Die Absicht, diesen Text zu schreiben und zu veröffentlichen, geht zurück auf die Reise nach Schottland im März 1937. Barth war eingeladen worden, in diesem und im darauffolgenden Jahr die «Gifford-Lectures»1 zu halten. In den Gesprächen, zu denen es an allen Stationen seiner Reise kam, spielte immer wieder auch die Frage eine Rolle, wie sich die ausländischen Kirchen gegenüber dem Geschehen im deutschen Kirchenkampf verhalten sollten.
Barth reiste Anfang März mit dem Zug von Basel aus über Paris und London nach Aberdeen, wo er vom 8.–12. und vom 15.–19. März 1937 die ersten zehn seiner Vorlesungen2 hielt.3 Die Rückreise führte ihn |691 über Edinburgh erneut nach London, wohin inzwischen auch Charlotte von Kirschbaum und Gerty Pestalozzi gereist waren. Die Tage in London vom 21.–24. März widmete man vor allem dem Besuch zahlreicher Sehenswürdigkeiten, am 22. März aber kam es auch zu einem mittäglichen Treffen Barths mit Vertretern der «World’s Evangelical Alliance» im Hotel Russell, von dem Barth später schrieb, es habe ihm die Gelegenheit geboten, «etwa 30 Spitzen des kirchlichen Lebens zu beschnuppern, mich antoasten zu lassen und selber in einem über Stock und Stein brechenden Englisch das Nötigste kundzugeben».4 Über dieses Treffen berichtete am folgenden Tag die «Times», und nach der ausführlichen Aufzählung aller Barth ehrenden Grußworte findet sich in diesem Bericht auch schon eine kurze Zusammenfassung von Barths spontanem Statement:
«Dr. Barth said that he wished the great struggle of the Church in Germany was understood a little more in the churches of the world. It was not only a question of freedom in the church, but it was a fight of the church against a new religion – not a philosophy or an idea merely written about in books and periodicals, but a religion which was represented by a State and by persons like Hitler and his friends. It was a new religion which was also a new power in the world. Never since Mohammed had Christianity been so threatened as it was in Germany. The Church there was not strong, and his great struggle came upon it unexpectedly. Declarations of sympathy from other Churches would be of little avail. What they in Germany asked was that on this side of the channel a voice should declare that the thesis of the Confessional Church was also the standpoint of the Church here. That declaration of the Church was not a German domestic matter; it was a universal matter.»5
692 Möglicherweise wurde gleich am 22. März in London über eine ausgeführte Veröffentlichung dessen, was Barth gesagt hatte, verhandelt, denn auch John A. Hutton6, der Chefredakteur der Zeitung «British Weekly», war beim Treffen mit Barth anwesend.7 Jedenfalls schrieb Barth schon bald nach seiner am 27. März erfolgten Heimkehr – von London aus hatte man noch drei Tage in Paris verbracht – von dieser Absicht: «Ich war in Schottland und England, bzw. London und bin voll lebhafter Eindrücke von dort zurückgekommen. Was für ein Volk ─ ─ und (oh!) was für eine Kirche und Theologie! Wenn ich gefragt wurde, was man für die bekennende Kirche in Deutschland tun könne, so habe ich geantwortet: Weder Sympathie- noch Protestbekundungen, sondern: solenne Zustimmung zu Barmen I! Dies und gar nichts sonst sei es, was uns interessieren, freuen und helfen könne. Ich werde das demnächst in einem Aufsatz für den British Weekly auch schwarz auf weiß kund tun.»8
Den Artikel schrieb Barth gut zwei Wochen nach seiner Rückkehr nach Basel, am 11. April 1937.9 Er muss umgehend verschickt worden sein, denn bereits am 13. April bedankte sich Leonard Cutts vom Verlag Hodder & Stoughton, in dem die «British Weekly» erschien: «Thank you so much for the splendid article for the ‹British Weekly›. I am having this translated at once.»10 Der Artikel erschien neun Tage später: Karl Barth Answers a Question. How can Churches abroad |693 help the German evangelical Church?, in:
The British Weekly, A Journal of social and christian progress, Vol. 111, 22.4.1937, p. 71
📖.
Sowohl Barths Manuskript11 als auch ein als «Abschrift» gekennzeichnetes Typoskript12 des Textes sind erhalten. Eine erste deutsche, auf dem Typoskript beruhende Veröffentlichung erschien bald: K. Barth, Eine Frage und eine Antwort, in:
Ökumenischer Nachrichtendienst der Vorläufigen Leitung der Deutschen Evangelischen Kirche, Nr. 5, 9. Juni 1937, S. 7–10
📖.13 Wieder abgedruckt wurde der Text unter dem gleichen Titel in: Karl Barth zum Kirchenkampf. Beteiligung – Mahnung – Zuspruch (ThExh.NF 49), München 1956, S. 67–71
📖. Die Edition folgt diesem letzten, mit dem Erstdruck und dem Typoskript identischen Abdruck.14 Im Manuskript zu findende Abweichungen vom Druck sind ausgewiesen.
694
Eine Frage und eine Antwort
Wenn ich an meinen Aufenthalt in Schottland und London im März dieses Jahres zurückdenke, so denke ich vor allem mit großer Dankbarkeit an die freundschaftliche, ja brüderliche Aufnahme, die mir dort sowohl in den akademischen wie in den kirchlichen Kreisen überall bereitet wurde. Und ich habe es mit besonderer Freude empfunden, dass die Herzlichkeit dieses Empfanges zum guten, vielleicht zum größten Teil in dem allgemeinen Interesse an dem Kampf der bekennenden Kirche in Deutschland begründet war, an den die Freunde in Großbritannien durch meine Gegenwart aufs Neue erinnert wurden. Die so vielfach in Anspruch genommenen und bedrängten Glieder und Führer dieser Kirche bedürfen der Teilnahme der a-Brüder in den Kirchen-a der anderen Länder, und sie sind dankbar, wenn sie ihnen direkt oder indirekt zuteil wird, so wenig sie in der Lage sind, dies in der Wolke von politischem Misstrauen, in der sie leben müssen, äußerlich sichtbar zu machen. So weiß ich z. B., dass die Nachricht der Times von der am 22. März in London veranstalteten Zusammenkunft da und dort in Deutschland stille Freude erregt hat.15 Da ich nun, obwohl heute als Schweizer in der Schweiz lebend, in Großbritannien immer noch ein Stück weit als Vertreter der deutschen Bekenntniskirche angesehen werde,16 darf ich – ohne dazu einen |695 ausdrücklichen Auftrag zu haben, aber, wie ich weiß, im Sinne meiner deutschen Freunde – eine Antwort auf eine Deutschland betreffende Frage geben. Ich habe sie am 11. März in Aberdeen und am 22. März in London im engeren Kreis mündlich gegeben, nachdem mir die Frage in Aberdeen offen gestellt worden war.17 Ich halte es aber im Blick auf alle Teile für wünschenswert, sie nun zu vervollständigen und zugleich öffentlich und schwarz auf weiß zu wiederholen.
Die Frage lautete: Was können die schottischen, die englischen und die anderen auswärtigenb Kirchen tun, um der deutschen evangelischen Kirche in ihrer gegenwärtigen Situation zu helfen?
Die wichtigste Antwort darauf ist mir von den Fragestellern und von anderen großbritannischen Freunden selber gegeben worden mit der Versicherung, dass in ihren Kirchen für Deutschland und seine evangelische Kirche
gebetet werde. Das ist in der Tat der Anfang, die Mitte und das Ende von dem, was heute in dieser Sache getan werden kann c-und getan werden muss-c. Die auswärtigen Kirchen müssen wissen, dass die deutsche evangelische Kirche sich in einer Not befindet, in der Gott d-allein helfen kann, der der Herr der einen Kirche und so der Herr aller Kirchen ist. Sie müssen in der Sache dieser Kirche ihre eigene-d Sache sehen 68 und sie als solche vor Gott bringen. Sie müssen gerade dann an e-diese Kirche-e denken, wenn sie selber lobend, dankend und bittend vor Gott treten. Sie müssen in der Gemeinschaft des Heiligen Geistes an diese Kirche denken. Nur von da aus lässt sich verstehen, f-was weiter zu tun – und nicht zu tun ist-f.
Man wird g-nun freilich-g die Gemeinden nicht gut zum Gebet für die deutsche Kirche auffordern können, wenn man sie nicht eingehend |696 darüber belehrt und unterrichtet, um was es sich denn in jenem Kampf handelt, welches seine Geschichte und seine Formen sind, welche Versuchungen und Nöte ihm zugrunde liegen. Sind die kirchlichen Prediger und Schriftsteller in Großbritannien in der Lage, dies einigermaßen sachverständig zu tun? Die Verhältnisse und Probleme sind nicht ganz einfach, für die Deutschen selber nicht, geschweige denn für Ausländer. Aber wer sich Mühe gibt, wird die Hauptsachen, auf die es ankommt, zu erfassen nicht unvermögend sein. Wer sich diese Mühe vielleicht noch nicht gegeben hat, dem darf ich hiermit sagen, dass h-dies das Nächste-h sein dürfte, was geschehen muss: Man informiere sich über die Tatsachen. Wie man sich, wenn man die Gemeinden zum Gebet für die Mission, für den Frieden usw. erziehen will, vor allem über die Tatsachen informieren muss, um den Menschen zu sagen, welches die Sache ist, die sie als ihre eigene Noti vor Gott bringen sollen.
Die Unterrichtung über das, was in Deutschland vorgeht, dürfte nun aber gerade nicht in der Absicht oder auch nur Nebenabsicht erfolgen, einen Druck auf die «öffentliche Meinung» im vereinigten Königreich und damit indirekt (auf politischem Wege!) einen Druck auf die j-
deutsche Regierung-j auszuüben. Eben in der Erwartung solcher halb oder ganz politischen Einwirkung besteht nämlichk das Misstrauen, das die deutsche Bekenntniskirche wegen ihrer Einheit mit den Kirchen des Auslandes und besonders Englands seitens der gegenwärtigen Machthaber zu tragen hat.18 Man gebe diesem Miss|697trauen keine neue Nahrung! Auf diesem Weg ist doch nichts zu erreichen. Was hülfe es, wenn die ganze englische Flotte an der Elbemündung erscheinen würde – der deutsche Kirchenkampf ist ein geistlicher und nicht ein weltlicher Kampf,19 und es können auch die Mittel, mit denen sich die auswärtigen Kirchen daran beteiligen, wenn diese Beteiligung wirkungsvoll sein soll, nur geistliche Mittel sein.
Im selben Sinne möchte ich lieber warnen vor weiteren Sympathieerklärungen und Protestkundgebungen.20 Dass man in England die «Freiheit des Gewissens» und die «Freiheit der Kirche» gutheißt |698 und alle atrocities21 verabscheut und beides gerne ausspricht,22 das weiß man in Deutschland, das macht aber den Nationalsozialisten keinen Eindruck, weil sie l-dafür kein Verständnis haben-l. Und es ist damit der Bekenntniskirche darum nicht geholfen, weil es sich in ihrem Kampf nicht um die Freiheit, sondern um die notwendige Bindung des Gewissens, und nicht um die Freiheit, son69dern um die
Substanz der Kirche, d. h. um die Erhaltung, Wiederentdeckung und Bewährung des rechten christlichen Glaubens handelt. Nicht auf die Stimme des englischen Bürgers wartet sie: dass er ihr wieder einmal sage, was jeder tüchtige Engländer seit vielen Jahrhunderten immer gesagt hat, sondern auf die Stimme des englischen Christen, auf die Stimme der englischen Kirche
:
dass sie jetzt sagen möchte, was nur im Heiligen Geist, nur in der Besinnung auf das, was die Heilige Schrift sagt, gesagt werden kann.
Der Nerv des Widerstandes, den die deutsche evangelische Kirche dem national-sozialistischen Staat heute entgegensetzen muss, ist eine ganz bestimmte Erkenntnis. Nur wenn man um diese Erkenntnis weiß, versteht man, was gemeint ist, wenn sie
bekennende Kirche heißt – versteht man die Notwendigkeit ihrer Ablehnung aller bisherigen staatlichen «Ordnungs»-Versuche – versteht man auch die (den Ausländern so schwer verständlichen) inneren Kämpfe in dieser Kirche. Es geht nicht etwa bloß um diem formale Aufrechterhaltung n-der Autorität-n der lutherischen und reformierten Bekenntnisschrif|699ten des 16. Jahrhunderts. o-Sondern es-o geht um eine ganz bestimmte Anwendung dieses Erbes. Esp geht um den Streit gegen einen neuen Irrtum, den die Kirchen des 16. Jahrhunderts so noch nicht kannten, der sich aber seither in die evangelische Kirche eingeschlichen hat und der in dem, was der Nationalsozialismus von der Kirche verlangte, vielleicht zum ersten Mal greifbare geschichtliche Gestalt angenommen hat. Es ist schon lange soq, dass die Welt von der Kirche verlangt hat, dass sie neben der Offenbarung Gottes in Jesus Christus eine Offenbarung Gottes in der Natur oder in der Geschichte oder in der Vernunft oder in den Gefühlen des Menschenherzens zu anerkennen habe. Der Nationalsozialismus hat dem Allemr die Krone aufgesetzt, indem er von ihr verlangt hat, dass sie neben der Offenbarung Gottes in Jesus Christus eine göttliche Offenbarung in ihm selbst, in der Person s-des Führers Adolf Hitler-s und in der unter den Voraussetzungen der Revolution von 1933 zu interpretierenden Wirklichkeit und Geschichte des deutschen Volkes anerkenne. Diesem neuen (nicht ganz neuen!) Irrtum gegenüber hat die deutsche evangelische Kirche auf der Synode von Barmen am 31. Mai 1934 folgenden Satz23 ausgesprochen:
Jesus Christ, as He is testified to us in Holy Scripture, is the one Word of God which we have to hear and which we have to trust and obey in life and in death.
We reject the false doctrine that the Church might and must acknowledge as sources of its proclamation except and beside this one Word of God still other events, powers, forms and truths as God’s revelation.t
700 (Ich bemerke zur Erläuterung: die Voraussetzung dieses Satzes ist die, dass es sich im Alten und Neuen Testament u-und also in 70 der ganzen Heiligen Schrift um eine einzige-u Offenbarung, nämlich um Jesus Christus handelt!).
Liebe Brüder undv Freunde in den Kirchen Großbritanniens und aller anderen Länder! Die einzige reale Hilfe, die ihr der deutschen Kirche abgesehen von eurem Gebet leisten könntet, würde darin bestehen, dass ihr ebenso öffentlich und feierlich, wie es in Barmen selbst geschehen ist, erklären würdet, dass dieser Satz mit seinem positiven und negativen Gehalt auch nach eurer aus der Heiligen Schrift gewonnenen Überzeugung der heute notwendige und rechte Ausdruck des christlichen Glaubens und also auch euer Glaubensbekenntnis sei; w-ähnlich wie sich die kämpfenden Kirchen des 16. Jahrhunderts durch gegenseitige Anerkennung ihrer Glaubensbekenntnisse24 geholfen haben!-w Das, wessen die Kirche in Deutschland bedarf, ist nämlich die Stärkung ihres immer wieder schwachen Glaubens, und diese Stärkung könnte ihr außer durch Gott selbst nur durch das übereinstimmende und bestätigende Bekenntnis der evangelischen Kirchen in der übrigen Welt zuteil werden.x Die auswärtigen Kirchen müssten der |701 deutschen Bekenntniskirche damit helfen, dass sie bekannt machten, dass sie mit ihr – nicht in der Missbilligung Hitlers und seiner Methoden und Ziele, nicht in der Idee der Freiheit des Gewissens oder der Kirche, sondern: in der theologischeny Voraussetzung ihres Kampfes, in der Sache, im Glauben, im Bekenntnis (in dem besonderen Bekenntnis, um das es in diesem Kampf geht!) einig seien.
Ich weiß, dass das viel verlangt ist. Bei genauerem Zusehen werden sich vielleicht viele z-Glieder und auch Führer-z der auswärtigen und nicht zuletzt der großbritannischen Kirchen zunächst sagen müssen, dass sie unter diesen Umständen, wenn sie in Deutschland lebten, Mühe hätten, auf der Seite der Bekenntniskirche zu stehen. Sie werden in dem Satz von Barmen vielleicht einen Angriff auf ihre eigenen selbstverständlichsten und heiligsten Voraussetzungen erblicken. Sie werden vielleicht geneigt sein, das, was die deutsche Bekenntniskirche Irrtum nennt (abgesehen von seiner unangenehmen nationalsozialistischen Form), Wahrheit zu nennen. Mir ist drüben angedeutet worden, aa-der Streit um das «Barmen-Statement» möchte eine domestical question of Germany oder gar eine willkürliche Spezialität der Barthian theology sein-aa!26 Ich rechne also damit, mit der hiemit ausgesprochenen Aufforderung äußerlich zunächst keinenab Erfolg zu haben. Gleichwohl bitte ich, sie wenigstens zu hören. Und auch das zu hören: nach meiner wohlerwogenen Überzeugung wäre das, was hier gefordert wird, das Einzigeac, mit dem der deutschen Kirche seitens |702 der anderen Kirchen außer der Fürbitte wirklich ad-und gründlich-ad geholfen werden könnte. Und schließlich doch auch das zu hören: es müsste auch der Ernst und die Kraft der Fürbitte gefährdet sein, wenn es unmöglich sein und bleiben sollte, dass die Fürbitte in der Einheit des Glaubens und des Bekenntnisses erfolgt.
71 Es ist nicht nötig, auf den Ernst der Situation besonders aufmerksam zu machen. Er besteht darin, dass die auswärtigen Kirchenae nur dann helfen können, wenn sie sich nicht weigern, sich selber helfen zu lassen, d. h. die Frage nach der
Substanz der Kirche, die Frage nach Gottes Offenbarung, die die Kirche begründet, an sich selbst zu richten, um dann nicht Ja und Nein, sondern Ja oder Nein zu sagen. Niemand kann ihnen zumuten, dies von heute auf morgen zu tun, af-niemand, und ich zuletzt, wird ihnen zumuten wollen, es ohne ernstliche Prüfung zu tun-af. Man darf ihnen aber zumuten, heute und morgen darüber nachzudenken, ob sie es nicht ag-nach ernstlicher Prüfung-ag eines Tages dennoch werden tun müssen.