14. Januar 1912

Predigt: Markus 1,9-11 (I)

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Markus 1,9–11 (I)
Und es geschah in jenen Tagen, dass Jesus von Nazareth in Galiläa kam und ließ sich taufen von Johannes im Jordan. Und wie er aus dem Wasser aufstieg, sah er den Himmel sich auftun und den Geist gleich wie eine Taube herabkommen auf ihn. Und da geschah eine Stimme vom Himmel: Du bist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe!
Liebe Freunde!

Wir wissen wenig, sozusagen gar nichts von dem, was Jesus als Kind, als Jüngling, als junger Mann erlebt und getan hat. Alles, was wir von ihm wissen, stammt aus einem einzigen, seinem letzten Lebensjahr. Vorher hat er offenbar durch gar nichts Besonderes die Aufmerksamkeit der Leute auf sich gezogen. Man erzählte sich später von den prophetischen Worten des Simeon und der Hanna bei der Darstellung im Tempel [vgl. Lk. 2,25–38], man erzählte sich davon, wie der Zwölfjährige einmal unter die Schriftgelehrten geraten sei und mit ihnen über die höchsten Dinge geredet habe [vgl. Lk. 2,42–47]. Man erzählte sich, wie er seinen Eltern in Nazareth gehorsam gewesen sei [vgl. Lk. 2,51]. Aber von alldem redete man erst später. Als diese Dinge geschahen, scheinen sie kein besonderes Aufsehen erregt zu haben. Ohne das, was Jesus später geworden ist, würden sie vergessen worden sein, wie mancher hübsche Zug aus dem Leben andrer Kinder und junger Leute vergessen worden ist. Er war kein Wunderkind. Er ragte nicht um Haupteslänge über seine Altersgenossen empor. Er hat offenbar auch später nicht das Gefühl gehabt, eine besonders bemerkenswerte Jugend- und Jünglingszeit verlebt zu haben, sonst würde er es gemacht haben wie Goethe, der uns in vier Bänden, die er «Dichtung und Wahrheit» nannte, seine innere und äußere Entwicklung bis ins Einzelnste genau schildert,1 oder wie unser Schweizer Dichter |14 Gottfried Keller mit seinem «Grünen Heinrich», der niemand Andres ist als er selbst.2 Jesus hat kein solches Buch hinterlassen. |

Viele von uns haben mit 30 Jahren unendlich viel mehr getan und von sich reden gemacht als Jesus. Von dem römischen Staatsmann Julius Cäsar wird berichtet, er sei beim Anblick eines Standbildes des jungen Alexander des Großen in Tränen ausgebrochen über den Gedanken: in meinem Alter hatte dieser Mann schon die Welt erobert!3 Ein junger Lehrer oder Pfarrer oder Beamter oder Schriftsteller von heutzutage, auch wenn er noch gar kein besonderes Licht ist, könnte Jesus gegenüber gerade auf den umgekehrten Gedanken kommen: Als ich 20 war, war ich Präsident von drei Vereinen, kannte vier Sprachen und reiste in fünf Ländern, als ich 21 war, drückte mir ein berühmter Mann die Hand und sagte mir, ich solle nur so fortfahren, als ich 23 war, schrieb ich meinen ersten Zeitungsartikel, der nicht der letzte blieb, als ich 25 war, kam ich in eine öffentliche Stellung, arbeitete am Wohl des Staates und der Gemeinde, oder ich unterrichtete ganze Scharen von Kindern, die Hoffnung der künftigen Zeiten, oder ich hielt Reden, Vorträge oder Predigten, und viele Hunderte von Menschen mussten ihre Augen auf mich richten, ob sie wollten oder nicht. Jesus tat in meinem Alter von dem Allem gar nichts, er lebte in einem Winkel des Landes Galiläa, und es war, wie wenn er gar nicht gelebt hätte, so wenig hörte man von ihm. Aber nicht wahr, es wäre recht närrisch, wenn ein junger Mann auf Grund eines solchen Ver|15gleichs mit Jesus selbstbewusst werden wollte? Er täte besser, sich zu besinnen: was ist nun größer und wertvoller: das Geräusch, das ich mit meinen Jahren bereits verursache in der Welt, oder diea Stille, in die Jesus um diese Zeit seines Lebens gehüllt war? Vielleicht würde ihm dann der Vergleich auch schmerzlich, wie er jenem Julius Cäsar schmerzlich gewesen ist. Er müsste sich sagen: in einem Alter, in dem Jesus noch in tiefer Verborgenheit Kraft und Weisheit in sich aufnahm, muss ich bereits mitten im Leben stehen und mit beiden Händen austeilen. Er wird sich arm vorkommen mit seinem Wirken und Reden, mit dem kleinen oder großen Ruf, den er sich gemacht hat, neben dem innern Reichtum jenes Unbekannten, Ungenannten, der sich gerade darin zeigte, dass er warten konnte, um dann mit voller gesammelter Manneskraft an sein Werk heranzutreten. |

Es darf uns nicht erstaunen, und wir wollen es auch nicht bedauern, dass diese größte Zeit des Lebens Jesu für uns in undurchdringlichem Nebel liegt. Es spricht für die Zuverlässigkeit der biblischen Berichte, dass sie nicht den Versuch machen, diese Lücken, die man gewiss schon in früher Zeit empfunden hat, auszufüllen. Und die einzigartige Größe der Worte und Taten Jesu, der merkwürdige Eindruck, den seine Person in dem letzten Lebensjahr hervorgerufen, sie werden uns verständlicher, fast möchte man sagen: natürlicher durch die Tatsache, dass ihnen eine lange Zeit scheinbarer Bedeutungslosigkeit vorangegangen ist. Gerade solche Zeiten sind ja auch in unserm Leben oft die Grundlage, aus der später das Gute und Schöne herauswächst, man weiß nicht wie. Da sammelt und vertieft sich der Geist, ohne dass er selber es ahnt. Wir wollen aufmerksam und ehrfürchtig sein, wenn wir mit solchen schlummernden Seelen zusammentreffen, wer weiß, wie sie einmal aufwachen werden, und wenn sie aufwachen, dann blicken wir zurück und verstehen die Jahre der Stille und Bedeutungslosigkeit, mit denen uns manche solcher Menschen Rätsel aufgeben. So war es mit Jesus: Als er aufwachte und Hand ans Werk legte, da war sein außerordentliches Leben nicht eine künstliche Treibhauspflanze und nicht ein vom Himmel gefallenes Wunder, sondern der selbstverständliche Trieb des von Gott in seine Seele gesenkten Samens. Wenn wir sein Leben ansehen, müssen wir sagen: Jesus konnte kein Wunderkind, kein frühreifer junger Held sein. Was wir da kennenlernen, |16 das musste reif werden, und zwar in der Stille reif werden. Wir wollen heute etwas hören von seinem Aufwachen, von dem Anfang des Lebens Jesu, das wir kennen. Daraus wird dann auch einiges Licht fallen auf das Leben Jesu, das wir nicht kennen. Wir werden beim Anblick des Stammes die Wurzeln ahnen, ohne die er nicht wäre.

*   *   *

Das Leben Jesu, das wir kennen, fängt damit an, dass er an den Jordan zu Johannes dem Täufer gegangen ist. Diese Tatsache gibt uns einen überaus wichtigen Schlüssel in die Hand zum Verständnis seiner innern Entwicklung und zur Erklärung seiner Größe. Jesus hat damit angefangen, dass er sich einem andern Menschen untergeordnet hat. Denn das war es, wenn er sich unter die Menge des Volkes, der Neugierigen und der Aufrichtigen, stellte, die in die Wüste gekommen waren, um den Propheten der Buße und des nahen Reiches Gottes zu sehen und zu hören. Unterordnung unter diesen Menschen war es, dass er auf diesen Johannes hörte als auf ein Sprachrohr Gottes, dass er aus seinem Mund die Wahrheit Gottes, sein Gebot und seine Forderung entgegennahm, Unterordnung, dass er sich auch jener äußern Handlung unterzog, die uns fast äußerlich anmutet, jenem Bad im Jordan, das sinnbildlich die Erneuerung des innern Menschen, seine Vorbereitung auf das Werk Gottes darstellte. Wir würden uns den Anfang der Laufbahn Jesu wohl ganz anders vorgestellt haben als so. Unterordnung gegen Gott, vielleicht in einer Zeit heißer Gebete in der Einsamkeit, das würde uns eher einleuchten. Aber dass er zu einem Menschen geht, dass er eine Predigt der Buße hört und entgegennimmt, dass er durch diesen Menschen eine Handlung an sich vollziehen lässt, die Buße bedeutet, das hat etwas, das sich mit dem Bild, das wir uns von Jesus oft machen, schwer vereinigen lässt. Man hat zur Erklärung dieser Geschichte oft gesagt, es sei Jesus mit dieser Unterordnung nicht Ernst gewesen. Diese Handlung habe für ihn nur die Wahrung eines äußern Scheins bedeutet, er habe sich über das Volk nicht erheben wollen und habe darum die Übung, in der es seinen Glauben ausdrückte, mitgemacht.4 Ich meine, diese Erklärung ist |17 nichts wert. Kann man, wenn man Jesus kennt, annehmen, er habe etwas getan, mit dem es ihm nicht voller heiliger Ernst gewesen sei? Können wir uns denken, dass er eine fromme Übung erfüllt habe zur Wahrung des äußern Scheins, so wie leider vieleChristen zur Taufe, zum Abendmahl, auch zur Predigt gehen zur Wahrung des äußern Scheins? Ich meine, das geht absolut nicht an, uns so etwas vorzustellen. Ich meine, das war nichts Zufälliges und nichts Gemachtes, dass Jesus da unter die Menge der Empfangenden, der Hörenden, der Täuflinge trat, dass er sich von einem Menschen durch Wort und Handlung die Weihe geben ließ zu einem gottgefälligen Leben, das kam mit Notwendigkeit hervor aus seinem innersten Wesen. Nicht trotzdem, sondern gerade weil er sich so zu einem Menschen stellte, wurde er in jener Stunde gewiss, der Sohn Gottes zu sein.

Wir Andern sind, gerade wenn wir Gott suchen und finden möchten, oft so phantastisch und unnatürlich. Wir wollen es mit Gott zu tun haben und nur mit Gott, sagen wir. Wir wollen unsrer eigenen Überzeugung, unserm eigenen Gewissen folgen, wir glauben das höchste Recht unsres Gefühls zu verteidigen, indem wir in den höchsten Dingen nur auf die Stimmen unsres eigenen Innern hören. Ja, das ist Alles ganz recht so, und das hat Jesus sicher auch so gemacht, aber nun fragt es sich nur, wie denn das zugehen soll, wenn wir es mit Gott zu tun haben, wie wir zu einer eigenen Überzeugung, zu einem eigenen Gewissen, zu eigenem Gefühl kommen, denen wir dann folgen |18 können. Alle diese Dinge regnen doch nicht aus der Luft. Aber wir tun oft so, als ob sie aus der Luft regneten. Wir suchen Gott, aber wir suchen ihn in einem leeren Raum, wir erklären, der Stimme unsres innern Lebens folgen zu wollen, aber in Wirklichkeit ist eine solche Stimme gar nicht hörbar, weil wir ein inneres Leben noch gar nicht haben. Es gibt eine sehr weit verbreitete Strömung in der Frömmigkeit alter und neuer Zeiten, die verweist den Menschen in seinem Verhältnis zu Gott oder, wie man auch sagen kann: in seinem Verhältnis zur Wahrheit, zum Guten, zum Schönen auf sich selbst. In seinem eigenen Innern finde er Gott und alles Hohe, wie man es auch nennen will. In deiner Brust sind deines Schicksals Sterne!5 Das ist richtig, aber es ist genau halb richtig. Jawohl, in unserm Innern muss Gott erwachen, müssen wir ihn erleben, in unsrer Brust muss alles Hohe erfasst und erfahren sein, wenn es Wahrheit und nicht Heuchelei und Selbstbetrug sein soll. Aber woher kommt es in unser Inneres? Sollen wir es aus unsern Fingern saugen? Wenn wir das versuchen, dann bekommt unsre Frömmigkeit so leicht etwas Unsicheres, denn sie wird dann stark oder schwach, leuchtend oder trübe sein, je nachdem die Wogen unsres Gemütes gerade hoch oder niedrig gehen. Und sie bekommt etwas Eitles, denn wir freuen uns dann unwillkürlich darüber, wenn es uns gelingt, mehr von solchen scheinbar göttlichen Erfahrungen aus unsern Fingern zu saugen, als das vielleicht Andern möglich ist. Und sie bekommt etwas Selbstsüchtiges, denn wenn wir so auf dem Weg einer Privatunternehmung unsrer Seele zu Gott gelangt zu sein meinen, kommen wir ganz selbstverständlich auf die Vermutung, unser Anteil an ihm sei unser wohlerworbenes Privateigentum, und werden gleichgiltig und gedankenlos gegenüber der Masse der Übrigen, die nicht so weit sind. Es gehört mit zu den merkwürdigsten Verirrungen des menschlichen Geistes, dass man sich, um die einzigartige Würde Jesu zu betonen, die Vorstellung gemacht hat, als ob er auch ein Frommer von dieser Art gewesen sei, als ob er, um mit Gott zu verkehren, im Grund nur mit sich selbst verkehrt habe. Ja, |19 dahin ist er freilich gelangt, solche innere Selbständigkeit war der Höhepunkt seiner Entwicklung, wahrscheinlich in den letzten Monaten seines Lebens, auf dass er dann sagen konnte: Ich und der Vater sind eins! [Joh. 10,30], und wie die ähnlichen Aussprüche im Johannesevangelium alle lauten. Zu dieser innern Selbständigkeit, bei der Gott in uns Alles in Allem wird, sollen wir auch gelangen, aber wir sollen nicht das Ziel mit dem Weg verwechseln, wir sollen nicht meinen zu haben, was wir erst suchen, sonst fallen wir in jene Fehler der Unsicherheit, der Eitelkeit, der Selbstsucht, wie wir sie eben genannt haben. Wir wandeln im Glauben und noch nicht im Schauen [2.Kor. 5,7].

Auch Jesus ist vom Glauben zum Schauen gegangen. Er ist auf den Höhepunkt: Ich und der Vater sind eins! gelangt und hat nicht damit angefangen. Auch sein inneres Leben ist ein Weg gewesen und nicht ein zufriedener Stillstand. Die Taufgeschichte deutet uns diesen Weg an. Jesus hat sich einem Menschen untergeordnet, er hat von ihm gelernt, er hat sich von ihm führen, anleiten, weihen lassen. Was er nachher den Menschen brachte, das lag wohl in ihm selbst als die einzigartige göttliche Ausstattung, die ihn von allen Andern unterscheidet. Aber beim Anhören des Rufes des Täufers ist es in ihm erwacht und hervorgebrochen. Er konnte später die freie, frohe Vergebung der Sünden verkündigen, weil ihm das Geheiß: Tut Buße und bekehret euch! durch und durch gegangen war. Er konnte den Menschen sagen: Das Reich Gottes ist mitten unter euch! [Lk. 17,21], weil er einst die Verkündigung des Täufers tief in sich aufgenommen, dass das Reich Gottes nahe herbeigekommen sei [Mk. 1,15]. Er konnte reden wie einer, der Vollmacht hat [vgl. Mt. 7,29], und einen Eindruck ausüben wie kein Anderer, weil er selbst etwas verspürt von der neuschöpfenden Kraft Gottes in jener Stunde, da er sich von Johannes in dem Jordan taufen ließ. Ich wiederhole: das Alles spricht nicht gegen seine Gottessohnschaft, sondern es zeugt von ihr. Denn dieser Weg der Unterordnung ist der Weg Gottes. Durch einen Menschen sollte Jesus geweckt und berufen werden. Gewiss hat er auf diesem Weg auch gebetet. Aber das Gebet führte ihn an Johannes dem Täufer nicht vorbei, es machte ihn und seine Predigt und Taufe nicht überflüssig, sondern es führte ihn gerade zu ihm hin.

Dieser Sachverhalt kennzeichnet das innerste Wesen Jesu. Er lässt uns einen Blick [werfen] in die Art des Geistes, der in jenen langen |20 Jahren seines Lebens, die wir nicht kennen, in ihm gereift sein muss. Und er lässt uns zugleich das übersehen, was nachher aus Jesus geworden ist. – |

Dass er zum Täufer gegangen ist und sich ihm unterstellt hat, das war eine Tat der Wahrhaftigkeit. Er suchte Gott nicht an einem falschen Ort, nicht in selbstgemachten Gedanken, auch nicht bloß in Büchern und auch nicht bloß in der schönen Natur draußen. Er wusste, wie leicht wir fehlgehen, wenn wir da suchen. Er empfand das Bedürfnis, Gott durch eines Menschen Mund zu sich reden zu hören. Dies war eine Aufrichtigkeit. Wir haben sie nicht immer. Wir verstecken uns vor dem Bedürfnis, obwohl wir es auch empfinden. Wir wollen Gott lieber anders zu uns reden lassen als durch unsre Mitmenschen. Zu der Stimme unsres eigenen kleinen Gewissens und Gefühls können wir sagen: Still!, wenn sie uns einmal nicht gefällt! Auch die Stimme der Natur können wir schweigen heißen, und das beste Buch, sogar die Bibel können wir zuschlagen, wenn es uns zu unangenehm die Wahrheit sagt. Das Wort eines Menschen aber ist ein Hieb, der sitzt, auch wenn es längst verklungen ist. Wir lassen es nicht gern dazu kommen. Wir weichen ihm aus. Das ist unser Fehler. Denn gerade weil uns das Wort eines Mitmenschen viel eindringlicher, schärfer anfasst als das, was wir uns selbst sagen, gerade darum haben wir es nötig. Die volle Wahrheit sagt uns nur das durch Andre erleuchtete, erzogene und gebildete Gewissen. Volle Wahrheit ist nur die Überzeugung, die sich gestählt hat im Verkehr mit andern Überzeugungen. Volle Wahrheit ist auch in unserm Gefühl nur dann, wenn wir mitgefühlt haben, was Andre fühlen. Dieses Bedürfnis nach einem andern Menschen, diese Wahrhaftigkeit hatte Jesus, und darum ging er an den Jordan. Aber es ist noch mehr darin. –

Es ist Ehrfurcht in seiner Tat. Gewiss besaß er selbst schon vorher einen großen Reichtum von innern Erlebnissen, von hohen und höchsten Gedanken, ja von Gotteserfahrung. Er war schon damals mehr als Johannes, der ihn taufte. Aber dieser ganze innere Reichtum verwandelte sich in jener Stunde in Pietät und Respekt vor der Sendung des Mannes, der sich selbst als den Vorläufer eines Größern ankündigte [vgl. Mt. 3,11]. Wir können darauf nicht genug achten. Jesus hatte ein tiefes Bewusstsein davon, dass wir Menschen nicht auf uns selbst stehen dürfen, wenn wir auf Gott stehen wollen, sondern |21 dass wir Glieder in einer Kette, in einem Zusammenhang sein müssen, um etwas zu sein. Für ihn war Johannes der Vertreter der Väter Israels, der Abraham, Isaak und Jakob und all der Propheten, und er empfing ihren Segen, wenn er seinen Segen, seine Taufe empfing. Diese Ehrfurcht ist es, die unser menschliches Leben ernährt und lebendig erhält. Wir dürfen uns um keinen Preis allein auf einem Berggipfel fühlen. Wir müssen Menschen haben, die wir als überlegen ansehen, an denen wir hinaufsehen. Nur dann sind wir etwas wert. Wer einen guten Vater, eine gute Mutter gehabt hat oder noch hat, weiß, was ich meine. Ich habe in meinem Zimmer eine Anzahl Bilder aufgehängt von Männern, die ich besonders verehre. Ihre Gegenwart erdrückt mich manchmal, wenn ich an ihre Überlegenheit denke. Und doch habe ich sie nötig. Sie halten gerade durch ihre Überlegenheit das Gefühl der Ehrfurcht in mir wach, das ich brauche, das Gefühl, dass ich durchaus nicht auf mir selbst stehe mit meiner Arbeit und meinen Gedanken, sondern auf den Schultern von Andern und dass ich ihnen dankbar sein muss, indem ich mich ihrer würdig erzeige. Solche Ehrfurcht empfand Jesus vor seinem Vorgänger. Er empfand sie wahrhaftig nicht nur äußerlich und scheinbar, sondern in tiefster Wirklichkeit. Gerade darum ist er größer geworden als sein Vorgänger. Denn wenn uns etwas adelt, so ist es die Ehrfurcht. – |

Aber es kommt schließlich noch etwas Tieferes hervor in diesem Gang Jesu zum Jordan, gerade weil es der Gang zu einem Menschen war. Ich möchte sagen, dass dieser Gang eine Offenbarung seiner Menschlichkeit war. Es könnte uns verwundern, dass ein Johannes der Täufer als Pförtner an der Schwelle dieses göttlichen Lebens stehen muss. Fast scheinen ihm da manche alttestamentliche Propheten überlegen zu sein, die durch erstaunliche Gesichte in ihr Amt eingeführt worden sind. Jesu Anfang hat etwas Nüchternes. Eben darum etwas Menschliches. Aber das ist gerade das Große an ihm. Es muss tief in Jesu Natur gelegen haben, das Göttliche nicht in phantastischen, übernatürlichen, geheimnisvollen Ideen und Dingen zu suchen. Der Gott, von dem er geredet hat, ist nicht ein Traumgott aus dem Märchenland, sondern ein Gott des Menschenlebens. Für ihn war das Göttliche das wahrhaft Menschliche. Das war ihm das Reich Gottes, dass die Menschen rechte Menschen würden. Das Alles mag dort noch in ihm geschlummert haben und doch war es da. Es zeigt sich darin, |22 dass Jesus ohne Zaudern hinging, um in der Stimme des Täufers die Stimme Gottes zu hören. Zu ihm konnte Gott nicht deutlicher reden als durch einenb guten Menschen. Ja, meine Freunde, wenn wir uns auch etwas aneignen würden von dieser Menschlichkeit Jesu! Wenn wir uns sagen wollten, dass es auf Erden nichts Göttlicheres geben kann als göttliche Menschen, wenn wir Ausschau halten würden nach solchen Menschen in unsrer Umgebung, in der Geschichte, in der Bibel, um uns von ihnen leiten zu lassen! Meint ihr nicht auch, wir würden dann zu Erkenntnissen Gottes und unsrer selbst geführt, die uns verschlossen bleiben, solange wir von Gott bloß träumen, nicht aber ihn sehen wollen! Jesus ist bei der Begegnung mit jenem Menschen zu einer solchen Erkenntnis geführt worden.

Wir wollen hier innehalten. Am nächsten Sonntag wollen wir davon reden, wie das war, als der Himmel sich öffnete und der Geist herabkam auf Jesus. Für heute soll es genug sein zu wissen, dass ein Johannes da sein muss auch für uns, wenn der Himmel sich über uns öffnen soll. Andere Wege sind Abwege.

Amen.
Lied:
  • Nr. 190: «Walte, walte, nah und fern» von J. Fr. Bahnmaier, Strophen 1–4; 5–7 (RG 257 [mit Textabweichungen in Strophe 3 und 7]) 🎵

Textkritische Fußnoten

a
Ein zweites «die» ist schon im Mskr. mit Bleistift gestrichen.↩
b
Ein zweites «einen» ist schon im Mskr. mit Bleistift gestrichen.↩

Sachfußnoten

1
J. W.  von Goethe, Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit (Erstdruck: 1811–1814/1833; Hamburger Ausgabe, Bd. 9/10) 📖. ↩
2
G. Keller, Der grüne Heinrich, 4 Bd.e, Erste Fassung (Erstdruck: 1853/55; Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe, Bd. 11–12) 📖; Zweite Fassung (Erstdruck: 1879/80; Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe, Bd. 1–3) 📖. ↩
3
Nach Sueton, Divus Iulius, 7,l 📖, sah Julius Cäesar bei einer Reise durch die Provinz Hispania ulterior, die ihm als Quästor zugefallen war, eine solche Statue Alexanders, und es schien, als sei er, «überdrüssig seiner Tatenlosigkeit, weil er, wie er sich ausdrückte, noch nichts Denkwürdiges vollbracht habe in einem Alter, worin Alexander bereits den Erdkreis erobert gehabt habe» («pertaesus ignaviam suam, quod nihil dum a se memorabile actum esset in aetate, qua iam Alexander orbem terrarum subegisset»); deutsche Übersetzung: Sueton, Kaiserbiographien, Deutsch von Prof. Dr. Adolf Stahr (Langenscheidtsche Bibliothek sämtlicher griechischen und römischen Klassiker in neueren deutschen Musterübersetzungen, Bd. 106), Berlin-Schöneberg o. J. [6. Aufl.]. 📖↩
4
Vgl. etwa E. Klostermann, Die Synoptiker. Markus, Matthaeus, Lukas (HNT 2/1), Tübingen 1919 (einzeln ausgegeben 1907 / 1909 / 1919), S. 173 📖: «Die Taufe ist ihm nicht notwendig, um sündenfrei oder um Gottes Sohn zu werden, sondern er unterzieht sich ihr aus Akkommodation […]. πᾶσαν δικαιοσύνην πληρῶσαι: weil die Sendung des Täufers allen Israeliten gilt»; J. Weiß, Die drei älteren Evangelien, in: ders. (Hrsg.), Die Schriften des Neuen Testaments, neu übersetzt und für die Gegenwart erklärt, Bd. 1, Göttingen 1906, S. 28–484, dort S. 64 📖: «Wir nehmen keinen Anstoß daran, daß Jesus sich hat taufen lassen; wir finden es im Gegenteil besonders schön, daß er gar nicht auf den Gedanken gekommen ist, sich von der weihevollen Handlung auszuschließen, der alle wahrhaft Frommen unter seinen Volksgenossen sich unterzogen. Daß er ein Bedürfnis nach Entsündigung empfunden hätte, können wir uns allerdings nicht denken». – Dass solche Umdeutungen schon in frühester Zeit einsetzten, zeigt J. Bornemann, Die Taufe Christi durch Johannes in der dogmatischen Beurteilung der christlichen Theologen der vier ersten Jahrhunderte, Leipzig 1896 📖; eine ganze Reihe überkommener und zeitgenössischer Erklärungsversuche bietet H. A. W. Meyer, Kritisch exegetisches Handbuch über das Evangelium des Matthäus (KEK I/1), Göttingen 18584, S. 99f. 📖↩
5
Fr. Schiller, Wallenstein. Die Piccolimini 📖, Zweiter Aufzug, Sechster Auftritt:
O! du wirst auf die Sternenstunde warten,
Bis dir die irdische entflieht! Glaub mir,
In deiner Brust sind deines Schicksals Sterne.
↩