Predigt: Matthäus 4,2-4
Als Jesus wusste, dass Gottes Liebe ihn erwählt, bestätigt und berufen hatte zu einem einzigartigen Amt in dieser Welt, und als er sich aufmachte, dieses Amt anzutreten und auszuüben, – da trat der Versucher an ihn. Nicht vorher. Nicht, als er noch suchte und fragte und betete im stillen
So ist Jesus dort als der berufene Sohn Gottes vom
Die Lockstimme des Bösen, die Jesus zuerst hören musste, flüsterte: Bist du Gottes Sohn, so sprich, dass diese Steine Brot werden. Wir hören nämlich, dass der Sohn Gottes, dessen Geist dort bereits seiner Arbeit entgegenstrebte, von einer sehr menschlichen und materiellen Schwierigkeit bedrückt war: Ihn hungerte, denn er hatte bereits 40 Tage und 40 Nächte gefastet, das heißt: sich nur mit dem Notdürftigsten genährt, das er etwa in der Wüste finden mochte. Ich glaube aber, diese Schwierigkeit bestand nicht nur und vielleicht zum wenigsten in dem Unbehagen, das er in jenem Moment oder an jenem Tag empfand, weil er nichts zu essen hatte. Sondern dieses Unbehagen brachte ihn auf Gedanken, die sein ganzes Leben betrafen. In ihm mag die unwillige Überlegung aufgestiegen sein, Hunger sei ein böser Anfang für einen, der von Gott berufen und gesandt sei. Muss das so sein? Soll das so weiter gehen? Könnte ich es nicht ganz anders haben? Vielleicht musste er an das Volk Israel denken, wie es, aus der Knechtschaft befreit, auch einmal Hunger leiden musste in der Wüste und wie es da eine große Sehnsucht bekam nach den schönen Fleischtöpfen im Lande Ägypten [vgl.
44 Und nun kam die große, die teuflische Versuchung an ihn heran: Hast du den Geist empfangen, bist du wirklich Gottes Sohn, dann sprich, dass diese Steine Brot werden. Wir denken, die Versuchung hätte näher gelegen, umzukehren nach
Unzählige haben getan, was Jesus dort nicht getan hat. Die Verwandlung des Gottessinns in den Erwerbssinn ist ein Schauspiel, das sich alle Tage vollzieht. Es handelt sich hier um die Versuchung, die vielleicht für die meisten Menschen die allerhäufigste ist. Denn keine Schwierigkeit, die sich uns entgegenstellen kann, ist häufiger und dringender als der wirkliche oder der drohende oder der vermeintlich drohende Hunger. Es hat doch schon so Viele gegeben, die traten mit Feuer, mit Intelligenz und gutem Willen ins Leben hinein, wie Jesus |45 dort vom
Ich sagte das letzte Mal, dass unser göttliches Amt in der Welt vor Allem in der Treue besteht, mit der wir unsern Beruf ausüben. Ich sagte, diese Treue sei das Bewusstsein, dass wir, ein jeder von uns, seinen Beruf gleichsam im Auftrag der gesamten Menschheit ausübten, dass wir damit einen Beitrag leisteten zum Wohl aller Übrigen, dass wir als Soldaten an einem anvertrauten Posten stünden. Es sind sehr Wenige unter uns, die nicht wenigstens zu Zeiten mit solchen oder ähnlichen Gefühlen ihre große oder kleine Arbeit getan haben. Aber sind wir auch dabei geblieben? Hielt die Treue stand, wenn nun die Versuchung kam, in unserm Beruf Dinge zu tun, die uns zwar sicher Geld einbrachten, bei denen wir aber das ganz bestimmte Gefühl hatten: Jetzt übe ich nicht mehr ein göttliches Amt aus, sondern jetzt möchte ich aus Steinen Brot machen, jetzt möchte ich eben etwas verdienen? Ich weiß, dass ich hier sehr heikle Dinge berühre, und ich möchte deshalb das Folgende nur als Fragen aussprechen, als Fragen nämlich, die ihr euch selbst überlegen sollt: Verträgt es sich mit der Berufstreue, wenn ein Wirt einem bereits trunkenen Gast immer wieder einschenkt? Verträgt es sich mit der Berufstreue, wenn der Spezereihändler mit der Schleckereien-Sucht der Kinder einträgliche Geschäfte macht, sogar wenn das Geld nicht auf unrechtmäßige Weise in ihren Besitz gekommen ist? Verträgt es sich mit der Berufstreue, dass man eine schlechte Geschäftslage dazu benutzt, den Zinsfuß ausgelie|46hener Gelder zu erhöhen? Wie ich gelesen, besteht die Absicht, dass in A.4 unsre Kirchenkasse das tun soll!!! Ich bin neugierig, was die Gemeinde dazu sagen wird.5 Verträgt es sich überhaupt mit der Berufstreue, auf die Verdorbenheit, auf die Dummheit, auf die Notlage andrer Menschen zu spekulieren, um damit Geschäfte zu machen? Kann man bei solcher Berufsübung noch sagen, dass man einen Beitrag leiste zum Wohl der Gesamtheit? Ich frage nur, meine Freunde, aber ich glaube wirklich, dass wir hier vor der Frage stehen, vor der Jesus dort stand, vor der Frage, ob der Brotkorb gelten soll oder die Treue. – |
Das göttliche Amt in der Welt, das wir übernommen haben, heißt aber auch Liebe. Liebe ist überall da wirksam, wo Menschen geholfen wird, wo sie von einer niedern zu einer höhern Stufe geführt werden. Wir sehen Alle ein, dass das etwas Schönes ist, wir sind auch wohl Alle willig, irgendwie bei diesem Werk dabei zu sein. Allein, wie wird’s, wenn die Liebe mit den ökonomischen Erwägungen in Konflikt kommt? Heißt’s dann nicht doch wieder: Jeder ist sich selbst der Nächste?6 Ich hätte euch schon lang gern einmal gesagt, liebe Freunde, dass der Ertrag unsrer gewöhnlichen und außergewöhnlichen Kollekten hier in der Kirche ein auffallend bescheidener ist. Der Missionar, der vor 14 Tagen hier predigte,7 sagte mir nachher, dass in einer zürcherischen Gemeinde von der Größe
Aber die Liebe könnte sich auch auf andre Weise zeigen als in der Kirchenkollekte. Größer und wichtiger als die finanzielle Wohltätigkeit, die ja sicher nicht jedermanns Sache ist, ist die schlichte Liebe und Hilfsbereitschaft, die ein Mensch dem andern schuldig ist. Wo stehen wir, wenn hier der Brotkorb in Frage kommt? Muss da nicht oft die einfachste Pflicht weichen vor dem Verlangen, aus Steinen Brot zu machen? Ich denke an die vielen Eltern in unsrer Gemeinde, die ihre Töchter von der Schule an samt und sonders in die Strickerei schicken. Ich weiß, wie drängend die Verhältnisse vielfach sind, aber ihr könntet auch wissen und wisst es, wie nachteilig die Folgen dieser allgemeinen Sitte vielfach sind für die körperliche und geistige Entwicklung. Ihr wisst, wie viel einer Frau später fehlt, wenn sie die wichtigen Jahre von der Schule bis zur Heirat nur hinter der Maschine zugebracht hat. Und dabei jammert man in allen Städten, wo eure Töchter etwas von der Welt sehen und lernen könnten, über Dienstbotenmangel. Muss es denn immer und immer nur der Erwerbsstandpunkt gewinnen? Könnt ihr sagen, dass ihr damit Liebe übt an euren Kindern? Oder denkt ihr da nicht einfach: Das Brot ist wichtiger als die Liebe? – |
Unser Amt in der Welt ist schließlich Gerechtigkeit. Gerechtigkeit ist die fröhliche Arbeit, bei der jedem das Seine wird.9 Zu solcher Gerechtigkeit muss es im Leben der Menschen einmal kommen. Ja, wer wollte da nicht dabei sein? Wir Alle, gewiss! Aber wenn nun der Nutzen in Frage kommt, dann ändern wir doch geschwind: Fröhliche Arbeit, bei der mir das Meine wird. Plötzlich verliert die Gerechtigkeit, die wir im Grundsatz gern anerkennen, ihre Bedeutung gegenüber der Übermacht des Wunsches, Geld zu verdienen. Sie verwandelt sich aufs Zierlichste in die Nützlichkeit. So ist die ganze gegenwärtige Ordnung der gemeinsamen Arbeit auf einer Ungerechtigkeit aufgebaut. Ich habe diese Woche an andrer Stelle ausführlich gesagt, wie es sich damit verhält,10 und will mich darum nicht wiederholen. Der |48 erste Fehler kommt freilich von oben. Aber derselbe Fehler wird dann auch von unten gemacht, und darüber möchte ich hier ein Wort sagen. Es wäre sehr viel gewonnen, wenn einmal die untern Kreise sich von dem Gedanken der Gerechtigkeit wirklich durchdringen ließen; die oben, die es jetzt noch nicht gut verstehen, würden dann von selbst nachfolgen. Aber wie sollen die Dinge besser werden, solange die Arbeiter vielfach wohl klagen und schimpfen, aber dabei nicht wissen, was sie wollen, solange die, welche heute nach Gerechtigkeit rufen, vielfach im Stande sind, morgen wieder still zu sein, weil sie ihr Schäflein auf die eine oder andre Weise ins Trockene gebracht, solange es immer wieder vorkommt, dass einer, der sich heute als der trotzigste Genosse gebärdet, morgen als ein fröhlicher kleiner Kapitalist auftritt? Seht, das heißt die Gerechtigkeit und ihre Sache preisgeben, um Steine in Brot zu verwandeln, oder wie wir sagen würden: um Geld zu verdienen.
Es ist auf allen Gebieten dasselbe: die Verwandlung des Gottessinns in Erwerbssinn, wie ich sagte. Es ist eine furchtbare Versuchung, um die es sich hier handelt. Ich richte niemand, der ihr zum Opfer fällt, es ist hier einer der allerstärksten menschlichen Triebe im Spiel. Wir haben auch gesehen, wie naheliegend und einladend sie ist. Man kann ihr anheimfallen und doch vor der Welt ein tadelloser Ehrenmann bleiben, dem Niemand etwas nachsagen kann. Man kann seine besten Kräfte nach wie vor betätigen, seinen Geist und seine Tatkraft, und Alles, das geht, wie wenn man Pferde von einer Kutsche an die andere spannt. Man kann die Treue und die Liebe und die Gerechtigkeit verraten haben und sich nach wie vor in den höchsten Gefühlen und Gedanken bewegen und nach wie vor ein netter Mensch, ein vollkommener Patriot, ein korrekter Christ sein.
Nur schade, dass Jesus von alledem nichts wissen will. Er hat das, was vor ihm und nach ihm Unzählige getan haben, nicht getan. Er hat die Verwandlung des Gottessinns in Erwerbssinn, die auch ihm der Versucher vorschlug, nicht vollzogen, sondern er hat die Lockung zurückgewiesen mit dem Wort: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort, das aus dem Munde Gottes geht. |49 Wir müssten hineinsehen können in die Herzen der unzähligen Unglücklichen, die das Geldverdienen zum höchsten Grundsatz ihres Lebens gemacht haben, um zu sehen, wie wahr das ist: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein! Dann und wann sieht man in solche Seelen hinein und erschrickt, wenn man sieht, wie der Mensch wirklich nicht lebt, wenn er nur für den Brotkorb lebt, wenn er der Treue, der Liebe und der Gerechtigkeit in seinem Innern die Flügel beschnitten hat, weil er fürchtet, sie könnten ihn an einen Ort hinführen, wo es kein Geld mehr gebe und keinen Profit, wenn ihm Alles, Alles zurücktritt hinter der Frage, ob er am Ende des Jahres wieder etwas auf die Bank tragen kann oder nicht. Wir wollen bei diesem Bild nicht stehen bleiben.
Jesus hat fortgefahren: Der Mensch lebt von einem jeglichen Wort, das aus dem Munde Gottes geht. Das ist ein Machtwort, kein Beweis. Wer es nicht aus innerstem Herzen nachsprechen kann, der wird es nie verstehen. Aus dem Munde Gottes geht das Wort der Wahrheit und des Friedens, das uns kräftig und selig macht. Wir hören es nicht mit leiblichen Ohren, sondern in unsern Herzen. Aber wir leben davon, dass wir es hören. Wenn wir es nicht mehr hören, dann wird es still und tot bei uns. Wenn Gott aufhört, uns zu sagen, dass er uns lieb hat, dann leben wir auch nicht mehr, und wenn wir auch hundert Jahre lebten. Und da haben wir nun die Wahl: ob wir jenen selbstverständlich glatten Weg gehen wollen, wo man die Aufträge Gottes nur verstümmelt ausrichtet um des Verdienstes willen. Dann hören wir das Wort Gottes nicht mehr. Es stirbt in uns und wir mit ihm. Oder ob wir den schweren Weg gehen wollen, wo man sagt: trotzdem, trotz der Geldfrage will ich jetzt machen, was recht ist. Dann hören wir das tröstende, aufrichtende Wort Gottes. Denn dann sind wir auf dem Weg, den Jesus selbst gegangen ist. Er hat sein Messiasamt behauptet. So sollen und so können und so dürfen wir es auch machen.