kraft und Würde falschen Gebrauch macht. Das ist der Triumph des Bösen, wenn eine solche Wandlung sich vollzieht. Bei Unzähligen ist es zu diesem Triumph gekommen. Uns Allen ist es auch schon so gegangen. Jesus hat gesiegt. Und er hat uns damit gezeigt, dass es auch bei uns nicht zu diesem Triumph des Bösen kommen muss.

*   *   *

Die Lockstimme des Bösen, die Jesus zuerst hören musste, flüsterte: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden. Wir hören nämlich, dass der Sohn Gottes, dessen Geist dort bereits seiner Arbeit entgegenstrebte, von einer sehr menschlichen und materiellen Schwierigkeit bedrückt war: Ihn hungerte, denn er hatte bereits 40 Tage und 40 Nächte gefastet, das heißt: sich nur mit dem Notdürftigsten genährt, das er etwa in der Wüste finden mochte. Ich glaube aber, diese Schwierigkeit bestand nicht nur und vielleicht zum wenigsten in dem Unbehagen, das er in jenem Moment oder an jenem Tag empfand, weil er nichts zu essen hatte. Sondern dieses Unbehagen brachte ihn auf Gedanken, die sein ganzes Leben betrafen. In ihm mag die unwillige Überlegung aufgestiegen sein, Hunger sei ein böser Anfang für einen, der von Gott berufen und gesandt sei. Muss das so sein? Soll das so weiter gehen? Könnte ich es nicht ganz anders haben? Vielleicht musste er an das Volk Israel denken, wie es, aus der Knechtschaft befreit, auch einmal Hunger leiden musste in der Wüste und wie es da eine große Sehnsucht bekam nach den schönen Fleischtöpfen im Lande Ägypten [vgl. Ex. 16,3]. Hätte er es nicht auch schön haben können, wenn er bei Vater und Mutter geblieben wäre in Nazareth, statt dem Ruf des Geistes zu folgen, der ihn an den Jordan führte und nun in ein ungewisses Wanderleben hinaus, über das jeder verständige, ökonomisch denkende Mensch den Kopf schütteln musste!? Hunger! Ist das das Leben? Hatte er dazu den Geist empfangen? – |

44 Und nun kam die große, die teuflische Versuchung an ihn heran: Hast du den Geist empfangen, bist du wirklich Gottes Sohn, dann sprich, dass diese Steine Brot werden. Wir denken, die Versuchung hätte näher gelegen, umzukehren nach Nazareth und das Amt, das Gott ihm gegeben, im Stich zu lassen. Aber nein! Das wäre zwar eine Schwachheit gewesen, aber das Böse hoffte, einen großen Triumph zu feiern; er sollte darin bestehen, dass Jesus von seinem göttlichen Amt einen falschen Gebrauch machte, dass er ein Verräter würde an Gott und an sich selbst. Die Lockstimme flüsterte: Du bist Gottes Sohn, du hast die Kraft und die Würde des Messias, brauch sie doch, brauch sie nützlich – du hungerst –, sieh da, diese Steine, sie können Brot werden, wenn du es willst und gebietest. Auch die Entscheidung, die Jesus da fällen sollte, war nicht nur eine Entscheidung für den Augenblick dort, sondern eine Entscheidung fürs Leben. Das wäre das Wenigste gewesen, wenn Jesus dort wirklich das unsinnige Kunststück versucht hätte, aus Steinen Brot zu machen. Aber so war es gar nicht gemeint. Man könnte diesen unsinnigen Gedanken mit einer Traumvorstellung vergleichen, wie wir sie gewiss auch schon gehabt haben. Aber in unsern Traumbildern, so merkwürdig sie auf den ersten Blick sind, verbergen sich oft unsre eigenen Wünsche, Absichten und Pläne, die für unser wirkliches Leben bestimmend und entscheidend sind. So war in dem törichten Gedanken, Steine zu Brot werden zu lassen, eine Einflüsterung verborgen, die Jesu ganzes Leben anders gestaltet hätte, wenn er ihr gefolgt wäre. Darüber hätte sich der Böse gefreut, der ihm diesen Gedanken eingab, wenn Jesus überhaupt seinen Geist und seine Tatkraft, wie sie ihm von Gott geschenkt waren, dazu verwandt hätte, seinen Hunger zu stillen, das heißt für seine Nahrung, seinen Besitz, sein Wohlleben zu sorgen. Das wäre der Verrat an Gott und an sich selbst gewesen, wenn er diesen Weg eingeschlagen hätte.

Unzählige haben getan, was Jesus dort nicht getan hat. Die Verwandlung des Gottessinns in den Erwerbssinn ist ein Schauspiel, das sich alle Tage vollzieht. Es handelt sich hier um die Versuchung, die vielleicht für die meisten Menschen die allerhäufigste ist. Denn keine Schwierigkeit, die sich uns entgegenstellen kann, ist häufiger und dringender als der wirkliche oder der drohende oder der vermeintlich drohende Hunger. Es hat doch schon so Viele gegeben, die traten mit Feuer, mit Intelligenz und gutem Willen ins Leben hinein, wie Jesus |45 dort vom Jordan gekommen ist. Sie haben das Bewusstsein, dass sie etwas ausrichten können und müssen. Sie wollen die Welt und die Menschen nicht lassen, wie sie sind, sondern treten unter sie mit dem Auftrag, zu dem sie ihr Gewissen und ihre Überzeugung verpflichtet. Sie wollen Treue, Liebe und Gerechtigkeit üben und verbreiten, wie wir es vor acht Tagen als das Amt des rechten Sohnes Gottes geschildert haben.3 Aber dann gab’s in ihrem Leben eine plötzliche Wendung. Es kam die Frage: Wie steht’s denn bei dem Allem mit dem Brotkorb? Es kam die Frage: Kann man denn auch leben bei diesem Amt der rechten Söhne Gottes? Die Frage: Komme ich denn nicht zu kurz dabei, ich und meine Familie, ist es nicht eine unpraktische, wenig haushälterische Sache um diesen Auftrag, den Gewissen und Überzeugung uns aufgibt?

Ich sagte das letzte Mal, dass unser göttliches Amt in der Welt vor Allem in der Treue besteht, mit der wir unsern Beruf ausüben. Ich sagte, diese Treue sei das Bewusstsein, dass wir, ein jeder von uns, seinen Beruf gleichsam im Auftrag der gesamten Menschheit ausübten, dass wir damit einen Beitrag leisteten zum Wohl aller Übrigen, dass wir als Soldaten an einem anvertrauten Posten stünden. Es sind sehr Wenige unter uns, die nicht wenigstens zu Zeiten mit solchen oder ähnlichen Gefühlen ihre große oder kleine Arbeit getan haben. Aber sind wir auch dabei geblieben? Hielt die Treue stand, wenn nun die Versuchung kam, in unserm Beruf Dinge zu tun, die uns zwar sicher Geld einbrachten, bei denen wir aber das ganz bestimmte Gefühl hatten: Jetzt übe ich nicht mehr ein göttliches Amt aus, sondern jetzt möchte ich aus Steinen Brot machen, jetzt möchte ich eben etwas verdienen? Ich weiß, dass ich hier sehr heikle Dinge berühre, und ich möchte deshalb das Folgende nur als Fragen aussprechen, als Fragen nämlich, die ihr euch selbst überlegen sollt: Verträgt es sich mit der Berufstreue, wenn ein Wirt einem bereits trunkenen Gast immer wieder einschenkt? Verträgt es sich mit der Berufstreue, wenn der Spezereihändler mit der Schleckereien-Sucht der Kinder einträgliche Geschäfte macht, sogar wenn das Geld nicht auf unrechtmäßige Weise in ihren Besitz gekommen ist? Verträgt es sich mit der Berufstreue, dass man eine schlechte Geschäftslage dazu benutzt, den Zinsfuß ausgelie|46hener Gelder zu erhöhen? Wie ich gelesen, besteht die Absicht, dass in A.4 unsre Kirchenkasse das tun soll!!! Ich bin neugierig, was die Gemeinde dazu sagen wird.5 Verträgt es sich überhaupt mit der Berufstreue, auf die Verdorbenheit, auf die Dummheit, auf die Notlage andrer Menschen zu spekulieren, um damit Geschäfte zu machen? Kann man bei solcher Berufsübung noch sagen, dass man einen Beitrag leiste zum Wohl der Gesamtheit? Ich frage nur, meine Freunde, aber ich glaube wirklich, dass wir hier vor der Frage stehen, vor der Jesus dort stand, vor der Frage, ob der Brotkorb gelten soll oder die Treue. – |

Das göttliche Amt in der Welt, das wir übernommen haben, heißt aber auch Liebe. Liebe ist überall da wirksam, wo Menschen geholfen wird, wo sie von einer niedern zu einer höhern Stufe geführt werden. Wir sehen Alle ein, dass das etwas Schönes ist, wir sind auch wohl Alle willig, irgendwie bei diesem Werk dabei zu sein. Allein, wie wird’s, wenn die Liebe mit den ökonomischen Erwägungen in Konflikt kommt? Heißt’s dann nicht doch wieder: Jeder ist sich selbst der Nächste?6 Ich hätte euch schon lang gern einmal gesagt, liebe Freunde, dass der Ertrag unsrer gewöhnlichen und außergewöhnlichen Kollekten hier in der Kirche ein auffallend bescheidener ist. Der Missionar, der vor 14 Tagen hier predigte,7 sagte mir nachher, dass in einer zürcherischen Gemeinde von der Größe Safenwils ungefähr dreimal so viel eingelegt zu werden pflegte, als hier damals eingelegt wurde, und dabei musste ich ihm noch sagen, dass die Kollekte für unsre Verhältnisse eine äußerst günstige sei. Der durchschnittliche Beitrag an unsern Kirchenkollekten macht Alles in Allem auf den Kopf der Bevölkerung etwa 11 Cts im Jahr aus!8 Ihr werdet selbst nicht finden, dass in |47 diesen Zahlen ein übersprudelndes Feuer von Nächstenliebe zu Tage trete. |

Aber die Liebe könnte sich auch auf andre Weise zeigen als in der Kirchenkollekte. Größer und wichtiger als die finanzielle Wohltätigkeit, die ja sicher nicht jedermanns Sache ist, ist die schlichte Liebe und Hilfsbereitschaft, die ein Mensch dem andern schuldig ist. Wo stehen wir, wenn hier der Brotkorb in Frage kommt? Muss da nicht oft die einfachste Pflicht weichen vor dem Verlangen, aus Steinen Brot zu machen? Ich denke an die vielen Eltern in unsrer Gemeinde, die ihre Töchter von der Schule an samt und sonders in die Strickerei schicken. Ich weiß, wie drängend die Verhältnisse vielfach sind, aber ihr könntet auch wissen und wisst es, wie nachteilig die Folgen dieser allgemeinen Sitte vielfach sind für die körperliche und geistige Entwicklung. Ihr wisst, wie viel einer Frau später fehlt, wenn sie die wichtigen Jahre von der Schule bis zur Heirat nur hinter der Maschine zugebracht hat. Und dabei jammert man in allen Städten, wo eure Töchter etwas von der Welt sehen und lernen könnten, über Dienstbotenmangel. Muss es denn immer und immer nur der Erwerbsstandpunkt gewinnen? Könnt ihr sagen, dass ihr damit Liebe übt an euren Kindern? Oder denkt ihr da nicht einfach: Das Brot ist wichtiger als die Liebe? – |

Unser Amt in der Welt ist schließlich Gerechtigkeit. Gerechtigkeit ist die fröhliche Arbeit, bei der jedem das Seine wird.9 Zu solcher Gerechtigkeit muss es im Leben der Menschen einmal kommen. Ja, wer wollte da nicht dabei sein? Wir Alle, gewiss! Aber wenn nun der Nutzen in Frage kommt, dann ändern wir doch geschwind: Fröhliche Arbeit, bei der mir das Meine wird. Plötzlich verliert die Gerechtigkeit, die wir im Grundsatz gern anerkennen, ihre Bedeutung gegenüber der Übermacht des Wunsches, Geld zu verdienen. Sie verwandelt sich aufs Zierlichste in die Nützlichkeit. So ist die ganze gegenwärtige Ordnung der gemeinsamen Arbeit auf einer Ungerechtigkeit aufgebaut. Ich habe diese Woche an andrer Stelle ausführlich gesagt, wie es sich damit verhält,10 und will mich darum nicht wiederholen. Der |48 erste Fehler kommt freilich von oben. Aber derselbe Fehler wird dann auch von unten gemacht, und darüber möchte ich hier ein Wort sagen. Es wäre sehr viel gewonnen, wenn einmal die untern Kreise sich von dem Gedanken der Gerechtigkeit wirklich durchdringen ließen; die oben, die es jetzt noch nicht gut verstehen, würden dann von selbst nachfolgen. Aber wie sollen die Dinge besser werden, solange die Arbeiter vielfach wohl klagen und schimpfen, aber dabei nicht wissen, was sie wollen, solange die, welche heute nach Gerechtigkeit rufen, vielfach im Stande sind, morgen wieder still zu sein, weil sie ihr Schäflein auf die eine oder andre Weise ins Trockene gebracht, solange es immer wieder vorkommt, dass einer, der sich heute als der trotzigste Genosse gebärdet, morgen als ein fröhlicher kleiner Kapitalist auftritt? Seht, das heißt die Gerechtigkeit und ihre Sache preisgeben, um Steine in Brot zu verwandeln, oder wie wir sagen würden: um Geld zu verdienen.

Es ist auf allen Gebieten dasselbe: die Verwandlung des Gottessinns in Erwerbssinn, wie ich sagte. Es ist eine furchtbare Versuchung, um die es sich hier handelt. Ich richte niemand, der ihr zum Opfer fällt, es ist hier einer der allerstärksten menschlichen Triebe im Spiel. Wir haben auch gesehen, wie naheliegend und einladend sie ist. Man kann ihr anheimfallen und doch vor der Welt ein tadelloser Ehrenmann bleiben, dem Niemand etwas nachsagen kann. Man kann seine besten Kräfte nach wie vor betätigen, seinen Geist und seine Tatkraft, und Alles, das geht, wie wenn man Pferde von einer Kutsche an die andere spannt. Man kann die Treue und die Liebe und die Gerechtigkeit verraten haben und sich nach wie vor in den höchsten Gefühlen und Gedanken bewegen und nach wie vor ein netter Mensch, ein vollkommener Patriot, ein korrekter Christ sein.

Nur schade, dass Jesus von alledem nichts wissen will. Er hat das, was vor ihm und nach ihm Unzählige getan haben, nicht getan. Er hat die Verwandlung des Gottessinns in Erwerbssinn, die auch ihm der Versucher vorschlug, nicht vollzogen, sondern er hat die Lockung zurückgewiesen mit dem Wort: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort, das aus dem Munde Gottes geht. |49 Wir müssten hineinsehen können in die Herzen der unzähligen Unglücklichen, die das Geldverdienen zum höchsten Grundsatz ihres Lebens gemacht haben, um zu sehen, wie wahr das ist: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein! Dann und wann sieht man in solche Seelen hinein und erschrickt, wenn man sieht, wie der Mensch wirklich nicht lebt, wenn er nur für den Brotkorb lebt, wenn er der Treue, der Liebe und der Gerechtigkeit in seinem Innern die Flügel beschnitten hat, weil er fürchtet, sie könnten ihn an einen Ort hinführen, wo es kein Geld mehr gebe und keinen Profit, wenn ihm Alles, Alles zurücktritt hinter der Frage, ob er am Ende des Jahres wieder etwas auf die Bank tragen kann oder nicht. Wir wollen bei diesem Bild nicht stehen bleiben.

Jesus hat fortgefahren: Der Mensch lebt von einem jeglichen Wort, das aus dem Munde Gottes geht. Das ist ein Machtwort, kein Beweis. Wer es nicht aus innerstem Herzen nachsprechen kann, der wird es nie verstehen. Aus dem Munde Gottes geht das Wort der Wahrheit und des Friedens, das uns kräftig und selig macht. Wir hören es nicht mit leiblichen Ohren, sondern in unsern Herzen. Aber wir leben davon, dass wir es hören. Wenn wir es nicht mehr hören, dann wird es still und tot bei uns. Wenn Gott aufhört, uns zu sagen, dass er uns lieb hat, dann leben wir auch nicht mehr, und wenn wir auch hundert Jahre lebten. Und da haben wir nun die Wahl: ob wir jenen selbstverständlich glatten Weg gehen wollen, wo man die Aufträge Gottes nur verstümmelt ausrichtet um des Verdienstes willen. Dann hören wir das Wort Gottes nicht mehr. Es stirbt in uns und wir mit ihm. Oder ob wir den schweren Weg gehen wollen, wo man sagt: trotzdem, trotz der Geldfrage will ich jetzt machen, was recht ist. Dann hören wir das tröstende, aufrichtende Wort Gottes. Denn dann sind wir auf dem Weg, den Jesus selbst gegangen ist. Er hat sein Messiasamt behauptet. So sollen und so können und so dürfen wir es auch machen.

Amen.

Sachfußnoten

1
Diese Predigt ist wohl auch eine stille Reflektion Karl Barths über den Streit zwischen einem Vertreter der örtlichen Fabrikantenfamilie Hüssy und ihm selbst, der in der vorangehenden Woche öffentlich in Artikeln im «Zofinger Tagblatt» ausgetragen worden war. Es ging dabei um Barths Vortrag «Jesus Christus und die soziale Bewegung 📖», in dem er diese Bewegung in ein positives Licht gerückt hatte (vgl. oben, S. 39, Anm. 4). Die Auswirkung jenes Streits war auch im Gottesdienst zu spüren, wie Barth einen Tag später berichtete: «Die Kirche war gestern ganz besetzt wie an einem Festtag fast. Ganz zuletzt kam auch noch ein Hüssy herein, [...], ging scheltend durch die ganze Kirche und setzte sich vorn an» (Brief an Fritz Barth vom 12.2.1912 [KBA 9212.11]). Am selben Montag nach dieser Predigt erschien auch ein Artikel von Unbekannt, in dem Barth «agitatorischer Wühlarbeit» beschuldigt wurde (N. N., Zur roten Gefahr in Safenwil, in: Zofinger Tagblatt, 12.2.1912 📖 [ein Exemplar in: KBA 12225]). Vgl. ausführlich zu dem ganzen Vorfall: V.u.kl.A. 1909–1914, S. 380–417 📖; O.Br. 1909–1935, S. 4–17 📖. ↩
2
Vgl. aus Strophe 3 des Liedes «Ein feste Burg ist unser Gott» von M. Luther (RG 32; EG 362) 🎵:
Der Fürst dieser Welt, / so sau’r er sich stellt,
tut er uns doch nicht, / das macht, er ist gericht’:
ein Wörtlein kann ihn fällen.»
↩
3
Vgl. oben. S. 36-39. ↩
4
Vermutlich ist Aarau gemeint, wo die Leitung der Evangelisch-Reformierten Landeskirche des Kantons Aargau ihren Sitz hat. ↩
5
Gemeint ist wohl die örtliche Gemeindeversammlung. ↩
6
Vgl. Terenz, Andria IV/1 📖: «Proximus sum egomet mihi» / «Ich bin mir selbst der Nächste». ↩
7
Laut Barths Taschenkalender hielt «Miss[ionar] Meier», der am Abend zuvor in Safenwil eingetroffen war, am 28. Januar 1912 «Predigt u[nd] Kinderlehre» (vgl. Einträge vom 27./28.1.1912). Näheres zur Person des Missionars konnte nicht ermittelt werden. ↩
8
Die Schweizer Kleinmünze, der Rappen, entsprach bis 1927 einem französischen Centime (ct); in der französisch- und italienischsprachigen Schweiz nennt man sie auch heute noch centime bzw. centesimo. ↩
9
«Jedem das Seine» / «Suum cuique»: Auf Platon (Politeia IV,10 📖) zurückgehende und für das Römische Recht zentrale Rechtsregel, die zu einer Maxime Friedrichs des Großen wurde; vgl. Büchmann, S. 384. 📖 Vgl. auch Inst. IV,20,3 📖. ↩
10
Barth meint hier seine am 6. Februar 1912 geschriebene Antwort auf den Offenen Brief des Herrn W. Hüssy in Aarburg, in: V.u.kl.A. 1909–1914, S. 411-417 📖 (auch in: O.Br. 1909–1935, S. 10–16 📖). ↩