Predigt: Philipper 4,7 (Neujahr)
Am Neujahrsmorgen sprechen sich alle Leute gute Wünsche aus. Wir wollen das auch tun: ich wünsche euch und mir selbst für das neue Jahr, in das wir getreten sind, den Frieden Gottes, welcher höher ist denn alle Vernunft. Die Flucht der Jahre predigt dem, der zu lauschen versteht, diesen Frieden Gottes. Der Wechsel der Zeit weist uns fast unwillkürlich hin auf das, was unveränderlich ist oder unveränderlich sein sollte in unserm Leben. Er heißt uns ausschauen nach etwas, was nicht fällt und schwindet mit der Zeit. Er macht in uns die Freude an der Ruhe mitten im Unruhigen, am Großen mitten im Kleinen, am Ewigen mitten im Menschlichen. Der Wechsel der Zeit erinnert uns an Gott; er entlockt uns das Bekenntnis: du aber bleibest, der du bist, und deine Jahre nehmen kein Ende! [
Und doch können wir sie auch nicht lassen. Auch der oberflächlichste Mensch lebt von ewigen und nicht von zeitlichen Dingen. Er nährt sich davon, auch wenn er sich durch eigene Schuld nur sehr kärglich davon nährt. Er ist empfänglich für Liebe und Treue von Seiten Anderer, und er ist wohl auch selbst solcher Regungen fähig, er glaubt an gewisse Wahrheiten, und er vermag etwas Schönes zu empfinden. Nehmt das Alles aus einem Leben weg, und es fällt tot in sich selbst zusammen. Und doch weiß unsre Vernunft nichts davon, das Alles ist höher als sie. Es ist nicht veränderlich, sondern unveränderlich. Es ist nicht zeitlich, sondern ewig. Ich sage: wir Alle leben davon; es ist in uns Allen ein Anfang des großen Gottesfriedens. Was wir heute einander wünschen wollen, das ist, dass er auch durchdringe und es gewinne bei uns, dass wir uns nicht kärglich davon nähren in einzelnen spärlichen Portionen, sondern dass wir satt werden möchten von der Fülle, die uns beschieden ist.
Wir wollen jetzt davon reden, wie das ist, wenn der Friede Gottes es gewinnt in unserm innern und äußern Leben. Ich will es in zwei kurzen Gedanken zu beschreiben versuchen, die ich euch gut zu behalten und mitzunehmen bitte als das, was wir uns zum neuen Jahr sagen und wünschen wollen. Ich sage zuerst: Friede Gottes ist Unfriede mit sich selber. Und ich sage zweitens: Friede Gottes ist Friede mit den Menschen.
Friede Gottes ist Unfriede mit sich selber! Ich kann es nicht anders ausdrücken als so merkwürdig und widerspruchsvoll, wenn ihr gut verstehen sollt, was ich meine. Soll das Ewige eine bleibende Stätte gewinnen in unserm Leben, dann müssen wir zuerst gründlich irre geworden sein am Zeitlichen. Nun gibt’s freilich Manchen und Manche, die haben das scheinbar aufs Gründlichste besorgt. Sie haben das zeitliche Wesen, sie haben «die Welt», wie man sagt, gehörig satt, zu Trauriges haben sie erlebt und zu schmerzliche Enttäuschungen erlebt mit den Menschen. Sie fragen, wie es im Liede heißt:
Und aus diesem Getümmel wegzukommen, ist wirklich ihr größter, ihr einziger Wunsch. Aber es ist sonderbar: gerade solche Menschen machen einem oft gar nicht den Eindruck, als ob sie den Frieden Gottes wirklich in sich trügen. Sie verachten die Welt und die bösen Menschen, sie sehnen sich nur nach der Ruhe des Volkes Gottes [vgl.
Ja, auch dies Stillwerden ist ein Irrewerden, eine Abwendung vom Zeitlichen, von der Welt, aber es fängt anders an und geht anders weiter als das, von dem wir eben sprachen. Es fängt nicht an mit einer Enttäuschung, nicht damit, dass wir den Verleider4 bekommen an dem und jenem und uns darum vergrämta davon zurückziehen. Sondern es fängt an damit, dass wir etwas recht Großes und Schönes kennenlernen. Eine alte Frau in
Ja, wenn wir so etwas wirklich gesehen und gehört und in uns aufgenommen haben, dann entsteht bei uns das, was ich den Unfrieden mit uns selber nannte, jenes Irrewerden, in dem sich der Friede Gottes in uns offenbart. Dieser Unfriede ist etwas ganz Anderes als die öde Stimmung: Ach, ich bin des Treibens müde, was soll all der Schmerz und Lust.7 Dieser Unfriede hat seine Wurzel nicht im Verleider, sondern in der Erkenntnis Gottes. Gott hat uns etwas Feines und Gutes gezeigt, da haben wir durchaus keinen Anlass, uns enttäuscht von der äußern Welt abzuwenden. Wohl aber haben wir Anlass, uns von uns selbst abzuwenden. Die Welt, die zu Gott nicht passt, |8 ist nicht unser äußeres Leben, sondern sie ist in unsrer eigenen Brust. Das irdische Getümmel, das unsren Frieden mindert, ist nicht draußen, sondern drinnen. Wenn uns ein großer Eindruck durch und durch gegangen ist, dann spüren wir, dass – nicht die andern Menschen – sondern wir selbst klein sind. Wenn uns Gottes Güte lebhaft vor Augen getreten ist, dann spüren wir, dass wir nicht gut sind. Wenn der Geist zu uns geredet hat, dann merken wir, dass wir bis in die Tiefen unsres Wesens hinein geistlos sind. Es heißt in der Bibel, dass das Wort Gottes schärfer sei denn ein zweischneidig Schwert [
Liebe Freunde, ich möchte heute recht persönlich zu euch reden. Wir kennen uns nun allmählich etwas genauer, Gemeinde und Pfarrer,8 und ich möchte euch sagen, dass ich das Gefühl habe, dass die |9 Meisten von uns – ich zähle mich auch dazu – diesen Unfrieden mit sich selbst noch nicht so recht kennen. Wir sind zu behäbig in unserm innern Leben, zu selbstzufrieden. Ich weiß nicht, woran es liegt. Ob wir nicht genug Großes und Schönes erlebt haben, das uns zur Selbsterkenntnis hätte führen können? Oder ob wir noch nicht gelernt haben, stille zu halten und dankbar zu empfangen, wenn wir so etwas erleben? Ich weiß es nicht. Aber das weiß ich, dass der Friede Gottes es nicht gewinnen kann bei uns, solange wir in solch tiefem Frieden mit uns selbst leben, wie es oft den Anschein hat. Wir haben mehr als eins unter uns, das an der Welt und an den Menschen irre geworden ist; jetzt wollen wir es uns zum neuen Jahr wünschen, dass wir einmal irre werden an uns selbst, um dann jenen Kampf mit uns selbst aufzunehmen, der uns von Stufe zu Stufe, der uns ins ewige Leben führt, jenen Kampf, durch den der Friede Gottes, die Ewigkeit Boden gewinnt in unserm Leben.
Jetzt wollen wir an das Andre heran, das uns dazu dienen muss, den Frieden Gottes im neuen Jahr zu gewinnen. Friede Gottes ist Friede mit den Menschen. Wir dürfen nicht meinen, der Friede Gottes sei eine Privatsache zwischen Gott und uns. Ich sagte es schon, die von Gott bloß Ruhe verlangen vor den Störungen der Welt, das sind selten die, die wirklichen Segen um sich verbreiten, öfters das Gegenteil. Der Friede Gottes ist allen Menschen bestimmt und nur, wenn wir dazu das unsrige auch tun, kehrt er bei uns selbst ein.
In jedem Menschen den sehen, der von Gott auch zum ewigen Leben berufen ist, damit müssen wir anfangen. Diese Anerkennung ist der Grundstein zum Frieden mit ihm. Wir können nicht Frieden halten mit einem, den wir als weniger wichtig und weniger berechtigt ansehen als uns selbst. Haben wir aber einmal gesehen, dass das Unveränderliche, Bleibende, das wir uns selbst wünschen, auch dem Andern gehört, dann ist’s ganz selbstverständlich, dass wir Frieden mit ihm suchen. Man kann sich streiten, wenn man nach den wechselnden Gütern des Lebens sucht, aber man kann nicht streiten, wenn man |10 nach dem Ewigen sucht. Achten wir darauf, wie hier eins mit dem Andern zusammenhängt: Haben wir gelernt, unzufrieden mit uns selbst zu sein, dann ist es uns ein leichtes, Frieden mit dem Andern zu halten. Wir haben dann alle Fehler und Gebrechen, die wir an ihm finden, längst bei uns selbst entdeckt und haben keine Lust, uns selber zu verurteilen, indem wir ihn verurteilen. Wir wissen dann, wie das ist mit dem Kampf des einen Ich in uns mit dem andern. Wir sehen auch unsern Mitmenschen in diesem Kampf begriffen, und darum denken wir nicht daran, ihm in den Rücken zu fallen, uns an ihm zu rächen wegen seiner Fehler, mit denen er uns vielleicht wehe tut, sondern wir stellen unser besseres Ich an die Seite des Seinigen und helfen ihm kämpfen. Wer den Unfrieden mit sich selbst nicht kennt, wird das nie fassen können. |
Meine Freunde, ich möchte euch bei dem Anlass ein Wort sagen, das ich euch schon lange gern einmal ausdrücklich gesagt hätte. Einzelnen von Euch gegenüber habe ich es schon getan. Wir leiden hier in
Ich sagte, der Grundstein des Friedens sei die Anerkennung, dass der Nebenmensch auch zu Gott gehört. Aber es darf nicht bei der bloßen Anerkennung bleiben. Wir müssen uns sagen, dass wir dazu da sind, einander zu helfen, wirklich zu Gott zu kommen. Jeder von uns hat einen Auftrag an jedem andern, mit dem er überhaupt zusammen|12kommt. Wenn dieser Andere seine Fehler hat, so ist das nur ein Grund mehr, diesen Auftrag pünktlich auszuführen. Er lautet: du sollst diesen Menschen weiter, vorwärts bringen, besser machen. Wir können keinem begegnen, an dem wir diesen Auftrag nicht hätten! Seht, wie reich und mannigfaltig wird unser Leben, wenn wir es von dieser Seite aus ansehen. Der Friede ist nicht etwas Faules, Träges, Untätiges, Langweiliges, der Friede ist etwas Lebendiges,Schöpferisches. Wir sollen unsre Mitmenschen nicht so lassen, wie sie sind, sondern wir sollen Alles tun, um sie anders, besser zu machen. Das ist der Friede mit ihnen. Und das ist auch der Friede Gottes.
Dieser Friede Gottes bewahre nun Herzen und Sinne in Christo Jesu, wünscht uns der Apostel. Und den wollen wir jetzt also einander auch wünschen, liebe Gemeinde. Ja, er steht hoch über aller Vernunft. Man kann ihn nicht erfinden und nicht erstudieren und nicht machen, aber man kann ihn sich schenken lassen. Das bedeutet das Wort «in Christo Jesu». Es will sagen: Wenn Jesus in uns ist und lebt, dann finden wir diesen Frieden Gottes. Er zeigt uns in Allem, wie wir ihn gewinnen können. Er gibt uns den Mut und den Ernst und die Kraft, danach zu suchen. Und wenn er ganz bei uns ist, dann haben wir ihn auch gefunden.
Er soll jetzt von der Weihnacht her mit uns gehen ins neue Jahr hinein.